Stil und Form

von Günter Scholdt

PDF der Druckfassung aus Sezession 100/ Februar 2021

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

100 Hef­te Sezes­si­on! Man muß inne­hal­ten, um sich der Bedeu­tung die­ser blo­ßen Zif­fer bewußt und der Leis­tung gerecht zu wer­den, die mit dem Jubi­lä­ums­da­tum ver­bun­den sind. »Wer zählt die Tex­te, nennt die Namen« – könn­te man Lau­da­tio-gemäß schil­lernd aus­ru­fen –, die sich hier in gut 19 Jah­ren zu einem rechts­al­ter­na­ti­ven publi­zis­ti­schen Ensem­ble ver­ei­nig­ten. 100 Hef­te geball­te Theo­rie für Tau­sen­de von treu­en Abon­nen­ten: (Meta-)Politisches, His­to­ri­sches, Phi­lo­so­phi­sches, Ästhe­ti­sches, dar­un­ter Autoren­por­träts, Buch­kom­men­ta­re, sozi­al­po­li­ti­sche Stim­mungs­bil­der und nicht zuletzt mit viel Ver­ve aus­ge­foch­te­ne Debat­ten über Kon­sis­tenz und Rich­tung einer poli­ti­schen wie kul­tu­rel­len Stra­te­gie. Das Gan­ze dar­ge­bo­ten in einer gra­fi­schen Form, die beson­de­ren Anspruch verrät.

Man muß allen dan­ken, die im Vor­der- wie Hin­ter­grund orga­ni­sie­rend, schrei­bend oder för­dernd dazu bei­tru­gen, die­ses Zeit­schrif­ten­pro­jekt bis heu­te krea­tiv am Leben zu hal­ten. Denn eine Selbst­ver­ständ­lich­keit ist das im »geis­ti­gen« Umfeld die­ses Lan­des gewiß nicht. Steht doch für sol­che Kri­tik bun­des­re­pu­bli­ka­ni­scher Zustän­de kein hoch­sub­ven­tio­nier­tes intel­lek­tu­el­les Lot­ter­bett zur Ver­fü­gung wie für die »sys­tem­re­le­van­te« über­ra­schungs­freie Bestä­ti­gungs­pu­bli­zis­tik. Ganz im Gegen­teil. Das Erstau­nen über die­ses Qua­li­täts­or­gan aus einem Lager, dem man in arro­gan­ter Ver­ken­nung wie intri­gan­ter Medi­en­steue­rung jede kul­tu­rel­le Satis­fak­ti­ons­fä­hig­keit abstritt, währ­te nur kurz. Dann schritt man, da Ver­schwei­gen nichts half, umge­hend zur kon­se­quen­ten mora­li­schen Aus­gren­zung. »Zivil­ge­sell­schaft­li­che« und admi­nis­tra­ti­ve Dis­kri­mi­nie­run­gen ergän­zen sich bis zu schlich­ten Gewalt­ak­ten. Allein die­sem Druck stand­ge­hal­ten zu haben ist eine Tat.

Als ich im Juli 2005 erst­mals in der Sezes­si­on publi­zier­te, war dies eine Art Aus­bruch aus einer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­höh­le, in der zumin­dest unge­schrie­be­ne Geset­ze des jeweils Sag- und Publi­zier­ba­ren gegol­ten hat­ten. Zuvor hat­te ich bei heik­len The­men häu­fig qua­si mit ange­zo­ge­ner Hand­brem­se for­mu­liert, nicht zuletzt aus Rück­sicht auf Mit­ar­bei­ter und Schü­ler, die mir dies spä­ter mehr­heit­lich durch zeit­ty­pi­sche Illoya­li­tä­ten ver­gal­ten. Doch auch, wo ich mich (wie im Fall des dif­fa­mier­ten Ernst Nol­te) zur Stel­lung­nah­me genö­tigt sah, fehl­te meist schlicht die Auf­nah­me­be­reit­schaft für Anti-Main­stream-Kost, genau­er: die publi­zis­ti­sche Infrastruktur.

Nun war mit Sezes­si­on ein Leit­me­di­um der Nische hin­zu­ge­kom­men, neben ande­ren, von denen ich erst erfuhr, als ich (die auch infor­ma­ti­ons­mä­ßig beschränk­te) aka­de­mi­sche Kom­fort­zo­ne ver­las­sen hat­te. Dies schärf­te das Bewußt­sein für Erkennt­nis­spiel­räu­me. Bis­lang weni­ger beach­te­te Den­ker gerie­ten stär­ker in den Blick und reiz­ten zur Aus­ein­an­der­set­zung. Ohne­hin sind nicht an rich­tungs- oder moral­po­li­ti­sche Wei­sun­gen gebun­de­ne Ana­ly­sen sub­s­tanz­rei­cher. Auch im Geis­ti­gen hilft fri­sche Luft. So kam man sich seit lan­gem nicht mehr als Ein­zel­gän­ger vor, wenn man auch in poli­ti­cis eins und eins stim­mig zusammenzählte.

Jubi­lä­en bie­ten Gele­gen­heit zum freu­di­gen Inne­hal­ten wie zur Bilanz. Eine ers­te zog ich öffent­lich anläß­lich des Ber­li­ner »Zwi­schen­tags« im Okto­ber 2012, eine gegen Anti­fa-Dro­hun­gen durch­ge­setz­te, stark besuch­te »Heer­schau« rechts­al­ter­na­ti­ver Ver­la­ge und Initia­ti­ven. Von der Reich­hal­tig­keit des Ange­bots, dem Niveau der Dis­kus­sio­nen, der Vor­trä­ge und der Prä­sen­ta­tio­nen, war dies gewiß ein Höhe‑, lei­der aber auch ein Wen­de­punkt in der stür­mi­schen Auf­stiegs­ge­schich­te des Insti­tuts für Staats­po­li­tik. Ter­min­ge­recht konn­te zudem Nr. 50 der Sezes­si­on vor­ge­stellt wer­den. Das gab mir als Fest­red­ner Gele­gen­heit zu einer Lage­ein­schät­zung, und die Publi­kums­re­so­nanz bewies, daß deren Kern weit­hin gebil­ligt wurde.

Das The­ma mei­nes Vor­trags lau­te­te: »Unser Stil«, ein nur schein­bar poli­tik­fer­ner Ansatz, in Wahr­heit ein Schlüs­sel­be­griff für ernst­haf­te Kon­ser­va­ti­ve zur Kenn­zeich­nung einer Zeit. Stil als cha­rak­te­ris­ti­scher Aus­druck zen­tra­ler gesell­schaft­li­cher Ten­den­zen, Leis­tun­gen und Lebens­for­men einer Epo­che dient schließ­lich im Ide­al­fall als ihr Güte­sie­gel. In die­sem posi­ti­ven Sin­ne taugt er aller­dings wenig zur Beschrei­bung der hie­si­gen Deka­denz. Dazu man­gelt es unse­rem Staats­we­sen zu sehr an Sou­ve­rä­ni­tät, Gemein­sinn, Niveau, Frei­heits- und Tra­di­ti­ons­be­wußt­sein sowie genera­tio­nen­über­grei­fen­der Ver­ant­wor­tung. Wer unse­ren heu­ti­gen Stil defi­nie­ren woll­te, könn­te es höchs­tens nega­tiv tun: als etwas, das wir in Deutsch­land mehr­heit­lich nicht (mehr) haben. Es sei denn, man suche ihn bei Soli­tä­ren der Offi­zi­al­kul­tur oder im schma­len, tat­säch­lich oppo­si­tio­nel­len Lager.

In Ber­lin frag­te ich damals, ob denn die alter­na­ti­ve Sze­ne schon ihren eige­nen Stil gefun­den habe: etwas, was ihren Iden­ti­täts­kern aus­macht und Hand­lungs­si­cher­heit ver­leiht. Ich sah neue Akzen­te in Spra­che, poli­ti­schem Den­ken und Cha­rak­ter­hal­tung, ver­bun­den durch die Devi­se »Sezes­si­on«, also Aus­zug aus einer Gesin­nungs­ge­mein­schaft mit dem herr­schen­den polit­me­dia­len Kar­tell, Auf­kün­di­gung der Loya­li­tät zu einer staat­li­chen Nomen­kla­tu­ra, ihren Wert­set­zun­gen, Tabus und Sprech­ver­bo­ten. Meta­po­li­tik fand dort gebüh­ren­de Auf­merk­sam­keit. Man spür­te die groß­zü­gi­ge Per­spek­ti­ve, weg vom tages­po­li­ti­schen Klein­klein wie der belang­lo­sen Fra­ge, ob die­se oder jene trau­ri­ge Zeit­geist­fi­gur die­sen oder jenen Pos­ten ergat­tert. Wirk­li­che Lage­mus­te­rung führ­te direkt zu zen­tra­len Fra­gen, allen vor­an der wich­tigs­ten im Sin­ne Carl Schmitts nach dem jewei­li­gen Feind.

Stil ergibt sich aus der lebens­lan­gen Selbst­er­zie­hungs­auf­ga­be des ein­zel­nen, erprobt und trai­niert in kon­kre­ten Kon­flik­ten, wobei das Bewußt­sein des Rich­ti­gen letzt­lich nur vom eige­nen Gewis­sen beglau­bigt wird. Wer im Umkreis die­ser Zeit­schrift antrat bzw. schreibt, ist zumin­dest kein Oppor­tu­nist. Wer sich hier outet, weiß, daß sei­ne zumin­dest mora­li­sche Ver­däch­ti­gung zum Tages­ge­schäft gehört, und ris­kiert sei­ne Kar­rie­re. Sol­che Cha­rak­ter­aus­le­se ver­bes­sert den Stil, wie zahl­rei­che Bücher und Arti­kel bewei­sen. Denn für Äuße­run­gen steht man – wie beim Duell – per­sön­lich ein. Ganz im Gegen­satz zur Main­stream-Lizenz zu halt­lo­ser Pole­mik, die unser Estab­lish­ment in ihren gesin­nungs­kon­for­men ana­ly­ti­schen Kin­der­gär­ten »gegen Rechts« gewährt. Neben Mut wird Beharr­lich­keit zur Leit­tu­gend. Denn es gilt, sich auf Rück­schlä­ge oder weit­ge­hen­de Wir­kungs­lo­sig­keit ein­zu­stel­len. Nicht Schön­fär­be­rei, son­dern rea­lis­ti­scher Klar­text ist das Sti­lide­al, expli­ziert am kon­kre­ten Detail.

Wo es an kraft­vol­len Tem­pe­ra­men­ten und scharf­zün­gi­gen Schrei­bern nicht man­gelt, kommt es zwangs­läu­fig immer mal wie­der zu hef­ti­gem Mei­nungs­streit. Denn wer sich für Sezes­si­on, also auch für die Frei­heit des Wor­tes ent­schie­den hat, ten­diert zu Bin­nen­plu­ra­lis­mus. Des­halb, schloß ich damals, brau­che man selbst bei hit­zi­gen Kon­tro­ver­sen nicht gleich die Alarm­glo­cken zu läu­ten. Den­noch plä­dier­te ich dafür, bei Kon­tra­hen­ten im glei­chen Schüt­zen­gra­ben die rhe­to­ri­schen Kral­len zuwei­len etwas ein­zu­zie­hen. Die soll­ten wir für ande­re reser­vie­ren: jenes Jus­te milieu der kor­rek­ten Tugend­wäch­ter aus Zeit­geist-Jour­nail­le und ‑poli­tik. Wer ver­hin­dern will, daß wir über­haupt zu Wort kom­men, ist nicht unser Geg­ner, son­dern unser Feind. Ihm gilt die Hauptkampflinie.

Mus­te­re ich heu­te – gut acht Jah­re spä­ter – mei­ne Rede, erken­ne ich neben wei­ter­hin Gül­ti­gem beson­ders im zuletzt genann­ten Punkt Kor­rek­tur­be­darf. Denn mei­ne Hoff­nung, die Flieh­kräf­te inner­halb der Oppo­si­ti­ons­pu­bli­zis­tik lie­ßen sich bän­di­gen, hat sich als zweck­op­ti­mis­ti­sche Illu­si­on erwie­sen. Das Bewußt­sein, daß unser Estab­lish­ment alle Her­aus­for­de­rer am liebs­ten von heu­te auf mor­gen uni­so­no platt­ma­chen möch­te – Jun­ge Frei­heit, Sezes­si­on oder eigen­tüm­lich frei eben­so wie Tumult, Com­pact, Frei­lich, Cato und Platt­for­men wie die von Klo­n­ovs­ky, Tichy, Wendt, Bro­der, Schiff­mann, Reit­schus­ter, PI oder KenFM neben ande­ren –, war oder ist offen­kun­dig weni­ger aus­ge­prägt als die Erwar­tung, man wer­de durch Ver­mei­dung bestimm­ter Kon­fron­ta­tio­nen oder durch sub­ti­le­re Tak­tik einem pre­kä­ren Schick­sal ent­ge­hen. Hin­zu kom­men berech­tig­te wie pein­li­che, pro­gram­ma­ti­sche wie per­sön­li­che Pro­fil­in­ter­es­sen, in deren Ver­lauf zuwei­len die gemein­sa­me Bedro­hung außer Blick gerät.

So bestä­tig­te mir kürz­lich Frank Böckel­mann, der Her­aus­ge­ber von Tumult, das Kon­strukt einer »rech­ten« (Kul­tur-) Pha­lanx ent­spre­che mehr einer wahn­haf­ten Pro­pa­gan­da­idee des Estab­lish­ments als der Rea­li­tät. Eine »Grund­so­li­da­ri­tät« unter Oppo­si­tio­nel­len exis­tie­re näm­lich vor­nehm­lich als nega­ti­ve Zuschrei­bung »des in den Kos­mo­po­li­tis­mus drif­ten­den Parteien‑, Medi­en- und Gesin­nungs­kar­tells«. »Im ›alter­na­ti­ven Lager‹ selbst besteht sie nicht.« Hier herr­sche »Wett­be­werb um Markt­an­tei­le und Mei­nungs­füh­rer­schaft, bis­wei­len in der Form eines hämi­schen Hau­ens und Stechens.«

Mei­ne dama­li­ge Beschwich­ti­gung, was den Dis­sens unter Sezes­sio­nis­ten betraf, war ja auch vor­nehm­lich vom Wunsch getra­gen, es möge sich so ver­hal­ten. Doch bekann­ter­ma­ßen kam es zum Bruch, mit weit­rei­chen­den Fol­gen über die Ver­lags­sze­ne hin­aus. Die sons­ti­gen Dia­gno­sen von 2012 schei­nen mir wei­ter­hin gül­tig. Denn über unse­re fata­le Aus­gangs­la­ge und die gene­rel­le Skru­pel­lo­sig­keit unse­rer polit­me­dia­len Klas­se hat­te ich schon damals wenig Zwei­fel und deu­te­te von daher unser Han­deln auch in Anleh­nung an Ver­hal­tens­mus­ter wie Sisy­phus oder Don Qui­chot­te (das ver­deut­li­chen eini­ge Zita­te in der Rand­spal­te). Über­rascht haben seit­dem ja allen­falls Tem­po und Rigo­ro­si­tät, mit denen das Estab­lish­ment jede Kri­tik mit ver­schärf­ter Repres­si­on kon­ter­te. Zen­sur als Hand­lungs­de­vi­se die­ser Zeit.

Da sich die Sys­tem­pres­se weit­ge­hend gleich­ge­schal­tet hat, ver­schiebt sich der Fokus legis­la­ti­ver Akti­vi­tä­ten ins Netz, sekun­diert von zivil­ge­sell­schaft­li­chem Druck. So ver­geht kein Tag, an dem nicht alter­na­ti­ve Blogs gelöscht, Platt­for­men ver­bannt, Bank­kon­ten gekün­digt oder Unbot­mä­ßi­ge juris­tisch oder per Ver­fas­sungs­schutz ein­ge­schüch­tert wer­den. Die Ex-DDR-Lob­by mar­schiert. Zwi­schen Mer­kel und Kaha­ne paßt kein Blatt Papier. Exem­pla­risch die Mel­dung, daß die Regie­rung, neben ohne­hin aus­ufern­den »Bildungs«-Programmen von der Kita bis zur Uni, einen wei­te­ren zehn­stel­li­gen (!) Euro-Betrag »gegen Rechts« beschloß. Und »Rechts« ist inzwi­schen fast alles, was links­grü­ne Glo­ba­la­gen­den stört, zur Zeit sogar die »Quer­den­ker«, obwohl die gesin­nungs­mä­ßig mehr­heit­lich anders gestrickt sind.

Man braucht kein demo­kra­ti­sches Män­tel­chen mehr, son­dern beschränkt sich fast ganz dar­auf, nen­nens­wer­te Oppo­si­ti­on bereits phy­sisch vom öffent­li­chen Gespräch zu ver­ban­nen. Auch sank die Hemm­schwel­le, dies noch zu ver­schlei­ern. Wo Beam­te oder Rich­ter nicht gänz­lich funk­tio­nie­ren, wer­den sie (wie Maaßen) umge­hend geschaßt.

Ent­mu­ti­gen könn­te dabei die Para­do­xie, daß selbst schein­bar aus­sichts­reichs­te oder ein­falls­reichs­te Initia­ti­ven die Unter­drü­ckung stets noch stei­ger­ten. Von der Grün­dung der AfD über PEGIDA, den euro­pa­wei­ten Auf­stieg der Iden­ti­tä­ren, Wahl­be­ob­ach­tung und sons­ti­ge Aktio­nen von Ein Pro­zent, die »Char­ta 2017« gegen Into­le­ranz im Kul­tur­busi­ness bis zum Antai­os-Coup 2018 auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se unter »gött­li­cher« Assis­tenz von »Loci« – all das hat das Sys­tem nur dazu pro­vo­ziert, nun noch plum­per, scham­lo­ser oder demo­kra­tie­ver­let­zen­der zu reagieren.

Die­ses unbe­frie­di­gen­de Zwi­schen­er­geb­nis einer kräf­te­rau­ben­den Mei­nungs­schlacht hin­ter­ließ auch in der Sezes­si­on sei­ne Spuren.

Schließ­lich gehört unge­schmink­te Lage­be­ur­tei­lung zum Stil, sofern dia­gnos­ti­sche Käl­te nicht in fata­lis­ti­sche Resi­gna­ti­on mün­det. Deu­te ich neue­re Ten­den­zen rich­tig, so voll­zieht sich gera­de ein Abschied von der retro­spek­ti­ven Uto­pie, wonach unser Staat durch eine »Vater«-Figur wie in Klep­pers gleich­na­mi­gem Roman schlicht wie­der in eine Fas­son gebracht wer­den kön­ne, die wenigs­tens wil­hel­mi­ni­sches Niveau und ent­spre­chen­de Rechts­staat­lich­keit garan­tiert. »Mut­ti« als Gali­ons­fi­gur illoya­ler Eli­ten hat dies­be­züg­lich eine ideel­le Wüs­te hin­ter­las­sen, in der ein erbeu­te­ter Staat selbst zum größ­ten Hin­der­nis für eine uner­läß­li­che Ver­än­de­rung gewor­den ist.

Domi­nier­ten anfangs Leit­bil­der der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on, spä­ter die des iden­ti­tä­ren Pro­tests bei gleich­zei­ti­ger Aus­lo­tung par­tei­po­li­ti­scher Chan­cen, gera­ten neu­er­dings auch indi­vi­dua­lis­ti­sche Lebens­mo­del­le ins Zen­trum der Auf­merk­sam­keit. Das Inter­es­se an Ver­hal­ten und Schreib­wei­sen der Inne­ren Emi­gra­ti­on wächst, lite­ra­risch illus­triert in Amor Tow­les’ Roman Ein Gen­tle­man in Mos­kau. All­zu lan­ge hat man die­se Exis­ten­zwei­se ja lager­über­grei­fend als blo­ße Flucht aus der Poli­tik dis­kre­di­tiert. Kaum gewür­digt hin­ge­gen wur­de die stil­le (zuwei­len nur ver­deck­te oder kaum noch ver­bor­ge­ne) Distan­zie­rung gegen­über einem weit­hin hal­len­den staat­li­chen Pro­pa­gan­daraum. Und viel­fach über­se­hen wur­de der zen­tra­le Appell die­ser Autoren, wie er stell­ver­tre­tend Ber­gen­gru­ens Der Groß­ty­rann und das Gericht aus­zeich­net: »Fürch­tet euch nicht!« Gleich­zei­tig steigt der Rang von Form und Hal­tung, und wir wer­den uns, wie auf dem »Zwi­schen­tag« 2012, wie­der der Bedeu­tung von Stil­fra­gen bewußt. Von daher läßt sich auch die heu­te gefei­er­te Zeit­schrift als tra­di­ti­ons­stif­ten­de geron­ne­ne Form betrach­ten, was ihre domi­nie­ren­de Bewer­tung vom lau­ni­schen Kri­te­ri­um des tages­po­li­ti­schen Erfolgs befreit.

Eine Kapi­tu­la­ti­on vor der Macht blo­ßer Mas­se ist das nicht. Per­sön­li­che wie his­to­ri­sche Grö­ße impli­zier­te schon immer einen gewis­sen Trotz gegen­über der jewei­li­gen Epo­che und belegt Hal­tung selbst in der Nie­der­la­ge. Man den­ke an Tho­mas Morus’ spöt­ti­sche Uner­schüt­ter­lich­keit ange­sichts des Scha­fotts oder die stil­vol­le Ges­te des Außen­mi­nis­ters Brock­dorff-Rant­zau, als er 1919 in Ver­sailles den unse­li­gen Ver­trag nur mit Hand­schu­hen anfaß­te, die er dann lie­gen ließ. Die Bot­schaft gegen­über selbst­ge­rech­ten Tri­um­pha­to­ren war unmiß­ver­ständ­lich: Ihr habt die Macht, aber geis­tig besiegt sind wir noch nicht.

Auf­ge­ben soll­te man erst bei gänz­li­cher Hoff­nungs­lo­sig­keit. Das gilt mir heu­te nicht weni­ger als 2012. Und schon damals ende­te mein Text mit dem Hin­weis auf eine gran­dio­se Sze­ne in Wolf­gang Peter­sens Film Das Boot: Dar­in liegt ein hava­rier­tes deut­sches U‑Boot auf dem Mee­res­grund vor Gibral­tar. Stun­den­lan­ge Repa­ra­tu­ren kon­zen­trie­ren sich auf eine ein­zig ver­blie­be­ne Chan­ce. Der stoi­sche Kal­eu wehrt der Panik mit impo­nie­ren­der Ner­ven­stär­ke und schafft so die Vor­aus­set­zung für das fast Unmög­li­che. Und als man dann wider alle Wahr­schein­lich­keit den­noch auf­taucht und den Tom­mys ent­kommt, da ballt der »Alte« die Faust und schreit sein »Not yet!« in die Nacht.

Wenn mich ange­sichts des absur­den All­tags zuwei­len tie­fe Ver­zweif­lung packt, den­ke ich an die­se ein­drucks­vol­le Sze­ne. Und viel­leicht gilt sol­che Auf­mun­te­rung auch für ande­re. Signa­li­sie­ren wir unse­ren Fein­den ein trot­zi­ges »Not yet!« Es gelang euch noch nicht, uns mund­tot zu machen. Noch sind nicht alle ein­ge­schüch­tert, zu Kreu­ze oder zur Fut­ter­krip­pe gekro­chen. Ihr Arm­se­li­gen habt es (noch) nicht geschafft. Und viel­leicht schafft ihr es nie. Noch gibt es Cha­rak­te­re, die nicht jedes Han­deln an Kar­rie­re und Erfolg ori­en­tie­ren. Um der Gemein­schaft und ihrer Selbst­ach­tung wil­len hal­ten sie auch schein­bar »ver­lo­re­ne Pos­ten«. Das ist unser Stil. Und einen andern wol­len wir nicht.

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