Autorenporträt Francis Fukuyama

PDF der Druckfassung aus Sezession 100/ Februar 2021

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Mit Fran­cis Fuku­ya­ma (gebo­ren 1952) ver­hält es sich wie mit Oswald Speng­ler (1880 – 1936) und Samu­el Hun­ting­ton (1927 – 2008): Der US-ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler steht für ein ein­zi­ges Schlüs­sel­werk: Das Ende der Geschich­te (1992) – bei Speng­ler war es Der Unter­gang des Abend­lan­des (1918 / 1922), bei Hun­ting­ton der Kampf der Kul­tu­ren (1996). Das übri­ge Schaf­fen die­ser drei Geschichts­den­ker, die sich der Fra­ge »Wo ste­hen wir?« ver­schrie­ben haben, ver­schwin­det hin­ter der Über­macht des jeweils zur poli­ti­schen For­mel geron­ne­nen Werktitels.

Der deut­schen Leser­schaft ist zwar bekannt, daß Speng­lers Abhand­lun­gen wie Preu­ßen­tum und Sozia­lis­mus oder Jah­re der Ent­schei­dung eben­so bedeut­sam für sei­ne Rezep­ti­on sind. Aber die Unter­gangs­for­mel über­prägt bis heu­te alles. Nicht anders ist es bei Hun­ting­ton, der etwa mit dem Stan­dard­werk Poli­ti­cal Order in Chan­ging Socie­ties 1968 Ana­ly­sen von blei­ben­dem Wert in den Berei­chen Demo­kra­tie- und Staats­theo­rie vor­leg­te, und bei Fuku­ya­ma sind es Arbei­ten zu Wirt­schafts- und Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten, Trans­hu­ma­nis­mus und Iden­ti­täts­po­li­tik. Inter­es­sant dabei ist, daß sich Fuku­ya­mas Denk­be­we­gun­gen der ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­te in ste­ter Aus­ein­an­der­set­zung mit Hun­ting­ton vollzogen.

Hun­ting­ton leg­te sein Opus magnum erst im 70. Lebens­jahr vor, Fuku­ya­ma mit 40. Bis zu die­ser Zäsur stu­dier­te Fuku­ya­ma, der aus einer ame­ri­ka­nisch-japa­ni­schen Aka­de­mi­ker­fa­mi­lie stammt (sein Vater war pro­mo­vier­ter Sozio­lo­ge, Reli­gi­ons­for­scher und Pfar­rer einer kon­gre­ga­tio­na­lis­ti­schen Gemein­de), die soge­nann­ten Clas­sics (etwa: klas­si­sche Alter­tums­wis­sen­schaft), Poli­ti­sche Phi­lo­so­phie und Ver­glei­chen­de Lite­ra­tur­wis­sen­schaft in Itha­ca und New Haven samt Aus­lands­se­mes­ter in Paris, dann an der Har­vard-Uni­ver­si­tät Poli­tik­wis­sen­schaft. Sein uni­ver­si­tä­rer Leh­rer dort: Hun­ting­ton. Fuku­ya­ma posi­tio­nier­te sich in jener Pha­se des letz­ten Kal­ten-Krieg-Jahr­zehnts bedin­gungs­los pro­ame­ri­ka­nisch. Sei­ne Pro­mo­ti­on über sowje­ti­sche Gefah­ren im Nahen und Mitt­le­ren Osten erfolg­te 1981; da arbei­te­te er bereits seit zwei Jah­ren für die RAND Cor­po­ra­ti­on, eine Denk­fa­brik des US-Mili­tärs mit pro­non­cier­ten Stand­punk­ten zur glo­ba­len ame­ri­ka­ni­schen Hege­mo­nie. Über außen­po­li­ti­sche Tätig­kei­ten für die Prä­si­den­ten Ronald Rea­gan und Geor­ge H. W. Bush kam Fuku­ya­ma zur dezi­dier­ten Pro­gno­se­po­li­tik: Die Fra­gen »Wo ste­hen wir?« und »Wie geht es wei­ter?« wur­den sei­ne Forschungsmotive.

1989 war dann nicht nur ein Wen­de­jahr für Deutsch­land, son­dern auch für Fuku­ya­ma. Für die Som­mer­aus­ga­be der neo­kon­ser­va­ti­ven Zeit­schrift The Natio­nal Inte­rest ver­faß­te er einen fünf­zehn­sei­ti­gen Auf­satz über die Fol­gen des nahen­den Endes der Sys­tem­kon­kur­renz, der in sei­ner Schluß­fol­ge­rung fra­gend for­mu­liert wor­den war: »The End of Histo­ry?« Drei Jah­re spä­ter erschien mit The End of Histo­ry and the Last Man (in der zeit­nah erfol­gen­den deut­schen Über­tra­gung: Das Ende der Geschich­te) jenes Werk, das Fra­ge­zei­chen bei­sei­te schob und einen ­Geschichts­de­ter­mi­nis­mus ins Spiel­feld setz­te, der dem Autor bis heu­te anhaftet.

Im Erschei­nungs­jahr und der fol­gen­den Lebens­pha­se Fuku­ya­mas war dies gerecht­fer­tigt. Fuku­ya­ma schrieb über den Kon­flikt­sie­ger »libe­ra­le Demo­kra­tie« so, als ob mit ihm ein »End­punkt der ideo­lo­gi­schen Evo­lu­ti­on der Mensch­heit« erreicht sei (Ivan Kras­t­ev und Ste­phen Hol­mes nen­nen die­se Pro­jek­ti­on das von Fuku­ya­ma erwar­te­te »Zeit­al­ter der Nach­ah­mung«). Der Wes­ten habe durch sei­ne poli­ti­sche Über­le­gen­heit, tri­um­phier­te Fuku­ya­ma, die »end­gül­ti­ge mensch­li­che Regie­rungs­form« erreicht, mit­hin »das Ende der Geschich­te« als »evo­lu­tio­nä­ren Pro­zeß, der die Erfah­run­gen aller Men­schen aller Zei­ten umfaßt«. Denn die libe­ra­le Demo­kra­tie sei – anders als frü­he­re und kon­kur­rie­ren­de Staats- und Regie­rungs­for­men – »bemer­kens­wert frei« von »inne­ren Wider­sprü­chen« und habe sich mit dem frei­en Markt ver­schmol­zen. Eine sol­che his­to­ri­sche Leis­tung, voll­zo­gen vom Wes­ten unter Füh­rung der USA, lei­te das Ende der Geschich­te ein, weil es irra­tio­nal wäre, wenn sich nicht alle ande­ren Natio­nen die­sem Erfolgs­mo­dell anschlössen.

Natür­lich klam­mer­te der US-Uni­ver­sa­list Essen­ti­el­les aus, dar­un­ter Par­ti­ku­la­ris­men wie volk­li­che, eth­ni­sche, kul­tu­rel­le und reli­giö­se Bin­dun­gen und Nor­men oder die 1989 bis 1992 gras­sie­ren­den wirt­schaft­li­chen und (national-)separatistischen Krie­ge. Aber die­se »Neben­wi­der­sprü­che« muß­ten fal­len, wenn man die gro­ße Erzäh­lung vom Tri­umph des wider­spruchs­lo­sen libe­ral­de­mo­kra­ti­schen Gar­tens Eden imple­men­tie­ren woll­te. Dies gelang in den unmit­tel­ba­ren Jah­ren nach 1992, da der glo­bal ange­setz­te Ver­such eines befehls­ad­mi­nis­tra­ti­ven Büro­kra­ten­so­zia­lis­mus irrepa­ra­bel geschei­tert war, »drit­te Wege« ange­sichts des Jubel­rau­sches des west­li­chen Sie­gers nicht gefragt waren oder wie in Chi­na, das Fuku­ya­ma als Motor welt­um­fas­sen­der Ver­än­de­rung abschrieb, noch gar nicht ent­wi­ckelt wor­den waren.

Auch auf­grund die­ser von Mar­ga­ret That­cher, Geor­ge H. W. Bush und eben Fuku­ya­ma ver­kün­de­ten Alter­na­tiv­lo­sig­keit im Zei­chen einer »glo­ba­len kapi­ta­lis­ti­schen Arbeits­tei­lung« (Fuku­ya­ma) schien das Ende der Geschich­te erreich­bar. Alle Völ­ker wür­den, obschon in unter­schied­li­chem Tem­po, das Vor­bild des anglo-ame­ri­ka­ni­schen Frei­heits­rau­mes nach­ah­men und selbst zu libe­ra­len, »markt­be­stimm­ten« und offe­nen Gesell­schaf­ten werden.

Gleich­wohl kün­dig­te sich in Asi­en Anfang der 1990er Jah­re an, daß eine linea­re his­to­ri­sche Ent­wick­lung nicht die ein­zi­ge Ent­wick­lungs­op­ti­on dar­stel­len wür­de. So leg­te Fuku­ya­ma 1995 Trust: The Social Vir­tu­es and the Crea­ti­on of Pro­spe­ri­ty vor, das im sel­ben Jahr als Kon­fu­zi­us und Markt­wirt­schaft. Der Kon­flikt der Kul­tu­ren dem deutsch­spra­chi­gen Leser zugäng­lich gemacht wur­de. Alle poli­ti­schen Fra­gen nach 1990, so Fuku­ya­ma ein­lei­tend, sei­en fort­an wirt­schaft­li­che Fra­gen. Vom zwangs­läu­fi­gen »End­ziel« einer libe­ral­de­mo­kra­ti­schen Welt­ord­nung rück­te er nicht ab. Sehr wohl sah er aber inner­ge­sell­schaft­li­che Wider­sprü­che auf­tre­ten, die er bis­her unter­schla­gen hat­te. Er führ­te bei­spiels­wei­se die pro­ble­ma­ti­sche Ten­denz des Libe­ra­lis­mus an, wonach zu fürch­ten sei, daß der »Gül­tig­keits­be­reich der Rech­te immer wei­ter« aus­ge­dehnt wer­de, wäh­rend man die »Auto­ri­tät prak­tisch aller bestehen­der Grup­pen in Fra­ge zu stel­len« wage; eine Ten­denz der »indi­vi­dua­lis­ti­schen Gesell­schaft«, die mit einem »Schwund von Ver­trau­en und Sozia­bi­li­tät« einhergehe.

Fuku­ya­ma woll­te am »Ende der Geschich­te« fest­hal­ten, und dafür räum­te er erst­mals ein, daß die »demo­kra­ti­schen und kapi­ta­lis­ti­schen Insti­tu­tio­nen« mit »bestimm­ten vor­mo­der­nen kul­tu­rel­len Gewohn­hei­ten« kom­bi­niert wer­den müß­ten, da sie gewis­se Ver­bin­dun­gen aus sich her­aus nicht gene­rie­ren könn­ten. (Das Böcken­för­de-Dik­tum drückt im Grun­de das­sel­be aus.) Nur so kön­ne Hege­mo­nie »rei­bungs­los« gestal­tet wer­den, nur so kön­ne man die außer­halb des Wes­tens wei­ter­hin las­ten­den Zusam­men­ge­hö­rig­kei­ten dazu nut­zen, sich pro­duk­tiv in effek­ti­ve kapi­ta­lis­ti­sche Pro­zes­se ein­zu­glie­dern. »Grup­pen mit einem hohen Maß an Ver­trau­en und Soli­da­ri­tät«, resü­miert Fuku­ya­ma, sei­en öko­no­misch »meis­tens effi­zi­en­ter als Grup­pen, denen die­se Merk­ma­le feh­len«, wobei er zu beden­ken gibt, daß Soli­da­ri­tät und Gemein­schaft oft­mals zu »Nepo­tis­mus« und »Kum­pa­nei« führ­ten. Gemein­schafts­stre­ben und Gemein­schafts­le­ben macht der halb japa­nisch­stäm­mi­ge Fuku­ya­ma (der selbst kei­ner­lei Ver­bin­dung zum Japa­ni­schen auf­nahm) beson­ders in Japan und Deutsch­land aus.

Dabei fällt frap­pie­rend ins Auge, was sich durch Fuku­ya­mas Lebens­werk zieht: die stu­pen­de Unkennt­nis Deutsch­lands, sei­nes Vol­kes, sei­ner Rol­le in der Welt usf. Fuku­ya­ma geht etwa davon aus, »daß die Kon­ti­nui­tät der deut­schen Kul­tur in Ost­deutsch­land durch die kom­mu­nis­ti­sche Herr­schaft in der DDR ernst­haft durch­bro­chen wur­de«. Das Gegen­teil ist bekannt­lich der Fall, und dem­entspre­chend sind Fuku­ya­mas dies­be­züg­li­che Erör­te­run­gen frag­wür­dig, wo nicht gro­tesk, wenn er bei­spiels­wei­se »west­deut­sche Mana­ger« her­vor­hebt, denen voll­kom­men bewußt sei, daß »ihre tür­ki­schen Arbeit­neh­mer« mehr »typisch ›deut­sche‹ Tugen­den wie eine aus­ge­präg­te Arbeits­ethik und Selbst­dis­zi­plin« auf­bräch­ten als die aus dem Deutsch­tum angeb­lich geflo­he­nen Ostdeutschen.

Wenig ein­zu­wen­den gibt es dafür gegen eine wei­te­re Schlüs­sel­the­se aus dem 500-Sei­ten-Werk Kon­fu­zi­us und Markt­wirt­schaft. Sie besagt, daß sich (mul­ti­kul­tu­rel­le) »Diver­si­tät« zwar öko­no­misch »aus­zah­len« kön­ne, daß sie aber unwei­ger­lich »von einem gewis­sen Punkt an« jene »Kom­mu­ni­ka­ti­on und Koope­ra­ti­on« behin­de­re, die für eine sta­bi­le Wirt­schafts- und Gesell­schafts­ord­nung unab­läs­sig sei­en. Es ist dies ein Stand­punkt, der bei Fuku­ya­ma mehr als 20 Jah­re spä­ter noch stär­ker betont wird. Vor­her beschäf­tig­te sich Fuku­ya­ma indes mit anthro­po­lo­gi­schen, trans­hu­ma­nis­ti­schen und bio­po­li­ti­schen Fragestellungen.

In The Gre­at Dis­rup­ti­on (1999), deutsch als Der gro­ße Auf­bruch (2000) bekannt, wid­met sich Fuku­ya­ma der mensch­li­chen Natur und der Fra­ge, wie Ver­hal­tens­for­schung und Neu­ro­psy­cho­lo­gie Ent­schei­dun­gen for­men und kla­re Hier­ar­chien, die Fuku­ya­ma als »Form der Orga­ni­sa­ti­on« durch­aus favo­ri­siert, evo­zie­ren (wobei er hin­ter Arnold Geh­len, Kon­rad Lorenz und Co. zurück­fällt, die er nicht zu ken­nen scheint). In Our Post­hu­man Future (2002), deutsch als Das Ende des Men­schen, beschäf­tigt sich Fuku­ya­ma kon­kre­ter mit den Aus­wir­kun­gen der moder­nen Bio­lo­gie auf unser Poli­tik­ver­ständ­nis und die poli­ti­sche Pra­xis. Er wen­det sich lei­den­schaft­lich gegen die dro­hen­de Zukunfts­op­ti­on, die Natur des Men­schen durch tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt und gene­ti­sche Spie­le­rei­en zu modi­fi­zie­ren und zu »opti­mie­ren«. Ein »post­hu­ma­nes« Ende der Geschich­te schil­dert er als Dys­to­pie im Sin­ne Aldous Hux­leys. Um dies zu ver­hin­dern, bedür­fe es glo­ba­ler »Kon­troll­in­sti­tu­tio­nen« aller Schlüs­sel­ak­teu­re der Welt­po­li­tik, die gemein­sam jene For­schungs­be­rei­che zu über­wa­chen hät­ten, die Bio­tech­nik und Trans­hu­ma­nis­ti­sches berühren.

Das alles wäre bis heu­te unein­ge­schränkt lesens­wert, wenn Fuku­ya­ma nicht die fal­sche Annah­me aus dem Ende der Geschich­te bei­be­hal­ten hät­te, wonach die libe­ra­le Demo­kra­tie des­halb unan­greif­bar sein müs­se, weil sie kei­ner­lei Expe­ri­men­te gegen die mensch­li­che Natur unter­neh­me. Sie hüte sich, »in natür­li­che Ver­hal­tens­wei­sen« ein­zu­grei­fen. Erstaunt muß man einer­seits zur Kennt­nis neh­men, daß Fuku­ya­ma mul­ti­kul­tu­ra­lis­ti­sche Expe­ri­men­te eben­so aus­spart wie das Anfang der 2000er bereits in Gang gesetz­te Gen­der Main­strea­ming, die Expan­si­ons­krie­ge und die Regime-Chan­ge-Allü­ren. Ande­rer­seits irri­tiert es, daß ein hoch gebil­de­ter Autor über »das Poli­ti­sche« und »den Men­schen« schreibt, ohne Carl Schmitt und Arnold Geh­len auch nur rudi­men­tär zu rezi­pie­ren. Deut­sche Quel­len sind Fuku­ya­mas Sache nicht; der anglo-ame­ri­ka­ni­sche Blick ver­sperrt die Sicht auf dif­fe­ren­zie­ren­de Perspektiven.

Frei­wil­lig ver­zich­tet Fuku­ya­ma auf die­se auch in sei­ner Streit­schrift Sta­te-Buil­ding aus dem Jahr 2004, das als Staa­ten bau­en über­setzt wur­de. Noch vor dem Ende der Geschich­te ist es jene Schrift, die Fuku­ya­ma als »Neo­con« kenn­zeich­ne­te. Ver­är­gert über die Wei­ge­rung zahl­rei­cher Natio­nen, sich frei­wil­lig das Telos der frei­en Welt der frei­en Märk­te anzu­eig­nen, lie­fert er die stür­mi­sche Legi­ti­ma­ti­on von Inter­ven­ti­ons­krie­gen. So erfährt man nichts über die prak­ti­sche Her­aus­for­de­rung, »Staa­ten zu bau­en« (sprich: aus Fai­led sta­tes und post­ko­lo­nia­len Gebil­den funk­tio­nie­ren­de Enti­tä­ten zu schaf­fen), son­dern lernt, daß Fuku­ya­ma nicht von jener Mani­fest desti­ny abrückt, wonach es die heils­ge­schicht­li­che Beru­fung der USA sei, jene Völ­ker zu »befrei­en«, die es nicht ver­stan­den hät­ten, sich dem unver­meid­ba­ren Pro­zeß der west­lich-uni­ver­sa­lis­ti­schen Welt­an­glei­chung zu subordinieren.

Erwäh­nens­wert bleibt, daß Fuku­ya­ma von 2001 bis 2004 im »Rat für Bio­ethik« des US-Prä­si­den­ten Geor­ge W. Bush arbei­te­te – das Buch Staa­ten bau­en schrieb er auf dem Höhe­punkt sei­ner dies­be­züg­li­chen Tätig­keit. Auch der 2005 zusam­men­ge­stell­te und Anfang 2006 von Fuku­ya­ma her­aus­ge­ge­be­ne Sam­mel­band Nati­on-Buil­ding atmet spür­bar den Geist jener neo­kon­ser­va­ti­ven Schaf­fens­pha­se, wenn­gleich der Ton weni­ger pol­ternd ist.

Gleich­wohl kün­dig­te sich dar­in kei­nes­wegs jene mani­fes­te Zäsur an, die noch im sel­ben Jahr in Ame­ri­ca at the Cross­roads gegen­ständ­lich wur­de. Schei­tert Ame­ri­ka? ist eine umfas­sen­de Abrech­nung mit der Regie­rung Bush (Jr.), mit dem Pri­mat inter­ven­tio­nis­ti­scher Welt­mis­si­on, vor allem aber mit Fuku­ya­mas jahr­zehn­te­lan­gen Weg­ge­fähr­ten der Neo­cons. Die Streit­schrift stellt im eigent­li­chen Sin­ne eine Geschich­te der neo­kon­ser­va­ti­ven Bewe­gung dar, die heu­te mit Namen wie Wil­liam und Irving Kris­tol, Robert Kagan, Charles Kraut­ham­mer oder Nor­man Podho­retz ver­bun­den wird. Die Wur­zeln des Neo­kon­ser­va­tis­mus lie­gen in der links­ex­tre­men Häre­sie des Trotz­kis­mus der 1940er Jahre.

Er besitzt nach wie vor eine welt­wei­te Aus­strah­lung (bis in trans­at­lan­ti­sche Zir­kel in der AfD hin­ein). Fuku­ya­ma por­trä­tiert ihn als Sze­ne, die trotz feh­len­der Homo­ge­ni­tät auf einem »Kern­be­stand kohä­ren­ter Ideen« beru­he, den er als »liber­tä­ren Kon­ser­va­tis­mus« mit uni­la­te­ral-expan­sio­nis­ti­scher Agen­da ver­wirft. Dar­auf auf­bau­end, berich­tigt er sein Ende der Geschich­te: Das »eigent­li­che Argu­ment« sei nicht die glo­ba­le Zwangs­läu­fig­keit libe­ra­ler Demo­kra­tie gewe­sen, son­dern das Stre­ben nach welt­wei­ter »Moder­ni­sie­rung«, die sich im Wunsch aus­drü­cke, mit moder­nen Tech­no­lo­gien, Lebens­stan­dards und Gesund­heits­sys­te­men aufzuwachsen.

Die libe­ra­le Demo­kra­tie, schränkt Fuku­ya­ma – sei­ne eins­ti­gen The­sen ver­fäl­schend – ein, habe ledig­lich als »eines der Neben­pro­duk­te« zu gel­ten. Akteu­re, die durch welt­wei­te Inter­ven­tio­nen das Ende der Geschich­te her­bei­füh­ren woll­ten, wür­den Moral­po­li­tik und Kampf­ge­lüs­te ver­mäh­len, obschon sie ihre welt­po­li­zei­li­che Mis­si­on als Ben­evo­lent hege­mo­ny (etwa: wohl­mei­nen­de Hege­mo­nie) verschleierten.

Es drängt sich der Ein­druck auf, daß sich Fuku­ya­ma von sei­nen Adep­ten lösen woll­te, die das »Ende der Geschich­te« zu plas­tisch ver­stan­den und es nicht nur geschichts­phi­lo­so­phisch dia­gnos­ti­zier­ten, son­dern mit mili­tä­ri­scher Wucht umzu­set­zen ver­such­ten. Es ist die aggres­siv-kämp­fe­ri­sche, »trotz­kis­ti­sche« Kon­ti­nui­tät der Neo­cons, die Fuku­ya­ma erschre­cken ließ – und mut­maß­lich auch die kata­stro­pha­len Kriegs­fol­gen in Afgha­ni­stan und dem Irak.

Auf­fäl­lig in der Fol­ge ist, daß Fuku­ya­ma sich im Dez­en­ni­um von 2008 bis 2018 grö­ße­ren geschicht­li­chen Pro­zes­sen wid­me­te und – von eini­gen tages­po­li­ti­schen Exkur­sen etwa zum »Popu­lis­mus« abge­se­hen, bei denen die Potenz als Futu­ro­lo­ge ein­mal mehr bezwei­felt wer­den muß – sei­ne umfang­reichs­te Arbeit in zwei Bän­den vor­leg­te. Mehr als 1200 Sei­ten dich­te Ana­ly­se­ar­beit zur mensch­li­chen Poli­tik- und Ord­nungs­ge­schich­te publi­zier­te Fuku­ya­ma in The Ori­gins of Poli­ti­cal Order und Poli­ti­cal Order and Poli­ti­cal Decay – bei­de Bän­de wur­den bis­her nicht ins Deut­sche übersetzt.

Fuku­ya­ma bekennt, daß er Samu­el Hun­ting­tons Stan­dard­werk von 1969 – Poli­ti­cal Order in Chan­ging Socie­ties – fort­schrei­ben, kor­ri­gie­ren, aktua­li­sie­ren woll­te. Das Ver­mächt­nis sei­nes »Men­tors« (Fuku­ya­ma über Hun­ting­ton) müs­se die his­to­ri­schen Wur­zeln von poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen und ihren schritt­wei­se erfol­gen­den Ver­fall ergrün­den. Dafür beginnt er bei der Urge­schich­te der Mensch­heit und schrei­tet epo­chen­wei­se vor­an bis zur Ame­ri­ka­ni­schen und Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, indem er rich­tungs­wei­sen­de Ent­wick­lun­gen – ob im glo­ba­len Wes­ten, in Chi­na oder im isla­misch gepräg­ten Nahen und Mitt­le­ren Osten – beleuch­tet. Natur­ge­mäß flie­ßen Erkennt­nis­se aus frü­he­ren Arbei­ten ein, etwa wenn Fuku­ya­ma her­vor­hebt, daß der Mensch nicht gänz­lich »frei« inso­fern ist, als daß er in einem bestimm­ten Rah­men han­deln müs­se, der die Ent­wick­lungs­per­spek­ti­ven limi­tie­re. Der Mensch habe nie in einem »prä­so­zia­len«, ver­ein­zel­ten Zustand gelebt. Immer sei er umge­ben von Gemein­schaf­ten gewe­sen, deren Wer­te und Nor­men auf ihn ein­wir­ken. Dabei wer­den die vom ein­zel­nen bereits vor­ge­fun­de­nen Insti­tu­tio­nen repro­du­ziert, deren Funk­ti­on gemäß Fuku­ya­ma (in offe­ner Anleh­nung an Hun­ting­ton) dar­in bestehe, »sta­bi­le, wert­ge­schätz­te, wie­der­keh­ren­de Ver­hal­tens­mus­ter« zu perpetuieren.

In Poli­ti­cal Order and Poli­ti­cal Decay setzt Fuku­ya­ma die­se »inter­dis­zi­pli­nä­re«, weil poli­tik­wis­sen­schaft­li­che, his­to­ri­sche, anthro­po­lo­gi­sche und sozio­lo­gi­sche Teil­be­rei­che ver­knüp­fen­de staats­phi­lo­so­phi­sche Arbeit fort. Fuku­ya­mas Evo­lu­ti­on vom Neo­kon­ser­va­ti­ven zum »klas­si­schen« Kon­ser­va­ti­ven erweist sich als abge­schlos­sen: Hun­der­te Sei­ten über Staat, Herr­schaft des Rechts (Rule of law) und die Rechen­schafts­pflicht der Staats­len­ker und ihrer Admi­nis­tra­ti­on legen davon Zeug­nis ab.

Bedenkt man, daß sich in allen Schrif­ten Fuku­ya­mas eine abson­der­li­che Unkennt­nis deut­scher Geschich­te und ihrer Autoren – Max Weber und Karl Marx in The Ori­gins of Poli­ti­cal Order aus­ge­nom­menmani­fes­tiert, ist es um so über­ra­schen­der, daß Fuku­ya­mas Exkurs zum preu­ßi­schen Son­der­weg lehr­reich die Essenz der preu­ßi­schen und deut­schen Staats­bil­dung samt effek­ti­vem Ver­wal­tungs­auf­bau unter die Lupe nimmt. Auch sei­ne unge­wohn­te Kri­tik des west­li­chen Modells sticht ins Auge. So nimmt Fuku­ya­ma wahr, daß sei­ne alte Dia­gno­se, die Demo­kra­tie anglo-ame­ri­ka­ni­scher Prä­gung ken­ne kei­ne »inne­ren Wider­sprü­che«, nicht län­ger zutref­fend sein kön­ne, wenn sich diver­se Inter­es­sen­grup­pen als imstan­de erwei­sen, mit Wahl­kampf­spen­den und Lob­by­ar­beit Poli­ti­ker zu kau­fen und dies kein Ein­zel­fall dar­stel­le, son­dern sys­tem­im­ma­nent wer­de. Dies bil­de den Pro­zeß der »Repa­tri­mo­nia­li­sie­rung« ab.

Ohne­hin warnt Fuku­ya­ma nun vor Ent­wick­lun­gen, wonach, um sei­ne Kern­aus­sa­ge in eine deut­sche Rede­wen­dung zu klei­den, »der Staat zur Beu­te« wer­de – von Netz­wer­ken, von gro­ßen öko­no­mi­schen Spie­lern, vom Out­sour­cing der Sou­ve­rä­ni­tät. Den Staat als Insti­tu­ti­on begreift Fuku­ya­ma als wan­del­bar, erhal­tens­wert und Kri­sen über­dau­ernd (»will never disap­pe­ar«), wäh­rend er liber­tä­re Kri­tik, wonach »der Staat« pau­schal unre­for­mier­bar sei, als eine defi­zi­tä­re, fol­gen­schwe­re Self-ful­fil­ling pro­phe­cy zurückweist.

Doch was hält einen Staat idea­li­ter zusam­men? Iden­ti­tät (des Staats­volks) und Soli­da­ri­tät (inner­halb eines Staats­volks). Die­se Liai­son kann aus Fuku­ya­mas jüngs­ter Stu­die extra­hiert wer­den. Der seit 2010 in Stan­ford leh­ren­de Fuku­ya­ma nennt in Iden­ti­tät ver­schie­de­ne Punk­te, wes­halb ein »inklu­si­ves Gefühl der natio­na­len Iden­ti­tät wesent­lich [ist], wenn man eine erfolg­rei­che, moder­ne poli­ti­sche Ord­nung auf­recht­erhal­ten will«, in der Men­schen intui­tiv ähn­li­che Ver­hal­tens­mus­ter und Nor­men befol­gen. Kon­se­quent ver­weist er daher auf die ver­trau­ens­bil­den­de Funk­ti­on natio­na­ler Iden­ti­tät. Der brei­te »Ver­trau­ens­ra­di­us« wer­de durch sie erst geschaf­fen, und eben­die­ses Ver­trau­en wir­ke als »Schmier­mit­tel, das sowohl wirt­schaft­li­chen Aus­tausch als auch poli­ti­sche Teil­ha­be erleichtert«.

Ver­trau­en als Fol­ge rela­ti­ver iden­ti­tä­rer Homo­ge­ni­tät? Fuku­ya­ma akzen­tu­iert jeden­falls, daß sich durch star­ke Kon­kur­renz­iden­ti­tä­ten inner­halb eines Gemein­we­sens das gegen­sei­ti­ge Ver­trau­en unwei­ger­lich ver­rin­gert: »Gesell­schaf­ten pro­spe­rie­ren infol­ge von Ver­trau­en – je grö­ßer der Radi­us, des­to grö­ßer der Erfolg.« Kei­ne Iden­ti­tät – kein Ver­trau­en, und kein Ver­trau­en – kei­ne Solidarität.

Die Befür­wor­tung der »Pfle­ge star­ker sozia­ler Sicher­heits­net­ze« ist des­halb ein Beleg »für die Wich­tig­keit der natio­na­len Iden­ti­tät«, weil Men­schen natur­ge­mäß »eher geneigt [sind], Sozi­al­pro­gram­me zur Unter­stüt­zung ihrer schwä­che­ren Lands­leu­te gut­zu­hei­ßen«, wenn sie sich für »Ange­hö­ri­ge einer Groß­fa­mi­lie hal­ten«. Es ist dies ein wesens­ge­mä­ßer Zusam­men­hang, der in indi­vi­dua­lis­ti­schen und über­dies eth­no­kul­tu­rell frag­men­tier­ten Gesell­schaf­ten aus­sichts­los ist, da sich hier bereits das Kon­zept »Lands­leu­te« unter­mi­niert bis offen bekämpft sieht – zumin­dest in bezug auf die auf­zu­he­ben­de »Mehr­heits­ge­sell­schaft«.

Mit sei­ner jüngs­ten Schrift Iden­ti­tät setzt Fuku­ya­ma folg­lich alles auf Anfang. Denn die Tri­um­ph­epo­che des Libe­ral­ka­pi­ta­lis­mus, die er einst aus­rief, erhob aus­ge­rech­net den effek­tivs­ten Wider­sa­cher von bewah­rens­wer­ter natio­na­ler Iden­ti­tät und Soli­da­ri­tät zum Sie­ger der Geschich­te. Die Rea­li­tät also, die­se urkon­ser­va­ti­ve Potenz, hat den Pro­gno­se­den­ker Fuku­ya­ma immer­hin von eini­gen ideo­lo­gi­schen Pro­jek­tio­nen befreit.

 

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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