Gleichheit und Gleichschritt

PDF der Druckausgabe aus Sezession 100/ Februar 2021 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Die Annah­me einer Pan­de­mie im Zusam­men­hang mit der Atem­wegs­er­kran­kung COVID-19 hat welt­weit zu dras­ti­schen Maß­nah­men staat­li­cher­seits geführt. Sie ste­hen in einem star­ken Wider­spruch zu einer an gren­zen­lo­se Mobi­li­tät und indi­vi­du­el­le Selbst­ver­wirk­li­chung gewöhn­ten Gesell­schaft. Zu den Merk­wür­dig­kei­ten der Reak­ti­on auf die­se Maß­nah­men gehört der kaum wahr­nehm­ba­re Wider­stand gegen sol­che Ein­grif­fe in die Gewohn­hei­ten. Hin­zu kommt, daß die weni­gen Unmuts­äu­ße­run­gen nicht von den Any­whe­res kom­men, die in ihrem Bewe­gungs­ra­di­us beschnit­ten wer­den, son­dern von den Some­whe­res, die an den libe­ra­len Errun­gen­schaf­ten viel weni­ger par­ti­zi­pie­ren. Man darf zwar den Fak­tor Angst, der auf­grund einer in den grells­ten Far­ben gemal­ten, aber völ­lig abs­trak­ten Bedro­hungs­la­ge eine Rol­le spielt, eben­so­we­nig unter­schät­zen wie die Macht der Mas­sen­me­di­en, die eben­die­ses Nar­ra­tiv beför­dern; aber bei­des erklärt die läs­si­ge Reak­ti­on der Eli­ten nicht. Die­se Erklä­rungs­lü­cke wird auch nicht allein durch den Hin­weis auf die unter­schied­li­chen Erwerbs­tä­tig­kei­ten zu schlie­ßen sein, da sich selbst sei­tens der finan­zi­ell unter star­ken Ein­bu­ßen lei­den­den Bevöl­ke­rungs­tei­le nur sehr ver­hal­ten Wider­spruch regt.

Vor die­sem Hin­ter­grund lohnt sich ein Blick auf die Ver­faßt­heit von ega­li­tä­ren Gesell­schaf­ten. Die Bun­des­re­pu­blik ist auf­grund aller ihrer gesell­schafts­po­li­ti­schen Maß­nah­men der letz­ten Jahr­zehn­te erklär­ter­ma­ßen auf dem bes­ten Weg, eben eine sol­che zu wer­den. Davon zeu­gen nicht zuletzt absur­de For­de­run­gen, die sich auf die natür­li­chen Unter­schie­de der Men­schen, bis hin zum Geschlecht, bezie­hen, und oft unter der Paro­le »Gerech­tig­keit« firmieren.

Bes­tes Bei­spiel für die­se Auf­fas­sung sind Äuße­run­gen im Zusam­men­hang mit der Coro­na-Kri­se wie: »In Zei­ten der Pan­de­mie wird deut­lich, daß Kör­per struk­tu­rell ungleich gemacht wer­den.« Wor­um es der Autorin, einer femi­nis­ti­schen Phi­lo­so­phin, geht, ist klar: Dadurch, daß Men­schen unter­schied­li­chen Arbei­ten nach­ge­hen, die ein­mal mehr und ein­mal weni­ger Kon­takt zu Mit­men­schen benö­ti­gen, sind sie unter­schied­li­chen Risi­ken aus­ge­setzt, sich mit Coro­na zu infi­zie­ren. Schon das Wort »struk­tu­rell« ist ein Hin­weis dar­auf, daß hier Din­ge bekämpft wer­den sol­len, die eng mit der Natur des Men­schen ver­knüpft sind. So wie heu­te das Anspre­chen eth­ni­scher Merk­ma­le als »struk­tu­rel­ler Ras­sis­mus« gilt, so kön­nen Kör­per, die immer ver­schie­den sind, »struk­tu­rel­ler Ungleich­heit« aus­ge­setzt sein.

Die Vor­stel­lung, daß die Men­schen im Natur­zu­stand ein­an­der gleich gewe­sen wären, geht auf Rous­se­au zurück. Sei­ner Mei­nung nach bedeu­tet die Kul­tur die Per­ver­si­on des Men­schen, weil sie auf Arbeits­tei­lung beruht und damit Ungleich­heit zum Prin­zip erklärt. Auch wenn Rous­se­aus Natur­be­griff nicht ein Pro­dukt der Natur­be­ob­ach­tung war, son­dern eine pole­mi­sche Abrech­nung mit den gesell­schaft­li­chen Zustän­den sei­ner Zeit, so war er doch außer­or­dent­lich wirk­sam. Die ers­ten Exzes­se im Namen der Gleich­heit, die im Rah­men der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on gescha­hen, bezo­gen sich auf sein »Zurück zur Natur!« Auch wenn sich die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on anti­ki­sie­ren­de For­men gab, war der Gleich­heits­be­griff der Anti­ke doch ein ganz ande­rer. Gleich­heit bedeu­te­te ursprüng­lich Iso­no­mie, also Gleich­heit im Rah­men des Geset­zes, nicht Gleich­heit der Lebens­um­stän­de, son­dern die von recht­lich Eben­bür­ti­gen. Han­nah Arendt hat dar­auf hin­ge­wie­sen, daß Iso­no­mie Gleich­heit garan­tie­re, »aber nicht, weil alle Men­schen als Men­schen gleich gebo­ren oder von Gott geschaf­fen sind, son­dern im Gegen­teil, weil die Men­schen von Natur her nicht gleich sind und daher einer von Men­schen errich­te­ten Ein­rich­tung bedür­fen, näm­lich der Polis, um kraft des Geset­zes ein­an­der eben­bür­tig zu werden«.

Daß die Auf­fas­sung Rous­se­aus lan­ge kein All­ge­mein­gut war, zeigt auch der Blick auf die deut­sche Tra­di­ti­on, die sich der anti­ken ver­pflich­tet fühl­te. Kant, der die Ungleich­heit als »rei­che Quel­le so vie­les Bösen, aber auch alles Guten« bezeich­ne­te, sah, daß die durch­gän­gi­ge recht­li­che Gleich­heit der Men­schen (= Unter­ta­nen) in einem Staat »mit der größ­ten Ungleich­heit der Men­ge und den Gra­den des Besitz­tums nach, sei es an kör­per­li­cher oder Geis­tes­über­le­gen­heit über ande­re«, ein­her­ge­he. Der Staat wird bei Hegel als Rechts­staat und nicht als Sozi­al­staat auf­ge­faßt, dem es nicht um Umver­tei­lung zum Zwe­cke der Gleich­heit, son­dern um Gerech­tig­keit gehe, um die recht­li­che Gleich­be­hand­lung der Glei­chen. Kon­se­quen­te Gleich­heit in jeder Hin­sicht mache den Staat unmög­lich, weil die­ser eben auf der Ungleich­heit von Regie­rung und Regier­ten beruhe.

Der Satz, daß alle Men­schen von Natur aus gleich sei­en, ver­wech­se­le das Natür­li­che mit dem Begriff: Von Natur aus sei­en die Men­schen nur ungleich, ein­zig der Bestim­mung des Men­schen als Per­son, die des Eigen­tums fähig sei, mache die »wirk­li­che Gleich­heit« des Men­schen aus. Im Gegen­satz zur Anti­ke, die das nur auf die Bür­ger einer Polis bezog, betref­fe das jetzt alle Men­schen. Aber Hegel plä­diert ganz antik: »Die Geset­ze selbst […] sehen die unglei­chen Zustän­de vor­aus und bestim­men die dar­aus her­vor­ge­hen­den unglei­chen recht­li­chen Zustän­dig­kei­ten und Pflich­ten.« Sonst kön­ne nur zufäl­li­ge Gleich­heit die glei­che Behand­lung rechtfertigen.

Der His­to­ri­ker Rolf-Peter Sie­fer­le hat die absur­den und selbst­de­kon­struk­ti­ven Kon­se­quen­zen des zu Ende gedach­ten Ega­li­täts­prin­zips in sei­nem Buch Epo­chen­wech­sel auf­ge­zeigt. Das Gleich­heits­prin­zip besagt zunächst nicht mehr, als daß alle Men­schen gleich sind, zumin­dest in der Hin­sicht, daß sie Men­schen sind. Die­se Annah­me lie­ße sich zunächst mit allen Ungleich­hei­ten ver­bin­den. Sie­fer­le sieht aber bereits in der christ­li­chen For­de­rung der Nächs­ten­lie­be eine Aus­wei­tung des Gel­tungs­be­reichs der Gleich­heit, die nicht mehr auf­zu­hal­ten sei, wenn die Gleich­heit ein­mal in der Welt ist. Ins­be­son­de­re dann, wenn die Gleich­heit hoch im Kurs ste­he, zie­he dies eine per­ma­nen­te Erhö­hung der Ega­li­tät nach sich, an deren Ende die Selbst­auf­he­bung der bür­ger­li­chen Gesell­schaft ste­he. Sie­fer­le skiz­ziert die­sen Pro­zeß in fünf Stufen:

Der ers­te Schritt besteht in der For­de­rung nach recht­li­cher und steu­er­li­cher Gleich­be­hand­lung aller Bür­ger eines Staa­tes, egal wel­chen Stan­des sie sind. Dem folgt im 20. Jahr­hun­dert die glei­che poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on aller am Gemein­we­sen – mit­hin Din­ge, die klas­sisch unter Gleich­heit ver­stan­den wur­den. Der zwei­te Schritt besteht in der Auf­stel­lung eines Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­tes; nie­mand soll anders behan­delt wer­den, nur weil er einer ande­ren Reli­gi­on, Nati­on, einem ande­ren Geschlecht oder einer ande­ren Ras­se ange­hört. Dadurch, so Sie­fer­le, ergä­ben sich eine gesell­schaft­li­che Ato­mi­sie­rung und ein Wett­be­werb, die zu Ega­li­sie­rungs­ge­win­nern und ‑ver­lie­rern führ­ten, was im drit­ten Schritt Pro­gram­me zur Her­stel­lung von Chan­cen­gleich­heit not­wen­dig mache. Es liegt in der Logik der ega­li­tä­ren Ent­gren­zung, daß dies nicht nur auf den Abbau von Zugangs­be­schrän­kun­gen hin­aus­läuft, son­dern schließ­lich dazu führt, daß die immer noch durch Eltern­haus oder ähn­li­ches Begüns­tig­ten mög­lichst nivel­liert wer­den (vier­ter Schritt), indem man ihre Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten beschnei­det (etwa durch den Niveau­ab­bau im öffent­li­chen Schul­we­sen). In der Kon­se­quenz wür­de dies, so Sie­fer­le, zu einer viel sta­bi­le­ren Hier­ar­chie füh­ren, da jetzt die Unter­schie­de allein auf natür­lich-gene­ti­sche Ungleich­heit zurück­zu­füh­ren wären. Um auch das zu kom­pen­sie­ren, müß­te der Zufall per Los- oder Rota­ti­ons­ver­fah­ren für Ega­li­sie­rung sorgen.

Im fünf­ten und letz­ten Schritt schließ­lich sieht Sie­fer­le als »Ulti­ma ratio« des Ega­li­ta­ris­mus die Ver­wirk­li­chung der kom­mu­nis­ti­schen ­For­de­rung, jeder sol­le nach sei­nen Fähig­kei­ten arbei­ten und nach sei­nen Bedürf­nis­sen kon­su­mie­ren. Da die­se natür­lich nicht gleich sind und Fähig­kei­ten und Bedürf­nis­ni­veaus ein­an­der nicht ent­spre­chen müs­sen, wären neue Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te fäl­lig, die bei­spiels­wei­se sicher­stel­len, daß auch die Häß­li­chen einen schö­nen Part­ner bekommen.

Vor die­sen Kon­se­quen­zen der Gleich­ma­che­rei hat der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Ray­mond Aron bereits in den 1960er Jah­ren gewarnt, auch wenn er damals den »gene­ti­schen Zufall« noch dem mensch­li­chen Wil­len ent­zo­gen sah: »Aber wenn der sozia­le Rang aus­schließ­lich von den in den Chro­mo­so­men ent­hal­te­nen Fähig­kei­ten abhän­gen wür­de, käme es zu einem neu­en Pro­test: Wie­so soll­te man dann nicht auch gegen die natür­li­chen Ungleich­hei­ten kämpfen?«

Damit ist zwar gezeigt, daß eine ega­li­tä­re Gesell­schaft ihre eige­nen Grund­la­gen in Fra­ge stellt, aller­dings noch nicht, war­um sie so leicht tota­li­tä­ren Ver­su­chun­gen erliegt. Da wir es gewohnt sind, Demo­kra­tie mit Gleich­heit zu iden­ti­fi­zie­ren, und tota­li­tä­re Regime als deren Gegen­teil gel­ten, bleibt hier eine Unschär­fe. Jacob Tal­mon hat zwar den Begriff der »tota­li­tä­ren Demo­kra­tie« geprägt, dabei aber immer noch einem Ide­al­bild von »offe­ner Gesell­schaft« und »libe­ra­ler Demo­kra­tie« ange­han­gen. Ein Vor­läu­fer Tal­mons, Alexis de Toc­que­vil­le, konn­te hier genau­er hin­schau­en, da er selbst noch nicht unter dem Para­dig­ma von Gleich­heit und Demo­kra­tie stand. In sei­nem Buch Die Demo­kra­tie in Ame­ri­ka (1835 / 40) hat er aller­dings den Weg zur Gleich­heit als einen unum­kehr­ba­ren Pro­zeß beschrie­ben, gegen den kein Kraut gewach­sen sei: »Die all­mäh­li­che Ent­wick­lung zur Gleich­heit ist ein Werk der Vor­se­hung. Sie trägt des­sen Haupt­merk­ma­le: Sie ist all­ge­mein, sie ist von Dau­er, sie ent­zieht sich täg­lich der Macht des Men­schen, die Gescheh­nis­se wie die Men­schen haben alle die­se Ein­rich­tung begünstigt.«

Toc­que­vil­le sieht »kein ein­zi­ges bedeu­ten­des Ereig­nis, das sich im Lau­fe von sie­ben­hun­dert Jah­ren nicht zum Vor­teil der Gleich­heit aus­ge­wirkt hät­te«. Daher wird der Griff zur Meta­pher der »Vor­se­hung« ver­ständ­lich, weil sich aus den Ereig­nis­sen ein gött­li­cher Wil­le zur Gleich­heit ablei­ten läßt. Jeden­falls ist Toc­que­vil­le die­se Ten­denz zur Gleich­heit in einer gott­ähn­li­chen oder reli­giö­sen Unwi­der­steh­lich­keit begeg­net. Aller­dings sieht er den Grund für die Ent­wick­lung zur Gleich­heit nicht in den alten Herr­schafts­ver­hält­nis­sen begrün­det, jeden­falls nicht, solan­ge jeder an sei­nem Platz blieb: »Man sah damals zwar Ungleich­heit und Elend, aber es gab kei­ne see­li­sche Ent­wür­di­gung«. Die­se tritt erst dann auf den Plan, wenn unrecht­mä­ßi­ge Gewalt herrscht und es zu einer Ver­mi­schung der Rän­ge kommt. Aus die­ser folgt der Neid, mit dem man sich gegen­sei­tig beäugt, mit­hin das, was heu­te als gesell­schaft­li­che Spal­tung fir­miert. Der Ver­weis auf die »see­li­sche Ent­wür­di­gung« folgt aus der Zer­stö­rung der Ord­nung. Ein Hau­fen glei­cher Tei­le läßt sich leich­ter spal­ten als ein gewach­se­nes Gebil­de, in dem jedes Teil sei­nen Platz hat und mit ande­ren Tei­len in einem gewohn­heits­mä­ßi­gen Zusam­men­hang steht.

Ein ganz wesent­li­cher Aspekt, der auch bei der Bewer­tung der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on immer wie­der auf­taucht, ist die damals auf­kom­men­de Über­zeu­gung, daß der Mensch zu unbe­grenz­ter Ver­voll­komm­nung fähig sei. Toc­que­vil­les Mei­nung nach ist die­ser Glau­be in sei­ner Unbe­grenzt­heit und Abso­lut­heit eine Fol­ge der Gleich­heit. Daß der Mensch sich, im Gegen­satz zum Tier, wei­ter­ent­wi­ckelt, war schon den Grie­chen klar. Aller­dings, so Toc­que­vil­le, hät­ten die Völ­ker, die nach Rang geglie­dert leb­ten, nicht an unbe­grenz­te Ver­voll­komm­nung geglaubt, son­dern an Ver­bes­se­rung. Der Nach­teil des Glau­bens an die ent­grenz­te Ver­voll­kom­men­bar­keit lie­ge in der Ent­wer­tung der Ver­gan­gen­heit und vor allem der Gegen­wart, die nur dazu da ist, über­wun­den zu wer­den, und das mög­lichst sofort. Die­ser Aspekt der Gleich­heit hat für den tech­ni­schen Fort­schritt und die Indus­trie­kul­tur den Durch­bruch bedeu­tet. Den­noch ist der irra­tio­na­le, reli­giö­se Furor, der sich mit Gleich­heit ver­bin­det, hier ganz beson­ders zu spü­ren, ins­be­son­de­re dann, wenn er sich von den Din­gen auf die Men­schen stürzt. Die Gleich­heit wird dann zu einer Art Selbst­zweck, dem man, weil es dem Zeit­geist gefällt, alles opfert: Wür­de und Freiheit.

Der Glau­be an die immer­wäh­ren­de Ver­bes­se­rung, die Neo­phi­lie, funk­tio­niert nur, wenn ein leicht­ver­ständ­li­ches Ziel am Ende des Weges steht, das Meß­bar­keit garan­tiert. Gleich­heit kor­re­liert mit dem Neid­fak­tor der Fast­glei­chen und treibt vor­an. Der Sieg der »Ewi­gen Lin­ken« (Ernst Nol­te) hat ein Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­bot eta­bliert, das oben­drein jeg­li­che Unter­schie­de für uner­wünscht und krank erklärt und damit das Ziel zu einem mora­lisch wün­schens­wer­ten gemacht hat.

Unab­hän­gig von der Tat­sa­che, daß sich unwich­ti­ge Ungleich­hei­ten, in Form der Moden, eta­bliert haben, ist der Kon­for­mis­mus ein Ziel, das logisch aus die­ser For­de­rung folgt. Die ega­li­tä­re Gesell­schaft steht jedem Über­nah­me­ver­such hilf­los gegen­über, weil sie über kei­ner­lei Resi­li­enz mehr ver­fügt. Das klingt schon bei Toc­que­vil­le an: »Ich bezweif­le nicht, daß in einem Zeit­al­ter der Bil­dung und der Gleich­heit wie dem uns­ri­gen die Sou­ve­rä­ne es leich­ter fer­tig­bräch­ten, alle öffent­li­chen Gewal­ten allein in ihrer Hand zu ver­ei­ni­gen und in die pri­va­ten Berei­che gewohn­heits­mä­ßi­ger und tie­fer ein­zu­drin­gen, als es jemals irgend­ei­ner des Alter­tums zu tun vermochte.«

Toc­que­vil­le sieht auch bereits, daß der Indi­vi­dua­lis­mus aus der Gleich­heit folgt, weil die mensch­li­chen Ban­de zer­schnit­ten wer­den, die eben vor allem hier­ar­chi­scher Natur sind, sei es zeit­lich oder real: »So läßt die Demo­kra­tie jeden nicht nur sei­ne Ahnen ver­ges­sen, sie ver­birgt ihm auch sei­ne Nach­kom­men und trennt ihn von sei­nen Zeit­ge­nos­sen […].« Die abs­trak­te Sache der Mensch­heit ist wich­ti­ger als die der kon­kre­ten Gemein­schaft, in der die »Ein­sam­keit des eige­nen Her­zens« bestim­mend wird. Dar­aus fol­gen zwei Ten­den­zen, die im 20. Jahr­hun­dert zu vol­ler Ent­fal­tung gelang­ten: der gesell­schaft­li­che Kon­for­mi­täts­druck und der tota­le Staat. In den Wor­ten Toc­que­vil­les: »In den Aris­to­kra­tien besit­zen die Men­schen oft eine ihnen eigen­tüm­li­che Grö­ße und Stär­ke. Ste­hen sie mit der Mehr­zahl ihrer Mit­men­schen in Wider­spruch, so zie­hen sie sich zurück, fin­den in sich sel­ber Halt und Trost. In den demo­kra­ti­schen Völ­kern ver­hält es sich anders. Dort erscheint die öffent­li­che Gunst eben­so nötig, wie die Luft, die man atmet, und mit der Mas­se nicht im Ein­klang zu sein, heißt sozu­sa­gen nicht leben. […] Die Zen­tral­ge­walt, der Staat, brei­tet sich aus, weil sich die Glei­chen nicht ver­pflich­tet füh­len, sich gegen­sei­tig zu helfen.«

Was wir gegen­wär­tig erle­ben, ist also nicht die Wie­der­ge­burt des Staa­tes als Hüter der Gesell­schaft, son­dern die Zer­stö­rung der letz­ten Grund­la­gen des Gemein­sinns. Nach Über­zeu­gung der Gleich­heits­a­po­lo­ge­ten bedür­fen wir die­ser Grund­la­gen nicht mehr, weil sie aus der natür­li­chen Ungleich­heit des Men­schen folg­ten. Der Umbau der Gesell­schaft befin­det sich in vol­lem Gan­ge. Die Akzep­tanz der Gleich­heit als maß­geb­li­che poli­ti­sche Kate­go­rie ist Resul­tat eines erkennt­nis­theo­re­ti­schen Kon­struk­ti­vis­mus und Rela­ti­vis­mus. Er geht davon aus, daß die Welt nicht unab­hän­gig von unse­rem sozia­len Kon­text exis­tiert, son­dern alle ver­meint­li­chen Tat­sa­chen sozia­le Kon­struk­te sind, in denen sich herr­schen­de Bedürf­nis­se widerspiegeln.

Ungleich­heit exis­tiert nur, weil jemand dar­an Inter­es­se hat, daß sie exis­tiert. Sie ist nur Fol­ge eines sozia­len Kon­strukts, das ver­bind­lich tra­diert wur­de – und was kon­stru­iert wur­de, kann auch wie­der dekon­stru­iert wer­den. Die­sem Pro­zeß woh­nen wir bei. Ange­sichts des Aus­lö­sers der neu­en Stu­fe des Umbaus, eines Virus, ist es jedoch auch nicht ganz unwahr­schein­lich, daß Jacob Burck­hardt recht behält und »die mensch­li­che Ungleich­heit wie­der zu Ehren kommen«

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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