Der Globalismus – Terreur und Terroir

von Dimitrios Kisoudis

PDF der Druckfassung aus Sezession 100/ Februar 2021

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Wir ste­hen vor gro­ßen Umwäl­zun­gen. Im Grun­de ste­hen wir mit­ten­drin. Und nur die Res­te her­ge­brach­ter Kulis­sen hin­dern uns noch dar­an, dem Schre­cken neue Namen zu geben.

»La Ter­reur« nen­nen Fran­zo­sen die Schre­ckens­herr­schaft gegen ech­te und ver­meint­li­che Gegen­re­vo­lu­tio­nä­re nach 1793. Der Ter­ror der heu­ti­gen Welt­re­vo­lu­ti­on spielt sich vor­erst in den sozia­len Medi­en ab, durch Deplat­forming kann er einen Mar­tin Sell­ner eben­so tref­fen wie den US-Prä­si­den­ten. Wer gegen den Glo­ba­lis­mus auf­be­gehrt, wird zum Schwei­gen gebracht. Wo der Stumm­schal­ter nicht hin­reicht, grei­fen Ver­bo­te und Stra­fen für neu­er­fun­de­ne Meinungsdelikte.

Aber der Glo­ba­lis­mus bringt nicht nur unge­ahn­te Schre­cken, er zwingt uns auch zu poli­ti­scher Ver­or­tung. Der Glo­ba­lis­mus ist Glo­ba­li­sie­rung zum Welt­staat, er macht unse­re Hei­ma­ten unkennt­lich und wirft uns doch auf den Boden zurück, in dem wir wur­zeln. Glo­ba­lis­mus heißt für uns Ter­reur und Ter­ro­ir. »Ter­ro­ir« kommt aus dem Wein­bau und meint mehr als nur die Lage, der Begriff bezeich­net die Rebe, die Beschaf­fen­heit des Bodens und die Nei­gung des Hangs, das Kli­ma und das Wet­ter. Nicht weni­ger Fak­to­ren hat auch die poli­ti­sche Lage­be­stim­mung. Wir müs­sen die welt­po­li­ti­sche Kon­stel­la­ti­on und die hie­si­gen Macht­ver­hält­nis­se rea­lis­tisch ein­schät­zen, um den Feind rich­tig zu erkennen.

Mus­ter­gül­tig bestimmt hat ihn Donald Trump als »Glo­ba­lis­mus« in sei­ner Rede vor der UN-Gene­ral­ver­samm­lung am 24. Sep­tem­ber 2019. Als Freun­de nann­te der US-Prä­si­dent die sou­ve­rä­nen Natio­nal­staa­ten. Der defen­si­ve Natio­na­lis­mus, gefaßt als Gegen­satz zum aggres­si­ven Impe­ria­lis­mus, gilt in der Rech­ten immer noch als Tugend. Dank Yoram Hazo­ny, dem Prä­si­den­ten der Edmund Bur­ke Foun­da­ti­on, bekam die­se Idee in Eu­ropa neu­en Schwung. Aber kann der Natio­na­lis­mus, eine frü­he­re Ent­wick­lungs­stu­fe, über­haupt geschicht­lich wirk­mäch­ti­ger Gegen­part zum his­to­risch spä­te­ren Glo­ba­lis­mus sein? Ein Witz lau­tet: Auch Nicht-Inter­ven­tio­nis­mus ist Inter­ven­tio­nis­mus. Gera­de weil Ruß­land die huma­ni­tä­re Inter­ven­ti­on im Völ­ker­recht ablehnt, muß­te es in Syri­en inter­ve­nie­ren, um Prä­si­dent Assad bei­zu­sprin­gen. Ähn­lich könn­te es mit dem Anti-Glo­ba­lis­mus sein. Um den Glo­ba­lis­mus zu bekämp­fen, muß er glo­bal agie­ren. So ähneln sich bei­de Sei­ten ein­an­der an, bis wir jede Ent­schei­dung in der Grau­zo­ne der Dop­pel­deu­tig­keit tref­fen, wo sich nicht mehr genau sagen läßt, ob wir das Ende der Geschich­te auf­hal­ten oder wider Wil­len beschleu­ni­gen. Was wir haben, sind ver­al­te­te Kar­ten und feh­ler­haf­te Instrumente.

Kali­brie­ren wir den Kompaß zur Lage­be­stim­mung bei den Tita­nen Carl Schmitt und Ernst Jün­ger. Zwi­schen 1950 und 1960 haben der Staats­recht­ler und der Sol­da­ten­schrift­stel­ler über die Lage gestrit­ten – Schmitt als Auf­hal­ter, Jün­ger als Beschleu­ni­ger der welt­po­li­ti­schen Tendenz.

Im Janu­ar 1952 ver­öf­fent­licht Carl Schmitt im Mer­kur den Auf­satz »Die Ein­heit der Welt«. Dar­in weist er die Mög­lich­keit einer poli­ti­schen Welt­ein­heit aus apo­ka­lyp­ti­scher Sicht zurück: »Auch das Reich Satans ist eine Ein­heit«, schreibt er, »und Chris­tus selbst ging von die­sem ein­heit­li­chen Reich des Bösen aus, als er vom Teu­fel und Beel­ze­bub sprach.« Im Kon­flikt zwi­schen Ost­block und West­block ergreift Schmitt für kei­ne Sei­te Par­tei, son­dern lehnt die Welt­plä­ne bei­der Sei­ten als Vehi­kel fort­schritt­li­cher Geschichts­phi­lo­so­phie ab: einer­seits dia­lek­ti­schen Mate­ria­lis­mus mit End­ziel Kom­mu­nis­mus, ande­rer­seits tech­ni­schen Pla­nungs­op­ti­mis­mus mit End­ziel Welt­staat wie beim bri­ti­schen His­to­ri­ker Arnold Toynbee.

Statt­des­sen hält Carl Schmitt am Kon­zept einer Groß­raum­ord­nung fest, wie er sie 1941 schon umris­sen hat. Vor­bild: die Mon­roe-Dok­trin von 1823. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten hat­ten den ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent als ihre Inter­es­sen­sphä­re bestimmt, um ihn den Inter­ven­tio­nen raum­frem­der Mäch­te zu ent­zie­hen. Durch die Mul­ti­pli­ka­ti­on sol­cher Groß­räu­me, jeweils von Kern­staa­ten mit deren poli­ti­schen Ideen durch­drun­gen, soll­te ein neu­es Gleich­ge­wicht der Mäch­te ent­ste­hen. Nach dem Welt­krieg setzt Schmitt sei­ne Hoff­nung in block­freie Staa­ten: »Sobald eine drit­te Kraft erscheint, öff­net sich sehr schnell der Weg zu einer Mehr­heit von drit­ten Kräf­ten, und es bleibt nicht bei der ein­fa­chen Dreizahl.«

Anders Ernst Jün­ger. In sei­nem Auf­satz »Der Welt­staat« (1960) erach­tet zwar auch er die Block­kon­fron­ta­ti­on im Atom­zeit­al­ter für zu gefähr­lich, als daß sie als Dau­er­zu­stand zemen­tiert wer­den dür­fe. Auch er hält den Weg zurück zum zwi­schen­staat­li­chen Völ­ker­recht für ver­sperrt, weil Sou­ve­rä­ni­tät im vol­len Wort­sinn ange­sichts der Glo­ba­li­sie­rung der Tech­nik nur noch für Atom­mäch­te erreich­bar sei. Aber Jün­ger folgt letzt­lich Toyn­bee und plä­diert für die Über­win­dung der Block­kon­fron­ta­ti­on durch einen Welt­staat, der allein die Ver­nich­tungs­kraft der Waf­fen­tech­nik im Atom­zeit­al­ter ban­nen kön­ne. Die Mög­lich­keit einer mul­ti­po­la­ren Ord­nung weist er aus­drück­lich zurück – ohne Gegenargument.

Reih­te sich Ernst Jün­ger also unter die Glo­ba­lis­ten ein, um Anschluß an das Estab­lish­ment zu hal­ten? Ein Jahr zuvor hat­te er das Gro­ße Bun­des­ver­dienst­kreuz ver­lie­hen bekom­men. Zwei Dut­zend wei­te­re Ehrun­gen soll­ten fol­gen. Schon am 27. Janu­ar 1949 notier­te Carl Schmitt in sei­nem Glos­sa­ri­um abschät­zig: »Ernst Jün­ger wird rei­fer und rei­fer. Jetzt ist er bald reif für den Nobel­preis.« Frie­dens­no­bel­preis, Welt­frie­den, Welt­staat, all die­se heh­ren Zie­le waren für Schmitt nur Ver­brä­mung für einen Pazi­fis­mus, der ver­sprach, den Krieg ein für alle­mal zu been­den, der aber in Wirk­lich­keit ein glo­ba­les Inter­ven­ti­ons­re­gime auf­zog, um den tota­len Krieg zur Been­di­gung aller Krie­ge in die hin­ters­ten Win­kel der Welt zu tra­gen. Auf die­ser Gegen­sei­te des euro­päi­schen Völ­ker­rechts orte­te er nun Jünger.

Wir müs­sen Ernst Jün­ger als kon­ser­va­ti­ven Den­ker ernst neh­men. Jün­ger war vom Nahen des Welt­staats des­halb über­zeugt, weil er beob­ach­te­te, »daß Welt­bür­ger­kriegs­ideen die Poli­tik der Staa­ten und ihre Hän­del der Umris­se berau­ben«. Im Kal­ten Krieg waren sämt­li­che Krie­ge von der Block­kon­fron­ta­ti­on durch­drun­gen – in wel­chem Aus­maß, blieb dem Publi­kum oft ver­bor­gen. Selbst die Kon­flik­te der alten Bun­des­re­pu­blik tru­gen die Signa­tur des Kal­ten Krie­ges. Die Erschie­ßung Ben­no Ohnes­orgs durch einen Inof­fi­zi­el­len Mit­ar­bei­ter der Sta­si war der Start­schuß zu Stu­den­ten­un­ru­hen, die Ver­bin­dun­gen von RAF-Ter­ro­ris­ten zur Sta­si sind mitt­ler­wei­le eben­so bekannt wie die Len­kung ita­lie­ni­scher Rechts­ter­ro­ris­ten durch west­li­che Geheimdienststrukturen.

Mitt­ler­wei­le wis­sen wir aber auch: Chi­na wuchs im Schat­ten des Kal­ten Krie­ges zur drit­ten Kraft her­an, um den Sie­ger die­ses Krie­ges im 21. Jahr­hun­dert zu kon­fron­tie­ren. So hat die Nega­ti­on der libe­ra­len Demo­kra­tie west­li­chen Zuschnitts durch den Kom­mu­nis­mus sowje­ti­scher Prä­gung nicht unmit­tel­bar zur Auf­he­bung der Gegen­sät­ze in einem Welt­staat geführt. Carl Schmitt lag also rich­tig, als er auf eine drit­te Kraft setz­te. Und wie im Kal­ten Krieg wird künf­tig jeder Kon­flikt sei­nen Sinn von der neu­en Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und Chi­na her emp­fan­gen. Han­delt es sich bei die­ser Kon­fron­ta­ti­on noch um Außen­po­li­tik oder schon um Welt­in­nen­po­li­tik, also nur um Rei­bung bei der Ver­schie­bung von Macht­zen­tren für einen kom­men­den Welt­staat? Lau­schen wir einem wei­te­ren Zwie­ge­spräch zwi­schen Schmitt und Jünger.

Ernst Jün­ger ver­öf­fent­licht 1953 sei­nen Essay Der Gor­di­sche Kno­ten über die Begeg­nung von Osten und Wes­ten im Welt­ge­sche­hen. Wer den Kno­ten löst, wird das asia­ti­sche Herz­land und somit die Welt beherr­schen. Mit mythi­schen Bil­dern sti­li­siert Jün­ger die Block­kon­fron­ta­ti­on zur welt­his­to­ri­schen End­schlacht. Zwar dul­det er schon hier kei­nen »Ein­wand gegen die Pro­phe­zei­ung eines Welt­staa­tes«, zwar betont er auch hier die »Ver­wandt­schaft zwi­schen dem Bür­ger­krieg und der Ost-West-Begeg­nung«, sicht­bar in der Ver­tei­lung welt­re­vo­lu­tio­nä­rer Trup­pen »in allen Län­dern der Erde«; aber Jün­ger führt die Front­li­nie nicht auf Geschichts­phi­lo­so­phie zurück, son­dern auf den Gegen­satz zwi­schen Frei­heit und Despotie.

Wie der His­to­ri­ker Karl Witt­fo­gel über Jahr­zehn­te aus­führ­te, soll die Des­po­tie das Erzeug­nis einer spe­zi­fisch asia­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se gewe­sen sein, die als kol­lek­ti­ve Anstren­gung der Bewäs­se­rung soge­nann­te hydrau­li­sche Gesell­schaf­ten mit einer Büro­kra­ten­kas­te an der Spit­ze her­vor­brach­te. Des­po­tie war der Titel, mit dem Witt­fo­gel und sei­ne Anhän­ger den Sozia­lis­mus sowje­ti­scher und chi­ne­si­scher Prä­gung der Hegel­schen Geschichts­phi­lo­so­phie ent­ris­sen, um die Schre­cken des real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus dem »asia­ti­schen Wesen« in die Schu­he zu schie­ben. Indem Ernst Jün­ger von Des­po­tie spricht, ver­legt er die Ursa­chen für den Ost-West-Kon­flikt in die Tie­fen­schicht kon­ti­nen­ta­ler Mentalität.

Carl Schmitt ant­wor­tet zwei Jah­re spä­ter in einem Bei­trag zur Fest­schrift, die Armin Moh­ler zu Jün­gers 60. Geburts­tag her­aus­gibt. Dar­in setzt er Jün­gers Pola­ri­tät von Frei­heit und Des­po­tie die Dia­lek­tik von Land und Meer ent­ge­gen. Eng­land sei als ers­tes Land den »Schritt zu einer rein mari­ti­men Exis­tenz« gegan­gen und habe die Tech­nik durch die indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on ent­fes­selt. Die­ser Tech­nik bemäch­ti­ge sich – Schmitt zitiert Toyn­bee – der kom­mu­nis­ti­sche Osten, als neh­me er einen »Split­ter« auf, der sich von der west­li­chen Kul­tur abge­löst hat, um ihn ins Fleisch des Wes­tens zu ste­cken. Den Mar­xis­mus nennt Schmitt »ein prak­ti­sches Mit­tel, einen Zustand indus­tri­ell-tech­ni­scher Wehr­lo­sig­keit zu über­win­den und eine alte Eli­te abzu­lö­sen, die sich die­ser Auf­ga­be nicht gewach­sen zeigte.«

Anders als im Auf­satz von 1952 macht Carl Schmitt 1955 nicht mehr Geschichts­phi­lo­so­phie im Zen­trum des Ostens aus, der Mar­xis­mus erscheint viel­mehr als Mit­tel zu einem Zweck, der nicht im Kom­mu­nis­mus besteht. Bleibt Carl Schmitt wei­ter neu­tral im Hin­blick auf die Block­kon­fron­ta­ti­on? Offen­bar nicht. Er scheint so weit zu gehen, die kom­mu­nis­ti­schen Füh­rer im ele­men­ta­ren Kon­flikt zwi­schen Land und Meer auf der Land­sei­te – sei­ner eige­nen Sei­te – zu ver­or­ten. Gegen­über west­li­chem Pazi­fis­mus ver­tei­digt Schmitt die kom­mu­nis­ti­schen Par­ti­sa­nen in der Theo­rie des Par­ti­sa­nen als tel­luri­sche, erd­ge­bun­de­ne Hüter der Feindschaft.

Das ist der Höhe­punkt sei­ner Ent­frem­dung von der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on, aber nicht der wei­tes­te Punkt sei­ner Ent­fer­nung von Ernst Jün­ger. Anders als in der Fra­ge des Welt­staats sind sich Jün­ger und Schmitt in der Fra­ge nach dem Sinn des Gegen­sat­zes von Osten und Wes­ten im Kern einig: Es han­del­te sich um einen ele­men­ta­ren Kampf um die Herr­schaft über die Welt.

Die­sem Befund ent­spricht die Dia­gno­se des heu­ti­gen Geis­tes­zu­stands im ehe­ma­li­gen Ost­block. Der Wes­ten ist kei­nes­wegs »rechts« und der Osten kei­nes­wegs »links« aus dem Kal­ten Krieg her­vor­ge­gan­gen. Nach dem Fall des Eiser­nen Vor­hangs ent­deck­te Ruß­land sei­ne ortho­do­xe Tra­di­ti­on wie­der, Chi­na knüpf­te an kon­fu­zia­ni­sche Ord­nungs­mo­del­le an. Und die Visegrád-Staa­ten befin­den sich nicht nur in einem geer­de­ten, gesün­de­ren Zustand als Deutsch­land oder Frank­reich, weil sie den Kom­mu­nis­mus inner­lich nie­mals ange­nom­men haben, son­dern auch, weil sie über Jahr­zehn­te einer Schock­fros­tung unter­zo­gen waren, die ihre Abwehr­kräf­te gegen mul­ti­kul­tu­rel­le Anfech­tun­gen immunisierte.

Des­halb geht es nicht an, für die Fehl­ent­wick­lun­gen im Wes­ten eine kom­mu­nis­ti­sche Ver­schwö­rung zu bemü­hen. »Black Lives Mat­ter« und Anti­dis­kri­mi­nie­rung sind in der Tyran­nei west­li­cher Wer­te ange­legt, die mit der Umer­zie­hung über uns gekom­men ist. Wenn wir heu­te umstands­los dem Anti­kom­mu­nis­mus fol­gen, der schon ges­tern den Kern der ideo­lo­gi­schen Aus­ein­an­der­set­zung ver­fehl­te, dro­hen wir mor­gen den Anruf der Geschich­te zu über­hö­ren. Der Feind heißt weder Kom­mu­nis­mus noch Liberalismus.

Der Welt­bür­ger­krieg hat nach Ende des Kal­ten Krie­ges an Gestalt ver­lo­ren, aber an Inten­si­tät gewon­nen. Zwi­schen unsicht­ba­ren Fron­ten tra­gen schwer greif­ba­re Par­tei­en einen namen­lo­sen Krieg im Medi­um des Digi­ta­len aus, mit Cyber­an­grif­fen, »gefram­ten« Infor­ma­tio­nen und vir­tu­el­len Ver­nich­tungs­schlä­gen. Stär­ker noch als die Ele­men­te Land und Meer bestimmt das Digi­ta­le die Kon­flik­te. Wie die Dro­hung mit dem roten Knopf eine Front­li­nie zwi­schen die Blö­cke zog, so zieht die Betä­ti­gung des Lösch­knopfs durch die Social-Media-Gigan­ten quer durch die Län­der eine Linie zwi­schen Freund und Feind. Jeder Staat, der Twit­ter und Face­book nicht sei­ner­seits sperrt, gibt sei­ne Bür­ger die­ser poli­ti­schen Logik des Glo­ba­lis­mus preis.

Welt­po­li­tik ist mehr als je zuvor Welt­in­nen­po­li­tik, aber noch nicht ganz. Außer einer Welt­macht und einer im Wer­den begrif­fe­nen Welt­macht gibt es zahl­rei­che Regio­nal­mäch­te, die in ihren Vor­hö­fen und dar­über hin­aus Krieg füh­ren. In Syri­en konn­ten wir beob­ach­ten, wie sie abwech­selnd mit­ein­an­der und gegen­ein­an­der kämpf­ten – eine Erin­ne­rung an euro­päi­sche Kabi­netts­krie­ge. Und ein Vor­ge­schmack auf eine mul­ti­po­la­re Weltordnung?

So weh es tut: Poli­ti­sche Den­ker von Rang hiel­ten den Natio­nal­staat als maß­geb­li­che Grö­ße schon vor Jahr­zehn­ten für über­wun­den. Der eine setz­te sei­ne Hoff­nung in den Welt­staat, der ande­re in eine mul­ti­po­la­re Ord­nung der Groß­räu­me. An eine Welt der hun­dert sou­ve­rä­nen Natio­nal­staa­ten, die sich gegen­sei­tig den Krieg erklä­ren kön­nen, glaub­te weder Schmitt noch Jün­ger. Jetzt ist es auch für uns höchs­te Zeit, im euro­päi­schen Maß­stab zu den­ken. Dazu gehört, daß die Par­tei­en und Bewe­gun­gen der Gegen­glo­ba­li­sie­rung euro­pa­weit ihre Kräf­te bün­deln und koor­di­nie­ren. Der Natio­na­lis­mus hat sich als zu anfäl­lig für Mani­pu­la­ti­on glo­ba­ler Spie­ler erwie­sen, er muß über­wun­den wer­den, wenn Euro­pa zu einer drit­ten Kraft wer­den soll. Aber taugt Euro­pa zum Groß­raum, ohne daß ein Kern­staat die Euro­päi­sche Uni­on mit sei­ner poli­ti­schen Idee durchdringt?

Ste­hen sich die USA und Chi­na in einer Sys­tem­kon­kur­renz gegen­über, die von Ideen geprägt ist? Tarun Chhabra von der Broo­kings Insti­tu­ti­on sagt Ja und faßt sie als Kon­kur­renz zwi­schen demo­kra­ti­schem und auto­ri­tä­rem Kapi­ta­lis­mus. Wo zwi­schen die­sen Ideen bestehen für Euro­pa Chan­cen auf eine Umkehr? Die Rech­te muß sich in die­se geschichts­po­li­ti­schen Debat­ten ein­schal­ten. Sie muß die Theo­rien vom Ende der Geschich­te und ande­re Theo­re­me, die für den Glo­ba­lis­mus US-ame­ri­ka­ni­scher Prä­gung hand­lungs­an­lei­tend sind, mit asia­ti­schen Theo­rien abwägen.

Was will Chi­na? Der chi­ne­si­sche Phi­lo­soph Zhao Tin­gyang hat »Tianxia« – wört­lich: alles unter dem Him­mel – als Prin­zip chi­ne­si­scher Welt­in­nen­po­li­tik vor­ge­stellt. Den Beteue­run­gen des Autors zufol­ge bie­tet Tianxia Raum für die Koope­ra­ti­on ver­schie­de­ner Kul­tu­ren, deren Ver­schie­den­heit aner­kannt wird. Das wäre ein Vor­zug gegen­über der US-ame­ri­ka­ni­schen Hege­mo­nie, die alle Welt in einen Schmelz­tie­gel ver­wan­delt. Wer soll im Tianxia die Welt beherr­schen? Nach Zha­os Aus­füh­run­gen ist das poli­ti­sche Zen­trum nicht fest­ge­legt, son­dern wird durch Aner­ken­nung oder Revo­lu­ti­on bestimmt. Ist die­se »Welt­sou­ve­rä­ni­tät« bes­ser oder schlim­mer als die Neue Welt­ord­nung des Westens?

Wider­spre­chen sich bei­de Visio­nen über­haupt, oder kann das Sys­tem des Wes­tens in das Sys­tem des Ostens umschla­gen? In sei­nen acht Vor­her­sa­gen für die Welt im Jahr 2030 phan­ta­siert das Welt­wirt­schafts­fo­rum im Coro­na-Fie­ber nicht nur von der Abschaf­fung des Pri­vat­ei­gen­tums, son­dern auch von einer mul­ti­po­la­ren Welt. Schon wird Chi­na von Kon­ser­va­ti­ven als Schreck­bild einer glo­ba­len Kli­ma- und Gesund­heits­dik­ta­tur mit umfas­sen­der Daten­kon­trol­le an die Wand gemalt: die digi­ta­le als hydrau­li­sche Gesell­schaft des 21. Jahr­hun­derts? Ein Witz­vo­gel, wer Böses dabei denkt.

Wir dür­fen Ver­schwö­rungs­theo­rien, also ganz ande­re Erzäh­lun­gen, nicht rund­her­aus zurück­wei­sen, son­dern müs­sen sie kri­tisch prü­fen. In ihnen mel­det sich eine lan­ge unter­drück­te gegen­re­vo­lu­tio­nä­re Geschichts­phi­lo­so­phie zu Wort. Statt den Lauf der Din­ge in Gesetz­mä­ßig­kei­ten des Fort­schritts auf­zu­lö­sen, stellt sie ihn per­so­nal und pes­si­mis­tisch dar.

Hält die Geschich­te ein Ende mit Schre­cken bereit oder einen Schre­cken ohne Ende? Im christ­li­chen Geschichts­bild ist die­se Fra­ge immer schon beant­wor­tet. Wir sind nur Arbei­ter im Wein­berg. Und der Ter­ro­ir ist uns Lohn und Auf­ga­be, von der uns kei­ne Ter­reur die­ser Welt abbrin­gen kann.

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