Wir Nachhelden

PDF der Druckfassung aus Sezession 100/ Februar 2021

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

In einem Land, das sich als post­he­ro­isch begreift, gibt es für das Betrei­ben von Mili­tär­ge­schich­te nur eine plau­si­ble Begrün­dung: Der Post­he­ro­is­mus soll als Kon­se­quenz der dunk­len Vor­zeit wis­sen­schaft­lich belegt wer­den. Alle ande­ren Inter­es­sen, die in frü­he­ren Zei­ten Mili­tär­his­to­ri­ker umtrie­ben – sei es das Erar­bei­ten von Lehr­bei­spie­len, das Her­aus­stel­len von Vor­bil­dern oder die Begrün­dung von Tra­di­tio­nen –, gel­ten in der Bun­des­re­pu­blik zumin­dest als frag­wür­dig und wer­den auch in der Bun­des­wehr kaum noch gepflegt. Bes­ser als post­his­to­ri­sche Mili­tär­ge­schich­te ist offen­bar nur: gar kei­ne Mili­tär­ge­schich­te. Es ist daher wenig ver­wun­der­lich, daß es in Deutsch­land der­zeit genau eine mili­tär­his­to­ri­sche Pro­fes­sur gibt, die oben­drein den gewun­de­nen Zweit­na­men »Kul­tur­ge­schich­te der Gewalt« trägt, so als befän­den sich häus­li­che Gewalt und mili­tä­ri­sche Feld­zü­ge auf der­sel­ben Ebene.

Seit 2015 hat Sön­ke Neit­zel (*1968) die­se Pro­fes­sur inne. Neit­zel hat­te bereits wäh­rend sei­nes Stu­di­ums ein Buch über deut­sche U‑Boot-Bun­ker ver­öf­fent­licht und wur­de 1994 in Mainz mit einer Arbeit über den Ein­satz der Luft­waf­fe über dem Atlan­tik und der Nord­see pro­mo­viert. Bekannt­heit erlang­ten vor allem sei­ne bei­den Bücher zu Äuße­run­gen kriegs­ge­fan­ge­ner Wehr­machts­an­ge­hö­ri­ger (Abge­hört, 2005; Sol­da­ten, 2011, zus. mit Harald Wel­zer), mit denen er die The­se von der ver­bre­che­ri­schen Wehr­macht zu unter­mau­ern suchte.

Der Titel sei­nes neu­es­ten Buches, Deut­sche Krie­ger. Vom Kai­ser­reich zur Ber­li­ner Repu­blik – eine Mili­tär­ge­schich­te (Ber­lin: Pro­py­lä­en 2020, 816 S., 35 €), offen­bart bereits die Haupt­the­se Neit­zels. Über alle Brü­che des deut­schen Sol­da­ten­tums hin­weg betont er die Gemein­sam­keit deut­scher Hee­res­an­ge­hö­ri­ger: Krie­ger sein zu müs­sen. Die­ser Anspruch muß­te nicht immer ein­ge­löst wer­den, da nur kai­ser­li­ches Heer, Wehr­macht und, bei mikro­sko­pi­scher Ver­grö­ße­rung, die Bun­des­wehr des wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­lands in die Ver­le­gen­heit kamen zu kämp­fen, wohin­ge­gen das bei Reichs­wehr, Bun­des­wehr zu Bon­ner Zei­ten und NVA nicht der Fall war. Aber auch sie hät­ten Krie­ger sein müs­sen, wenn sie im Kampf hät­ten bestehen wollen.

Die­se ver­wi­ckel­te Geschich­te des deut­schen Mili­tärs erzählt Neit­zel in einer nüch­ter­nen Dik­ti­on, die sich von den mora­lin­sauren Her­vor­brin­gun­gen vie­ler sei­ner Vor­gän­ger wohl­tu­end unter­schei­det. Er ist immer bemüht, die jeweils herr­schen­de Auf­fas­sung vom Sol­dat­sein in den Kon­text ihrer Zeit zu stel­len. Dazu bedient er sich für jeden Abschnitt drei­er Per­spek­ti­ven: Neben die Beschrei­bung der jewei­li­gen poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen tritt die Unter­su­chung des inne­ren Gefü­ges der Streit­kräf­te. Dabei bemüht sich Neit­zel beson­ders um die Her­aus­ar­bei­tung der von ihm als »tri­bal cul­tures« bezeich­ne­ten Kohä­si­ons­kräf­te der ein­zel­nen Trup­pen­gat­tun­gen und Ein­hei­ten, die er als eine kon­stan­te Grund­vor­aus­set­zung für das erfolg­rei­che Bestehen im Kampf iden­ti­fi­ziert. Die drit­te Per­spek­ti­ve gilt dem jewei­li­gen Füh­rungs­ver­ständ­nis, mit dem Aus­bil­dung und Kriegs­füh­rung den Rah­men­be­din­gun­gen angepaßt wurden.

Das Buch legt einen star­ken Fokus auf die Bun­des­wehr, der allein 300 von 600 Text­sei­ten gewid­met sind, was den Zweck des gan­zen Unter­neh­mens unter­streicht. Neit­zel will mit dem Mythos auf­räu­men, mit dem es sich die post­he­roi­sche Gesell­schaft bequem gemacht hat: näm­lich, daß nach 1945 eine neue Zeit­rech­nung begon­nen habe, die alle Ver­bin­dun­gen zur Reichs­wehr und kai­ser­li­chen Armee, vor allem aber zur Wehr­macht gekappt habe. Damit weist Neit­zel auch der Mili­tär­ge­schich­te wie­der eine Auf­ga­be zu, die über die pazi­fis­ti­sche Selbst­ver­ge­wis­se­rung der Gegen­wart hin­aus­geht: die mili­tä­ri­sche Ver­gan­gen­heit nüch­tern zu ana­ly­sie­ren, um dar­aus für die nach wie vor von mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen gepräg­te Gegen­wart etwas zu ler­nen. Der Krieg ist dem­entspre­chend der »Fix­punkt der vor­lie­gen­den Untersuchung«.

In allen Kapi­teln fin­den sich Revi­sio­nen des als gege­ben ange­nom­me­nen Geschichts­bil­des. Die durch­grei­fen­de Mili­ta­ri­sie­rung des Kai­ser­reichs ist eine sol­che The­se, die Neit­zel nicht gel­ten läßt, eben­so die Behaup­tung, unter der Obers­ten Hee­res­lei­tung sei das Kai­ser­reich zwi­schen 1916 und 1918 eine Mili­tär­dik­ta­tur gewe­sen. Auch die Kri­tik am Mili­tär der dama­li­gen Zeit (bis­her vor allem an den Schi­ka­nen gegen­über den Sol­da­ten fest­ge­macht) ord­net Neit­zel als Über­be­wer­tung von Ein­zel­fäl­len ein, die ver­folgt wur­den. Er stellt ihnen die Tat­sa­che ent­ge­gen, daß es im Deut­schen Heer kei­ne Meu­te­rei­en gege­ben habe, auch wenn es zum Ende des Ers­ten Welt­krie­ges durch­aus zu Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen kam, die Neit­zel auf die auch im Mili­tär domi­nan­te Klas­sen­ge­sell­schaft zurück­führt. Er betont hin­ge­gen die Lern­fä­hig­keit des Mili­tärs, dem es gelang, auch den Stel­lungs­krieg zu meis­tern, der ihrer bis­he­ri­gen Dok­trin, in einem raschen Feld­zug die Ent­schei­dungs­schlacht zu suchen, so fun­da­men­tal wider­sprach. Aber auch hier gab die legen­dä­re Auf­trags­tak­tik den Aus­schlag, wenn es dar­um ging, die Stel­lun­gen mit Stoß­trupps in Bewe­gung zu bringen.

Die Reichs­wehr war auf­grund der Beschrän­kun­gen des Ver­sail­ler Ver­trags nicht mehr als eine Grenz­schutz­trup­pe, in der aus­gie­big Sport getrie­ben wur­de. Ent­ge­gen land­läu­fi­ger Mei­nung sei sie kein »Staat im Staa­te« gewe­sen, son­dern akzep­tier­te das Pri­mat der Poli­tik. Inter­es­sant ist die Reichs­wehr für Neit­zel vor allem als Zwi­schen­sta­ti­on auf dem Weg zur Wehr­macht, die ohne Lern­be­reit­schaft der Reichs­wehr und ohne deren her­vor­ra­gen­de Aus­bil­dung und Füh­rer­aus­wahl nie­mals in der Lage gewe­sen wäre, in weni­gen Jah­ren eine Mil­lio­nen­ar­mee auf die Bei­ne zu stel­len. Aller­dings hat­te die­ses Tem­po sei­nen Preis: »Sel­ten gin­gen deut­sche Streit­kräf­te so unvor­be­rei­tet in einen Krieg wie 1939.« Mit die­sem erstaun­li­chen Satz will Neit­zel aller­dings nur eine Über­schät­zung der eige­nen Kampf­kraft andeu­ten. Auch wenn Polen in einem Blitz­krieg, mit einer Ope­ra­ti­ons­füh­rung, die auf Schnel­lig­keit, Bewe­gung und Ent­schei­dung setz­te, besiegt wur­de, merk­ten genaue Beob­ach­ter doch, daß der deut­sche Sol­dat seit 20 Jah­ren kei­nen Krieg mehr geführt hat­te. Die Erfah­rungs­be­rich­te, auf die sich Neit­zel stützt, deck­ten Män­gel in der Kampf­füh­rung, in der Koor­di­na­ti­on und in der Auf­klä­rung auf, die durch die Leis­tung ein­zel­ner Füh­rer aus­ge­gli­chen wurden.

In der Fol­ge gelang es, die­se Män­gel weit­ge­hend abzu­stel­len, so daß die Wehr­macht bis zum Win­ter 1941 / 42 von Sieg zu Sieg eil­te. Der ent­schei­den­de Bruch setz­te laut Neit­zel ein, als die Wehr­macht sich nicht in der Lage zeig­te, den Kampf an die neu­en Gege­ben­hei­ten, in denen man nicht mehr über die Initia­ti­ve ver­füg­te, anzu­pas­sen. Die Wehr­macht fand kei­ne Ant­wort mehr, kämpf­te aber wei­ter­hin zäh bis zum bit­te­ren Ende. Die Grün­de für die­se Opfer­be­reit­schaft sieht Neit­zel in ver­schie­de­nen Fak­to­ren begrün­det, die in allen Pha­sen des Krie­ges zu einer star­ken Kohä­si­on der Trup­pe führ­ten, so daß die Wehr­macht nie Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen zeigte.

Daß die 1955 gegrün­de­te Bun­des­wehr eine ganz ande­re Armee sein soll­te, lag damals weni­ger an den von Neit­zel aus­gie­big behan­del­ten Ver­bre­chen, als an der beein­dru­cken­den Kampf­kraft der Wehr­macht. Die­se woll­ten sich die Alli­ier­ten im Kal­ten Krieg zunut­ze machen, ohne jemals wie­der Gefahr zu lau­fen, ihr gegen­über­ste­hen zu müs­sen. Die mit dem Auf­bau der Bun­des­wehr betrau­ten Wehr­machts­of­fi­zie­re hat­ten dem­entspre­chend ihren Frie­den mit der Tei­lung Deutsch­lands gemacht. Als schwe­re Bür­de erwies sich, daß die Bun­des­wehr zum einen als mili­tä­ri­sches Tausch­ob­jekt für die Erlan­gung einer poli­ti­schen Teil­sou­ve­rä­ni­tät gedacht war. Zum ande­ren stell­te sich durch die ato­ma­re Rüs­tung bald die Sinn­fra­ge für eine kon­ven­tio­nel­le Armee, die im Kriegs­fall als ers­tes ver­nich­tet zu wer­den droh­te. Um sich von der Tra­di­ti­on zu distan­zie­ren, kon­zi­pier­te man den »Staats­bür­ger in Uni­form«, der weni­ger sein Land als sei­ne Ver­fas­sung ver­tei­di­gen soll­te. Das ließ Unmut unter den­je­ni­gen Auf­kom­men, die den Sol­da­ten­be­ruf ganz bewußt als den eines Krie­gers und nicht eines Mili­tär­be­am­ten gewählt hatten.

Die The­sen der »Haupt­leu­te von Unna« von 1971 mar­kie­ren den Anfang einer Debat­te über den Zustand und die Auf­ga­be der Bun­des­wehr, die bis heu­te anhält. Man­geln­de Ein­satz­ori­en­tie­rung, zuneh­men­de Poli­ti­sie­rung und nach­las­sen­de Dis­zi­plin wur­den zwar auch vor­her hin und wie­der beklagt. Seit 1971 ist aber klar, daß sol­che Kri­tik, von Aus­nah­men abge­se­hen, kaum mit Unter­stüt­zung aus der Gene­ra­li­tät rech­nen kann. Die Ereig­nis­se der letz­ten Jah­re haben oft genug gezeigt, daß sich die Bun­des­wehr­füh­rung im Zwei­fel nicht vor ihre Sol­da­ten stellt.

Neit­zel deu­tet an, ohne es aus­zu­spre­chen, daß der Bun­des­wehr seit­dem gelun­gen ist, was kei­ner gesamt­deut­schen Armee zuvor gelang: den poli­ti­schen Sol­da­ten als das Maß aller Din­ge zu eta­blie­ren. Mit Rechts­ab­weich­lern hat die sich zuneh­mend als links­li­be­ral ver­ste­hen­de Bun­des­wehr seit den »Haupt­leu­ten von Unna« kei­ne Debat­ten mehr geführt, son­dern die­se in den Ruhe­stand ver­setzt oder aus der Trup­pe vergrault.

Daß Neit­zel einen Franz Uhle-Wett­ler (Gefechts­feld Mit­tel­eu­ro­pa, 1980) nur in einer Fuß­no­te und einen Gerd Schult­ze-Rhon­hof (Wozu noch tap­fer sein?, 1997) gar nicht erwähnt, obwohl bei­de für eine Wie­der­be­le­bung der Tra­di­ti­on des Krie­gers ein­ge­tre­ten sind, trübt den guten Ein­druck sei­nes Buches. Man kann die­se Ver­mei­dung von Kon­ta­mi­na­ti­on durch in der Öffent­lich­keit schlecht beleu­mun­de­te Namen für geschickt hal­ten. Das ver­lo­re­ne Ter­rain des Krie­ge­ri­schen kann nicht im Hand­streich zurück­er­obert wer­den kann. Man kann es aber auch für einen schlau­en Schach­zug sei­tens des Estab­lish­ments hal­ten, dem es dar­um geht, »die vie­len Sol­da­ten, die die Volks­par­tei­en an die AfD ver­lo­ren haben, zurück­zu­ho­len«, wie es im vor­letz­ten Satz des Buches heißt.

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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