Die Kunst der Krisenklugheit

von Till Kinzel 
PDF der Druckfassung aus Sezession 100/ Februar 2021

In einer unhei­len Welt, in der das Leben sich als täg­li­cher Kampf gegen die Bos­haf­tig­keit und den Irr­sinn erweist, bedarf jeder Ver­such der Selbst­be­haup­tung klu­ger Maß­re­geln. Im 17. Jahr­hun­dert, in dem vie­les drun­ter und drü­ber ging, entwickel­te der spa­ni­sche Jesu­it Bal­ta­sar Gra­cián als Reak­ti­on auf die Kri­sen der Zeit sei­ne Leh­re der Des­il­lu­sio­nie­rung. Schein und Sein galt es zu schei­den, und nir­gends wird das Spek­ta­kel einer vom Schein beherrsch­ten Welt ein­drucks­vol­ler in Sze­ne gesetzt als in Gra­ciáns Roman Der Kri­ti­kon (El Cri­ticón), spä­ter dann Namens­geber einer legen­dä­ren Zeitschrift. 

Als Quint­essenz sei­ner Über­le­bens­ma­xi­men wur­den Gra­ciáns Weis­hei­ten in einem Buch mit dem selt­sa­men Titel Hand­ora­kel und Kunst der Welt­klug­heit zusam­men­ge­faßt: Es ist das Lehr­buch einer skep­ti­schen Anthro­po­lo­gie für die­je­ni­gen, die »nicht zu einem Unge­heu­er von Narr­heit« wer­den wol­len (Sen­tenz Nr. 168).

Es gehört zu den unaus­rott­ba­ren anthro­po­lo­gi­schen Gege­ben­hei­ten, daß die Men­schen sich in der
Hoff­nung ein­rich­ten. Sie hof­fen, daß die seit Jah­ren im Kri­sen­mo­dus ope­rie­ren­de Poli­tik sich ändern wird. Sie hof­fen, daß end­lich wie­der eine boden­stän­di­ge Grup­pe von Poli­ti­kern auf­kom­men möge, die ohne ideo­lo­gi­sche Scheu­klap­pen sich an tat­säch­lich bestehen­den Pro­ble­men abar­bei­ten, statt sym­bol­po­li­ti­sche Schwer­punk­te zu set­zen und mit lust­vol­lem Eifer an der Ver­schär­fung bestehen­der und der Schaf­fung neu­er Pro­ble­me zu arbei­ten. Sie hof­fen aber auch, daß die sach­lich erfor­der­li­chen Neu­jus­tie­run­gen der poli­ti­schen Lage ohne eine Fort­set­zung jener inne­ren Feind­er­klä­run­gen von­stat­ten geht, die sich nicht nur in Deutsch­land inner­halb wie außerhalb der poli­ti­schen Par­tei­en zu einem belieb­ten Gen­re ent­wi­ckelt haben.

Hoff­nun­gen sind aber, wie man weiß, eitel, Erwar­tun­gen wenig wert, wenn kei­ne Macht exis­tiert,
die ihnen Gel­tung ver­schaf­fen kann. Und was Juli­en Freund ein­mal einem Pazi­fis­ten gegen­über mit
schla­gen­den Wor­ten auf den Punkt gebracht hat, gilt auch gene­rell: Man kann sich den
Feind­er­klä­run­gen der­je­ni­gen, die jede Oppo­si­ti­on macht- und wehr­los machen wol­len, nicht dadurch
ent­zie­hen, daß man ihnen erklärt, man sei nicht ihr Feind: »Es ist der Feind, der Sie selbst dazu erklärt.
Und wenn er möch­te, daß Sie sein Feind sind, dann kön­nen Sie ihnen die schöns­ten
Freund­schafts­be­kun­dun­gen erwei­sen. In dem Moment, in dem er Ihr Feind sein will, sind Sie es. Und er
wird Sie selbst noch dar­an hin­dern, Ihren Gar­ten zu kultivieren.« 

Heu­te zielt die­se Feind­er­klä­rung im Zei­chen der neo­fe­mi­nis­ti­schen, anti­ras­sis­ti­schen und deko­lo­ni­sie­ren­den Dis­kur­se auf den »fast voll­kom­me­nen Schul­di­gen«, näm­lich den wei­ßen Sün­den­bock (Pas­cal Bruck­ner), und sie zielt auf den Gedan­ken der Kon­ti­nui­tät einer Kul­tur.

Die – wie Jac­ques Ellul schla­gend nach­ge­wie­sen hat – auch für Demo­kra­tien cha­rak­te­ris­ti­schen
For­men der Pro­pa­gan­da lau­fen gegenwär­tig auf Hoch­tou­ren; ein Ende des alle gesellschaft­li­chen
Berei­che erfas­sen­den »zivil­ge­sell­schaft­li­chen« Gesin­nungs­mo­ra­lis­mus ist nicht abseh­bar und auch
von sei­ten der herr­schen­den Post­de­mo­kra­ten nicht erwünscht. Denn die Wider­stre­ben­den müs­sen in
ihren Hand­lungsoptio­nen so stark ein­ge­dämmt wer­den, daß ihnen jeg­li­che Hebel­wir­kung ent­zo­gen wird, die durch eine stär­ke­re media­le Prä­senz ihrer Dis­si­denz zuwach­sen könn­te. »Trump« – wohl­ge­merkt nicht die kon­kre­te Per­son die­ses Namens, son­dern bild­haft ver­stan­den als die Opti­on, der herrschen­den Haupt­strom­rich­tung über­haupt etwas ent­ge­gen­zu­set­zen, wie unvoll­kom­men es auch aus­se­hen mag –, »Trump« darf sich nach die­ser herr­schen­den Welt­sicht unter kei­nen Umstän­den wiederholen. 

Dem ent­spricht nicht nur die offen­sicht­lich mani­pu­la­ti­ve Ankün­di­gung der gro­ßen Netz­kraken,
Berich­te über Wahl­ma­ni­pu­la­tio­nen in den USA von ihren Netz­wer­ken zu löschen – und kurz vor Ende
sei­ner Amts­zeit auch die fak­ti­sche Löschung von Trump selbst. Dem Ziel ent­spricht vor allem die immer
wei­te­re Ver­brei­tung gleich­sam sub­ku­ta­ner Dau­er­pro­pa­gan­da, die den Wider­stand ratio­na­len Den­kens
allein schon durch Ermü­dung zu ver­hin­dern ver­mag. Gegen­über einer sol­chen Pro­pa­gan­da wird man
nur schwer stra­te­gisch ope­rie­ren kön­nen, wenn man nicht über sehr gro­ße finan­zi­el­le Mit­tel ver­fügt.
Nicht nur ohne Macht läßt sich nichts machen, auch ohne Geld sieht es schlecht aus.

Wir müs­sen uns also auf (un)absehbare Zeit dar­auf ein­stel­len, daß in die­sem unse­rem täg­lich
wun­der­li­cher wer­den­den Land eines nicht mehr mög­lich ist: die sach­li­che Dis­kus­si­on samt
anschlie­ßen­der Ent­schei­dung von Fra­gen, die für das gute Leben aller Staats­bür­ger einer Ent­schei­dung
zuge­führt wer­den müs­sen. Dazu gehört an ers­ter Stel­le die Ein­wan­de­rungs­fra­ge, die des­halb in
beson­de­rer Wei­se unter dem inzwi­schen fest eta­blier­ten Mora­li­sie­rungs­zwang steht: Wo Argumen­te
feh­len, da stel­len sich die nöti­gen mora­li­sie­ren­den Eti­ket­ten und Phra­sen recht­zei­tig ein. Wie sich das
aus­wirkt, hat Alex­an­der Wendt in prä­gnan­ter Form zusam­men­ge­faßt: »Ob es um Wind­rä­der geht,
Kli­ma­po­li­tik, den Weg zum EU-Ein­heits­staat, Rund­funk­ge­büh­ren, selbst Eindäm­mungs­maß­nah­men
gegen ein Virus: In diesen per­ma­nen­ten End­kämp­fen bil­det immer der Natio­nal­so­zia­lis­mus und ziem­lich oft Ausch­witz den zen­tra­len Punkt der his­to­ri­schen Per­spek­ti­ve, das abso­lut Böse.« 

Der prak­ti­sche Nut­zen die­ses all­zeit griff­be­rei­ten Nazi-Kurz­schlus­ses als einer Form der reduc­tio ad
Hit­ler­um liegt auf der Hand, wie Micha­el Klein von Sci­ence­files schreibt: »Fake News […] sind im Arse­nal der poli­ti­schen Pro­pa­gan­da eben­so unver­zicht­bar wie der All­zweck-Nazi, den man zu jeder Zeit, jeder Gele­gen­heit und an jedem belie­bi­gen Ort dem­je­ni­gen anhef­ten kann, der wider­spricht.« Nur vor die­sem Hin­ter­grund ergibt es auch Sinn, ange­sichts einer real weit­ge­hend phan­tas­ma­ti­schen
Rechts­extre­mis­mus-Gefahr sowie einer eigent­lich mit ande­ren Pro­ble­men belas­te­ten Gegen­wart eine außer­or­dent­li­che Res­sour­cen­ver­geu­dung ins Werk zu set­zen, wie sie das soge­nann­te Demo­kra­tie­för­der­ge­setz nun der Bun­des­re­gie­rung ermög­licht. Statt des Vol­kes – wie es die
tat­säch­li­che demo­kra­ti­sche Tra­di­ti­on immer hielt – wird hier der Staat selbst zum Trä­ger einer
»Demo­kra­tie« gemacht, die sich zu einer For­mel ent­leert hat und damit im Bereich des Poli­ti­schen eben
jenen Sub­stanz­ver­lust ver­kör­pert, der im Bereich von Bil­dung und Kul­tur schon län­ger mit Hän­den zu
grei­fen ist. 

Ein­mal mehr beflei­ßi­gen sich die­je­ni­gen Cli­quen, die sich den Staat und die von ihm gehät­schel­te
»Zivil­ge­sell­schaft« zur Beu­te gemacht haben, eine ideo­lo­gi­sche Hege­mo­nie aus­zu­bau­en, deren
Grund­la­gen in der nach­hal­ti­gen Dekon­struk­ti­on aller abend­län­di­schen Tra­di­tio­nen gelegt wur­den. Das
frei­heits­wid­ri­ge Defi­ni­ti­ons­mo­no­pol über zen­tra­le Begrif­fe wie »Demo­kra­tie«, »Par­la­men­ta­ris­mus«,
»Grund­rech­te«, »Grund­wer­te«, »Mei­nungs­frei­heit« usw. wird von Insti­tu­tio­nen in Anspruch genom­men, denen das schlicht nicht zukommt. Mil­li­ar­den­schwe­re Pro­pa­gan­da-Anstren­gun­gen des Staa­tes gegen sei­ne eige­nen Bür­ger, die pater­na­lis­tisch-mora­li­sie­rend dif­fa­miert und stig­ma­ti­siert wer­den, sind eine neue Qua­li­tät inne­rer Unru­he­stif­tung, die vom Staat selbst aus­geht und über die Trans­missions­rie­men der soge­nann­ten Zivil­ge­sell­schaft mit ihren satt­sam bekann­ten »Akteu­ren« den Sou­ve­rän selbst – näm­lich die Nati­on als die Gemein­schaft der Staats­bür­ger – als poli­ti­sches Sub­jekt aus­schal­ten soll. 

Wir sind also jen­seits aller ideo­lo­gi­schen Ver­schleie­rungs­be­mü­hun­gen der offi­ziö­sen »poli­ti­schen Bil­dung« kon­fron­tiert mit einer »Macht ohne Sou­ve­rän«, deren Tri­umph ein­her­geht mit einer »Demon­ta­ge des Bür­gers im Gesin­nungs­staat« (Ulrich Schödl­bau­er). Behält man die­sen Zusam­men­hang im Auge, begreift man die tie­fe­re Wahr­heit, die in der Erklä­rung der Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung, »Die Zivil­ge­sellschaft braucht das Demo­kra­tie­för­der­ge­setz!«, ent­hal­ten ist. 

Eine Gesell­schaft, die von einer der­art tief­grei­fen­den Sozio­pa­thie durch­drun­gen ist, läßt sich wohl
eher nicht kurz­fris­tig durch eine andere Zweck­pro­gram­mie­rung des insti­tu­tio­nel­len Han­delns ins Lot
brin­gen. Wer sich in der her­auf­zie­hen­den poli­ti­schen Käl­te warm anzie­hen muß, ist nun wie­der mehr und viel­leicht in ganz ande­rer Wei­se als in frü­he­ren Zei­ten auf Ver­hal­tens­leh­ren der Käl­te ange­wie­sen. Ihre Not­wen­dig­keit kann nicht auf Schlag­wor­te ein­ge­dampft wer­den. Die Suche nach einem neu­en
Hand­ora­kel, für das vie­les aus dem von Gra­cián über­nom­men wer­den muß, ist des­halb nicht vor­bei,
son­dern geht gera­de erst los.
Es muß dazu die gan­ze Tra­di­ti­on in ihrer his­to­ri­schen, phi­lo­so­phi­schen und reli­giö­sen Tie­fe ange­zapft
und neu erschlos­sen wer­den. Es genügt nicht mehr, zu Carl-Schmitt-Exzerp­ten zu grei­fen. Es muß
wie­der ange­knüpft wer­den an Hegel und Fich­te, an Scho­pen­hau­er und Gracián, an Geh­len und
Schelsky, aber auch an diejeni­gen Den­ker ande­rer Natio­nen, die in Kri­tik und Gegen­kri­tik die zen­tra­len
Errun­gen­schaften des »Abend­lan­des« bzw. Euro­pas auch gegen die selbst­de­struk­ti­ven eige­nen
Ten­den­zen ver­tei­digt haben – Den­ker wie Rémi Bra­gue, Edmund Bur­ke, James Burn­ham, Chan­tal Dels­ol, Juli­en Freund, Roma­no Guar­di­ni, Rus­sell Kirk, C. S. Lewis, Pierre Manent, Josef Pie­per, Roger Scrut­on oder Alex­an­der Solschenizyn. 

Es ist kei­ne belie­bi­ge Neben­sa­che, wenn hier auf kon­kre­te Per­so­nen ver­wie­sen wird, nicht auf Par­tei­en, Orga­ni­sa­tio­nen oder Insti­tu­tio­nen. Denn die­se sind nur soviel Wert, wie es in ihnen ent­wi­ckel­te Per­so­na­li­tät und damit per­so­na­le Ver­ant­wor­tung – auch im Den­ken – gibt. Eine Maxi­me für das zu schrei­ben­de Hand­ora­kel von Ver­hal­tens­leh­ren für unse­re Kri­sen­welt fin­det sich bei Nicolás Gómez Dávila: »Was ent­per­so­na­li­siert, ver­schlech­tert.« Und Gra­cián selbst, für den es dar­auf
ankam, »das Licht der Des­il­lu­si­on zu gewin­nen« und im empha­ti­schen Sin­ne Per­son zu wer­den,
mahnt: »Nicht wirk­sam schei­nen, son­dern sein.« 

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