Im Zugriff des Widersachers

PDF der Druckfassung aus Sezession 100/ Februar 2021

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Carl Schmitts berühm­ter Satz, sou­ve­rän sei, wer über den Aus­nah­me­zu­stand bestim­me, klang den Bewoh­nern der BRD immer hero­isch-fremd in den Ohren, hat­te den Geschmack über­wun­de­ner Krie­ge und Tota­li­ta­ris­men. Die demo­kra­ti­sche Wäh­ler­schaft emp­fand sich selbst als Sou­ve­rän, defi­nier­te ihre eige­ne Zustän­dig­keit aller­dings über Begrif­fe wie »Par­ti­zi­pa­ti­on« und »Demo­kra­tie« statt über »den Ausnahmezustand«.

Das Jahr 2020 stellt pri­ma facie einen Bruch dar. Es han­delt sich, wie ich dar­le­gen will, aber nicht um den Bruch mit Demo­kra­tie und Grund­ge­setz. An deren Real­exis­tenz hat das BRD-Volk eini­ge Jahr­zehn­te geglaubt. Mir ist im Lauf die­ses Jah­res immer wie­der schmerz­lich bewußt gewor­den, wie stark das Nar­ra­tiv von »unse­rer Demo­kra­tie« und deren Ver­tei­di­gung in bei­den poli­ti­schen Lagern wirkt: Die Adep­ten der Neu­en Welt­ord­nung ver­tei­di­gen sie gegen »Ver­schwö­rungs­ex­tre­mis­ten, Reichs­bür­ger und Quer­den­ker«, und die so titu­lier­te Oppo­si­ti­on schwenkt hilf­los das Grund­ge­setz oder trägt es sym­bo­lisch zu Grabe.

Wenn 2020 also bür­ger­li­che Grund­rech­te (zuerst ging es um Ver­samm­lungs­frei­heit: die »Coro­na­de­mos«, dann um Mei­nungs­frei­heit: das Framing kri­ti­scher Bür­ger als »Coro­nal­eug­ner«, dann um die Rei­se­frei­heit: Grenz­schlie­ßun­gen inner­halb Euro­pas, spä­ter Über­tritt nur mit nach­fol­gen­der Qua­ran­tä­ne oder Test, dann um Rede­frei­heit: die Löschung »coro­na­kri­ti­scher« You­Tube-Kanä­le und Netz­prä­sen­zen, dann um das Gleich­be­hand­lungs­ge­setz: Nicht­ge­impf­te dür­fen dis­kri­mi­niert wer­den, dann um kör­per­li­che Unver­sehrt­heit: die »Coro­na­imp­fung«) aus­ge­setzt wur­den, dann kam die­se Ent­wick­lung nicht uner­wart­bar. Der »demo­kra­ti­sche Wider­stand« (es gibt sogar eine neue Par­tei, die sich ent­spre­chend nennt) zehrt von einer Illu­si­on, und er wird – in Abwand­lung des Böcken­för­de-Dik­tums – auch noch gerau­me Zeit davon zeh­ren kön­nen, näm­lich genau so lan­ge, wie öko­no­mi­sche Sät­ti­gung und Pro­pa­gan­da »unse­re Demo­kra­tie« als Fas­sa­de gewähr­leis­ten können.

Aus dem Gesche­hen hin­ter der Fas­sa­de hat der poli­ti­sche Jour­na­list Paul Schrey­er in sei­nem jüngst erschie­ne­nen Buch Chro­nik einer angekün­dig­ten Kri­se einen wich­ti­gen Teil her­aus­prä­pa­riert. Mit die­sem Buch läßt sich erklä­ren, wes­halb es sich bei dem, was der­zeit umge­setzt wird, nicht um einen Bruch han­delt, son­dern um eine Kulmination.

Schrey­er schil­dert, wie die »Pan­de­mie«, die im Janu­ar 2020 in Chi­na aus­ge­bro­chen sein soll, in soge­nann­ten (erst rein mili­tä­ri­schen, spä­ter gleich­zei­tig gesund­heits­po­li­ti­schen) Plan­spie­len vor­be­rei­tet wor­den ist. »Vor­be­rei­tet« bedeu­tet hier prä­zi­se, daß natür­lich jeder­zeit rea­le Pan­de­mien aus­bre­chen kön­nen durch Krank­heits­er­re­ger, zudem in Zei­ten der ABC-Kriegs­füh­rung Bio­waf­fen (beson­ders in den Hän­den nicht­staat­li­cher Kriegs­par­tei­en) eine stän­di­ge Bedro­hung dar­stel­len, so daß die­se bei­den Mög­lich­kei­ten es plau­si­bel abstreit­bar machen (plau­si­ble denia­bi­li­ty), man pla­ne eine sol­che Pan­de­mie. Die prin­zi­pi­el­le Plan­bar­keit lie­fert also, dies gilt es fest­zu­hal­ten, kei­nen Beweis für die Geplant­heit just die­ser »Covid-19-Pan­de­mie«. Kri­sen­plan­spie­le eines ver­ant­wor­tungs­be­wuß­ten Staa­tes oder Aus­lo­tung mani­pu­la­ti­ver Mög­lich­kei­ten? Wer der Regie­rung nicht mehr viel glaubt, gerät in einen vagen Zwi­schen­zu­stand und hält fast alles für plausibel.

Der »Kampf gegen die Viren«, so Schrey­ers Recher­che, begann schon in den 1990er Jah­ren als »Kampf gegen den Bio­ter­ror«. Seit­her wur­den in Plan­spie­len immer wie­der Pan­de­mie-Sze­na­ri­en geprobt, erst in den USA, spä­ter inter­na­tio­nal abge­stimmt, auch mit deut­scher Betei­li­gung. Betei­ligt waren stets hoch­ran­gi­ge Behör­den- und Regie­rungs­ver­tre­ter sowie bekann­te Jour­na­lis­ten, zuletzt, bei »Event 201« im Okto­ber 2019, auch Vor­stands­mit­glie­der gro­ßer Welt­kon­zer­ne. In den »Dreh­bü­chern«, so Paul Schrey­er, tauch­ten schon vor 20 Jah­ren Pas­sa­gen wie die­se auf: »Der Anblick von bewaff­ne­ter Mili­tär­prä­senz in ame­ri­ka­ni­schen Städ­ten pro­vo­ziert Pro­tes­te gegen die Beschnei­dung der bür­ger­li­chen Frei­hei­ten […] Die Fra­ge ist, wie und in wel­chem Maße wir die­se Din­ge durch­set­zen. Wie­viel Gewalt wen­det man an, um die Men­schen in ihren Häu­sern zu hal­ten?« Im Fal­le einer Pan­de­mie könn­ten »grund­le­gen­de Bür­ger­rech­te wie das Ver­samm­lungs­recht oder die Rei­se­frei­heit nicht län­ger für selbst­ver­ständ­lich« genom­men wer­den. Frei­heits­be­schrän­kun­gen, aber auch Mas­sen­imp­fun­gen, waren regel­mä­ßi­ger Bestand­teil der Planspiele.

Paul Schrey­ers gedank­li­che Folie ist aller­dings »unse­re Demo­kra­tie«, her­rüh­rend aus einem sehr ame­ri­ka­ni­schen Grund­ver­ständ­nis von bür­ger­li­cher Frei­heit (»Erst das gemein­sa­me, alle Men­schen umfas­sen­de Erkennt­nis­in­ter­es­se hält die Gesell­schaft zusam­men«), was sei­ne ein­zel­nen his­to­ri­schen Beob­ach­tun­gen nicht schmä­lert. Ich fas­se Schrey­er zusam­men: Die Maschi­ne war seit lan­gem schon ein­satz­be­reit, 2020 wur­de nur der Vor­hang zurückgezogen.

Der Sou­ve­rän ist unter­der­hand, ohne daß es die Öffent­lich­keit bemerkt hat, nach oben gewan­dert: Nicht mehr die Natio­nal­staa­ten sind die Glo­bal play­ers, son­dern supra­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen, Pri­vat­fir­men, soge­nann­te phil­an­thro­pi­sche Stif­tun­gen und die dar­aus rekru­tier­ten Bera­ter­stä­be der Regie­run­gen. Sowohl die Ver­äch­ter des Natio­nal­staats als auch sei­ne Ver­tei­di­ger strei­ten womög­lich um einen toten Gaul. Der Sou­ve­rän ist ein Geflecht aus Exper­ten, Finan­ziers und in die­ses Geflecht ein­ge­wo­be­ne, durch die Selek­ti­ons­prin­zi­pi­en der Macht empor­ge­kom­me­ne Poli­ti­ker. Die Plan­spie­le sind bloß eine medi­al jeder­zeit ­ein­seh­ba­re ­öffent­li­che Aus­drucks­form die­ser Neu­en Welt­ord­nung, ihr fik­tio­na­ler Cha­rak­ter löst jeg­li­che Ver­ant­wor­tung für etwai­ge Rea­li­sie­rung auf.

Ich war­te an die­ser Stel­le mit zwei Des­il­lu­sio­nie­rungs­zu­mu­tun­gen auf. Ers­tens: Es ist nicht inner­halb eines Jah­res die Demo­kra­tie abge­schafft und die »Coro­na­dik­ta­tur« ein­ge­führt wor­den – was die Hoff­nung der unbe­irr­ba­ren Demo­kra­ten zunich­te machen könn­te. Genau­so­we­nig sind zwei­tens die Natio­nal­staa­ten erstarkt, weil sie plötz­lich sehr wohl Gren­zen schlie­ßen konn­ten, den Aus­nah­me­zu­stand aus­ge­ru­fen haben und ihn mit har­ter Hand ver­wal­ten – was die Hoff­nung der unbe­irr­ba­ren Kon­ser­va­ti­ven zunich­te machen könnte.

Unter dem Titel »10 Stra­te­gien, die Gesell­schaft zu mani­pu­lie­ren« fin­det sich eine ziem­lich genaue Bau­an­lei­tung zu einem Gesell­schafts­mo­dell, von dem ich im Som­mer 2019 in einem Blog­ar­ti­kel auf Sezes­si­on im Netz annahm, daß es bereits ver­wirk­licht ist (dar­aus wird zusätz­lich erkenn­bar, daß die Zäsur des ver­gan­ge­nen Jah­res kei­ne abrup­te ist). Das Manu­al geht auf eine Schrift zurück, deren Ursprung obskur ist. Sie soll 1986 in einem aus­ge­mus­ter­ten Kopie­rer der US-Streit­kräf­te gefun­den wor­den sein und wird seit­dem in Trut­her-Krei­sen unter dem Namen »Silent Wea­pons« im Inter­net als Hand­rei­chung für Social engi­nee­ring gehan­delt. Auch wenn der Inhalt älte­ren Welt­herr­schafts­an­lei­tun­gen aus trü­ber Quel­le gleicht, wir­ken die Aus­sa­gen für die­je­ni­gen, die nach einem Sinn im gegen­wär­ti­gen Gesche­hen suchen, wie der Schlüs­sel zum Schloß. Aber die Tür wird sich nicht öff­nen. Hier gilt das Prin­zip der rück­wir­ken­den Pro­phe­zei­ung: Sie ist gleich­zei­tig rela­tiv (im Wust der gele­ak­ten, gestreu­ten, ver­ges­se­nen und auf­ge­tauch­ten Plä­ne fin­det sich immer ein gera­de pas­sen­der) und abso­lut (das Beschrie­be­ne wird heu­te tat­säch­lich Punkt für Punkt aus­ge­führt). Auch hier ist der Beob­ach­ter in einem Vexier­bild gefangen.

 

1. Von gro­ßen Pro­ble­men durch Neben­schau­plät­ze und »Hal­tet den Dieb«-Manö­ver ablen­kenDas sind aktu­ell die Mas­kenzwang-Dis­kus­si­on und die atem­be­rau­ben­de Gleich­set­zung von Ter­ro­ris­mus, Rechts­ex­tre­mis­mus und »Ver­schwö­rungs­theo­rien«, in deren Schat­ten der Gre­at Reset instal­liert wird.

2. Pro­ble­me schaf­fen, deren Lösung man dann sel­ber anbie­tet – Das ist die »Plan­de­mie«, die unver­züg­lich welt­um­span­nen­de Maß­nah­men zu ihrer Bekämp­fung ein­for­dert, oder auch die »Coro­na-Finanz­hil­fen« für Lock­down-Plei­ten aus dem Staats­bud­get, das sei­ner­seits u. a. durch ewi­ge Anlei­hen bei der Welt­bank auf­recht­erhal­ten wird.

3. Stü­cke­lung der durch­zu­set­zen­den Maß­nah­men in Scheib­chen, die alle nach und nach geschluckt wer­den – Das ist die Stei­ge­rung Mas­ke – Test – Imp­fung. Hin­zu kommt das exper­to­kra­ti­sche »Andis­ku­tie­ren« mög­li­cher, zuerst vehe­ment aus­ge­schlos­se­ner, dann wie selbst­ver­ständ­lich umge­setz­ter Maß­nah­men nach der Devi­se: »Nie­mand hat die Absicht …«.

4. »Opfer brin­gen für das höhe­re Ziel« schweißt die Geop­fer­ten zusam­men und macht sie gefü­gig – Das ist das »One world tog­e­ther at home«, die Welt­volks­ge­mein­schaft im Kampf gegen den unsicht­ba­ren Feind, gegen den, eben weil er nicht mensch­lich ist, wenn man Carl Schmitt wei­ter­denkt, ein »Krieg bis zur äußers­ten Unmensch­lich­keit getrie­ben wer­den« kann.

5. Infan­ti­li­sie­rung der Spra­che ver­ne­belt Zusam­men­hän­ge und gibt grif­fi­ge For­meln fürs Volk aus – Das sind der »Babye­le­fant«, »dei­ne All­tags­mas­ke« und der neue deut­sche Gruß »Blei­ben Sie gesund!«; das Sprach­re­gime beflei­ßigt sich aber auch tie­fer­ge­hen­der Meta­pho­rik, z. B. die Grund­rech­te in »Son­der­rech­te für Geimpf­te« umzu­be­nen­nen oder die »neue Nor­ma­li­tät« als voll­ende­te Tat­sa­che zu kommunizieren.

6. Emo­tio­na­li­sie­rung der Poli­tik biegt die­se aufs Sub­jek­tiv-Per­sön­li­che zurück – Das Argu­ment: »Sonst ster­ben Men­schen!« dient als Pas­se­par­tout-Holz­ham­mer und führt zu einer Eska­la­ti­on der Gewalt­rhetorik (»Ich wün­sche Ihnen, daß Sie ohne Beatmung elend kre­pie­ren!«) und der schwar­zen Päd­ago­gik (»Du willst doch, daß Oma Weih­nach­ten noch lebt?«).

7. Unbil­dung durch sys­te­ma­ti­sche Nivel­lie­rung des Bil­dungs­sys­tems – Auto­ri­täts­hö­rig­keit gegen­über der Wis­sen­schaft bei gleich­zei­ti­ger Aus­schal­tung der »Irr­tums­wahr­schein­lich­keit« (Peter Stroh­schnei­der); das Nar­ra­tiv der »Info­de­mie« schal­tet Kri­tik aus zuguns­ten »ver­läß­li­cher Quel­len« aus der­sel­ben ideo­lo­gi­sier­ten Wis­sen­schaft. Die Virus-Meta­pher läßt unter der Wahr­neh­mungs­schwel­le Medi­en- und Medi­zin­sys­tem mit­ein­an­der verschmelzen.

8. Ver­blö­dung: Man befeue­re das Volk, sei­ne eige­ne Pri­mi­ti­vi­sie­rung, Bar­ba­ri­sie­rung und Pro­le­ta­ri­sie­rung »geil« zu fin­den – Die Hel­den des »Coro­na­win­ters 2020« sind – so trug es eine genia­le Propaganda­kampagne der Bun­des­re­gie­rung in jedes Wohn­zim­mer – die Normal­ameisen, die auf dem Sofa gam­meln, schnel­les Fut­ter ange­lie­fert bekom­men, ihrem Sexu­al­trieb frö­nen und zur Abwechs­lung Net­flix-Seri­en schau­en. Also: nach innen Faul­heit, Kon­sum­ab­hän­gig­keit und Medi­en­sucht, nach außen Her­den­ver­hal­ten und Aggres­si­vi­tät gegen­über den neu­en Sün­den­bö­cken – das ist als neue Gemein­schafts­mo­ral beson­ders den ent­spre­chend vorideo­lo­gi­sier­ten Genera­tio­nen leicht vermittelbar.

9. Schuld­kult: Wer den Leu­ten ein­re­den kann, an irgend etwas schuld zu sein, macht sie erpreß­bar – Schon Kin­der ler­nen, sich selbst als gefähr­li­che Seu­chen­über­trä­ger zu sehen; das Ver­hal­ten der Normab­weich­ler dient als Recht­fer­ti­gung für immer här­te­re Maß­nah­men. Die Kom­bi­na­ti­on: »Die Poli­ti­ker sind dafür, daß alle Leu­te immer Mas­ke tra­gen, weil sie wol­len, daß wir Kin­der wei­ter zur Schu­le gehen dür­fen, und nicht wegen der Blö­den ohne Mas­ken zu Hau­se blei­ben müssen.«

10. Glä­ser­ne Men­schen: über den ein­zel­nen mehr zu wis­sen, als er sel­ber weiß, und ihm dies sub­til zu ver­ste­hen zu geben – Sozia­le Kon­trol­le mit Hil­fe von Kon­takt­ver­fol­gung, Gesichts­er­ken­nung, Gesund­heits­da­ten­spei­che­rung, E‑Impfpaß etc. wird als neue Selbst­ver­ständ­lich­keit kom­mu­ni­ziert. Der wesent­li­che Mecha­nis­mus ist dabei, daß man zu Wohl­ver­hal­ten nicht offen gezwun­gen wird, son­dern sich selbst zwingt, weil man Angst vor den Fol­gen hat, oder umge­kehrt für Wohl­ver­hal­ten belohnt wer­den möchte.

 

Aus­weg­lo­sig­keit haben wir uns immer anders vor­ge­stellt: ver­lo­re­ne Pos­ten, Ver­tei­di­gung, Selbst­ver­sor­gung, Zurück­ge­wor­fen­sein auf die eige­nen phy­si­schen und geis­ti­gen Bestän­de, auf Dis­zi­plin und Maß. Im Grun­de genom­men sind dies die Sie­ben­sa­chen der Kon­ser­va­ti­ven Revolution.

Der Sou­ve­rän bestimm­te den Aus­nah­me­zu­stand nun anders, und unse­re dar­aus resul­tie­ren­de Aus­weg­lo­sig­keit ist eine ande­re. Wir befin­den uns mit­ten im Mani­pu­la­ti­ons- und Plan­spiel, und die­ses wird auch lan­ge noch nicht an sein Ende kom­men. Ande­re Sie­ben­sa­chen wer­den nötig sein.

Rudolf Stei­ner beschreibt in eini­gen Vor­trä­gen des Jah­res 1919, an wel­chen Stel­len der heu­ti­ge Mensch dafür emp­fäng­lich ist, sich Mani­pu­la­tio­nen hin­zu­ge­ben und sich bereit­wil­lig ver­pla­nen zu las­sen, sowohl von kon­kre­ten Mit­men­schen als auch von über­ge­ord­ne­ten Prinzipien.

Eine Zugriffs­stel­le der Wider­sa­cher­kräf­te ist die schier gren­zen­lo­se Auto­ri­täts­hö­rig­keit in Form der Wis­sen­schafts­gläu­big­keit. Es ist eben­des­halb über­haupt erst mög­lich gewor­den, fast die gesam­te heu­ti­ge Mensch­heit in das »Pandemie«-Szenario zu ver­wi­ckeln, weil die mate­ria­lis­ti­sche Wis­sen­schaft unum­stöß­li­che reli­giö­se Auto­ri­tät erlangt hat. Ganz ähn­lich wie bei der Ver­tei­di­gung der Demo­kra­tie, die sowohl von den Eli­ten als auch von ihren Geg­nern vor­ge­bracht wird, ver­hält es sich mit der Wis­sen­schaft: Der Aus­druck »evi­denz-« oder »fak­ten­ba­siert« wird exzes­siv ins Feld geführt, und zwar, ohne daß die jewei­li­ge Gegen­sei­te sich davon beir­ren ließe.

Die zwei­te offen­lie­gen­de Zugriffs­stel­le für den ahri­ma­ni­schen Gegen­geist ist die Spal­tung der Gesell­schaft. Divi­de et impe­ra ist sein uraltes Herr­schafts­prin­zip. Was wir 2017 in Mit Lin­ken leben als Riß zwi­schen Ver­trau­en und Miß­trau­en in die Mas­sen­me­di­en, zwi­schen Iden­ti­tä­ren und Glo­ba­lis­ten, zwi­schen Rea­lis­ten und Uto­pis­ten beob­ach­tet hat­ten, war bereits eine kras­se Pola­ri­sie­rung. Die­ser Riß ist noch ver­tieft wor­den durch das poli­ti­sche Groß­nar­ra­tiv »Coro­na«. Eine gespal­te­ne Gesell­schaft läßt sich treff­lich regie­ren und unbe­merkt umge­stal­ten, wäh­rend sie sich in Lager­kämp­fen zer­reibt, die Feind­mar­kie­rung wirkt stabilisierend.

Die drit­te Zugriffs­stel­le ist meta­phy­si­scher Natur. Solan­ge die Beschrei­bung des Sta­tus quo auf den Ebe­nen der Wis­sen­schaft und der Poli­tik lie­gen­bleibt und »Reli­gi­on« als mora­lisch-psy­cho­lo­gi­scher Kitt für die Ris­se ver­wen­det wird (»Die Kri­se hat uns alle acht­sa­mer gemacht, es gibt eine neue Soli­da­ri­tät«, heißt es fürs Volk, die Eli­ten schla­gen aus der mensch­li­chen Ver­letz­lich­keit unter dem Schlag­wort Vul­nera­bi­li­ty per­ver­se Pro­fi­te), sind die Leu­te leich­te Beu­te des unsicht­ba­ren Bösen.

Was hilft dagegen?

Im Den­ken: Zuvör­derst der unab­läs­si­ge Ver­such, mit weit auf­ge­sperr­ten Augen die Zeit­läuf­te zu beob­ach­ten, kei­ner unge­prüf­ten Vor­stel­lung Ein­laß in das eige­ne Bewußt­sein zu gewäh­ren. Die media­len Mel­dun­gen auch inso­weit zu über­den­ken, wie sie in einem selbst Anti­pa­thie und Sym­pa­thie erzeu­gen, also den Bestä­ti­gungs­feh­ler bei der Rezep­ti­on der eige­nen Lieblings-»Verschwörungstheorien« mit­zu­re­flek­tie­ren. Dazu gehört, eige­ne alte Illu­sio­nen und Not­nä­gel des Den­kens los­zu­wer­den, aber nicht vor­schnell etwa »die Wis­sen­schaft« oder »die Demo­kra­tie« zu ver­wer­fen. Die­se wären als regu­la­ti­ve Ideen im Kant­schen Sin­ne zu verstehen.

Im Füh­len: Hier sind Sym­pa­thie und Anti­pa­thie eigent­lich behei­ma­tet. Inter­es­sant zu beob­ach­ten war im Som­mer 2020 die Ein­schät­zung vie­ler Rech­ter gegen­über den »Quer­den­kern«. Mas­sen­be­geis­te­rung steckt an und schreckt ab: Die­se Mecha­nis­men gilt es, auf sich wir­ken zu las­sen, indem man etwa vor Ort die Emo­tio­nen auf­sucht und sich dabei nicht anste­cken läßt. (Das ist fast wie eine Medi­ta­ti­ons­übung.) Die Lager­spal­tung immer wie­der zu unter­lau­fen und zu pro­bie­ren, noch mit den ver­na­gelts­ten »Zeu­gen Coro­nas« oder den ver­ängs­tigts­ten Impf­geg­nern ohne Pole­mik ins Gespräch zu kom­men, schult die eige­ne Men­schen­kennt­nis. Wer sich in die­ser sozia­len Pra­xis übt, ver­stellt dem Tei­le-und-herr­sche-Prin­zip den Weg.

Im Wol­len: Die gött­li­che Tugend der Hoff­nung wird der­zeit beson­ders hart auf die Pro­be gestellt. Das Spiel gau­kelt stän­dig sein eige­nes Ende vor (»Erst mit der Imp­fung ist die Kri­se vor­bei«), doch ein­mal instal­lier­te Macht­me­cha­nis­men haben die Ten­denz, nicht mehr zu ver­schwin­den. Die Devi­se soll­te lau­ten: die Lage als Wirk­lich­keit anneh­men und nicht uto­pisch weg­flit­zen in die Zeit »nach Coro­na« oder, invers-uto­pisch, in die Zeit davor, »als alles noch hei­le war«. Die Hoff­nung rich­te sich also nicht auf Los­wer­den des Unglücks, son­dern auf sei­ne heil­sa­me Wir­kung: am Unglück erst zu bemer­ken, daß der Mensch auf Gna­de ange­wie­sen ist. Die Hoff­nung auf Erlö­sung nicht mehr poli­tisch zu den­ken, son­dern auf Gott hin­wei­send, wür­de die drit­te offe­ne Zugriffs­stel­le des Bösen zu ver­schlie­ßen helfen.

 

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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