Sezession
1. Mai 2005

Zur Aktualität Spenglers

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession Sonderheft Spengler / Mai 2005

von Frank Lisson

Das Gefühl, in einer Zeit des kulturellen Niedergangs zu leben, gehört vielleicht zu den wirkungsmächtigsten Empfindungen, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland um sich griffen und die am Ausgang des Kaiserreichs fast alle damals geistig schöpferischen Menschen auf irgendeine Weise in ihrem Denken geformt und gesteuert hatten. Was heute eher abgegriffen klingt und allenfalls noch als ironische Bemerkung daherzukommen wagt – „Der Untergang des Abendlandes“ – war damals weit mehr als nur ein Schlagwort. Es war Ausdruck einer dumpfen Gewißheit von existentieller Bedrohung.

Der Niedergang einer Kultur ist freilich nichts, was mit wissenschaftlichen Methoden zu messen oder zu beweisen wäre, sondern zunächst eine Ahnung, ein Bewußtwerden, das sich als Gefühl der Leere, als geistiges Unbehagen einschleicht wie ein verdeckt operierender Feind. Doch Verfall war immer. Seit es Kultur gibt, wird ihr Niedergang beklagt. Zu allen Zeiten lagen aufsteigende und niedergehende Lebensprozesse miteinander im Streit. Aber in den Tagen nach dem Ersten Weltkrieg spürten besonders viele Menschen, daß sich die kulturellen Verhältnisse grundlegend und dauerhaft ändern würden, spürten, daß eine Epoche und mit ihr eine Lebensform zu Ende gegangen war. Dieses Klima hat die Aufnahme des Buches Der Untergang des Abendlandes zweifellos begünstigt. Die Welle der Resonanz, die der Kulturphilosoph damit seinerzeit auslöste, ist heute nur noch schwer vorstellbar. Ende des Jahres 1918 erschienen, ging das Buch bereits 1920 in die zweiundzwanzigste Auflage.
Ironischerweise verdankte Spengler den enormen Erfolg seines Hauptwerks zunächst einem Mißverständnis. Die Niederlage Deutschlands 1918 sowie der darauf folgende Sturz der Monarchie – beides von den meisten Deutschen wie ein Schock empfunden – machte weite Teile des Volkes empfänglich für apokalyptische Theorien. Nicht nur den alten Eliten, sondern fast dem gesamten Bildungsbürgertum war eine Welt zusammengebrochen. Beinahe tröstend also, im Untergang der „Welt von gestern“ – denn genau das und nichts anderes hatte Spengler mit seinem Buch gemeint – gleich den Untergang der gesamten gesitteten Welt erkennen zu wollen. Decline of the West lautet die nicht weniger irreführende englische Übersetzung des Titels.
Noch vor Herausgabe des zweiten Bandes beklagt der Autor in dem Aufsatz Pessimismus? von 1921 die offenkundige Fehldeutung, die zum Erfolg seines Buches beigetragen hat, weil der Titel zum Schlagwort einer „Mode“ geworden sei. „Aber es gibt Menschen, welche den Untergang der Antike mit dem Untergang eines Ozeandampfers verwechseln. Der Begriff einer Katastrophe ist in dem Worte nicht enthalten. Sagt man statt Untergang Vollendung, ein Ausdruck, der im Denken Goethes mit einem ganz bestimmten Sinn verbunden ist, so ist die ,pessimistische‘ Seite einstweilen ausgeschaltet, ohne daß der eigentliche Sinn des Begriffs verändert worden wäre“. Dieses Mißverständnis haftet seinem Werk bis heute an. Bezeichnend dafür ist der Fall jener älteren Dame, die gestand, Spenglers Buch zwar nicht gelesen zu haben, ihn aber um Rat bat, wo und wie sie ihre Wertpapiere jetzt anlegen solle ...


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