Zur Aktualität Spenglers

pdf der Druckfassung aus Sezession Sonderheft Spengler / Mai 2005

von Frank Lisson

Das Gefühl, in einer Zeit des kulturellen Niedergangs zu leben, gehört vielleicht zu den wirkungsmächtigsten Empfindungen, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland um sich griffen und die am Ausgang des Kaiserreichs fast alle damals geistig schöpferischen Menschen auf irgendeine Weise in ihrem Denken geformt und gesteuert hatten. Was heute eher abgegriffen klingt und allenfalls noch als ironische Bemerkung daherzukommen wagt – „Der Untergang des Abendlandes“ – war damals weit mehr als nur ein Schlagwort. Es war Ausdruck einer dumpfen Gewißheit von existentieller Bedrohung.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.


Der Nie­der­gang einer Kul­tur ist frei­lich nichts, was mit wis­sen­schaft­li­chen Metho­den zu mes­sen oder zu bewei­sen wäre, son­dern zunächst eine Ahnung, ein Bewußt­wer­den, das sich als Gefühl der Lee­re, als geis­ti­ges Unbe­ha­gen ein­schleicht wie ein ver­deckt ope­rie­ren­der Feind. Doch Ver­fall war immer. Seit es Kul­tur gibt, wird ihr Nie­der­gang beklagt. Zu allen Zei­ten lagen auf­stei­gen­de und nie­der­ge­hen­de Lebens­pro­zes­se mit­ein­an­der im Streit. Aber in den Tagen nach dem Ers­ten Welt­krieg spür­ten beson­ders vie­le Men­schen, daß sich die kul­tu­rel­len Ver­hält­nis­se grund­le­gend und dau­er­haft ändern wür­den, spür­ten, daß eine Epo­che und mit ihr eine Lebens­form zu Ende gegan­gen war. Die­ses Kli­ma hat die Auf­nah­me des Buches Der Unter­gang des Abend­lan­des zwei­fel­los begüns­tigt. Die Wel­le der Reso­nanz, die der Kul­tur­phi­lo­soph damit sei­ner­zeit aus­lös­te, ist heu­te nur noch schwer vor­stell­bar. Ende des Jah­res 1918 erschie­nen, ging das Buch bereits 1920 in die zwei­und­zwan­zigs­te Auflage.
Iro­ni­scher­wei­se ver­dank­te Speng­ler den enor­men Erfolg sei­nes Haupt­werks zunächst einem Miß­ver­ständ­nis. Die Nie­der­la­ge Deutsch­lands 1918 sowie der dar­auf fol­gen­de Sturz der Mon­ar­chie – bei­des von den meis­ten Deut­schen wie ein Schock emp­fun­den – mach­te wei­te Tei­le des Vol­kes emp­fäng­lich für apo­ka­lyp­ti­sche Theo­rien. Nicht nur den alten Eli­ten, son­dern fast dem gesam­ten Bil­dungs­bür­ger­tum war eine Welt zusam­men­ge­bro­chen. Bei­na­he trös­tend also, im Unter­gang der „Welt von ges­tern“ – denn genau das und nichts ande­res hat­te Speng­ler mit sei­nem Buch gemeint – gleich den Unter­gang der gesam­ten gesit­te­ten Welt erken­nen zu wol­len. Decli­ne of the West lau­tet die nicht weni­ger irre­füh­ren­de eng­li­sche Über­set­zung des Titels.
Noch vor Her­aus­ga­be des zwei­ten Ban­des beklagt der Autor in dem Auf­satz Pes­si­mis­mus? von 1921 die offen­kun­di­ge Fehl­deu­tung, die zum Erfolg sei­nes Buches bei­getra­gen hat, weil der Titel zum Schlag­wort einer „Mode“ gewor­den sei. „Aber es gibt Men­schen, wel­che den Unter­gang der Anti­ke mit dem Unter­gang eines Oze­an­damp­fers ver­wech­seln. Der Begriff einer Kata­stro­phe ist in dem Wor­te nicht ent­hal­ten. Sagt man statt Unter­gang Voll­endung, ein Aus­druck, der im Den­ken Goe­thes mit einem ganz bestimm­ten Sinn ver­bun­den ist, so ist die ‚pes­si­mis­ti­sche‘ Sei­te einst­wei­len aus­ge­schal­tet, ohne daß der eigent­li­che Sinn des Begriffs ver­än­dert wor­den wäre“. Die­ses Miß­ver­ständ­nis haf­tet sei­nem Werk bis heu­te an. Bezeich­nend dafür ist der Fall jener älte­ren Dame, die gestand, Speng­lers Buch zwar nicht gele­sen zu haben, ihn aber um Rat bat, wo und wie sie ihre Wert­pa­pie­re jetzt anle­gen solle …

Gleich­zei­tig ent­brennt der „Streit um Speng­ler“, aus dem in den fol­gen­den Jah­ren unzäh­li­ge Zei­tungs­ar­ti­kel, Essays und Abhand­lun­gen her­vor­ge­hen. Kaum eine geis­ti­ge Grö­ße, die nach dem Ers­ten Welt­krieg nicht von dem Buch Notiz genom­men hät­te. Vor allem Dich­ter und Lite­ra­ten zei­gen sich ergrif­fen bis ent­zückt, aber auch Phi­lo­so­phen wie Georg Sim­mel, der den Unter­gang des Abend­lands als „die bedeu­tends­te Geschichts­phi­lo­so­phie seit Hegel“ bezeich­net haben soll. Das Buch löst eine Kon­tro­ver­se unter den Gebil­de­ten aus wie zuvor nur Lang­behns Rem­brandt als Erzie­her (1890), Nietz­sches Zara­thus­tra (um 1900) oder Wei­nin­gers Geschlecht und Cha­rak­ter (1903). Auch Tho­mas Mann, der 1924 eine ver­nich­ten­de Kri­tik gegen Speng­ler schrei­ben soll­te, hat­te bei der ers­ten Lek­tü­re noch das Gefühl, „einen gro­ßen Fund gethan zu haben“. Sei­ne Tage­buch­auf­zeich­nun­gen vom Juli 1919 ver­ra­ten, mit wie viel Begeis­te­rung er Speng­ler damals las. Nach Been­di­gung des ers­ten Ban­des urteilt er bewun­dernd: „Das wich­tigs­te Buch!“ Wenig spä­ter nennt er es einen „intel­lek­tua­len Roman“, ver­gleicht das Werk mit Key­ser­lings Rei­se­ta­ge­buch eines Phi­lo­so­phen, mit Bert­rams Nietz­sche und mit Gun­dolfs Goe­the. Der Erfolg all die­ser Bücher lie­ge, so Mann, in ihrer „Ver­schmel­zung von kri­ti­scher und dich­te­ri­scher Sphä­re“ begründet.
Speng­ler ist vor allem ein gro­ßer Zau­be­rer. Sein Stil ist Magie, ist Ver­füh­rung. Er über­re­det, begeis­tert und berauscht mehr, als daß er wirk­lich über­zeugt. Geschich­te sei etwas, das sich nur über die eige­ne Anschau­ung erschlie­ßen las­se, sagt er, und die Beschäf­ti­gung mit ihr ent­zie­he sich jeder exak­ten Wis­sen­schaft. Die­se Auf­fas­sung öff­net ihm das Tor zu aller­lei ver­blüf­fen­den Spe­ku­la­tio­nen, die er aber mit einer sol­chen apo­dik­ti­schen Ges­te vor­trägt, daß man sich ent­we­der davon ein­neh­men las­sen oder abge­sto­ßen füh­len muß. Ein Drit­tes gibt es kaum.
Nüch­tern betrach­tet fin­det sich tat­säch­lich bald auf jeder Sei­te eine klei­ne Unwahr­heit, eine raf­fi­niert ver­steck­te Moge­lei, die aber, weil sie so ele­gant, so unge­heu­er geist­reich und leicht daher­kommt, wie ver­traut zu uns spricht, und indem sie das tut, dazu ver­führt, bestehen­de Wahr­hei­ten und Ansich­ten auf­zu­he­ben oder wenigs­tens zu über­den­ken. Da es weder unver­rück­bar gül­ti­ge Mora­len noch ethi­sche Wahr­hei­ten an sich gibt, hält Speng­ler es mit Les­sings berühm­tem Wort, wonach das Suchen nach Wahr­heit wich­ti­ger sei als die Wahr­heit selbst. Geschich­te mit ande­ren Augen sehen zu ler­nen, sich inspi­rie­ren zu las­sen, neue Zusam­men­hän­ge zu erken­nen, Per­spek­ti­ven zu wech­seln, Mög­lich­kei­ten auf­zu­zei­gen – das ist die Wir­kung des Buches und dar­in liegt sei­ne Fas­zi­na­ti­on und Qua­li­tät. Nicht in der zwei­fels­frei­en Dar­stel­lung his­to­ri­scher Abläu­fe. „Wäre Speng­ler ein durch­ge­bil­de­ter His­to­ri­ker, so wäre er in sei­ner Ziel­set­zung beschei­de­ner gewe­sen, oder, bes­ser gesagt, er hät­te die­ses Buch über­haupt nicht schrei­ben kön­nen, das mit dem Unter­grund aller his­to­ri­schen For­schung und Dar­stel­lung, dem Tat­sa­chen­ma­te­ri­al, in gera­de­zu uner­hör­ter Wei­se umspringt“. Speng­ler ist aber kein Fach­his­to­ri­ker, so wenig wie er ein Fach­phi­lo­soph ist. Er ver­steht sich in ers­ter Linie als Dich­ter­phi­lo­soph, der sich mehr an die eige­ne ästhe­ti­sche Anschau­ung hält als an stren­ge Logik. Und des­halb ist ihm mit fach­wis­sen­schaft­li­cher Argu­men­ta­ti­on auch nicht bei­zu­kom­men. „Natur soll man wis­sen­schaft­lich behan­deln, über Geschich­te soll man dichten“.

Der Unter­gang des Abend­lan­des ist nur ein Vor­schlag zur Welt­deu­tung, indem er alles Sei­en­de orga­nisch ver­knüpft und so die Kul­tu­ren zu den eigent­li­chen Schau­plät­zen des Lebens erklärt. Nicht mehr Völ­ker oder Epo­chen, wie bei Ran­ke, son­dern Kul­tu­ren oder Kul­tur­krei­se bil­den den Kern der Welt­ge­schich­te, sind ihre trei­ben­den Kräf­te. Speng­ler neig­te jedoch dazu, sich vor Begeis­te­rung und Erstau­nen über die Räu­me, die sich ihm durch sei­ne ver­we­ge­ne Metho­de öff­ne­ten, zu über­neh­men. Er ist Opfer sei­ner eige­nen Uni­ver­sa­li­tät gewor­den. Nie­mand hät­te ihm bis ins Detail fol­gen kön­nen, und nur die gro­ße Ges­te, das Berau­schen­de der wei­ten Zusam­men­hän­ge hat die meis­ten davon abge­hal­ten, es auch zu wol­len – „Tat­sa­chen sind wich­ti­ger als Wahr­hei­ten“. Nicht sel­ten fällt Speng­ler bei sei­nen Dia­gno­sen in eige­nes Wunsch­den­ken zurück, selbst wenn er sich dabei aus­weg­los in Wider­sprü­che ver­strickt. Fer­ner neigt er dazu, die wach­sen­de Bedeu­tung der posi­ti­ven Wis­sen­schaf­ten völ­lig zu unter­schät­zen, obwohl doch gera­de sie das Rück­grat der Zivi­li­sa­ti­on bil­den: „in der Phy­sik wie in der Che­mie, der Bio­lo­gie wie in der Mathe­ma­tik sind die gro­ßen Meis­ter tot, und wir erle­ben heu­te das Decre­scen­do der glän­zen­den Nach­züg­ler, die ord­nen, sam­meln und abschlie­ßen wie die Alex­an­dri­ner der Römerzeit“.
Sol­che und ähn­lich gewag­te The­sen haben bewirkt, daß der Unter­gang des Abend­lan­des und Speng­ler selbst bald zu einem blo­ßen Epo­che­n­er­eig­nis redu­ziert wur­den, das nur inner­halb sei­ner Zeit bedeu­tend gewe­sen sei und auch nur aus sei­ner Zeit her­aus ver­stan­den wer­den kön­ne, dar­über hin­aus aber kei­ne blei­ben­de Wir­kung habe. Als 1922 nach lan­ger Ver­zö­ge­rung der zwei­te Band erschien, war die Reso­nanz dar­auf in der Tat ungleich gerin­ger. Spä­tes­tens seit den drei­ßi­ger Jah­ren begann Speng­lers Stern zu sin­ken. Und nach 1945 ging er nicht wie­der auf. Das Inter­es­se an zykli­schen Geschichts­mo­del­len war geschwun­den. Ande­re The­men beherrsch­ten mitt­ler­wei­le die Öffent­lich­keit. So erreich­te etwa Arnold Toyn­bee, der mit A Stu­dy of Histo­ry (1933 – 1954) an Speng­ler anknüpf­te, trotz oder gera­de wegen sei­ner höhe­ren Wis­sen­schaft­lich­keit bei wei­tem nicht die Popu­la­ri­tät des gro­ßen Vorbildes.
„Speng­ler ist kein Klas­si­ker“, stell­te Her­mann Lüb­be fest und hat damit wohl recht. Bis heu­te wird Speng­lers Haupt­werk selbst von gut­mei­nen­den Kul­tur­wis­sen­schaft­lern immer wie­der her­ab­las­send als kon­ser­va­ti­ve Spe­ku­la­ti­on und Schwarz­ma­le­rei über­gan­gen und gilt für die meis­ten als wider­legt, da der „Unter­gang“ des Abend­lan­des ja bis­lang prak­tisch nicht statt­ge­fun­den habe. Wer aller­dings so redet, macht damit deut­lich, daß er nicht bereit ist, die wich­tigs­te Unter­schei­dung vor­zu­neh­men, auf der das gesam­te Buch basiert: die zwi­schen „Kul­tur“ und „Zivi­li­sa­ti­on“. Von die­ser Gegen­über­stel­lung und deren Aner­ken­nung hängt es ab, ob man das geschicht­li­che Sta­di­um, in dem wir immer noch leben, als post-kul­tu­rell emp­fin­det oder nicht. Ob man Kul­tu­ren als orga­ni­sche Gebil­de ver­steht, die natur­be­dingt auf­blü­hen, altern und dann ver­ge­hen, oder ob man ihnen eine Kon­ti­nui­tät unter­stellt, die nur durch mensch­li­che Inter­pre­ta­ti­on Wer­tun­gen erhält, wäh­rend sie sonst kei­nen „natür­li­chen“ Zyklen unter­wor­fen sind. Zu letz­te­rer Ansicht ten­diert die aka­de­mi­sche und öffent­li­che Mei­nung heu­te, da nie­mand gern „alt“ ist bezie­hungs­wei­se in einer „altern­den“ Kul­tur lebt oder gar in einer „see­len­lo­sen“ und „dege­ne­rier­ten” Zivilisation.

Der Unter­gang des Abend­lan­des bedeu­tet also nicht mehr, aber auch nicht weni­ger als den Über­gang von einem Ent­wick­lungs­sta­di­um in ein ande­res, bedeu­tet den Über­gang von Kul­tur in Zivi­li­sa­ti­on. Doch „jede Kul­tur hat ihre eig­ne Zivi­li­sa­ti­on. Zum ers­ten Male wer­den hier die bei­den Wor­te, die bis jetzt einen unbe­stimm­ten Unter­schied ethi­scher Art zu bezeich­nen hat­ten, in peri­odi­schem Sin­ne, als Aus­druck für ein stren­ges und not­wen­di­ges orga­ni­sches Nach­ein­an­der gefaßt. Die Zivi­li­sa­ti­on ist das unaus­weich­li­che Schick­sal einer Kul­tur. Hier ist der Gip­fel erreicht, von dem aus die letz­ten und schwers­ten Fra­gen der his­to­ri­schen Mor­pho­lo­gie lös­bar wer­den. Zivi­li­sa­tio­nen sind die äußers­ten und künst­lichs­ten Zustän­de, deren eine höhe­re Art von Men­schen fähig ist. Sie sind ein Abschluß; sie fol­gen dem Wer­den als das Gewor­de­ne, dem Leben als der Tod, der Ent­wick­lung als die Starr­heit … Sie sind ein Ende, unwi­der­ruf­lich, aber sie sind mit inners­ter Not­wen­dig­keit immer wie­der erreicht worden“.
Der Spiel­raum, der dem Men­schen blei­be, beschrän­ke sich also auf das jeweils erreich­te Sta­di­um, nicht auf die Kul­tur an sich. Der Mensch sol­le sei­ne „inne­ren Mög­lich­kei­ten“ aus­schöp­fen, sei­nen „Bestim­mun­gen“ fol­gen. Das sei der Zweck der Kul­tur, die nur solan­ge blü­he und wach­se, wie der Mensch über eben sol­che Mög­lich­kei­ten ver­fü­ge. Sind alle die­se schöp­fe­ri­schen Kräf­te ermat­tet, ist die Reli­gi­on zer­setzt, die Kunst inhalt­los und unfrucht­bar gewor­den, dient die Wis­sen­schaft allein dem kom­mer­zi­el­len Gewinn und ist eine all­ge­mei­ne Ver­ro­hung im mensch­li­chen Umgang, ein Man­gel an Manie­ren zu beob­ach­ten, dann sei das Sta­di­um der Zivi­li­sa­ti­on erreicht.
Und die Macht der Zivi­li­sa­ti­on beruht vor allem auf den Medi­en. „Was die moder­ne Pres­se betrifft“, sagt Speng­ler, „so mag der Schwär­mer zufrie­den sein, wenn sie ver­fas­sungs­mä­ßig ‚frei‘ ist; der Ken­ner fragt nur danach, wem sie zur Ver­fü­gung steht.“ Speng­ler sieht bereits klar den gewal­ti­gen Ein­fluß vor­aus, dem der Ein­zel­ne durch die sanf­te Mani­pu­la­ti­on der Mas­sen­me­di­en aus­ge­setzt sein wird. „Eine furcht­ba­re­re Sati­re auf die Gedan­ken­frei­heit gibt es nicht. Einst durf­te man nicht wagen, frei zu den­ken; jetzt darf man es, aber man kann es nicht mehr. Man will nur noch den­ken, was man wol­len soll, und eben das emp­fin­det man als sei­ne Frei­heit. … Es ist jedem erlaubt, zu sagen, was er will; aber es steht der Pres­se frei, davon Kennt­nis zu neh­men oder nicht“.
Was Speng­ler über die Ent­wick­lung der Städ­te, der Pres­se, über den Wan­del des Bewußt­seins, der Herr­schafts­ver­hält­nis­se und der kul­tu­rel­len Hege­mo­nie in einer Zivi­li­sa­ti­on gesagt hat, ist heu­te All­tag und wird als „Errun­gen­schaft“ von nie­man­dem mehr öffent­lich in Fra­ge gestellt. Speng­lers wort­ge­wal­ti­ge Pro­gno­sen konn­ten nur von sol­chen Men­schen als Bedro­hung emp­fun­den wer­den, die ihre Sozia­li­sie­rung und ethi­sche Prä­gung unter dem Him­mel tra­dier­ter, „vor­mo­der­ner“ Wert­vor­stel­lun­gen erfah­ren hat­ten. Sol­che Men­schen gibt es nicht mehr. Ihre Ethik gilt als rück­stän­dig, ist ver­pönt. Eine neue Welt mit ande­ren Wer­ten trat an die Stel­le der alten. In ihr hat man sich ein­zu­rich­ten. Der Streit um das „Rich­ti­ge“ scheint im wesent­li­chen ent­schie­den. Des­halb wir­ken Hin­wei­se auf das unwie­der­bring­lich Ver­lo­re­ne nur läs­tig und stö­rend wie nutz­lo­se Nör­ge­lei­en. „Wenn die Nai­vi­tä­ten sin­ken und die Nüch­tern­heit steigt, so muß das nicht den Unter­gang des Abend­lan­des bedeu­ten“, sagt Peter Slo­ter­di­jk. Das Unbe­ha­gen aber bleibt. Wir Deut­sche und Euro­pä­er, so ein tief­sit­zen­des Gefühl, stei­gen wei­ter­hin wis­send hin­ab. Die­ser Pro­zeß läßt sich kaum leug­nen, jeder kann ihn täg­lich beob­ach­ten. Und doch muß der Über­gang von einem Zeit­al­ter in ein ande­res, die Sum­me der Ver­än­de­run­gen, die damit ein­her­ge­hen, schon allein aus psy­cho­lo­gi­schen Grün­den not­wen­dig und objek­tiv als „Fort­schritt“ begrif­fen wer­den, weil das Wesen der moder­nen Gesell­schaf­ten in einer Dyna­mik besteht, die sich jeder Kon­trol­le oder Bän­di­gung ent­zieht. Im Rausch der Geschwin­dig­keit wähnt sich der Rei­sen­de immer „vorn“. Unab­hän­gig von der gefühl­ten Qua­li­tät sei­ner Umgebung.

Speng­lers gro­ßes Ver­dienst besteht nicht nur dar­in, „den Blick für neue Land­schaf­ten“ eröff­net zu haben, indem er maß­geb­lich zum „Durch­bruch zu einer den Pla­ne­ten umspan­nen­den Geschichts­welt“ (Joseph Vogt) bei­getra­gen hat. Tat­säch­lich den­ken wir heu­te nicht mehr „euro­pa­zen­trisch“, son­dern glo­bal. Noch bedeut­sa­mer war jedoch sei­ne Absicht, die Deut­schen als ein Volk von welt­ab­ge­wand­ten Träu­mern auf kom­men­de Rea­li­tä­ten vor­zu­be­rei­ten. Daß dies kaum ohne Über­trei­bung und apo­dik­ti­sche Ges­te, die jedem Pro­phe­ten eigen ist, von­stat­ten gehen konn­te, liegt in der Natur der Sache. Speng­lers Posi­ti­vis­mus eines ent­täusch­ten Roman­ti­kers war für die wirk­li­chen Posi­tivs­ten mehr als eine klu­ge Spiel­ver­der­be­rei auf dem Weg in die Tota­li­tät der Moder­ne, mehr als der ober­leh­rer­haf­te Ein­wand eines bie­de­ren Kul­tur­pes­si­mis­ten. Indem er das Unver­meid­li­che, das jeder sehen konn­te, nach Art der Kas­san­dra in die Welt rief, ließ er gleich­sam alle Kathe­der­phi­lo­so­phie auf dem Basar der Geschich­te zurück und über­run­de­te in küh­nem Sprung die Moder­ne samt ihrer Recht­fer­ti­gung aus Geschwät­zig­keit. Wie zuvor Nietz­sches Dia­gno­sen, trüb­ten sei­ne Visio­nen mit ihrem abschlie­ßen­den Cha­rak­ter die hei­te­re Stim­mung der auf­bruch­be­rei­ten Mensch­heit in eine bes­se­re Zukunft.
Daß er die Jugend ver­der­be, wur­de ihm vor­ge­wor­fen wie einst Sokra­tes. Der Schier­lings­be­cher blieb Speng­ler zwar erspart, dafür umga­ben ihn aber bald die Was­ser der Lethe. Sel­ten ist jemand, der einen sol­chen über­ra­gen­den Erfolg und welt­wei­te Berühmt­heit erlang­te, in so kur­zer Zeit so voll­stän­dig ver­ges­sen wor­den. Den­noch: „Der ver­ges­se­ne Speng­ler rächt sich, indem er droht, recht zu behal­ten. Sein Ver­ges­sen­sein inmit­ten der Bestä­ti­gung leiht der Dro­hung blin­der Fata­li­tät, die von sei­ner Kon­zep­ti­on aus­geht, ein objek­ti­ves Moment“, befand Ador­no. In Deutsch­land ist man aller­dings am wenigs­ten bereit, den Ver­fem­ten wie­der in den Kreis derer auf­zu­neh­men, über die vor­be­halt­los nach­ge­dacht und dis­ku­tiert wer­den darf. Schließ­lich war Speng­ler als eli­tä­rer Aris­to­krat ein Ver­äch­ter hie­si­ger Gesell­schafts­zu­stän­de, ein Mies­ma­cher des schnel­len Glücks aller. So sind es „fast nur aus­län­di­sche Kom­men­ta­to­ren, die sich trau­en, ihn im Zusam­men­hang mit Geschichts­auf­fas­sun­gen zu nen­nen, die etwa von Michel Fou­cault ver­tre­ten wer­den“, schrieb 1996 in der Neu­en Rund­schau der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jac­ques Bou­ver­es­se über Speng­lers Rache. Natür­lich wird Speng­ler solan­ge aktu­ell blei­ben, bis das Ent­wick­lungs­sta­di­um, das er beschrieb, über­wun­den ist. Und das kann dauern.
Wäh­rend­des­sen hilft ein unver­stell­ter Blick auf die Sym­pto­me. Speng­ler hilft ihn schär­fen. Sei­ne Leh­re wirkt heu­te erfri­schen­der und anre­gen­der denn je zwi­schen den zwei bis drei staat­lich mono­po­li­sier­ten Rest­ge­sin­nun­gen, die jedem, der sich am öffent­li­chen Dis­kurs betei­li­gen will, zur Ver­fü­gung ste­hen. Sie ver­mit­telt uns einen Ein­druck davon, wel­che Kühn­heit und Ele­ganz im Den­ken ein­mal mög­lich war. Speng­ler lesen, for­dert dazu auf, das Pen­del der mora­li­schen Anschau­un­gen, das nach einer Sei­te hin aus­ge­schla­gen ist und dort seit lan­gem ver­harrt, wie­der in Schwung zu brin­gen, damit Geschich­te und Poli­tik beweg­lich bleiben.
Das Bedürf­nis nach ande­ren Per­spek­ti­ven ist groß. Obwohl wahr­schein­lich alles Denk­ba­re schon ein­mal gedacht wor­den ist, wis­sen wir es nicht, weil vie­le unzeit­ge­mä­ße Stim­men im Gewirr der offi­zi­el­len längst unter­ge­gan­gen sind. Des­halb lohnt es sich, in den Ver­lie­sen der Phi­lo­so­phie­ge­schich­te zu stö­bern. Speng­ler ist einer, der im Ver­bor­ge­nen fort­wirkt. „Wenn sich die neo­kon­ser­va­ti­ven oder ‚post­mo­der­nen‘ Strö­mun­gen, die sich heu­te fast über­all ent­wi­ckeln, im all­ge­mei­nen nicht auf einen Autor beru­fen, als des­sen objek­ti­ve Erben sie in vie­ler­lei Hin­sicht gel­ten kön­nen, geschieht dies sicher­lich mehr aus blo­ßer Unkennt­nis denn aus Vor­sicht,“ ver­mu­tet Bou­ver­es­se wohl zu Recht.

Was also ist geblie­ben vom Unter­gang? Die wich­tigs­te und berech­tigts­te Kri­tik an Speng­ler betrifft immer noch die Fra­ge nach der Hand­lungs­frei­heit des Men­schen inner­halb der Geschich­te. Von Edu­ard Spran­ger bis Theo­dor W. Ador­no reicht die Lis­te der Kri­ti­ker, die sich an Speng­lers Pos­tu­lat der feh­len­den Wil­lens­frei­heit stör­ten und mit scharf­sin­ni­gen Bei­trä­gen auf die­sen neur­al­gi­schen Punkt hin­ge­wie­sen haben. So 1926 Spran­ger in sei­nem Vor­trag Die Kul­tur­zy­klen­theo­rie und das Pro­blem des Kul­tur­ver­falls und 1938 Ador­no in Speng­ler nach dem Unter­gang, eine durch­aus fai­re Ana­ly­se und viel­leicht mit das Klügs­te, was über Speng­lers Phi­lo­so­phie je geschrie­ben wor­den ist.
In der Tat steht und fällt Speng­lers Gedan­ken­ge­bäu­de mit der Beant­wor­tung die­ser Fra­gen: inwie­weit ist der Mensch in der Geschich­te gefan­gen, bloß ein aus­füh­ren­des Organ des Welt- oder Zeit­geis­tes, so alt oder so jung wie der Kul­tur­kreis, in dem er auf­ge­wach­sen ist. Oder reicht die Frei­heit des ein­zel­nen Men­schen aus, sich immer wie­der neue Kul­tur­zu­stän­de zu erschaf­fen? Die Ver­hält­nis­se also dahin­ge­hend zu kor­ri­gie­ren, daß sie das Leben eines Kul­tur­men­schen ermög­li­chen, ange­lehnt an den Erfah­run­gen, die er aus der Geschich­te gewon­nen hat? Oder ist die Zivi­li­sa­ti­on samt ihren Fol­gen ein Pro­zeß, dem kei­ne Kul­tur ent­ge­hen kann? Sind Phä­no­me­ne wie Bil­dungs­ver­wahr­lo­sung und debi­les Fern­seh­pro­gramm zwangs­läu­fi­ge Erschei­nun­gen, die man schick­sal­haft hin­zu­neh­men hat, oder doch nur Wir­kun­gen einer von Men­schen gemach­ten Poli­tik? Also alles nur eine Fra­ge der Macht­ver­hält­nis­se, der Eli­ten? – Frei­heit und Not­wen­dig­keit lie­gen hier nah beieinander.
Nach dem Unter­gang der alten tra­di­tio­nel­len Nor­men und Wer­te ist jeder selbst für den Zustand sei­ner Kul­tur ver­ant­wort­lich, denn es gibt sie nicht mehr: die Kul­tur. Jeder bil­det im unver­bind­li­chen Plu­ra­lis­mus der Mas­sen­ge­sell­schaft sei­ne eige­ne. Jeder ist ein Mikro­kos­mos, der durch sein Ver­hal­ten zu bewei­sen hat, wie­viel Kul­tur, wie­viel Cha­rak­ter, wie­viel Ras­se in ihm steckt. Aus­ge­setzt wie Haus­tie­re in frei­er Wild­bahn, suchen wir nach den alten Plät­zen, nach Gewohn­tem, nach Bestän­dig­keit. Doch da ist nie­mand mehr, der Sicher­hei­ten bie­tet, nie­mand, der glei­ches fühlt, denkt oder will … Jeder bewohnt eine geschlos­se­ne Welt, in der er sich ein­ge­rich­tet hat wie in einem klei­nen, viel zu engen Feri­en­haus, das wie­der­um nur ein Vor­schlag sein kann im brei­ten Sor­ti­ment der Mög­lich­kei­ten. Ver­su­che, aus dem Innen­raum sei­ner Mikro­sphä­re aus­zu­bre­chen, enden regel­mä­ßig im Selbst­be­trug: je indif­fe­ren­ter ein Mensch, des­to höher die Chan­ce auf Gemein­sam­kei­ten, lau­tet die Hoff­nung, die dahin­ter steht. Der Mensch nach der Kul­tur, das Kom­pro­miß­we­sen par excel­lence, blickt weh­mü­tig auf ver­gan­ge­ne Insze­nie­run­gen, fin­det aber nicht in den alten Spiel­fluß zurück, und so bleibt meist alles bei der Pro­be. Nicht mehr ganz Wir und noch nicht ganz Ich. Zwi­schen die­sen bei­den Kräf­ten, den Span­nungs­fel­dern über­mo­der­nen Mensch­seins, tas­tet sich der Ein­zel­ne ent­lang, wie durch einen dunk­len Gang, der zwar kein Ende erken­nen läßt, aber die Rich­tung erzwingt.
Kul­tur haben ist jedoch kei­ne Fra­ge der Umge­bung, in die man hin­ein­ge­bo­ren wird, son­dern eine der Hal­tung, des Instinkts, wie Speng­ler sagen wür­de. Kul­tur beweist der­je­ni­ge – und das war schon immer so – , der sich nicht gemein macht mit einer Sache, die von unten kommt, die ihn bil­lig umschmei­chelt, indem sie ihm Zuge­hö­rig­keit ver­spricht unter der Vor­aus­set­zung, daß er den Tages­pa­ro­len und Mode­ge­sin­nun­gen folgt. Kul­tur ist Form­ge­bung. Dar­in liegt ihr Wesen, ihre Macht. Wir sind Erben einer sol­chen Macht, die im Gro­ßen nie­mand mehr aus­üben kann oder will. Aber wir tra­gen ihre Spu­ren­ele­men­te noch mit uns her­um. Die Geschich­te bie­tet eine gewis­se Trans­pa­renz der Mög­lich­kei­ten, wie Leben gestal­tet wer­den kann. Als Misch­we­sen, die wir sind, zur Unent­schlos­sen­heit ver­dammt, weil wir noch immer zwi­schen den Zeit­al­tern ste­hen, noch immer genug „Kul­tur“ in uns haben, um an den Sym­pto­men der „Zivi­li­sa­ti­on“ zu lei­den. Die­se bei­den Kräf­te ste­hen im Ver­hält­nis zuein­an­der wie Ver­gan­gen­heit und Zukunft. Und viel­leicht hat es nie eine grö­ße­re Dis­kre­panz, eine grö­ße­re Feind­schaft zwi­schen dem Ges­tern und dem Mor­gen gege­ben als heu­te. Die­ser Kon­flikt wirkt täg­lich auf uns ein, denn zu bei­den Wel­ten füh­len wir uns hin­ge­zo­gen, bei­de haben Gewalt über uns, bei­de bil­den unse­re Wirklichkeit.
Des­halb sind wir auch heu­te noch, kaum anders als Speng­ler, Zeu­gen jener gewal­ti­gen Kämp­fe und Über­gän­ge, die von einem Ent­wick­lungs­sta­di­um in ein ande­res füh­ren, und es ist, wie Nietz­sche sagt, „der Zau­ber die­ser Kämp­fe, daß, wer sie schaut, auch kämp­fen muß!“

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