Sezession
1. Mai 2005

Zur Aktualität Spenglers

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession Sonderheft Spengler / Mai 2005

von Frank Lisson

Das Gefühl, in einer Zeit des kulturellen Niedergangs zu leben, gehört vielleicht zu den wirkungsmächtigsten Empfindungen, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland um sich griffen und die am Ausgang des Kaiserreichs fast alle damals geistig schöpferischen Menschen auf irgendeine Weise in ihrem Denken geformt und gesteuert hatten. Was heute eher abgegriffen klingt und allenfalls noch als ironische Bemerkung daherzukommen wagt – „Der Untergang des Abendlandes“ – war damals weit mehr als nur ein Schlagwort. Es war Ausdruck einer dumpfen Gewißheit von existentieller Bedrohung.

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Der Niedergang einer Kultur ist freilich nichts, was mit wissenschaftlichen Methoden zu messen oder zu beweisen wäre, sondern zunächst eine Ahnung, ein Bewußtwerden, das sich als Gefühl der Leere, als geistiges Unbehagen einschleicht wie ein verdeckt operierender Feind. Doch Verfall war immer. Seit es Kultur gibt, wird ihr Niedergang beklagt. Zu allen Zeiten lagen aufsteigende und niedergehende Lebensprozesse miteinander im Streit. Aber in den Tagen nach dem Ersten Weltkrieg spürten besonders viele Menschen, daß sich die kulturellen Verhältnisse grundlegend und dauerhaft ändern würden, spürten, daß eine Epoche und mit ihr eine Lebensform zu Ende gegangen war. Dieses Klima hat die Aufnahme des Buches Der Untergang des Abendlandes zweifellos begünstigt. Die Welle der Resonanz, die der Kulturphilosoph damit seinerzeit auslöste, ist heute nur noch schwer vorstellbar. Ende des Jahres 1918 erschienen, ging das Buch bereits 1920 in die zweiundzwanzigste Auflage.
Ironischerweise verdankte Spengler den enormen Erfolg seines Hauptwerks zunächst einem Mißverständnis. Die Niederlage Deutschlands 1918 sowie der darauf folgende Sturz der Monarchie – beides von den meisten Deutschen wie ein Schock empfunden – machte weite Teile des Volkes empfänglich für apokalyptische Theorien. Nicht nur den alten Eliten, sondern fast dem gesamten Bildungsbürgertum war eine Welt zusammengebrochen. Beinahe tröstend also, im Untergang der „Welt von gestern“ – denn genau das und nichts anderes hatte Spengler mit seinem Buch gemeint – gleich den Untergang der gesamten gesitteten Welt erkennen zu wollen. Decline of the West lautet die nicht weniger irreführende englische Übersetzung des Titels.
Noch vor Herausgabe des zweiten Bandes beklagt der Autor in dem Aufsatz Pessimismus? von 1921 die offenkundige Fehldeutung, die zum Erfolg seines Buches beigetragen hat, weil der Titel zum Schlagwort einer „Mode“ geworden sei. „Aber es gibt Menschen, welche den Untergang der Antike mit dem Untergang eines Ozeandampfers verwechseln. Der Begriff einer Katastrophe ist in dem Worte nicht enthalten. Sagt man statt Untergang Vollendung, ein Ausdruck, der im Denken Goethes mit einem ganz bestimmten Sinn verbunden ist, so ist die ,pessimistische‘ Seite einstweilen ausgeschaltet, ohne daß der eigentliche Sinn des Begriffs verändert worden wäre“. Dieses Mißverständnis haftet seinem Werk bis heute an. Bezeichnend dafür ist der Fall jener älteren Dame, die gestand, Spenglers Buch zwar nicht gelesen zu haben, ihn aber um Rat bat, wo und wie sie ihre Wertpapiere jetzt anlegen solle ...

Gleichzeitig entbrennt der „Streit um Spengler“, aus dem in den folgenden Jahren unzählige Zeitungsartikel, Essays und Abhandlungen hervorgehen. Kaum eine geistige Größe, die nach dem Ersten Weltkrieg nicht von dem Buch Notiz genommen hätte. Vor allem Dichter und Literaten zeigen sich ergriffen bis entzückt, aber auch Philosophen wie Georg Simmel, der den Untergang des Abendlands als „die bedeutendste Geschichtsphilosophie seit Hegel“ bezeichnet haben soll. Das Buch löst eine Kontroverse unter den Gebildeten aus wie zuvor nur Langbehns Rembrandt als Erzieher (1890), Nietzsches Zarathustra (um 1900) oder Weiningers Geschlecht und Charakter (1903). Auch Thomas Mann, der 1924 eine vernichtende Kritik gegen Spengler schreiben sollte, hatte bei der ersten Lektüre noch das Gefühl, „einen großen Fund gethan zu haben“. Seine Tagebuchaufzeichnungen vom Juli 1919 verraten, mit wie viel Begeisterung er Spengler damals las. Nach Beendigung des ersten Bandes urteilt er bewundernd: „Das wichtigste Buch!“ Wenig später nennt er es einen „intellektualen Roman“, vergleicht das Werk mit Keyserlings Reisetagebuch eines Philosophen, mit Bertrams Nietzsche und mit Gundolfs Goethe. Der Erfolg all dieser Bücher liege, so Mann, in ihrer „Verschmelzung von kritischer und dichterischer Sphäre“ begründet.
Spengler ist vor allem ein großer Zauberer. Sein Stil ist Magie, ist Verführung. Er überredet, begeistert und berauscht mehr, als daß er wirklich überzeugt. Geschichte sei etwas, das sich nur über die eigene Anschauung erschließen lasse, sagt er, und die Beschäftigung mit ihr entziehe sich jeder exakten Wissenschaft. Diese Auffassung öffnet ihm das Tor zu allerlei verblüffenden Spekulationen, die er aber mit einer solchen apodiktischen Geste vorträgt, daß man sich entweder davon einnehmen lassen oder abgestoßen fühlen muß. Ein Drittes gibt es kaum.
Nüchtern betrachtet findet sich tatsächlich bald auf jeder Seite eine kleine Unwahrheit, eine raffiniert versteckte Mogelei, die aber, weil sie so elegant, so ungeheuer geistreich und leicht daherkommt, wie vertraut zu uns spricht, und indem sie das tut, dazu verführt, bestehende Wahrheiten und Ansichten aufzuheben oder wenigstens zu überdenken. Da es weder unverrückbar gültige Moralen noch ethische Wahrheiten an sich gibt, hält Spengler es mit Lessings berühmtem Wort, wonach das Suchen nach Wahrheit wichtiger sei als die Wahrheit selbst. Geschichte mit anderen Augen sehen zu lernen, sich inspirieren zu lassen, neue Zusammenhänge zu erkennen, Perspektiven zu wechseln, Möglichkeiten aufzuzeigen – das ist die Wirkung des Buches und darin liegt seine Faszination und Qualität. Nicht in der zweifelsfreien Darstellung historischer Abläufe. „Wäre Spengler ein durchgebildeter Historiker, so wäre er in seiner Zielsetzung bescheidener gewesen, oder, besser gesagt, er hätte dieses Buch überhaupt nicht schreiben können, das mit dem Untergrund aller historischen Forschung und Darstellung, dem Tatsachenmaterial, in geradezu unerhörter Weise umspringt“. Spengler ist aber kein Fachhistoriker, so wenig wie er ein Fachphilosoph ist. Er versteht sich in erster Linie als Dichterphilosoph, der sich mehr an die eigene ästhetische Anschauung hält als an strenge Logik. Und deshalb ist ihm mit fachwissenschaftlicher Argumentation auch nicht beizukommen. „Natur soll man wissenschaftlich behandeln, über Geschichte soll man dichten“.

Der Untergang des Abendlandes ist nur ein Vorschlag zur Weltdeutung, indem er alles Seiende organisch verknüpft und so die Kulturen zu den eigentlichen Schauplätzen des Lebens erklärt. Nicht mehr Völker oder Epochen, wie bei Ranke, sondern Kulturen oder Kulturkreise bilden den Kern der Weltgeschichte, sind ihre treibenden Kräfte. Spengler neigte jedoch dazu, sich vor Begeisterung und Erstaunen über die Räume, die sich ihm durch seine verwegene Methode öffneten, zu übernehmen. Er ist Opfer seiner eigenen Universalität geworden. Niemand hätte ihm bis ins Detail folgen können, und nur die große Geste, das Berauschende der weiten Zusammenhänge hat die meisten davon abgehalten, es auch zu wollen – „Tatsachen sind wichtiger als Wahrheiten“. Nicht selten fällt Spengler bei seinen Diagnosen in eigenes Wunschdenken zurück, selbst wenn er sich dabei ausweglos in Widersprüche verstrickt. Ferner neigt er dazu, die wachsende Bedeutung der positiven Wissenschaften völlig zu unterschätzen, obwohl doch gerade sie das Rückgrat der Zivilisation bilden: „in der Physik wie in der Chemie, der Biologie wie in der Mathematik sind die großen Meister tot, und wir erleben heute das Decrescendo der glänzenden Nachzügler, die ordnen, sammeln und abschließen wie die Alexandriner der Römerzeit“.
Solche und ähnlich gewagte Thesen haben bewirkt, daß der Untergang des Abendlandes und Spengler selbst bald zu einem bloßen Epochenereignis reduziert wurden, das nur innerhalb seiner Zeit bedeutend gewesen sei und auch nur aus seiner Zeit heraus verstanden werden könne, darüber hinaus aber keine bleibende Wirkung habe. Als 1922 nach langer Verzögerung der zweite Band erschien, war die Resonanz darauf in der Tat ungleich geringer. Spätestens seit den dreißiger Jahren begann Spenglers Stern zu sinken. Und nach 1945 ging er nicht wieder auf. Das Interesse an zyklischen Geschichtsmodellen war geschwunden. Andere Themen beherrschten mittlerweile die Öffentlichkeit. So erreichte etwa Arnold Toynbee, der mit A Study of History (1933 – 1954) an Spengler anknüpfte, trotz oder gerade wegen seiner höheren Wissenschaftlichkeit bei weitem nicht die Popularität des großen Vorbildes.
„Spengler ist kein Klassiker“, stellte Hermann Lübbe fest und hat damit wohl recht. Bis heute wird Spenglers Hauptwerk selbst von gutmeinenden Kulturwissenschaftlern immer wieder herablassend als konservative Spekulation und Schwarzmalerei übergangen und gilt für die meisten als widerlegt, da der „Untergang“ des Abendlandes ja bislang praktisch nicht stattgefunden habe. Wer allerdings so redet, macht damit deutlich, daß er nicht bereit ist, die wichtigste Unterscheidung vorzunehmen, auf der das gesamte Buch basiert: die zwischen „Kultur“ und „Zivilisation“. Von dieser Gegenüberstellung und deren Anerkennung hängt es ab, ob man das geschichtliche Stadium, in dem wir immer noch leben, als post-kulturell empfindet oder nicht. Ob man Kulturen als organische Gebilde versteht, die naturbedingt aufblühen, altern und dann vergehen, oder ob man ihnen eine Kontinuität unterstellt, die nur durch menschliche Interpretation Wertungen erhält, während sie sonst keinen „natürlichen“ Zyklen unterworfen sind. Zu letzterer Ansicht tendiert die akademische und öffentliche Meinung heute, da niemand gern „alt“ ist beziehungsweise in einer „alternden“ Kultur lebt oder gar in einer „seelenlosen“ und „degenerierten” Zivilisation.

Der Untergang des Abendlandes bedeutet also nicht mehr, aber auch nicht weniger als den Übergang von einem Entwicklungsstadium in ein anderes, bedeutet den Übergang von Kultur in Zivilisation. Doch „jede Kultur hat ihre eigne Zivilisation. Zum ersten Male werden hier die beiden Worte, die bis jetzt einen unbestimmten Unterschied ethischer Art zu bezeichnen hatten, in periodischem Sinne, als Ausdruck für ein strenges und notwendiges organisches Nacheinander gefaßt. Die Zivilisation ist das unausweichliche Schicksal einer Kultur. Hier ist der Gipfel erreicht, von dem aus die letzten und schwersten Fragen der historischen Morphologie lösbar werden. Zivilisationen sind die äußersten und künstlichsten Zustände, deren eine höhere Art von Menschen fähig ist. Sie sind ein Abschluß; sie folgen dem Werden als das Gewordene, dem Leben als der Tod, der Entwicklung als die Starrheit ... Sie sind ein Ende, unwiderruflich, aber sie sind mit innerster Notwendigkeit immer wieder erreicht worden“.
Der Spielraum, der dem Menschen bleibe, beschränke sich also auf das jeweils erreichte Stadium, nicht auf die Kultur an sich. Der Mensch solle seine „inneren Möglichkeiten“ ausschöpfen, seinen „Bestimmungen“ folgen. Das sei der Zweck der Kultur, die nur solange blühe und wachse, wie der Mensch über eben solche Möglichkeiten verfüge. Sind alle diese schöpferischen Kräfte ermattet, ist die Religion zersetzt, die Kunst inhaltlos und unfruchtbar geworden, dient die Wissenschaft allein dem kommerziellen Gewinn und ist eine allgemeine Verrohung im menschlichen Umgang, ein Mangel an Manieren zu beobachten, dann sei das Stadium der Zivilisation erreicht.
Und die Macht der Zivilisation beruht vor allem auf den Medien. „Was die moderne Presse betrifft“, sagt Spengler, „so mag der Schwärmer zufrieden sein, wenn sie verfassungsmäßig ,frei‘ ist; der Kenner fragt nur danach, wem sie zur Verfügung steht.“ Spengler sieht bereits klar den gewaltigen Einfluß voraus, dem der Einzelne durch die sanfte Manipulation der Massenmedien ausgesetzt sein wird. „Eine furchtbarere Satire auf die Gedankenfreiheit gibt es nicht. Einst durfte man nicht wagen, frei zu denken; jetzt darf man es, aber man kann es nicht mehr. Man will nur noch denken, was man wollen soll, und eben das empfindet man als seine Freiheit. ... Es ist jedem erlaubt, zu sagen, was er will; aber es steht der Presse frei, davon Kenntnis zu nehmen oder nicht“.
Was Spengler über die Entwicklung der Städte, der Presse, über den Wandel des Bewußtseins, der Herrschaftsverhältnisse und der kulturellen Hegemonie in einer Zivilisation gesagt hat, ist heute Alltag und wird als „Errungenschaft“ von niemandem mehr öffentlich in Frage gestellt. Spenglers wortgewaltige Prognosen konnten nur von solchen Menschen als Bedrohung empfunden werden, die ihre Sozialisierung und ethische Prägung unter dem Himmel tradierter, „vormoderner“ Wertvorstellungen erfahren hatten. Solche Menschen gibt es nicht mehr. Ihre Ethik gilt als rückständig, ist verpönt. Eine neue Welt mit anderen Werten trat an die Stelle der alten. In ihr hat man sich einzurichten. Der Streit um das „Richtige“ scheint im wesentlichen entschieden. Deshalb wirken Hinweise auf das unwiederbringlich Verlorene nur lästig und störend wie nutzlose Nörgeleien. „Wenn die Naivitäten sinken und die Nüchternheit steigt, so muß das nicht den Untergang des Abendlandes bedeuten“, sagt Peter Sloterdijk. Das Unbehagen aber bleibt. Wir Deutsche und Europäer, so ein tiefsitzendes Gefühl, steigen weiterhin wissend hinab. Dieser Prozeß läßt sich kaum leugnen, jeder kann ihn täglich beobachten. Und doch muß der Übergang von einem Zeitalter in ein anderes, die Summe der Veränderungen, die damit einhergehen, schon allein aus psychologischen Gründen notwendig und objektiv als „Fortschritt“ begriffen werden, weil das Wesen der modernen Gesellschaften in einer Dynamik besteht, die sich jeder Kontrolle oder Bändigung entzieht. Im Rausch der Geschwindigkeit wähnt sich der Reisende immer „vorn“. Unabhängig von der gefühlten Qualität seiner Umgebung.

Spenglers großes Verdienst besteht nicht nur darin, „den Blick für neue Landschaften“ eröffnet zu haben, indem er maßgeblich zum „Durchbruch zu einer den Planeten umspannenden Geschichtswelt“ (Joseph Vogt) beigetragen hat. Tatsächlich denken wir heute nicht mehr „europazentrisch“, sondern global. Noch bedeutsamer war jedoch seine Absicht, die Deutschen als ein Volk von weltabgewandten Träumern auf kommende Realitäten vorzubereiten. Daß dies kaum ohne Übertreibung und apodiktische Geste, die jedem Propheten eigen ist, vonstatten gehen konnte, liegt in der Natur der Sache. Spenglers Positivismus eines enttäuschten Romantikers war für die wirklichen Positivsten mehr als eine kluge Spielverderberei auf dem Weg in die Totalität der Moderne, mehr als der oberlehrerhafte Einwand eines biederen Kulturpessimisten. Indem er das Unvermeidliche, das jeder sehen konnte, nach Art der Kassandra in die Welt rief, ließ er gleichsam alle Kathederphilosophie auf dem Basar der Geschichte zurück und überrundete in kühnem Sprung die Moderne samt ihrer Rechtfertigung aus Geschwätzigkeit. Wie zuvor Nietzsches Diagnosen, trübten seine Visionen mit ihrem abschließenden Charakter die heitere Stimmung der aufbruchbereiten Menschheit in eine bessere Zukunft.
Daß er die Jugend verderbe, wurde ihm vorgeworfen wie einst Sokrates. Der Schierlingsbecher blieb Spengler zwar erspart, dafür umgaben ihn aber bald die Wasser der Lethe. Selten ist jemand, der einen solchen überragenden Erfolg und weltweite Berühmtheit erlangte, in so kurzer Zeit so vollständig vergessen worden. Dennoch: „Der vergessene Spengler rächt sich, indem er droht, recht zu behalten. Sein Vergessensein inmitten der Bestätigung leiht der Drohung blinder Fatalität, die von seiner Konzeption ausgeht, ein objektives Moment“, befand Adorno. In Deutschland ist man allerdings am wenigsten bereit, den Verfemten wieder in den Kreis derer aufzunehmen, über die vorbehaltlos nachgedacht und diskutiert werden darf. Schließlich war Spengler als elitärer Aristokrat ein Verächter hiesiger Gesellschaftszustände, ein Miesmacher des schnellen Glücks aller. So sind es „fast nur ausländische Kommentatoren, die sich trauen, ihn im Zusammenhang mit Geschichtsauffassungen zu nennen, die etwa von Michel Foucault vertreten werden“, schrieb 1996 in der Neuen Rundschau der französische Philosoph Jacques Bouveresse über Spenglers Rache. Natürlich wird Spengler solange aktuell bleiben, bis das Entwicklungsstadium, das er beschrieb, überwunden ist. Und das kann dauern.
Währenddessen hilft ein unverstellter Blick auf die Symptome. Spengler hilft ihn schärfen. Seine Lehre wirkt heute erfrischender und anregender denn je zwischen den zwei bis drei staatlich monopolisierten Restgesinnungen, die jedem, der sich am öffentlichen Diskurs beteiligen will, zur Verfügung stehen. Sie vermittelt uns einen Eindruck davon, welche Kühnheit und Eleganz im Denken einmal möglich war. Spengler lesen, fordert dazu auf, das Pendel der moralischen Anschauungen, das nach einer Seite hin ausgeschlagen ist und dort seit langem verharrt, wieder in Schwung zu bringen, damit Geschichte und Politik beweglich bleiben.
Das Bedürfnis nach anderen Perspektiven ist groß. Obwohl wahrscheinlich alles Denkbare schon einmal gedacht worden ist, wissen wir es nicht, weil viele unzeitgemäße Stimmen im Gewirr der offiziellen längst untergegangen sind. Deshalb lohnt es sich, in den Verliesen der Philosophiegeschichte zu stöbern. Spengler ist einer, der im Verborgenen fortwirkt. „Wenn sich die neokonservativen oder ,postmodernen‘ Strömungen, die sich heute fast überall entwickeln, im allgemeinen nicht auf einen Autor berufen, als dessen objektive Erben sie in vielerlei Hinsicht gelten können, geschieht dies sicherlich mehr aus bloßer Unkenntnis denn aus Vorsicht,“ vermutet Bouveresse wohl zu Recht.

Was also ist geblieben vom Untergang? Die wichtigste und berechtigtste Kritik an Spengler betrifft immer noch die Frage nach der Handlungsfreiheit des Menschen innerhalb der Geschichte. Von Eduard Spranger bis Theodor W. Adorno reicht die Liste der Kritiker, die sich an Spenglers Postulat der fehlenden Willensfreiheit störten und mit scharfsinnigen Beiträgen auf diesen neuralgischen Punkt hingewiesen haben. So 1926 Spranger in seinem Vortrag Die Kulturzyklentheorie und das Problem des Kulturverfalls und 1938 Adorno in Spengler nach dem Untergang, eine durchaus faire Analyse und vielleicht mit das Klügste, was über Spenglers Philosophie je geschrieben worden ist.
In der Tat steht und fällt Spenglers Gedankengebäude mit der Beantwortung dieser Fragen: inwieweit ist der Mensch in der Geschichte gefangen, bloß ein ausführendes Organ des Welt- oder Zeitgeistes, so alt oder so jung wie der Kulturkreis, in dem er aufgewachsen ist. Oder reicht die Freiheit des einzelnen Menschen aus, sich immer wieder neue Kulturzustände zu erschaffen? Die Verhältnisse also dahingehend zu korrigieren, daß sie das Leben eines Kulturmenschen ermöglichen, angelehnt an den Erfahrungen, die er aus der Geschichte gewonnen hat? Oder ist die Zivilisation samt ihren Folgen ein Prozeß, dem keine Kultur entgehen kann? Sind Phänomene wie Bildungsverwahrlosung und debiles Fernsehprogramm zwangsläufige Erscheinungen, die man schicksalhaft hinzunehmen hat, oder doch nur Wirkungen einer von Menschen gemachten Politik? Also alles nur eine Frage der Machtverhältnisse, der Eliten? – Freiheit und Notwendigkeit liegen hier nah beieinander.
Nach dem Untergang der alten traditionellen Normen und Werte ist jeder selbst für den Zustand seiner Kultur verantwortlich, denn es gibt sie nicht mehr: die Kultur. Jeder bildet im unverbindlichen Pluralismus der Massengesellschaft seine eigene. Jeder ist ein Mikrokosmos, der durch sein Verhalten zu beweisen hat, wieviel Kultur, wieviel Charakter, wieviel Rasse in ihm steckt. Ausgesetzt wie Haustiere in freier Wildbahn, suchen wir nach den alten Plätzen, nach Gewohntem, nach Beständigkeit. Doch da ist niemand mehr, der Sicherheiten bietet, niemand, der gleiches fühlt, denkt oder will ... Jeder bewohnt eine geschlossene Welt, in der er sich eingerichtet hat wie in einem kleinen, viel zu engen Ferienhaus, das wiederum nur ein Vorschlag sein kann im breiten Sortiment der Möglichkeiten. Versuche, aus dem Innenraum seiner Mikrosphäre auszubrechen, enden regelmäßig im Selbstbetrug: je indifferenter ein Mensch, desto höher die Chance auf Gemeinsamkeiten, lautet die Hoffnung, die dahinter steht. Der Mensch nach der Kultur, das Kompromißwesen par excellence, blickt wehmütig auf vergangene Inszenierungen, findet aber nicht in den alten Spielfluß zurück, und so bleibt meist alles bei der Probe. Nicht mehr ganz Wir und noch nicht ganz Ich. Zwischen diesen beiden Kräften, den Spannungsfeldern übermodernen Menschseins, tastet sich der Einzelne entlang, wie durch einen dunklen Gang, der zwar kein Ende erkennen läßt, aber die Richtung erzwingt.
Kultur haben ist jedoch keine Frage der Umgebung, in die man hineingeboren wird, sondern eine der Haltung, des Instinkts, wie Spengler sagen würde. Kultur beweist derjenige – und das war schon immer so – , der sich nicht gemein macht mit einer Sache, die von unten kommt, die ihn billig umschmeichelt, indem sie ihm Zugehörigkeit verspricht unter der Voraussetzung, daß er den Tagesparolen und Modegesinnungen folgt. Kultur ist Formgebung. Darin liegt ihr Wesen, ihre Macht. Wir sind Erben einer solchen Macht, die im Großen niemand mehr ausüben kann oder will. Aber wir tragen ihre Spurenelemente noch mit uns herum. Die Geschichte bietet eine gewisse Transparenz der Möglichkeiten, wie Leben gestaltet werden kann. Als Mischwesen, die wir sind, zur Unentschlossenheit verdammt, weil wir noch immer zwischen den Zeitaltern stehen, noch immer genug „Kultur“ in uns haben, um an den Symptomen der „Zivilisation“ zu leiden. Diese beiden Kräfte stehen im Verhältnis zueinander wie Vergangenheit und Zukunft. Und vielleicht hat es nie eine größere Diskrepanz, eine größere Feindschaft zwischen dem Gestern und dem Morgen gegeben als heute. Dieser Konflikt wirkt täglich auf uns ein, denn zu beiden Welten fühlen wir uns hingezogen, beide haben Gewalt über uns, beide bilden unsere Wirklichkeit.
Deshalb sind wir auch heute noch, kaum anders als Spengler, Zeugen jener gewaltigen Kämpfe und Übergänge, die von einem Entwicklungsstadium in ein anderes führen, und es ist, wie Nietzsche sagt, „der Zauber dieser Kämpfe, daß, wer sie schaut, auch kämpfen muß!“


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