Oxfordianische Lektionen (1): Mr. William Shakspere

Nach eineinhalb Jahren im Kaninchenbau von "Corona" hatte ich dringend eine Pause nötig.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wie lan­ge war es her, daß ich mich “zum Ver­gnü­gen” in ein The­ma ver­tieft hat­te? Der Biblio­the­kenen­gel half nach und ließ einen unge­le­se­nen Band aus mei­nem Bücher­schrank fal­len, der mich sofort fes­sel­te. Ali­as Shake­speare von Joseph “Joe” Sobran (auch auf Deutsch erschie­nen) reich­te mir nicht nur das Opi­um, nach dem ich mich gesehnt hat­te, son­dern bot auch eini­ge uner­war­te­te Lek­tio­nen für unse­ren heu­ti­ge Lage.

Das Fol­gen­de ist also nicht nur “nice to know” gemeint. Dafür bit­te ich um etwas Geduld.

Das Buch aus dem Jahr 1997 ist eine Ein­füh­rung in die “Oxfor­di­an Theo­ry” der wah­ren Autor­schaft der Wer­ke Wil­liam Shake­speares. Joe Sobran (1946–2010), Kolum­nist der Natio­nal Review und einer der bril­lan­tes­ten Essay­is­ten der ame­ri­ka­ni­schen Paläo­kon­ser­va­ti­ven, war ein lei­den­schaft­li­cher Anhän­ger die­ser Theo­rie.  2011 wur­de sie durch den Film “Anony­mus” von Roland Emme­rich einem brei­te­ren Publi­kum bekannt gemacht.

Der Film ist lei­der nicht sehr gut und flopp­te an den Kino­kas­sen; zuletzt zemen­tier­te Ken­neth Bra­nagh, Regis­seur und Dar­stel­ler etli­cher gewich­ti­ger Shake­speare-Ver­fil­mun­gen, mit “All is True” (2018) erneut die “Strat­for­di­an Theo­ry”, also die gän­gi­ge Lehr­mei­nung, wonach der Dich­ter Shake­speare (oder “Shake-Speare”) mit dem 1616 ver­stor­be­nen Kauf­mann Wil­liam Shak­spe­re (so lau­te­te die häu­figs­te Schreib­wei­se sei­nes Namens) aus Strat­ford-upon-Avon iden­tisch ist.

Die Oxfor­dia­ner betrach­ten “Mr. Shak­spe­re” und “Wil­liam Shake­speare” als zwei ver­schie­de­ne Per­so­nen und ver­tre­ten die Ansicht, daß sich hin­ter dem berühm­ten Autoren­na­men ein Mann namens Edward de Vere, der 17. Earl von Oxford (1550–1604), ver­birgt. Anders als Mr. Shak­spe­re stamm­te Oxford aus den Spit­zen der Gesell­schaft und leb­te ein äußerst dra­ma­ti­sches Leben mit­ten im Auge des Tai­funs der eli­sa­be­tha­ni­schen Ära, nicht bloß als rand­stän­di­ger Beob­ach­ter, son­dern als emi­nen­ter poli­ti­scher und kul­tu­rel­ler Akteur.

Um es kurz zu machen: Ich habe kei­ner­lei Zwei­fel, daß die Oxfor­dia­ner recht haben. Die Beweis­last zuguns­ten de Veres ist der­art über­wäl­ti­gend, daß man sich nach einer Rei­se durch die oxfor­dia­ni­schen Untie­fen vor Ver­wun­de­rung die Augen reibt, war­um der Kan­di­dat aus Strat­ford immer noch aka­de­mi­scher Stan­dard ist, ein Jahr­hun­dert nach der Publi­ka­ti­on des bahn­bre­chen­den Buches “Shake­speare” Iden­ti­fied des Eng­lisch-Leh­rers Tho­mas Looney.

Die Ant­wort dar­auf ist frei­lich nicht schwer zu fin­den: Gebir­ge an gelehr­ter, spe­ku­la­ti­ver Lite­ra­tur der Jahr­hun­der­te bis auf den heu­ti­gen Tag wer­den durch den Oxford-Schlüs­sel zunich­te gemacht, und dar­um hat das Estab­lish­ment der Shake­speare-For­schung schon aus blo­ßer Eitel­keit einen guten Grund, sei­ne Deu­tungs­ho­heit ver­bis­sen zu ver­tei­di­gen. Zusätz­lich spielt der “Mythos” Shake­speare, an dem eine gan­ze Kul­tur­in­dus­trie hängt, nach wie vor eine gro­ße Rol­le im natio­na­len Selbst­ver­ständ­nis der Briten.

An Mythen zu krat­zen, die sich tief in unser Geschichts­bild ein­ge­gra­ben haben, ist meis­tens ein aus­sichts­lo­ses Unter­fan­gen, das natur­ge­mäß auf erheb­li­chen Wider­stand stos­sen wird, wenn damit bestimm­te Inter­es­sen, Wert­vor­stel­lun­gen, Geschäfts­mo­del­le und Iden­ti­fi­ka­tio­nen ver­bun­den sind.

Auch der Wiki­pe­dia-Arti­kel zu de Vere betont, daß die Debat­te um die Autor­schaft Shake­speares außer­halb “der Wis­sen­schaft” geführt wird:

Im Rah­men der außer­halb tra­di­tio­nel­ler wis­sen­schaft­li­cher Shake­speare- und Renais­sance-For­schung geführ­ten Debat­te um die Urhe­ber­schaft der Wer­ke Wil­liam Shake­speares wird Edward de Vere häu­fig als deren eigent­li­cher Ver­fas­ser angesehen.

Zuwei­len hört man das Argu­ment, daß es im Grun­de egal sei, wer die Wer­ke geschrie­ben hat, ganz im Sin­ne von Shake­speare selbst: “A rose by any other name would smell as sweet”. Ich hin­ge­gen den­ke, daß die Oxford-Theo­rie unge­ahn­te Tie­fen­di­men­sio­nen des Shakespeare’schen Wer­kes auf­schließt, und vie­le Aspek­te über­haupt erst ver­ständ­lich macht. Immer­hin haben wir es hier mit Dich­tun­gen zu tun, von denen uns über 400 Jah­re tren­nen. Wir müs­sen zuerst ler­nen, ihre “Spra­che” im mehr­fa­chen Sinn zu verstehen.

Wor­um geht es also? Ich will es kurz fas­sen, was ange­sichts der eben­so ver­wor­re­nen wie fas­zi­nie­ren­den Geschich­te nicht ein­fach ist.

Der Autoren­na­me “Wil­liam Shake­speare” tauch­te gedruckt zum ers­ten Mal 1593 auf der Titel­sei­te des epi­schen Gedichts Venus und Ado­nis auf, das zusam­men mit sei­nem Nach­fol­ger Die geschän­de­te Lukre­tia (1594) den Ruhm des Dich­ters begrün­de­te. Als Büh­nen­au­tor trat Shake­speare, nach etli­chen anonym publi­zier­ten Stü­cken, “offi­zi­ell” erst 1598 in Erschei­nung, unter der Schreib­wei­se “Shake-Speare”, die auf ein Pseud­onym hin­deu­tet. Über sei­ne Per­son war nichts bekannt; “Shake­speare” (oder “Shake-Speare”) war über lan­ge Zeit nicht mehr als ein Name auf einem Titelblatt.

Erst im Jahr 1623 wur­de die­ser Name mit dem (bereits ver­stor­be­nen) Gen­tle­man aus Strat­ford in Ver­bin­dung gebracht. Dies geschah durch eini­ge hul­di­gen­de Bei­trä­ge zur ers­ten Gesamt­aus­ga­be der Büh­nen­wer­ke des “Bar­den” (“First Folio”) – aller­dings auf eine indi­rek­te und mehr­deu­ti­ge Wei­se. Shake­speares Freund und Dich­ter­kol­le­ge Ben Jon­son bezeich­ne­te ihn als “Schwan von Avon”, und der heu­te ver­ges­se­ne Poet Leo­nard Dig­ges erwähn­te ein “Strat­ford moni­ment”. Von einem Ort namens “Strat­ford-upon-Avon” war jedoch nir­gends die Rede. Man erfuhr prak­tisch nichts über das Leben, die Fami­lie und die Kar­rie­re des Autors, außer, daß er in sei­nen eige­nen Stü­cken gespielt haben soll.

Die Oxford-Theo­rie geht davon aus, daß es sich hier­bei um ein bewuß­tes Täu­schungs­ma­nö­ver han­del­te, ja um eine “Ver­schwö­rung” der Her­aus­ge­ber, mit dem Ziel, die wah­re Iden­ti­tät des Autors zu verbergen.

Im “ers­ten Folio” fin­det sich auch der berühm­te Kup­fer­stich von Mar­tin Droes­hout, der seit­her unse­re Vor­stel­lung prägt, wie Shake­speare aus­ge­se­hen haben mag. Er ist die Vor­la­ge für die unzäh­li­gen Phan­ta­sie­por­traits, die spä­ter ent­stan­den sind.

Vie­le Kom­men­ta­to­ren haben auf die merk­wür­dig pup­pen- und mas­ken­haf­te Erschei­nung der Gestalt mit dem über­di­men­sio­na­len Kopf und dem ver­zerr­ten lin­ken Arm hin­ge­wie­sen, die in Droes­houts Werk kei­ne Par­al­le­le hat. Die Oxfor­dia­ner neh­men an, daß Jon­son – sei­ner­seits ein bedeu­ten­der Dra­ma­ti­ker – und Droes­hout “zwi­schen den Zei­len” ver­ba­le und visu­el­le Hin­wei­se ver­steckt haben, daß sie hier eine “Mas­ke­ra­de” in Sze­ne gesetzt haben.

Jon­son kom­men­tier­te das Por­trait unter ande­rem mit den Zeilen:

… Rea­der, look
Not on his Pic­tu­re, but his Book

Das Motiv für die geziel­te Ver­tu­schung der wah­ren Autor­schaft ist das zen­tra­le Rät­sel der Shake­speare-Oxford-For­schung, und eini­ge Autoren sind der fel­sen­fes­ten Ansicht, es gelöst zu haben – davon aber später.

Die von Jon­son, Dig­ges und den angeb­li­chen Her­aus­ge­bern des Ban­des, John Hemin­ges und Hen­ry Con­dell (zwei Schau­spie­ler aus der Trup­pe “Lord Chamberlain’s Men”, für die Shake­speare schrieb), geleg­te Spur wur­de in den hun­dert Jah­ren nach Erschei­nen der ers­ten Folio-Aus­ga­be mit frei erfun­de­nen Anek­do­ten und Gerüch­ten ange­rei­chert, die ver­schie­de­ne Autoren wie John Aubrey und Nicho­las Rowe bei­steu­er­ten. Dem­nach war Shake­speare aus Strat­ford Sohn eines Flei­schers oder Hand­schuh­ma­chers, des­sen Genie nichts­des­to­trotz die “See­le des Zeit­al­ters” (Ben Jon­son) zum Aus­druck brach­te, tri­um­phal sei­ne beschei­de­ne Her­kunft transzendierend.

Zwi­schen dem angeb­li­chen Autor aus Strat­ford und sei­nen Schöp­fun­gen, sei­en es die Stü­cke, die Sonet­te oder die epi­schen Dich­tun­gen, fin­den sich in der Tat nicht die gerings­ten beleg­ba­ren bio­gra­phi­schen Bezü­ge. Gera­de die­se Tat­sa­che wur­de immer wie­der als para­do­xer, dafür aber umso schla­gen­de­rer Beweis sei­nes uner­klär­li­chen Genies und sei­ner stu­pen­den “Uni­ver­sa­li­tät” geprie­sen. Die­se Vor­stel­lung ist der Kern des tra­di­tio­nel­len Shake­speare-Mythos, der bis heu­te wirk­mäch­tig ist.

Der Autor selbst ist in die­ser Deu­tung ein Nobo­dy, der durch sei­ne genia­le Inspi­ra­ti­on die gan­ze Welt in sich trägt, und ein­fach nie­der­schreibt, was ihm in den Sinn kommt. Er ist ein Phan­tom, ein Rät­sel, eine Null, ein Sta­tist im Hin­ter­grund, wäh­rend die sei­ner Ima­gi­na­ti­on ent­sprun­ge­nen Gestal­ten wie Ham­let, Ophe­lia, Romeo, Julia, König Lear, Othel­lo, Jago, Des­de­mo­na, Shy­lock, Richard III., Hein­rich V., Fal­staff, Puck, Zet­tel, Ari­el, Pro­spe­ro usw. ein unheim­li­ches Eigen­le­ben füh­ren, das Jahr­hun­der­te über­dau­ert hat (gera­de eben ist eine neue Mac­beth-Ver­fil­mung mit einem absurd “ein­ge­schwärz­ten” Cast her­aus­ge­kom­men, bedau­er­li­cher­wei­se unter der Regie eines Kön­ners, Joel Coen.)

Exem­pla­risch für die­se Sicht­wei­se sind die­se Bemer­kun­gen von Egon Frie­dell aus sei­nem Mam­mut­werk Kul­tur­ge­schich­te der Neu­zeit (1927–31):

Das neue Orga­non, die wah­re Enzy­klo­pä­die, Instau­ra­tio Magna und Geburt der Zeit war aber nicht Bacon, son­dern jener Mann, an dem den Mit­le­ben­den nur denk­wür­dig erschie­nen ist, daß er ein­mal wegen Wil­derns in Unter­su­chung war, eines der vie­len Lon­do­ner Thea­ter mit ziem­lich gutem Geschäfts­er­folg lei­te­te und in sei­ner Vater­stadt als leid­lich begü­ter­ter Boden­spe­ku­lant starb. (…)

Die ech­ten Dich­ter gehen immer inko­gni­to umher wie die Köni­ge in den Anek­do­ten. Sie spre­chen mit dem Volk, das Volk ant­wor­tet ihnen kaum und sieht an ihnen vor­bei. Spä­ter kommt dann einer und erklärt den Leu­ten, wer das eigent­lich gewe­sen sei. Aber inzwi­schen hat sich der ver­klei­de­te König längst davon­ge­macht. Zwei­hun­dert Jah­re nach Shake­speares Tode kamen eini­ge Men­schen und sag­ten: »Ja wißt ihr denn, wer die­ser klei­ne Schau­spie­ler und Schmie­ren­di­rek­tor war? Es war Wil­liam Shake­speare!« Da waren alle sehr erstaunt, aber Shake­speare hat­te sich längst davongemacht. (…)

Shake­speare hat inmit­ten einer Zeit des Jubels, der Welt­wen­den und des Glan­zes ein stil­les, ein­fa­ches und fast bana­les Leben geführt. (…)

Frie­dell merkt an, daß man­che den Zwei­fel an der Autor­schaft Shake­speares auf­grund der dür­ren Fak­ten­la­ge so weit trei­ben, daß sie über­haupt an sei­ner Exis­tenz zwei­feln (ähn­lich wie im “Fall” Jesus Chris­tus, des­sen Klä­rung Frie­dell ganz beson­ders am Her­zen lag):

Die gerin­ge oder fal­sche Schät­zung, die Shake­speare zu sei­nen Leb­zei­ten erfah­ren hat, ist man­chen so para­dox erschie­nen, daß sie auf das Aus­kunfts­mit­tel ver­fie­len, sei­ne Exis­tenz über­haupt zu leug­nen. Das ist aller­dings eine son­der­ba­re Art, den Wider­spruch zu lösen. Denn wenn es schon schwer vor­stell­bar ist, daß die­se bei­spiel­lo­se Schöp­fer­kraft im Dun­kel gelebt hat, so ist es völ­lig unvor­stell­bar, daß sie über­haupt nicht gelebt haben soll.

Die­sen Zweif­lern muß man erwi­dern: wer hät­te denn die­se sechs­und­drei­ßig Dra­men, deren Gewalt und Fül­le bis heu­te noch nie­mand erreicht hat, schrei­ben sol­len, wenn nicht Shake­speare? Viel­leicht hieß er nicht Shake­speare: was küm­mert uns sei­ne Adres­se! Aber vor­han­den muß er doch gewe­sen sein. Shake­speare ist auf uns gekom­men in der untrüg­lichs­ten und sichers­ten Form, in der der Geni­us sein Leben bezeu­gen kann: durch sei­ne Geis­tes­wer­ke. Sei­ne Dra­men sind der evi­den­tes­te Beleg für sei­ne Exis­tenz. So vie­le haben ihre Mel­de­zet­tel, Geburts­at­tes­te und Toten­schei­ne und sind nicht gewe­sen, haben nie­mals gelebt vor dem Ant­litz der Geschich­te. Shake­speare ist von kei­nem Seel­sor­ger, Magis­trats­be­am­ten und Bezirks­arzt beschei­nigt und lebt.

Rein­hold Schnei­der fiel in sei­nem 560 Sei­ten star­ken Buch Das Insel­reich (1936) über “Gesetz und Grö­ße der bri­ti­schen Macht” zu Shake­speare als Per­son wenig ein; er hat ihm und sei­nem Werk nur weni­ge, ziem­lich unbe­frie­di­gen­de Sei­ten gewid­met. Der gewal­ti­ge, gewit­ter­um­loh­te Strom der bri­tan­ni­schen Geschich­te , wie er sich im Werk des Dich­ters spie­gelt, mün­det in Schnei­ders Dar­stel­lung in eine zeit­lo­se länd­li­che Idyl­le, die Shake­speare-Pro­spe­ros Hei­mat und Zuflucht ist:

Am Ende ist alles Traum; die auf der Büh­ne Han­deln­den wer­den zu Geis­tern, die in der Luft zer­schmel­zen; die klei­ne Wirk­lich­keit des Lebens ist umla­gert von Schlaf. Das Land öff­net sich wie­der, die Stadt ist nichts; über allen Schlacht­fel­dern grünt der Rasen, und der Fluß, an dem die Ang­ler sit­zen, zieht gelas­sen an ihnen vor­über. (…) Das Gleich­gül­tigs­te, ein schö­ner Tag, das Feld, das Haus, der Ertrag der Äcker, die Wün­sche der Bür­ger von Strat­ford, gewinnt Bedeu­tung; das Gro­ße ver­liert sie. Traum ist auch das Werk gewe­sen, es lohnt sich nicht, es zu über­lie­fern, hier wo das Schlech­tes­te herrscht und eine Wei­le dau­ert; alle Gestalt zerrinnt.

Schnei­der baut hier eine poe­ti­sie­ren­de “Brü­cke” zwi­schen der Fül­le des Wer­kes und der schein­ba­ren Lee­re der Per­sön­lich­keit des Dich­ters, löst den Wider­spruch auf in einer brah­ma­nisch-ham­le­ti­schen Beschwö­rung der Vani­tas alles Irdi­schen (inklu­si­ve der Dicht­kunst, was nicht so recht zum Ver­fas­ser der geheim­nis­vol­len Sonet­te paßt). Der Mann namens “Shake­speare” war nur ein flüch­ti­ger Schat­ten – aber, so insi­nu­iert der Melan­cho­li­ker Schnei­der, sind wir das nicht alle, mit­samt unse­ren Werken?

Eine sys­te­ma­ti­sche, kri­ti­sche Erfor­schung der Bio­gra­phie Shake­speares begann erst rund zwei­hun­dert Jah­re nach sei­nem Tod, par­al­lel zu sei­ner Glo­ri­fi­zie­rung als bedeu­tends­ter Natio­nal­dich­ter des bri­ti­schen Impe­ri­ums. Bereits Ende des 18. Jahr­hun­derts war Strat­ford zum Mek­ka des Shake­speare-Kults und zum Zen­trum eines regen Devo­tio­na­li­en­han­dels gewor­den. Ein Schelm namens Wil­liam Ire­land ver­dien­te sich eine gol­de­ne Nase mit wag­hal­si­gen Fäl­schun­gen von angeb­li­chen Brie­fen und Doku­men­ten Shake­speares, bis hin zu “ver­schol­le­nen” Stü­cken, die er “ent­deckt” haben wollte.

Die tat­säch­li­che Aus­beu­te der Spu­ren­su­che nach Doku­men­ten aus “Shake­speares” Leben, die weit ins 20. Jahr­hun­dert andau­er­te, blieb aller­dings frus­trie­rend mager. 1962 schrieb der eng­li­sche His­to­ri­ker Hugh Tre­vor-Roper (der sich spä­ter als Gut­ach­ter der “Hit­ler-Tage­bü­cher” bla­mie­ren sollte):

Von allen unsterb­li­chen Genies der Lite­ra­tur ist kei­nes per­sön­lich so ungreif­bar wie Wil­liam Shake­speare. Das ist ärger­lich und fast unglaub­lich. Immer­hin leb­te er in der Blü­te­zeit der eng­li­schen Renais­sance, in der gut doku­men­tier­ten Regie­rungs­zeit von Köni­gin Eli­sa­beth und König Jakob I. Er schrieb fünf­und­drei­ßig Thea­ter­stü­cke und 150 sehr per­sön­li­che Sonet­te. Er war mit eini­gen der bekann­tes­ten Per­sön­lich­kei­ten des bedeu­tends­ten Hofes der eng­li­schen Geschich­te ver­bun­den. Seit sei­nem Tod war er Gegen­stand der umfang­reichs­ten orga­ni­sier­ten For­schungs­of­fen­si­ve, die je auf eine ein­zel­ne Per­son gerich­tet war, vor allem im letz­ten Jahr­hun­dert. Und doch ist der größ­te aller Eng­län­der trotz die­ser gewal­ti­gen Erkun­dun­gen ein Rät­sel geblie­ben, in dem Maß, daß auch heu­te noch sogar sei­ne Iden­ti­tät ange­zwei­felt wer­den kann.

Man konn­te trotz aller Bemü­hun­gen nur sehr weni­ge Fak­ten nach­wei­sen: Wil­liam Shak­spe­res Tau­fe, sei­ne Ver­ehe­li­chung und die Tau­fe sei­ner Kin­der etwa, deren eines den Namen “Ham­net” trug und im Alter von elf Jah­ren ver­starb. Doku­men­te über diver­se Gerichts­ver­hand­lun­gen, in die er invol­viert war, offen­ba­ren einen pein­lich klein­ka­rier­ten Cha­rak­ter. Man weiß nichts über sei­ne Lek­tü­ren und sei­ne Schul- oder gar Uni­ver­si­täts­bil­dung; man hat nicht ein­mal einen hand­fes­ten Beweis, ob er über­haupt schrei­ben und/oder lesen konn­te (sowohl sein Vater als auch sei­ne Kin­der konn­ten es nach­weis­lich nicht). Die gän­gi­ge Behaup­tung, daß er die “grammar school” von Strat­ford besucht hat, ist rei­ne Spekulation.

Der Autor des Shakespeare’schen Wer­kes jedoch muß nach allem Ermes­sen enor­me Kennt­nis­se auf einer Viel­zahl von Gebie­ten beses­sen haben: Sei­en es die Gepflo­gen­hei­ten und Intri­gen des könig­li­chen Hofes, Latein, Grie­chisch, Fran­zö­sisch und Ita­lie­nisch, die Klas­si­ker der Anti­ke (ins­be­son­de­re Ovid) und die Bibel, sowie Geschich­te, Rechts­wis­sen­schaft, Phi­lo­so­phie, Medi­zin, Falk­ne­rei, Navi­ga­ti­on, Musik, mili­tä­ri­sche Tak­tik, Gärt­ne­rei oder Heral­dik. Sein detail­ier­tes geo­gra­phi­sches und kul­tu­rel­les Wis­sen über Ita­li­en deu­tet dar­auf hin, daß sich der Autor dort län­ge­re Zeit auf­ge­hal­ten haben muß.

Nichts der­glei­chen ist uns von Shak­spe­re aus Strat­ford bekannt. In den 1590er Jah­ren ist sein Auf­ent­halt in Lon­don nach­weis­bar, 1595 taucht er auf einem Gehalts­zet­tel der Thea­ter­trup­pe “Lord Chamberlain’s Men” auf, für die er offen­bar als Schau­spie­ler tätig war. Um 1611 soll er sich nach Kon­sens der His­to­ri­ker in sei­ne Hei­mat­stadt Strat­ford zurück­ge­zo­gen haben.

An den vor­han­de­nen Doku­men­ten sticht sofort die Tat­sa­che ins Auge, daß nichts, aber auch gar nichts dar­auf hin­deu­tet, daß Wil­liam Shak­spe­re, angeb­lich iden­tisch mit dem größ­ten Dich­ter der eng­li­schen Spra­che, irgend­et­was mit Lite­ra­tur, Kunst und Dich­tung am Hut hat­te. Kein Manu­skript und kein Brief aus sei­ner Hand ist über­lie­fert. Die kra­ke­li­gen, unge­len­ken sechs Unter­schrif­ten, die als authen­tisch gel­ten, sind inkon­sis­tent und stam­men ver­mut­lich nicht alle von der­sel­ben Per­son (und kei­ne davon buch­sta­biert den Namen, wie er in den ori­gi­na­len “Quar­tos” buch­sta­biert wur­de: eben “Shake­speare” oder “Shake-Speare”).

Shak­spe­res Tes­ta­ment, geschrie­ben von einer ande­ren Hand, als jener, von der die Unter­schrif­ten stam­men, ist in einer höl­zer­nen, unper­sön­li­chen Spra­che ver­faßt. Unter den Hin­ter­las­sen­schaf­ten, die in die­sem Doku­ment ange­führt wer­den, fin­den sich kei­ne Musik­in­stru­men­te, kei­ne Bücher (damals ein teu­rer, wert­vol­ler Besitz) und kei­ne Manu­skrip­te. Berüch­tigt ist Shak­spe­res schnö­de Anwei­sung, sei­ner Frau sein “zweit­bes­tes Bett” zu hin­ter­las­sen. Das Epi­taph auf sei­nem Grab­stein ist ein bana­ler, kon­ven­tio­nel­ler Vier­zei­ler.

Beson­ders ver­däch­tig ist die Mani­pu­la­ti­on von Shak­spe­res Grab­denk­mal (offen­bar das “Strat­ford moni­ment”, von dem im ers­ten Folio die Rede ist), die im 18. oder 19. Jahr­hun­dert vor­ge­nom­men wur­de: der Büs­te eines eher dümm­lich, behä­big-spieß­bür­ger­lich aus­se­hen­den Man­nes, der dem Droes­hout-Por­trait nur ent­fernt ähnelt, wur­den nach­träg­lich Feder und Papier in klo­bi­ge Pfo­ten gedrückt, die ursprüng­lich einen Getrei­de- oder Woll­sack (!) umfaß­ten. Der Ver­gleich mit Dar­stel­lun­gen aus dem 17. Jahr­hun­dert läßt außer­dem ver­mu­ten, daß die kom­plet­te Büs­te ersetzt wor­den ist.

In die­ser BBC-Doku­men­ta­ti­on von 1986 sieht man kei­nen Gerin­ge­ren als Enoch Powell, berühmt-berüch­tigt für sei­ne “Rivers of Blood”-Rede, wie er kopf­schüt­telnd vor dem Denk­mal mit sei­ner kryp­ti­schen Inschrift steht und sein Urteil fällt:

Some­bo­dy fixed it. And to me, in its wor­d­ing, in its aspect, in ever­ything about it, that is a fix. It is a fix that is arran­ged to go with the first folio. The one spoof goes with the other spoof, and it is all part of the spoof of Wil­liam Shake­speare. It’s sho­cking, isn’t it? It’s abso­lute­ly sho­cking. Some­bo­dy took it into the work­shop and said, ‘Here, this is what it should look like.’ It abso­lute­ly stinks.

Jemand hat es “zurecht­ge­macht”. Die Wort­wahl, das Aus­se­hen, alles deu­tet für mich dar­auf hin, daß es sich hier um ein Arran­ge­ment han­delt, um dem ers­ten Folio zu ent­spre­chen. Ein Schwin­del folgt auf den ande­ren Schwin­del, und alles ist Teil des Schwin­dels namens Wil­liam Shake­speare. Es ist scho­ckie­rend, nicht wahr? Irgend­je­mand hat es in die Werk­statt gebracht und gesagt: “Hier, so soll es aus­se­hen.” Es stinkt zum Himmel.

Fra­ge an Powell: “Sie glau­ben nicht, daß das Gesicht eines Men­schen ist, der Sonet­te schreibt?” Antwort:

Ich glau­be nicht, daß das über­haupt das Gesicht eines Men­schen ist! Ich glau­be, es ist das Gesicht eines Anony­mus. Von jeman­dem, der kein Mensch ist, son­dern eine Mas­ke, die jemand erfun­den hat, um eine Iden­ti­tät zu ver­ber­gen. Pfui! Ich kann es nicht ertragen!

Es exis­tie­ren kei­ne Doku­men­te, die bele­gen, daß Wil­liam Shak­spe­res Tod im Jahr 1616 von irgend­ei­nem sei­ner Dich­ter­kol­le­gen in Lon­don beklagt oder auch nur wahr­ge­nom­men wur­de; auch zu Leb­zei­ten hat er in der Stadt sei­ner gro­ßen künst­le­ri­schen Tri­um­phe kaum Spu­ren hinterlassen.

Nimmt man hin­ge­gen an, daß sich hin­ter “Shake­speare” Edward de Vere ver­birgt, fügen sich die losen Puz­zle­tei­le wie auf magi­sche Wei­se inein­an­der und erge­ben ein schlüs­si­ges Bild. Vie­le Rät­sel schei­nen gelöst, aber neue, noch grö­ße­re, tau­chen auf.

Mehr dar­über im nächs­ten Teil.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (48)

Der_Juergen

9. Januar 2022 09:52

Zu erwähnen ist hier eine These, die von dem (mittlerweile verstorbenen) sizialianischen Autor Martino Iuvara vertreten wird, nämlich dass Shakespeare gar kein Engländer, sondern gebürtiger Italiener gewesen sei. Das klingt verrückt, ich weiss, doch wer Iuvaras

Shakespeare era italiano

gelesen hat, wird den Autor nicht als Irren abtun. Er führt eine Vielzahl von Argumenten ins Feld, denen freilich starke Gegenargumente entgegenstehen. Für mich ist es nicht vorstellbar, dass jemand, der Englisch erst als Erwachsener gelernt hat, diese Sprache später dermassen virtuos beherrscht haben könnte. Allerdings: Houston Stewart Chamberlain hat Deutsch, Joseph Conrad hat Englisch erst als Jüngling gelernt, und beide haben die jeweiligen Sprachen mit seltener Vollkommenheit gemeistert.

Iuvaras Schrift ist zwar auf Deutsch übersetzt, wird aber in naher Zukunft nicht erscheinen. Da ich den künftigen Verleger kenne, könnte ich ernsthaft Interessierten vielleicht ein Exemplar des italienischen Originals zukommen lassen.

Hier ein Wikipedia-Artikel zum Thema, der die Frage allerdings nur oberflächlich behandelt.

Crollalanza theory of Shakespeare authorship - Wikipedia

Ein Fremder aus Elea

9. Januar 2022 10:14

Sie können mir nicht einreden, daß der Kaufmann von Venedig nicht von Baco de Verulam geschrieben wurde, in dessen Besitz sich der Text auch befand. Und bei Hamlet und King Lear tendiere ich auch sehr zu Francis Bacon. All diese Texte sind von einer Geringschätzung des Menschen im Vergleich zu seiner Funktion, seinem Amt geprägt, was auf jemanden hinweist, welcher sich theoretisch mit diesen Funktionen befaßt und sich über diejenigen, welche sie traditionell ausfüllen, ärgert. Und Francis Bacon starb an einem wissenschaftlichen Experiment, bei welchem er sich einen Schnupfen holte. Also genau die Sorte...

Maiordomus

9. Januar 2022 10:37

Fürwahr interessanter Artikel, wiewohl , um hier mitzureden, vermutlich lebenslange Forschung einschliesslich Lokalkenntnis notwendig wäre. Was mich bei Lichtmesz als Gebildeten von Klasse freut, ist die Zitation Reinhold Schneiders aus dem "Inselreich" (nach Heuss bestes deutsches Buch von 1936, im VB aber verrissen) mit Aussagen, die freilich nichts mit Recherche, aber einiges mit nicht gerade daneben führender Intuition zu tun haben. Selber habe ich mich forschungsmässig lediglich mit den Paracelsus-Kenntnissen des Verfassers von "Twelth night" befasst, die auf die lateinische Genfer Des Tournes- Ausgabe von 1603 verweisen und insofern auf einen überdurchschnittlich gelehrten Humanisten verweisen könnten. Auch muss Shakespeare für den Sommernachtstraum den 1537 in Mährisch-Krumau oder Kärnten geschriebenen "Liber de nymphis, sylphli, pygmaeis ac salanmandris" gekannt haben, der in der lateinischen Ausgabe, wenn ich mich richtig erinnere, mit enthalten ist. Enoch Powell, einen der gebildetsten Briten seiner Zeit, habe ich bei meinem Sprachaufenthalt in England 1968 gehört, war in einem geistig und auch politisch (Besetzung der Tschechoslowakei) elenden Jahr für mich ein wahrer Lichtblick war. Powell war auch ein brillanter Lateiner u. Kenner von Thomas Morus.  

kikl

9. Januar 2022 10:39

"Der Autor des Shakespeare’schen Werkes jedoch muß nach allem Ermessen enorme Kenntnisse auf einer Vielzahl von Gebieten besessen haben: ...."

Kenntnisse in 5 verschiedenen Sprachen? Kenntnisse in fast allen Gebieten der damaligen Wissenschaft? Kenntnisse der Hofsitten? Damals konnte der Autor sich nicht in kurzer Zeit beim Verfassen eines Werkes diese Kenntnisse verschaffen, es gab kein Internet.

Mir scheint das vielmehr auf ein Autorenkollektiv hinzudeuten, die gemeinsam diese Stücke verfasst haben, vergleichbar mit einer Künstlerwerkstatt wie es im Mittelalter bis in die Renaissance üblich war. Die Stücke wurden alle für ein bestimmtes Theater des Herrn Shakespeare geschrieben, der insofern vielleicht auch an ihrem Erstehungsprozess beteiligt war. Das Theater Shakespeares ist ja wie das Kino aus Hollywood auf große Effekt und auch derbe Sprache angelegt. Insofern glaube ich nicht an einen Autoren im Stillen Kämmerlein sondern an eine Werkstatt, die live die Wirkung des eigenen Schaffens überprüfen konnte.

Kann eine solche Werkstatt einen eigenen Stil wie den von Shakespeare ausbilden? Ich glaube schon. Zum einen sind die Theaterstücke Shakespeares bei allen Gemeinsamkeiten qualitativ und stilistisch sehr unterschiedlich. Zum anderen kennen wir aus der bildenden Kunst Werke aus Werkstätten, die einen eigenen Stil ausgebildet haben. Vermutlich war Edward de Vere ein Mitarbeiter dieser Werkstatt.

Maiordomus

9. Januar 2022 11:09

PS. Was ich mit meinem Subkommentar zu Lichtmesz sagen wollte: das in Shakespeares Werken enthaltene humanistische Bildungsgut ist jenseits der lyrischen und dramatischen zum Teil unübertrefflichen Genialität der Texte ist gigantisch. Dies schliesst freilich eine schlicht bürgerliche Herkunft des Verfassers aus einer Kleinstadt nicht aus, vgl. Kepler und sein Milieu in Weil der Stadt und in Leonberg, Kepler war übrigens Zeitgenosse Shakespeares und übertraf ihn sogar noch an Bildung. Das von mir genannte, für das Verständnis des Sommernachtstraums von Shakespeare und von Faust von Goethe grundlegende Werk von Paracelsus trägt genau den Titel "Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis ac salamandris et de caeteris spiritibus" und ist u.a. nachlesbar im Bd. 14 der I. Abteilung der Medizinischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Schriften" v. Th. v. Hohenheim; wurde ausserdem 1996 von Kennerin Gunhild Poerksen vorzüglich ins Neuhochdeutsche übertragen. Für die Shakespeare-Forschung gilt letztlich: Wie kam welcher Autor zu diesem Wissen und zu diesen Quellen?

Laurenz

9. Januar 2022 11:42

Es existieren mehrere Dokumentationen über Shakespeare, eine von TerraX & eine vom ZDF-Theater, auch eine von ARTE

TerraX favorisiert Marlowe, nennt aber alle bekannten Kandidaten.

https://www.youtube.com/watch?v=w-7k20gn-kY

Hier die von ZDF-Theater

https://youtu.be/jkOuGNNfFRQ

Hier etwas mehr Abstraktes von ARTE

https://youtu.be/cCDYBOsFeGY

Franz Bettinger

9. Januar 2022 11:47

Kleiner Spaß zu Shakespeare: https://www.youtube.com/watch?v=eC1-p2BowEA

Maiordomus

9. Januar 2022 11:53

@kiki. Im Vergleich zu grossen Gelehrten des Humanismus bis zur Aufklärung, von Erasmus über die grossen Engländer, von denen es viele gab, nicht nur den genialen Bacon u. Co., nicht zu vergessen Newton und Samuel Johnson, Spinoza, Leibniz, Albrecht Haller, der nebenbei noch 2500 Arten von Alpenpflanzen beschrieb, in Deutschland die Brüder Grimm - da waren die heutigen Internetsurfer und vielleicht aus Sie schlicht Wissenszwerge, vgl. übrigens noch Pascal, Voltaire und zumal Diderot, der Schöpfer der franz. Enzyklopädie. Paracelsus schrieb oder diktierte sein gewaltiges Werk, von dem die 12 Bände Theologica noch nicht mal fertig publiziert sind, ohne festen Wohnsitz in weniger als 21 Jahren. Die 175 Bände Goethe der Sophienausgabe enthalten gigantische Fülle v. Informationen. Novalis starb mit 29. die ca. 6000 Seiten seiner historisch-kritischen Ausgabe dokumentieren wie schon beim kaum 24jährigen Büchner ein Wissen, gegenüber dem heutige Internet-Quatscher mit meist nur ideologischer Orientierung ob rechts oder links Regenwurmniveau aufweisen. Auch Avicenna, Albertus Magnus, vorher schon Isidor von Sevilla, Patron der Computerbenützer, strotzten von Wissen. 

kikl

9. Januar 2022 12:42

@Maiordomus

"Der Autor des Shakespeare’schen Werkes jedoch muß nach allem Ermessen enorme Kenntnisse auf einer Vielzahl von Gebieten besessen haben: Seien es die Gepflogenheiten und Intrigen des königlichen Hofes, Latein, Griechisch, Französisch und Italienisch, die Klassiker der Antike (insbesondere Ovid) und die Bibel, sowie Geschichte, Rechtswissenschaft, Philosophie, Medizin, Falknerei, Navigation, Musik, militärische Taktik, Gärtnerei oder Heraldik. Sein detailiertes geographisches und kulturelles Wissen über Italien deutet darauf hin, daß sich der Autor dort längere Zeit aufgehalten haben muß."

Welche andere Persönlichkeit der Renaissance hat diese Fülle an Kenntnissen besessen? Vielleicht Leibniz. Gleichwohl ist es extrem unwahrscheinlich, dass eine einzelne Person dafür verantwortlich war. Das möchte man natürlich haben, weil man vom Genie träumt.

ML: Diese Fülle an Kenntnissen zu besitzen, war geradezu die Definition des "Renaissance"-Menschen. Es ist keine Hexerei, ein englischer Earl zum Beispiel, der eine entsprechende Erziehung genossen hat, wäre in all diesen Gebieten bewandert gewesen.

Skeptiker

9. Januar 2022 13:14

Ein sehr interessanter Artikel. Vor nicht zu langer Zeit las ich in der Einleitung eines schmalen Bändchens zu Shakespeare, das noch heute täglich etwa 140 Aufsätze zu ihm erscheinen. Natürlich kenne ich die Aussagen, die an der Autorenschaft bzw. der Existenz der Person zweifeln. Ich habe mich dabei immer gefragt, warum nicht auch den großen Verehrern und Übersetzern seiner Werke im Sturm und Drang wie J.M.R. Lenz bereits diese Zweifel gekommen sind, da sie sich intensiv mit der Sprache und Struktur vor allem der Dramen auseinandergesetzt haben. Mir zumindest sind derartige Aussagen nicht bekannt. Aber hier lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.

RMH

9. Januar 2022 13:18

"Nach eineinhalb Jahren im Kaninchenbau von "Corona" hatte ich dringend eine Pause nötig."

Exakt richtig. Neben allen anderen Fragen dazu, ist Corona eine gigantische Psy-Op. Die eigene Psycho-Hygiene gebietet es einem, sich auch mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Zum Mythos einer Nation gehört auch der Mythos eines überragenden Dichters. Für die neuzeitlichen Engländern ist dies Shake-Speare (alleine der Bindestrich sagt doch vieles!), für die antiken Griechen ist es Homer und auch bei Homer bildete sich die "Homerische Frage" heraus, die Generationen von Philologen beschäftigten und beschäftigen. Der Mythos der Nation erfordert es, dass der Dichter der Nation auch wirklich der war, der als Urheber gilt - daher werden es die "Truther" immer schwer haben. Aber evtl. war Shakespeare ja auch eine Frau - das würde es heute sicher einfacher machen ;)

Genie - War William Shakespeare eine Frau? (tagblatt.ch)

Da haben wir Deutschen es einmal wieder einfacher. Wir haben keinen Einen, wir haben Viele und von deren Vielen, ist bei fast allen deren historische Existenz und Urheberschaft wohl gesichert. Aber sicher wird es auch bei uns den einen oder anderen oder gar die eine oder andere geben, deren Werke eigentlich von jemand Anderen stammen (das geneigte Kommentariat wird sicher einige nennen können).

Koek Boeri

9. Januar 2022 13:29

Für mich waren beide Filme, "Anonymus", und Doku "Shakespeare: The Man Behind the Name" überzeugend.

kikl

9. Januar 2022 13:47

"ML: Diese Fülle an Kenntnissen zu besitzen, war geradezu die Definition des "Renaissance"-Menschen."

Das stimmt, in Englischen steht der Begriff "renaissance man" für einen Universalgelehrten.

"Es ist keine Hexerei, ein englischer Earl zum Beispiel, der eine entsprechende Erziehung genossen hat, wäre in all diesen Gebieten bewandert gewesen."

Ich halte das für eine Legende. In der Rückschau spinnen sich Mythen um die Wirklichkeit und je weiter wir in die Geschichte zurückblicken desto größer erscheinen ihre Helden.

Man kann in seinem Leben kein profundes Wissen über vier Fremdsprachen und Jura, Geschichte, Geographie, Kriegskunst, Botanik, und und und... gewinnen. Die vier Fremdsprachen allein, ja das geht, insbesondere weil der Autor wohl ein Sprachgenie war. Aber irgendwo hört es auf. Shakespeare war kein Übermensch.

Die Shakespeare zugeschriebenen Werke sprechen aber dafür, dass der/die Autoren all diese Kenntnisse besaßen. Deswegen halte ich ein Kollektiv von Autoren für viel wahrscheinlicher.

Imagine

9. Januar 2022 15:12

1/2

@Maiordomus …9. Januar 2022 11:53
„Im Vergleich zu grossen Gelehrten des Humanismus bis zur Aufklärung… da waren die heutigen Internetsurfer und … schlicht Wissenszwerge“

Der tiefen Einschnitt war der WK I, vorher bildete das wissenschaftlich gebildete Bürgertum noch eine Weltgemeinschaft (vgl. Robert Jungk, Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher).

Der WK I war ein Kulturbruch in die Barbarei, es war die Zeit des Untergangs der bürgerlichen Kultur. Exzellent dargestellt von Christopher Caudwell.

Ein Genie wie Rosa Luxemburg, ein Jahrtausendphänomen, unglaublich vielseitig begabt und gebildet, wurde ermordet von deutschen Primitivlingen, erschlagen wie ein tollwütiger Hund.

ML: Na, na...

Wobei anzumerken ist, dass Deutschland als Staat nie das Stadium einer bürgerlichen Zivilisation erreichte.

In der Zwischenkriegszeit gab es noch große Denker und Wissenschaftler, insbesondere im Umkreis des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Und auch Kurt Lewin.

Sehr empfehlenswert dazu: „Die Zerstörung einer Zukunft. Gespräche mit emigrierten Sozialwissenschaftlern“ von Mathias Greffrath.

Nach dem WK II gab es in West-Deutschland den Versuch einer Renaissance von großer Wissenschaft.

Einige der ganz großen Wissenschaftler und Denker habe während meines Studiums noch persönlich in Vorträgen oder Seminaren erlebt. So z.B. Ernest Mandel, Herbert Marcuse, Jürgen Kuczynski, Alfred Sohn-Rethel.

Imagine

9. Januar 2022 15:15

2/2

Andere habe ich ausführlich studiert, wie z.B. Adorno, Erich Fromm, Alexander Mitscherlich.

Damals fanden noch großartige Podiumsdiskussionen und exzellente Seminare statt. Jene von Hans Kilian, Rudolf zur Lippe et al. sind mir noch ganz präsent.

Zudem gab noch junge Großdenker wie den früh verstorbenen Hans-Jürgen Krahl, auch viele Nachwuchswissenschaftler mit ganz großem Potential, deren weitere Entwicklung und Universitätskarriere durch Konformitätsdruck und soziale Exklusion verhindert wurde.

Eine zentrale Rolle spielten die Bildungs- und Hochschul“reformen“, die Berufsverbote (Radikalenerlass von 1972) sowie die marktkonforme Massenuniversität.

Die große Wende in der Geschichte der BRD waren die Notstandsgesetze von 1968. Diese waren der Beginn des Abbaus der freiheitlich-demokratischen Verfassung und die geistige und rechtliche Wegbereitung für zukünftige Diktaturen.

Nach 1972  setzte ein Sterben des Geisteslebens an westdeutschen Universitäten ein und nach wenigen Jahren war es so tot wie in der DDR.

In Deutschland dominierte feuilletonistisches Geschwätz durch Leute wie Sloterdijk et al.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Impulse kamen nur noch aus den USA. So z.B. durch Neil Postman, Christopher Lasch und Richard Sennett.

Aber auch dies endete mit der Jahrtausendwende. Selbst jemand wie Sennett formulierte bereits vor einem Jahrzehnt, dass er nur noch auf den Systemzusammenbruch hoffe.

Monika

9. Januar 2022 15:37

1.Danke für die unterhaltsame Sonntagslektüre. Spannender als die Frage, wie, wann und wo ein Text entstanden ist ( sog. „Sitz im Leben“) finde ich die Frage nach dessen Wirkungsgeschichte, bzw. dessen Anpassung an die jeweilige Zeit oder hermeneutische Fragen. 

2. Die Renaissance mit ihrem universalistischen Erkenntnisansatz und ihren Universalgelehrten finde ich der heutigen Zeit mit ihren sog. Experten und Wissenschaftlern überlegen. (Siehe auch : Eugenio Garin: Der Mensch der Renaissance) 

3. @ Maiordomus, ich hatte Sie schon mal auf das Buch von Robert Burton ( 1577-1640) „The Anatomy of Melancholie“ hingewiesen. Burton war anglikanischer Geistlicher und Gelehrter am Christ Church College in Oxford. In seinem Buch stellt er historische, medizinische und psychologische Betrachtungen über die Melancholie ( heute: Depression) über zwei Jahrtausende an. ( Hippokrates, Avicenna, Paracelsus) . Hier passen vielleicht ein paar Puzzlestücke in Ihre Arbeit über Paracelsus und vielleicht gibt es auch eine Verbindung in Shakespeares Dunstkreis im weitesten Sinne 🤔

Laurenz

9. Januar 2022 17:54

@Kikl (1)

"Kollektiv"

Das kann zwar sein, wird auch indirekt in der TerraX-Doku angesprochen, aber deswegen muß @ML nicht Unrecht haben, der sich gewiß gut in englischer Literatur auskennt. Bei Leonardo da Vinci, der ca. 100 Jahre vorher lebte, kommt man ja auch nicht auf die Idee, von einem Leonardo-Kollektiv zu sprechen. Die von @Maiordomus ausgesprochene Kritik am "Heute" basiert in meinen Augen darauf, daß heute mehr Spezialisierung gefordert ist, es gibt eben nur wenige Generalisten, aber es gibt sie gewiß. Bei der Fülle von Mozarts Werken, behaupten manche, daß einige dieser Werke von seiner Schwester "Nannerl" stammen würden, warum auch nicht. Man könnte Zweifel an der Bedeutung Shakespearces, wenn, eher politisch-historisch an seiner Bedeutung hegen. Die Spanier verloren nicht 1588 ihre Seemacht, sondern erst mit der Niederlage in den Downs,1639, gegen die Niederländer war es vorbei mit der spanischen See-Dominanz. Erst im 18. Jahrhundert setzten sich die Briten gegen die Niederländer endgültig durch. Hier kann man sich die Frage stellen, ob Shakespeare ohne das britische Weltreich seine Bedeutung erlangt hätte?

Laurenz

9. Januar 2022 18:07

@Kikl (2)

Die Niederländer sind bis heute kulturell mehr auf die Malerei fixiert, während die Briten weder im Barock, noch der Klassik, noch in der Romantik viel an Musik vorweisen können. Erst in der Neuzeit wurde Britannien in populärer Musik stark. Aber im Grunde basiert diese gesamte Musik-Kultur auf deutschen & italienischen Komponisten. Und die Briten nannte auch niemand das Land der Dichter & Denker, wobei die Briten den Deutschen in Geo-Strategie immer haushoch überlegen waren. Mir persönlich fiel es früher immer schwer, Kultur-Geschichte auf einen Nenner mit politischer Geschichte zu bringen. Erst in den letzten 7-10 Jahren fing ich an grundsätzlich die jeweilige Kulturgeschichte in den politischen Kontext des Zeitgeists zu setzen. Dieses Vorgehen wird an Schulen leider auch nicht gefördert, und immerhin besuchte ich ein humanistisches Gymnasium mit riesigem Chor & Orchester. Von daher sollte man die historische Geo-Politik bei der Betrachtung des Bedeutung Shakespearces mit einbeziehen.

Laurenz

9. Januar 2022 18:19

@RMH

Bei Shakespeare als

"Frau"

will ich gar nicht dagegen halten. Weibliche "Ausnahmeerscheinungen" gab es schon immer. Aber selbst jetzt, nachdem Frauen schon 100 Jahren am modernen Bildungssystem partizipieren, gibt es nur wenige weibliche "Größen". Und wie ich gerne postuliere, 100 Jahre Frauenwahlrecht brachte dem Planeten nur Unglück.

Daß ein weiblicher Shakespeare möglich, aber unwahrscheinlich ist, hat wenige natürliche Gründe. Der wichtigste Grund ist der Mangel an Leidenschaft. Hier sind Männer Frauen eindeutig überlegen. Männer bezahlen viel öfter jeden Preis, um ihren Leidenschaften zu folgen. Frauen eher weniger.

Der 2. natürliche Grund ist das Beuteschema der Frau. Bildungs-Status hat auch was mit sozialem Status zu tun. Frauen wollen sich sozial immer "nach oben" binden. Männer begnügen sich oft mit "weniger" als Partnerin, gehen mehr auf äußere Wirkung der Frau. Für hochgebildete Frauen gibt es also keine adäquaten Partner. Für hochgebildete Männer schon.

kikl

9. Januar 2022 18:34

Erstaunlicherweise wird meine These durch diese Arte-Dokumentation gestützt.

https://www.youtube.com/watch?v=cCDYBOsFeGY

Ab Minute 30 wird es sehr interessant. In Minute 34 sagt ein Historiker, dass es zu Shakespeares Zeit normal war, dass bis zu 4 Autoren an einem Stück gearbeitet haben. Die jüngere Shakespeare-Forschung habe erkannt, dass seine frühen und späten Stücke in enger Zusammenarbeit mit weiteren Autoren entstanden seien. Seine mittlere Schaffensperiode, in der er allein schrieb, sei eine Abweichung von der Norm. Koautorenschaft war der Standard im Elisabethanischen Theater.

Mit Computerprogrammen habe man Stilanalysen durchgeführt und könne nun gewisse Textpassagen unterschiedlichen Autoren zuordnen. Ferner erfahren wir, dass sein berühmtestes Stück Hamlet auf einer älteren Vorlage des gleichen Namens beruht, die nicht überliefert ist. Dieses ältere Stück habe Shakespeare selber in seiner Jugend aufgeführt.

ML: Das ist ein altes Märchen, für das es keinen Beleg gibt.

Das ist purer Zufall, dass gerade der obige Link eines weiteren Kommentators genau diese These stützt.

kikl

9. Januar 2022 18:58

"Das kann zwar sein, wird auch indirekt in der TerraX-Doku angesprochen, aber deswegen muß @ML nicht Unrecht haben, der sich gewiß gut in englischer Literatur auskennt."

Nein, er muss nicht Unrecht haben. Mit Gewissheit können wir historische Ereignisse nicht rekonstruieren.

Ich glaube, ML hat zum Teil recht. Edward de Vere war vermutlich Koautor von vielen Shakespeare-Stücken.

Es gab damals kein Urheberrecht. Die Theaterstücke wurden für die großen Theater geschrieben, in deren Besitz sie übergingen.

Die Arte-Dokumentation vergleicht den Schaffensprozess mit demjenigen von Drehbuchschreibern für Film oder Fernsehen, die auch im Regelfall gemeinsam ein Drehbuch schreiben. Dazu gibt's den "writers room" usw...

Das Elisabethanische Theater war einfach ein Wirtschaftszweig, eine Industrie wie heute Hollywood, und da wurde ähnlich gearbeitet. Wenn der Text nicht funktioniert hat, dann haben vermutlich die Schauspieler noch dran rumgeschrieben, bis sich alle in die Haare gekriegt haben usw...

So stelle ich mir das vor und ich finde das viel sympathischer und lebensnaher als den einsamen Poeten in seinem Studierzimmer. Wie soll der auch wissen, was auf einer Bühne funktioniert und was nicht?

Es bleiben auch so großartige Theaterstücke und einige davon sind für die Ewigkeit geschrieben - nicht alle! ;-)

ML: Ich glaube überhaupt nicht an die Autorenkollektiv-These! Bei ein paar Stücken gab es vielleicht Ko-Autoren, aber ansonsten bin ich ganz bei Friedell's Ansicht.

kikl

9. Januar 2022 19:52

@ML: "Ich glaube überhaupt nicht an die Autorenkollektiv-These! Bei ein paar Stücken gab es vielleicht Ko-Autoren, aber ansonsten bin ich ganz bei Friedell's Ansicht."

Wieso nicht? Immerhin bezeugen die Tagebücher von Philip Henslowe, dass Autorenkollektive im Elisabethanischen Theater die Regel waren. Seine Theatertruppe ist laut Tagebuch sogar mit derjenigen von Shakespeare aufgetreten. In seinem Tagebuch sind 500 Theaterstücke erwähnt, von denen die meisten verschollen sind. Er hat Stücke in Auftrag gegeben und vergütet. In Minuten 33 ff. ist das in der Dokumentation gezeigt.

ML: Well, die Tagebücher von Henslowe sind ja nicht die einzige Quelle über das Elisabethanische Theater, und meines Wissens hat noch keiner behauptet, z. B. die Stücke von Marlowe oder Jonson wären von "Kollektiven" geschrieben worden. Bei Shakespeare ist der unverwechselbare Autor so deutlich präsent, daß man literarisch schon enorm farbenblind sein muß, um das nicht zu bemerken.

Gracchus

9. Januar 2022 20:03

Mich hat, wer Shakespeare war und wie viele, noch nie so brennend interessiert; vermutlich weil man sie nie befriedigend beantworten können wird. Während meiner zwei Semester Theaterwissenschaft habe ich mich mit Peter Brook befasst, einem der wichtigsten zeitgenössischen Shakespeare-Regisseure. Das hat auch mein Shakespeare-Bild geprägt hat - und die Vorstellung, dass die Stücke aus der laufenden Theater-Arbeit entstanden sind; daher kann ich auch @kikls Kollektivthese einiges, ja sehr viel abgewinnen. Aber mal sehen, was in Teil 2 an Argumenten für den Earl aufgefahren wird.

kikl

9. Januar 2022 20:52

@ML "meines Wissens hat noch keiner behauptet, z. B. die Stücke von Marlowe oder Jonson wären von "Kollektiven" geschrieben worden."

Marlow hat ja auch gerade einmal 5 oder 6 Stücke geschrieben. Ein kurzer Blick auf Wikipedia offenbart folgendes:

"Six dramas have been attributed to the authorship of Christopher Marlowe either alone or in collaboration with other writers, with varying degrees of evidence.... "

https://en.wikipedia.org/wiki/Christopher_Marlowe

Weiter lese ich:

"The Oxford Complete Works was the first to emphasize Shakespeare's collaborative work, describing MacbethMeasure for Measure and Timon of Athens as either collaborations with or revisions by Thomas Middleton; ..... "

https://en.wikipedia.org/wiki/The_Oxford_Shakespeare

"Bei Shakespeare ist der unverwechselbare Autor so deutlich präsent, daß man literarisch schon enorm farbenblind sein muß, um das nicht zu bemerken."

Es scheinen auch ausgewiesene Experten unter dieser Farbenblindheit zu leiden. Insofern bin ich in guter Gesellschaft. Ich bin etwas verblüfft über diesen Zungenschlag.

Kurativ

9. Januar 2022 20:53

Da schau her. Der Sohn eines Handschuhmachers. Was es nicht alles gibt.

Die Leute glauben eben alles. Man muss es ihnen nur seriös genug vor die Nase halten.

Was damals ein Kupferstich war, kann heute eine Tageschau oder eine Zeitung sein.

Oder es wird in Form von ritualisierter Verdummung aus den Universitäten mit genügend Titeln serviert.

Laurenz

9. Januar 2022 23:38

@Kikl & ML

Die TerraX-Doku, welche aus aus Stilgründen Marlowe favorisiert, stellt auch die Hypothese in den Raum, daß Marlowe nur zum Schein im Streit per Messer ermordet/totgeschlagen wurde. Aufgrund der Todesnachricht machte sich laut der Doku in der Theaterszene eine Art Verzweiflung breit, weil weit & breit kein Ersatz an Talent vorhanden war, was gegen die Kollektiv-These spricht.

Die Co-Autorenschaft wird in der TerraX-Doku nur deswegen überhaupt in Betracht gezogen, weil es seinerzeit noch kein Urheberrecht gab, wobei es Albrecht Dürer schon 100 Jahre vorher sehr wohl schaffte, Kopisten von der Nutzung seines persönlichen Signets abzuhalten. 

Die Doku stellt dann in den Raum, daß aufgrund von Walsinghams Schein-Mord an Marlowe, letzterer in Italien lebte und dort sehr wohl die Shakespeare-Stücke hätte schreiben können, vor allem unauffällig mit dem dort vorhandenen internationalen Hintergrund.

Maiordomus

10. Januar 2022 08:42

Unbestritten, dass es bei Sh- und seinen Stücken einschliesslich der einzigartigen Sonette ungeklärte Fragen gibt, wie bei Dante, Meister Eckhart und dem von @Laurenz genannten Lionardo da Vinci, dessen Genialität wohl nicht durch ein Team von 100 Experten aufgewogen werden konnte. Und von dem von mir genannten Jacob Grimm ist zu sagen, dass 100 beliebige Doktoren des Faches Germanistik von heute, meine die lebenden, mit ihrer jeweiligen Lebensleistung auch zusammen nicht mit derjenigen Grimms Schritt halten. Natürlich gibt es Mythenbildungen und Überschätzungen, was mir nach 40 Jahren Beschäftigung z.B. mit Paracelsus klarer ist als wohl irgendjemandem seiner Leser.  Konsultierte dieser Tage wieder mal das 10bändige neuere Mozart-Lexikon. Was will ich damit sagen: Forschungen um wirkliche Genies führen uns, bei allen Einschränkungen und Relativierungen, an die Grenze des Rätselhaften, im Einzelfall des Wunderbaren. Nietzsche hat wesentliche Teile seines genialischen "Zarathustra" sturzgeburtartig geschrieben, vgl. noch Hölderlin., Kafka seine vielleicht stärkste Erzählung "Das Urteil" in einer Nacht. Bei Paracelsus führte indes das Produktionstempo und wohl auch die Überforderung der Schreiber zu Einschränkungen der Qualität des Vorgelegten, trotz Kolbenheyers "Ecce ingenium teutonicum...." Zur Sh.-Debatte, vgl. Bonmot zu Homer: "Ob Homer gelebt habe, wissen wir nicht, aber dass er blind gewesen ist, wissen wir." (Schmunzel) 

kikl

10. Januar 2022 08:59

@Laurenz

Ich glaube wir können ausschließen, dass es der Handschuhmacher Shakespeare war, der diese Stücke alleine geschrieben hat.

"Die TerraX-Doku, welche aus aus Stilgründen Marlowe favorisiert, stellt auch die Hypothese in den Raum, daß Marlowe nur zum Schein im Streit per Messer ermordet/totgeschlagen wurde."

Ja, ich finde Marlows Stil ist dem von Shakespeares Werken sehr ähnlich. Ich würde wetten, dass wenn ich hier irgendeinen unbekannten blank verse aus einem der Werke Shakespeares oder Marlows präsentiere, mir niemand mit Gewissheit sagen kann, wer der Autor ist. Deshalb wird vermutet:

"Henry VI, Part 1, often referred to as 1 Henry VI, is a history play by William Shakespeare—possibly in collaboration with Christopher Marlowe and Thomas Nashe—believed to have been written in 1591..."

https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_VI,_Part_1

Laurenz

10. Januar 2022 11:08

@Maiordomus

"Leonardo"

Will Ihnen nicht widersprechen. Diese TerraX-Doku im Grunde auch nicht. Aber sie relativiert doch einiges.

https://youtu.be/dqIkatj2Ie4

Old Linkerhand

10. Januar 2022 11:14

Meine phantasielosen Lehrer waren alle Stratfordianer, wobei wir Kinderlein schon immer den Earl präferierten. Sei's drum. Vielleicht hatte William Hilfe vom Haselwurm, dem Lehrmeister Paracelsus. Letztmalig soll der Wurm 1953 in der Nähe von Bozen/Südtirol gesehen worden sein. Der Schweizer Biobauer Arthur Hermes wusste da mehr, der konnte aber auch mit seinen Kühen via Telepathie kommunizieren. 

Brettenbacher

10. Januar 2022 13:20

@Maiordomus

"Ob Homer gelebt habe, wissen wir nicht, aber dass er blind gewesen ist, wissen wir." (Schmunzel) 

oder Karl Kraus (aus der Gedächtsnusz): Keines der ihm zugeschriebenen Werke wurden von William Shakespeare geschrieben.   Vielmehr war deren Autor ein Mann der rein zufällig mit gleichem Namen zur gleichen Zeit am gleichen Ort gelebt hat."                                                                                      

    

Der_Juergen

10. Januar 2022 17:04

@kiki

"Deswegen halte ich ein Kollektiv von Autoren für viel wahrscheinlicher."

Ich finde Ihre Kommentare meist sehr gut, aber in diesem Punkt irren Sie sich meiner Überzeugung nach. Ebenso wie Lichtmesz halte ich wenig bis nichts von "Autorenkollektiven", schon gar nicht bei Shakespeare, dessen Stil einzigartig ist. Als man Vergil einst beschuldigte, den Homer zu kopieren, erwiderte er: "Es ist leichter, dem Herkules seine Keule zu rauben, als Homer nur einen einzigen Vers." 

Können Sie sich vorstellen, dass, um ein willkürliches Beispiel zu erfinden, Stefan George, Gottfried Benn und Rainer Maria Rilke gemeinsam ein langes Gedicht geschrieben hätten, ohne dass die stilistischen Diskrepanzen jemandem aufgefallen wären? So wie George konnte nur George schreiben und so wie Benn nur Benn. Und so wie Shakespere eben nur Shakespeare, egal, ob er eigentlich Jones oder Smith oder sonstwie hiess.

 

kikl

10. Januar 2022 18:08

@Der_Juergen

Danke für das Kompliment. Ich freue mich, dass sie meine Texte mögen.

"Shakespeare, dessen Stil einzigartig ist."

Ist das wirklich so? Gut, dann mach ich jetzt einmal die Probe aufs Exempel. 

Zwei Proben. Ist eine Probe oder sind gar beide von Shakespeare? Welcher Text ist von Shakespeare? Bitte nicht googeln, ich will eine ehrliche Antwort am besten mit Begründung haben.

"My honourable lords, health to you all!
Sad tidings bring I to you out of France,
Of loss, of slaughter, and discomfiture...
"

 

"My lords, of love to this our native land,
  I come to join with you, and leave the king;
  And in your quarrel, and the realm's behoof,
..."

H. M. Richter

10. Januar 2022 20:06

Erinnere mich, einmal irgendwo bei Mauther  – sinngemäß – auf den Satz gestoßen zu sein, daß, für den Fall es stellte sich tatsächlich heraus, Homer habe nie gelebt und Ilias wie Odyssee seien von jemand anderem geschrieben worden, eben jener andere unser Homer gewesen sei.

Der_Juergen

10. Januar 2022 22:45

@kiki

Ich tippe auf Nr. 2, aber drei Zeilen sind etwas wenig, und meine intensive Beschäftigung mit Shakespere liegt leider ein paar Jahrzehnte zurück. Ein wirklicher Fachmann könnte vielleicht eine befriedigendere Antwort geben, ohne zu googeln - abgesehen davon, dass er vermutlich ohnehin jede Zeile von Shakespeare kennt.

Der_Juergen

10. Januar 2022 22:56

@kiki

Nun habe ich gegoogelt. Mein Tip war falsch; die ersten Verse stammen aus Shakespeares Henry VI.

Gracchus

11. Januar 2022 00:10

@kikl

Ich gebe zu, ich habe gegooglet. Ich gebe aber auch zu, ich hätte genau umgekehrt getippt. 

Die Kollektivthese muss ja nicht bedeuten, dass es nicht einen Hauptautor gab. 

@Laurenz  

In der Dichtung kann die Insel locker mithalten. 

Laurenz

11. Januar 2022 07:33

@Gracchus @L.

Zugegeben, ich bin in der Literatur nicht so zuhause, ich kann besser Noten lesen oder mich in Musik reinhören.

"In der Dichtung kann die Insel locker mithalten."

Aber, woher wissen Sie das? 

Sie wissen ja noch nicht mal, ob Shakespeare Engländer war.

Von der Reichweite her gesehen haben die Briten natürlich Christie, Rowling, Tolkien & Dickens, keine Frage. Das ist absolut eine Leistung, die, wie ich schon bemerkte, aber auch mit der Funktion der Kolonialmacht zu tun hat(te).

Aber wenn Sie Sich die ewige Bestseller-Liste anschauen, wird einem sofort klar, warum nur jedes 10te verkaufte Buch auch gelesen wird.

 https://www.die-besten-aller-zeiten.de/buecher/bestseller/meistverkaufte-buecher-aller-zeiten.html

Die Zahlen, wie viele Bücher ein Haushalt besitzt, variieren im Netz. 

Diesen Artikel von Business Insider erachte ich als nicht wirklich glaubwürdig.  https://www.businessinsider.de/wissenschaft/ihr-wollt-erfolgreiche-kinder-grossziehen-dann-muesst-ihr-laut-forschern-eine-sache-im-haus-haben-2019

Das hier, wohl auf Deutschland bezogen, sieht zumindest wahrscheinlicher aus. 

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/71160/umfrage/anzahl-der-buecher-pro-haushalt-im-jahr-2008/

oder hier  https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2018/12/PD18_482_631.html

oder hier https://yougov.de/news/2016/03/14/die-mehrheit-hat-uber-50-bucher-im-regal/

kikl

11. Januar 2022 08:06

Ja, die ersten Zeilen stammen von Shakespeare, die zweiten von Christopher Marlows Stück "Edward the second". 

"Die Kollektivthese muss ja nicht bedeuten, dass es nicht einen Hauptautor gab." Das kann ich mir auch sehr gut vorstellen. Vielleicht war es der Oxforder, gut möglich.

In der bildenden Kunst ist das bekannt. Die Rubens-Werkstatt hat auch einen "Rubens" nach dem anderen rausgehauen. Dabei hat Rubens zahlreiche Maler angestellt, die für ihn gearbeitet haben

Laurenz

11. Januar 2022 11:08

@Kikl

"Die Rubens-Werkstatt hat auch einen "Rubens" nach dem anderen rausgehauen. Dabei hat Rubens zahlreiche Maler angestellt, die für ihn gearbeitet haben."

Na klar. Das machten, bis auf Michelangelo, fast alle so. Und Rubens war, wie Marlowe, eben auch Geheimagent. Die Schule von Raffael zerschlug sich wegen seines frühen Todes.

Falls Marlowe Shakespeare war, spricht das allerdings gegen Ihr Kollektiv.

ML: Im nächsten Teil des Artikels gehe ich kurz darauf ein. Die Werkstatt eines Meisters ist eben die Werkstatt eines Meisters, da gibt es viele assistierende Hände, aber einen gestalterischen Willen und mit Sicherheit kein "Kollektiv".

kikl

11. Januar 2022 14:02

Vielleicht hat der Begriff "Kollektiv" hier einen schweren Stand, weil er von Links vereinnahmt wird.

Jenseits von dieser Konnotation bin Ich allerdings der Auffassung, dass eine Meisterwerkstatt ein kollektiv ist. Das letzte Wort hatte vermutlich nicht einmal der Meister sondern das Publikum, die das Schaffen bezahlt haben. Insofern manifestiert sich der elisabethanische Zeitgeist in diesen Werken.

Der Geniekult kam zeitgleich mit dem Niedergang der Religion im 19. Jahrhundert auf. Ich vermute da einen Zusammenhang.

"Menschen, die in Arbeits- und Handlungssystemen gemeinschaftlich tätig sind, bilden Kollektive im Sinne spezieller Handlungsgemeinschaften, wobei die geleistete Arbeit gesellschaftliche Wirkung entfaltet. Auch zur kulturellen und sportlichen Betätigung organisieren sich Menschen in Kollektiven, um etwa als EnsembleTeam oder Mannschaft gemeinsam Erfolge zu erzielen."

https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektiv

HWalter

12. Januar 2022 03:28

I.

Shakespeare hat schöne Reden gehalten. Eine seiner schönsten ist die vor der Schlacht von Azincourt (aus Henry V). Vermutlich reicht ein Kommentarfeld nicht aus um sie wiederzugeben?

HWalter

12. Januar 2022 03:29

II.

Westmoreland.
O hätten wir nun hier
Nur ein Zehntausend von dem Volk in England,
Das heut ohn Arbeit ist!

 

HWalter

12. Januar 2022 03:31

III.

König Heinrich.
Wer wünschte so?
Mein Vetter Westmoreland? – Nein, bester Vetter:
Zum Tode ausersehn, sind wir genug
Zu unsers Lands Verlust; und wenn wir leben,
Je kleinre Zahl, je größres Ehrenteil.
Wie Gott will! Wünsche nur nicht einen mehr!
Beim Zeus, ich habe keine Gier nach Gold
Noch frag ich, wer auf meine Kosten lebt;
Mich kränkts nicht, wenn sie meine Kleider tragen;
Mein Sinn steht nicht auf solche äußre Dinge:
Doch wenn es Sünde ist, nach Ehre geizen,
Bin ich das schuldigste Gemüt, das lebt.
Nein, Vetter, wünsche keinen Mann von England;
Bei Gott! ich geb um meine beste Hoffnung
Nicht soviel Ehre weg, als ein Mann mehr
Mir würd entziehn. O wünsch nicht einen mehr!
Ruf lieber aus im Heere, Westmoreland,
Daß jeder, der nicht Lust zu fechten hat,
Nur hinziehn mag; man stell ihm seinen Paß
Und stecke Reisegeld in seinen Beutel:
Wir wollen nicht in des Gesellschaft sterben,
Der die Gemeinschaft scheut mit unserm Tode.
 

HWalter

12. Januar 2022 03:32

IV.

Der heutge Tag heißt Crispianus' Fest:
Der, so ihn überlebt und heim gelangt,
Wird auf den Sprung stehn, nennt man diesen Tag,
Und sich beim Namen Crispianus rühren.
Wer heut am Leben bleibt und kommt zu Jahren,
Der gibt ein Fest am heilgen Abend jährlich
Und sagt: «Auf morgen ist Sankt Krispian!»
Streift dann den Ärmel auf, zeigt seine Narben
Und sagt: «Am Krispinstag empfing ich die.»
Die Alten sind vergeßlich; doch wenn alles
Vergessen ist, wird er sich noch erinnern
Mit manchem Zusatz, was er an dem Tag
Für Stücke tat: dann werden unsre Namen,
Geläufig seinem Mund wie Alltagsworte:
Heinrich der König, Bedford, Exeter,
Warwick und Talbot, Salisbury und Gloster,
Bei ihren vollen Schalen frisch bedacht!
Der wackre Mann lehrt seinem Sohn die Märe,
Und nie von heute bis zum Schluß der Welt
Wird Krispin-Krispian vorübergehn,
Daß man nicht uns dabei erwähnen sollte,
Uns wen'ge, uns beglücktes Häuflein Brüder:
Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt,
Der wird mein Bruder; sei er noch so niedrig,
Der heutge Tag wird adeln seinen Stand.
Und Edelleut in England, jetzt im Bett,
Verfluchen einst, daß sie nicht hier gewesen,
Und werden kleinlaut, wenn nur jemand spricht,
Der mit uns focht am Sankt Crispinustag.

HWalter

12. Januar 2022 03:34

Auch wenn das literarisch wunderschön klingt, hätte ich persönlich niemals an einem schwachsinnigen Erbfolgekrieg teilgenommen, wenn ich es hätte vermeiden können. Auch nicht bei Napoleon oder bei den Nazis, sofern ich mich hätte drücken können, was mit Sicherheit nicht einfach gewesen wäre.

Unter welchen Umständen würde ich überhaupt einem König in die Schlacht folgen?

Es gibt einen schönen Film namens „Robert The Bruce“

www.amazon.de/Robert-Bruce-K%C3%B6nig-von-Schottland/dp/B08HM6V8Q5/

Sicher, das ist nur ein Film. 

Aber wenn die Loyalität zweiseitig wäre und der König sich den  gleichen Gefahren wie seine Soldaten aussetzt und wenn man für eine gemeinsame Sache kämpft, dann wäre es schon möglich, dass man sich reinen Gewissens anschließt und sich dem König (was das militärische nun mal verlangt) unterordnet.

Koek Boeri

12. Januar 2022 08:02

Hier könnte man auch anmerken, dass in der Sowjetunion die "Shakespearsche Frage" seit Ende 20er nicht diskutiert werden durfte. Die Sowjetmacht hat einfach deklariert, dass Shakespeare nur der Shakespeare aus Stratford sein konnte, und Schluss damit. Die Ursache war rein ideologisch. Man hat in Will Shakespeare einen "Werktätigen" gesehen, einen Vertreter der "progressiven Kleinbourgeosie" und einen "Mann aus dem Volke". Die Adeligen dagegen wie Graf von Oxford sahen in diesem Kontext als "Klassenfeinde" aus, deswegen war es falsch in denen die Kandidaturen für den grossen englischen Dichter zu sehen. Nur in 70er-80er hat der russisch-jüdische Historiker Professor Efim Tschernjak, Fachmann für die europäische Geschichte der Renaissance und Neuen Zeit, vor allem für englische Geschichte, in seinem damals äusserst populären und vielmals nachgedruckten Buch "Fünf Jahrhunderte des geheimen Krieges" das Problem erwähnt und deutlich die Argumente der Disputanten angeführt. Er selbst war für "offizielle" Version, aber er hat auch über andere Thesen erzählt.

Koek Boeri

12. Januar 2022 08:02

Tschernjak war dazu noch ein sehr guter Erzähler, hat ein beduetendes literarisches Talent und hat - wie auch in anderen seinen Büchern - den Lesern die "querdenkenden" Theorien mitgeteilt. Wie z.B., dass die Zahl der Opfer der Hl. Inquisition stark übertrieben wurde, dass Jeanne d´Arc erstmals wahrscheinlich eine Prinzessin war und dann vielleicht doch nicht verbrannt worden war, dass das Osmanische Imperium anfänglich religionstolerant war und die Menschen aus Europa dorthin geflüchtet haben, auch über Freimaurern, Tempelritter usw. hat er als erster sowjetrussischer Autor damals erzählt.

Was W.Sh. anbetrifft, dann seit 1990er gab es auch viele andere Bücher zum Thema_ wie Ilja Gililovs Buch "Das Spiel um William Shakespeare". Gililov dachte, dass the works of Shakespeare von  Roger Manners, 5th Earl of Rutland, und seiner Frau Elisabeth geschrieben worden sind.

Beide, Tschernjak und Gililow, sind leider schon gestorben.

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