Glanz und Elend im Plattenbau

Wer das Phänomen Ost verstehen will, den Zusammenhalt im Großen ebenso wie die Spannungen im Kleinen, der muß Grit Lemkes „Die Kinder von Hoy“ lesen.

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

The­ma die­ser Doku­men­tar­li­te­ra­tur, authen­ti­fi­ziert durch Oral-Histo­ry, ist zunächst die Beschrei­bung eines unter­ge­gan­ge­nen, eher ver­lo­ren­ge­gan­gen Lan­des. Exem­pla­risch kann Hoyers­wer­da als die Stadt des DDR-Sozia­lis­mus gel­ten. Ost-Ber­lin war es nie, Eisen­hüt­ten­stadt und Schwedt wur­den es nicht, Hoyers­wer­da jedoch wuchs mit sei­nen durch­num­me­rier­ten Plat­ten­bau­be­zir­ken ganz zwangs­läu­fig dazu heran.

Die­se Stadt war echt, echt sozia­lis­tisch, in dem Sin­ne, was am „real­exis­tie­ren­den“ Sozia­lis­mus über­haupt je Chan­ce gewe­sen sein moch­te, aber vor allem in der Ent­wick­lungs­tra­gik, die für jene, die tie­fer fühl­ten und dach­ten, erst in eine expres­sio­nis­ti­sche und dada­is­ti­sche Pha­se der Vor­wen­de­zeit und dann pas­sen­der­wei­se in den Unter­gang des gan­zen Lan­des führ­te. Etwa so, wie aus dem letz­ten bzw. jüngs­ten Plat­ten­bau­vier­tel in „Hoy“ schon nichts mehr wur­de. Die Stadt war hyper­troph über sich hin­aus­ge­wach­sen, und der des­we­gen zu Unter­que­rung einer Fern­ver­kehrs­stra­ße eigens not­wen­di­ge Tun­nel soff ab. Ein Menetekel.

Zunächst aber schien dem Auf­bruch kei­ne Gren­ze gesetzt. „Koh­le-Ener­gie-Gas“, so leuch­te­te es in Rie­sen­buch­sta­ben vom Dach des Hoch­hau­ses in „Hoy“. Das sah wie Wer­bung aus, aber Wer­bung brauch­te ja kei­ner. Viel­mehr brauch­te das klei­ne ehr­gei­zi­ge Land Ener­gie – gewon­nen aus dem, was man hat­te: Braun­koh­le, unter den fos­si­len Brenn­stof­fen der jüngs­te und übels­te, etwas älter nur als Torf, abbau­bar in rie­si­gen, Land­schaf­ten und Dör­fer ver­schlin­gen­den Tage­bau­en. Not­ge­drun­gen. Für die Gre­ta-Kids wäre es der schlimms­te Alp­traum, damals war es die ein­zi­ge Mög­lich­keit. „Koh­le-Ener­gie-Gas“ als Leucht­schrift über Hoyers­wer­da stand für Selbst­be­wußt­sein und Pro­pa­gan­da im „Ener­gie­be­zirk“ Cott­bus.

Das Schwar­ze Loch, um das alles kreis­te, hieß Schwar­ze Pum­pe, ein mons­trö­ses Rie­sen­kom­bi­nat, das „Koh­le-Ener­gie-Gas“ erzeug­te. Fünf­zehn­tau­send Leu­te arbei­te­ten dort, die von Schicht­bus­sen, „ers­te, zwee­te, drit­te Wel­le“ (Grit Lem­ke ahmt den Nie­der­lau­sit­zer Pro­le­ten­dia­lekt nach.), zur Arbeit ange­lie­fert wur­den. „Off Arbeet in Pum­pe“, das schien die unaus­weich­lich depri­mie­ren­de Zukunft der in den Plat­ten­bau­ten her­an­wach­sen­den Kin­der zu sein – Tau­sen­de Kin­der, so zahl­reich, daß die eilig gebau­ten Schu­len nicht aus­reich­ten und die nächs­te sich bereits im Bau befand, wenn eine neue gera­de geöff­net hat­te. Lich­te Zukunft, vom aus „Schwar­ze Pum­pe“ her­über­we­hen­den Ruß grau überstäubt.

Typi­sche DDR-Ambi­va­lenz als Sym­pto­ma­tik: Das, was man an sich haß­te, „off Arbeet in Pum­pe“ der maro­den Maschi­ne­rie und dem gif­ti­gen Gestank aus­ge­lie­fert zu sein, kon­sti­tu­ier­te ande­rer­seits die Gemein­schaft. Mul­ti­pli­ziert man die fünf­zehn­tau­send Brikett‑, Ener­gie- und Gas­ar­bei­ter mit ihren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, dann kommt man auf die Ein­woh­ner­zahl einer sozia­lis­ti­schen Groß­stadt, die in die sor­bi­sche Lau­sit­zer Kie­fern­hei­de geklotzt wurde.

Die Schicht­ar­beit war das eine, das ande­re das Leben in den „Wohn­kom­ple­xen“, die ab den Fünf­zi­gern, Sech­zi­gern ver­gleichs­wei­se Kom­fort boten: Bad, Anbau­wand, Farb­fern­se­her „Rad­u­ga“, Glas­teil mit dem aus dem Gru­ben­schnaps berei­te­ten Eier­li­kör. Dazu kamen die sozia­lis­ti­sche Lau­ben­pie­pe­rei in den Gar­ten­ver­ei­nen, die Män­ner­treffs beim Bier an den Gara­gen, die Nah­erho­lung am Knap­pen­see bei Oppach und die Som­mer­fe­ri­en-Kin­der­la­ger. Das war die Welt – von der Schu­le bis zur lebens­lan­gen Schicht­ar­beit. So übel die Basis aus­se­hen moch­te, beding­te sie doch eine Lebens­kul­tur, in der man sich nicht nur den All­tag ein­rich­te­te, son­dern aus der her­aus sich Kunst, Lite­ra­tur und Musik entwickelten.

Das Berufs­le­ben war dre­ckig, anstren­gend und frus­trie­rend. Aber war’s unglück­lich? Wo sich vor, neben und hin­ter einem alle so eng in den Schicht­bus gesta­pelt fan­den, daß man sich Bauch an Rücken stel­len muß­te und Gesprä­che qua­si mit dem Hin­ter­kopf führ­te, wie Grit Lem­ke es beschreibt, dort rela­ti­vier­te sich das eige­ne Unglück, weil gleich einem selbst noch alle ande­ren dar­in steck­ten. Und das war dann kein Unglück, nicht mal nur geteil­tes Leid, son­dern das Leben selbst, das in sich so vital und selbst­ver­ständ­lich schien, daß der Tod in der Hoyers­wer­da­er Neu­stadt zunächst kei­ne Rol­le spiel­te, zumal alle hier so jung waren wie die Repu­blik – und immer Jün­ge­re dazu­ka­men. Alles, was man erleb­te, war Neu­be­ginn, Neu­bau und kin­der­rei­che Verjüngung.

Es wur­de ver­gleichs­wei­se gut ver­dient, mit dem DDR-typi­schen Nach­teil, daß man das Geld nicht aus­ge­ben konn­te, weil das Waren­spek­trum eng war. Was man wirk­lich zum Leben brauch­te, war spott­bil­lig; wonach man sich sehn­te, fehl­te hin­ge­gen total. Sinn und Antrieb konn­ten nicht von Kon­sum­be­dürf­nis­sen gelei­tet sein; sie muß­ten sich anders her­lei­ten. Eine tota­li­tä­re Ideo­lo­gie zwingt zum Bekennt­nis – für oder gegen sie, ansons­ten bleibt nur das Aus­wei­chen, in die Nischen­ge­sell­schaft. Aber die ist nicht öde; sie konn­te kun­ter­bunt sein – und durch­aus sub­ver­siv. Und wer Indi­vi­dua­lis­mus woll­te, muß­te wirk­lich sehr indi­vi­du­ell, also ein­zig­ar­tig leben.

Kunst, Musik und Lite­ra­tur genos­sen in der DDR so enor­me Bedeu­tung, weil allein sie die gewis­ser­ma­ßen eine ande­re Les­art zur Par­tei­pro­pa­gan­da boten. Des­we­gen „Lese­land DDR“, des­we­gen eine mar­kan­te Ost-Musik, des­we­gen der Wunsch nach Kunst­genuß und ‑gestal­tung.

Bevor wir DDRler aber mit ein­set­zen­dem Nach­den­ken alle ent­we­der zu Beken­nern oder zu Sub­ver­si­ven wur­den oder dazwi­schen chan­gier­ten, schien uns Hin­ein­ge­bo­re­nen die sozia­lis­ti­sche Welt in Ord­nung, wenn wir nicht aus Pfar­rer- oder Dis­si­den­ten­haus­hal­ten stammten.

Nicht nur das. Sie erschien in sich sogar sinn­haft. In dem, was man uns von der Welt und ihrer bevor­ste­hen­den gro­ßen Selbst­be­frei­ung kind­ge­recht erläu­ter­te, sowie­so, stan­den wir, zu unse­rem ver­meint­lich schick­sal­haf­ten Glück, doch sogar auf der rich­ti­gen Sei­te. Auch in Hoyers­wer­da, gera­de dort, denn die Tur­bi­nen von Schwar­ze Pum­pe sorg­ten für den Strom, der alles am Lau­fen hielt, die Bri­ketts für Wär­me, das Gas brann­te Küchen­herd. Man konn­te Berg­bau, Ener­gie, Che­mie dre­ckig fin­den, aber man durf­te stolz dar­auf sein. Gewis­ser­ma­ßen war Schwar­ze Pum­pe das fins­te­re Herz, das die DDR am Leben hielt.

Phä­no­me­nal, zu welch eigen­wil­li­gem künst­le­ri­schen und intel­lek­tu­el­lem Erwa­chen sich der spä­ter gemein­hin als grau bezeich­ne­te Sozia­lis­mus bei sei­nen Kin­dern aus­wuchs: Der Lie­der­ma­cher Gun­der­mann ist dafür nur ein Bei­spiel. Eine Jun­ge mit sträh­ni­gen Haa­ren und schlim­mer Bril­le, der über die rich­ti­ge Musik­leh­re­rin am rich­ti­gen Ort erst in die FDJ-Sin­ge­grup­pe und dann zu sei­ner eige­nen Band kam: „Bri­ga­de Feuerstein“.

In Hoyers­wer­da mau­ser­ten sich die die wür­fel­för­mi­gen „Jugend­klubs der FDJ“ zu Orten ech­ter, nicht insze­nier­ter Krea­ti­vi­tät. Was orga­ni­siert begann, das wucher­te sich im Wild­wuchs frei, brach also gewis­ser­ma­ßen aus den Fugen des Betons: Musik, Lyrik, künst­le­ri­sche Expe­ri­men­te, eine veri­ta­ble Avant­gar­de, die sich zu arti­ku­lie­ren ver­stand, dann das unfrei­wil­lig Absur­de am Sozia­lis­mus bemerk­te, sich dar­auf eher einen Witz als einen Reim mach­te und zu einer Vari­an­te warm­her­zi­gen Zynis­mus dem eige­nen Unzu­läng­lich­kei­ten gegen­über fand, unver­stan­den von den SED-Funk­tio­nä­ren und den Alten, aber schul­ter­zu­ckend doch min­des­tens gedul­det, nicht ernst­ge­nom­men, aber gera­de des­we­gen Frei­hei­ten erhaschend.

Aus angepaß­ten Sin­ge­klubs wur­den fre­che Bands, aus Musik­schü­lern impro­vi­sie­ren­de Jaz­zer, aus den FDJ­lern der „Kol­lek­ti­ve“ Revo­lu­tio­nä­re in ganz eige­ner qua­si exis­ten­tia­lis­ti­scher Sache, also Nach­den­ker, in denen trotz oder wegen aller zwangs­ver­ord­ne­ten „Hoff­nung auf ein bes­se­res Mor­gen“ die Des­il­lu­sio­nie­rung zu nagen begann. Dem begeg­ne­ten sie mit der Eta­blie­rung ihrer ganz spe­zi­el­len Jugend­kul­tur, die immer jung blei­ben konn­te, ja muß­te, weil sie mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung jung starb – so wie die gan­ze Stadt, die plötz­lich nie­mand mehr brauch­te, als das gan­ze Land in oder an den Wes­ten ging.

Als das geschah, als die gro­ße Geschich­te das dann doch wie­der klein erschei­nen­de Hoyers­wer­da ein­ge­holt hat­te, bra­chen Ris­se auf, die man vor­her über­sah. Die neue Post-DDR-Jugend­kul­tur muß­te bzw. konn­te sich nicht mehr an den Gra­vi­ta­ti­ons­li­ni­en eines vor­mund­schaft­li­chen Staa­tes aus­zu­rich­ten, ent­we­der beken­nend dafür oder wider­stre­bend dage­gen, wenn­gleich selbst dies gut­wil­lig. Nein, nun, da eben die­ses Gra­vi­ta­ti­ons­sys­tem ins­ge­samt abge­schal­tet war, hat­te jeder zwangs­läu­fig sei­ne Posi­ti­on selbst zu fin­den, also eige­ne Ortung zu betrei­ben. Ohne daß es Ori­en­tie­rungs­punk­te gab, die Halt oder Gebor­gen­heit versprachen.

Des­ori­en­tiert zog die eins­ti­gen Jung­pio­nie­re und FDJ­ler die Sprin­ger­stie­fel an, irgend­wie ja auch Aus­druck einer pro­le­ta­ri­schen Kul­tur, rote Schnür­sen­kel und wei­ße, ver­meint­li­cher Lin­ker, ver­meint­li­cher Nazi. So foch­ten die eins­ti­gen „Jun­gend­freun­de“ in der Wei­se eines gro­ßen Rol­len­spiels ihre inner­lich zwar ver­zag­ten, des­we­gen aber laut arti­ku­lier­ten und neu­er­dings sich ent­ge­gen­ste­hen­den Selbst­ver­ständ­nis­se aus.

Aus frü­her ver­ord­ne­ter Soli­da­ri­tät wird bei man­chen leib­haf­ti­ger rüder Haß. Pro­jek­ti­ons­flä­che dafür boten die Wohn­hei­me der DDR-Ver­trags­ar­bei­ter, also die Blö­cke der Mosam­bi­ka­ner und Viet­na­me­sen: „Neger“ und „Fidschis“. Indem man zu ihnen stand oder plötz­lich gegen sie auf­trat, war klar, wer zu wel­cher Abtei­lung Jugend gehör­te. Und so konn­te es gegen­ein­an­der zur Sache gehen, auf fata­le Wei­se, die Hoyers­wer­da, die­ser einst DDR-sozia­lis­ti­schen Stadt, sogleich den Ruf des Naz­i­kaffs ein­brach­te. Bereit­schafts­po­li­zei rollt an, Hub­schrau­ber krei­sen über der Stadt.

Die Mosam­bi­ka­ner wer­den eva­ku­iert. Kurz tritt Ruhe ein, dann wen­den sich „Faschis­ten“ und „rote Zecken“ gegen­ein­an­der. Pro­vin­zi­el­ler Bür­ger­krieg. Wer für sein biß­chen Iden­ti­täts­rest ein Bekennt­nis braucht, ist jetzt Lin­ker oder Rech­ter, mit dem Bedürf­nis, die eige­ne Arm­se­lig­keit gegen den ande­ren aus­zu­fech­ten. Wobei die Lin­ken sich intel­lek­tu­el­ler wäh­nen als die Rech­ten, die Rech­ten natio­na­ler als die Lin­ken. Gefüh­lig­kei­ten – bru­tal, ängst­lich, unklar.

Man will irgend­wo­hin gehö­ren, mög­lichst in ver­lo­re­ner Ein­deu­tig­keit, also nach links oder nach rechts. Die Autorin nach links; das ist dich­ter an der DDR, dicht an der eins­ti­gen Kul­tur, dicht an Gun­der­mann, dich an der erhoff­ten „Mensch­lich­keit“. Aber was nüt­zen die­se Ver­or­tun­gen, wenn die Plat­ten­bau-Stadt in den Strom nicht nur der deutsch-deut­schen, son­dern gleich noch der Welt­ge­schich­te hin­ein­treibt. Wo Blö­cke unter­ge­hen, bil­den sich Stru­del. In einen geriet Hoyers­wer­da und ver­schwand dar­in – so, als hät­te es all das, was den Ort aus­mach­te, Koh­le-Ener­gie-Gas, „Arbeet in Pum­pe“, Schicht­bus­se, sin­gen­de Jung­pio­nie­re und Som­mer­fe­ri­en­la­ger, ein­fach nie gege­ben. Vie­le ver­lie­ßen die Stadt ihrer Her­kunft und Prä­gung. Es blei­ben Ödnis und Ver­un­si­che­rung. Tage­bau­rest­lö­cher. Und ein paar Enthu­si­as­ten, die, wie der gegen­wär­ti­ge Bür­ger­meis­ter der Stadt, den­noch an der Hei­mat fest­hal­ten. Oder an dem, was mal Hei­mat war.

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

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Kommentare (73)

Lotta Vorbeck

13. Januar 2022 17:48

Chapeau, Heino Bosselmann!

Carsten Lucke

13. Januar 2022 19:52

Nach zwei Texten in "Phonophor" und einem hier neulich erschienenen dachte ich schon, nichts mehr von Heino Bosselmann lesen zu können. Den ersteren finde ich einfach banal und überflüssig (immerhin noch der Beste der dort versammelten - mein Gott, wofür nur gab sich der hervorragende Dirk Alt hier her ?) - der andere war den Grenzdienst betreffend für mich sehr schwierig.

Allein dieser Beitrag ist wieder einmal überragend ! Es zeigt sich, daß Herr B. der Einzige ist, über das Thema schreiben zu können; ja - zu dürfen.

Ich bin sicher, daß seine Schriften hier und die Erzählungen von Wolfgang Hilbig zusammen dereinst - wenn überhaupt - die einzig annähernd realistische Erzählung vom Zustand dieser Zeit vermitteln und weitertragen könnten.

Tja - was mir Hoffnung gibt, ist auch traurig.

RMH

13. Januar 2022 20:54

"Nur eines war seltsam hier, gleich hinter dem Ortseingangsschild war es plötzlich ganze 4 Grad wärmer und der Wind so mild ..."

Gerhard Gundermann - Hoy Woy - YouTube

Umlautkombinat

13. Januar 2022 21:10

(1)

Fast Stallgeruch. Ich bin ca. so alt wie die Autorin. Stamme aus Dresden, kenne die Gegend um Hoywoy (wie es bei uns hiess). War 30 km entfernt "bei der Fahne". Die Stadt Hoyerswerda selbst war in der DDR immer - auch aus Gruenden, die Bosselmann beschreibt - ein gewisser Fremdkoerper im alten Kulturland dort. Sorbisch, katholisch. 1000 Jahre alles ueberstanden, deutsche Ritterorden, Fuersten, Koenige, Hitler, Honecker. Bodenstaendig hoch Drei. Mein Vater, Vermesser, bekam dann schon auch einmal fast eine Mistgabel in den Ruecken, als er Sonntag messen wollte. Erstmal wegen Sonntag, zweitens waren die Grenzsteine in Gefahr. Der Feind, geschickt von der Obrigkeit.

89 hat aufgeraeumt, alle Industrie weg, die damals 50-Jaehrigen in Kleintransportern nach Sueddeutschland auf der Autobahn. Montag frueh 3h los, Freitag nach Mitternacht wieder zu Haus. Einen halben Tag ausschlafen, Sonntag frueh zu Bett um den Kreis zu wiederholen. Die Jungen zogen weg. Immer noch haben sie ein starkes Zusammengehoerigkeitsgefuehl, ich sehe sie manchmal zu den Hexenfeuern, der Nacht zum ersten Mai, da kommen sie einige Tage und trinken und reden, auch heute noch. Dann fahren sie wieder in den Westen, in dem sie mittlerweile ihre Familien haben. 
 

 

Umlautkombinat

13. Januar 2022 21:11

(2)

...

Kulturland wie gesagt, ich habe ein paar Beziehungen zur Familie von Juri Brezan, Krabat kannten wir schon, da war von Preussler noch nicht die Rede. Dazu Pumphut, die ganzen Sagen, alles tief verwurzelt. Hochzeitsbitter - die Raschkas - die ein paar hunder Leute persoenlich einluden, jeder Besuch ein oder mehrere Schnaepse. Die sahen mit 25 wie 40 aus, volle Persoenlichkeiten. Machten dann auch oft noch die Musik waehrend der Hochzeit selbst.

Gundermann, nicht mein Ding, aber da gab es Fans. Andreas Dresen hat dann einen Film gemacht. Dresen ueberhaupt: Oeffnet das Land vom Maerkischen ausgehend in den eigentlichen Osten. Wieder Kulturland. Volker Koepp hat ein paar schoene Filme darueber gemacht: Livland, Pommerland, In Sarmatien.

Da schliesst sich dann mein persoenlicher Kreis. Die Eltern meiner Frau kommen von dort, der Gegend von Stolp, Kaschubenland. Die Mutter sollte mit der Gustloff fahren. Die hat sie zum Glueck verpasst.

AmazonBesteller

13. Januar 2022 21:13

Ist die dahinterliegende Moral in der BRD so anders gewesen?

Arbeiterstolz und Konsumwünsche.

 

Wohl nicht diese Industrie-Tristesse, aber doch eine klare Vorstellung, wie das Leben zu laufen hat. Es blieb sowieso nichts anderes übrig:

-Lehre in einem Betrieb machen, dort dann weiter arbeiten bis zur Rente. Am besten eine große Firma oder Beamter werden

- Haus kaufen und verschulden. Schön den Hintern zur Arbeit schleifen, da die Annuität im Nacken sitzt und bis zur Rente soll der Kredit abbezahlt sein.

- Als Rentner schön verreisen und die Welt ansehen. Macht man dann aber doch nicht so, weil man die Masse der Zeit im Wartezimmer des Hausarztes verbringt

- Im Schützenverein mit dem Luftgewehr ein paar Mal schießen, dann den Rotwein bestellen und ein paar Schlager anstimmen

 

Meiner Meinung nach genau so vorherbestimmt. Wer die Roadmap nicht einhalten wollte, war schnell ein Verstoßener in der BRD. So hat sich auch in der BRD schnell eine Subkultur etabliert (Heavy Metal), die zwar nicht ausdrücklich rechts oder national war, aber trotzdem deutsche Historie besser konservierte als die CDU.

Letztlich sind die im Buch erzählten Geschichten nichts anderes als Tagebucheinträge wie sie auch in jeder westdeutschen Stadt vorkamen. Ohne Pumpe... aber mit VW und dem dümmlichen Kleinkrieg zwischen den Dörfern.

Carabus violaceus

13. Januar 2022 21:18

Sehr gut, Herr Bosselmann!

Ihr Text fängt das Gefühl der Menschen in dieser Gegend sehr gut ein. Ich bekenne mich ebenfalls zu HoyWoy und zur ganzen Region! Die Kohle, die Tagebauseen, die Kiefernwälder und die große Heidelandschaft - alles ist Teil meiner Identität. Ich bin hier zur Schule gegangen und hatte im Gegensatz zu vielen meiner Altersgenossen niemals vor, meine Region zu verlassen. Kurz vor der Wende geboren, habe ich den großen Boom im sozialistischen Arbeiter- Bauernparadies zwar nicht direkt miterlebt, aber Eltern, Großeltern und Verwandtschaft verdienten in der Kohle oder der anhängenden Industrie ihre Brötchen. In der Stadt Lauta stand einst das größte Aluminiumwerk Europas. Somit sind mir die alten Anekdoten durchaus geläufig und es ist aus meiner Sicht immens wichtig, diese Erinnerungen an die Folgegenerationen weiterzugeben.

Eine Anmerkung nur: der Knappensee befindet sich in der Nähe von Knappenrode, Oppach ist etwas weiter entfernt. Ein Besuch des Energiemuseums in Knappenrode lohnt sich allemal: 

https://web.saechsisches-industriemuseum.com/knappenrode.html

 

Franz Bettinger

13. Januar 2022 22:09

Gute Texte eigne ich mir an, verfranzele sie und versende sie neu an meine Freunde (ca. 100): Dieser Text endete bei mir so:

"Aus den Clubs wurden Bands, aus den Schülern Jazzer; aus den unzufriedenen FDJlern wurden Revolutionäre in eigener Sache; Nachdenker, in denen immer mehr die Desillusionierung nagte. Dann kam 1989, und alles war zu Ende; alles begann von vorne. Die bleierne Zeit war vorbei. Bis Merkel kam, und mit ihr zurück die bleierne Zeit. Erst langsam, dann immer unverschämter drang das Blei durch die Ritzen der Gesellschaft, bis alles versiegelt und verstopft war."

 

 

Herr K aus O

13. Januar 2022 22:28

Tja. Wir im Westen waren auch jung, als wir jung waren. Banal, oder?

Gotlandfahrer

13. Januar 2022 22:33

Die melancholische Rückschau auf die gute schlechte Zeit erinnert mich an die Kriegserzählungen meiner Großeltern. Also der, die überlebt hatten.  Obwohl diese hart, nahe am Wahnsinn und entbehrungsreich war, schwang doch immer mit: Es war unsere Jugend, die schönste Zeit unseres Lebens.  Daran zeigt sich, dass der Mensch niemals glücklich bleiben kann, sondern sich durch Problemüberwindung erfüllt.  Die gute Nachricht ist: Es wird schon noch wieder schlecht genug werden, da brauchen wir uns nicht sorgen. Wer weiß, vielleicht ist ja sogar das ständig gefährdete Dasein in der ethnisch zerklüfteten Metropolis, mit ihrer Drohnenüberwachung und den von Robocops zwangsinjizierten Sediaten einerseits, und den Fluchtmöglichkeiten ins von Wolf und Bär durchstreifte Umland mit satellitengestützter Wärmebildüberwachung andererseits, genau das, was wir brauchen, um dann später wieder davon in warmen Worten schwärmen zu können.

Das war nicht im Entferntesten Kritik am Text, nur eine Reflexion.  Werde ich dereinst auf den Mauerresten Neu-Hoyerswerdas stehen, ich werde dem Ort Ehre bezeugen.

AndreasausE

13. Januar 2022 22:36

Ui, hätte ich den Text doch schon früher zu lesen gehabt, vielen Dank dafür. Einige Jahre nach Mauerfall, 93/94 etwa, war ich mit Studentengruppe dort. Aber so richtig verstand ich das als "Wessi" alles nicht, leider kaum Zeit für Kontakt mit "Eingeborenen".
Die Landschaft schloß ich ins Herz, Hoyerswerda war reichlich vergammelt (das „Kohle-Energie-Gas“ war aber noch da, sofern mich Erinnerung nicht täuscht), aber beeindruckender noch war die riesige "Mondlandschaft" mit dem gewaltigen Abraumbagger, zu dem wir mit Schmalspurbahn gelangten. Im RWE-Loch (NRW, "Hambikante") war ich zuvor schon, das ist tiefer, der Bagger noch größer, aber das in der Lausitz wegen der Weitläufigkeit insgesamt eindrucksvoller.
Wie dem auch sei, mit dem Text hätte ich die Ausführungen des Werkmeisters, der uns das da zeigte und auch vom Leben erzählte, sicher besser verstanden.
PS: Das mit den Schnürsenkeln gab es bei "uns" auch.

Laurenz

14. Januar 2022 01:15

(1)

Was Hoyerswerda direkt betrifft, habe ich keinen definitiven Plan. Klingt aber, wie all die Industriestandorte, die in der DDR gefördert wurden. Was aber in den HB-Artikeln oft weggelassen wird, ist der Mangel an Freiheit, die damit verbundenen nicht politischen Freiräume, welche man sich schuf & die damit verbundene Moralvorstellung. Letztere würde den hier anwesenden Katholiken nicht gefallen. Wenn man vom rein ländlichen Raum absieht, waren die urbanen DDR-Bürger aus einem viel hedonistischeren Holz geschnitzt, als wir spießigen Wessis. Was viele DDR-Bürger sich nach der Grenzöffnung anschauten, waren sogenannte Sex-Shops, die es vor dem Weltnetz noch gab. Die lockeren Moralvorstellungen, FKK-, wie Datscha- Kultur & Saufgelage rührten natürlich daher, daß sie die einzigen wirklichen Freiräume darstellten, die man dem DDR-Bürger ließ. Hinzu kam, daß die DDR auf die Arbeitskraft der Frau angewiesen war, die Frau also zum arbeitenden Lohnsklaven "Mann" degradiert wurde.

Laurenz

14. Januar 2022 01:25

(2)

In meinem Freundeskreis befanden sich schon vor der Wende Mauerspringer. Was diese, & Kollegen nach der Wende in meinem Freundeskreis erzählten, trieb uns fast die Schamesröte ins Gesicht. (Hinzu kommen meine Erfahrungen aus DDR-Besuchen.) Das änderte sich allerdings nach der Wende recht schnell, da im Kapitalismus die Frau, je nach Äußerem, einen "materiellen" Wert besitzt, was aber den meisten nicht bewußt wird. In der DDR gab es nur eine verschwindend kleine wohlhabende Schlicht, die rein zeittechnisch gar nicht in der Lage gewesen wäre, die ganzen Schönheiten der DDR "abzugreifen". Die ganzen blonden Schönheiten aus Sachsen, die schon Goethe zitierte, waren nach der Wende dann sofort im Westen. Und im Westen wollen Männer keine "Schlampen" (heiraten), also gibt es davon auch nur die natürliche Anzahl.

Heinrich Loewe

14. Januar 2022 08:33

Guter Beitrag!

@Umlautkombinat; Sie sind eine absolute Bereicherung hier im Kommentariat. Grüße übrigens aus der Lausitz!

Ja, es gibt sehr gute Filme, die die Stimmung in den späten 80ern sehr gut einfangen: Dresens Gundermann; Kruso; sowie noch ein später DEFA-Film flüstern&schreien. Es gab eine unglaublich kreative Jugend-Musikszene. 

RMH

14. Januar 2022 09:46

Um es einmal mit den Erzählbildern aus dem Film Matrix zu versuchen:

DDR und BRD hatten eines gemeinsam, sie waren im Hinblick auf ihre Einwohner weitestgehend "blue-pilled". Ein Satz wie dieser "schien uns Hineingeborenen die sozialistische Welt in Ordnung," trifft exakt auch auf die BRD-Bürger zu (streiche "sozialistische" und setze dafür eben "kapitalistisch"). Der Irrtum, den viele Zeitgenossen in West und insbesondere Ost haben, ist der, dass 89/90 ein red pill Moment gewesen wäre. Das war er selbstredend nicht - Schafe schlachten bedeutet nicht, sie aufzuwecken. 89/90 wurde lediglich ein neue Matrix eingespielt, und zwar nicht dergestalt, dass West platt auf Ost gestülpt wurde (wie viele "Ossis" es treu blue pilled meinen), sondern es wurde in vielen Schritten eine Matrix installiert, die das "Beste" aus beiden Systemen (aus Sicht von Herrschenden) etablierte. Die Effizienz und Produktivität des Westens mit den Herrschafts-, Kontroll- und Propagandamethoden des Ostens. Aktuell von einer DDR 2.0 zu sprechen, wie es manche auch in der AfD tun, ist damit nicht richtig. Statt der ewigen West- Ost- Selbstrechtfertigungsschleife zu fröhnen, sollte man den Blick auf  das richten, was Deutsche gemeinsam haben: nämlich grundsätzlich nach Strich und Faden verarscht zu werden.

Gotlandfahrer

14. Januar 2022 09:57

@ Umlautkombinat

Sie beschreiben das so knapp und doch lebendig, mit Bezeichnungen, derer wir verlustig gegangen sind, dass man meint, es miterlebt zu haben! Die Trauer des Aderlasses gen Westen kann ich gut nachvollziehen, aber ich sag mal so:  Gut, dass der Westen Deutschlands durch Leute von dort bereichert wurde, "dort" ist stark genug, auch das noch zu verkraften. 

Gustloff: Gleicher Vorgang, nur nicht verpasst, sondern aus Schlange ausgeschert und Platz im letzten Zug bekommen. Wie sagt Luhmann? Kontingenz. Wie wichtig manchmal so ein "g" ist.

Gustav Grambauer

14. Januar 2022 09:59

Hoywoy stach für uns immer aus den anderen Plattenbausiedlungen heraus, war an Lebendigkeit insbesondere nicht mit Berlin-Marzahn zu vergleichen, aber auch z. B. nicht mit Schwerin-Dreesch. Das hatte Gründe:

1. die harte unmittelbar-gemeinsame Arbeit als Identifikator (so wie ja auch Bergbaugebiete eine bestimmte Mentalität hervorbringen),

2. Dresden (und nicht z. B. Berlin oder Leipzig) als nicht zu ertötendes Gravitationszentrum (Honecker hat den dortigen OB Berghofer mal angeherrscht, sie sollen in Dresden weniger Paläste und dafür mehr Katen bauen),

3. Hoywoy war kein Honecker-Projekt sondern ein Ulbricht-Projekt, so daß in der Initiationsphase z. B. die dortige Kulturpolitik ganz anders angefaßt worden war,

4. sowieso die Initiierung vor der weltweiten kulturellen Wende Ende der 1960er Jahre, d. h. - mal auf die populäre Musik und auf die DDR bezogen - vor der Wende von der (eleganten) Bärbel-Wachholz-Ära zur (grausam-kulturrevolutionären) Chris-Doerk-Ära.

Gustav Grambauer

14. Januar 2022 10:05

II

Wenn ich mir die Ergänzung zum mit recht berührenden Beitrag von H. B. erlauben darf: im Zusammenhang mit Hoywoy sollte die Erwähnung Brigitte Reimanns nicht fehlen, die das erotische Flair in die Projektstadt gebracht hat, die schon jede Zigarette mit den Händen der Erotikerin angezündet hat. Gab es eine solche, die man so stark mit Berlin-Marzahn assoziieren würde - oder würde man da beim Stichwort "Frau" nicht zuerst an Cindy denken?!

Gustav Grambauer

14. Januar 2022 10:05

III

Mein Lieblingslied, ein ganz frühes, von Gundermann gibt`s hier bei 12:55 zu hören, leider nur zur Hälfte. Es heißt "Ilja Muromez" - weiß hier jemand, wo es eine vielleicht sogar arrangierte Aufnahme in Gänze gibt (im Gundermann-Film von Frau Lemke ist es in Gänze zu hören, aber nicht sehr gut arrangiert)?! G. war ein Phänomen, nicht nur dadurch, dass er zigtausenden sogenannten kleinen Leuten Orientierung, geistige Heimat und moralischen Halt gab (obwohl er selbst auch sehr die Ellbogen einsetzen konnte) und daß er einen ganz eigenen Stil prägte, in jeder Hinsicht und damit auch musikalisch. Dies galt auch für seine Technik, obwohl er soweit ich weiß keine musikalische Ausbildung hatte, konnte er, sowieso begabt mit dieser einzigartigen Stimme, nach allen Regeln der Kunst singen und hatte über seinen ausgeprägten Sinn für poetische Metrik hinaus auch eine solchen für musikalische Metrik (konnte auch erstaunlich gut Schlagzeug spielen).

Gustav Grambauer

14. Januar 2022 10:07

IV

Umlautkombinat

"Dresen ueberhaupt: Oeffnet das Land vom Maerkischen ausgehend in den eigentlichen Osten. Wieder Kulturland."

Habe in meiner Berliner Zeit regelmäßig ausgedehnte Fahrrdadtouren gemacht, die Fahrt ins östliche Sachsen hinein war immer ein besonderes Erlebnis. Zunehmend weniger hatte man den Sand der Streusandbüchse Europas (- Friedrich II.) und dafür fette Erde und sogar Gestein unter den Reifen, zunehmend wurde die Szenerie lieblich, zunehmend zeigte sich der Barock, zunehmend sah man wohlgepflegte Rinder, die den Eindruck machten, als drücke sich die Wohlgliederung der Landschaften in ihnen aus, zunehmend fuhr man über uralte oft mit Granit wohlgepflasterte Straßen, zunehmend kehrte man in den kleinen Städten in stolze Konditoreien (statt in lieblosen Kneipen) ein, zunehmend weniger wurde man (wie am übelsten mal in Eberswalde / Preußen erlebt) von gelangweilten Jugendcliquen angepöbelt und bedroht (Kadett- und Polofahrer, tiefergelegt, für welche jeder (!) auf einem Fahrrad per se als Fremder und Zecke galt, mag sein irgendwie auch als Ritter).

Andreas Dresen habe auch ich als überaus heilsam wahrgenommen.

- G. G.

Laurenz

14. Januar 2022 10:57

@RMH

"nämlich grundsätzlich nach Strich und Faden verarscht zu werden."

Im Schnitt sind die ehemaligen Bürger der DDR die besseren Deutschen. Und der %uale Anteil unter Ihnen, der keine Lust hat, sich verarschen zu lassen, ist weitaus größer als bei den ehemaligen Bürgern der BRD.

Monika

14. Januar 2022 10:58

Wenn dieser sehr gut geschriebene Beitrag über das Lebensgefühl  in  Hoyerswerda dazu führt, die DDR im Rückblick nostalgisch zu verklären und Systemunterschiede zu verwischen ( nach dem Motto, es ist egal, in welchem Deutschland man lebt, man kann überall glücklich sein), oder hier gar Ansatzpunkte für einen „solidarischen Patriotismus“  ausmacht, dann muss ich dem heftig widersprechen. Genau diese, wenn aus „Ossi“-Sicht ( Verzeihung !)  auch verständliche Relativierung, befördert Leute wie Marco Wanderwitz, Olaf Scholz oder Nancy Faeser in ihre Ämter. In den 80er Jahren war Olaf Scholz als Juso-Funktionär ein gern gesehener Gast in der DDR. ( siehe Welt 13.1.22 „Der junge Olaf Scholz war der DDR ein Partner im Friedenskampf) . Viele Sozis und Linke ( Jusos, SDAJ, Falken) reisten in den 80er Jahren völlig naiv und unkritisch in die DDR, den sie als den besseren Staat auf deutschem Boden verklärten ( da sozialistisch und antifaschistisch) . Dort leben wollten sie allerdings nicht. Hier wären noch viele Dinge zu klären. Im Interesse des ganzen Deutschland 🇩🇪.

Maiordomus

14. Januar 2022 11:51

@Monika. Ich erinnere mich, in Solidarität mit den eingesperrten DDR-Bürgern an Weihnachten 1961 am Fenster meines Elternhauses eine Kerze angezündet zu haben. Ab 1968 kam ich mit christlich orientierten DDR-Bürgern-Kontakt, bald mal mit Autoren des St.Benno-Verlages, in dem sogar ein Schweizer Priester meines Bekanntenkreises publizierte. Zehn Jahre orientierte ich ich nach einem hervorragenden Pastor aus Wismar, den sie dort nach erteilten Reisebewilligungen liebend gern in der BRD gelassen hätten, aber er war nicht der Typ Hirt, der seine Herde verlässt. Unter  Parteimitgliedern kannte ich einerseits das Ehepaar Schuder-Hirsch, wobei mir die Frau durchaus Achtung abnötigte. Dass andererseits auch der Renaissance- und Lutherzeithistoriker Siegfried Wolgast Parteimitglied war, war seiner Position als Ordinarius geschuldet. Ein hervorragender Gesprächspartner, der das Wort "Imperialismus" allenfalls in Vor- und Nachworten benutzte und mit dem ich bis zu seinem Tode verbunden blieb. Andere Bekannte u. Freunde sind hier nicht zu nennen, gebe indes zu, dass ich mit einem Typus von der Art des Herrn Bosselmann vor 1990 keinen Kontakt hatte. Noch interessant, was @Laurenz über den "Hedonismus" einer bestimmten Sorte DDR-Bürger ausführt. Hier hat er im Vergleich zu älteren hist. Quellen offenbar echte Kenntnisse.

Monika

14. Januar 2022 12:08

@ Carsten Lucke Wieso ist Herr B. Der Einzige, der über das Thema ( welches ?) schreiben darf ? Zu Wolfgang  Hilbig ( 1941-2007),  dem gelernten Bohrwerksdreher und Schriftsteller: Er hätte ein Beweisstück des (siehe) „Bitterfelder Weges“ sein können, wo die Lösung aufgebracht wurde: „Greif zur Feder Kumpel!“ Hilbig griff allerdings schon seit seinem 16. Lebensjahr zur Feder, jedoch nicht für die eher desinteressierten Arbeitskollegen und erst recht nicht zur Freude der Kulturfunktionäre. Seine politisch brisanten Texte konnten  nur im Westen erscheinen. Er litt wie kaum noch ein deutscher Dichter an seinem Vaterland. Resigniert schrieb er 1968: „Wer, wenn ich schreie, hört mich denn, ihr/meine beiden Völker im gemäßigten Notstand, die ihr mir abwechselnd am Arsch und am Herzen liegt, wer denn in diesem meinem Land, wo ich erschlagen lieg von den uralten Wipfeln  in güldner Ruh.“

Umlautkombinat

14. Januar 2022 12:09

> "dort" ist stark genug, auch das noch zu verkraften. 

Ja, das hoffe ich auch. Die sind zaeh, Bautzen z.B. ist ja auch eines der saechsischen Zentren der gegenwaertigen Demonstrationen. Nachdem wir in Dresden letztes Jahr als 300 Hansel auf dem Altmarkt herumstanden, umringt von Betonbloecken, Polizei und Antifa-Wir.Impfen.Euch.Alle, hat das die Karten neu gemischt. Deswegen gehen wir jetzt schon geraume Zeit wieder in der Lausitz spazieren, die 300 hat jetzt montags schon jedes kleine Nest. Und das strahlt jetzt zurueck. Gestern hat man in Dresden erstmals das Umland zum Spazieren eingeladen, was sofort zu hoechster Nervositaet gefuehrt hat:

https://t.me/ddirekt/215

3000 Spazierganger sollen es gewesen sein. 1000 Polizisten.

 

Old Linkerhand

14. Januar 2022 12:28

Für mich waren Schwedt, Eisenhüttenstadt, Hoyerswerda oder Bitterfeld Orte aus dem zweiten Kreis der Hölle. Pro Sieben ist der beste Sender, sagte der Brigadier vom EKO, Held der Arbeit und Säufer vor dem Herrn, am Ende seines Leben. Heute gibt es Tropical Island, eine Art Schwarze Pumpe für Kurzurlauber. Und Deutschland ist das schwarze Herz Europas.

Olaf Scholz und die anderen üblichen Verdächtigen kamen über Jürgen Kuczynski, dem Zauberer imaginärer Potemkinscher Dörfer, in die DDR. Aber nicht wegen hohler Phrasen vom Frieden und Antifaschismus. Allein die moralische Unterstützung aus dem Westen gegen den drohenden Untergang war für die Propaganda Gold wert. Für die Westkinder war die Angst vor der drohenden Wiedervereinigung und ihr spießiges Revoluzzertum der eigentliche Antrieb.

 

 

Monika

14. Januar 2022 14:53

Zu den massiven rassistischen Übergriffen auf die Mosambikaner und Vietnamesen in ihren Wohnheimen 1991: Wieso zogen die einstigen Jungpioniere und FDJ-ler die Springerstiefel an ? Auch hier liegen die Ursachen tiefer. Schon 1986 berichtete Joachim Oertel, evang. „Friedenskämpfer“ aus der DDR,in der Zeitschrift „DDR-heute“ über Rechtsextremismus in der DDR. Die unabhängige Friedensbewegung der DDR hatte über die besorgniserregende Zunahme neonazistischer Aktivitäten in einer Eingabe an Erich Honecker berichtet. Die Ursachen sieht Oertel in der kommunistischen Erziehung dieser Jugendlichen selbst. Aufmüpfig gegen das kommunistische System, aber in ihm sozialisiert, kann man nur mit gleichen rigiden Mitteln zurückschlagen. Ein demokratischer Meinungsbildungsprozess findet nicht statt. Das Blauhemd wird durch ein Braunhemd ersetzt. Die sozialistische „aktuelle Politinformation“ wird zur „Nationalpolitischen  Schulung.“ Auch dieser Zusammenhang wurde und wird von der westlichen Linken verkannt. Das führte  dazu, dass es nie  zu einer Kritik an der Ideologie des real-existierenden Sozialismus oder überhaupt dem Sozialismus kam. Fatal.

Laurenz

14. Januar 2022 15:10

@Maiordomus @L. (1)

"Echte Kenntnisse"

Sie haben ja so Recht. Sie können alle Milchproduzenten des Zillertals in 1832 namentlich aufzählen. Das haben Sie Recht, diese expliziten Maiordomus-Kenntnisse fehlen mir.

1984 war ich als Schüler im Kursverband 14 Tage in die DDR in den Bezirk Suhl geladen. Das war einerseits klasse, andererseits ein Erlebnis der besonderen Art. Vielleicht sollte ich diese Erlebnisse tatsächlich mal aufschreiben, aber wen interessiert das heute noch? Höchstens HB-Leser. Wartburg-Esel, Spielzeug Museum Sonneberg (der Hammer), Das Drushba & Völkerschlacht-Denkmal in Leipzig. Jugendklub Suhl, FDGB-Kreisleitung, Saufen im Panorama-Hotel Oberhof, war alles im Programm. Meinen Mitschülern fehlte das Spiegel-Lesen, Sie konnten Sich nur schlecht auf DDR-Bürger einstellen.

Wir wohnten in einer Art Jugendhotel zu Oberhof. Alleine der bezirzende Braunkohle Duft wenn man über die Grenze nach Meiningen rein kam, bleibt bis zu meinem Ende unvergeßlich. Denn ich wiederholte ab der Grenzöffnung diese Reise noch ein paar mal. Ich hatte im Jugendklub Suhl eine ehemalige 100-Meter-Meisterin des Bezirks-Suhl kennengelernt, mit der ich im gefilzten Briefkontakt blieb.

Laurenz

14. Januar 2022 15:25

@Maiordomus @L. (2)

Einer meiner Mauerspringer-Kontakte trug den Spitznamen "Gockel von Eisenach". Er war in der DDR selbständig & so reich, wie man in der DDR reich werden konnte. Ihm langte das aber nicht mehr & Er haute vor der Wende in den Westen ab, wo das Leben ganz anders, spießig stattfand. Obwohl es in der DDR die (in meinen Augen giftige) Pille kostenlos auf Rezept gab, erzählte uns des Gockels damalige mit gesprungene Partnerin, daß nach größeren FDJ-Veranstaltungen die Ärzte in der DDR viele Abtreibungen vorzunehmen hatten. Ich hatte auch mal ein Verhältnis mit einer schönen Kollegin, die an der Grenze zu den polnisch besetzten Gebieten hinter Dresden beheimatet war & mir viele Einblicke gewährte.

Sie verstehen, Maiordomus, ich habe nichts gegen die romantisierenden Artikel HBs. Aber diese DDR-Romantik ist eben nur eine Seite der Medaille.

Monika

14. Januar 2022 15:33

@ Maiordomus In den 80-er Jahren war ich viermal in der DDR. Nicht mit der SDAJ, sondern mit einer christlichen Jugendgruppe und dann privat auf Einladung eines Katholischen Pfarrers in Görlitz und bei Katholiken in Dresden. Mit einer bestimmten hedonistischen  Sorte DDR- Bürger kam man als Westler automatisch in Berührung. Besonders bei offiziellen Treffen, etwa bei einer  FDJ Veranstaltung  in Freithal. Auf die ideologische Berieselung wurde gleich verzichtet. Es gab eine lecker Pilzsuppe.  Die Westjungs hatten Schnaps, Cola und Parfum für die Ostmädels mitgebracht.Es kam zum großen Besäufnis und die aufgedonnerten Damen sind mit zwei, drei Jungs verschwunden. Die beste, weil konspirativste Domführung meines Lebens fand im Magdeburger Dom durch einen abtrünnigen Führer statt. An Ottos Grab schwuren wir uns ein Wiedersehen im vereinigten Deutschland. Später durfte ich nicht mehr in dieses wundersame deutsche Land, weil ein besonders hedonistischer Genosse, der Sexpartys in einer Datsche als Gegenleistung für Konsumgüter veranstaltete ( ich war nicht dabei:)) Mitarbeiter der Stasi war. Das las ich später in meiner Akte. 

URN

14. Januar 2022 15:57

Schreiben Sie, Monika, doch bitte nicht derartigen Unfug wie 14:53; "Das Blauhemd wird durch ein Braunhemd ersetzt." Können Sie eigentlich nur ansatzweise ermessen, wieviele Braunhemden es dann ab 1990 hätte geben müssen?

Kurativ

14. Januar 2022 16:01

Schöner Text. Man kann das Leben dort förmlich riechen. Was mir in den Sinn kommt: Man arbeitete für einen Staat, den man nicht haben wollte. Kein Wunder, dass dann alles zerfällt. Auch hier nähert sich die EU immer mehr einer EUDSSR

Monika

14. Januar 2022 18:41

@ URN Da haben Sie was falsch verstanden oder ich habe mich schlecht ausgedrückt. Joachim Örtel bezieht sich auf einige Blauhemden, natürlich nicht auf alle ! Schon 1986 war bekannt, dass es rechtsextremistische Gruppierungen in der DDR gibt. Einige dieser Neonazigruppen waren , so Oertel, von FDJ Propagandisten durchsetzt. Im Westen war man nach der Wende erstaunt, dass es Neonazis in der ehemaligen DDR gab, war doch der Antifaschismus Teil des Selbstbildes des Staates. Die Existenz der Bundesrepublik ermöglichte der SED-Führung, das Erbe des Nationalsozialismus auszulagern. Der Hitlerfaschismus fand in der BRD seine Fortsetzung, nicht in der DDR. Deshalb rückten die kommunistischen Opfer des Nationalsozialismus  in der DDR in den Vordergrund . Nicht die Opfer der Rassenpolitik wie Juden, Sinti, Roma. Diese spielten im Gedenken keine Rolle. Das mag mit eine Erklärung sein, warum der rassistische Angriff in Hoyerswerda 1991 so brutal erfolgte, obwohl man mit Mosambik in Freundschaft verbunden war. Dies verwundert etwa auch Grit Lemkes in dem Film über Hoyerswerda.Plötzlich war die antifaschistische DDR rassistischer als die BRD.Wäre ein Thema für sich. Und noch aufzuarbeiten. Von links und rechts.

Laurenz

14. Januar 2022 19:14

@Monika @URN

"Hoyerswerda & der Rassismus"

Sie haben wohl immer noch nicht verstanden, was @URN Ihnen schrieb. Zumindest sind Sie darauf in keiner Weise eingegangen. Wie viele Mitbürger sind es denn, die Blauhemd mit Braunhemd verwechselt haben?

Ich empfehle Ihnen dazu einen Blick auf die Heimseite unseres allseits geliebten Verfassungsschutzes.

Es geht hier auch nicht um die Frage, ob Blauhemd oder Braunhemd überhaupt einen Unterschied ausmachen oder nicht.

URN

14. Januar 2022 19:23

Es ist, Monika, keine Frage des falschen Verstehens oder schlechten Ausdrückens. Das eigentliche Problem ist, daß gewisse Leute mit dem Anspruch eines "so war das" d a s Leben in dem Staat DDR erklären wollen. Noch problematischer, geradezu lächerlich wird es dann, wenn die großen Erklärer diesen Staat nur besuchsweise betraten; ob diese Besuchergruppen nun von westdeutschen Kirchgemeinden, Gymnasien, Jusos, den Falken, SDAJ oder DKP organisiert waren, macht dabei fast keinen Unterschied. Die einzigen, die den Versuch eines Beschreibens mit Aussicht auf Erfolg unternehmen können, sind Menschen, die zum Zeitpunkt des Endes der DDR, am 09. November 1989 (!), mindestens 20 Jahre in dieser gelebt haben. Einer davon ist Herr Bosselmann, der noch dazu gut schreibt. 

Old Linkerhand

14. Januar 2022 20:35

@URN

Wieso soll @Monika mit ihrer westlichen Sichtweise die DDR nicht beschreiben können. Sie ist jedenfalls von meiner nicht ganz so weit weg. Und glauben Sie mir, ich weiß wovon ich rede. Problematisch wurde es erst, der DDR ein Rassismusproblem zu unterstellen. Vom Blau-zum Braunhemd war natürlich ein dicker Bock. Lichtenhagen ist interessant, aber noch interessanter ist der Vorfall in der Zionskirche in Ost-Berlin, als Monikas evangelische Friedensengel jugendliche Hooligans für sehr lange Zeit in den DDR-Knast schickten. Da liegen noch jede Menge Leichen begraben.

 

RMH

14. Januar 2022 21:20

@URN,

Sie haben da natürlich ein Stück weit recht. Das gilt aber beidseitig, denn gerade auch ehem. DDR Bürger denken oft, dass sie dank Empfang von West-Fernsehen und der Wende nach 90 hervorragend qualifiziert seien, über die alte Vorwiedervereinigungs-Bundesrepublik urteilen zu können (nur nimmt man das als Ex-Westdeutscher halt nicht so eng). Auch für den Westen hat sich einiges seit 90 geändert.

Der hier schon mehrfach erwähnte Gundermann hat mit seinem Lied "Ossi Reservation" zumindest lyrisch recht gut auch einem "Wessi" wie mir zeigen können, wie das wohl so war, als Anfang der 90er Jahre der große Umbruch bis in die letzten Winkel der DDR kam. 

Laurenz

14. Januar 2022 22:07

@URN & Old Linkerhand

Sie übertreiben Beide. Man muß nicht 10 Jahre in einem Land gelebt haben, um darüber schreiben zu dürfen. Entscheidend ist die Beschäftigung damit & die Recherche darüber. Auch jedem politisch & ökonomisch denkenden BRD-Bürger war zur Zeit der Wende klar, daß die Handhabe dieser durch Kohl exkremental war. Seinerzeit wußte auch jeder, daß die Verantwortlichen der DDR diese unter Preis verkauften. Man hätte auch Errungenschaften der DDR in den Einigungsprozeß mit einbringen können. Aber HB sollte nicht traurig sein, alles das holt uns doch wieder ein. Dafür hat IM Erika doch gesorgt.

URN

14. Januar 2022 22:17

Was Sie, RMH, 21:20 im ersten Absatz schreiben, hat meine volle Zustimmung. Nur, welcher DDR-Bürger unternahm den Versuch, die Alt-BRD deren Bürgern zu beschreiben?

Selbst die Begriffe "Ossi" und "Wessi" sind Produkte der Ereignisse 1989/90. Vor dieser Zeit sprach man in der DDR von salopp von "Zoni" und "Bundi".

Zu Gundermann kann ich überhaupt nichts sagen. Als ich die DDR verließ, kannte den vielleicht der Eine oder Andere im Lausitzer Revier. Er war einer der vielen "Wendegewinner".

Umlautkombinat

14. Januar 2022 22:22

> Das gilt aber beidseitig

Eben. Meine Frau ist ja in BW geboren, an der bayrischen Grenze bei Ulm. Die - grosse - Familie selbst hat protestantischen Hintergrund, in der gesamten Historie bis heute auch immer wieder beruflich. Pfarrer, Proepste, etc.. Lebt zu einem grossen Teil in Schleswig-Holstein und Hamburg, aber auch Bayern und eben unter den Schwaben.

Als ich da hineinkam, gab es dort nicht viel Bundesdeutsches nach meiner bis dahin gewonnenen Erfahrung. Und ich hatte neben echtem Ausland auch insgesamt 10 Jahre an verschiedenen Stellen Sueddeutschlands laengere Zeit am Stueck gearbeitet. Hatte und habe gute Freundschaften in z.B. Muenchen. Leute mit Tiefe in ihrer eigenen Herkunft und durchaus der Faehigkeit, das zu vermitteln. Aber ein ganzes Land und wie es tickt - ich erlaube mir fuer den Zweck jetzt einmal die West-BRD als separates Gebilde zu setzen - das dauert.

Die obigen Beispiele vom Osten aus Westblick - speziell diese Hedonismusgeschichte - das ist irgendwie ein Aspekt, aber relativ belanglos. Oberflaeche, auch irgendwie belustigend fuer einen Ossi. Die meisten haetten das als Beobachter einfach unter "Westgeld und wo es hinfaellt" abgehakt. Das ist nicht annaehernd das ganze Land. Nicht im Ansatz.

Man muss manchmal Dinge auch erst einmal einfach stehen lassen. Ich als agnostischer 100% -Atheist lebe mit einer im religioesen Sinn genuin glaeubigen Frau. Haette ich mir einmal nicht vorstellen koennen. Geht aber, der Kern liegt woanders.

 

 

Laurenz

14. Januar 2022 22:41

@Umlautkombinat

Das gesellschaftliche Leben in der DDR mit seiner Nischen-Kultur ist beileibe keine Nebensache & hochinteressant, wie auch die Lesung GKs über das gallige Lachen bezeugt. Denn das formale & ökonomische Leben in der DDR war noch nicht mal insoweit produktiv, daß die DDR in der Lage gewesen wäre, die Maschinengewehrgarben und Pulverschwärzungen (des Weltkriegs) an den Außenwänden von Ministerien in den Parallelstraßen der "Stalinallee" zu beseitigen. Davon konnte ich mich noch Mitte der 80er selbst überzeugen. Sie können natürlich über Ihre persönlichen Erfahrungen berichten. Aber wenn Sie etwas ins Lächerliche ziehen wollen, dann bitte mit Argumenten. Die Nationale Volksarmee war, wie die Rote Armee auch, eine 5-Klassen-Gesellschaft, zumindest was das Essen & die Klamotten anging. Da war die ehemalige Bundeswehr in der Tradition der Wehrmacht (als Klassenfeind) wesentlich sozialistischer im positiven Sinne als der ganze Ostblock zusammen. Einfach mal die Kirche im Dorf lassen. Da brauchen wir auch nicht weiter die privilegierten Grenztruppen der DDR zu beleuchten.

RMH

14. Januar 2022 23:18

"Nur, welcher DDR-Bürger unternahm den Versuch, die Alt-BRD deren Bürgern zu beschreiben?"

@URN

Das kommt in Diskussionen und Beiträgen hier schon ab und an mal vor.

Zonis hieß das auch bei uns - ältere sagten auch SBZler - bin ja im sog. "Zonenrandgebiet" aufgewachsen, eine Eigenbezeichnung wie Bundis kenne ich nicht. Man sah sich als Franke, Bayer und dann Deutscher. Leider gabs bei uns 89/90 durchaus Leute, die gegen die Wiedervereinigung waren - oft aus purer Missgunst, dass ein paar Euro jetzt "rüber" wandern, die früher eben in die "Zonenrandförderung" flossen. Unterm Strich sind aber mittlerweile die meisten froh darüber.

@Umlautkombinat,

ja, hier in dieser Debatte könnte durchaus der eine oder andere Fünfer ins berühmte Phrasenschwein gewandert sein. 

Lausitzer

15. Januar 2022 07:25

Meine Mutter musste die Wäsche nochmal waschen, wenn der Wind aus Schwarze Pumpe wehte. Welche schmerzhaft süßen Erinnerungen an meine verlorene Heimat. Guter Text!

Gustav Grambauer

15. Januar 2022 07:26

(Wirtschaftlich werde man die "deutsche Einheit" schnell meistern, aber) "Michail Sergejewitsch, wir sind da drüben im Osten einem fremden Volk begegnet. Die sind ganz anders als wir." - Kohl zu Gorbatschow, zitiert nach Krenz, Rotfuchs 12 / 2021

- G. G.

Monika

15. Januar 2022 09:41

@ Old Linkerhand 

Nicht Friedensengel schickten Hooligans in den DDR Knast. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Es gab eben nicht nur elaborierten Widerstand gegen das SED-Regime im geschützten Umfeld der Kirche oder Systemflucht durch Ausreise. Sondern auch zahlreiche, dem System ablehnend gegenüberstehende Jugendliche, die keinerlei Rückhalt, weder familiär noch kirchlich hatten, entwurzelt wurden und in die äußerste Provokation, die denkbar war,  gingen . Für solche „schwer erziehbaren“ Jugendlichen gab es den berüchtigten JUGENDWERKHOF. Dessen Aufgabe war die Umerziehung der abtrünnigen Jugendlichen „mit dem Ziel der Herausbildung vollwertiger Mitglieder der sozialistischen Gesellschaft und bewusster Bürger der DDR“. Diese Jugendlichen blieben nach der Wende noch mehr auf der Strecke. Das steht niemandem, der die Lage nicht kennt, ein Urteil zu. Aber in diesen sozialistischen Ab- und Untergründen möchte ich an dieser Stelle nicht wühlen. 

Monika

15. Januar 2022 10:06

@ URN Beschreiben dürfen die DDR nur die , die am 9.11.89 mindestens 20 Jahre in dieser gelebt haben. Das habe ich zwar nicht, kannte deren aber viele. Ich hatte mehrere tausend dieser DDR- Beschreibungen auf meinem Schreibtisch. Anlässlich des Honecker Besuches 1987 in der BRD errichtete mein damaliger Arbeitgeber eine Petitionsstelle für Anliegen der DDR-Bürger, die ausreisen wollten . Diese Beschreibungen des Lebens in der DDR halte ich für durchaus repräsentativ. Es gibt darüber Dokumente. In den Archiven des damaligen Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen dürften Tausende dieser Einblicke ins reale DDR-Leben liegen. Hier wäre noch sehr viel aufzuarbeiten. Das ist nach der sog. Wende nicht geschehen. Die wirtschaftlich abgewrackte DDR wurde dagegen völlig übereilt und brutal in des westlichen Kapitalismus einverleibt. Die Privatisierung der Staatsbetriebe westlichen Managern überlassen usw. Daraus resultiert sicher auch der verheerende geistige, seelische und moralische Zustand unseres Volkes. 

Maiordomus

15. Januar 2022 10:53

Von bisherigen Leser-Debatten war die obige ergiebig, auch glaubwürdig, weil authentische Erfahrungen zum Austausch kam. Erzähler sind aus einer mehr anonymisierenden Deckung herausgegangen. Klar neigt oral history, da möchte ich mich selber nicht ausnehmen, zur Stilisierung: bleibt aber auf ihre Weise von Quellenrang. Durchschnittlich kennen die hier Beteiligten Deutschland und auch je ihre Region im Einzelfall vielfach besser als mutmasslich viele  BT-Abgeordnete; auch deutet authentisches Bekennen auf Charakterqualitäten. @Laurenz. Was Sie eher spotteten über Kenntnis v. Milchproduktion um 1832: Auch jenseits des Zillertals lohnt es sich, Beschreibungen von Rinderhaltung, Käseproduktion u. Ackerbau bei Stifter (u. Gotthelf) genau zu studieren, was im Hinblick auf die Einstellung zu Natur u. Kultur weltbildkonstitutiv sein kann. Wiewohl der Biedermeier gewiss nicht wiederkehrt. Sich nach Stifter orientieren ist hundertmal grüner als die Grünen und in betonter Kleinräumigkeit patriotischer als allzu nationale Rechte. Dazu kann man stehen ohne Arnold Stadler zu heissen.

Old Linkerhand

15. Januar 2022 11:46

@Monika

Sie sollten jahrelange Isolationshaft im Stasi Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen nicht mit einem der vielen Jugendwerkhöfe in der DDR verwechseln. Diese Einrichtungen  waren berüchtigt und gefürchtet, aber kein Vergleich mit dem Ort, wo sich die Seele vom lebendigen Körper abspaltet. Auf der Grundlage falscher wie bösartiger Beschuldigung der protestantischen Friedensengel aka Umweltbibliothek Ostberlin, die diese Jugendlichen als Billardkugel benutzten, um eine andere zu versenken. Ziel war es, auf das DDR Regime Druck auszuüben. Dies geschah über die üblichen Verdächtigen: Dissidenten, Bürgerrechtler und Kirche. Diese waren in der DDR unantastbar und wurden von der westlichen Presse hofiert. Aber auch diese Leute waren nur Billiardkugeln in einem noch größeren Spiel. Um den Vorwurf des „Naziproblem“ in der Westpresse zu entkräften, sah sich das DDR Regime gezwungen, diese unmenschlichen Strafen zu verhängen. Seht her, wir nehmen unseren antifaschistischen Auftrag ernst.

Steht nicht in der Bibel, Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen und ist Jesus nicht auch zu den Aussätzigen gegangen?

„Daraus resultiert sicher auch der verheerende geistige, seelische und moralische Zustand unseres Volkes“

Laurenz

15. Januar 2022 11:56

@Maiordomus

"Kenntnis v. Milchproduktion um 1832: Auch jenseits des Zillertals lohnt es sich, Beschreibungen von Rinderhaltung, Käseproduktion u. Ackerbau bei Stifter (u. Gotthelf) genau zu studieren"

Ich habe natürlich komödiantisch überzogen. Damit wollte ich aber nicht den Beruf des Bauern herabwürdigen. Gerade die Schweiz leidet doch darunter, daß die Almen nicht oder immer weniger bearbeitet werden.

Ich habe keine Zweifel daran, Sie haben mich auch so verstanden. Wenn Sie wenigstens etwas schmunzeln mußten, bin ich zufrieden. Man darf sich hier erkennen.

Umlautkombinat

15. Januar 2022 12:28

@Laurenz

Sie lesen eigenartige Dinge aus meinem posting. Da wird nichts laecherlich gemacht, kann es sein, dass Sie als Person etwas empfindlich sind? Ich kann nur vermuten, woraus Sie das gezogen haben. Wahrscheinlich haengt es mit der Parallelaussage von @Monika zu den "aufgedonnerten Damen" zusammen. Es gab eine Klientel, die fuer Westgeld ihre Oma verkauft haetten und die bei entsprechenden Gelegenheiten immer zur Stelle waren. Das ist aber keine neue Erkenntnis fuer welche Zeit und welchen Ort immer und betrifft natuerlich nie ein ganzes Volk und dessen 'Rest' wusste das entsprechend zu wuerdigen. Das ist das, was dort stand.

Argumente wollen Sie? 25 Jahre jeden Tag unter allen diesen Leuten. Geben Sie mir eine Technik an die Hand, das auszudruecken. Dann versuche ich es vielleicht.

Monika

15. Januar 2022 12:37

Alle, die nicht, noch nicht oder nicht mehr wissen, wie das SED-System funktionierte, empfehle ich zur intensiven Sonntagslektüre das Gespräch von Thomas Haldenwang mit Redakteuren der FAZ: „Corona ist nur der Aufhänger“ ( 15.1.22) Ein Schlüsseltext über die Corona Proteste. Da geht es um „Staatsfeinde“ und „verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“. Schlimm das. Schlimmer, dass hier nicht etwa die DDR gemeint ist, sondern die heutige Bundesrepublik. Im Gegensatz zu damals könnte es schlimmer kommen. Keine Fluchtmöglichkeiten in ein anderes Deutschland, keine kulturellen Freiräume in Zukunft. 

@ Old Linkerhand 

Danke für Ihre Anmerkung 

Ich verwechsle nicht Stasiknast und Jugendwerkhöfe. Ich kenne auch die von Ihnen genannten Vorwürfe und Diskussionen. Ich habe noch zahlreiche Dokumente aus dieser Zeit, auch über die Umweltbibliothek.Auch hier tat die Stasi ihr Werk. Umso genauer sollten wir hingucken. Siehe oben . 

Jetzt ein schönes Wochenende.

URN

15. Januar 2022 15:03

Letztmalig zu diesem Thema und überhaupt.

Mir muß niemand die DDR beschreiben, kein Old Linkerhand, RMH, Laurenz, Lausitzer, Umlautkombinat. Witzig, was Laurenz noch zur "5-Klassen-Gesellschaft" NVA zum Besten gibt; in den 18 Monaten, in denen ich dort in drei verschiedenen Kasernen, beginnend in der Zeit, da in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wurde, zuletzt in einem Aufklärerbataillon, diente, hab ich immer nur zwei Sorten "Speisesaal" gekannt, den für uns Soldaten und den für Offiziere; in letzteren wurden auch die Unteroffiziersränge verpflegt.... "Privilegierte Grenztruppen", was ein hanebüchener Quatsch. Und die Kasperltheatertruppe der "Bürgerrechtler" in und um den goldenen Käfig der Evangelischen Kirche, von denen Monika ihre Informationen hat, die waren Teil der Gesellschaft und tatsächlich privilegiert. Haben selbst das Land privilegierter in Richtung alte BRD verlassen können, als ich das - aus welchen Gründen auch immer - nach mehr als einem Vierteljahrhundert tat.

Old Linkerhand

15. Januar 2022 16:14

@Lausitzer

Meine Mutter hat als junges Mädchen um 1960 in einem Heim in Großräschen traumatisierte Kinder betreut. Einer ihrer Jungs biss lebendigen Mäusen die Köpfe ab, das ist aber eine andere Geschichte. Die am Morgen geputzten Fensterbänke waren am Abend wieder schwarz. Schwarze Pumpe style eben.

Schönes Wochenende

 

 

Hajo Blaschke

15. Januar 2022 16:21

Ich gebe URN völlig Recht. Es ist schon lustig, wie Leute, die Jemanden kennen, der von Jemandem gehört hat, dass Jemand was weiß über die DDR Bescheid wissen. Vor allem, wenn Jemand seine Erzählungen aus sogenannten Bürgerrechtskreisen schöpft, die ja behaupten, die DDR durch ihre Stuhlkreise liquidiert zu haben.

Am besten dient hier als Beispiel eine gewisse Vera Lengsfeld. Diese Dame, deren Vater Major des Ministeriums für Staatssicherheit war (was sie selbstredend natürlich nicht wusste) hatte das Privileg, auf Kosten der DDR zu einem Studienaufenthalt in Oxford im Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW) zu weilen. Welcher DDR-Bürger, auch wenn er 100 % systemkonform war, hatte dieses Privileg?

Nichtprivilegierte, die gegen die DDR zu Felde zogen, saßen in Bautzen, Halle und Hohenschönhausen.

Bosselmann hat HoyWoy so beschrieben, wie es war. Und ich sehe da auch keine Ostalgie.

AndreasausE

15. Januar 2022 18:17

Freund, leider verstorben, wollte als Jungspund mal Westluft schnuppern. Ging leider schief, weil vom eigenem Onkel verpfiffen. Ab nach Bauzen. Dann raus, nix mehr Maurer, LPG. Dort war genau der Onkel es "Höheres", leitete die Flugzeuge an, die Gift versprühten. Und genau zum Zeitpunkt eines Einsatzes schickte er Freund zum Zaunausbessern raus - Ergebnis: Volle Dosis.

Danach zweiter Ausbruchsversuch, wieder erwischt, Stasifolter, er wieder Knast, dann rausgekauft. Krebskrank - woher wohl?

Paar Jahre mit schmaler Stasiopferrente hatte er dann noch, nun ist er hin.

Es ist ekelhaft, wie sich rezentes Deutschland in genau diese Richtung bewegt.

Und leider werden derlei "kleine Schicksale" kaum beachtet, Kumpel war komplett unpolitisch, der wollte bloß mal raus, aber ihn hat es total erwischt, volles Programm. Familienarsch, Stasi, Folter, man glaubt es nicht.

Derlei wird sich in diesem besten Deutschland aller Zeiten wiederholen, seinerzeit Grenzverletzer, heute Impfleugner.

Maiordomus

15. Januar 2022 18:40

URN/Hajo Blaschke. Was Sie schreiben, ist ein Gesichtspunkt, über den man sich keine Illusionen machen sollte. Bei Gesprächen selbst mit Leuten im Umfeld des St. Benno-Verlages machte ich mir Gedanken über schieren Anpassungszwang; erst recht auch bei Gelehrten vom Kulturbund. Und die bei der Ost-CDU im Vergleich zu deren Apparatschiks z.T. überdimensionale Begeisterung für Gorbatschow und dessen Schlagworte Perestrojka usw. war nur bedingt als realistisch einzuschätzen. Dabei konnte man mit Hochgebildeten über Spezialgebiete auf prima Niveau, oft besser als in BRD, weiterführende Gespräche führen. Eher schon eine Droge, was selbst der späte Reinhold Schneider (in der DDR als Wiederaufrüstungskritiker u. Natogegner anerkannt) ausdrücklich so bezeichnete, war die Vokabel "Friede". Einmal aber zeigte mir im Anschluss an ein Gastreferat ein Hörer draussen Richtung Heimweg Narben aus Misshandlung in DDR-Gefängnis, was wohl kaum ein Trick eines Stasi-IM war. Völlig vertrauenswürdig war von Kirchennahen für mich fast nur der oben genannte Pastor aus Wismar, so wie aus Oppeln zum Beispiel Bischof Alfons Nossol: sie waren für mich glaubwürdig genug, um von ihnen gar einen Segen entgegenzunehmen.

Laurenz

15. Januar 2022 20:34

@URN

5 Verpflegungsklassen sind natürlich auf das echte Gefecht oder Manöver bezogen. Und hören Sie auf, hier die Leser zu täuschen. Ich habe selbst als junger Mann in den Außenbezirken Berlins, wo kein BRD-Bürger hinkam, ein Volksfest inklusive Militärs gesehen. Die Versorgungskompanie, welche die Flakscheinwerfer aufbauten, (könnte Walter Wagner geheißen haben), liefen statt in wirklichen Uniformen mehr oder weniger in Kartoffelsäcken mit 0 Haltung herum. 2 Offiziere der Wachregiments Feliks Dzierzynski, die ich nach der Uhrzeit fragte, flanierten gestiefelt durch den Park in tadellosen SS-Uniformen & gaben sich auch so, völlig teilnahmslos korrekt.

Laurenz

15. Januar 2022 20:48

@Umlautkombinat @L.

Sie verstehen mich falsch. Die DDR setzte eine Säkularisierung der Gesellschaft wesentlich besser durch, als zB die Sowjetunion. Das Verhältnis von Frau & Mann war ein anderes als im Westen, weil schlicht die sozialen Unterschiede im Westen ohne Frage um ein vielfaches größer waren. Es gab im Osten keinen materiellen Aufstieg, außer durch Linientreue. Aber selbst der Linientreue wurde diskriminiert, wenn der Linientreue seinen Urlaub im Hotel Yalta zu Jalta auf der Krim verbringen durfte. Er mußte, im Gegensatz zu Touristen aus dem Westen, an die "Rubel-Bar", um alkoholische Getränke zu erhalten. Verstehen Sie, es gab keine weibliche Käuflichkeit um sozialen Aufstieg. Wohlstand gab es zB für Frauen, die als Honigfalle der Stasi unter Wolf dienten oder erfolgreiche weibliche Sportler, wie Witt.

Laurenz

15. Januar 2022 21:06

@Hajo Blaschke

Über die Liquidation der DDR gibt es ganz unterschiedliche historische Meinungen, und bei allen fallen Nachweise über Hintergründe schwer. Auf jeden Fall muß ein Papier "non grata" existieren, welches der DDR-Führung Straffreiheit zusicherte, also nix mit Nürnberg etc.pp. Das verhält sich bis heute so. Nur Erich Mielke mußte sich wegen seiner Polizistenmorde in 1931 verantworten. Auch schaffte es die SED/PDS-Führung unter Gysi & Bartsch das Parteivermögen spurenlos ins Ausland zu transferieren. Rein zufällig, ich arbeitete in den Semesterferien bei der Commerzbank in der Nachfrage des Auslandszahlungsverkehrs, sah ich eine Zahlung von 55 Mio. Deutschmark aus der noch existierenden DDR nach London, weil ich gerade bei meinem Chef im Büro stand, der sich kaputtlachte.

@Lotta Vorbeck zB präferiert die Version von Michael Wolksi. 

https://youtu.be/TnVaIXS9HzU

Aber welcher Version wir auch zustimmen, das Resultat bleibt immer dasselbe.

Hajo Blaschke

15. Januar 2022 21:19

Laurenz, und weshalb musste sich Herbert Frahm aus Lübeck nicht so wie Mielke für seine zumindest Beteiligung an der Ermordung eines Arbeiters in Lübeck nicht verantworten?

Wenn Sie authentisch wissen wollen, wie die DDR liquidiert wurde, lesen Sie Michael Wolskis Bücher. Gegen diese Fakten helfen auch Ihre Kaffeesatzführereisen nicht.

URN

15. Januar 2022 21:34

Meinem Vorsatz untreu werdend nun doch noch ein Mal:

Von den beiden (eins im Sommer, eins im Winter) mehrwöchigen Feldlagern, an denen ich während meiner Armeezeit teilnahm, waren nicht nur Narren wie Sie, Laurenz, erfolgreich ausgeschlossen. Schwadronieren Sie also nicht über Dinge wie die Verpflegung bei der NVA, sei es innerhalb oder außerhalb der Kaserne. 

RMH

15. Januar 2022 21:57

Die Neigung, vergangen Zeiten (insbesondere Zeiten, in denen man jung war) sich im Nachhinein besser zu reden, als sie waren, scheint eine menschliche Konstante zu sein, egal ob "Ost" (eigentlich ja Mitteldeutschland) oder "West".

Auf der "Fliesentischromantik", bauen andere ganze Karrieren kommerziell sehr erfolgreich auf.

Ostdeutschland - YouTube

 

Umlautkombinat

15. Januar 2022 22:00

@Laurenz

Ich habe zunehmend Schwierigkeiten, Verbindungen zwischen Ihren Antworten und den Beitraegen - meinen eingeschlossen - auf die Sie reagieren, nachzuvollziehen. Die Rolle der Frau in der DDR, meinetwegen... aber was meinen Sie mir dazu erklaeren zu wollen und zu koennen?

Ich spreche soweit Englisch, dass ich - begrenzt - auch einmal in einen schottischen Akzent fallen kann. Aus Spass und Freude mache ich das auch einmal einem Schotten gegenueber und scherze. Nach meinem zweiten Satz weiss er aber spaetestens, dass der Schotte falsch ist und sieht mich seltsam an. Ich halte mich dann einfach zurueck und erklaere ihm nicht seine Welt. Ihr Wissen zur DDR ist anekdotisch und das wird es immer bleiben. Das ist nichts Schlimmes, ich weiss auch nicht viel vom Leben eines Bauern auf der Alb.

Dzierzynski war uebrigens das Wachregiment der Stasi, mit normalen Grenztruppen hatten die nichts zu tun. Und ein Volksfest mit ihnen, nun ja, da waeren nicht viele normale Leute gern hingegangen.

Laurenz

16. Januar 2022 00:28

@Umlautkombinat @L.

Sie täuschen Sich. Der Informationsfluß von Ost nach West war für den Normalbürger einfacher als umgekehrt, ganz einfach deswegen, weil die DDR (Schalck-Golodkowski) alles, was nicht niet- & nagelfest war, verhökerte & zu Devisen machte. Ich machte mein theoretische Abitur-Prüfung in Sport ausschließlich aufgrund von DDR-Literatur, ganz einfach deswegen, weil es in der BRD keine entsprechende Literatur gab. Im Westen konnte man jegliche Literatur der DDR kaufen, umgekehrt nicht. Sehen Sie den Unterschied. Und wem die beiden Wachregimenter der DDR jeweils zugeordnet waren, weiß ich, so wie ich weiß, daß das Wachbataillon der Bundeswehr ein Sauhaufen ist, dem man Schießbuden-Uniformen anzieht & beide Wachregimenter der DDR nie an die Leibstandarte herankamen. Schauen Sie hier (00:00:33) https://youtu.be/8syLsmZJEK0

Und was Ihre Sicht zu Schottland angeht, so postete mal ein Mitforist dieses geniale Video https://youtu.be/f1CB-D1TtXc

Die Schotten haben seit vielen Jahrhunderten das Problem, über welches wir erst seit 45 jammern.

Laurenz

16. Januar 2022 00:38

@URN

Hören Sie doch auf, hier einen auf Leutnant zu machen, obwohl Sie nie Gefreiter wurden. 

Wer wissen will, wie die NVA funktionierte, braucht sich bloß hier umsehen. Räumen Sie doch erstmal Ihren Spind auf, Soldat.

http://www.ddr-zeitzeugen.de/html/essenfassen.html

Laurenz

16. Januar 2022 00:53

@Hajo Blaschke

Hören Sie doch auf, den Mord in der Hundestraße zu Lübeck hier uns ohne Belege zum Fraß vorzuwerfen. Gibt es hierzu Prozeßakten, in denen Brandt/Frahm etwas nachgewiesen wurde? Sie sind auch so ein Schauermärchen-Historiker. Vielleicht schreiben Sie besser auf dem BUNTE-Forum.

Lausitzer

16. Januar 2022 01:40

@Old Linkerhand

Ja, die Lausitz, schwarze Fensterbretter und kopflose Mäuse! 

Schönes Wochenende!

Umlautkombinat

16. Januar 2022 10:42

@Laurenz

Literatur ist nicht Land. Es ist nicht 24 Stunden Atmen darin in der formativen Phase eines Lebens. Wenn sie das nicht verstehen wollen, sei es drum. Ihr Informationsbegriff ist entschieden zu schwach, das moechte ich noch einmal wiederholen. Ansonsten schliesse ich das von meiner Seite, weil wohl als Diskussion relativ zwecklos.

Laurenz

16. Januar 2022 10:48

@Lausitzer @Old Linkerhand

 

https://www.deutschlandfunk.de/kohlerevier-schlesien-dicke-luft-und-schwarzes-gold-100.html

Für Kohlereviere ist das, was Sie beschreiben, ganz normal. Der Deutschlandfunk vergaß, daß seit dem Einsetzen des Autoverkehrs in den Kohlerevieren Schlesiens schon immer Abdeckplanen ein Renner waren. Denn ohne Abdeckplanen brauchte man sein Auto nicht putzen & alle Autos hatten dann dieselbe Farbe.

Hajo Blaschke

16. Januar 2022 11:00

Laurenz, ich (und etliche Andere wohl auch) wundere mich schon seit geraumer Zeit über Ihre Einwürfe und Wunderlichkeiten.

Warum wohl ist genannter Herbert Frahm, den Sie ja sogar völlig richtig identifiziert haben, Hals über Kopf nach Norwegen und nach der Weserübung nach Schweden geflüchtet.

Zu Ermittlungen gegen "Antifaschisten" vom Schlage eines Frahm und deren Behandlung durch eine politisch interessierte Justiz brauche ich wohl nichts zu sagen. Oder sind Sie auch noch auf diesem Auge blind.

Laurenz

16. Januar 2022 14:58

@Hajo Blaschke

Wann haute Herbert Frahm (im Alter von 20 Jahren) nach Norwegen ab? Genau, März 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Das hat also mit bundesrepublikanischer Rechtsprechung doch nichts zu tun. Und im Mordfall in der Hundestraße (Juli 1932) muß es doch polizeiliche Ermittlungen gegeben haben, in denen Herbert Frahm, als Verdachtsfall hätte auftauchen müssen. Hätte sich ein Mordverdacht gegen Frahm erhärtet, wäre auf jeden Fall ein Urteil in Abwesenheit erfolgt, wenn die Erkenntnisse sich erst nach der Flucht nach Norwegen gezeigt hätten.

Aber Löwenthal damit 1972 loszuschicken ist mehr als dünn, fast so dünn, wie Ihre Beiträge dazu.

Hajo Blaschke

16. Januar 2022 15:54

Laurenz, jetzt machen Sie sich unwiderruflich lächerlich. Woher wollen Sie denn wissen, ob gegen Frahm nicht ermittelt wurde und dass es keinen Prozess gab? Sie denken, weil man Sie nicht informiert hat, gab es das nicht?

Laurenz

16. Januar 2022 17:21

@Hajo Blaschke

Die Nationalsozialisten kassierten jeden Linken ein, der nicht nachgab. War ja umgekehrt auch nicht anders. Sie glauben doch nicht allen Ernstes, daß der Mord, begangen durch einen Sozialisten, nicht publik gemacht worden wäre. Klären Sie uns doch auf & zeigen Sie uns Ihre Quellen.

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