Abschnürung

PDF der Druckfassung aus Sezession 101/ April 2021

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Als die Rote Armee den Ring um Sta­lin­grad schloß und die 6. Armee abschnür­te, saßen Hun­dert­tau­sen­de deut­sche Sol­da­ten in der Fal­le. Man kann sich die kata­stro­pha­len Tage vor­zu­stel­len ver­su­chen, in denen die Aus­weg­lo­sig­keit zur Gewiß­heit wur­de, kann die ver­zwei­fel­te Suche nach Handlungs‑, nach Befrei­ungs­mög­lich­kei­ten den Brie­fen ent­neh­men, die spä­ter ver­öf­fent­licht wur­den: Die Bewe­gung erstarr­te, das Bild gefror, kein Vor­sto­ßen, Durch­sto­ßen, Umge­hen, Aus­wei­chen, Antäu­schen waren mehr mög­lich, vor allem auch: kein Frei­kämp­fen mehr, kein Rückzug.

1956 tauch­te in der Zeit­schrift Der Ner­ven­arzt ein Bericht über einen Minis­te­ri­al­be­am­ten aus Ber­lin auf, der die Abschnü­rung Sta­lin­grads von sei­nem Schreib­tisch aus wahr­ge­nom­men und mit einer selt­sa­men Form kör­per­li­cher Erstar­rung reagiert hat­te: Man fand ihn auf sei­nem Stuhl sit­zend vor, die Bei­ne bis zur Sitz­flä­che hoch­ge­zo­gen und mit den Armen umkrampft. »Ein Zwangs­im­puls war über ihn gekom­men, der die Ver­kür­zung der unte­ren Extre­mi­tä­ten ver­lang­te. Streck­te der Mann die Bei­ne aus oder ver­such­te er den Fuß­bo­den zu betre­ten, so stei­ger­te sich die Angst ins Maß­lo­se«, heißt es im Bericht. Auch habe der Beam­te alle Uhren anhal­ten las­sen: »Durch das Abhe­ben der Füße vom Boden wird die Mög­lich­keit räum­li­cher Fort­be­we­gung ver­ei­telt und damit dem Impuls ›Weg!‹ eine Gele­gen­heit, sich aus­zu­le­ben, genom­men; aber die­ser Impuls soll nicht bloß im Raum, son­dern auch in der Zeit kei­nen Angriffs­punkt mehr fin­den: daher wer­den die Uhren angehalten.«

Die­se kau­ern­de Hal­tung, die­se »Beu­ge­span­nung« (wie es in dem Bericht heißt) ist der Mini­mal­schutz, die aller­letz­te Gebor­gen­heit: Win­ter­star­re als vor­letz­te Ant­wort, kei­ne Hoff­nung mehr in Raum und Zeit, Lebens­er­hal­tung durch Höh­len­bil­dung mit sich selbst, Aus­tritt aus dem Gang der Dinge.

Vor­letz­te Ant­wor­ten aus Brie­fen und Gesprä­chen, März 2021: »daß ich nicht mehr weiß, ob ich unse­ren Laden noch ein­mal eröff­nen soll, mit so einem gewin­nen­den, die Kun­den begrü­ßen­den Lächeln im Gesicht. Was näm­lich, wenn der ers­te, zwei­te, zehn­te nichts kauft?« – »Ich kom­me ja mor­gens schon kaum aus dem Bett, und wenn ich es geschafft habe, dann muß ich abschlie­ßen, bis nach dem Abend­essen min­des­tens, sonst lie­ge ich sofort wie­der drin, ohne Buch, ohne Han­dy, ein­ge­rollt wie in einer Höh­le.« – »Und so ist das auch im Bekann­ten­kreis: Da gibt es Kin­der, die von einer Art Schlaf­krank­heit befal­len sind, die nur noch kau­ern. Einen ken­nen wir, der bricht in pani­sches Geschrei aus, wenn er die Woh­nung ver­las­sen soll: Todes­angst vor dem anste­cken­den Nach­barn und völ­li­ge Ver­un­si­che­rung, was denn nun erlaubt sei, und: ob über­mor­gen schon wie­der nicht mehr.« – »Nun hat er sein Stu­di­um abge­bro­chen. Die Fra­ge, die er stellt: Wozu noch ler­nen? Sein Zim­mer ist zu sei­ner Höh­le gewor­den, sein Lap­top ist das ein­zi­ge Fens­ter.« – »Vor­ges­tern hat sich in der Schu­le ein zwei­tes Kind umge­bracht, mit 15. Die gan­ze Klas­se zit­tert, der Abgrund hat sich auf­ge­tan. Nun streift ein zwei­ter Psy­cho­lo­ge durch die Gän­ge und spricht durch die Mas­ke. Wir jeden­falls las­sen unse­re Toch­ter nicht mehr hin.«

Der Kes­sel unse­rer Zeit ist das jäh abge­schnür­te Leben: Man sieht die Leu­te ein­kau­fen gehen, man sieht sie wer­keln und her­um­räu­men, aber im Grun­de ist das ein Aus­gang an der Lei­ne, eine War­te­schlei­fe, ein Ablen­kungs­ma­nö­ver: Wer weiß, was wir mor­gen noch dür­fen? Was wir uns im ver­gan­ge­nen April als pani­sche Ein­däm­mungs­hand­lung erklär­ten, ist heu­te ein Ver­bre­chen: Mil­lio­nen Bür­ger in einen Kes­sel zu schi­cken, in die Aus­weg­lo­sig­keit, in die Abhän­gig­keit; sie gefü­gig zu machen, ihnen den Nach­bar, den Nächs­ten als womög­lich töd­li­che Gefahr vor­zu­stel­len. Angst schü­ren und damit Poli­tik trei­ben: Der Angriff auf die See­le ist hef­tig, das Trau­ma ein­ge­pflanzt, die Beu­ge­hal­tung das Ziel.

Wir ste­hen vor der gera­de­zu exis­ten­ti­el­len Auf­ga­be, uns nicht abschnü­ren zu las­sen, son­dern aus­zu­bre­chen. Wie schrieb Ras­pail? »Wir wer­den suchen müs­sen, jen­seits des­sen, was wir ken­nen und des­sen, was wir nicht ken­nen. Zuerst inner­halb unse­res eige­nen Lan­des und dann auch außer­halb der Gren­zen. Was geschieht um uns her­um? Was ist die Bedeu­tung von alle­dem? Es wäre die­ser Stadt nicht wür­dig, das Ende untä­tig abzu­war­ten, ohne nach einem Aus­weg zu suchen.«

 

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)