Abschnürung

PDF der Druckfassung aus Sezession 101/ April 2021

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Als die Rote Armee den Ring um Sta­lin­grad schloß und die 6. Armee abschnür­te, saßen Hun­dert­tau­sen­de deut­sche Sol­da­ten in der Fal­le. Man kann sich die kata­stro­pha­len Tage vor­zu­stel­len ver­su­chen, in denen die Aus­weg­lo­sig­keit zur Gewiß­heit wur­de, kann die ver­zwei­fel­te Suche nach Handlungs‑, nach Befrei­ungs­mög­lich­kei­ten den Brie­fen ent­neh­men, die spä­ter ver­öf­fent­licht wur­den: Die Bewe­gung erstarr­te, das Bild gefror, kein Vor­sto­ßen, Durch­sto­ßen, Umge­hen, Aus­wei­chen, Antäu­schen waren mehr mög­lich, vor allem auch: kein Frei­kämp­fen mehr, kein Rückzug.

1956 tauch­te in der Zeit­schrift Der Ner­ven­arzt ein Bericht über einen Minis­te­ri­al­be­am­ten aus Ber­lin auf, der die Abschnü­rung Sta­lin­grads von sei­nem Schreib­tisch aus wahr­ge­nom­men und mit einer selt­sa­men Form kör­per­li­cher Erstar­rung reagiert hat­te: Man fand ihn auf sei­nem Stuhl sit­zend vor, die Bei­ne bis zur Sitz­flä­che hoch­ge­zo­gen und mit den Armen umkrampft. »Ein Zwangs­im­puls war über ihn gekom­men, der die Ver­kür­zung der unte­ren Extre­mi­tä­ten ver­lang­te. Streck­te der Mann die Bei­ne aus oder ver­such­te er den Fuß­bo­den zu betre­ten, so stei­ger­te sich die Angst ins Maß­lo­se«, heißt es im Bericht. Auch habe der Beam­te alle Uhren anhal­ten las­sen: »Durch das Abhe­ben der Füße vom Boden wird die Mög­lich­keit räum­li­cher Fort­be­we­gung ver­ei­telt und damit dem Impuls ›Weg!‹ eine Gele­gen­heit, sich aus­zu­le­ben, genom­men; aber die­ser Impuls soll nicht bloß im Raum, son­dern auch in der Zeit kei­nen Angriffs­punkt mehr fin­den: daher wer­den die Uhren angehalten.«

Die­se kau­ern­de Hal­tung, die­se »Beu­ge­span­nung« (wie es in dem Bericht heißt) ist der Mini­mal­schutz, die aller­letz­te Gebor­gen­heit: Win­ter­star­re als vor­letz­te Ant­wort, kei­ne Hoff­nung mehr in Raum und Zeit, Lebens­er­hal­tung durch Höh­len­bil­dung mit sich selbst, Aus­tritt aus dem Gang der Dinge.

Vor­letz­te Ant­wor­ten aus Brie­fen und Gesprä­chen, März 2021: »daß ich nicht mehr weiß, ob ich unse­ren Laden noch ein­mal eröff­nen soll, mit so einem gewin­nen­den, die Kun­den begrü­ßen­den Lächeln im Gesicht. Was näm­lich, wenn der ers­te, zwei­te, zehn­te nichts kauft?« – »Ich kom­me ja mor­gens schon kaum aus dem Bett, und wenn ich es geschafft habe, dann muß ich abschlie­ßen, bis nach dem Abend­essen min­des­tens, sonst lie­ge ich sofort wie­der drin, ohne Buch, ohne Han­dy, ein­ge­rollt wie in einer Höh­le.« – »Und so ist das auch im Bekann­ten­kreis: Da gibt es Kin­der, die von einer Art Schlaf­krank­heit befal­len sind, die nur noch kau­ern. Einen ken­nen wir, der bricht in pani­sches Geschrei aus, wenn er die Woh­nung ver­las­sen soll: Todes­angst vor dem anste­cken­den Nach­barn und völ­li­ge Ver­un­si­che­rung, was denn nun erlaubt sei, und: ob über­mor­gen schon wie­der nicht mehr.« – »Nun hat er sein Stu­di­um abge­bro­chen. Die Fra­ge, die er stellt: Wozu noch ler­nen? Sein Zim­mer ist zu sei­ner Höh­le gewor­den, sein Lap­top ist das ein­zi­ge Fens­ter.« – »Vor­ges­tern hat sich in der Schu­le ein zwei­tes Kind umge­bracht, mit 15. Die gan­ze Klas­se zit­tert, der Abgrund hat sich auf­ge­tan. Nun streift ein zwei­ter Psy­cho­lo­ge durch die Gän­ge und spricht durch die Mas­ke. Wir jeden­falls las­sen unse­re Toch­ter nicht mehr hin.«

Der Kes­sel unse­rer Zeit ist das jäh abge­schnür­te Leben: Man sieht die Leu­te ein­kau­fen gehen, man sieht sie wer­keln und her­um­räu­men, aber im Grun­de ist das ein Aus­gang an der Lei­ne, eine War­te­schlei­fe, ein Ablen­kungs­ma­nö­ver: Wer weiß, was wir mor­gen noch dür­fen? Was wir uns im ver­gan­ge­nen April als pani­sche Ein­däm­mungs­hand­lung erklär­ten, ist heu­te ein Ver­bre­chen: Mil­lio­nen Bür­ger in einen Kes­sel zu schi­cken, in die Aus­weg­lo­sig­keit, in die Abhän­gig­keit; sie gefü­gig zu machen, ihnen den Nach­barn, den Nächs­ten als womög­lich töd­li­che Gefahr vor­zu­stel­len. Angst schü­ren und damit Poli­tik trei­ben: Der Angriff auf die See­le ist hef­tig, das Trau­ma ein­ge­pflanzt, die Beu­ge­hal­tung das Ziel.

Wir ste­hen vor der gera­de­zu exis­ten­ti­el­len Auf­ga­be, uns nicht abschnü­ren zu las­sen, son­dern aus­zu­bre­chen. Wie schrieb Ras­pail? »Wir wer­den suchen müs­sen, jen­seits des­sen, was wir ken­nen und des­sen, was wir nicht ken­nen. Zuerst inner­halb unse­res eige­nen Lan­des und dann auch außer­halb der Gren­zen. Was geschieht um uns her­um? Was ist die Bedeu­tung von alle­dem? Es wäre die­ser Stadt nicht wür­dig, das Ende untä­tig abzu­war­ten, ohne nach einem Aus­weg zu suchen.«

 

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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