Sagt es nicht Kali

PDF der Druckfassung aus Sezession 101/ April 2021

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wir sehen hier ein schril­les Wesen. Es hat Frau­en­brüs­te und lan­ges, dunk­les Haar. Dabei blaue Haut. Es tobt mit auf­ge­ris­se­nen Augen und Mund. Es ist vier­ar­mig und grell illu­mi­niert. Die eine Rech­te schwingt einen Säbel, die ande­re macht eine her­aus­for­dern­de Kamp­fes­ges­te. Pas­send dazu steht das Wesen breit­bei­nig im Aus­fall­schritt: Kommt! Kommt mir nur! Links hält die Figur einen abge­schla­ge­nen Män­ner­schä­del mit schlaf­fen Lidern und ohn­mäch­tig her­aus­ge­streck­ter Zun­ge. Die ande­re Lin­ke fängt in einer Scha­le das trie­fen­de Blut auf, offen­sicht­lich nutz­los, denn der Lebens­saft läuft bereits über. Män­ner­schä­del schmü­cken als Ket­te den Hals des Wesens, erober­te Arme samt Hän­den ihren Hüft­gür­tel. Wir ahnen, daß es die Glied­ma­ßen von Män­nern sind, alles ande­re wäre unlo­gisch. Unter dem mit Rin­gen geschmück­ten lin­ken Fuß der Furie liegt ein wei­ßer Mann (ihr eige­ner Gat­te Shi­va, wie wir recher­chie­ren kön­nen), er hat offen­kun­dig aus­ge­haucht. Neben der – eben­falls gold­ver­zier­ten – rech­ten Fes­sel sehen wir die blu­ti­gen Über­res­te eines schwar­zen Mannes.

Hier geht es sicht­bar nicht um einen defen­si­ven Akt der Selbst­be­haup­tung. Bei die­ser indi­schen Göt­tin geht es um nichts weni­ger als um die tota­le Ver­nich­tung. Die wüten­de, toben­de Kali kennt kei­ne Gefan­ge­nen. Der preis­ge­krön­te (Wie­ner Kunst­aus­stel­lung 1873) indi­sche Maler Raja Ravi Var­ma (1848 – 1906) hat die­ses pro­vo­kan­te Bild ver­fer­tigt. Nun dient es als Buch­co­ver. Das ist auf eine Wei­se vielsagend.

Wer in den sozia­len Medi­en »blut­rüns­ti­ge Inhal­te« abbil­det, muß, gemäß den Richt­li­ni­en, nor­ma­ler­wei­se gehen. Aller­dings nur gele­gent­lich. Eine als seri­ös, kei­nes­falls als extrem femi­nis­tisch gel­ten­de Jour­na­lis­tin, Anna Schnei­der (vor­mals NZZ, neu­er­dings Die Welt), wur­de auf Twit­ter gera­de »gegan­gen«, weil sie als soge­nann­tes Pro­fil­bild den Aus­schnitt eines Cara­vag­gio-Gemäl­des nutz­te: die Ent­haup­tung des Holo­fer­nes. Das ist eine blut­rüns­ti­ge Sze­ne: In äußers­ter Not und in Sor­ge um ihr Volk nimmt Judith dem assy­ri­schen Bela­ge­rer Holo­fer­nes das Leben. Abend­län­di­sche Kunst, von Twit­ter getilgt mit Rück­sicht auf soge­nann­te Sit­ten. Das hier (und übri­gens medi­al all­über­all) ver­öf­fent­lich­te Roman­co­ver ist drei‑, vier‑, eher zwan­zig­mal blut­rüns­ti­ger. Es stieß bis­lang auf kei­ne Kri­tik. Ver­mut­lich gibt es eine Art »Folk­lo­re­schutz« – was im Grun­de bereits ein streit­ba­rer Tat­be­stand wäre. Ich mei­ne: Wäre hier und heu­te jen­seits irgend­wel­cher dunk­len Räu­me ein Buch­um­schlag denk­bar, auf dem, sagen wir, ein Mus­kel­mann auf einer Frau her­um­tram­pelt und zugleich mit x abge­schla­ge­nen Frau­en­köp­fen tri­um­phiert? Eine rhe­to­ri­sche Fra­ge. Wäre es natür­lich nicht.

Die Autorin, die sich hier auf Kali beruft, die indi­sche Göt­tin des Todes und Ver­kör­pe­rung des Zorns, heißt Mit­hu San­y­al. Frau San­y­al, 1971 als Toch­ter eines indi­schen Vaters in Düs­sel­dorf gebo­ren, ist ein Lieb­lings­kind des bun­des­deut­schen Feuil­le­tons. Sie ist fes­te Mit­ar­bei­te­rin des WDR, schreibt zudem Auf­trags­ar­bei­ten für die taz, die Jun­ge Welt und die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung. Im zwangs­ge­büh­ren­fi­nan­zier­ten Rund­funk wird ihre Stim­me häu­fig als Exper­tin für soge­nann­te Geschlech­ter­fra­gen zuge­schal­tet. Es ist, zuge­ge­ben, eine ange­neh­me Stim­me, hei­ter und daseins­ge­las­sen – wodurch sie sich vom auf­ge­reg­ten Sound ihrer femi­nis­ti­schen Kol­le­gin­nen und Freun­din­nen im Geis­te durch­aus abhebt. San­y­al hat über die Kul­tur­ge­schich­te des weib­li­chen Geni­tals pro­mo­viert und mit ihrem Buch Vul­va (2009) Ach­tungs­er­fol­ge erzielt. Frau San­yals tabu­lo­ses wie anstren­gen­des Buch Ver­ge­wal­ti­gung – Aspek­te eines Ver­bre­chens war sogar eine mei­ner sezes­sio­nis­ti­schen Weih­nachts­emp­feh­lun­gen anno 2016. Mir gefiel, wie sie hier gleich­sam gegen den Strich dach­te, indem sie die Schre­ckens­tat ent­mys­ti­fi­zier­te. Sprich: behut­sam von alt­her­ge­brach­ten Wer­tun­gen befrei­te. Nun, in ihrem ers­ten Roman, des­sen Cover hier zur Behand­lung ansteht, nimmt Frau San­y­al eine Re-Mys­ti­fi­zie­rung vor. Das ist sehr, sehr schräg.

In die­ser Geschich­te geht es um die Stu­den­tin Nive­di­ta (ihr titel­ge­ben­der »Identitti«-Blog han­delt neben Iden­ti­täts­fra­gen tat­säch­lich von »Tit­ten«; Nive­di­ta ist sexu­ell sehr ansprech­bar, Sex ist neben Race ihr zweit­liebs­tes The­ma) und ihre pro­mi­nen­te »indi­sche« Pro­fes­so­rin Saras­wa­ti. Frau Prof. Saras­wa­ti ist min­des­tens so furi­os wie die Göt­tin Kali. Sie pflegt Allü­ren, gegen die Camil­le Pagli­as Wider­bors­tig­keit ein Klacks ist. Sie, Pro­fes­so­rin für Post­co­lo­ni­al Stu­dies an der Düs­sel­dor­fer Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät, wird von ihren »Student*innen« gera­de­zu angebetet.

Ihr jüngs­ter Text, White Guilt. War­um nie­mand weiß sein will, hat inter­na­tio­nal für Furo­re gesorgt. Es ist ihr Ver­dienst, daß »Nicht-Weiß­sein cool« gewor­den ist. Nun kommt her­aus: Die aka­de­mi­sche Göt­tin heißt in Wahr­heit Sarah Vera Thiel­mann, ist weiß und hat Wur­zeln in Karls­ru­he. Ein Skan­dal! Dabei hat­te sie sich ihre Trans­race-Per­for­mance durch­aus was kos­ten las­sen: Hor­mo­ne, Ope­ra­tio­nen. Für Sarah Vera war es der logi­sche und ein­zi­ge Aus­weg, um der »wei­ßen Schuld« zu ent­kom­men: ganz und gar Per­son of Color zu wer­den. Ihre Freun­de gou­tie­ren das letzt­lich. Sie ist den fina­len Schritt gegan­gen, den ein schuld­be­wuß­ter wei­ßer Mensch gehen kann. Ihre Geg­ner nen­nen es Betrug: Als nun »Brau­ne« (darf man so nicht sagen, da ras­sis­tisch) erhebt sie sich immer noch über alle Schwar­zen, die anders als Saras­wa­ti »kei­ne Mög­lich­keit zum Pas­sing hat­ten«, sprich, zum Swit­chen in eine ande­re Race. Es wäre wit­zig, wenn es wit­zig gemeint wäre und die­se dekon­struk­ti­vis­ti­schen Albe­rei­en als sol­che sati­risch ent­blößt wür­den. Nur: Frau San­y­al meint es bit­ter­ernst. Sie hat eine Lite­ra­tur­lis­te bei­gefügt: von Deco­lo­ni­sing the Mind bis zu Unlear­ning Impe­ria­lism und White Pri­vi­le­ge ist alles dar­un­ter, was das ras­sis­mus­fi­xier­te und zugleich Race-leug­nen­de Herz begehrt.

Kalis Furor ist des­halb bedeut­sam, weil Frau San­y­al enor­me Reich­wei­te hat. Die­ses Roman­de­büt wur­de, soweit zu sehen ist, auf sämt­li­chen Sen­de­plät­zen des staats­na­hen Groß­feuil­le­tons nicht bloß vor­ge­stellt, son­dern gefei­ert. Zusätz­lich hat sie für ihren »fri­vo­len« Roman im Vor­feld vie­le »diver­se« Stim­men (unter ande­rem von Ijo­ma Man­gold, Sibel Schick, dem Staats­funk-Redak­teur René Agu­i­gah, Hen­g­ameh Ya­ghoobifarah, ande­ren pro­mi­nen­ten Kul­tur­lin­ken wie Kübra Gümü­say und Fat­ma Ayd­e­mir; aber auch von Nicht­lin­ken wie Lars Weis­brod und Arne Hoff­mann) ein­ge­holt, die sie direkt im Gesche­hen ver­wer­tet. Das ist geschickt ein­ge­baut in die Roman­hand­lung. Der Roman endet mit einem rea­len Ereig­nis, dem »rech­ten Ter­ror­an­schlag von Hanau«. Frau San­y­al äußert beklom­men, daß ihre Fik­ti­on mit einer »der­ar­ti­gen Atta­cke« enden »muß­te«. Denn, ganz per­sön­lich: »Ich habe kei­ne Angst auf die Stra­ße zu gehen, natür­lich nicht, aber wenn ich nachts allein an einem Mann vor­bei­ge­he, dann ist mein ers­ter Gedan­ke: Ist das ein Nazi?« Das Schwei­gen über die­se »bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Wirk­lich­keit« sei eine »nicht akzep­ta­ble Leer­stel­le«. Ah. In die­sem Land ste­hen soge­nann­te Mixed-race-Per­so­nen ver­schwie­gener­wei­se vor einer lebens­be­dro­hen­den Gefahr.

Bit­te: Sagt es nicht Kali weiter.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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