Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit

von Marcel Kehlberg

PDF der Druckfassung aus Sezession 101/ April 2021

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Der Name war Pro­gramm und klang doch wie eine miß­glück­te Schlag­zei­le. Die »Kampf­grup­pe gegen Unmensch­lich­keit« (KgU) war die offen­sivs­te Bewe­gung gegen den sta­li­nis­ti­schen Ter­ror in der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne (SBZ) und der anhe­ben­den DDR zu Beginn der fünf­zi­ger Jah­re. In ihrem Namen waren sowohl ihr Anspruch als auch ihr Dilem­ma ver­eint. Kam dar­in nicht Unver­ein­ba­res zusammen?

Bei vie­len Deut­schen waren die Erin­ne­run­gen an diver­se Kampf­grup­pen von Wehr­macht und Waf­fen-SS noch sehr leben­dig. Doch die­je­ni­gen, die sich ab 1948 im West­teil Ber­lins im Namen der Mensch­lich­keit den Kampf gegen den neu­en Tota­li­ta­ris­mus auf die Fah­nen geschrie­ben hat­ten, waren weder kampf­erprob­te Sol­da­ten noch erfah­re­ne Unter­grund­kämp­fer. Die­se in der Mehr­heit jun­gen Idea­lis­ten sahen sich wie selbst­ver­ständ­lich in der Tra­di­ti­on der Wider­stands­grup­pen aus der gera­de zurück­lie­gen­den NS-Dik­ta­tur. Sie setz­ten eine ähn­li­che Geis­tes­hal­tung in der sie umge­ben­den Gesell­schaft vor­aus, was sich im Nach­gang als zu opti­mis­tisch her­aus­stel­len soll­te. Die KgU ver­zich­te­te in ihrem Befrei­ungs­kampf auf ein meta­po­li­ti­sches Pro­gramm eben­so wie auf eine lang­fris­ti­ge Stra­te­gie und über­ließ das gut­gläu­big jenen Kräf­ten, mit denen sie sich ver­bün­det wähn­te. Im ent­ste­hen­den MfS, dem Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit der DDR, erwuchs ihr ein Geg­ner, der durch die Schu­le des Unter­grunds gegan­gen war und des­sen lis­ti­gem wie para­no­idem Ver­nich­tungs­wil­len sie nichts ent­ge­gen­zu­set­zen hatte.

 

Etwas tun: das Ent­ste­hen einer NGO

Ber­lin war die Front­stadt des Kal­ten Krie­ges. Vom Beginn der Besat­zungs­zeit an prall­ten hier die Sys­tem­ge­gen­sät­ze auf engs­tem Raum auf­ein­an­der. Im Schat­ten der Besat­zungs­ar­me­en hat­ten sich Ohn­macht und Wut ange­sichts öst­li­cher Ein- und Absperr­po­li­tik bereits Ven­ti­le gesucht. Es waren vor allem West­ber­li­ner Jugend­li­che, die immer wie­der Grenz­sper­ren und Schil­der der SBZ umstürz­ten oder beschä­dig­ten. Die­ser Wider­stand glich gefähr­li­chen Buben­strei­chen – den­noch wur­de die jugend­li­che Trieb­kraft dahin­ter bald von der KgU gebündelt.

Der ent­schei­den­de Grün­dungs­im­puls kam aller­dings von einer ande­ren Sei­te. Im Som­mer des Jah­res 1948 tra­fen die ers­ten Ent­las­se­nen der sowje­ti­schen Spe­zi­al­la­ger im West­teil der Stadt ein und wur­den von der Par­tei­ju­gend der demo­kra­ti­schen Par­tei­en und von Stu­den­ten betreut. Auf etli­chen Ver­an­stal­tun­gen berich­te­ten die ehe­ma­li­gen Häft­lin­ge von den Zustän­den und Miß­hand­lun­gen in den Lagern und Zucht­häu­sern der sowje­ti­schen Mili­tär­ad­mi­nis­tra­ti­on und ihrer deut­schen Hel­fers­hel­fer. Aus Empö­rung über das ver­schwie­ge­ne Leid deut­scher Lands­leu­te und aus Frust über die Patt­si­tua­ti­on der Mäch­te an der Zonen­gren­ze wur­de am 17. Okto­ber 1948 im über­füll­ten Tita­nia-Palast im ame­ri­ka­ni­schen Sek­tor Ste­glitz, in der ein­zi­gen erhal­te­nen Ver­samm­lungs­hal­le West-Ber­lins, die Grün­dung einer »Kampf­grup­pe gegen Unmensch­lich­keit« aus­ge­ru­fen. Ihr Mot­to klang wie ein dro­hen­der Appell: Nichts­tun ist Mord! (Eine Iro­nie der Geschich­te will es, daß 20 Jah­re spä­ter wie­der West­ber­li­ner Stu­den­ten eine Kon­fe­renz abhal­ten soll­ten, die­ses Mal den Inter­na­tio­na­len Viet­nam­kon­greß, bei wel­chem das glei­che Mot­to nun gegen die West­mäch­te, allen vor­an die in Ost­asi­en krieg­füh­ren­den USA, gewen­det wurde.)

In Rai­ner Hil­de­brandt und Ernst Til­lich gab sich die Kampf­grup­pe eine Dop­pel­spit­ze, die sich in ope­ra­ti­ven Fra­gen bald uneins war. Der Haupt­in­itia­tor Rai­ner Hil­de­brandt (in den ers­ten Doku­men­ten des MfS ist von der »Hil­de­brandt-Grup­pe« die Rede) ent­stamm­te dem Bil­dungs­bür­ger­tum, war cha­ris­ma­tisch, elo­quent und fein­sin­nig. Er sah Gan­dhis Kam­pa­gnen für ein unab­hän­gi­ges Indi­en als Vor­bild für den deut­schen Weg an und woll­te die KgU ent­spre­chend auf­stel­len. Ernst Til­lich war Theo­lo­ge (wie sein berühm­ter Onkel Paul Til­lich) und ver­stand sich als reli­giö­ser Sozia­list. Er hat­te der Beken­nen­den Kir­che nahe­ge­stan­den und lehn­te Hil­de­brandts Stra­te­gie für Deutsch­land als irre­füh­rend ab. Til­lich war in vie­lem akti­vis­ti­scher und mili­tan­ter als sein Mit-Vor­sit­zen­der, gera­de­zu exal­tiert, aber wie die­ser den Anfor­de­run­gen nicht gewach­sen, die die Lei­tung einer sol­chen Grup­pie­rung in die­ser Situa­ti­on mit sich brach­te. Bei­de waren sie in der NS-Zeit Ver­fol­gung aus­ge­setzt gewe­sen, was dem MfS den pro­pa­gan­dis­ti­schen Angriff auf ihre Per­son spä­ter erschwe­ren, wenn auch nicht ver­un­mög­li­chen sollte.

Der Kon­takt zu den frei­ge­las­se­nen Insas­sen der Straf­la­ger hat­te das ers­te Tätig­keits­feld eröff­net, auf dem die Grup­pe in der Fol­ge­zeit Gro­ßes leis­ten soll­te. Die KgU nahm sich mit beson­de­rem Enga­ge­ment der Opfer an, befrag­te Flücht­lin­ge, Deser­teu­re und ver­such­te prak­ti­sche Unter­stüt­zung, etwa bei der Suche nach Ver­wand­ten, nach einer Unter­kunft oder in der Bereit­stel­lung von medi­zi­ni­scher Behand­lung, anzu­bie­ten. Sie sam­mel­te die Namen von Ver­schlepp­ten und Frei­ge­las­se­nen, leg­te eine umfang­rei­che Kar­tei an, die bei ihrer Auf­lö­sung etwa eine Mil­li­on Ver­zeich­nis­se ent­hielt und dem Roten Kreuz über­ge­ben wurde.

Par­al­lel zu die­ser sozi­al-kari­ta­ti­ven Arbeit woll­ten die Mit­ar­bei­ter der KgU die west­deut­sche Öffent­lich­keit über die Lage jen­seits der Zonen­gren­ze auf­klä­ren. So fan­den bei­spiels­wei­se Unter­re­dun­gen zwi­schen Til­lich und Ber­lins Ober­bür­ger­meis­ter Ernst Reu­ter statt, in denen letz­te­rer vehe­ment vor unüber­leg­tem Akti­vis­mus warn­te. Zu ihrem vier­jäh­ri­gen Bestehen ent­sand­te Kon­rad Ade­nau­er der KgU sogar ein Gruß­te­le­gramm. Gleich­wohl ver­such­te die ers­te west­deut­sche Regie­rung die Grup­pe immer wie­der unter ihre Kon­trol­le zu bekom­men. Es wur­de ihr jede Ein­mi­schung in die Innen­po­li­tik untersagt.

Mit den ers­ten Flug­blät­tern, Zeit­schrif­ten­aus­ga­ben (Taran­tel) und Vor­trags­ver­an­stal­tun­gen wuchs auch die Auf­merk­sam­keit der öst­li­chen Dienst­stel­len. Sie nahm zu, als pro­vo­ka­ti­ve Aktio­nen das Reper­toire der KgU erwei­ter­ten, wie etwa ein Kranz aus Sta­chel­draht zu Sta­lins Geburts­tag an die Adres­se der SED. Ein beson­de­res Echo lös­te ihr offe­ner Brief an Tho­mas Mann aus, in dem Mann auf­ge­for­dert wur­de, auf sei­ner Deutsch­land­rei­se 1949 nicht den kom­mu­nis­ti­schen Ost­teil durch einen Besuch aufzuwerten.

Auch west­li­che Geheim­diens­te waren auf die selt­sa­me Trup­pe auf­merk­sam gewor­den und such­ten Kon­takt. Daß die KgU eine öffent­lich zugäng­li­che Anlaufadres­se in Ber­lin-Niko­las­see besaß (das ers­te Büro hat­te sich in Hil­de­brandts Pri­vat­woh­nung befun­den), zeug­te nicht nur von der ihr immer wie­der vor­ge­wor­fe­nen Nai­vi­tät, son­dern vor allem davon, daß sich die KgU zwar als Wider­stands­be­we­gung ver­stand, jedoch nie als Unter­grund­or­ga­ni­sa­ti­on. Einer der letz­ten nam­haf­ten Zeit­zeu­gen und Mit­kämp­fer Ger­hard Finn, der 2013 einen ehren­den Nach­ruf im Tages­spie­gel erhielt und ein aus­ge­wo­ge­nes Werk zur KgU ver­faßt hat­te, sprach von »demons­tra­ti­vem Widerstand«.

Die Ver­stri­ckung in die nebu­lö­se Geheim­dienst-Welt gehört zu den bis heu­te unauf­ge­klär­ten Kapi­teln in der Geschich­te der Kampf­grup­pe. In der ten­den­ziö­sen His­to­rio­gra­phie, der die meis­ten der weni­gen Publi­ka­tio­nen zur KgU ent­sprin­gen, wird sie nicht sel­ten zu einem dubio­sen Netz­werk von »braun-gebrann­ten« Spio­nen und »wil­den« Nach­rich­ten­händ­lern der frü­hen Nach­kriegs­zeit degra­diert. Der immer wie­der­keh­ren­de Name des Bal­ten­deut­schen Hein­rich von zur Müh­len etwa, der im Krieg vor allem als Ver­bin­dungs­mann des Aus­wär­ti­gen Amtes bei diver­sen Stä­ben, dar­un­ter dem OKW, tätig gewe­sen war (die Wehr­macht kann­te er de fac­to nur aus Wehr­übun­gen), erweist sich jedoch als wenig ergie­big. Müh­len hat­te die KgU bereits 1951 ver­las­sen. Ein angeb­li­cher Insi­der-Brief aus sei­ner Feder an das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für gesamt­deut­sche Fra­gen wird von Jochen Staadt, der in sei­ner Sich­tung der KgU-Sekun­där­li­te­ra­tur viel Spreu vom Wei­zen trennt, als plum­pe Fäl­schung entlarvt.

Die Spur der west­li­chen Diens­te führt viel eher zum ame­ri­ka­ni­schen Rie­sen, der sich beson­ders ab dem Zeit­punkt der KgU zuwand­te, als er von ihr ers­te Infor­ma­tio­nen über die Ent­ste­hung einer kaser­nier­ten Volks­po­li­zei als Tar­nung für eine zukünf­ti­ge Armee erhielt. Geflüch­te­te hat­ten dies in den Sprech­zim­mern der Kampf­grup­pe berich­tet – und da kein »Beicht­ge­heim­nis« vor­lag, sah die Grup­pe es als ihre Pflicht an, deut­sche wie alli­ier­te offi­zi­el­le Stel­len davon in Kennt­nis zu set­zen. Der deutsch­stäm­mi­ge Hen­ry Hecks­her, stell­ver­tre­ten­der Lei­ter der Ber­li­ner Ope­ra­ti­ons­ba­sis der CIA, woll­te die KgU für sich nut­zen. Bald schon galt er als der drit­te Lei­ter der KgU – wenn nicht als ihr ers­ter. Es stellt sich die Fra­ge, inwie­weit die KgU unter ame­ri­ka­ni­schem Ein­fluß ihre Selb­stän­dig­keit ein­büß­te, vor allem, als ihre Aktio­nen ers­te Erfol­ge in der DDR erziel­ten, den Geg­ner emp­find­lich tra­fen und ris­kan­ter wur­den. Ob die immer wie­der kol­por­tier­te Geschich­te von der Ein­schleu­sung ehe­ma­li­ger oder akti­ver Beam­ter der Kri­mi­nal­po­li­zei in die KgU auf US-Betrei­ben zurück­ging, ist nicht mehr sicher auszumachen.

Geheim­dienst­krie­ge sind mit Absicht unüber­sicht­lich. Klar­heit soll nur der eige­ne Dienst erlan­gen, nie­mals der Geg­ner oder der Adres­sat von Ope­ra­tio­nen, auch nicht der Freund, geschwei­ge denn Drit­te. Die­se Welt, in der Zynis­mus, all­sei­ti­ges Miß­trau­en und Skru­pel­lo­sig­keit zur zwei­ten Natur wer­den, konn­te dem anfäng­li­chen Idea­lis­mus der Kampf­grup­pen-Mit­glie­der nicht zuträg­lich sein. Daß die KgU unter Anga­be der Klar­na­men, wenn auch unter dem Cover »Büro Dr. Hoff­mann«, bei Ämtern und Ver­si­che­run­gen fir­mier­te, quit­tier­ten die CIA-Pro­fis zwar mit Kopf­schüt­teln (unter dem alli­ier­ten Hoheits­recht war eine ande­re Form der Grün­dung nicht mög­lich), belie­ßen es jedoch dabei. Es trat ein, wovor Ernst Reu­ter gewarnt hat­te: Namen und Kon­tak­te der KgU wur­den von den Ame­ri­ka­nern genutzt, um im Osten Kund­schaf­ter zu gewin­nen, wel­che bei Ver­haf­tung durch die Sicher­heits­or­ga­ne der DDR immer nur als »KgU-Agen­ten« in Erschei­nung tre­ten wür­den. Vie­le wur­den so unwis­sent­lich zu Mit­ar­bei­tern des US-Geheim­diens­tes und damit zu »Kano­nen­fut­ter« im gehei­men Krieg der 1950er Jahre.

Auf der ande­ren Sei­te wur­den die Aktio­nen der KgU immer erfolg­rei­cher, so daß das MfS von einer gigan­ti­schen Unter­grund­or­ga­ni­sa­ti­on aus­ging. Berühmt wur­den die soge­nann­ten F‑Aktionen, an denen sich die ost­deut­sche Bevöl­ke­rung über­ra­schend rege betei­lig­te. Es soll­te an allen mög­li­chen Orten ein gro­ßes F auf­ge­malt wer­den, als Zei­chen für Frei­heit und /oder Feind­schaft dem Sys­tem gegen­über, so Ernst Til­lich. Tat­säch­lich hat­te die Volks­po­li­zei alle Hän­de voll zu tun, den Buch­sta­ben vie­ler­orts abzu­wa­schen oder durch die Buch­sta­ben D und J zu FDJ zu ergän­zen. Dane­ben schick­te die KgU gefälsch­te Brief­mar­ken in Umlauf, die den Prä­si­den­ten der DDR, Wil­helm Pieck, mit einer Schlin­ge um den Hals zeig­ten. In die­se Kate­go­rie gehö­ren auch die selbst­er­stell­ten Steck­brie­fe, die beson­ders üble Scher­gen öffent­lich anpran­ger­ten. Gefähr­li­cher für das Regime waren die paß­ge­nau­en Fäl­schun­gen amt­li­cher Schrei­ben der DDR, die von der KgU lan­ciert wur­den und eini­ges an Cha­os in Par­tei und Wirt­schaft anrich­te­ten. Hier wur­de eine beson­ders emp­find­li­che Stel­le getroffen.

Ger­hard Finn spricht in sei­nen Erin­ne­run­gen auch das heik­le Kapi­tel der Bewaff­nung an, das der KgU nicht nur in der DDR-Pro­pa­gan­da, son­dern auch in der heu­ti­gen, auf links gedreh­ten Geschichts­for­schung wie ein Stig­ma anhaf­tet. Tat­säch­lich wur­den soge­nann­te Rei­fen­tö­ter, das waren gebo­ge­ne Stahl­ha­ken, gegen sowje­ti­sche Mili­tär­fahr­zeu­ge ein­ge­setzt und »zumin­dest Expe­ri­men­te mit klei­nen Brand­sät­zen« (Finn) gemacht. Nicht in jede Pla­nung war die KgU-Füh­rung invol­viert, nicht alles fand ihre Bil­li­gung. Nicht ein ein­zi­ger ernst­zu­neh­men­der Anschlag wur­de von der KgU zeit ihres Bestehens ver­übt. Und längst nicht alle, die sich bei der KgU vor­stell­ten oder in ihrem Namen los­schlu­gen, stan­den unter ihrer Kon­trol­le. Sie war eben kei­ne Unter­grund­or­ga­ni­sa­ti­on mit straf­fer Hier­ar­chie und Befehls­ket­te. Ihre Mit­glie­der waren kei­ne litaui­schen Wald­brü­der, kei­ne ukrai­ni­schen oder rumä­ni­schen Par­ti­sa­nen. Die­se Tra­di­ti­on gab es in Deutsch­land nicht.

Gleich­wohl waren die Behör­den der DDR alar­miert. Der ers­te Minis­ter für Staats­si­cher­heit, Wil­helm Zais­ser (ein Geg­ner Ulb­richts), gab den Befehl zum Gegen­schlag. Dar­auf­hin wur­de unter dem Deck­na­men »Karo« alles über die KgU erfaßt, aus­ge­wer­tet und bei Eig­nung ins Feld geführt. Die ope­ra­ti­ve Auf­sicht hat­te der kom­men­de Mann im Sicher­heits­ap­pa­rat der DDR, der dama­li­ge Staats­se­kre­tär Erich Miel­ke. Eine ers­te Ver­haf­tungs­wel­le Ende 1951 (Affä­re Wal­ter) führ­te zu 200 Fest­nah­men und in der Fol­ge zu 40 Hin­rich­tun­gen. Aus der anfäng­li­chen »MfS-Psy­cho­se« (Finn) wur­de mit der Zeit ein küh­ler Wil­le zur Ver­nich­tung, der dem MfS über­dies einen gehö­ri­gen Pro­fes­sio­na­li­sie­rungs­schub ein­brach­te. Erst durch die Kam­pa­gnen gegen die KgU wur­de das MfS zu jener uner­bitt­li­chen Über­wa­chungs- und Zer­set­zungs­kra­ke, die ihren Ruf für die kom­men­den Jahr­zehn­te begründete.

Den Unru­he­herd, der sich schließ­lich zum Volks­auf­stand des 17. Juni 1953 ent­wi­ckeln soll­te, hat­te sie bei all dem glatt übersehen.

 

Goli­ath schlägt um sich

Der Volks­auf­stand des 17. Juni, der das Regime in sei­ner Wucht an den Rand des Zusam­men­bruchs brach­te, ging nicht unmit­tel­bar auf KgU-Ein­wir­kung zurück. Es war die Eli­te des Sozia­lis­mus, die Bau­ar­bei­ter der Sta­lin­al­lee und wei­te­rer Bau­stel­len, die in Streik­ko­mi­tees gegen die völ­lig jen­sei­ti­gen Norm­er­hö­hun­gen pro­tes­tier­ten sowie bald gegen das Zwangs­sys­tem als Gan­zes auf die Stra­ße gin­gen. Es war die­ser spon­ta­ne Auf­stand, der nur von sowje­ti­schen Pan­zern erstickt wer­den konn­te, der das MfS end­gül­tig aufrüttelte.

Der neue Chef der Staats­si­cher­heit, Ernst Woll­we­ber, der den glück­lo­sen Zais­ser ablös­te, besann sich auf sei­ne Unter­grund-Aus­bil­dung an der Lenin-Schu­le in Mos­kau und schwor den Appa­rat gemäß eines Polit­bü­ro-Beschlus­ses vom Sep­tem­ber 1953 auf eine Offen­si­ve gegen West­deutsch­land ein. Zugleich sorg­te er mit der »Gna­den­lo­sig­keit des Par­tei­sol­da­ten« (Karl Wil­helm Fri­cke) für eine straf­fe Dis­zi­pli­nie­rung nach innen und brach­te Auf­klä­rung und Abwehr orga­ni­sa­to­risch unter einen Hut. In den fol­gen­den Kam­pa­gnen des MfS ging Repres­si­on mit aus­ge­klü­gel­ter Pro­pa­gan­da ein­her. Es begann eine Ära der Schau­pro­zes­se, an deren Ende stets lan­ge Haft­stra­fen und nicht weni­ge Todes­ur­tei­le stan­den. Letz­te­re waren in den »Dreh­bü­chern« für sol­che Pro­zes­se bereits vor Beginn fest­ge­schrie­ben. Je spek­ta­ku­lä­rer die Ankla­gen, etwa im Fall des Kraft­fah­rers Buri­anek oder des Leh­rers Ben­ko­witz, die eher am Ran­de mit der KgU zu tun hat­ten, die jedoch bei­de zu Top-Ter­ro­ris­ten hoch­ge­schrie­ben wur­den, des­to grö­ßer die Propaganda-Wirkung.

Nun räch­te sich die rela­ti­ve Sicht­bar­keit der KgU, da sich immer mehr V‑Leute der Staats­si­cher­heit unter die Rat­su­chen­den misch­ten, die in ihrem West­ber­li­ner Büro erschie­nen. Das Umfeld der Haupt­ak­teu­re wur­de auf­ge­klärt, das Intim­le­ben durch­leuch­tet, Adres­sen aus­fin­dig gemacht und Infil­tra­ti­on in die Grup­pe ver­sucht. Gleich­zei­tig wand­te sich das MfS ver­deckt an die west­deut­sche Pres­se mit der Absicht, die KgU in der bun­des­deut­schen Öffent­lich­keit zu ver­leum­den. Der »Sen­sa­ti­ons­cha­rak­ter« (Staadt) von Exklu­siv­zu­gän­gen zu ver­meint­li­chen Aus­stei­gern aus der »Ter­ror­grup­pe« KgU, die in Wahr­heit vom MfS prä­pa­riert wur­den, lock­te West-Jour­na­lis­ten des Spie­gel, des Stern u. a. in die Fal­len der Des­in­for­ma­ti­on. Auch auf arran­gier­ten Pres­se­kon­fe­ren­zen wur­den angeb­lich reui­ge Ex-Mit­glie­der der »ver­bre­che­ri­schen« KgU der Öffent­lich­keit vorgestellt.

Ein in der ein­schlä­gi­gen Lite­ra­tur immer wie­der her­vor­ge­ho­be­ner Fall ist der des angeb­lich aus der KgU aus­ge­schie­de­nen Hanfried Hiecke. Er ist der »Held« der MfS-Bro­schü­re Deck­na­me Wal­ter von 1953, in der die Bür­ger der DDR wort- und bild­reich vor der gemein­ge­fähr­li­chen, US-geführ­ten »Ter­ror­grup­pe« KgU gewarnt wer­den. Hiecke, der eigent­lich Johan­nes-Sieg­fried Hiecke hieß und unbe­hel­ligt in Ber­lin leb­te, soll aktiv zu der ers­ten gro­ßen Ver­haf­tungs­wel­le bei­getra­gen haben, die 40 Men­schen­le­ben kos­te­te. In der west­deut­schen Öffent­lich­keit ver­fing die Medi­enst­ra­te­gie des MfS. Hier hat­te die KgU bald mehr Geg­ner als im Osten, wo ihr Ruf trotz Dau­er-Pro­pa­gan­da nicht sehr gelit­ten hat­te. Bereits lan­ge zuvor äußer­ten man­che Pro­mi­nen­te, wie etwa der bekann­te Pas­tor Mar­tin Niem­öl­ler, ver­nich­ten­de Kri­tik gegen­über der KgU. Ihre Art, Wider­stand zu leis­ten, wur­de von Niem­öl­ler als ver­bre­che­risch hin­ge­stellt, da durch ihre dilet­tan­ti­schen Aktio­nen vie­le unschul­di­ge Men­schen ums Leben gekom­men sei­en. Im Gegen­zug warf die KgU der eins­ti­gen Gali­ons­fi­gur der Beken­nen­den Kir­che heim­li­che Sym­pa­thien für den Kom­mu­nis­mus oder zumin­dest nai­ve Unter­schät­zung sei­ner Gefähr­lich­keit vor. Klaus Röhls und Ulri­ke Mein­hoffs Zeit­schrift kon­kret wid­me­te der KgU noch 1969 eine Ohrfeige.

Intern zer­strit­ten, von außen ver­leum­det und schließ­lich von allen Sei­ten fal­len­ge­las­sen, wur­de die KgU 1959 auf­ge­löst und ver­schwand aus dem Gedächtnis.

 

Lang lebt der Feind! Feind­bil­der und Feindberührung 

Die Kampf­grup­pe gegen Unmensch­lich­keit gehört zu den Legen­den des Kal­ten Krie­ges. Doch anders als die geheim­nis­um­wit­ter­ten Stay-behind-Netz­wer­ke ist die KgU bes­ser doku­men­tiert. Mit ihr ver­bin­den sich Gesich­ter, Namen und Schick­sa­le. In der bun­des­deut­schen Gesell­schaft kaum bekannt, erwacht die KgU in Fach­krei­sen immer wie­der zu einem unru­hi­gen Nach­le­ben, vor allem, was ihre ideo­lo­gi­sche Ein­ord­nung betrifft.

Jüngs­ter Stein des Ansto­ßes war das in der Kon­sens-Pres­se als neu­es Stan­dard­werk (Rezen­si­on in der Süd­deut­schen Zei­tung 2015) geprie­se­ne Buch von Enri­co Heit­zer, der eine kaum ver­hoh­le­ne Nähe zur Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung erken­nen läßt und die KgU als mäch­ti­ge, halb­staat­li­che Grup­pe von ehe­ma­li­gen NS-Sym­pa­thi­san­ten bewer­tet. Sein Anti­po­de auf die­sem Gebiet, der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Jochen Staadt, weist in einer mehr­tei­li­gen Erwi­de­rung auf Heit­zer des­sen hand­werk­li­che Feh­ler nach und sieht Heit­zers For­schungs­bei­trä­ge rund um die KgU als Ver­such an, sie »in die Nazi-Ton­ne zu tre­ten« (Staadt). Der Wahr­heit näher gelangt man wohl eher mit Staadts Fest­stel­lung: »Die brau­nen Wur­zeln lagen wohl kaum tie­fer als in der übri­gen Gesellschaft«.

Die Kampf­grup­pe gegen Unmensch­lich­keit griff die DDR direkt an. Sie setz­te auf Akti­ons­for­men, die nach ihr die 68er in ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung ver­voll­komm­nen soll­ten. Dabei geriet sie zwi­schen gro­ße und klei­ne Mahlstei­ne und muß­te ihren Mut zur Dreis­tig­keit teu­er bezah­len. In ihrem Selbst­ver­ständ­nis als Kampf­grup­pe brach­te die KgU unmiß­ver­ständ­lich zum Aus­druck, daß sie sich als im Krieg befind­lich betrach­te­te. Trotz ihrer meta­po­li­ti­schen und ope­ra­ti­ven Fahr­läs­sig­keit wuß­te sie, wie sehr der Mar­xis­mus auf Bewußt­s­eins­bil­dung setz­te und daß er dort ange­grif­fen wer­den muß­te. Ihr Wider­stand soll­te wach­rüt­teln. Gleich­zei­tig erwies sich das sozia­lis­ti­sche Sys­tem als tota­li­tä­rer Büro­kra­tis­mus, der sei­ne Gesell­schaft lücken­los zu erfas­sen begann und der kaum noch »wei­ße Fle­cken« als Basis für Gegen­ak­tio­nen übri­gließ. In den Schli­chen des Unter­grunds ver­siert, mach­te die­ses Sys­tem die Schwach­stel­len sei­ner Geg­ner aus und dreh­te den Spieß kur­zer­hand um. Die KgU ver­lor ihr Hin­ter­land. Mit dem Bau der Mau­er ver­schwand der Wes­ten voll­ends als Rück­zugs- und »Auf­marsch­ge­biet«.

Konn­te ein Wider­stand nach Art der KgU über­haupt noch glü­cken, könn­te er es heu­te, unter ver­än­der­ten Bedin­gun­gen und gegen einen »smar­ten Feind«? Abge­se­hen davon, daß ech­ter, beherz­ter Wider­stand sich nie nur nach Erfolgs­aus­sich­ten rich­tet, gilt: Jedes Zeit­al­ter hat sei­ne Art des Krie­ges, sei­ne Fein­de und fin­det sei­ne Sol­da­ten. Die Lücken­lo­sig­keit staat­li­cher Ein­kes­se­lung hat dank der digi­ta­len Welt­re­vo­lu­ti­on Aus­ma­ße erreicht, die jeden Ansatz zu frus­trie­ren schei­nen. Ähn­lich nie­der­schmet­tern­de Aus­ma­ße hat der Grad an west­eu­ro­päi­scher Über­al­te­rung erreicht, die jeden vor­ge­tra­ge­nen Angriff zu einem sozi­al iso­lier­ten Hasar­deur­stück wer­den läßt. So wenig plan­bar Geschich­te ist, so plan­voll muß aber das Uner­war­te­te ein­be­rech­net wer­den. Die KgU hat­te den Auf­stand des 17. Juni nicht vor­her­ge­se­hen und den­noch auf ihn hin­ge­ar­bei­tet, ohne sich des­sen bewußt zu sein. Sie band Kräf­te und Auf­merk­sam­keit der Sicher­heits­be­hör­den und gab eine Lücke frei. Es räch­te sich, daß der im Unter­grund groß gewor­de­ne Sozia­lis­mus sich nie der Para­noia ent­le­di­gen konn­te, die ein fort­wäh­ren­des Leben im Unter­grund der Psy­che antut. Der Tun­nel­blick war der Hori­zont des Systems.

In unse­rer Lebens­welt scheint sich eine post­mo­der­ne Eli­te unter Ein­be­zie­hung von Ver­satz­stü­cken der 68er mit Repres­si­ons­for­men anzu­freun­den, die dem Sta­li­nis­mus nahe­kom­men. Die­se Lebens­welt ist aber eine Welt der Enkla­ven gewor­den, die sich alle­samt feind­lich gegen­über­ste­hen. Auch der Staat selbst ist zur Enkla­ve gewor­den, der trotz digi­ta­ler Herr­schafts­kon­trol­le mehr wei­ße Fle­cken übrig­läßt, als all­ge­mein ange­nom­men wird. In unse­rer Enkla­ve müß­te gel­ten, sich gleich­sam gene­ral­stabs­mä­ßig auf das vor­zu­be­rei­ten, auf das man sich nicht vor­be­rei­ten kann.

 Gastbeitrag

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