Ungarns politisches Minimum

von Márton Békés

PDF der Druckfassung aus Sezession 101/ April 2021

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Der tau­send­jäh­ri­ge Staat Ungarn hat nach jahr­hun­der­te­lan­gem Rin­gen 1989 / 90 sei­ne Unab­hän­gig­keit wie­der­erlangt – sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät hat er jedoch erst im vori­gen Jahr­zehnt zurück­ge­won­nen. Denn vom Jah­re 2010 an hat Ungarn nicht nur den – von post­kom­mu­nis­tisch-libe­ra­len Kräf­ten unter­bro­che­nen (2002 – 2010) und rück­gän­gig gemach­ten – Regime­wech­sel abge­schlos­sen, es hat auch die poli­ti­schen Grund­la­gen eines neu­en natio­na­len poli­ti­schen Ord­nungs­rah­mens gelegt. Das könn­te der Aus­gangs­punkt einer kon­ser­va­ti­ven Kul­tur epo­che sein, die nach der Bün­de­lung der hei­mi­schen natio­na­len, rech­ten Kräf­te – nach dem Mus­ter eines in den See gewor­fe­nen Steins – genü­gend Attrak­ti­vi­tät besä­ße, um wei­te­re Krei­se von Alli­an­zen zu bil­den. Am Ende die­ses Pro­zes­ses wäre die Ent­ste­hung eines mit­tel­eu­ro­päi­schen Natio­nal­blocks denk­bar, der die Staa­ten und Regio­nen des Kar­pa­ten­be­ckens, Mit­tel­eu­ro­pas und des sich dort­hin gra­vi­tie­ren­den West­bal­kans sowie Ost­deutsch­land und Nord­ita­li­en umfas­sen wür­de. Mit ande­ren Wor­ten: eine moder­ne, auf dem »Recht der jun­gen Völ­ker« (Arthur Moel­ler van den Bruck) basie­ren­de Allianz.

Die begrenz­te Sou­ve­rä­ni­tät des König­reichs Ungarn – sei­ne fast voll­stän­di­ge Zer­stö­rung, sei­ne Auf­tei­lung in drei Ter­ri­to­ri­en, sei­ne Ein­glie­de­rung ins osma­ni­sche bzw. öster­rei­chi­sche Reich, schließ­lich die indi­rekt aus­ge­üb­te Kon­trol­le durch Wien – währ­te ins­ge­samt drei­hun­dert Jah­re lang (1541 – 1848), wor­auf das fünf­zig­jäh­ri­ge Sys­tem der öster­rei­chisch-unga­ri­schen Dop­pel­mon­ar­chie (1867 – 1918) mit ihrer eige­nen, auf Kom­pro­mis­sen basie­ren­den Pra­xis der Sou­ve­rä­ni­täts­über­tra­gung folg­te.  Ungarn besaß ins­ge­samt nur wäh­rend eines Drit­tels des 20. Jahr­hun­derts sei­ne vol­le Sou­ve­rä­ni­tät: Von 1920 bis 1944 exis­tier­te die Unab­hän­gig­keit des Staa­tes, des­sen Ter­ri­to­ri­um aber durch den Raub­frie­den von Tria­non ver­stüm­melt wor­den war. Am Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges erlitt Ungarn eine natio­nal­so­zia­lis­ti­sche und sowje­ti­sche Dop­pel­be­set­zung; das Land blieb bis 1991 (!) von sowje­ti­schen Trup­pen besetzt.

Mit dem Macht­wech­sel von 1989 / 90 kam Ungarn end­lich in den Genuß der vol­len staat­li­chen Unab­hän­gig­keit, aller­dings wur­de die­ser erst 2010 ein Pro­gramm zur Ent­fal­tung der natio­na­len Unab­hän­gig­keit zur Sei­te gestellt. Im letz­ten Jahr­zehnt konn­te Ungarn trotz der Sou­ve­rä­ni­täts­de­le­gie­rung an die Euro­päi­sche Uni­on auf meh­re­ren Gebie­ten Erfol­ge erzie­len. In der Orbán-Deka­de (2010 – 2020) wur­de im Ver­gleich zur vor­he­ri­gen links­li­be­ra­len Regie­rung fol­gen­des erreicht: Redu­zie­rung der Staats­ver­schul­dung (von 77 auf 65 Pro­zent), Stei­ge­rung der Beschäf­ti­gungs­quo­te (von knapp der Hälf­te auf nahe­zu zwei Drit­tel der Erwerbs­fä­hi­gen), Anstieg der Ehe­schlie­ßun­gen (um mehr als das Andert­halb­fa­che), Stei­ge­rung der Gebur­ten­ra­te (von 1,3 auf fast 1,5), Ver­dop­pe­lung des Min­dest­lohns, Zuwachs des Pro-Kopf-BIP um 130 Pro­zent. Dar­über hin­aus unter­nahm die Orbán-Regie­rung wich­ti­ge Schrit­te zur Stär­kung der Selbst­be­stim­mung, wie den Raus­wurf des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF), die Besteue­rung von Ban­ken, Medi­en­kon­zer­nen sowie von mul­ti­na­tio­na­len und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons-Unter­neh­men, die Ein­füh­rung der dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft für außer­halb der Lan­des­gren­ze leben­de Ungarn, den Rück­kauf zuvor pri­va­ti­sier­ter Infra­struk­tur und schließ­lich die akti­ve Ent­wick­lung der Streitkräfte.

Die Orbán-Regie­rung hat 2010, 2014 und 2018 die Par­la­ments­wahl in Ungarn jeweils mit einer Zwei­drit­tel­mehr­heit gewon­nen, was die aus­rei­chen­de Legi­ti­ma­ti­on für eine sta­bi­le und prag­ma­ti­sche, gleich­wohl welt­an­schau­lich ori­en­tier­te Regie­rung sicher­te. Dazu gehö­ren 2011 das Inkraft­tre­ten einer neu­en Ver­fas­sung (bis dahin war das immer wie­der geflick­te Grund­ge­setz des sowje­ti­schen Typs von 1949 in Kraft), der Aus­bau der Grenz­si­che­rung 2015, um ille­ga­le Migran­ten auf­zu­hal­ten, die Revi­ta­li­sie­rung der Visegrád-Grup­pe und die Kon­fron­ta­ti­on mit den poli­ti­schen Angrif­fen aus Brüs­sel. Außer­dem wur­den die NGO-Netz­wer­ke und die Uni­ver­si­tät von Geor­ge Soros (Cen­tral Euro­pean Uni­ver­si­ty) gezwun­gen, die ein­hei­mi­schen Geset­ze einzuhalten.

Die Ver­fas­sung von Ungarn legt nun­mehr fest: »Wir erken­nen die Rol­le des Chris­ten­tums bei der Erhal­tung der Nati­on an«, und ver­kün­det, »daß der wich­tigs­te Rah­men unse­res Zusam­men­le­bens Fami­lie und Nati­on sind«, fer­ner, »daß die Arbeit die Grund­la­ge der gemein­schaft­li­chen Kraft und der Ehre des Men­schen ist« und »daß die Ehe ein Bünd­nis zwi­schen Mann und Frau ist; der Vater ist ein Mann, die Mut­ter eine Frau«.

Die seit 2010 ver­ant­wort­li­che Natio­nal­re­gie­rung fügt sich in drei lang­fris­ti­ge inter­na­tio­na­le Ent­wick­lungs­ten­den­zen ein, wel­che die jet­zi­ge Epo­che zu einem Ende führen:

 

1. Der Zer­falls­pro­zeß der neo­li­be­ra­len Glo­ba­li­sie­rung, der, von der Welt­wirt­schafts­kri­se 2008 aus­ge­hend, bis zur Coro­na-Pan­de­mie 2020 ste­tig offen­ba­rer wurde.

2. Die Wand­lung der (post-bipo­la­ren) Welt­ord­nung nach dem Kal­ten Krieg, die eine Neu­ver­tei­lung der inter­na­tio­na­len Kräf­te­ver­hält­nis­se mit sich brach­te (Bre­x­it, Prä­si­dent­schaft Trumps, populistische
Strö­mun­gen, Chi­nas Aufstieg).

3. Der Unter­gang des soge­nann­ten ame­ri­ka­ni­schen Jahr­hun­derts, des Ame­ri­can Cen­tu­ry (1917 bis 2017), wel­ches als Fol­ge des Ers­ten Welt­krie­ges ent­stan­den war.

 

Vie­le der euro­päi­schen poli­ti­schen Pro­zes­se der 2010er Jah­re las­sen sich auf die­sen Wan­del im Welt­sys­tem zurück­füh­ren. Die­ser poli­ti­sche »Epo­chen­wech­sel« (Rolf Peter Sie­fer­le) nimmt zuneh­mend die Dimen­sio­nen eines Krie­ges zwi­schen zwei geg­ne­ri­schen Kräf­ten an: Auf der einen Sei­te ste­hen die Ver­tre­ter der glo­ba­len alten Ord­nung, auf der ande­ren die Reprä­sen­tan­ten der neu­en natio­na­len Kräfte.

In den drei­ßig Jah­ren zwi­schen 1990 und 2020 kamen in der unga­ri­schen Innen­po­li­tik drei gro­ße Bruch­li­ni­en zur Gel­tung. Die Haupt­bruch­li­nie ent­stand in der Peri­ode ab 1990, nach den ers­ten frei­en Wah­len, bis zum Regie­rungs­wech­sel 1994. Sie ver­lief zwi­schen den Pro­fi­teu­ren des kom­mu­nis­ti­schen Regimes und den hete­ro­ge­nen anti­kom­mu­nis­ti­schen Kräf­ten (Zen­tris­ten, Klein­bau­ern­par­tei, Christ­de­mo­kra­ten, Libe­ra­le, Kon­ser­va­ti­ve, Völ­kisch-Natio­na­le). Nach­dem die Sozia­lis­ti­sche Par­tei und die Frei­en Demo­kra­ten 1994 eine Koali­ti­on gebil­det hat­ten, wur­de die­se Spal­tung zuneh­mend durch einen Kon­flikt zwi­schen der Lin­ken und der Rech­ten ersetzt. In Wirk­lich­keit bedeu­te­te die sozia­lis­ti­sche-frei­de­mo­kra­ti­sche Koali­ti­on eine Links­al­li­anz zwi­schen der post­kom­mu­nis­ti­schen poli­tisch-wirt­schaft­li­chen Eli­te und den libe­ral-kos­mo­po­li­ti­schen Intellektuellen.

Auf der ande­ren Sei­te erstark­te suk­zes­si­ve die von Vik­tor Orbán geführ­te Fidesz-Par­tei (Bund Jun­ger Demo­kra­ten), die sich aus einer anfäng­lich jungra­di­ka­len Par­tei zur natio­nal­li­be­ra­len (1993) und spä­ter (1996) zur bür­ger­li­chen Rechts­par­tei ent­wi­ckel­te. Von 1998 bis 2002 regier­te Fidesz gemein­sam mit der Klein­bau­ern­par­tei und den Christ­de­mo­kra­ten. 2002 kehr­ten die post­kom­mu­nis­ti­schen Sozi­al­li­be­ra­len zurück und wur­den schließ­lich 2010 von der Alli­anz aus Fidesz und der KDNP (Christ­lich-Demo­kra­ti­sche Volks­par­tei) abge­löst. Ab 2006 wur­de die ursprüng­lich natio­nal­ra­di­ka­le Par­tei Job­bik zuneh­mend stär­ker (Job­bik bedeu­tet auf unga­risch nicht nur »rechts«, son­dern auch »der Rich­ti­ge­re« oder »der Bessere«).

Im Jahr 2010 kam die Par­tei­al­li­anz aus Fidesz und KDNP an die Macht, die fast ein Jahr­zehnt die drei­tei­li­ge par­la­men­ta­ri­sche poli­ti­sche Ebe­ne domi­nier­te. Im Zen­trum stand die rechts­na­tio­na­le-natio­nal­kon­ser­va­ti­ve Regie­rungs­par­tei, links von ihr die klei­ne­ren links­li­be­ra­len und grü­nen Frak­tio­nen, und am Rechts­au­ßen­rand blieb Job­bik. Die­se kom­for­ta­ble Situa­ti­on hielt bis 2019 an. Doch bereits wäh­rend der Par­la­ments­wah­len 2018 näher­te sich Job­bik dem links­li­be­ral-grü­nen Pol an, und bei den Kom­mu­nal­wah­len 2019 unter­stütz­ten die­se Kräf­te gegen­sei­tig ihre jewei­li­gen Kan­di­da­ten. Zum Jah­res­wech­sel 2020 / 2021 for­mier­te die Oppo­si­ti­on eine neue Koali­ti­on, die aus sechs Par­tei­en besteht. Der Preis dafür war, daß Job­bik im Ver­lauf des letz­ten hal­ben Jahr­zehnts all­mäh­lich das natio­na­le Pro­gramm voll­stän­dig auf­gab und zur Klein­par­tei mutier­te – letzt­lich ent­puppt sich Job­bik als Hilfs­wil­li­ger der ver­ei­nig­ten Linken.

Seit 2019 herrscht in Ungarn also eine neue poli­ti­sche Situa­ti­on: Die Bruch­li­nie ver­läuft nun zwi­schen den natio­na­len und den inter­na­tio­na­len Kräf­ten. Auf der natio­na­len Sei­te fin­det man als Nach­fol­ger des anti­kom­mu­nis­ti­schen, rech­ten Pols die regie­ren­de Orbán-Par­tei; auf der inter­na­tio­na­len Sei­te sieht man ein Sam­mel­su­ri­um von ideo­lo­gisch hete­ro­ge­nen Par­tei­en, die, obschon sie ver­schie­de­ne Namen tra­gen, tat­säch­lich eine Art inter­na­tio­na­le Qua­si-Ein­heits­par­tei bil­den. Ihre Mit­glie­der unter­schei­den sich inso­fern, als sie ver­schie­de­nen Kapi­tal­frak­tio­nen zuge­hö­ren. In die­ser Regen­bo­gen­ko­ali­ti­on ver­tre­ten Alt­lin­ke den Inter­na­tio­na­lis­mus, Neu­lin­ke den Kos­mo­po­li­tis­mus, die (Neo)Liberalen sind Glo­ba­lis­ten, die Grü­nen und selbst Job­bik inter­es­sie­ren sich nicht für die natio­na­le Interessenvertretung.

Die gesell­schaft­li­che brei­te Unter­stüt­zung der natio­na­len Kräf­te gleicht einem natio­na­len »his­to­ri­schen Block« (Anto­nio Gram­sci). Unter ihnen fin­den sich Ver­tre­ter ver­schie­de­ner sozia­ler Schich­ten, Men­schen, die von rea­len Löh­nen und Gehäl­tern leben, Rent­ner und die­je­ni­gen, die auf dem Land, in den Klein­städ­ten und in den Wohn­sied­lun­gen leben. Wie in Euro­pa ist es auch in Ungarn typisch, daß die Groß­stadt­men­schen in den Metro­po­len, die urban-libe­ra­le Ober­schicht, sich mul­ti­kul­tu­rell orientieren.

Von 1945 bis 2010 herrsch­te in Ungarn eine »pro­gres­si­ve« Epo­che, deren ers­ten 45 Jah­re (1945 – 1989) aus einer direk­ten, sich auf Gewalt stüt­zen­den kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tur bestan­den. Die letz­ten zwan­zig Jah­re (1990 – 2010) waren hin­ge­gen ein post­kom­mu­nis­ti­sches Sys­tem, in dem die Rech­ten zwar die Macht zwei­mal ergrei­fen konn­ten, die Herr­schaft jedoch stets im Besitz der links­do­mi­nier­ten Kräf­te blieb.

In die­sen zwei Jahr­zehn­ten ging es nicht nur dar­um, daß die wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Eli­te ihre Schlüs­sel­po­si­tio­nen, die sie in der Dik­ta­tur gesi­chert hat­te, erfolg­reich hin­über­ret­te­te, son­dern auch, daß die libe­ra­le Intel­li­genz und die Medi­en­eli­te im weit­ge­fass­ten kul­tu­rel­len Bereich dank ihrer indi­rek­ten Macht das Mono­pol auf Deu­tung, Erklä­rung und Geschichts­er­zäh­lung in ihren Hän­den behiel­ten. Eben aus die­sem Grund erle­ben wir gegen­wär­tig auch in Ungarn einen har­ten Kul­tur­kampf zwi­schen den »indi­vi­dua­lis­tisch-uni­ver­sa­lis­ti­schen« und den »kol­lek­ti­vis­tisch-par­ti­ku­la­ris­ti­schen« Grund­ori­en­tie­run­gen (Lothar Fritze).

Eine der wich­tigs­ten Kom­po­nen­ten der kul­tu­rel­len Hege­mo­nie ist die »Herr­schaft durch Spra­che« (Hel­mut Schelsky), die in Ungarn bis vor kur­zem aus­schließ­lich im Besitz der neo­mar­xis­ti­schen Krei­se war, die sich wie­der­um Ende der 1960er Jah­re gebil­det hat­ten. Die zen­tra­le Figur war der aktiv mit der Dik­ta­tur zusam­men­ar­bei­ten­de Georg Lukács (1885 – 1971), des­sen Jün­ger mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert lang über die Zusam­men­set­zung der unga­ri­schen neu­en Lin­ken und der kri­ti­schen Intel­li­genz ent­schie­den. Sie sind die unga­ri­schen 68er, die in ihrem Den­ken enge Ver­wand­te der Frank­fur­ter Schu­le darstellen.

Trotz der »Wen­de« hat also die post­kom­mu­nis­tisch-libe­ra­le Alli­anz nach 1989 / 90 jeg­li­che Art von Kapi­tal unter Kon­trol­le gehal­ten: Wäh­rend das poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Kapi­tal von den ehe­ma­li­gen (?) Kom­mu­nis­ten kon­trol­liert wur­de, mach­te sich die libe­ra­le Intel­li­genz das »kul­tu­rel­le Kapi­tal« (Pierre Bour­dieu) zu eigen. Dar­über hin­aus arbei­te­ten sie eng mit jenen exter­nen Mäch­ten zusam­men (EU, IWF, USA), die Ungarn nicht nur mit Hil­fe der Pri­va­ti­sie­rung und einer neo­li­be­ra­len Schock­the­ra­pie, son­dern auch durch die macht­vol­le Zusam­men­ar­beit mit der links­li­be­ral ori­en­tier­ten »Komp­ra­do­ren­bour­geoi­sie« (Nicos Pou­lant­z­as) gleich­sam in einer Art neo­ko­lo­nia­ler Abhän­gig­keit hielten.

Die poli­ti­sche Wen­de von 2010 erfor­dert daher wei­ter­hin die Durch­set­zung einer kul­tu­rel­len Wen­de, die neben der gesell­schaft­li­chen Mehr­heit auch »die ideo­lo­gi­sche Mehr­heit« (Alain de Benoist) errin­gen kann. Aus die­sem Grund ist die meta­po­li­ti­sche Mobil­ma­chung die dring­lichs­te Auf­ga­be der unga­ri­schen Rech­ten, die im indi­rek­ten Kampf der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen ein brei­tes Waf­fen­ar­se­nal ein­set­zen muß, damit neben der poli­ti­schen auch die kul­tu­rel­le Macht in ihren Hän­den bleibe.

Wir leben nun in einer »Welt ohne Welt­ord­nung« (Mária Schmidt), in der die post­mo­der­ne Krieg­füh­rung cha­rak­te­ris­tisch gewor­den ist und in der es kei­ne kla­re Unter­schei­dung zwi­schen Krieg und Frie­den, Sol­da­ten und Zivi­lis­ten, Medi­en­be­richt­erstat­tun­gen und ech­ten bewaff­ne­ten Inter­ven­tio­nen gibt. Eine Metho­de ist die hybri­de Krieg­füh­rung, zu der die mit­tels Geheim­diens­ten ope­ra­tiv zustan­de gekom­me­nen bun­ten Revo­lu­tio­nen, das Erlan­gen der Infor­ma­ti­ons­ho­heit (Big Tech) und die Pra­xis des Exports wei­cher Demo­kra­tien durch den ame­ri­ka­ni­schen Staat gehören.

Die rechts­ge­rich­te­te Regie­rung, die seit zehn Jah­ren im Amt ist, ihre kraft­vol­le Selbst­be­haup­tung in Euro­pa, der hie­si­ge Man­gel an poli­ti­scher Kor­rekt­heit, die Migra­ti­ons­ab­wehr, die eth­nisch-reli­giö­se Homo­ge­ni­tät und der kul­tu­rel­le Kon­ser­va­tis­mus sind sämt­lich Grün­de dafür, daß Ungarn unter den euro­päi­schen Kon­ser­va­ti­ven oft als Vor­bild ange­se­hen wird. Ungarn ist in der Tat zu einem Modell gewor­den, das sich durch fol­gen­des aus­zeich­net: einen sou­ve­rä­nen Staat, natio­na­le Selbst­be­stim­mung, innen­po­li­ti­sche Sta­bi­li­tät, expan­die­ren­de Wirt­schaft und wach­sen­den Hand­lungs­spiel­raum in der Außenpolitik.

Ungarn braucht jedoch Part­ner, denn sei­ne Pro­ble­me sind euro­päi­sche Pro­ble­me, die Her­aus­for­de­run­gen, denen es gegen­über­steht, sind die aller euro­päi­schen Völ­ker. Die größ­ten euro­päi­schen Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Zeit sind das Erzwin­gen »offe­ner Gesell­schaf­ten«, die staat­li­chen und nicht­staat­li­chen ame­ri­ka­ni­schen – und sons­ti­gen nicht­eu­ro­päi­schen – Hege­mo­nie­be­stre­bun­gen, die Mas­sen­ein­wan­de­rung Frem­der nach Euro­pa, die Durch­set­zung glo­ba­ler Kapi­tal­in­ter­es­sen und die zu star­ke Wuche­rung der EU-Büro­kra­tie – sie alle bedro­hen die Wer­te und die Inter­es­sen der Ein­hei­mi­schen des Kontinents.

Vor uns ste­hen »Jah­re der Ent­schei­dung« (Oswald Speng­ler). In Ungarn gibt es ein Sprich­wort: Jeder Ungar ist für jeden Ungarn ver­ant­wort­lich. Las­sen Sie uns dies erwei­tern und sagen: Jede Nati­on ist für Euro­pa verantwortlich.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)