Sezession
1. Mai 2005

Dokumentation: Über den notwendigen Verfall

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession Sonderheft Spengler / Mai 2005

von Karl Vollgraff

Hans-Joachim Schoeps hat ihn unter die „Vorläufer Spenglers“ gerechnet und Karl (Carl) Vollgraff damit aus der großen Zahl derjenigen Denker herausgehoben, die eine Verfallstheorie der Geschichte entwickelt haben. Über die Biographie Vollgraffs ist nur wenig bekannt. Er wurde 1792 in Schmalkalden geboren, nahm am Kampf gegen Napoleon als Freiwilliger teil und studierte Philosophie, Geschichte und Rechtswissenschaften an verschiedenen Universitäten, habilitierte sich in Marburg a. d. L. und erhielt dort 1832 eine Professur „des Staatsrechts und der Politik“. Verschiedene Berufungen hatte er schon ausgeschlagen, weil sie ihn gezwungen hätten, das heimatliche Kurhessen zu verlassen, und er scheint sich ganz bewußt in einer kleinstaatlichen Idylle eingerichtet zu haben, in die die großen Ereignisse – von denen und von deren Gefährlichkeit er sehr wohl wußte – nicht drangen. 1863 starb er in Marburg a. d. L.

Das Werk Vollgraffs ist weitgehend unbeachtet geblieben. Lediglich eine Kampfschrift gegen die liberalen Ideen Die Täuschungen des Repräsentativsystems von 1832 fand so viel Aufmerksamkeit, daß sie von den aufgebrachten Marburger Burschenschaften auf dem Marktplatz der Stadt verbrannt wurde. Ein immerhin zweitausend Seiten umfassendes Frühwerk Die Systeme der praktischen Politik im Abendland (1829) wurde nie abgeschlossen, sein dreibändiges Hauptwerk, das zwischen 1851 und 1855 erschien und an dem er nach eigenem Bekunden fünfundzwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, wirkte schon auf die Zeitgenossen wie eine Spätgeburt des Vormärz und wurde veröffentlicht unter dem bizarren Titel
Erster Versuch einer wissenschaftlichen Begründung sowohl der allgemeinen Ethnologie durch die Anthropologie wie auch der Staats- und Rechtsphilosophie durch die Ethnologie oder Nationalität der Völker in drei Teilen. Der Versuch brachte es auf immerhin siebentausend Seiten, war aber ebenso ungefüg wie der Titel und praktisch unverkäuflich.
Erst bei einer Untersuchung der Abhängigkeit Jacob Burckhardts von bestimmten Ideen des Philosophen Ernst von Lasaulx ist Schoeps darauf gestoßen, daß dieser wiederum durch Gedanken Vollgraffs wesentlich beeinflußt worden war. Zu denen gehörte vor allem ein „Organismus“- Begriff im Sinne der Spätromantik, der es ermöglichte, den natürlichen Prozessen analoge Vorgänge in der Geschichte zu beobachten. Auf entsprechende Vorstellungen waren auch schon frühere Autoren gekommen, aber keiner hatte versucht, diese Idee so konsequent anzuwenden wie Vollgraff. Nach dessen Ansicht war die Menschheit insgesamt in einem seit 6000 Jahren andauernden Prozeß der Kultivierung begriffen und stand damit am Ende ihrer Entwicklungsmöglichkeiten; auch die erst neu hinzugetretenen Völker hatten längst den Höhepunkt überschritten und gingen in Verfall über. Vollgraff hat sich vor allem dieser Dekadenz mit großer Akribie und unbestechlichem Blick zugewandt und auf diese Weise viel vorweggenommen, was heute noch am Werk Spenglers fasziniert. Dieser hat Vollgraff aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gekannt, ist aber von ihm – vermittelt durch Lasaulx, Burckhardt und Nietzsche – beeinflußt worden.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.