Dokumentation: Über den notwendigen Verfall

pdf der Druckfassung aus Sezession Sonderheft Spengler / Mai 2005

von Karl Vollgraff

Hans-Joachim Schoeps hat ihn unter die „Vorläufer Spenglers“ gerechnet und Karl (Carl) Vollgraff damit aus der großen Zahl derjenigen Denker herausgehoben, die eine Verfallstheorie der Geschichte entwickelt haben. Über die Biographie Vollgraffs ist nur wenig bekannt. Er wurde 1792 in Schmalkalden geboren, nahm am Kampf gegen Napoleon als Freiwilliger teil und studierte Philosophie, Geschichte und Rechtswissenschaften an verschiedenen Universitäten, habilitierte sich in Marburg a. d. L. und erhielt dort 1832 eine Professur „des Staatsrechts und der Politik“. Verschiedene Berufungen hatte er schon ausgeschlagen, weil sie ihn gezwungen hätten, das heimatliche Kurhessen zu verlassen, und er scheint sich ganz bewußt in einer kleinstaatlichen Idylle eingerichtet zu haben, in die die großen Ereignisse – von denen und von deren Gefährlichkeit er sehr wohl wußte – nicht drangen. 1863 starb er in Marburg a. d. L.

 Gastbeitrag

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Das Werk Voll­graffs ist weit­ge­hend unbe­ach­tet geblie­ben. Ledig­lich eine Kampf­schrift gegen die libe­ra­len Ideen Die Täu­schun­gen des Reprä­sen­ta­tiv­sys­tems von 1832 fand so viel Auf­merk­sam­keit, daß sie von den auf­ge­brach­ten Mar­bur­ger Bur­schen­schaf­ten auf dem Markt­platz der Stadt ver­brannt wur­de. Ein immer­hin zwei­tau­send Sei­ten umfas­sen­des Früh­werk Die Sys­te­me der prak­ti­schen Poli­tik im Abend­land (1829) wur­de nie abge­schlos­sen, sein drei­bän­di­ges Haupt­werk, das zwi­schen 1851 und 1855 erschien und an dem er nach eige­nem Bekun­den fünf­und­zwan­zig Jah­re lang gear­bei­tet hat­te, wirk­te schon auf die Zeit­ge­nos­sen wie eine Spät­ge­burt des Vor­märz und wur­de ver­öf­fent­licht unter dem bizar­ren Titel Ers­ter Ver­such einer wis­sen­schaft­li­chen Begrün­dung sowohl der all­ge­mei­nen Eth­no­lo­gie durch die Anthro­po­lo­gie wie auch der Staats- und Rechts­phi­lo­so­phie durch die Eth­no­lo­gie oder Natio­na­li­tät der Völ­ker in drei Tei­len. Der Ver­such brach­te es auf immer­hin sie­ben­tau­send Sei­ten, war aber eben­so unge­füg wie der Titel und prak­tisch unverkäuflich.
Erst bei einer Unter­su­chung der Abhän­gig­keit Jacob Burck­hardts von bestimm­ten Ideen des Phi­lo­so­phen Ernst von Las­aulx ist Schoeps dar­auf gesto­ßen, daß die­ser wie­der­um durch Gedan­ken Voll­graffs wesent­lich beein­flußt wor­den war. Zu denen gehör­te vor allem ein „Orga­nis­mus“- Begriff im Sin­ne der Spät­ro­man­tik, der es ermög­lich­te, den natür­li­chen Pro­zes­sen ana­lo­ge Vor­gän­ge in der Geschich­te zu beob­ach­ten. Auf ent­spre­chen­de Vor­stel­lun­gen waren auch schon frü­he­re Autoren gekom­men, aber kei­ner hat­te ver­sucht, die­se Idee so kon­se­quent anzu­wen­den wie Voll­graff. Nach des­sen Ansicht war die Mensch­heit ins­ge­samt in einem seit 6000 Jah­ren andau­ern­den Pro­zeß der Kul­ti­vie­rung begrif­fen und stand damit am Ende ihrer Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten; auch die erst neu hin­zu­ge­tre­te­nen Völ­ker hat­ten längst den Höhe­punkt über­schrit­ten und gin­gen in Ver­fall über. Voll­graff hat sich vor allem die­ser Deka­denz mit gro­ßer Akri­bie und unbe­stech­li­chem Blick zuge­wandt und auf die­se Wei­se viel vor­weg­ge­nom­men, was heu­te noch am Werk Speng­lers fas­zi­niert. Die­ser hat Voll­graff aller Wahr­schein­lich­keit nach nicht gekannt, ist aber von ihm – ver­mit­telt durch Las­aulx, Burck­hardt und Nietz­sche – beein­flußt worden.

IV. Von dem mora­li­schen und sprach­li­chen Ver­fall und suc­ces­si­ven Abster­ben des gan­zen Men­schen-Reichs von oben nach unten und den Erschei­nun­gen oder der Art und Wei­se des Ein­trit­tes des­sel­ben im All­ge­mei­nen. §. 483. Gleich wie jedes ein­zel­ne Men­schen-Indi­vi­du­um sei­ne vier Lebens-Alter und Abschnit­te hat und, wenn die­se abge­lau­fen sind, das Grei­sen-Alter oder sein all­mä­li­ges Abster­ben unab­wend­bar ein­tritt, so ist dies auch mit den Fami­li­en und dann gan­zen Natio­nen der Fall. Auch sie haben ihr Kindes‑, Knaben‑, Jünglings‑, Man­nes- und Grei­sen- Alter und sind dem Abster­ben eben so natur­no­thwen­dig unter­wor­fen wie die Indi­vi­du­en, denn auch sie sind ja nichts anders als gros­se Natio­nal- Indi­vi­duena), nur mit dem wesent­li­chen Unter­schie­de, daß Natio­nen nicht auch psy­chisch wie die Indi­vi­du­en dahin ster­ben (es gesche­he denn durch Krieg, Hun­ger, Pest etc.), son­dern bei ihnen der Tod immer nur ein mora­li­scher und sprach­li­cher istb). Soll­te frei­lich einst unser Pla­net selbst zu Grun­de gehen oder sich so umge­stal­ten, daß weder Pflan­zen noch Tie­re fer­ner, dar­auf leben könn­ten, so müss­te auch das Men­schen-Reich mit ihm phy­sisch ver­nich­tet werden.
Sind nun aber, sonach gan­ze Natio­nen dem mora­li­schen und sprach­li­chen Ab- und Aus­ster­ben oder Tod­te unter­wor­fen, so ster­ben auch nothwen­dig mit ihnen gan­ze Ord­nun­gen, Clas­sen und Stu­fen auf die­se Wei­se aus und ab und ist dies der Fall, so folgt dar­aus unab­weis­lich, daß zuletzt auch das gan­ze Men­schen-Reich so ab- und aus­ster­ben müs­se und wer­de. Es han­delt sich daher hier, zum Beschluss, blos noch dar­um (1) die Erschei­nun­gen und Kri­te­ri­en die­ses Abster­bens im All­ge­mei­nen in Bezie­hung auf Cul­tur und Spra­che bemerk­lich zu machen und dann (2) anzu­ge­ben, wie weit her­ab bis jetzt das Men­schen-Reich wirk­lich schon abge­stor­ben oder mora­lisch todt ist. Bei­des jedoch blos noch ein­mal in Bezie­hung auf Cul­tur und Spra­che. Von den Kri­te­ri­en des Ver­fal­les hin­sicht­lich der Civi­li­sa­ti­on kann erst im nächs­ten und letz­ten Thei­le gere­det werden.

a) Jedes Volk trägt auch, wie jedes Indi­vi­du­um, in sei­ner Kind­heit schon alle Kei­me und Anla­gen für das in sich, wozu es die Natur bestimm­te, aber erst in sei­nem Jüng­lings- und Man­nes-Alter giebt es sich in sei­ner gan­zen Cha­rak­ter- und Geis­tes­ei­g­en­thüm­lich­keit kund, und legt dar­in die Roh­hei­ten ab, die ihm in sei­nem kin­di­schen und Kna­ben­al­ter noch ankleb­ten. Und dar­in besteht denn auch, wie schon oben gesagt, der rela­li­ve Per­fec­ti­bi­li­täts-Cur­sus eines jeden ein­zel­nen Vol­kes. „Jedes Volk muss aus sich selbst empor­wach­sen. In der Aus­bil­dung sei­ner Grund­ele­men­te liegt sei­ne Zukunft“. Wie­ner Jahrb. Bd. 59. A. B. S.39. Aber auch ein Volk als sol­ches kann man eben so wenig vor sei­nem end­li­chen Ver­fall schüt­zen, wie ver­hin­dern, daß es jähr­lich ein Jahr älter wird oder daß ein Mensch zuletzt ein Greis wird. Daher ist auch der Ver­fall der Völ­ker im All­ge­mei­nen nichts Ver­schul­de­tes, weil er etwas natur­no­thwen­di­ges ist, wohl aber kann er, wie das indi­vi­du­el­le Siech­t­hum, durch äus­se­re Umstän­de beschleu­nigt, vor­zei­tig her­bei­ge­führt und umge­kehrt durch stren­ge poli­tisch-diä­te­ti­sche Maass­re­geln eini­ge Zeit hin­aus­ge­hal­ten wer­den. „Auch bei einer und der­sel­ben Nati­on darf und kann nicht das Maxi­mum ihrer Muse ewig dau­ern, denn es ist nur ein Punct in der Linie der Zeit. Unab­läs­sig rückt die­ser wei­ter und von je meh­rern Umstän­den die schö­ne Wir­kung abhi­eng, des­to mehr ist sie dem Hin­gan­ge und der Ver­gäng­lich­keit unter­wor­fen. Eben bei dem reg­sams­ten Vol­ke geht es oft in der schnells­ten Abnah­me vom sie­den­den bis zum Gefrier­punct her­un­ter“. Her­der I. c. II. S. 243.

„Alles ist ver­gäng­lich und vor­über­ge­hend in der Geschich­te. Die Ursa­che die­ser Ver­gäng­lich­keit aller irdi­schen Din­ge liegt in ihrem Wesen, in dem gan­zen Gesetz, das unse­re Natur bil­det. Auch wir unter­lie­gen den Geset­zen des Kreis­lau­fes, die kei­ne ande­ren sind, als ein Ent­ste­hen, Seyn und Ver­schwin­den“. Der­sel­be daselbst S. 216.
„Alles was sein Höchs­tes erreicht hat, steht am Ende sei­ner Ent­wikke­lung“. Oken, Natur-Phi­lo­so­phie Nr. 1766.
Das Leben wickelt sich nun eben so wie­der ab, wie es sich auf­wikkel­te. Ist der Cul­mi­na­ti­ons­punct ein­mal erreicht, so geht unfehl­bar die Rück­kehr an.
„Der Macht­glanz, den ein Volk als die Mit­tags­hö­he sei­nes Glücks begrüss­te, ist gemei­nig­lich der letz­te Strahl sei­nes ster­ben­den Ruhms“. Mal­colm Geschich­te von Per­si­en. S. 149.
Die Etrus­ker wie­sen jeder Nati­on ein bestimm­tes Lebens­al­ter zu und bestimm­ten ihr eige­nes in zehn Saecula.
Die sybil­li­ni­schen Bücher spra­chen von einer apo­ka­ta­sta­sis, wonach eine bestimm­te Anzahl von Welt­al­tern immer zum Schlech­tern abstei­gend ein­an­der folg­te, jedoch so, daß nach Ablauf des letz­ten und schlech­tes­ten die Ord­nung wie­der von vor­ne begin­ne und Apol­lo die Herr­schaft wie­der übernehme.
Beson­ders wuss­ten dies auch die Bra­mi­nen , wie wir schon oben zeig­ten und fol­gen­de Stel­le aus Manu II. 2. beweisst : „Im ers­ten und zwei­ten Alter waren die Men­schen mit wah­rer Fröm­mig­keit und einem tie­fen Wis­sen begabt; auch im drit­ten Alter war dem noch so; aber im vier­ten ver­min­der­te der Schöp­fer ihre geis­ti­gen und mora­li­schen Kräfte“. …
„Jedes Volk hat­te ein Kin­des- und Jüng­lings­al­ter; dar­auf folg­te ein Zustand voll­ende­ter Aeus­se­rung sei­ner Kräf­te und die­ser ging end­lich in einen Zustand der Abnah­me über“. Schul­ze Psy­cho­lo­gie S. 571.
„Ce n’est pas le peu­p­le nais­sant qui dégé­nè­re; il ne se perd que lors­que les hom­mes faits sont déjà cor­rom­pus“. Mon­tes­quieu de l’esprit des lois IV, 5. „Die Gat­tun­gen neh­men ein Ende, also nimmt auch die Gat­tung Mensch ein Ende. Sie neh­men ein Ende, nach­dem sie die in ihrem Krei­se mög­li­chen Ent­wi­cke­lun­gen durch­lau­fen haben“. Charles Nodi­er. Der Recen­sent von Stuhrs all­ge­mei­ner Geschich­te der Reli­gi­ons­for­men sagt in der Hall. L. Ztg.1840. Nr.161: „Nach der Tra­di­ti­on ist die Geschich­te der Mensch­heit nicht sowohl ein Fort­schritt als viel­mehr ein fort­wäh­ren­der Rückschritt“.
Nur ein­zel­ne Völ­ker haben eine der Auf­zeich­nung wert­he Bio­gra­phie oder Spe­cial­ge­schich­te, die aber nichts ande­res zu erzäh­len hat, als was die­ses Volk war, wor­in sein con­cre­tes Lebens­ziel bestand und wie es das­sel­be erreicht hat, nicht in dem was es nach des Geschichts­schrei­bers indi­vi­du­el­ler Ansicht hät­te erstre­ben sol­len. Im Gan­zen genom­men tra­gen nur die Völ­ker der drit­ten und vier­ten Stu­fe ein Lebens­ziel, des­sen Erstre­bung einer geschicht­li­chen Dar­stel­lung werth ist. Wil­de und Noma­den haben daher noch kei­ne Geschich­te, die Erobe­rer-Noma­den höchs­tens aus­ge­nom­men. Jedes Geschichts­werk soll in vier Haupt­abt­hei­lun­gen oder in die vier Lebens­al­ter zer­fal­len, wenn es eine leben­di­ge Ueber­sicht geben soll. Das Grei­sen­al­ter bedarf kei­ner wei­te­ren Schilderung.
Nur sehr weni­ge Völ­ker, ja viel­leicht kei­nes, ver­mö­gen aber ihre wirk­li­che Geschichts­schrei­bung oder ihre Anna­len mit ihrem Kin­des­al­ter zu begin­nen. Es sind höchs­tens dunk­le Sagen und Erin­ne­run­gen, die ihnen davon geblie­ben sind, denn „so wenig ein Mensch die Anna­len sei­ner Geburt und sei­ner Kind­heit weiss, so wenig wis­sen es die Völ­ker“. Her­der 1. c. II, 267. Die Geschich­te eines jeden Vol­kes, das eine sol­che hat, soll im Cha­rak­ter und Style sei­nes con­cre­ten Natio­nal­ge­fühls auf­ge­fasst und geschrie­ben werden.

Die Jahr­zah­len in einem Geschichts­werk sind für den Schrei­ber und Leser nur die Hand­grif­fe und Hen­kel, um die Bege­ben­hei­ten fest­zu­hal­ten. b) Mit dem mora­li­schen Abster­ben der Völ­ker weicht Tugend, Wahr­heits­lie­be, Kunst­sinn, Reli­gio­si­tät und Spra­che, kurz das Gött­li­che und Huma­ne aus ihnen und es bleibt blos noch der psy­chi­sche Selbst­er­hal­tungs­trieb als Selbst­sucht und der Ver­stand übrig, dem eine immer schlech­ter wer­den­de Spra­che zur Sei­te geht: So wenig wie ein Indi­vi­du­um durch Spei­se und Trank gegen das Alter und den Tod geschützt ist, so wenig auch eine Nati­on dadurch, daß jähr­lich eben­so viel Kin­der gebo­ren wer­den, als Erwach­se­ne ster­ben. Die­se Kin­der ver­jün­gen eine Nati­on nicht um eben­so viel, wie sie durch die Abster­ben­den ver­liert, weil es sich hier nicht um den nume­ri­schen Fort­be­stand einer Nati­on, son­dern um den mora­li­schen han­delt. Der psy­chi­sche und mora­li­sche Ver­fall der Erwach­se­nen pflanzt sich nicht blos durch die Zeu­gung auf die Kin­der fort, son­dern auch und haupt­säch­lich durch das schlech­te Bei­spiel der Eltern oder die Erziehung. …
1) All­ge­mei­ne Kri­te­ri­en des natür­li­chen Grei­sen-Alters, Ver­fal­les oder Abster­bens der Natio­nen, inso­weit sie sich an der Cul­tur und Spra­che kund geben. §. 484.
Das Abster­ben oder Ver­fal­len der Natio­nen als sol­chen besteht also in nichts ande­rem, als in dem Sin­ken, Ver­fal­len und Ent­ar­ten des­sen, wodurch der Mensch eben aller­erst Mensch ist und über den Tie­ren steht, näm­lich in dem Ent­schwin­den, Sin­ken und Ver­fal­len der Huma­ni­täts-Gefüh­le und der Spra­che, als Fol­ge der erschlaf­fen­den psy­chi­schen Lebens- Ener­gie, wodurch sich der sitt­li­che Selbst­er­hal­tungs­trieb in unsitt­li­che Selbst­sucht umwan­delt, so daß sol­che geal­ter­te und ver­fal­le­ne Natio­nen nur noch durch die phy­sisch-psy­chi­sche Selbst­sucht der Ein­zel­nen fort­dau­ern, vege­ti­ren, alles mora­li­sche, phi­lo­so­phi­sche, schön­künst­le­ri­sche, reli­giö­se und sprach­li­che Auf­neh­mungs- und Pro­duc­tions-Ver­mö­gen aber erstor­ben ista), was denn auch, um es schon hier zu sagen und anzu­deu­ten, in poli­ti­scher Hin­sicht die Fol­ge hat, daß aller sitt­li­che Patrio­tis­mus aus den Ein­zel­nen ent­weicht und nur noch eine zucht­po­li­zei­li­che Regie­rung im Stan­de ist, die­se blos noch ego­is­ti­schen Aggre­ga­te zusam­men zu hal­ten und zu bän­di­gen; denn, gleich­wie der phy­si­sche Tod eines Indi­vi­dui nichts ande­res ist, als ein Auf­lö­sen und Zer­fal­len des seit­her psy­chisch beleb­ten Kör­pers in sei­ne Ur-Bestandt­hei­le, so besteht der mora­lisch-poli­ti­sche Tod eines Vol­kes oder der ein­zel­nen Staa­ten, die es seit­her bil­de­te auch in der Auf­lö­sung und dem Aus­ein­an­der­fal­len des bis­he­ri­gen geglie­der­ten mora­li­schen, sowohl eth­ni­schen wie bür­ger­li­chen und poli­ti­schen Orga­nis­mus­ses der­sel­ben in lau­ter ver­ein­zel­te ego­is­ti­sche Indi­vi­du­en, wo jeder nur noch sei­nem Pri­vat-Vor­thei­le nach­jagd, um die Erhal­tung des Gan­zen sich aber nicht mehr küm­mert. – Zwar ist es ent­setz­lich, aber den­noch wahr und durch die Geschich­te belegt, daß, wie es kein Mit­tel gegen den phy­si­schen Tod aus Alters-Schwä­che giebt, so auch kei­nes zur Wie­der-Ver­jün­gung und mora­lisch-poli­ti­schen Restau­ra­ti­on eines nun ein­mal und wirk­lich mora­lisch-poli­tisch abge­stor­be­nen Volkes.

a) Mit dem Ver­fal­le der Völ­ker ist es blos noch der Ver­stand, der das sitt­li­che Gefühl erset­zen soll; als Ratio­na­lis­mus tritt er an die Stel­le der Glau­bens­re­li­gi­on, als Kunst­cri­tik an die Stel­le künst­le­ri­scher Pro­duc­ti­vi­tät, als cri­ti­sche unpro­duc­ti­ve Phi­lo­so­phie an die Stei­le unmit­tel­bar erken­nen­der und anschau­en­der Phi­lo­so­phie und als blo­se Lebens­klug­heit an die Stel­le sitt­li­cher Hand­lungs­wei­se. Aber auch auf der ande­ren Sei­te fehlt fort­an die Kraft zum Bösen und das meis­te soge­nann­te Böse oder Schlech­te, was jetzt noch geschieht, ist blos ein Pro­duct des star­ren indi­vi­du­el­len Ego­is­mus, des Man­gels an allem Gemein­sinn. … Ueb­ri­gens gedenkt auch schon Pla­to die­ses Ver­fal­les der Völ­ker in sei­nem Buche vom Staa­te gele­gent­lich, wenn er sagt: „Auch die Völ­ker wür­den nach und nach so schlecht, daß sie durch kei­ne Erzie­hung mehr gebes­sert wer­den könn­ten“ und Goe­the sag­te: „Es ist immer ein Zei­chen einer unpro­duc­ti­ven Zeit, wenn sie so ins Klein­li­che des Tech­ni­schen geht und eben so ist es ein Zei­chen eines unpro­duc­ti­ven Indi­vi­du­ums, wenn es sich mit der­glei­chen befasst“. Bereits Theil I: §. 95. haben wir zu zei­gen ver­sucht, daß der soge­nann­te Sün­den­fall oder Abfall, näm­lich die Erkennt­niss des Guten und Bösen, und der Ver­fall nicht iden­tisch sey­en, son­dern zwei ver­schie­de­nen Lebens-Altern ange­hö­ren und bei­de kei­ne frei­en Wil­lens-Acte, son­dern unfreie Natur-Kri­sen im Men­schen­le­ben sey­en. Wir ver­ste­hen die tief­sin­ni­ge Bil­der­spra­che der Gene­sis über den soge­nann­ten Sün­den­fall nur mit­telst auf­merk­sa­men Stu­di­ums des Men­schen. Der reli­giö­se wah­re Glau­be ist eine Sache der Unschuld und mit ihr hört auch sei­ne All­macht auf (s. auch Mon­tes­quieu XXVI, 2).
So sag­ten wir auch schon, daß der Cha­rak­ter des Ver­fal­les eben in der Cha­rak­ter­lo­sig­keit bestehe, d. h. die natio­na­len Tugen­den ster­ben ab und müs­sen nun als Gebo­te gelehrt und gepre­digt wer­den, die Göt­ter schei­den von den Men­schen, weil die­se des Gefühls ihres Zusam­men­han­ges mit ihnen ver­lus­tig gehen und damit ist der Zwei­fel gegeben.
Zuletzt geniesst denn auch die Selbst­sucht nicht mehr, son­dern ver­schlingt blos noch, ohne des Genus­ses froh zu wer­den. Sie jagd ihm nach ohne ihn errei­chen zu kön­nen, sie ist sich selbst die Höl­le oder was die Moder­nen den Welt­schmerz nen­nen, der aber nichts Neu­es ist, wenigs­tens hat ihn schon Taci­tus gekannt und die Bra­mi­nen haben ihn schon vor Jahr­tau­sen­den empfunden.
Die­se Selbst­sucht, inso­weit sie blo­se Genuss­sucht ist, weiss sich daher auch ihre eige­ne Phi­lo­so­phie zurecht zu machen, die wir unter dem Namen des Epi­ku­ris­mus kennen.
Alles was Men­schen schaf­fen, ist, was es ist, durch die See­le und den Geist des Men­schen, einer­lei ob es sich um einen blü­hen­den Acker­bau oder einen blü­hen­den Credit handelt.

Sinkt der Mensch, in psy­chi­scher und mora­li­scher Hin­sicht, so sinkt auch alle und jede Pro­duc­tion, die der Kar­tof­feln so gut wie die der höhe­ren geis­ti­gen Kräf­te. Die Mate­rie ist für sich nichts, leb­los und todt und nur der Gebrauch, den der Mensch von ihr macht, giebt ihr einen Werth. Mit dem Ver­fal­le kann man, noch ein­mal sagen, ver­las­sen die Göt­ter (der gött­li­che Geist) die Men­schen und die Men­schen ihre Göt­ter, d. h. sie ver­lie­ren die Fähig­keit, den gött­li­chen Geist in sich auf­zu­neh­men. Mit dem Ver­lus­te des Glau­bens an ein Gött­li­ches geht aber auch jeder ande­re Glau­be gegen die Mit-Men­schen ver­lo­ren, ein all­ge­mei­nes Mistrau­en führt zu den wahn­sin­nigs­ten Vor­stel­lun­gen von Zufall, Schick­sal, faits accom­plis. Aller reli­gi­ös-mora­lisch-poli­ti­sche Zusam­men­hang und Halt lösst sich auf in ein­zel­ne Ato­me oder Indi­vi­du­en und dies ist das was wir die mora­lisch­po­li­ti­sche Fäul­niss oder den all­mä­li­gen Tod nen­nen, der sich sowohl in der Cul­tur wie in der Civi­li­sa­ti­on ausspricht.
Von nun an ist die­se Fäul­niss die mora­li­sche Quel­le aller Revo­lu­tio­nen und Empö­run­gen, gegen die eige­nen Regie­run­gen, der Unfä­hig­keit die­ser, sie zu bewäl­ti­gen, denn kei­ner traut mehr dem andern; genug, es wal­tet eine all­ge­mei­ne Gemüths-Krank­heit, die nur nicht ganz wie Wahn­sinn aus­sieht. Die ver­gif­te­te Phan­ta­sie ver­dorb­ner See­len erfin­det die tolls­ten Chi­mä­ren. Mit einem Wor­te, die Men­schen sind meta­phy­sisch krank nach allen vier Rich­tun­gen. Ein psy­chi­sches Fie­ber pei­nigt die Men­schen und erhält sie in einer fort­wäh­ren­den Auf­re­gung. Die­ser all­ge­mei­ne Wahn­sinn oder die­ses Fie­ber hat jedoch sei­ne peri­odi­schen Inter­val­le, sie ruhen eini­ge Zeit und bre­chen dann als eigent­li­che Revo­lu­tio­nen aus, bis zuletzt ein Krieg Aller gegen Alle ent­steht und mit dem Socia­lis­mus und Com­mu­nis­mus das Gan­ze sich selbst völ­lig zer­stört und auf­löst. Die Moral ist so tief gesun­ken, daß man sich der Lüge gar nicht mehr als sol­cher bewusst ist.

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