Wo war … Jack Ma?

PDF der Druckfassung aus Sezession 101/ April 2021

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Am 10. Okto­ber 2020 ver­stumm­te Jack Ma auf der Platt­form Twit­ter, 14 Tage spä­ter ver­schwand er ganz aus der Öffent­lich­keit. War­um ist eine sol­che ver­meint­li­che Peti­tes­se rele­vant? Bei Ma Yun, so heißt der chi­ne­si­sche Mul­ti­mil­li­ar­där eigent­lich, han­delt es sich nicht um irgend­ei­nen Twit­ter-Nut­zer. Er ist Grün­der von Ali­b­a­ba. Die­se glo­bal als umsatz­stärks­te Web­site für ­E‑Commerce gel­ten­de Platt­form begann 1999 als vir­tu­el­ler Begeg­nungs­ort für regio­na­le Unter­neh­mer; heu­te ver­mit­telt sie Waren und Dienst­leis­tun­gen aller Art und stellt eine Art »Ama­zon plus« dar. 72 Mil­li­ar­den US-Dol­lar Jah­res­um­satz und 180 000 Mit­ar­bei­ter ver­deut­li­chen den Stel­len­wert des Kon­zerns, der unter ande­rem auch im Finanz­sek­tor als ein Schlüs­sel­ak­teur der Volks­re­pu­blik Chi­na gilt. Als einer der drei dor­ti­gen BAT-Rie­sen (neben Ali­b­a­ba sind dies das Goog­le-Äqui­va­lent Bai­du und das mul­ti­ple sozia­le Netz­werk Ten­cent) ist Ali­b­a­ba markt­be­herr­schend. Was in der west­li­chen Welt für die GAFA-Kon­zer­ne – Goog­le, Apple, Face­book, Ama­zon – gül­tig ist, trifft auch auf die BAT-Qua­si­mo­no­po­lis­ten zu: Sie agie­ren nicht auf Märk­ten des Lan­des oder der Welt, sie sind die­se Märkte.

Doch der ent­schei­den­de Unter­schied – mit per­sön­li­chen Fol­gen für Jack Ma – liegt am Wesen der chi­ne­si­schen poli­ti­schen Öko­no­mie. Wäh­rend GAFA und ver­gleich­ba­re West-Kon­zer­ne ihren Staa­ten ins Trans­na­tio­na­le ent­flie­hen (kön­nen), ist dies in Chi­na unmög­lich. Dort ist das Pri­mat des Poli­ti­schen sakro­sankt, wes­we­gen der moder­ne Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus zwar geför­dert wird, um eine erkleck­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit für das gro­ße Gan­ze zu gewähr­leis­ten. Doch sind die Akteu­re des digi­ta­len Kom­ple­xes dar­an gebun­den, daß ihre Ent­wick­lung den natio­na­len Erfor­der­nis­sen ent­spre­chen muß. Auch Ali­b­a­ba ist trotz objek­ti­ver Markt­macht nur ein Bau­stein einer Wirt­schaft, die der Nati­on ver­pflich­tet ist und kol­lek­tiv koor­di­niert wird. Eben dies macht die imma­nen­te Wider­sprüch­lich­keit des chi­ne­si­schen »Markt­so­zia­lis­mus« respek­ti­ve »Staats­ka­pi­ta­lis­mus« aus: In der viel­ge­stal­ti­gen Misch­wirt­schaft kön­nen Akteu­re wie Jack Ma qua unter­neh­me­ri­scher Inno­va­ti­vi­tät zu Mul­ti­mil­li­ar­dä­ren wer­den (es gibt derer fast 900). Doch der Staat inter­ve­niert mit­tels sei­ner auto­ri­tär herr­schen­den Kraft, der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei (KP), sofern der Vor­rang natio­na­ler Inter­es­sen unter­mi­niert scheint.

Der ita­lie­ni­sche His­to­ri­ker Dome­ni­co Lo­surdo ver­wies dar­auf, daß die chi­ne­si­schen Kapi­ta­lis­ten poli­tisch, nicht aber öko­no­misch ent­eig­net wer­den, wodurch sie nicht in die Lage gelan­gen, wirt­schaft­li­che Potenz in poli­ti­sche Macht umzu­wan­deln. Staat und Par­tei geben Zie­le vor, legen Gewinn­be­tei­li­gun­gen für die Beleg­schaf­ten fest und dekre­tie­ren, wel­che Sum­men in For­schung und Ent­wick­lung rück­ge­führt wer­den: Stellt sich ein Akteur quer, wird er bestraft.

Jack Ma muß­te des­halb nach einer Rede im Okto­ber 2020 den Rück­zug ein­lei­ten. Füh­ren­de Kader vis-à-vis als »Alt­her­ren­klub« zu ver­spot­ten, denen man zei­ge, daß man die Ban­ken­ord­nung zu beein­flus­sen ver­ste­he, zeugt von Chuz­pe, aber auch von Fehl­ein­schät­zung: Haus­ar­rest und Ver­schie­bung des Bör­sen­gangs der Ali­b­a­ba-Finanz­ab­tei­lung Ant waren die Fol­ge. Und so ist Jack Ma kein Ein­zel­fall: Von den 3100 füh­ren­den Unter­neh­mern und Mil­li­ar­dä­ren Chi­nas ist ein Pro­zent einer polit­päd­ago­gi­schen Züch­ti­gung unter­zo­gen wor­den. Die wenigs­ten hat­ten danach mit Restrik­tio­nen zu rech­nen. Die­se Chan­ce auf Reha­bi­li­tie­rung hat auch Ma. Chi­nas KP ermög­licht ihm somit zwar ein Qua­si­mo­no­pol auf Online-Bezahl­diens­te oder B2B-Platt­for­men. Die Inter­pre­ta­ti­on von (poli­ti­schen) »Wahr­hei­ten« aber wird nicht dem Markt über­las­sen. Chi­nas Füh­rung weiß, daß nicht ein­ge­heg­te Big-Tech-Gigan­ten selbst Wahr­hei­ten pro­du­zie­ren wol­len. Dies ver­stößt gegen den Hege­mo­ni­al­an­spruch der KP.

Jack Ma, der offi­zi­ell seit 2018 nicht mehr Chef sei­nes Impe­ri­ums ist, wird sich fort­an wohl »Charity«-Projekten wid­men. Wenn die Zeit-Jour­na­lis­tin Ann-Kath­rin Nez­ik Jack Ma in die­sem Sin­ne als »eine Art chi­ne­si­scher Bill Gates« ankün­digt, läßt das für die Zukunft indes Miß­li­ches erwar­ten. Denn wenn Mas poli­ti­sches Sen­dungs­be­wußt­sein mit dem­je­ni­gen Gates’ kor­re­liert, könn­te Haus­ar­rest zur Gepflo­gen­heit werden.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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