Was will eigentlich … Max Otte?

PDF der Druckfassung aus Sezession 101/ April 2021

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Max Otte ist nicht mehr im Nah­be­reich der AfD aktiv. Am 7. Janu­ar twit­ter­te er: »Ich tre­te mit sofor­ti­ger Wir­kung vom Vor­sitz des Kura­to­ri­ums der Desi­de­ri­us-Eras­mus-Stif­tung (DES) zurück und aus dem Kura­to­ri­um aus. Statt sich mit den Zukunfts­fra­gen für unser Land zu beschäf­ti­gen, beschäf­tigt sich die AfD vor allem mit sich selbst.«

Nun ist letz­te­re Ver­hal­ten­sun­zu­läng­lich­keit kein Allein­stel­lungs­merk­mal. Auch die Links­par­tei ruft eine neu­er­li­che Kam­pa­gne gegen ihr TV-Gesicht Sah­ra Wagen­knecht aus, bei den Christ­de­mo­kra­ten geht es seit Mona­ten um die Rege­lung der Macht­kon­stel­la­ti­on »nach Mer­kel«, und die Sozi­al­de­mo­kra­ten krei­sen seit der Post-Schrö­der-Depres­si­on ohne­hin nur um sich selbst. Aber die AfD will eine Alter­na­ti­ve ver­kör­pern; es gel­ten stren­ge­re Maß­stä­be. Otte, ein an die preu­ßi­schen Sozi­al­kon­ser­va­ti­ven anknüp­fen­der Den­ker, setzt sei­ne Twit­ter-Kolum­ne mit der Anmer­kung fort, daß ihm auch »als Fonds­ma­na­ger die sozia­len Belan­ge sehr wich­tig sind«. Die aus sei­ner Sicht »rich­tung­wei­sen­den Ergeb­nis­se des Sozi­al­par­tei­ta­ges« wür­den durch Jörg Meu­then hintertrieben.

Tat­säch­lich schert sich die Zwei­drit­tel­mehr­heit im Bun­des­vor­stand kei­nen Deut um die Eck­pfei­ler, die im Novem­ber 2020 in Kal­kar ein­ge­zo­gen wur­den. Otte erkennt dem­ge­gen­über, daß Erfol­ge nur gedei­hen kön­nen, »wenn die AfD sozia­le Belan­ge und Bür­ger­be­we­gun­gen ernst nimmt«. Das Gegen­teil sei der Fall. Und so schluß­fol­gert Otte, daß sich die AfD mit »dem Pro­jekt FDP 2.0« schlech­ter­dings »in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit kata­pul­tie­ren« werde.

Man kann nun dar­über strei­ten, ob es wei­se war, die DES just dann zu ver­las­sen, wenn es um die Ver­fü­gungs­ge­walt über die För­der­töp­fe geht. Aber Otte wird sich bei sei­nem Absprung etwas gedacht haben. Da er sozia­le Fra­gen und Bür­ger­be­we­gun­gen als ele­men­ta­re Fel­der benennt und der AfD ein wenig zu pau­schal (gera­de er kennt das Thü­rin­ger Gegen­bei­spiel) unter­stellt, bei­des nicht ernst zu neh­men, wäre es nahe­lie­gend, daß er sich bür­ger­be­wegt dezi­diert sozia­len Poli­ti­ken ver­schrie­be. Doch Otte voll­endet sei­nen Twit­ter-Strang mit dem Hin­weis, sich fort­an stär­ker bei der Wer­te­Uni­on (WU) ein­zu­brin­gen, jener (noch) gedul­de­ten Minia­tur­platt­form inner­halb der Regie­rungs­par­tei­en CDU und CSU, die den Black­rock-Neo­li­be­ra­len Fried­rich Merz ver­göt­tert und mit markt­ra­di­ka­ler Rhe­to­rik selbst eine Bea­trix von Storch als Sozia­lis­tin erschei­nen läßt.

Par­tei­po­li­tisch Rol­le rück­wärts – dafür vor­po­li­tisch die Stär­kung des gegen­he­ge­mo­nia­len Lagers? Nein, statt des­sen: Rat­lo­sig­keit. Denn Ottes Pro­jekt »Neu­es Ham­ba­cher Fest« – sei­ne zwei­te ver­kün­de­te Schwer­punkt­le­gung neben der WU – ist kaum bekannt dafür, dem rechts­al­ter­na­ti­ven Feld Türen zu öff­nen. Zu den bis­he­ri­gen Red­nern zähl­ten mit Vera Lengs­feld (CDU) und Thi­lo Sar­ra­zin (SPD) Akteu­re, die bei allem Unbe­ha­gen am Main­stream recht ein­träg­lich von ihrer Teil­kri­tik an ihm leben kön­nen, oder sol­che, etwa Jörg Meu­then hims­elf, die ja expli­zit zu den Geg­nern einer bür­ger­be­wegt-sozia­len Alter­na­ti­ve zu rech­nen wären.

Wenn par­tei- und meta­po­li­tisch kei­ne Impul­se aus der Eifel her­an­ei­len, dann publi­zis­tisch? Dafür spricht, daß kürz­lich ein Büch­lein des Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Harald Weyel (Die Ver­damm­ten Euro­pas) mit einem Vor­wort von Max Otte und einem Nach­wort von Erik Leh­nert ange­kün­digt war: ein Zusam­men­rü­cken von renom­mier­ter Exper­ti­se, poli­tisch-prak­ti­schen Erfah­rungs­wer­ten und wis­sen­schaft­li­chem Vor­feld. Dage­gen spricht, daß der Name Leh­nert ver­schwin­den muß­te – dies­mal nach Inter­ven­ti­on Ottes. Gestri­chen wur­de Leh­nert ja schon 2020 von der DES-Lis­te. Ver­ant­wort­lich damals war Ottes nun­meh­ri­ge Stif­tungs- (und Twitter-)Gegnerin Eri­ka Steinbach.

Die­se Wie­der­ho­lung der Geschich­te als Far­ce legt nahe, daß »orga­ni­sche Intel­lek­tu­el­le« mit ent­spre­chen­dem Welt­an­schau­ungs­ho­ri­zont, die Pro­jek­te eige­ner Milieus ver­ste­hen und ver­stär­ken, nicht von außen kom­men wer­den. Sowohl Christ­de­mo­kra­ten ohne (Stein­bach) als auch mit (Otte) CDU-Par­tei­buch hel­fen nicht wei­ter beim Ver­such, das ver­häng­nis­vol­le »Pro­jekt FDP 2.0« (Max Otte dixit) zu ver­hin­dern. Was bleibt ist die Gewiß­heit, daß die authen­ti­sche poli­ti­sche Rech­te zwar Freun­de in der »Mit­te« benö­tigt, sich aber im Zwei­fels­fall nicht auf sie ver­las­sen sollte.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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