Wiedervorlage (5): Franz Fühmann zum 100.

Mein Text erschien 2009 zum 25. Todestag Fühmanns. Ihm ist nichts hinzuzufügen, nur ein Überblick zur Literatur vorab.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wer sich in Werk und Leben Füh­manns ver­tie­fen will, soll­te zu Gun­nar Deckers Bio­gra­phie von 2009 grei­fen (bei­spiels­wei­se hier). Unbe­dingt lesens­wert sind Füh­manns Annä­he­run­gen an Georg Tra­kl (Vor Feu­er­schlün­den) und – ech­ter Geheim­tip – sein Vor­trag Über Gott­fried Benn, als Text erfaßt nach einer Ton­band-Auf­nah­me, hier gedruckt erhält­lich.

Sämt­li­che Nach­er­zäh­lun­gen Füh­manns alter Stof­fe (ob anti­ke Mythen, Nibe­lun­gen oder Shake­speare) sind sprach­lich unver­gleich­lich schön, teils sind sie nur anti­qua­risch zu haben. Das gilt auch für etli­che lesens­wer­te Briefwechsel-Ausgaben.

Nun mei­ne Fühmann-Würdigung:

– – –

Da ist ein Dich­ter, der stets vorn dabei war: Kul­ture­li­te, unter wel­chem Ban­ner auch immer. Als jun­ger SA-Mann – ab 14 nennt er sich bekennt­nis­stolz »Faschist« – publi­ziert er in Goe­b­bels Das Reich, hält Vor­trä­ge über »das ethi­sche Leit­bild des Ger­ma­nen­tums«. Er ver­öf­fent­licht wei­ter in der DDR – als Sta­linan­hän­ger, 1a-Mar­xist und Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­ger zählt er zu den pro­te­gier­ten Kul­tur­schaf­fen­den. Sogar den Absprung schafft er bei­zei­ten. Mit­te der 70er beginnt er sich auch hier wider­stän­dig zu artikulieren.

Auf den ers­ten Blick: Da hat einer gelernt, oben zu schwim­men, wie das Fett­au­ge auf der Sup­pe. Nicht nur brav mit dem Strom, son­dern als Was­ser­fall, der das Rei­ßen nur antreibt. Doch der Augen­schein trügt. Mit Franz Füh­mann ist vor 25 Jah­ren, am 8. Juli 1984 einer unse­rer Gro­ßen gestor­ben. Ein Fana­ti­ker, sicher. Ein zeit sei­nes Lebens gequäl­ter, von Selbst­zwei­feln zer­ris­se­ner Ein­sa­mer. Kein Oppor­tu­nist, son­dern ein Rin­gen­der, suchend nach einem Dienst, in den er sein Leben stel­len wollte.

Füh­mann wur­de 1922 im böh­mi­schen Roch­litz gebo­ren. Jesui­ten­zög­ling, Wehr­machts­an­ge­hö­ri­ger, Umer­zie­hung in einem let­ti­schen Anti­fa-Lager. Hei­ner Mül­ler über den Schrift­stel­ler: »Füh­mann kam direkt aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft, noch schwit­zend vor Eifer, sich als neu­er Mensch zu bewäh­ren. Er war da umge­dreht wor­den wie in den Schau­pro­zes­sen, nach dem Prin­zip: aus­ein­an­der­neh­men, neu zusammensetzen…«

Sei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen wer­den ergänzt von einem immensen Nach­laß, der bis vor weni­gen Jah­ren mit einer Sperr­frist belegt war. Groß­ar­tig ist etwa Füh­manns 1981 gehal­te­ner Vor­trag über Gott­fried Benn, der in der DDR weit­ge­hend unbe­kannt blieb. Der Phi­lo­soph und Benn-Bio­graph Gun­nar Decker hat nun Füh­manns Leben, Werk und Nach­laß (inkl. Benn) in einem opu­len­ten und lobens­wer­ten Essay auf­ge­ar­bei­tet. (Gun­nar Decker: Franz Füh­mann. Kunst des Schei­terns. Eine Bio­gra­phie, Ros­tock: Hin­storff 2009) Auch wenn man in eini­gen Stel­len Hans Rich­ters Füh­mann-Bio­gra­phie (Ein deut­sches Dichter­le­ben, Ber­lin: Auf­bau 1992) vor­zie­hen mag – Deckers Hoff­nung auf eine gesamt­deut­sche Neu-Ent­de­ckung des DDR-Schrift­stel­lers möch­te man sich unbe­dingt anschließen.

Sicher: Vie­les, was Füh­mann zu Papier brach­te, lohnt die Lek­tü­re nicht. Er selbst äußer­te mal, er hät­te sei­ne Werk­bio­gra­phie gern 1973 mit der Ungarn-Erzäh­lung 22 Tage oder die Hälf­te des Lebens begin­nen las­sen. Die Lis­te des Emp­feh­lens­wer­ten ist den­noch lang. Ein Reich­tum an Spra­che und Gedan­ken! Etwa Der Sturz des Engels (1982), sei­ne Lek­tü­re-Erfah­rung mit Georg Tra­kl, in der DDR unter dem Titel Vor Feu­er­schlün­den erschie­nen – neben der Beschäf­ti­gung mit dem Mythos sein gro­ßes Lebens­the­ma. Oder der bei Reclam erschie­ne­ne Sam­mel­band Mar­s­yas. Mythos und Traum. Vie­le sei­ner Kin­der­bü­cher zäh­len dazu. Sei­ne für ein jugend­li­ches Publi­kum geschrie­be­nen Shake­speare-Mär­chen sowie Andro­klus und der Löwe gehö­ren in jeden Haus­halt, eben­so wie sei­ne vor­züg­li­che Prometheus-Nacherzählung.

Zu Kin­dern hat­te Füh­mann, Vater einer Toch­ter (und trotz geis­ti­ger und räum­li­cher Distanz »noto­risch treu­er Ehe­mann«), ein beson­de­res Ver­hält­nis, er pfleg­te Brief­freund­schaf­ten mit jun­gen Lesern.

Da haben wir sie wie­der, die Sehn­sucht nach einem Urgrund, nach Rein­heit; die Anzie­hung eines »nai­ven« Glau­bens. Dazu mag pas­sen, daß er sich gegen Ende sei­nes Lebens der Arbeit mit Behin­der­ten zuwand­te; zu einem Zeit­punkt, da die DDR-Obrig­keit ihn als »Geis­tes­schwa­chen« rubri­fi­zier­te. Da hat­te er bereits zahl­lo­se Jah­re an sei­ner unvoll­endet geblie­be­nen Mam­mut­pro­sa Berg­werk geses­sen. Der Berg­ar­bei­ter war zeit­le­bens Füh­manns Idol: schach­ten, immer tie­fer, ins immer Dunk­le­re, um end­lich – und doch nie – auf den Kern zu stoßen.

Man könn­te Füh­mann auch ent­lang sei­ner Krank­heits­ge­schich­te beschrei­ben: Da ist zum einen die Häu­tung. Füh­mann, über Jah­re Alko­ho­li­ker (spä­ter strik­ter Absti­nenz­ler und Roh­köst­ler) war zeit­wei­lig fett­süch­tig. Die Haut hing ihm spä­ter als Lap­pen vom Kör­per. Er ließ die hin­dern­de Last run­ter­schnei­den. Dann: Eine schwer­wie­gen­de Rücken­marks­er­kran­kung. Sein Rück­grat war zuletzt nur durch ein Stahl­kor­sett auf­recht zu hal­ten – was für ein Bild! Am Ende die­ses trau­ri­gen, groß­ar­ti­gen Man­nes hat­te der Darm­krebs sei­nen Kör­per von innen zerfressen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (24)

Der Gehenkte

15. Januar 2022 10:36

Ich habe übrigens die DDR-Ausgabe Trakl/Fühmann: "Der Wahrheit nachsinnen - Viel Schmerz" doppelt. Eine schöne Ausgabe, starke Texte. Wenn das jemand haben will, kann ich gerne zuschicken.

https://www.amazon.de/Wahrheit-nachsinnen-Schmerz-komplett-Dramenfragmente/dp/3763230688
Kositza: Ich würde mich sehr darüber freuen!

Maiordomus

15. Januar 2022 14:48

Habe vor etwa 30 Jahren Werke von Fühmann als Abiturlektüre empfohlen und auch als Gegenstand der Prüfung kommentieren lassen. 

Monika

15. Januar 2022 18:54

Auf Franz Fühmanns Grabstein in Märkisch-Buchholz in der Nähe „Ost-Berlins“ steht: 

Ich grüße alle jungen Kollegen, die sich als obersten Wert ihres Schreibens  die Wahrheit erwählt haben 

Kositza: Danke, wußte ich nicht bzw. hab ich wieder vergessen. Meine intensive Beschäftigung mit FF (ich hatte mal einen sehr langen Beitrag geschrieben) liegt schon paar Jahre zurück. Die Grabaufschrift sollte man aber angesichts seines Lebens, das definitiv voller krasser Verirrungen war, dennoch nicht zynisch lesen. Er hat erst spät zum Wert der Wahrheit gefunden.

ede

15. Januar 2022 19:43

Kleine Episode: Ich wollte ihn mal Ende der 70er zu einer Samisdat Lesung, irgendwie zum Thema "Was tun?", in den P'berg einladen.

Er wurde in der "Szene" verehrt und galt als widerständig. Telefon erschien wegen Stasi zu gefährlich. Deswegen habe ich die Einladung persönlich an seine Wohnadresse (Straußberger Platz 1?) gebracht, sozusagen vornehme Bonzenlage.

Er hat mir schriftlich abgesagt. Vermutlich hatte er false flag Verdacht. Muss den Brief mal suchen.

Maiordomus

16. Januar 2022 08:22

@ede. Fühmann repräsentierte Situation Kulturschaffender in der DDR, die vom Staat abhängig waren. Diesen Spätsommer waren an einem Literaturfestival in der Schweiz wenig bekannte Autoren aus neuen Bundesländern geladen,  Lyriker von gelinde gesagt mittlerer Genialität. Ich hörte Klagen, wie sich wegen rechtem Einfluss in Sachsen und Thüringen die soziale Situation der Kulturschaffenden im Vergleich zur DDR-Zeit verschlechtert habe. "Knechte uns, aber macht uns satt" (Dostojewskij) war mein Gedanke, als ich dies hörte. Aus Höflichkeitsgründen habe ich gegenüber den Gästen, für die sich auch aus Corona-Angst (älteres Publikum) fast niemand interessierte, Kritik für mich behalten. @ Dass Fühmann Konzessionen machen musste, war offensichtlich. Nationalpreis-Trägerin R. Schuder war indes wie ihr Mann, der den Stechschritt der NVA im Gegensatz zur Neutronenbombe in Salzburg 1983 als "nicht militaristisch" verteidigte, überzeugte Systemanhängerin bei möglicher Darstellung des intellektuellen Dilemmas über das Medium noch gut geschriebener historischer Romane. Als ich mit ihrem Stalinisten-Mann stritt, versuchte sie dämpfend einzuwirken. 

RMH

16. Januar 2022 11:29

Fühmanns "Nibelungen" findet sich noch heute auf einer offiziellen Lektüreempfehlungsliste für bayerische Gymnasien. 

In den Debattenteilen zu Shake-Speare hat ein Mitforist das Wort "Biographismus" verwendet. Bei den von Fühmann gestalteten Klassiker-Bearbeitungen, wie eben das Nibelungenlied oder Prometheus, Troja oder Odysseus (letztere 3 gab es vor etwa 10 oder mehr Jahren einmal in einer sehr schönen Neuausgabe im Hinstorff Verlag) kommt es auf so etwas überhaupt nicht mehr an, da die Stoffe und die dazu geschaffenen Texte Fühmanns überzeitlich sind. Und was will ein Künstler denn mehr erreichen, als eine Überzeitlichkeit?

Ich jedenfalls kannte Fühmann nicht, bis ich durch die Sezession auf ihn vor mittlerweile ja auch nicht ganz wenigen Jahren aufmerksam wurde. Seit Ausgabe 1 Abonnent dieser Zeitung und seit Eröffnung des Internetauftritts auch hier Leser zu sein, war in jedem Fall eine echte Bereicherung (ich kann es gar nicht mehr aufzählen, wie viele Bücher ich alleine wegen den Besprechungen in der Zeitschrift oder hier angeschafft, ausgeliehen etc. und gelesen habe), wofür ich an dieser Stelle einmal recht herzlich Danke und wie man in Süddeutschland sagt, Vergelt´s Gott, sagen möchte.

H. M. Richter

16. Januar 2022 12:01

@Maiordomus – „Dass Fühmann Konzessionen machen musste, war offensichtlich.“

Spätestens ab Ende der 60er Jahre dürfte Fühmann nahezu keinerlei Konzessionen mehr gemacht haben. Längst war er weitab von Berlin zu Hause, lebte und arbeitete in einem winzigen Häuschen im Wald bei Märkisch-Buchholz. Sein Werk entstand hauptsächlich in der Garage. Im Garten ein eingegrabener Schuh – „Mit dem war ich das letzte Mal in West-Berlin.“

Wirklich kein Vergleich zu Rosemarie Schuder, die in dieser Zeit Reden gegen den „Klassenfeind“* hielt und bis 1990 Mitglied des Hauptvorstandes der Ost-CDU war.

* Zur Erinnerung: "Rosemarie Schuder: Geschichte – Schlüssel zur Gegenwart. Diskussionsbeitrag auf dem VII. Schriftstellerkongreß der DDR. In: Sekretariat des Hauptvorstandes der CDU (Hrsg.): Auftrag und Verantwortung des Künstlers in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft. Bericht über die Tagung des Präsidiums des Hauptvorstandes der CDU mit Künstlern am 23. 11. 1973 in Burgscheidungen. [Berlin] 1974, S. 98 f.

Während sich Fühmann zu dieser Zeit für die jungen Schriftsteller einsetzte, die in der DDR aus Gründen der Zensur ungedruckt blieben ...

Maiordomus

16. Januar 2022 12:40

@Ritter. Danke für diese Präzisierungen. Natürlich muss man diesbezüglich noch Genaueres wissen über die Lebensumstände eines umstrittenen Autors. Im 3. Reich, wo ich über die Umstände besser im Bild bin, mussten indes selbst sehr mutige Autoren im Zusammenhang mit der Reichsschrifttumskammer Komzessionen machen. Eine gewisse Schutzfunktion hatte von wegen des Reichskonkordats von 1933 das Label "Mit kirchlicher Druckerlaubnis", das bei Nichtklerikern aber selten erteilt wurde. Auch im eigenen Land lebende Schweizer Autoren wie Meinrad Inglin, Joseph Maria Camenzind und der deswegen später massiv angegriffene Bauerndichter Alfred Huggenberger mussten einschlägige Konzessionen machen, wobei indes ihre Autorenhonorare für die letzten Kriegsjahre flöten gingen. In der DDR war indes, worüber ich sogar Verlagsdokumente habe, der Schweizer Walter M. Diggelmann bereit, einen Roman mit Erwähnung der ungarischen Revolution diesbezüglich zur "Konterrevolution" umzuschreiben, was einen absoluten Rekord an geistiger Korrumpierung darstellt. Demgegenüber hielt der flächendeckend mutige marxistische Philosoph Konrad Farner auch im Kontakt zur DDR seine Linie, lehnte sogar finanzielle Unterstützung zugunsten von Büchergutscheinen und Naturalleistungen für Aufenthalte ab. 

ede

16. Januar 2022 14:38

@Maiordomus u.a.,

Das Lebenshaltungsproblem der nicht staatstragenden Jung- und Altkünstler in der DDR war erstaunlich leicht zu lösen, weil die Grundbedürfnisse (Wohnen, Essen, ÖPNV) sehr billig waren (1-Raum um die 50 Mark, Fahrkarte 20 Pfennig bzw. schwarz). Man arbeitete stundenweise als Friedhofsgärtner oder Heizer bei der Wohnungsverwaltung für 300 Mark /Monat, das reichte. Hin und wieder wurde mal ein Gedicht, Druck oder selbstgenähtes an Freunde verkauft. Unterstützung von außen war selten. Christa Wolf unterstützte Papenfuss u.a.

Fühmann kannte ich nicht persönlich. Jedenfalls hatte er auch eine Stadtwohnung am Straußberger Pl. im linken (vom Alex aus) der beiden Wohntürme am Beginn der Stalinallee.

Heutzutage leben die einschlägigen von Hartz und oft Gastronomie, und sind im Regelfall nicht staatskritisch.

Gustav Grambauer

16. Januar 2022 15:40

"... angesichts seines Lebens, das definitiv voller krasser Verirrungen war ..." - E. K.

Nicht nur seines ... War als Kind zusammen mit Fühmanns vormaligem "zuständigem gesellschaftlichem Leiter" in den Winterferien in der Sächsischen Schweiz, etwa 1979 oder 1980. Ausgerechnet  d-e-r war für Fühmann (als Chefkultursekretär der Partei) der Zuständige, F. hatte allerdings früher in seiner eigenen Zeit als Kulturpolitiker sehr eng und gut mit Dallmann zusammengearbeitet gehabt. Einer wie Dallmann, wiewohl Langsam-Esser und damit regelmäßig stur ganze Bankette en suite bis zum jeweils nächsten Gang blockierend, ist auch in den Ferien immer ideologisch-zackig im Dienst: er hat nicht goutiert, daß ich eines von Fühmanns Kinderbüchern las und intervenierte zerknirscht bei meinen Eltern damit, daß er (offenbar im Auftrag Kurt Hagers o. ä.) höchstpersönlich immer noch bei dem längst aus der Partei ausgetretenen F. in Märkisch-Buchholz canossieren mußte aber immer auf Granit biß.

- G. G.

Pferdefuss

16. Januar 2022 16:15

Liebe Ellen Kositza, immer dann, wenn jemand wie Sie Person und Werk eines Autors so tiefschürfend zu verknüpfen vermag, ist es eine Freude; Pein ist nicht weit entfernt, kann eine Person dem Ideal seines Werkes selten entsprechen. 

Fühmann haben wir, die sich in der DDR nicht auf Linie bewegten, als einen von uns verstanden, der uns unausgesprochen nahesteht. Man könnte ihn auch ansatzweise zur  'innere Emigration' zählen. 

Wenn wir mit Biografien abrechnen, zählen zumeist nur Zeiten, in denen die Autoren lebten/wirkten. Dass der Kern der Wirkmächtigkeit nicht nur weiter, sondern tiefer zurückreicht, entfällt zumeist. Etwas Unzerstörbares. Zu entdecken bei Persönlichkeiten, die als 'umstritten' gelten. Hineingestellt in verschiedene Gesellschaftssysteme, haben sie, oberflächlich, gewirkt, subcutan aber ihren Kern, nicht selten unbewusst, bewahrt, ja gerettet.

So steht für mich der Bergmann Fühmann in Tradition des Romantikers und Bergbauingenieur Novalis und, metaphorisch, zum Untergrund, in die Tiefe gehen, Schätze heben, was Schwerstarbeit im Dienste der Gemeinschaft ist.  

Nicht nur für die DDR, gilt das, sondern hätte auch für das 12jährige Reich Gültigkeit. Fühmann: lebendiges Anschauungsobjekt.

Einem Bibliophilen biete ich gern die gut erhaltene Erstausgabe 'Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel' an      

Gustav Grambauer

16. Januar 2022 16:58

ede

"Deswegen habe ich die Einladung persönlich an seine Wohnadresse (Straußberger Platz 1?) gebracht, sozusagen vornehme Bonzenlage."

War bzw. ist Ihnen eigentlich klar, daß exakt am Strausberger Platz № 1 auch der hier gerade in Rede stehende Fühmann gewohnt hat?! Auch Bodo Uhse, F. C. und Grete Weiskopf (alias Alex Wedding) sowie Robert Havemann haben am Stausberger Platz gewohnt, allesamt in der gegenüberliegenden Nr. 19 über dem Kinderkaufhaus - so daß es Havemanns Sohn Florian nur ein paar Schritte bis zur Mocke hatte, dem Treffpunkt der Abweichler ebenjener Bonzenkinder (wie etwa die Diplomatentochter Tamara Danz im harten Kern vom Dunstkreis des Oktoberklub stammend, der nebenan im Kino International sein Domizil hatte) und zu dem z. B. auch die Brasch-Söhne hinzustießen. Auch Havemanns Freund Wolf Biermann hatte bis er in Ungnade fiel gleich nebenan gewohnt, hinter der Mocke in der Berolinastraße, würde mich wundern, wenn nicht in einer Dienstwohnung des Ministeriums für Kultur. In den 80ern konnte man in die Mocke nicht mehr reingehen, in Phase 2 war das Publikum - sehr - auffällig kreuzbrav und es wurde gemunkelt, alle Kellner seien Stasispitzel, in Phase 3 schleppten dann nur noch Sportrasierwassertürken Ostberliner Mädels ab.

- G. G.

Lotta Vorbeck

16. Januar 2022 18:55

@ede - 15. Januar 2022 - 07:43 PM

"Deswegen habe ich die Einladung persönlich an seine Wohnadresse (Straußberger Platz 1?) gebracht ..."

---

Ergänzend zum Gustav Grambauer bei Ihnen @ede nachgefragt:

+ Ist der Strausberger Platz nach einer im Märkischen liegenden Stadt benannt?

oder

+ Ist der Strausberger Platz nach einem flugunfähigen Laufvogel benannt?

 

Wenn Sie, @ede, 

"irgendwie zum Thema "Was tun?", in den P'berg einluden"

und

"deswegen die Einladung persönlich an [s]eine Wohnadresse (Straußberger Platz 1?) brachten",

tja, dann sollten sie schon wissen, worauf sich der Name jenes Platzes bezieht.

Maiordomus

16. Januar 2022 20:04

Nach allem, was ich hier im Gegensatz zu meinem "Wissen" vor 30 Jahren über Fühmann vernehme, selbst wenn manches sehr "perspektivisch" zu nehmen ist: Er war ein fürwahr nicht nur bedeutender, sondern echt mutiger Autor, Mann von Charakter, der seine Haltungen auf eine Weise gelebt hat, dass es viele von unsereinen bezüglich der heutigen Verhältnisse fast oder wirklich beschämen muss. Wie auch immer, im Vergleich zu damaliger DDR-Modeliteratur wie "Die neuen Leiden des jungen Werther", zu schweigen von der zwar noch erzähltechnisch gekonnten, aber herkömmlichen historischen Erzählkunst der Schuder und auch schwächeren Werken der Wolf, z.B. ihr Griechenlandtagebuch, war Fühmann ein fürwahr grosser Autor, wiewohl ich damals bei ihm noch weniger durchsah als es mir heute möglich gemacht wird. 

Maiordomus

16. Januar 2022 20:40

Der einzige bekannte DDR-Autor, den ich vor 40 Jahren intellektuell ohne Abstriche für voll nahm, war Günter de Bruyn, der nach Ablehnung des Nationalpreises um die Zeit der Wende und danach mit zumal westdeutschen Literaturpreisen nur so geduscht wurde, so mit dem Johann Heinrich- Merck-Preis, den um 20 Jahre vor de Bruyn diverse meiner Lehrer oder Kollegen schon erhalten hatten, meist jüngeren Jahrgangs als De Bruyn und unterhalb seines Formats.. Dass ich Fühmann neben Rosemarie Schuder genannt habe, liegt am mir damals bekannten Befund, dass er ebenfalls Nationalpreisträger gewesen war, was ohne ideologische Durchlässigkeit zum System wohl schwerlich möglich geworden wäre. Noch interessant, wie sich der unvergleichliche Ernst Jünger von Ehrungen im 3. Reich freihielt und sogar das Angebot zu Lesungen im Rundfunk ausschlug. Wer schon würde heute Einladungen vom Fernsehen ausschlagen, zumal, wer im Fernsehen nicht irgendwie stattfindet, nicht als bekannter Autor gelten kann? Vor 30 Jahren flog ich noch wegen 5 Minuten WDR von Zürich nach Köln...  (kopfschüttel)

ede

16. Januar 2022 20:47

Also, hier wirds jetzt kryptisch-lustig :)

Selbstverständlich war der Straußberger Platz nach dem Kopf in den Sand Vogel benannt.

Das die Mocka-Milch+Eis Bar Treffpunkt der aufmüpfigen Bonzenkinder war, wusste ich nicht, liegt aber nahe. Das der Junghavemann und Ziehsohn vom Althavemann im anderen Turm wohnte schon (aus dem eher unlesbaren autobiografischen Buch "Havemann" vom Florian H.).

Meine bevorzugten Kaffeehäuser waren I.Ü. das Wiener, die Tute und das in der Leipziger.

Wo wohnte Biermann? Zuletzt definitiv in der Chausseestraße 131.

 

 

Old Linkerhand

16. Januar 2022 21:26

Von Hoyerswerda  bis zum Strausberger Platz ist es ein weiter Weg. "Hoy Woy, dir sind wir treu, du blasse Blume auf Sand". Na jedenfalls gab es am Strausberger Platz unterhalb der Fühmannschen Wohnung dieses nette Reisebüro, da gab es die besten Reisen der ganzen DDR. Nach einer Nacht anstehen mit Schlafsack und Isomatte, bekamen wir mal eine tolle Reise in die Hohe Tatra / Tschechoslowakei. War echt schön. Die Mocke kannte ich auch ganz gut, war aber in den langweiligen 80er Jahren. Sehr mondän und versnobt der Laden. Die Mädels blassiert und aufgedonnert ohne Ende, so habe ich mir damals den Westen vorgestellt. Fühmann habe damals nicht gelesen. 

ede

17. Januar 2022 00:24

@Maiordomus, noch ein Gedanke zum sog. Nationalpreis der DDR

In erster Linie sicherlich Belohnung für beflissene Systemtreue und gewissermaßen eine Bonuszahlung (wenn auch mit heutigen Indendantenlöhnen beim TV quantitativ nicht ansatzweise vergleichbar).

Es gab aber auch Fälle, insbesondere bei herausragenden künstlerischen Renommee, bei denen man ein Auge zudrückte. Bei den in solchen Fällen auch genehmigten Reisen ins NSW (nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) hatte man lediglich zu unterlassen, die DDR als Scheissstaat zu bezeichnen.

Mein ehemaliger Meister & Freund war so einer. Er hat seinen Mitstreitern und Freunden sogar vom Preisgeld reichlich abgegeben. Ich fand die Annahme überhaupt nicht verwerflich, nicht wegen den paar Mark, sondern weil in einer Diktatur andere Gesetze gelten.

 

Kurativ

17. Januar 2022 02:40

Von Fühmann habe ich noch nie gehört. In Walter Jens Lexikon ist es schon einmal drin. Was ein gutes Zeichen ist. Eine Forschungsreise lohnt sich dann meist.

Maiordomus

17. Januar 2022 10:31

@ede/Grambauer, Richter et hoc genus omne. Sie beweisen hier eine perspektivische Hochkompetenz, mit der es ein Beobachter von aussen, blosser Leser und gelegentlicher DDR-Besucher, niemals aufnehmen kann. Erfreulich der Status des Unbeeinflusstseins sowohl von der mainstreamnahen Meinung der Guten wie auch der Bösen einschliesslich derjenigen, die in der DDR mal weitgehend an der Macht waren;  jedenfalls konnten sie die geistig Selbständigbleibenwollenden bös schikanieren. Noch interessant, hier den Namen Kurt Hager zu vernehmen, der sich meines Wissens stark für Jean Paul interessiert hat, diesen, was nicht gerade die unfruchtbarste Idee war, in Richtung eines DDR-Nationalpoeten aufbauen. Dagegen setzte indes Günther de Bruyn mit seiner grossartigen Jean-Paul-Biographie, die ich zu Beginn der 80-er Jahre las, auf seine Weise einen bedeutenden Kontrapunkt, aber Hauptsache: Jean Paul war wer in der DDR, natürlich auch Fontane. Mit solchen Autoren konnte man und kann man noch heute geistig überwintern. 

links ist wo der daumen rechts ist

17. Januar 2022 16:16

Berge

 

Was mich an DDR-Autoren wie Fühmann, Bräunig, Hilbig, Braun, Jirgl u.a.m. als Österreicher immer fasziniert hat, war zum einen die Gebrochenheit in den Persönlichkeitsstrukturen (bei den Älteren wie Fühmann mit ihren Verstrickungsmustern), zum anderen der obsessive Umgang mit dem Sprachmaterial unter der scheinbaren Generalmetapher des Umgrabens (Bergwerk, Tagebau); dazu gibt es einen kurzen genialen Text von Volker Braun: Bodenloser Satz. Hier gräbt sich die Erfahrung, daß durch den gigantischen Tagebau ganze Dörfer verschwanden, buchstäblich in die Sprache.

Komplementär dazu das Gebaren vieler österr. Schriftsteller der Generation von Thomas Bernhard bis Norbert Gstrein, Josef Winkler und Christoph Ransmayr, einem obsessiven Vergangenheitsdiskurs zugleich zu entgehen und sich in ihn zu verstricken. Auch hier werden Wortgebirge errichtet.

Für beide Ansätze grundlegend ist für mich die Analyse von Franz Borkenau zum Nibelungenlied: welche Schichten einer „Schuldarbeit“ können freigelegt werden.

Und das alles in Kontrast zum etwas selbstgefälligen Vergangenheitsdiskurs (Stichwort GraSS) in Westdeutschland…

Das wäre für mich als Spätberufenen meine Einstandsarbeit für den akademischen Betrieb gewesen.

Aber die gottverdammte Wiener Germanistik ist ja nur im Verhindern und Dampfplaudern groß.

Und ein paar dieser Schranzen stellen dann per Twitter die Frage, wer denn die größte österr. Schriftstellerin sei.

 

Gracchus

17. Januar 2022 23:12

Von Franz Fühmann noch keine Zeile gelesen. Ich lese mich gerade ostwärts, via Gedichten (geht schneller). Die Ex-DDR habe ich vielleicht zu schnell durchstreift. Huchel, Bobrowski. Kunze. Hacks (mit dem ich aber nicht so rechtwarm werde), und Heiner Müller ist als Lyriker nicht so doll. Aber gerade ein paar starke Proben von Volker Braun auf lyrikline gelesen und gehört. Unbedingt vormerken. Polen (Milosz, Herbert, Szymborska, Zagajewski). Und dann Jan Skacel aus Mähren, von Kunze wunderbar übersetzt. Litauen (Venclova), Russland (Brodsky, Achmatowa, Arsenij Tarkowskij, der Vater von Andrej, Mandelstam, wenn er nicht schon viel zu früh gestorben, dh vernichtet worden wäre)?

Was soll dieses Name-Dropping? (Ausser meine Kennerschaft unter Beweis stellen)?

 

 

Gracchus

17. Januar 2022 23:35

Dies: In der westdeutschen Nachkriegsliteratur gab es starke Stimmen, keine Frage - wobei aber mit die stärkste leider in der Seine ertrank, also Paul Celan; ein anderer, der Georg von der Vring, in der Isar, und Rolf Dieter Brinkmann wurde vom Auto überfahren-, und doch finde ich etwas bei den Dichtern aus dem Osten, den mit Schreibverbot belegten, ins Exil geschickten, etwas, mir in der BRD-Nachkriegs-Literatur fehlt, und das obwohl ich die aus dem Osten nur gebrochen durch Übersetzungen kenne, wo ja die Hälfte verlorengeht. Schwer zu sagen, was das ist. 

Maiordomus

18. Januar 2022 04:26

@links. Die grösste österreichische Schriftstellerin, auch die klügste, bleibt ein für allemal Marie von Ebner-Eschenbach, als Aphoristikerin wohl Lichtenberg ebenbürtig, generationenmässig zwischen Grillparzer, Stifter und dem einzigartigen Schnitzler und dem unvergleichlichen Hofmannsthal; auch der gewiss brillante Polemiker Karl Kraus konnte mit ihr nicht mithalten. 

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