Kritik der Woche (12): Das Grüne Reich

von Jörg Seidel -- Ein Phänomen ist im Alltagsgebrauch zweierlei: eine Ausnahmeerscheinung und ein Rätsel.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

In die­sem Ver­ständ­nis ist Bernd Zel­lers kari­ka­tu­ris­ti­sche Arbeit ein Phä­no­men! Wie es funk­tio­niert, was sein „Trick“ ist, dar­über sin­ne ich seit Jah­ren nach und habe noch kei­ne Ant­wort gefun­den, die sein Schaf­fen begriff­lich fest­na­geln könnte.

Am Grun­de sei­nes Wesens – so eine Arbeits­hy­po­the­se – ist er gar kein Kari­ka­tu­rist, son­dern ein begna­de­ter Apho­ris­ti­ker, der zudem die sel­te­ne Gabe besitzt, den sati­ri­schen Zei­chen­stift punkt­ge­nau zu setzen.

Die abge­bil­de­ten Sze­nen sind sehr oft banal, Sze­nen des All­tags, all­ge­gen­wär­tig, jeder­zeit tat­säch­lich mög­lich, Begeg­nun­gen, wie sie aller­or­ten statt­fin­den, sel­ten eine Aus­nah­me­si­tua­ti­on. Sie könn­ten sogar lang­wei­lig genannt wer­den, aber durch die punch line wer­den es plötz­lich schar­fe Geschos­se und die bes­ten unter ihnen sind nicht nur Unter­hal­tung und Spaß, son­dern sie tref­fen ins Herz. Ins Herz unse­rer Welt. Mit Zel­ler blitzt immer wie­der die Absur­di­tät des gesell­schaft­li­chen, des poli­ti­schen Seins auf!

Soeben ist sein neu­er Band Furcht und Elend des Grü­nen Rei­ches erschie­nen, der Titel eine pro­vo­kan­te Remi­nis­zenz an Brecht. Grün gespren­kelt ist nicht nur die neue Regie­rung, grün ist vor allem der Zeit­geist – wer ihn kri­ti­siert oder gar lächer­lich macht, steht per se gegen den Main­stream. Den­noch ist es ein Unter­schied, ob man dage­gen motzt oder ob man ihn mit fei­ner Iro­nie sub­ver­siv unterwandert.

Zel­lers Stri­che und Aper­çus sind Nadel­sti­che, die zugleich schmer­zen und hei­len. Sie fin­den mit hoher Sicher­heit die Wun­den, an denen ope­riert wer­den muß, aber indem sie zum Lachen ver­füh­ren, ja zwin­gen, haben sie ein kurie­ren­des Element.

Sein Witz ist dabei sel­ten plump. So ver­schro­ben, dia­lek­tisch, hin­ter­grün­dig sind sei­ne Poin­ten, daß der Betrach­ter oft stutzt, mehr­fach lesen muß, viel­leicht auch manch­mal gar nicht gleich begreift, aber zumeist doch irgend­wann den Gag ver­steht und vor allem des­sen abgrün­di­ge Tie­fe. Zel­ler schafft es auf geheim­nis­vol­le Wei­se, unse­re Gedan­ken kurz­zu­schlie­ßen und aus den gewohn­ten Denk­bah­nen zu füh­ren und wenn dann der Gro­schen fällt, dann kann es nur ein inne­res Aha geben, ein Schmun­zeln, ein Lächeln, ein lau­tes Lachen … und ein Wun­dern über so viel intel­li­gen­te Ver­dreht­heit. Schein­bar absur­de Sequen­zen ent­pup­pen sich als tief­sin­ni­ge blitz­ar­ti­ge Ana­ly­sen des rea­len Absurden.

So kommt es, daß man Zel­ler nicht schaut, son­dern liest wie einen Gedicht­band. Zwei, drei am Tag, dann weg­le­gen, wie­der lesen, neu ent­de­cken, verinnerlichen …

Zel­ler als Buch ist also ein Schatz. Wah­re Schät­ze soll­te man nicht nur für sich behal­ten. Ein bes­se­res Geschenk über ideo­lo­gi­sche Gren­zen hin­weg, einen freund­li­che­ren Eis­bre­cher, kann es kaum geben, es muß einer schon sehr ver­bies­tert sein, wenn er bei die­sem Blick in den Spie­gel nega­tiv reagiert.

Das betrifft den Schen­ken­den natür­lich eben­so, denn man soll­te nicht den­ken, daß dies ein Buch gegen die Grü­nen ist – nein, es gibt noch eine tie­fe­re Ebe­ne, eine, die selbst weh tun kann.

– – –

Bernd Zel­ler: Furcht und Elend des Grü­nen Rei­ches.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (12)

Grobschlosser

17. Januar 2022 16:46

Zeller ist großartig - er komprimiert einen politischen Sachverhalt und liefert mit einer Zeichnung die Quintessenz ; ( "wir wollen eine Kultur wo es nix zu canceln gibt" ) . 

 

beängstigend - aber solche Typen gibt es tatsächlich - und besonders übel - diese Leute meinen es genau SO - sie wünschen sich eine Gesellschaft ohne Widerspruch . Man trifft diesen Phänotyp besonders oft in Sozibehörden ,

Laurenz

17. Januar 2022 17:59

Der Titel ist einfach genial.

In Deutschland existiert wohl ein Volks-Gen, welches selbst nach Kaiser & 2 Diktaturen immer noch zum Totalitarismus neigt. Falls dieses Gen deutsch ist, bin ich zumindest aus der Art gefallen.

Der grüne Reichsbürger oder Grün Heil oder Wollt Ihr das totale Grün oder bis zum Grünsieg oder Junkerland in Grüne Hand oder Pflugscharen zu Schwertern oder Grünhemden....

Gracchus

17. Januar 2022 20:29

Wunderbar! Werde ich bestellen. Da ich mich nicht gedulden kann, bin ich die Sachen auf publico durchgegangen ...

Kurativ

17. Januar 2022 20:35

Zeller ist mir auch aufgefallen. Ein möglicher Weg durch den Wahnsinn zu schwimmen. Der Kern: Es ist Selbstschutz. Man muss sich fragen: Wie geht es mir denn dabei? Was kann ich ertragen und wie gehe ich damit um. Was macht das mit mir, und was kann ich tun. Gnṓthi seautón

Es nützt doch nichts, wenn man sich beim Lesen der Nachrichten selber in die Kiste legt. Dann hat der Nachrichtengeber sein Ziel erreicht. 

ede

17. Januar 2022 22:58

Bernd Zeller ist ohne Zweifel Wasser auf die Mühlen, natürlich der Falschen. Niemand kann den Ruf der Bundeseule besser imitieren. Er ist der örtlichste aller Typen.

Er ist genial.

Umlautkombinat

18. Januar 2022 10:04

der örtlichste aller Typen.

Genau!

Carsten Lucke

18. Januar 2022 10:55

Auch ohne Worte liefern die Zeichnungen in der ZellerZeitung ja jede Menge Brüller : Das gestrige "Portrait" von Ministerin Lambrecht ist ein herrliches Beispiel !

Muß jetzt unbedingt mal was spenden ...

Monika

18. Januar 2022 11:46

Bisher bin ich immer etwas vor den Zeichnungen Bernd Zellers zurückgeschreckt, allerdings aus rein ästhetischen Gründen. Sie sind mir zu pastellig bunt, zu verwaschen. Umso klarer und schärfer sind die Texte. Zeller war ja der „Vorzeige-Ossi“ von Harald Schmidt ( siehe gleichnamigen Spiegel-Artikel“) . Das bürgt für Qualität. Zeller entlarvt die dröge ideologische Stimmung mit künstlerischen Mitteln passgenau und sprengt sie auf. Er macht, was Kleine-Hartlage auf Sozialwissenschaftlichen Wege tut. Wer die Falschen sind ? Na Alle, sie sich nicht von den Falschen distanzieren . In der heutigen FAZ berichtet der umstrittene Journalist Stefan Locke von diesen Falschen. Etwa von CDU- Mitgliedern, die gemeinsam mit der Antifa den „AUFSTAND DER IMPFWILLIGEN ( d.h. Bündnis FreiVac) in Freiburg unterstützen. Siehe FAZ 18.1.22.

Na sowas ...

Gotlandfahrer

19. Januar 2022 09:54

Der Würdigung Bernd Zellers kann ich mich nur begeistert anschließen! Er ist der Godfather of Zeitgeistentlarvung. Ein Tag ohne seine Zeller Zeitung ist ein verlorener Tag.

Würde er in einen etwas frischeren Auftritt der ZZ investieren, könnte er seine Reichweite vermutlich vervielfachen, denn es ist nicht "schlaufernsprechapparategerecht". Will er aber vielleicht gar nicht.  

Brettenbacher

19. Januar 2022 12:34

Wie es funktioniert, was sein „Trick“ ist, darüber sinne ich seit Jahren nach und habe noch keine Antwort gefunden, die sein Schaffen begrifflich festnageln könnte.

In der Tat, nicht zu fassen dieser Zeller. Er aber zeigt, daß es eben doch möglich ist, das sprichwörtlich unmögliche: ER nagelt den Pudding an die Wand,

Brettenbacher

19. Januar 2022 12:42

Niemand kann den Ruf der Bundeseule besser imitieren.

@ede

Allein für diesen Satz hat sich das Sezession Abo für 2022 schon gelohnt !

Kurativ

20. Januar 2022 22:41

Er ist ein Künstler. Ein Überlebensküstler. Und er baut eine riesige Brücke von Alexander Wendt bis zur Sezession. Deshalb mag ich ihn