Die ukrainische Frage (Teil 1/3)

Der Angriff Rußlands auf die Ukraine hat in Deutschland einen realpolitischen Schock ausgelöst.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Zu den Fol­gen die­ser Stö­rung gehört nicht nur die Infra­ge­stel­lung des Pazi­fis­mus als poli­ti­schen All­heil­mit­tels, son­dern vor allem eine ein­ge­eng­te Sicht­wei­se auf den Krieg in der Ukrai­ne selbst. Ana­ly­sen, die allen Betei­lig­ten gerecht wer­den wol­len, sind hier­zu­lan­de kaum noch mög­lich. Ohne ein ein­deu­ti­ges Bekennt­nis zur Ukrai­ne gilt man als Putin-Ver­ste­her, der des­sen Krieg befürwortet.

Der Krieg selbst hat dafür gesorgt, daß nicht mehr nach sei­nen Ursa­chen gefragt wird, ohne deren Kennt­nis wie­der­um kaum eine dau­er­haf­te Frie­dens­ord­nung gestif­tet wer­den kann. Das Leid, das der rus­si­sche Angriff über die ukrai­ni­sche Bevöl­ke­rung gebracht hat, läßt den ukrai­ni­schen Staat selbst in einer ahis­to­ri­schen Unan­tast­bar­keit erschei­nen, die er nie beses­sen hat.

Es dürf­te klar sein, daß eine solch manichäi­sche Sicht­wei­se mit Poli­tik und damit auch mit einer poli­ti­schen Lösung nicht viel zu tun hat. Im Kampf Gut gegen Böse gibt es kei­nen Waf­fen­still­stand und kei­nen Kom­pro­miß. Um zu einer Lösung zu kom­men, braucht es aber eine Sicht­wei­se auf die Din­ge, die in der Lage ist, einen Aus­gleich her­bei­zu­füh­ren, der alle Sei­ten in ihrer Exis­tenz sicherstellt.

Hen­ry Kis­sin­ger nann­te 2014 als Mini­mal­ziel für den Ruß­land-Ukrai­ne-Kon­flikt eine »aus­ba­lan­cier­te Unzu­frie­den­heit«, weil eine abso­lu­te Zufrie­den­heit für bei­de Sei­ten nicht zu errei­chen sei, jeden­falls nicht, solan­ge bei­de Sei­ten exis­tie­ren. (Hen­ry A. Kis­sin­ger: »Eine Dämo­ni­sie­rung Putins ist kei­ne Poli­tik«. Vier Vor­schlä­ge für eine aus­ba­lan­cier­te Unzu­frie­den­heit, hier ein­se­hen.)

Putin hat mit sei­nem Regel­bruch für eine Über­ra­schung gesorgt, die hier­zu­lan­de wie ein Natur­er­eig­nis inter­pre­tiert wird: Auch gegen einen Vul­kan­aus­bruch kön­ne man nichts unter­neh­men. Die­se Sicht­wei­se dient natür­lich vor­wie­gend der Selbstexkul­pa­ti­on. Man will nicht in den Ruch gelan­gen, durch die eige­ne Poli­tik etwas her­auf­be­schwo­ren zu haben, was sich jetzt ohne gro­ße Opfer nicht mehr aus der Welt schaf­fen läßt.

Da der Krieg nicht nur die Poli­ti­ker, son­dern auch die meis­ten Fach­leu­te zu Moral­krie­gern gemacht hat, ist es im Sin­ne einer nüch­ter­nen Betrach­tung der Vor­aus­set­zun­gen die­ses Krie­ges sinn­voll, zwei Din­ge in den Hin­ter­grund tre­ten zu las­sen. Zum einen den Krieg selbst, da er zur anti­rus­si­schen Lei­den­schaft ver­lei­tet, und zum ande­ren die Exis­tenz der Ukrai­ne in der durch die Bol­sche­wis­ten geschaf­fe­nen Form, weil sie etwas als gesetzt behaup­tet, was in ande­ren Fäl­len durch­aus in Fra­ge gestellt wer­den durf­te: die ter­ri­to­ria­le Gestalt eines Landes.

Zunächst: Der Angriff Putins war abseh­bar. Frag­lich ist, ob er auch ver­meid­bar gewe­sen wäre. Für Abseh­bar­keit muß man sich nicht auf die War­nun­gen der ame­ri­ka­ni­schen Geheim­diens­te beru­fen, die immer wie­der auf einen mög­li­chen Angriff hin­wie­sen, seit­dem die Rus­sen ihre Trup­pen an der ukrai­ni­schen Gren­ze zusammenzogen.

Die­se nega­ti­ve Sicht auf die Kon­stel­la­ti­on ist viel älter, weil sich die Vor­aus­set­zun­gen für einen Kon­flikt in den letz­ten Jah­ren nicht geän­dert haben, denn die Inter­es­sen­la­ge blieb dies­sel­be. Wir kön­nen uns dazu mit Klaus von Dohn­anyi auf einen SPD-Poli­ti­ker beru­fen, der fast schon tra­gi­scher­wei­se vor weni­gen Mona­ten zu eben dem The­ma Ruß­land-Ukrai­ne ein Buch ver­öf­fent­licht hat, das durch den 24. Febru­ar 2022 plötz­lich im Zwie­licht steht.

Dohn­any­is Buch erschien im Janu­ar 2022, im sel­ben Monat war schon die zwei­te Auf­la­ge nötig, mit Ergän­zun­gen im Vorwort:

Bereits Ende Novem­ber 2021 schrieb ich, daß die Auf­nah­me der Ukrai­ne in die NATO erheb­li­che Gefah­ren mit sich brin­gen wür­de. Nun hat sich die­se Gefah­ren­la­ge schon Ende Janu­ar 2022 verschärft […].

(Klaus von Dohn­anyi: Natio­na­le Inter­es­sen. Ori­en­tie­rung für deut­sche und euro­päi­sche Poli­tik in Zei­ten glo­ba­ler Umbrü­che, Mün­chen ²2022, S. 11)

Mit der jetzt voll­zo­ge­nen Eska­la­ti­on ist das ein­ge­tre­ten, was Dohn­anyi befürch­tet hat­te. Er sieht die Rol­le der USA kri­tisch: Ame­ri­ka domi­nie­re die Bezie­hun­gen Deutsch­lands und der EU zu Ruß­land so ein­sei­tig »wie gegen­über kei­nem ande­ren Land der Welt« (Natio­na­le Inter­es­sen, S. 57). Euro­pas Inter­es­se sei es aber, so Dohn­anyi, daß Ruß­land nicht an Chi­na verlorengehe.

Die Ame­ri­ka­ner erwar­ten hin­ge­gen von den Deut­schen, im Rah­men der NATO Par­tei gegen Ruß­land zu ergrei­fen, was nicht im Inter­es­se Deutsch­lands lie­ge. Die USA hät­ten die Kon­fron­ta­ti­on mit Ruß­land ohne trif­ti­gen Grund nach 1990 fort­ge­setzt und damit gegen die Inter­es­sen Euro­pas gehan­delt, da im Fal­le eines rus­si­schen Angriffs die Unver­sehrt­heit Euro­pas, nicht aber die Sicher­heit der USA das ers­te und wahr­schein­lichs­te Opfer wäre. Die Stra­te­gie der »fle­xi­blen Reak­ti­on« sor­ge dafür, daß ein Kon­flikt zwi­schen den Groß­mäch­ten nicht in ihren Län­dern, son­dern dem jewei­li­gen Zank­ap­fel aus­ge­tra­gen wer­de, was regel­mä­ßig zu sei­ner Zer­stö­rung füh­re. In einem Krieg zwi­schen Ruß­land und den USA wäre Euro­pa das Gefechts­feld. Dar­an habe sich seit den 1960er Jah­ren im Grun­de nichts geändert.

Als beson­de­res Risi­ko für die euro­pä­isch-rus­si­schen Bezie­hun­gen sieht auch Dohn­anyi die Ukrai­ne, was vor allem dadurch beför­dert wor­den sei, daß man 2008 die Tür für einen Bei­tritt zur NATO weit auf­ge­macht habe. Damit sei­en die Erwar­tungs­hal­tung der Ukrai­ner und der rus­si­sche Arg­wohn glei­cher­ma­ßen geweckt wor­den. Im Gegen­satz zur jet­zi­gen Hys­te­rie sieht Dohn­anyi dar­in aber kei­ne Hil­fe­leis­tung für ukrai­ni­sche Demo­kra­ti­sie­rungs­be­mü­hun­gen, son­dern die Umset­zung geo­stra­te­gi­scher Ziel­set­zun­gen im Hin­blick auf die Ein­gren­zung Rußlands.

Es ist inter­es­sant, daß die­se Sicht der Din­ge vom spa­ni­schen Sicher­heits­ex­per­ten Pedro Baños geteilt wird, des­sen Buch So beherrscht man die Welt in Deutsch­land nach einer Kam­pa­gne vom Markt ver­schwand. Eine der von Baños auf­ge­stell­ten »geo­stra­te­gi­schen Regeln« ist die »Ein­krei­sung«, eine Kon­stel­la­ti­on, die im Vor­feld des Ers­ten Welt­krie­ges von ent­schei­den­der Bedeu­tung war und das Deut­sche Reich betraf.

Daß die­se Furcht vor der Ein­krei­sung heu­te als halt­los hin­ge­stellt wird, ist wenig über­ra­schend: Deutsch­land soll­te 1914 kei­nen Grund zum Krieg gehabt haben. Im Hin­blick auf Ruß­land scheint das Gefühl, ein­ge­kreist zu wer­den, wie­der aktu­ell zu sein. Baños sieht dar­in tat­säch­lich einen rea­len Kriegs­grund. Er zitiert Ein­schät­zun­gen aus Spa­ni­en und Frank­reich, die zu dem Schluß kom­men, daß Ruß­land nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on durch die USA und die NATO ein­ge­kreist wor­den sei, um

zu ver­hin­dern, daß das Land wie­der zu einer Super­macht wird, und es auf den Sta­tus einer Regio­nal­macht festzulegen«.

(Pedro Baños: So beherrscht man die Welt. Die gehei­men Geo­stra­te­gien der Welt­po­li­tik, Mün­chen 2019, S. 121.)

Das Bei­spiel, das Baños anführt, ist das Enga­ge­ment der USA im Kau­ka­sus, was zu dem geor­gi­schen Ver­such führ­te, in Süd­os­se­ti­en ein­zu­grei­fen. »Für Ruß­land war klar, daß es zu reagie­ren hat­te. Ein Ein­len­ken kam jetzt nicht mehr in Fra­ge.« (Ebd., S. 123) Wie sich die Reak­tio­nen der Super­mäch­te glei­chen, zeigt Baños am Bei­spiel der ame­ri­ka­ni­schen Reak­ti­on auf das rus­si­sche Enga­ge­ment in Vene­zue­la, das zur Reak­ti­vie­rung der Vier­ten US-Flot­te und zur Pla­nung wei­te­rer Stütz­punk­te führ­te. Eine Eska­la­ti­on war hier auf­grund der rus­si­schen Schwä­che vor Ort nicht zu befürch­ten, aller­dings wur­de seit­her auf Stim­men, die vor einer NATO-Auf­nah­me der Ukrai­ne warn­ten, nicht mehr gehört.

Zu die­sen bei Dohn­anyi erwähn­ten War­nern gehör­ten mit Hen­ry Kis­sin­ger und Zbi­gniew Brze­ziń­ski zwei Ver­tre­ter ame­ri­ka­ni­scher Vor­macht­stel­lung, die man nur schwer als Putin-Ver­ste­her dis­kre­di­tie­ren kann. Bei­de plä­dier­ten für eine neu­tra­len Stel­lung der Ukrai­ne nach dem Vor­bild Finn­lands. Den­noch wur­de im Juni 2021 bestä­tigt, daß die Ukrai­ne NATO-Mit­glied wer­den sol­le, was durch gemein­sa­me Mili­tär­übun­gen bekräf­tigt wurde.

Dohn­anyi schreibt im Novem­ber 2021:

Jetzt ist die NATO beun­ru­higt über rus­si­sche Trup­pen­an­samm­lun­gen an der Ost­gren­ze der Ukrai­ne. Beab­sich­tigt Putin den Ein­marsch in die Ukrai­ne? Putin bestrei­tet die­se Absicht – heu­te! Aber was geschieht, wenn die Umset­zung der Ent­schei­dung des NATO-Bei­tritts der Ukrai­ne begon­nen würde?

(Dohn­anyi: Natio­na­le Inter­es­sen, S. 105)

Jetzt, weni­ge Mona­te spä­ter, wis­sen wir mehr: Putin woll­te es gar nicht erst soweit kom­men las­sen. Er hat nicht gewar­tet, bis er gegen die gan­ze NATO in den Krieg zie­hen müßte.

Dohn­anyi hat auf­grund der Eska­la­ti­on des Kon­flikts bereits media­le Prü­gel für sein Buch ein­ste­cken müs­sen und ist schon ein Stück weit zurück­ge­ru­dert. Das erschien ins­be­son­de­re des­halb not­wen­dig, da er der neu­en Bun­des­re­gie­rung in dem Buch nahe­legt, sich die Ent­span­nungs­po­li­tik der 1970er Jah­re zum Vor­bild zu neh­men. Die­se ist nun aber ganz in das Lager der Ukrai­ne ein­ge­schwenkt – man­che bezeich­nen die Nicht­auf­nah­me der Ukrai­ne in die NATO als Feh­ler – und hat den Kon­flikt um die Ukrai­ne, der ja laut Dohn­anyi vor allem ame­ri­ka­nisch pro­vo­ziert ist, zu dem ihren gemacht. Das ist ohne Rück­sicht auf die Ursa­chen die­ses Kon­flikts fahr­läs­sig. Außer­dem (das darf nicht ver­ges­sen wer­den!) sind die geo­po­li­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen, die die Ukrai­ne zu einem Schlüs­sel­staat für die rus­si­sche Sicher­heit machen, immer die glei­chen geblieben.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Kommentare (53)

Franz Bettinger

19. März 2022 10:04

"Putin hat mit seinem Regelbruch für eine Überraschung gesorgt.“ In der Tat. An die blutigen Kriege - pardon: Friedens-Missionen - der USA sind wir gewöhnt; die sind zur Regelblutung geworden. Irak? Afghanistan? Libyen? Syrien? Warum nochmal? Ach, es wird schon einen Grund gehabt haben, die zu bekriegen. Unsere Freuden wissen schon, was sie tun. 

Gustav

19. März 2022 10:26

Wenn man sich ein bisschen Abstand von sehr beunruhigenden Ereignissen gönnt, ist der Krieg in der Ukraine keine russische Initiative, auch wenn Russland die Initiative der Kämpfe ergriffen hat, indem es die ukrainischen Streitkräfte umgangen hat, die sich auf den Angriff auf die Krim und den Donbass vorbereiteten. Er wurde bereits 2019 geplant, wie der Plan der Rand Corporation zeigt, der dem Repräsentantenhaus am 5. September 2019 vorgelegt wurde.

Gefangen in dem politischen, wirtschaftlichen und militärischen Würgegriff, den die USA und die NATO zunehmend verschärften und wiederholte Warnungen und Verhandlungsvorschläge aus Moskau ignorierten, reagierte Russland mit der Militäroperation, die in der Ukraine mehr als 2.000 militärische Strukturen zerstörte, die in Wirklichkeit nicht von den Herrschern Kiews, sondern von den Befehlen der USA und der NATO gebaut und kontrolliert wurden. Der Artikel, der vor drei Jahren über den Plan der Rand Corporation berichtete, endete mit diesen Worten: "Die im Plan vorgesehenen ’Optionen’ sind in Wirklichkeit nur Varianten derselben Kriegsstrategie, deren Preis in Form von Opfern und Risiken von uns allen bezahlt wird."

Wir zahlen jetzt dafür, wir die Völker Europas, und wir werden immer mehr dafür bezahlen, wenn wir weiterhin geopferte Schachfiguren in der US-NATO-Strategie sind.

https://www.voltairenet.org/article216066.html

 

Laurenz

19. März 2022 10:34

Ohne ein eindeutiges Bekenntnis zur Ukraine

Auf Tichys noch mehr als auf Telepolis sind die Leser auch Putin-Versteher. Nur die veröffentlichte Meinung bezieht eine eindeutige Position zugunsten us-amerikanischer  Interessen.

Deutschland sollte 1914 keinen Grund zum Krieg gehabt haben.

Hatte es ja auch nicht. Rußland übrigens auch nicht. Der I. Weltkrieg basiert auf dem (völkerrechtswidrigen) Bruch des Berliner Abkommens von 1878 durch die Entente-Mächte.

Das Leid, das der russische Angriff über die ukrainische Bevölkerung gebracht hat

könnte sofort beendet werden, durch Kapitulation. Wenn GK in diesem Artikel  https://sezession.de/65587/widerstand-und-tod-vormaerz-und-biedermeier

darüber berichtet, daß 61jährige Freiwillige von einer Kommandostelle zum Kriegsdienst zugelassen werden, klingt das, zumindest für mich, schon arg nach Volkssturm. Das ist kein gutes Zeichen für die Biden-Versteher.

tearjerker

19. März 2022 10:42

Ein sehr guter Beitrag.

Allnichts

19. März 2022 11:16

1/2

Fast die gesamte westliche Elite richtet sich derzeit sehr einseitig pro-ukrainisch und anti-russisch, eher anti-putin, aus. Angesichts der Tatsache, dass ein sehr grosser Staat einen sehr viel kleineren Staat angegriffen hat und dort nun im gesamten Land Krieg herrscht, ist dies eigentlich auch nicht als verwerflich anzusehen, auch wenn es wegen der allgemeinen Akzeptanz der amerikanischen Angriffskriege heuchlerisch wirkt und die Sympathien schon vorher klar verteilt waren. Russlands berechtigte und von Putin auch unabhängige Sorgen, allen voran die im Text angesprochene Erweiterung der NATO, die Einkreisung, werden dabei aber komplett zur Seite geschoben, negiert, genauso wie alles andere an eigenem Handeln, welches zur Konfrontation beigetragen hat und beiträgt. Es besteht keinerlei Problembewusstsein das eigene Vorgehen betreffend, hier bestehen Versäumnisse.

Aber: Den einen rechtfertigenden Grund für den Angriff auf die Ukraine gibt es nicht. Die Ukraine an sich ist keine Gefahr für Russland, die NATO-Expansion ist keine Gefahr für Russland in seinem Hoheitsgebiet, weil die NATO Russland höchstwahrscheinlich nie angreifen wird. Die Existenz sowie Souveränität Russlands sind also nicht gefährdet. Gefährdet ist Russlands Anspruch auf bestimmte nichtrussische Gebiete, auf eine bestimmte Einflußsphäre, womit wir wieder bei der Thematik aufeinanderprallender Imperialismen sind. Und Russland ist ja auch nicht einfach nur Eingeengter, sondern mischt durch Finanzierung und "Infokrieg" vor allem in den europäischen Gesellschaften mächtig mit.

Allnichts

19. März 2022 11:19

2/2

Russland ist noch immer ein mächtiges Land und allein deswegen müssen seine Interessen verantwortungsvoll behandelt werden, soll es ein friedliches Zusammenleben geben. Das gilt umgekehrt allerdings genauso. Ein Land wie die Ukraine als Nachbarstaat hat schicksalhaft eine sehr schwierige Position.

Für jene, die auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker setzen, kann es aber trotz aller realpolitischen Verhältnisse keine Lösung sein, allein Grossmächte über die Ausrichtung solcher Länder verhandeln und entscheiden zu lassen. Die Ukraine scheint sich ziemlich deutlich dafür entschieden zu haben, nicht Teil des russischen Imperiums zu sein, und das hat Russland zu akzeptieren. Wer in diesem Falle die Souveränität eines anderen Landes verletzt, ist nun einmal eindeutig.

Allnichts

19. März 2022 11:23

Nachtrag zum Kubitschek-Artikel.

Laurenz:

Eine Bolschewisten-Keule habe ich nicht ausgepackt. Bei Putin sehe ich vor allem die Idee eines russischen Reiches und einer russischen Zivilisation wirken. Die üblichen westlichen Kategorien versagen hier meiner Ansicht nach. Man könnte es Russlandismus nennen, in gewisser Weise streng traditionalistisch, konservativ und patriotisch, was dort auf Grund des multiethnischen, multikulturellen und multireligiösen Wesens Russlands und der andersartigen Geschichte aber etwas anderes bedeutet als hierzulande, aus unserer Sicht mitunter widersprüchliche Züge hat. Im Englischen wird das auch civilizationsm genannt. Insgesamt sehe ich allerdings starke Übereinstimmungen mit neurechten Vorstellungen.

Sowohl die Ukraine als auch die ukrainischen Nationalisten scheinen sich für eine der Weltmächte entschieden zu haben. Ein wirklicher Versuch, unabhängig zu werden, ist auf absehbare Zeit ja ohnehin nicht drin.

Hajo Blaschke:

Welche Nachrichten-Quellen empfehlen Sie zur allumfassenden Information?

Imagine

19. März 2022 11:33

Rechte sind Volksromantiker und daher mit ihrer idealistischen Weltbetrachtung in der Regel nicht in der Lage, Konflikte ganz cool ökonomisch nach dem Prinzip: „Cui bono?“ zu betrachten. Sie ignorieren die Realität einer durch antagonistische Klasseninteressen gespaltenen Gesellschaft, weil sie nach wie vor von einem nationalen bzw. volksgemeinschaftlichen Kollektivinteresse und Zusammengehörigkeitsgefühl ausgehen

Das Volk liebt seine Herren und identifiziert sich mit ihnen, aber die herrschende kapitalistische Klasse liebt nicht das Volk, sondern sieht es als auszubeutendes Objekt an, in der Art von Humankapital, Untermenschen, Sklaven und Nutztieren.

Die herrschende kapitalistische Klasse betrachtet daher ökonomische Zusammenhänge nicht aus „volkswirtschaftlicher“ Perspektive, sondern primär aus dem Aspekt der Selbstbereicherung.

Ob Kolonien oder Kriege von volkswirtschaftlichem Vorteil sind, interessiert sie allerhöchstens sekundär, entscheidend sind die Profite, die sie für sich selbst erzielen können.

Kriege sind immer ein gigantisches Geschäft, nicht nur für die Rüstungsindustrie, sondern für alle, die im Krieg mit Waren und Dienstleistungen Profite machen können, also auch für Hersteller von Nahrungsmitteln, Kleidung etc. oder für logistische und kommunikative Dienstleistungen.

Bei Kriegen wird immer doppelt verdient, nämlich mit der Zerstörung und dem Wiederaufbau.

wbs47

19. März 2022 11:45

@Allnichts

"...die NATO-Expansion ist keine Gefahr für Russland in seinem Hoheitsgebiet, weil die NATO Russland höchstwahrscheinlich nie angreifen wird."

Sie sollten sich Seher nennen, oder doch besser Allnichts-Seher!

Hajo Blaschke

19. März 2022 11:54

@ Allnichts Bevor ich mich zu den Beiträgen von E. Lehnert äußere, möchte ich alle angekündigten drei Teile gelesen haben.

Zur Frage nach Informationsquellen: auf deutsch eigentlich nur den Antispiegel. Für alle anderen Quellen müsste ich wissen, ob Sie Russisch und/ oder Ukrainisch beherrschen.

Laurenz

19. März 2022 12:01

@Allnichts

weil die NATO Russland höchstwahrscheinlich nie angreifen wird.

Woher wissen Sie das? Die NATO griff auch Serbien, Syrien, den Irak & Libyen an. In Libyen gab es ein UN-Mandat zur Errichtung einer Flugverbotszone, aber nicht dazu, daß Land in Schutt & Asche zu legen. Es geht bei der Einschnürung Rußlands rein um Vorwarnzeiten von Raketen & Marschflugkörpern. Bei unter 2 Minuten kann keiner mehr den Knopf zum Gegenschlag drücken. Solange der Gegner denselben Knopf drücken kann, funktioniert Abschreckung. Als Teilnehmer dieses Forums sollten Sie um die Kuba-Krise wissen & daß es damals genau darum ging. Chruschtschow konterte die Raketen in der Türkei. Vom Norden der Ukraine können Sie quasi nach Moskau hinspucken. Mit dieser Bedrohungslage geht man ganz anders in Verhandlungen. Deswegen ist der Angriff Rußlands auf die Ukraine die einzige Option, wenn Rußland als souveräner Staat weiter existieren möchte. Wären Sie, Allnichts, Präsident der Russischen Föderation, hätten Sie wahrscheinlich wesentlich früher & brutaler zugeschlagen. Warum? Sie kommen aus dem Westen.

Thomas

19. März 2022 12:21

Die Vorwürfe, Rußland würde immer mehr von der Nato und den USA eingekreist werden, werden zwar ständig wiederholt, sind aber absurd. Ein Blick auf eine Weltkarte reicht aus, um das als Lüge zu erkennen. Bis jetzt ist die Nato immer noch ein Verteidigungsbündnis und kein Militärbündnis mit imperialen Absichten. Die eigentliche Absicht und der Sinn hinter dieser Aussage bedeutet, das man Russland das Recht einräumt, nach Belieben in Nachbarländer einzufallen, sie zu bestzen und die dortigen Regierungen zu stürzen.

Der Fehler war, wie jetzt deutlich zu sehen ist und was viele hier nicht begreifen wollen, die Ukraine nicht aufgenommen zu haben. Wäre sie nach der Annexion der Krim in die Nato aufgenommen, hätte es diesen Krieg nie gegeben und andere, die jetzt vielleicht folgen, auch nicht.

quarz

19. März 2022 13:05

"Da der Krieg nicht nur die Politiker, sondern auch die meisten Fachleute zu Moralkriegern gemacht hat, ist es im Sinne einer nüchternen Betrachtung der Voraussetzungen dieses Krieges sinnvoll .. "

Auch in der rein moralischen Bewertung ist mehr Nüchternheit erforderlich. Die unkritsche Heiligenverehrung, die dem ukrainischen Präsidenten aus westlichen Medien zuteil wird, entbehrt jeder rationalen Grundlage. Sie wird gespeist aus dem Narrativ vom tapferen und schuldlosen Verteidiger seines Landes, der den Krieg nicht will, sondern dem dieser aufgezwungen wurde.

Aber selbstverständlich wollen beide Kriegsparteien den Krieg, sonst würden sie ihn nicht führen. Selenskyi könnte das Ende des Krieges sofort herbeiführen, wenn er der Doppelbedingung Bündnisfreiheit&Selbstbestimmung im Osten zustimmen würde. Er führt aber lieber Krieg, weil ihm die Bündnisoption und die Verweigerung der Selbstbestimmung wichtiger ist als der Frieden.

Wer zum Zweck der Abwendung einer zumutbaren und vernünftigen Option Krieg führt, handelt moralisch verwerflich, das lässt sich völlig unabhängig von der Putin-Schuldfrage konstatieren und es zeugt von Verwirrung, wenn die Anerkennung dieser ukrainischen Mitschuld mit dem Kindergartenargument "aber Putin hat angefangen ... !" verweigert wird. Schuld ist kein Nullsummenspiel

Gustav

19. März 2022 13:33

Ein bisserl naiv, ein bisserl plakativ

... aber doch wunderschön, um unsere Transatlantiker — ein bisserl — zur Weißglut und Schnappatmung zu bringen:

https://lepenseur-lepenseur.blogspot.com/2022/03/ein-bisserl-naiv-ein-bisserl-plakativ.html

Laurenz

19. März 2022 13:49

@Imagine

Rechte sind Volksromantiker und daher mit ihrer idealistischen Weltbetrachtung in der Regel nicht in der Lage, Konflikte ganz cool ökonomisch nach dem Prinzip: „Cui bono?“ zu betrachten. Sie ignorieren die Realität einer durch antagonistische Klasseninteressen gespaltenen Gesellschaft, weil sie nach wie vor von einem nationalen bzw. volksgemeinschaftlichen Kollektivinteresse und Zusammengehörigkeitsgefühl ausgehen

Hier auf der SiN sind mehr oder weniger alles Neu-Rechte. Können Sie hier Belege für Ihre obskuren, hanebüchenen Behauptungen anführen? Sie lesen selten die Beiträge anderer Teilnehmer oder leiden am fehlenden Langzeitgedächtnis.

@Hajo Blaschke & andere haben bereits alle wesentlichen Informationen über die jeweilige Staatsführung in die Waagschale geworfen.

Die herrschende kapitalistische Klasse betrachtet daher ökonomische Zusammenhänge  primär aus dem Aspekt der Selbstbereicherung.

Das machen nicht nur kapitalistische Herrscherklassen so, sondern alle, auch sozialistische & feudale, seit Anbeginn jeglicher Zivilisation.

Kriege sind immer ein gigantisches Geschäft

Nicht, wenn man den Krieg verliert, Dann macht der Gegner mit den eigenen Patenten Kasse. In der Ukraine befinden sich viele Zulieferer, Waffen, Kabelbäume für Autos, Biolabore etc.pp. Zukünftig sind diese Zulieferer russisch. Wird dann schwierig mit dem Geschäft bei Sanktionen gegen Rußland. Sie haben heute Schwafel statt Zucker in Ihren Kaffee gekippt.

Allnichts

19. März 2022 14:24

1/2

Laurenz.

Es ist natürlich kein Wissen, sondern eine Einschätzung. Serbien, Syrien, Irak und Libyen, auch Afghanistan, sind allesamt mehr oder weniger kleine und schwache Länder und vor allem keine Atommächte. Russland ist eine Atommacht und noch dazu ein riesiges Land. Neben der Tatsache, dass Russland durch Stationierung grosser Mengen von Truppen und Raketen in der Ukraine vorgewarnt wäre und Vorsichtsmassnahmen im eigenen Land einleiten könnte, stellt sich die Frage nach dem Sinn eines konventionellen Erstschlages durch die NATO auf Russland, wenn dadurch allein wenig erreicht werden kann, eine darauf folgende Eroberung des Landes eigentlich unmöglich ist sowie selbst bei einer atomaren Auslöschung von Großstädten und Führung russische, voll- oder halbautomatisierte Systeme zur atomaren Selbstverteidgung aktiviert würden, die USA also in jedem Fall auch Opfer wäre. Weltpolitisch wäre es ebenfalls kaum vermittelbar, die Welt noch dazu ein Trümmerhaufen, wovon auch die USA wenig hätte. Das sind Endzeitszenarien, natürlich nicht ausgeschlossen, aber eben sehr unwahrscheinlich. Und natürlich sind es reine Gedankenspiele eines Laien, die aber auch erst einmal entkräftet werden müssen. Wie lief es denn in Afghanistan und im Irak? Russland ist eine ganze andere Hausnummer.

Allnichts

19. März 2022 14:29

2/2

Die Entfernung zwischen lettisch-russischer Grenze und Moskau ist nicht sehr viel grösser als die zwischen nordukrainisch-russischer Grenze und Moskau - beide Male etwas weniger als 600 km. St.Petersburg als zweitgrösste Stadt liegt den baltischen Staaten sogar sehr viel näher als der Ukraine. Mit dem NATO-Beitritt der Ukraine käme eine lange Grenze hinzu, aber ich sehe keine qualitative Veränderung der Erstschlag-Option.

Hajo Blaschke:

Ich spreche weder Russisch noch Ukrainisch, Russisch kann ich mir übersetzen lassen. Unter allumfassender Information verstehe ich allerdings fundierte Schilderungen aller möglichen Betrachtungsweisen und Fakten, nicht nur pro-russische Quellen.

Skeptiker

19. März 2022 14:36

Die einseitige pro russische Propaganda einiger Kommentatoren ist schier unerträglich. Auch schon vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine, war es Realität, dass ein großer Teil der russischen und vor allem weiblichen Intelligenz dem Land den Rücken gekehrt hat.  Sie sehen keine Perspektive in einem Land, in dem Angst und Unterdrückung das öffentliche Leben dominiert. Es macht es nicht besser, wenn hier Beispiele für Verfehlungen/Verbrechen der U.S.A. angeführt werden. Der Angriffskrieg ist ein Rückfall in die Barberei und durch nichts zu rechtfertigen! Ein wesentlicher Unterschied besteht auch darin, dass Hundertausende gegen amerikanische Verbrechen in den US.A und Europa demonstriert haben, während Putin jegliche Opposition ausgeschaltet hat. Oder sind das auch wieder nur Märchen der westlichen "Lügen-Medien". Dank an E.L. für den sachlichen Artikel, der sich wohltuend von einigen Kommentaren abgrenzt.

kikl

19. März 2022 14:46

Was fehlt ist eine realistische Sicht auf das Internationale Parket, auf dem sich die Staaten begegnen. De facto herrscht das Recht des Stärkeren, das Faustrecht.

Die Großmächte versuchen durch zahlreiche Strategien eine Vormacht herzustellen oder zu sichern. Dabei spielen moralische Bedenken in der Regel keinerlei Rolle. Gut und Böse spielen allenfalls bei der Kriegspropaganda eine Rolle. Recht und Moral dienen also lediglich der Motivation und Legitimation der Macht. Sie stellen aber nicht das eigentliche Motiv da. Es geht letztlich immer nur um eigene Interessen und Macht. 

Professor Wagener hat eine sehr ausgewogene Analyse der derzeitigen Situation in einigen Videos vorgelegt, die ich ergänzend zu dem oben Artikel empfehlen kann:

https://www.youtube.com/channel/UC_xjX8u81vBtaTOVP5PRAkA

Gustav

19. März 2022 15:49

@ Skeptiker

Sie selbst sind doch hier das Paradebeispiel für einseitige Propaganda. Seit Corona gehen sie uns hier mit ihren einseitigen Betrachtungen auf den Geist.

Es ist keine Situation, in der man sich von billiger Empörung über den „russischen Angriffskrieg“ den Verstand vernebeln lassen sollte. Dass uns die gewollte Selbstverdummung von Politikern und Journalisten als staatsbürgerliche Tugend verkauft wird, heißt nicht, dass es eine ist.

Es zeigt nur, dass wichtige Positionen dieser Gesellschaft von Leuten besetzt sind, die nicht wissen, wovon sie reden und es deshalb nötig haben, jeden, der sich nicht auf das Niveau ihrer infantilen und infantilisierenden Emotionalisierung und Personalisierung herablässt, zu verteufeln und einen „Putinversteher“ zu nennen.

Dass die Journaille heute einen Ausdruck wie „Putinversteher“ als Schimpfwort verwenden kann, ohne zu bemerken, was sie damit über sich selbst aussagt, ist bezeichnend für ihre erschütternde Einfalt.

Imagine

19. März 2022 16:07

Das Establishment in den USA will und wollte den Krieg und hat Putin dazu provoziert. Zuvor wurde schon jahrelang das ukrainische Militär trainiert und aufgerüstet. Und die Bevölkerung anti-russisch fanatisiert.

Jetzt wird der Krieg eskaliert, schon allein aus dem Grund, dass dieser ein so hochprofitables Geschäftsmodell ist.

Rot-Grün kauft teuerstes Militärmaterial in den USA, die Außenministerin heizt das Kriegsgeschehen an und Deutschland wird eingestimmt auf zunehmende Verarmung einschließlich Frieren. Natürlich für eine gute Sache, weil gegen Putin und für den Frieden.

Rüstungs- und Energiekonzerne machen Extraprofite, alles wird teurer.

Die Kriegseskalation wird weitergehen, weil es so profitabel ist und weil Politiker und Journalisten das Ganze anheizen.

Die Frage ist, ob das Kriegsgeschehen auf das Territorium der Ukraine begrenzt bleibt? Das wäre zu hoffen. ist jedoch eher unwahrscheinlich.

So macht Polen den Kriegstreiber und will die NATO in Kriegshandlungen involvieren.

Wahrheitssucher

19. März 2022 16:21

Dank Herrn Lehnert für die sachliche, nüchterne und moralinfreie Darstellung der Zusammenhänge. Ein Beitrag, angemessen und würdig eines Leiters eines staatspolitischen Institutes oder eben des Institutes für Staatspolitik, der gespannt auf mehr macht…

Maiordomus

19. März 2022 16:22

@Skeptiker u. @Werner 42. Mit Recht verweisen Sie auf die differenzierungsfähigen Ausführungen von Erich Lehnert, der auf intellektuellem Niveau zu argumentieren pflegt, @Werner 42 lobte  @Bosselmann, einen gewiss zur Skepsis fähigen Denker und hochgebildeten integren Patrioten jenseits von Massenwahn. Dass längst nicht alle, die hier schreiben, über praktische politische Erfahrung verfügen im Sinne von Fähigkeit zu konkreter Arbeit vor Ort oder gar Beratungsfähigkeit für Parlamentarier oder Politiker allgemein, liegt auf der Hand, wobei jedoch isolierte Machtlosigkeit in einer unüberwindlichen Minderheitsposition gegenüber einer vielfach rein massenpsychologisch gesteuerten Mehrheit diverse Kommentatoren an der Demokratie verzweifeln liess. Dabei neigt man allgemein in Kriegslagen einerseits und bei gefühlten oder realen Pandemien andererseits zu imitatorischem Denken und Handeln, also zu Propaganda-Hörigkeit. Was die Bloggerei betrifft, scheinen mir die Spalten bei JF und der Schweizer WW niveaumässig tiefer als bei SiN wo sich immer wieder mal Leute melden, die auf diesem oder jenem Gebiet vergleichsweise echt was zu sagen haben und sogar über geprüftes Wissen verfügen, z.T. aus lebenslanger geistiger Opposition seit Jahrzehnten, wofür teilweise Verfolgung bis hin zu Berufsverboten in Kauf genommen werden musste. Zwischendurch mal bliebe aber Schweigen ratsam. 

Ein Fremder aus Elea

19. März 2022 17:00

Gustav,

"indem es die ukrainischen Streitkräfte umgangen hat, die sich auf den Angriff auf die Krim und den Donbass vorbereiteten"

Ich weiß nicht, ob sie "den" Angriff vorbereitet haben, aber militärisch gesehen haben Sie das Wesentliche erfaßt, nämlich daß die Russen überall vorgedrungen sind, nur an der Grenze von Lugansk und Donetzk zum Rest der Ukraine nicht.

Warum? Weil diese und nur diese Grenze befestigt war, und nicht aus defensiven Gründen, denn defensiv ergibt es, wie wir gerade sehen, keinen Sinn.

Ist natürlich zu viel verlangt von Journalisten, sowas zu verstehen: "On ne passe pas Pétain." - "Aber die Ardennen." (Gut, wenn Pétain und Co. nicht gesagt hätten, es handle sich um eine Ablenkung, wär's böse ausgegangen. Aber Pétain ist dann ja auch zum Staatschef von Vichy-Frankreich geworden. Ob Journalisten wenigstens das verstehen?)

Ein Fremder aus Elea

19. März 2022 17:05

kiki,

"Es geht letztlich immer nur um eigene Interessen und Macht."

Schon, aber die Moral ist dasjenige, was den Herrschaftsanspruch legitimiert, und ist deshalb genauso hoch zu achten wie der Zement, welcher die Mauer zusammenhält.

Niekisch

19. März 2022 17:07

US-Präsident Joe Biden am 17.3.2022: Präsident Putin sei "ein mörderische Diktator, ein reiner Verbrecher, der einen unmoralischen Krieg gegen die Menschen in der Ukraine führt...Ich denke, wir befinden uns in einem echten Kampf zwischen Autokratien und Demokratien...". 

Wer erinnert sich da nicht an nahezu gleichlautende Worte der US-Präsidenten Woodrow Wilsen und Franklin D. Roosevelt, die den Eintritt der USA in die beiden Weltkriege aus freimaurerischem Antrieb -Demokratie versus Autokratie - vorbereiteten und diese dann auch entschieden. 

Liebe Kollegen aller Fraktionen, helft mit zu verhindern, daß wir Deutsche in einem erneuten amerikanischen Kreuzzug gegen "den neuen Hitler" und Autokraten Putin verheizt werden. "Germans not to the front!" 

 

ede

19. März 2022 17:24

Sehr guter Beitrag Herr Lehnert und schon mal gut, dass Dohnanyi als Zeuge für die deutsche bzw. europäische Interessenlage angeführt werden kann.

Was die NATO betrifft, darf man deren Funktionswandel nicht unbeachtet lassen.

Bis zum Zusammenbruch des Sowjetimperiums war das zweifellos ein nützliches und notwendiges Verteidigungsbündnis. Diese Funktion hat es aber weitgehend verloren. Mit einem militärischen Angriff Russlands auf das wiedervereinigte Deutschland oder die neuen Natostaaten war bis heute nicht mehr ernsthaft zu rechnen.

Im gleichen Maße verlor Deutschland seine Bedeutung als militärischer Bündnispartner (Wehrpflicht, Atomausstieg, Merkel). Wir sind nunmehr nur noch Vasall. Man kann das auch als Lebenslüge der guten alten Bundesrepublik bezeichnen.

Die Option, Russland europäisch einzugliedern - über die Jahre, und Schritt für Schritt - wäre zweifellos im deutschen und europäischen Interesse (EW 500 Mill. zu 150 Mill.). Das die Russen zur EU oder NATO inkompatibel wären, ist dummes Gerede. Die Russen sind uns kulturell sehr nahe.

Allerdings hätte das zugleich den Einfluss der USA auf die europäischen Verhältnisse entsprechend geschmälert, eine Vasallenrolle eines europäisch-russischen Bündnisses ist absurd.

Die Amerikaner, zumindest die Globalisten Fraktion, haben sich erkennbar für die "eine Weltmacht" Option entschieden. Trump - nur meine Erwartung - hätte wohl mehr zur Frontverkürzung, also Multipolarität geneigt.

Skeptiker

19. März 2022 17:58

@Thomas

Danke für Ihre Ausführungen. Es ist erstaunlich, wie Teile der Kommentatoren hier blind der russischen Propaganda folgen. Wer andere Ansichten vertritt, der wird verächtlich gemacht und sinnbildlich nach Sibirien geschickt. Es bedarf nicht der "Mainstreampresse". Das direkte Gespräch mit Bürgern aus der Ukraine, derer Hundertausende ihrer Heimat vertrieben und nun unter uns leben, sagt viel mehr als das Geplärre einiger hier. Ich habe in wenigen Tagen mit fünf Mitstreitern eine Unterkunft für 14 Personen geschaffen. Erlauben Sie mir einfach festzustellen, dass ich einige Äußerungen hier in den Bereich von völliger Vernebelung einsortiere!

Rheinlaender

19. März 2022 18:10

"Putin wollte es gar nicht erst soweit kommen lassen. Er hat nicht gewartet, bis er gegen die ganze NATO in den Krieg ziehen müßte."

Beide Seiten sind im Konflikt um die Integration der Ukraine in ihren Einflussbereich ein Risiko eingegangen, aber so wie es aussieht, hat sich nicht der Westen verkalkuliert, sondern Putin. Wenn es sein Ziel war, Russland wieder zur Großmacht zu machen oder wenigstens den Status Quo aus russischer Sicht zu wahren, ist er wahrscheinlich gescheitert. Die NATO ist in Folge seiner Entscheidung politisch so stark wie vermutlich selten zuvor, und der russische Staat wird im Innern und in der Ukraine bald vor Herausforderungen stehen, die existenziell werden könnten.

Laurenz

19. März 2022 18:33

@Allnichts

Das eine wären nukleare Auseinandersetzungen. Deswegen werden die Baltischen Staaten auch nicht in der NATO verbleiben, sie sind den wesentlichen Metropolen Rußlands zu nah & nicht zu verteidigen. Vor was die Russen viel mehr Angst haben, ist ein konventioneller Krieg, deswegen auch das riesige Arsenal an taktischen Atomwaffen. Ich empfehle Ihnen dazu die Lektüre von Tim Marshall, der hier schon mal mit einem Werk vorgestellt wurde. Von Warschau bis Murmansk, zum Ural, dem Kaukasus & dem Schwarzen Meer ist alles flach, durch die Eiszeiten platt gewalzt, ideal für jeden militärischen Vormarsch (in jede Richtung). Der Himalaya verhindert zB geographisch einen größeren Konflikt zwischen Indien & China. Manchmal prügeln sich da die Grenzsoldaten, aber das wars. Wenn Sie weiter mit dem Finger an der Küste des Schwarzen Meeres nach Süden gehen, stellen Sie fest, daß Moldawien keinen direkten Zugang zum Schwarzen Meer besitzt, & die kurze Rumänische Küste inklusive Donau-Delta, Öl-Gebiete & Mamaia (Urlauber-Strand) kurz hinter Constanta endet. Dahinter kommt die Rußland freundlich gesinnte Bulgarische Küste. In Constanta hocken die Amis. Die hätte man von Russischer Seite sicher gerne weg da. 

wbs47

19. März 2022 18:58

@Gustav

Gut gebrüllt Löwe! Speziell bei dem Begriff "Putinversteher" outen sich diejenigen, die diesen Begriff abwertend benutzen, wirklich auf eine schon fast belustigende Weise. Wie ich auch schon als Replik auf RMH schrieb: Wer die Tat eines eines Verbrechers erklären kann, wird zum Mittäter erklärt. Wie einfältig ist das denn?!

Volksdeutscher

19. März 2022 21:44

Schon vor acht Jahren, als dieser Krieg im Donbass sich Tag für Tag unterschwellig ausbreitete, sammelten russische Patrioten/Nationalisten Stimmen für eine Petition für den Einmarsch russischer Streitkräfte in die Ukraine. Putin handelte damals nicht, obwohl viele Russen ihn darin unterstützten. Auf Vkontakte wurden die blutigsten Meldungen von Kampfhandlungen, vom Beschuß von Dörfern und Städten, in Erdhöhlen und Kellern "wohnenden" Familien, zerfetzten Leibern von Frauen, Kindern, Männern, alten Menschen und den russischen Flüchtlingsströmen über die Grenze in Richtung Russland gebracht. Auf der Seite der russischen Nationalisten hieß es damals, Putin beging Verrat an den Interessen Russlands, er habe sein Volk jenseits der Grenze im Stich gelassen. Warum er nicht schon damals handelte, sondern erst jetzt acht Jahre danach, ist die Frage: War damals die Zeit nicht reif für den Angriff oder zögerte er, weil er insgeheim hoffte, die Konfrontation doch friedlich beilegen und den Krieg vermeiden zu können?

Franz Bettinger

19. März 2022 22:12

@Thomas meint „dass man Russland das Recht einräumt, nach Belieben Nachbarländer zu überfallen und dort die Regierungen zu stürzen“. - Das tun die USA auch. Die zwei Unterschiede: (1) Die US tun es ständig, und (2) sie lügen darüber (schwafeln von Demokratie- und Friedens-Export). Die Russen tun beides nicht. 

Allnichts

19. März 2022 23:01

Thomas, Skeptiker:

Seit 1999 kamen 14 ehemalige Sowjetrepubliken bzw. Abspaltungen solcher dazu, während alle möglichen anderen Staaten ausserhalb des postsowjetischen Raums, welche ebenfalls von der NATO profitieren würden, nicht aufgenommen wurden und auch nicht aufgenommen werden. Die Ausrichtung ist klar, und selbst wenn die NATO an sich nicht als Imperium bezeichnet werden muss, ist sie doch wenigstens Werkzeug des westlichen Imperialismus'.

Und wie auch immer: Stellen Sie sich doch mal umgekehrt vor, Russland bildete mit Weissrussland und den zentralasiatischen Staaten ein "Verteidigungsbündnis", welches ideologisch klar antiwestlich ist, und nach einem Zerfall der EU schlössen sich diesem immer mehr ehemalige EU-Staaten an, bis das Bündnis irgendwann direkt an der deutschen Grenze angelangt ist. Natürlich würde das hier nicht einfach ignoriert und Sorge wäre absolut nachvollziehbar.

Bei der komplexen Gesamtlage ist es doch selbst jetzt bei einem russischen Angriffskrieg zu einfach, jegliches Argument, jeglichen kritischen Gedankengang aus Russland vom Tisch zu wischen. Dafür muss man nicht mal Putin mögen, es geht um das Land an sich. Und wenn geführte Angriffskriege das entscheidende Kriterium dafür sind, ob jemandem zugehört wird oder nicht, scheidet der Westen noch schneller als Gesprächspartner aus als Russland.

In diesem Sinne: Gegen beide Imperialismen und für freie europäische Völker.

Volksdeutscher

19. März 2022 23:23

@Skeptiker - "Der Angriffskrieg ist ein Rückfall in die Barberei und durch nichts zu rechtfertigen!"

Sie moralisieren unnötigerweise. Krieg ist Umsetzung der Politik mit anderen Mitteln, d.h. wenn friedliche, diplomatische Mittel nichts gebracht haben. Angriffskrieg ist eine Definitionsfrage und wird anders vom Sieger und wiederum anders vom Verlierer interpretiert, erklärt und gerechtfertigt. Einen Krieg, der nicht gerechtgertigt werden kann, gibt es nicht und gab es niemals in der Geschichte. Für die Frage, ob ein Krieg "barbarisch" ist, ist entscheidend, was im Kriege stattfindet. Es gibt keinen Rückfall in die Barbarei, nur, weil ein Staat einen anderen angreift. Wer angreift, beruft sich auf sein Recht, anzugreifen und gibt dafür Gründe an. Die müssen erst geprüft werden, ehe ihre Verifikation oder Falsifikation stattfinden kann. Deutschland hatte gute Gründe, 1939 die Sowjetunion anzugreifen, ähnlich wie 2022 Russland gute Gründe hatte, die Ukraine anzugreifen. Obiges Zitat ist Wunschdenken jenseits der Wirklichkeit.

Und um Ihren Gedanken umzukehren: Der Frieden, in dem wir leben, ist ein Rückfall in die Barbarei und durch nichts zu rechtfertigen. Hätten Sie das gedacht? Was sagt es Ihnen?

Siegfried siegt

19. März 2022 23:26

1/2

Der Titel des Beitrags hätte auch 'Die russische Frage' heißen können.

Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis das niemanden 'einkreist' und wo jeder Mitgliedsstaat frei entscheiden kann bei- oder auszutreten. Frankreich z.B. ist der NATO sogar zweimal beigetreten und alle demokratischen osteuropäischen Staaten - denen es gestattet worden ist - sind auch freiwillig der NATO beigetreten.
Warum wollen die europäischen Völker ein militärisches Bündnis mit den VSA bzw. der NATO und nicht mit Rußland? Weil sie vor dem Russischen Reich geschützt werden wollen. Rußland ist geschichtlich ein Reich das Völker unterdrückt, ausbeutet und russifiziert. Die Ukrainer wollen ihre Identität und Unabhängigkeit beibehalten und für sie ist dieser ein Unabhängigkeitskrieg.

Ich schlage vor den Historiker und Rußlandexperten Stephen Kotkin zu lesen. Zitate von ihm ...

Siegfried siegt

19. März 2022 23:29

2/2

"Lange bevor es die NATO gab, schon im 19. Jahrhundert, wurde Russland von einem Autokraten regiert, griff auf Repression zurück, glaubte an Militarismus, misstraute Ausländern und dem Westen. Russland ist eine vollständige Zivilisation, mehr als nur ein Land. Und es fühlt sich in einer Sonderstellung und mit einem besonderen Auftrag: es will die Großmacht sein. Sein eigentliches Problem ist die Tatsache, dass seine Fähigkeiten seinen Ansprüchen nie gerecht wurden. Und es quält sie, dass der Westen immer mächtiger war. Russland ist eine Großmacht, aber es ist nicht die Großmacht. Um dem Westen gerecht zu werden oder zumindest die Kluft zwischen Russland und dem Westen zu überwinden und zu überbrücken, greifen die Russen auf Zwang zurück ... Sie bekommen eine Diktatur, die meist in Willkür, in Tyrannei umschlägt. Sie befinden sich schon seit geraumer Zeit in dieser schwierigen Situation, weil sie diesen Anspruch, die größte Macht zu sein, nicht aufgeben können, aber in Wirklichkeit können sie ihm nicht gerecht werden.".

Es ist schon das zweite mal in wenigen Jahren daß Putin/Rußland die Ukraine angreift, nach dem Diebstahl der Krim und dem Krieg im Donbass, das auch von Putin listig angezettelt wurde.

Ich wünsche mir eine nationale Bewegung in Deutschland ohne Rußland- und Putinsympathien. Wir können nur auf unsere Kräfte zählen und sicher nicht auf Größenwahnsinnige oder Massenmörder.

Mit patriotischem Gruß

Siegfried

Thomas

19. März 2022 23:32

@Skeptiker und alle

Ich habe Rußland und Putin immer wohlwollend betrachtet, aber seit der Invasion in der Ukraine ist es damit endgültig vorbei. Im Nachinein bedauere ich, nicht schon vorher die Kriege und Militäreinsätze in Afghanistan, Tschetschenien, Syrien, Georgien, die Annexion der Krim nicht als rücksichtslose und brutale Kriege und Eroberungsfeldzüge erkannt zu haben. Soll jetzt etwa Kiew das gleiche Schicksal erleiden wie Grosny oder Aleppo? Ich glaube an das Selbstbestimmungsrecht der Völker, selbst wenn ihre Regierungen korrupt, unmoralisch oder tyrannisch sein sollten, hat niemand das Recht in dieses Land einzumarschieren, enthemmte Brutalo-Söldner aus Tschetschenien und Syrien anzuheuern, Wohngebiete zu beschiessen, und Millionen in die Flucht zu treiben. Jede nachträgliche Rechtfertigung eines solchen Vorgehens und jede Täter-Opfer-Umkehr verursacht mir Ekel. Ich glaube, ein Teil des Kommentariats hier hat seinen eigenen inneren Kompass verloren. Davon abgesehen bin ich mir nicht sicher, ob Putin und seine Entourage noch bei Verstand sind, seine letzte Rede vor zwei Tagen ließ auf einen erheblichen Realitätsverlust schließen und immerhin besitzen diese Leute die Verfügungsgewalt über ein erhebliches Atomwaffenpotential.

heinrichbrueck

19. März 2022 23:35

Die amerikanische (United States of America) und die rußländische (Rossijskaja Federazija) Welt. Unterschied, Umgang mit der Globalisierung, und deutsche (Deutschland oder "Deutschländische Bundesrepublik"?) Interessen. Staatsbürgerländer und gesteuerte Interessen. 
Globalistische Antworten. Westlicher Vermischungseinheitsbrei oder entschärfte Ethnonationalismen rußländischer Prägung? Dem Bandera-Chauvinismus wird der Krieg erklärt, fälschlicherweise mit Nationalismus gleichgesetzt, damit er nicht der westlichen Zweckausbeute zum Opfer fallen kann. Zwei Systeme mit inneren Selbstzerstörungsmodi im Krieg gegeneinander. 
USA und Sowjetunion waren ein Minusgeschäft. Blockdenken. Im Namen der farbigen Welt.
Was bleibt? Nichts. Claninteressen, Oligarchenverbände, unter einem globalen Himmel. Und Krieg. Bis zum Ende des Globohomo.

Für die westliche Freiheit? Die Antwort kann man sich schenken.

MARCEL

19. März 2022 23:58

Gerade angelsächsische ehem. Militärs der NATO äußern in Bezug auf eine Flugverbotszone in der Ukraine immer unbekümmerter:

Putin bluffe mit der nuklearen Drohung doch nur, er sei ausschließlich am eigenen (politischen) Überleben interessiert und würde damit bei zukünftigen Konflikten ohnehin drohen.

NATO und Russland scheinen gerade beide das Gesicht zu verlieren: die einen, weil sie nicht eingreifen können, wie sie gern wollten, der andere, weil es im Feld nicht so läuft, wie geplant. Verlieren sie nach dem Gesicht auch die Nerven?

Meine generelle Befürchtung nach den markigen US-kanadischen Sprüchen:

Ist die Nichtführbarkeit eines atomaren Krieges zur Nichtdenkbarkeit verkommen und damit zu seiner puren Nicht-Relevanz? Ist die Abstraktions-Tendenz unserer digitalen Welt so weit fortgeschritten?

Also: Russisch Roulette mit nur einer freien Kammer im Revolver. Wer traut sich?

(P.S. auch ich hatte bereits mit ukrainischen Flüchtlingen zu tun (echten Ukrainern!), die von Selenskyj nicht allzu begeistert schienen)

kikl

20. März 2022 08:04

@Ein Fremder aus Elea

"Schon, aber die Moral ist dasjenige, was den Herrschaftsanspruch legitimiert, und ist deshalb genauso hoch zu achten wie der Zement, welcher die Mauer zusammenhält."

Die Macht wechselt ihre Moral so häufig wie ihre Unterhose, mit der sie ihre Scham bedeckt. Das Anrufen der Moral ist an sich bereits eine Lüge und damit unmoralisch, weil damit die eigentlichen Motivationen verschleiert werden.

Putin beruft sich auf die Moral, denn er "befreit" die Ukraine von einem "Nazi-Regime". Der Westen "befreit" mittels Waffenlieferungen die Ukraine vom Putin-Nazi, Moral! 

Nazi steht stellvertretend für den Teufel, die Inkarnation des Bösen. Moral!

Wenn die Ukraine morgen den Konflikt beilegt und ein Militärbündnis mit Putin abschließt, dann ist die Ukraine von heute auf morgen Nazi. So schnell wechselt die "Moral".

In Wirklichkeit geht es beiden Seiten um die Absicherung ihrer Machtsphären. Putin wünscht sich einen Gürtel befreundeter Staaten an seinen Grenzen; die USA wollen Ihre Machtsphäre bis an die Grenzen Russlands ausweiten. Deshalb herrscht jetzt Krieg.

Franz Bettinger

20. März 2022 10:49

@Volksdeutscher teilt mit: "Der Frieden, in dem wir leben, ist ein Rückfall in die Barbarei und durch nichts zu rechtfertigen. Hätten Sie das gedacht?" Großartiger Satz, wenn man ein bisschen drüber nachdenkt. Der Friede, er kann so lächerlich, so barbarisch und so sinnlos sein! - Klar, lädt Ihr Statement zum Verriss ein: zynisch & blabla. Aber wir wissen, wie's gemeint ist.

Monika

20. März 2022 11:59

 

1. Es ist widerlich, wie die ankommenden ukrainischen Frauen und Kinder unter dem Gesichtspunkt ihrer „Verwertbarkeit“ für den deutschen Arbeitsmarkt (sei es  Altenarbeit oder Sexarbeit) betrachtet werden. ( Tobias Hans, MP Saarland:“Wir sollten es als gute Fügung betrachten, wenn viele Menschen aus der Ukraine 🇺🇦 bleiben würden.“ )Umso schändlicher, als dadurch der Eindruck entsteht, dass man damit  2015 gutmachen könnte. 

2. „Rußland und seine Menschen, seine Kultur und seine Religion gehören zu uns und nicht an die Seite Chinas...Die Russen wollen in ihrer Mehrheit keinen Krieg“. 

.Professor Starbatty in JF 18.3.22 („ Putin kann die Ukraine zerstören, aber nicht den Krieg gewinnen“)

Zwischen diesen beiden Prämissen fällt die Entscheidung, ob es ein Europa der Nationen noch  geben wird oder, ob es Europa bald nicht mehr geben wird. 

Volksdeutscher

20. März 2022 12:18

Wenn man überlegt, daß Deutschland seit 1945 in der Realpolitik Europas keine bedeutende Rolle spielt, könnte zum Teil die vielen negativen Reaktionen in diesem Blog auf den russischen Einmarsch in die Ukraine erklären. Jahrzehnte lang wurde den Nationen Europas eingeredet, daß die europäische Integration dazu da sei, Kriege in Europa nicht nur zu vermeiden, sondern gar unmöglich zu machen. Es hat sich nun gezeigt, daß der konventionelle Krieg in Europa doch wieder möglich ist. Oder schon immer eine Möglichkeit war. Und nicht nur aus rusischer Sicht. Die beschwichtigende, ganz andere Ziele verbergende Ideologie der "europäischen Integration" hat sich als Lüge entlarvt, ist jedoch nach wie vor Bestandteil des Denkens und Wünschens. Womit kann man denn sonst erklären, daß scheinbar gebildete Leute nicht über solche lanweiligen Gemeinplätze hinaus bringen, wie z.B. "Leiden der Zivilisten", "Leiden der Kinder", "nicht zu rechtfertigender Angriffskrieg" u.ä.?

Dohnányi´s Auseinandersetzung mit diesem Krieg berührt deutsche Interessen - auch wenn sie es ungenügend und zaghaft tut. Es gölte, etwas tiefer der Frage nachzugehen, was man aus nationalkonservativer Sicht aus dem russischen Vorgehen und der daraus entstehenden neuen politischen Situation für Deutschland herausholen könnte. Der Krieg wird bald vorbei sein. Und wie geht´s weiter?

Imagine

20. März 2022 12:18

Weder in den USA noch in Russland gibt es heute eine freiheitliche und gemeinwohlorientierte Gesellschaft.

Die USA sind spätestens nach 9/11 keine liberale und offene Gesellschaft mehr.

Insofern erscheint eine Parteinahme für eines dieser Herrschaftssysteme so absurd, als würde man sich in Mexiko fragen, für welchen Drogen-Warlord man Partei nimmt oder wem man sich anschließen soll.

Beide Systeme – US-Empire und Russland – sind in ihrer Sozialstruktur ähnlich:
autokratisch, oligarchisch, wenige Reiche und Supereiche, viel Armut und Elend, kein Rechtsstaat, sondern Staatsterrorismus, viel Repression, Lüge und Betrug, kein allgemeiner gesellschaftlicher Fortschritt.

Die US-Herrschaft ist wie eine Krake, die alle Staaten in ihrem Einflussbereich ihrem System unterwirft. Siehe z.B. die ehemals liberale Schweiz.

Dort, wo Gates & Co. herrschen, werden alle gentechnisch zwangsgeimpft, es gibt keine Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit mehr, es gibt immer mehr Repression gegen nonkonformistische und oppositionelle Bürger.

Teile der Rechten sympathisieren mit Putin, weil sie eine Affinität zu autoritärer Herrschaft haben, weil sie es gut finden, dass dort Homosexuelle unterdrückt werden. Putin entspricht mehr ihren Vorstellungen von politischer Kultur.

Volksdeutscher

20. März 2022 12:21

@Franz Bettinger

Danke für Ihre Anmerkung. Wie ich sehe, Sie sind einer der wenigen hier, der meine Gedanken /Gedankengänge nachvollziehen und sachlich kommentieren kann.

woodpecker

20. März 2022 12:38

@Skeptiker

Skeptiker,gebe Ihnen wieder einmal 100% Recht.Wenn man manche Kommentare hier liest,stellen sich einem die Haare zu Berge...Der Vorschlag die Ukraine solle doch kapitulieren,ist Zynismus pur!Umgekehrt würde ein Schuh daraus,das würde vielen russischen Soldaten das Leben retten,die z.T.noch nicht mal wissen wo sie sind und warum! Putin geht es allein um Machterhalt für sich und seine Schergen und nicht um "Entnazifizierung " oder den angeblichen Völkermord im Donbass.

Simplicius Teutsch

20. März 2022 13:39

@Siegfried siegt:

„Es ist schon das zweite mal in wenigen Jahren daß Putin/Rußland die Ukraine angreift, nach dem Diebstahl der Krim und dem Krieg im Donbass, das auch von Putin listig angezettelt wurde.“

Im Ernst? So einfach gestrickt ist Ihr Bild von der Entwicklung und Lage im Ukraine-Konflikt?

– Ihre Meinung ist aber doch nur eine zugespitzte antirussische These, die man natürlich provokativ in den Raum stellen kann; zumal Sie damit moralisch ohne Gefahr voll auf der westlichen Mainstream-Welle schwimmen. 

Als deutscher Patriot, als der Sie sich selbst bezeichnen, sollte man aber gelernt haben, dass die geopolitische Fragen und Konflikte immer mindestens zwei Fronten haben. Und Deutschland ist meistens dazwischen.

Und am Ende siegt nicht Siegfried, wie wir aus unserem blutigen Nationalepos wissen. Siegfried wird schon zur Mitte des Dramas gemeuchelt; er ist einfach zu naiv für die Welt der hinterhältigen Machtspiele, ebenso wie seine Ehefrau Kriemhild, die auf sein Gewand ein Kreuz genau an der Stelle am Rücken stickt, wo ihr geliebter Siegfried verwundbar ist. Dass sie danach rachsüchtig ihre ganze burgundische Verwandtschaft in den Untergang reißt, kann ich moralisch-emotional nachvollziehen, aber es macht die Sache auch nicht besser.

Der_Juergen

20. März 2022 14:17

Danke, Erik Lehnert, für den guten Artikel und dem Kommentator @Gustav für seine wie immer scharfsinnigen Ausführungen.

@Allnichts

Sie sind hier der primitivste Propagandist und sollten mit Schuldzuweisungen an Mitforisten etwas vorsichtiger sein.

Wer glaubt hier "blind" der russischen Propaganda? Nennen Sie Namen. Ich selber vertrete einen resolut prorussischen Standpunkt und heisse die Intervention vollumfänglich gut, bin mir aber selbstverständlich bewusst, dass auch auf russischer Seite sehr viel gelogen wird. Paradebeispiel dafür ist das endlose Geplärre vom "neonazistischen Regime im Kiew". Eine Weltpremiere - das erste nazistische Regime der Geschichte, das von Juden geführt wird.

Ein Fremder aus Elea

20. März 2022 14:49

kiki:

Rußlands Moral enthält beispielsweise den Schutz der Rechte von Exsowjetbürgern in Exsowjetrepubliken, und diesen Teil seiner Moral zieht Rußland absolut konstant und regelmäßig heran, wenn's mal wieder was zu tun gibt, ob in Abchasien, Südossetien, Transnistrien, der Krim, dem Donbass, die logische Konsistenz in staatlicher Inkarnation!

Und verhält es sich bei den Vereinigten Staaten etwa anders?

Die Moral läßt sich eben nicht wechseln wie die eigene Unterhose. Deshalb ist es auch überhaupt nur möglich, Moralzersetzung zu betreiben (wird unter anderem Kulturmarxismus genannt). Würden Sie die Moral ständig wechseln, besäßen Sie keine. Und wenn Sie keine besäßen, müßten Sie die Kooperation in jedem einzelnen Fall erzwingen oder erkaufen. Ist sehr teuer. Viel billiger, sich auf eine Moral zu stützen.

Es entspricht also der natürlichen Ordnung, daß Staaten moralisch verfaßt sind; war sogar unter Dschingis Khan so. Und also gehört es auch zur natürlichen Ordnung, daß durch die Moral eines Staates ein Ansatz für einen Hebel gegeben ist, welcher die Verständigung zwischen Staaten ermöglicht, indem sie sich gegenseitig auf ihre Moral hinweisen.

Mag natürlich im Einzelfall nichts bringen, wie bei Dschingis Khan, oder allgemein bei den Geißeln Gottes, aber als solche hat sich Putin noch nicht stilisiert.

wbs47

20. März 2022 16:06

@Imagine

"...wenige Reiche und Supereiche" auch in den USA und der EU, Bingo!

Mir ist ein Superreicher mit einem Fußballklub (Abramovic) wesentlich sympathischer, als ein Superreicher, der Welten-Retter mimt! (Reemtsma, Soros, Gates etc.)

Ihr Geld hat keiner von denen auf ehrliche Art erworben. Übrigens, lange nichts von Chordokowski gehört.

Grobschlosser

20. März 2022 16:22

re Niekisch : Freimaurer in der us Administration ? Das müssen Sie mir bitte erklären . Danke 

Niekisch

20. März 2022 18:12

"30 bis 40 km am Tag? Also 10 Stunden laufen (die Pausen nicht gerechnet) mit Gepäck von wenigstens 7 kg, Tag für Tag? Wenig glaubhaft! Als Untrainierte ohnehin, von den Blasen an Zehen und Fersen ganz abgesehen. Wer hält den Langsterecken-Rekord?"

@ Franz Bettinger 20.3. 03:38:

Bin mit meiner Frau zusammen vor wenigen Jahren den Rennsteig in Thüringen von Hörschen bis Blankenstein - 176 km - in 4 Tagen mit nordic-walking und mindestens 5 kg Gepäck ohne Blasen gelaufen. Die erste Etappe waren 42 km bis Brotterode über den Inselberg. Wer will, der kann. 

Im übrigen werde ich unserer beiden "Wette" von vor einiger Zeit wohl gewinnen: die "Corona- Diktatur" neigt sich ihrem Ende entgegen.

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