Kritik der Woche (20) : Hitlerwetter

Normalität im „Dritten Reich“ - ein spannendes Thema. Wie lebte es sich "unter dem Hakenkreuz"? War das Regime überhaupt allgegenwärtig?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

War alles gleich­ge­schal­tet? Hans Die­ter Schä­fer hat­te 1981 in sei­nem auf­se­hen­er­re­gen­den Buch Das gespal­te­ne Bewußt­sein die Tota­li­tät unter die Lupe genom­men. Er stell­te fest, daß sich das Bild eines all­um­fas­sen­den Zwangstaa­tes nicht auf­recht­erhal­ten ließ. Kon­sum, Zer­streu­ung und „neue Moden“ konn­ten oft unbe­hel­ligt ein Eigen­le­ben in den drei­ßi­ger und vier­zi­ger Jah­ren füh­ren, außer­dem gab es ein­an­der über­schnei­den­de und wider­spre­chen­de Zustän­dig­kei­ten, was umge­kehrt bedeu­te­te: Unein­heit­lich­keit, Frei­räu­me, ein mög­li­ches Spiel mit den Behörden.

Nach Schä­fer erschie­nen zahl­rei­che Publi­ka­tio­nen über den All­tag im „Drit­ten Reich“: Von Kem­pow­skis Echo­lot über Wer­ner Masers Das Regime hin zu dem so bil­li­gen wie preis­wer­ten Und mor­gen gibt es Hit­ler­wet­ter! All­täg­li­ches und Kurio­ses aus dem III. Reich.

Nun möch­te der „Jour­na­list und His­to­ri­ker“ Till­mann Ben­di­kow­ski (*1965), neben­bei „Grün­der und Lei­ter der Medi­en­agen­tur Geschich­te in Ham­burg“  noch eins drauf­set­zen, und zwar auf 560 Sei­ten. Der Wer­be­text sagt:

Er erkun­det das All­tags­le­ben der Deut­schen zwi­schen Dezem­ber 1938 und Novem­ber 1939, als schon der Zwei­te Welt­krieg tobte.

Als Refe­renz ist dem Klap­pen­text ein Lob aus dem Mun­de von „NDR 90,3“ bei­gege­ben. Es lau­tet: „Unglaub­lich toll geschrie­ben.“ Lei­der und pein­li­cher­wei­se bezieht es sich aus­weis­lich auf Ben­di­kow­skis älte­res Buch Ein Jahr im Mit­tel­al­ter.

Im aktu­el­len Werk nun will Ben­di­kow­ski „das Wis­sen um die Struk­tu­ren der Dik­ta­tur mit den Erleb­nis­sen der Men­schen in die­sen Struk­tu­ren“ ver­knüp­fen: „All­tag und Ver­bre­chen kom­men hier glei­cher­ma­ßen vor.“ Damit sol­len die berüch­tig­ten Jah­re uns Nach­ge­bo­re­nen „näher gerückt“ werden.

Ein net­ter Vor­satz. Der Autor ver­tieft ihn hol­pernd in sei­ner Ein­lei­tung. Er emp­fin­det das The­ma „Dik­ta­tur im All­tag“ näm­lich als hoch­ak­tu­ell. Er meint damit nicht das logisch Nahe­lie­gen­de, son­dern nimmt den beque­men Weg: „Auch heu­te wer­den Amts­trä­ger dif­fa­miert, der Staat ver­ächt­lich gemacht“. Das ist ein wenig lächer­lich, weil er auf den fol­gen­den paar­hun­dert Sei­ten genau dies tut:  Amts­trä­ger zu dif­fa­mie­ren und einen Staat ver­ächt­lich zu machen. Er meint natür­lich die bösen Amts­trä­ger und den schlech­ten Staat. Wie bil­lig! So legt er los:

„Kann es denn ein gutes Leben in einer Dik­ta­tur geben? Die nach­wach­sen­den Genera­tio­nen dür­fen erwar­ten, auf die­se Fra­ge eine kla­re Ant­wort zu erhal­ten – und die Geschichts­schrei­bung trägt hier ihren Teil der poli­ti­schen Verantwortung.“

Bereits auf Sei­te zehn wird es also schal und zu einem ver­flos­kel­ten bun­des­prä­si­den­ten­haf­ten Null­sum­men­spiel. Aber der Leser bleibt tap­fer und dran: Für jeden Monat die­ses sehr zufäl­lig aus­ge­such­ten Zeit­raums nimmt Ben­di­kow­ski sich ein eige­nes The­ma vor. Für den Dezem­ber 1938 ist es die „Deut­sche Weih­nacht“, für Febru­ar 1939 das Heil­prak­ti­ker­ge­setz und mit­hin die frag­wür­di­ge „Pflicht, gesund zu sein“, im April ist es Hit­lers 50. Geburts­tag, im Mai der Mut­ter­tag (samt Mut­ter­kreu­zen, Heim­chen am Herd) undsoweiter.

Wir fin­den in die­sem Buch unend­lich viel „Nice to know“. Man schrieb damals wirk­lich „shawl“, wenn man den (win­ter­li­chen) Schal mein­te. Im Win­ter 1938 bedeu­te­te die wet­ter­be­ding­te Not­la­ge tat­säch­lich, daß die Reichs­bahn „einen Mann pro Wei­che“ beauf­tra­gen muß­te, um die Glei­se eis­frei zu halten.

Im Rah­men der West­wall-Akti­on hat­te sich der Umsatz von „Aache­ner Prin­ten“ ver­zehn­facht. Der Umsatz von „Kaf­fee­koh­le“ stieg auch rasant. Es han­del­te sich dabei um stark gerös­te­ten, fast ver­kohl­ten Kaf­fee, der in Apo­the­ken teu­er als All­heil­mit­tel gegen Schnup­fen, All­er­gien, Wur­mer­kran­kun­gen und Par­odon­to­se gehan­delt wur­de. In Par­tei­blät­tern fan­den sich Tipps gegen Hohl­kreuz und gegen Fett­an­satz an den Hüften.

Wir erfah­ren, daß der Durch­schnitts­deut­sche 1933 knapp 67 l Bier/Jahr trank, 1939 hin­ge­gen knapp 97 Liter. Der Kon­sum von Brannt­wein ver­dop­pel­te sich in die­ser Zeit sogar, und Hit­ler hat tat­säch­lich, man glaubt es kaum, anläß­lich sei­nes Fünf­zigs­ten das strikt jesua­ni­sche Lied „Ich bete an die Macht der Lie­be“ spie­len lassen!

Wel­che Geschen­ke wur­den ihm kre­denzt?  Viel Selbst­ge­bas­tel­tes. Ein Grup­pen­bild mit sei­nen 50 Paten­kin­dern. 6000 Socken von flei­ßi­gen Müt­tern des Gau­es „West­fa­len-Süd“. Eine selbst­ge­bau­te Gei­ge mit 245 klei­nen Haken­kreu­zen an Decke und Boden. Ein auf Sei­den­ga­ze geknüpf­tes Haken­kreuz aus Menschenhaar.

Die vie­len (meist klein­for­ma­ti­gen) hier abge­druck­ten Schwarz­weiß-Pho­tos sind außer­dem ein ech­ter Gewinn. Allein das Bild, das Dut­zen­de Bür­ger zeigt, die Stra­ßen­bäu­me erklom­men haben, um die Mili­tär­pa­ra­de zu Hit­lers Geburts­tag zu besich­ti­gen, ist gold­wert. Ein ande­res Bild zeigt als Plas­tik­tu­ben („Orol“, „Clo­rodont“) ver­klei­de­te Pimp­fe. Hier geht es um das umwelt­ge­rech­te und der Volks­wirt­schaft nütz­li­che Sam­meln wie­der­ver­wert­ba­rer Ver­pa­ckun­gen – FFF avant la lettre!

Nur: Ben­di­kow­ski stellt gar nicht den All­tag dem Dik­ta­tur­be­trieb gegen­über. Er streut Kurio­sa wie die oben­ge­nann­ten ein und pran­gert dane­ben aus­schließ­lich an. Das darf man, nur rennt man damit ein­fach offe­ne Scheu­nen­to­re ein. Trotz­dem herrscht ein Ton, als sei er, Ben­di­kow­ski, der ers­te und bis­lang ein­zi­ge, der das schänd­li­che Trei­ben der „Nazis“ (seri­ös, das ler­nen Stu­den­ten an jeder Uni, hie­ße es: Natio­nal­so­zia­lis­ten) benennt und ent­tarnt. Er tut es weit­ge­hend im Bild­zei­tungs­tim­bre, á la „Post von Wag­ner“. Ernst­haft inter­es­sier­te Leser wer­den sich hier von Anfang bis Ende pein­lich an die Hand genom­men fühlen.

Ben­di­kow­skis Schreib­stil ist grot­tig. Wo es um Privates/Ehe/Familie geht, ist stets im Stil ver­kalk­ter Leh­rer, aber iro­nisch­sein­wol­lend, von „der Herr Gemahl“ die Rede. (Soll wohl eine Anspie­lung aufs „Patri­ar­chat“ sein.)

Fast jede „Wider­le­gung“ (des offen­kun­dig längst Wider­leg­ten) beginnt er mit leut­se­li­gem „Nun ja,“. Das belieb­te, hier belie­big und dut­zend­fach gebrauch­te Füll­wort „indes“ hät­te ein gnä­di­ger Lek­tor min­des­tens zwan­zig­mal schlicht getilgt.

Des wei­te­ren: Adolf Hit­ler lügt frech in die Mikro­pho­ne. Hit­ler lob­te den gesun­den Kör­per, trat aber selbst nie in Sport­klei­dung auf. Der „bru­ta­le Nazi-Füh­rer“ (Göring) gibt sich jovi­al, dabei ist er ein „aus­ge­mach­tes Groß­maul“. „Stram­me Natio­nal­so­zia­lis­ten“ „schwa­dro­nie­ren“ und üben sich in „kol­lek­ti­vem Bier­trin­ken“ – fast wirkt es, als brauch­te Ben­di­kow­ski die­sen popu­lis­ti­schen Kampf­ton, um sei­ne Anlie­gen deut­lich zu machen.

Zudem wird häu­fig „ent­lar­vend“ geunkt, in dem Stil: Hit­ler, der Anti­al­ko­ho­li­ker, besucht eine Weihnachtsfeier,

„aber sicher wird noch reich­lich getrun­ken, als er die Ver­an­stal­tung wie­der ver­lässt. Ein weih­nacht­li­ches Pro­sit der Bewegung!“

Oder:

„Dem Dik­ta­tor ist es nicht mal pein­lich, sich an einem rhe­to­ri­schen Ver­gleich mit Fried­rich dem Gro­ßen zu versuchen.“

Oder: In einer Annon­ce von Woh­nungs­su­chen­den wei­sen die poten­ti­el­len Mie­ter dar­auf hin, daß sie kin­der­los sei­en. Kom­men­tar Ben­di­kow­ski, naseweis:

„Kin­der­lo­sig­keit als Aus­zeich­nung in Zei­ten staat­lich erwünsch­ter Gebur­ten? Wenn das der „Füh­rer“ wüßte…”

In Deutsch­land anno 1938 gibt es bei aller Stren­ge immer noch Straf­ta­ten! Dieb­stäh­le, auch Mord und Tot­schlag. Ben­di­kow­ski nennt eine Hand­voll Beispiele:

„In Hal­le über­fal­len fünf Gano­ven den Post­wa­gen eines Güterzugs.“

Hehe, pläkt Ben­di­kow­ski dazu kennerisch,

„Deutsch­land Anfang 1939? Das ist das Gegen­teil von einem geord­ne­ten Land!“

Als wei­te­res Bei­spiel für die “inne­re Unord­nung” brei­tet er tat­säch­lich aus, daß es in Dort­mund im Janu­ar 1939 hef­ti­ges Geran­gel beim Win­ter­schluß­ver­kauf gege­ben habe. Hit­ler sei „bei­lei­be nicht der ein­zi­ge Anti­se­mit in Deutsch­land“ heißt es spä­ter wei­se– nach­dem über Dut­zen­de Sei­ten klar­ge­macht wur­de, daß für Juden 1938 „kein Aus­flug, kein Spa­zier­gang“ mehr mög­lich sei. Hit­ler, so sieht der Autor es für das Vor­kriegs­jahr, sei nun „unum­strit­te­ner Dik­ta­tor“. Eine sehr eigen­tüm­li­che und für einen „His­to­ri­ker“ bemer­kens­wer­te Inter­pre­ta­ti­on der tat­säch­li­chen Gegebenheiten.

Hin­zu kom­men for­ma­le Wid­rig­kei­ten: Zita­te wer­den stets so eng gesetzt, als han­de­le es sich um Gedich­te in Reim­form. Das ist unfrei­wil­lig komisch! Über­haupt hält der Autor es lax mit dem Zitie­ren. Nur zwei Bei­spie­le: „Längst lie­gen Aus­rot­tung und Ver­nich­tung in der Luft“, behaup­tet Ben­di­kow­ski für Janu­ar 1939. Beleg? Eine ein­zel­ne, unge­fäh­re Sei­te bei Ian Kershaw. Und: „Wer eine Amts­stu­be betritt, kann mit einem for­schen ‘Ist hier jemand?´ den ver­lang­ten Gruß umge­hen“ – das klingt cool und aus­ge­bufft – aber vor allem nach einer Witz­lust der Nach­ge­bo­re­nen, die spä­ter nie dabei­ge­we­sen sein wollen.

Häu­fig streckt der Autor sei­ne Geschich­ten mit Mut­ma­ßun­gen. „Vie­len ist sicher längst kalt gewor­den“, schreibt er, als es um den Fackel­zug anläß­lich des 6. Jah­res­tags der Regie­rungs­über­nah­me geht.

„Schlie­ßen eigent­lich evan­ge­li­sche Chris­ten einen inhaf­tier­ten katho­li­schen Pries­ter in ihr Gebet ein?“

Geunkt wird hier viel. Ben­di­kow­ski schlägt in jede ein­zel­ne Ker­be , die längst geschla­gen wur­de, mit fast kind­li­cher Freu­de nach: „der skru­pel­lo­se Archi­tekt Speer“; Hit­ler zeigt sich mit Kin­dern: „ver­stö­ren­de Bil­der“; Leu­te wer­den wegen wit­zig gemein­ten Bemer­kun­gen inhaftiert:

“Dabei geben die Per­son Hit­ler und sein Lebens­stil doch genug Anlass für despek­tier­li­che Bemer­kun­gen und Wit­ze, oder?”

Was für ein onkel­haf­tes, dürf­ti­ges Buch. Wer´s braucht: Till­mann Ben­di­kow­ski: Hit­ler­wet­ter. Das ganz nor­ma­le Leben in der Dik­ta­tur: Die Deut­schen und das Drit­te Reich 1938/39. 556 Sei­ten, 26 € – hier.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (23)

Ein gebuertiger Hesse

28. März 2022 12:00

"Wer's braucht"? Nee, so ein Buch braucht keiner, allemal nicht nach diesem im besten Sinn entlarvenden Verriß. Man sollte Leichenfledderern, die witzelnd mit ihren anekdotischen Fundstücken hausieren gehen, nicht nur niemals trauen, sondern sie sofort aus der eigenen Sphäre verbannen. Sie beschämen unsere Großeltern, was allein schon eine Backpfeife mit dem Fehdehandschuh rechtfertigte. 

Dietrichs Bern

28. März 2022 13:05

Nun, kein Buch für mich. Bin durch Kunkels "Endstufe" besser über den Alltag in dieser dunklen Zeit informiert.

Niekisch

28. März 2022 13:16

Verehrte Frau Kositza, dafür, daß Sie sich durch diesen Quatsch geackert haben, verleihe ich Ihnen das Rezensions- Mutterkreuz. 

Das wahre Leben der damaligen Zeit läßt sich nur aus den Erzählungen und dem schriftlichen Nachlaß der Vorfahren erschließen. Ein Beispiel: Mein Großvater, Sanitäter im I. Weltkrieg und 1945 mit 60 noch trotz Krankheit im Volkssturm, hatte einem Bekannten Anfang 1940 öffentlich per Postkarte angesichts der ungeheuren materiellen Überlegenheit der Alliierten den Untergang des Reichs prophezeit. Dieser schrieb ihm per offener Feldpost vom Fliegerhorst Salzwedel am 16.6.1940 zurück: " ..Heute nach den ungeheuren Erfolgen unserer stolzen Wehrmacht und damit der Jugend kann ich es nicht unterlassen, Sie zur Einkehr zu ermahnen, um das Unrecht, das Sie der deutschen Jugend zugefügt haben, wieder gut zu machen, denn von diesen Taten, die bis jetzt vollbracht worden sind, wird man so lange sprechen und zwar mit Achtung, wie es Menschen und Geschichte gibt..."

Weiter II

 

 

 

 

 

 

Niekisch

28. März 2022 13:18

II.

Trotz weiterem Schriftwechsel hin und her und Postzensur passierte rein garnichts, obwohl mein Großvater Sa-Mann mit Funktion war.  Als wenig später ein Lehrling ihn beschuldigte, ihn falsch behandelt zu haben, schrieb der Sozialreferent der Hitlerjugend "Da sich die Aussagen Ihres Lehrlings betreffs seiner Behandlung bei Ihnen als unwahr erwiesen haben, sehe ich mich verpflichtet, die Anschuldigung, die gegen Sie unsererseits erhoben wurde, zurückzunehmen".

1940 war es auch, als mein Vater mit 17 in Weimar Häftlinge des KL Buchenwald in ihren gestreiften Anzügen die Straßen reinigen und Mülltonnen leeren sah. 

Die Geschichte der damaligen Zeit hat auch heute noch viele weiße Flecken.

 

Laurenz

28. März 2022 13:37

Wenn man Ihre Buch-Kritik liest, die historischen Daten wegläßt, sind die Namen Hitlers oder Görings schlicht mit Steinmeier oder Scholz austauschbar. Es existiert kein Unterschied, abgesehen davon, daß der Westwall Hitlers Scholzens neuer Raketenschirm ist.

Wahrheitssucher

28. März 2022 17:17

Interessante Ansätze zum Thema bei Götz Aly: Hitlers Volksstaat - „Wohlfühl Diktatur“…

Allnichts

28. März 2022 17:36

Der Nationalsozialismus hat einen Totalitätsanspruch formuliert und diesen im Inneren in gewisser Weise, in mancher Hinsicht auch durchgesetzt - dies als wert- und urteilsfreie Feststellung. Daraus wurde und wird allerdings immer wieder die Erzählung gestrickt, alles sei vereinheitlicht und vorbestimmt, jeder Teil des gesellschaftlichen und persönlichen Lebens sei absichtsvoll vom Nationalsozialismus durchdrungen gewesen, jedes davon abweichende Verhalten sei bestraft worden. Die tiefergehende Beschäftigung mit dem Dritten Reich offenbart ein vielschichtigeres, ein anderes Bild. Es gab allerlei Freiräume, es wurde sich Freiraum genommen, Widerspruch konnte ausgehalten werden. Steile These: "Diktatur" ist eine Kennzeichnung der Sieger und ihrer Nachfolger.

Soll sich die BRD eben weiterhin die Normalität der Weimarer Republik zum Vorbild nehmen. Ich lehne dankend ab.

RMH

28. März 2022 21:42

Es ist auch unter etablierten Historikern unstreitig, dass im sog. "dritten Reich" nicht von heute auf morgen quasi die Lichter der Freiheit ausgingen. Das sind stufenweise Prozesse und der "Frosch" wurde auch damals nicht ins kochende Wasser geworfen sondern die Temperatur wurde erhöht. Der weltbekannte Spruch Niemöllers gilt zudem:

"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

PS: Das Buch ist - wie die Kritik es beschreibt - eigentlich überflüssig. Es gibt schon genug mit dieser Thematik und jeder hat auch noch eigene familiäre Erzählungen/ Erinnerungen. 

Der_Juergen

28. März 2022 21:49

@Allnichts

Ich hätte wahrhaftig nicht gedacht, dass ich je einer Wortmeldung von Ihnen beipflichten würde, aber diesmal haben Sie das Richtige geschrieben.

Martin Lichtmesz

28. März 2022 22:14

Dieser Tonfall über 500 Seiten,  was für Tortur muß das sein... Aus dem Stoff, den er zusammengetragen hat, könnte man ein enorm interessantes Buch schreiben, das ein komplexeres Bild des Dritten Reichs zeichnet als üblich, aber Tröpfe dieser Art ziehen die wohlfeile Selbstüberhebung über die Vergangenheit vor. 

Imagine

29. März 2022 02:00

1/2

Das Leben im Nazisystem war für die meisten Menschen ganz normal, so wie heute das Leben in unserer Gesellschaft für die meisten normal ist.

Eine Hölle hingegen war es damals für die politisch Verfolgten und für die zu Volksfeinden und Volksschädlingen Gemachten, für Kommunisten, Sozialisten, Gewerkschaftler, kritische Intelligenz und selbstverständlich für die Juden.

Aber für die Mittelmäßigen und Doofen war die Hitlerzeit ein Paradies.

Jeder, der offiziell als „Arier“ klassifiziert war, durfte sich als Herrenmensch imaginieren und sofern er Teil des Nazi-Gewaltapparates war, auch als Herrenmensch verhalten. Er durfte befehlen, er durfte quälen, foltern und töten, und zwar auch Menschen, die bildungs-, intelligenz- und leistungsmäßig über ihm standen.

Die Doofen hatten klare Vorgaben und Befehle, sie mussten sich nur anpassen. Das Menschen- und Gesellschaftsbild sowie das Verhaltensrepertoire waren simpel und primitiv. Führer befiel, wir folgen dir!

Nicht nur Eichmann, sondern die gesamte Nazi-Anhängerschaft waren durch eine „Banalität des Bösen“ (H. Arendt) gekennzeichnet.

Imagine

29. März 2022 02:02

2/2

Es lebt sich leicht und entlastet in autoritär-hierarchischen Zusammenhängen. A. Gehlen hat darauf hingewiesen. Nie musste ich so wenig eigenständig denken und handeln, wie zur Zeit des Kasernenlebens.

Es ist easy, sich so zu verhalten wie die drei Affen, angepasst und konfliktvermeidend..

Michael Schmidt-Salomon hat vor 10 Jahren versucht, mit seinem Buch „Keine Macht den Doofen“ gegen diese gesellschaftliche Entwicklung aufzubegehren. Völlig aussichtlos. Regierungen, Politiker, Medienleute, Wissenschaftler, Studenten und die Massen wurden immer doofer.

Die Menschen lassen sich in Serie impfen, tragen medizinischen Masken beim Radfahren, akzeptieren Ausgangssperren etc. Sie lassen sich nach Strich und Faden verarschen, halten sich selbst aber für die Guten und Intelligenteren.

Da läuft eine gesellschaftliche Dynamik ab, die es zu erforschen und zu verstehen gilt. Geschieht aber nicht.

RMH

29. März 2022 07:03

"Die tiefergehende Beschäftigung mit dem Dritten Reich offenbart ein vielschichtigeres, ein anderes Bild. Es gab allerlei Freiräume, es wurde sich Freiraum genommen, Widerspruch konnte ausgehalten werden."

1.

Bei dem Thema kann man eben 1935 überhaupt nicht mit Januar 45 vergleichen. Es waren 12 Jahre und gerade der Zeitraum 38 bis 39 dürfte - trotz Eintritt in den Krieg mit für heutige Zeiten bereits unvorstellbaren Verlusten im Polenfeldzug - der Zeitraum gewesen sein, in dem in Deutschland unter den Deutschen, die nicht einer Minderheit angehörten, Hitler die höchste Zustimmung hatte. Während des Terrors der Nazis in der Endphase des WK II auch gegenüber Deutschen war von dieser breiten Zustimmung nur noch wenig zu spüren.

RMH

29. März 2022 07:07

2.

Zudem habe ich aus den Erzählungen meiner Familie mitgenommen, dass es einer der üblichen Tricks der Nazis war, gerne auch eine gewisse Milde gegenüber ansonsten unverdächtigen Deutschen (keine Kommunisten etc.) walten zu lassen, nachdem Motto, dieses Mal kommst Du - entgegen den klaren Weisungen! - dank mir Nazibonze und meines Großmutes noch nicht ins Lager (das reichte in in den meisten Fällen aus, dass zukünftig gekuscht wurde). Wenn Ungeimpfte heute den Vergleich mit Verfolgten des III. Reiches in ihrem Protest ziehen, dann ist das zwar Äpfel mit Birnen vergleichen, bei dessen öffentlicher Äußerung sich unser Staat strafrechtlich nicht mehr großzügig zeigt, aber ein kleiner Wahrheitskern steckt bei aller Maßstabsverzerrung schon darin: Nämlich genau jenes Wegschauen der Mehrheitsgesellschaft, wie es Niemöller ausgedrückt hat. Ich bin Geimpft, mir ist egal, ob Ungeimpfte diskriminiert werden und damals eben: Ich bin Deutscher, kein Kommunist, mir egal, was mit den anderen (in natürlich viel schlimmeren Maße) geschieht bis hin zu: Richtig, dass "die" mal eine Abreibung bekommen oder ihr Vermögen oder noch mehr verlieren.

Laurenz

29. März 2022 10:42

Das ganze linke Gequatsche hier ist extrem nervig, weil dümmlich.

In den ersten 6 Friedensjahren unter dem Nationalsozialismus profitierte eine Mehrheit, materiell, wie mental. Das ist absolut vergleichbar zum heutigen China. Man ist einfach froh, der hungernden Armut entkommen zu sein. Die Nationalsozialisten waren Pop-Sterne. Sowas erlebte man in der BRD nie mehr. Maximal bei ausländischen Regierungschefs wie Kennedy oder Reagan war solch eine populäre Stimmung beim Volk zu bemerken. Willy Brandt durfte dies mal in Erfurt kosten, als ihm "Willy, Willy"-Rufe begleiteten.

Unter dem Nationalsozialismus gab es, außer für Minderheiten, absolute Reisefreiheit. Das können sich nur politische Systeme erlauben, die ökonomisch funktionieren. Der brutale Umgang mit Oppositionellen war seinerzeit ganz normal. Während der Kriegszeit, die @RMH & andere hier fehlinterpretieren, wird einfach zu wenig der menschliche Aspekt berücksichtigt.

Gotlandfahrer

29. März 2022 11:13

1/2

Zu: „Diktatur im Alltag“: Der nordwestdeutsche Zweig meiner Bande traf sich vor, während und (sofern noch am Leben) nach "der Zeit" regelmäßig, buntgemischt an politischer Präferenz, zum Kaffeekränzchen, und wenn's zu emotional wurde unterband die Omma das Thema und man trank ein Schnäppschen.  Einer der Aufbrausenden schrie mehrfach vom Dache "Nazi verrecke", und zwar als diese noch was zu sagen hatten.  Jeder in der Straße hörte es und es geschah: Nichts.  Verbürgt wurde mir ferner, dass eine Nachbarin einstmals eine Aufforderung erhielt, sich am Bahnhof einzufinden, maximal ein Gepäckstück bitte. Ihr Hausarzt schrieb sie transportunfähig (nicht: impfunfähig).  Man stand auch noch nach 45 in gutem Kontakt. 

...

Gotlandfahrer

29. März 2022 11:14

Und:

2/2

"Am 30. Januar 1937 verlängerte der Reichstag (…) das (…) Ermächtigungsgesetz (...) auf weitere vier Jahre.  Aus diesem Anlass verlieh Hitler den Ministern (...) als Auszeichnung, da es staatliche Orden damals (..) nur für Ausländer gab, das 'Goldenen Parteiabzeichen'. (...) Reichsverkehrsminister Frh. Eltz von Rübenach lehnte, der er strenger Katholik war und für die Regierungsmitglieder mit der Auszeichnung eine Parteimitgliedschaft verbunden wurde, die Annahme ab."

Ja, Hitler war deshalb beleidigt und forderte ihn zum Rücktritt auf.  Und ja, das ist nicht aus dem Alltag.  Aber zur Frage der "Diktatur im Alltag" lässt dies Schlüsse zu. Wenn man sich heute im Alltag trifft, überlegt man gut, was man sagt.

 

Niekisch

29. März 2022 11:16

"..die gesamte Nazi-Anhängerschaft waren durch eine „Banalität des Bösen“ (H. Arendt) gekennzeichnet".

@ Imagine29.3. 2:00:Für alle diejenigen, die sich gegen diese Frechheit nicht mehr wehren können, weise ich sie zurück, insbesondere für meine Verwandten, die vor 1945 geopfert und nach 1945 bitter bezahlt haben.

Allnichts

29. März 2022 12:04

1/2

RMH:

Zunächst gehe ich davon aus, dass wir den Nationalsozialismus sowie die Zeit des Dritten Reiches unterschiedlich bewerten. Davon abgesehen stimme ich darin überein, dass nicht nur, aber auch in Sachen Zustimmung und Beliebtheit in mehrere Phasen unterschieden und eine Entwicklung festgestellt werden kann, was dann jeweils auch einen gewissen Einfluss darauf hatte, wie seitens der Regierung mit Freiräumen und Widersprüchen umgegangen wurde. Diese jeweilige Phase bzw. die gesamte Enwticklung waren allerdings nicht die einzigen relevanten Faktoren und wahrscheinlich nicht einmal immer die ausschlaggebenden.

Was ich an der Erzählung aus Ihrer Familie nicht ganz nachvollziehen kann, ist, warum Sie diese zum Anlass nehmen, im beschriebenen Vorgehen einen "Trick der Nazis" zu sehen, wenn sie doch vielmehr in die Richtung weist, dass es sich eben nicht um ein streng auf die Einhaltung der geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze pochendes Tyrannensystem gehandelt hat, sondern neben gewiss vorhandener Härte eben auch Milde, Gnade, Augenmaß üblich waren. Letztlich konnte in allen oben angedeuteten Phasen einerseits ein kleines Vergehen hart bestraft und andererseits deutlicher Widerspruch, Opposition ohne grosse Folgen geduldet werden. Oftmals mag es dabei auch weniger um die Sache und mehr um die beteiligten Personen gegangen sein. Wie heute eben auch.

Allnichts

29. März 2022 13:28

2/2

Niemöller wollte warnen, schön und gut und durchaus bedenkenswert. Aber hat sich die Warnung in der Art und Weise bezogen auf das Dritte Reich als gerechtfertigt erwiesen?

Ihre Argumentation geht in dieselbe Richtung wie jene von "PoC", sexuellen Randgruppen und den anderen üblichen Verdächtigen. Diskriminierung kann angebracht und sinnvoll sein, egal, ob nun gegenüber kleinen oder grossen Gruppen. Jede überlegene Gruppe diskriminiert unterlegene Gruppen in irgendeiner Weise. Das Problem ist nicht Diskriminierung an sich, sondern dass immer mehr die falschen Personen und Gruppen über Diskriminierung bestimmen.

Der_Juergen:

Gelegentlich schreibe ich auch mal etwas Richtiges.

Imagine

29. März 2022 13:52

Zur Banalität des Bösen gehörten das Blockwartsystem und die  Ausübung von Macht und Gewalt durchs Denunzieren.

Kein spezifisch deutsches Phänomen.

Man denke z.B.an die Schweiz, wo sich konformistisches Anpassen und das Denunzieren auch großer Beliebtheit erfreu(t)en. Und auch die Macht- und Gewaltausübung gegenüber den Nichtkonformen.

vgl. Friedrich Dürrenmatt: "Die Schweiz - ein Gefängnis" (https://youtu.be/ACvbhrEotqI)

Und jetzt wieder während des Corona-Szenarios.

Man denke an die Ministerpräsidentenkonferenzen in Deutschland, wobei die Machtausübung mit Drangsalierung und Freiheitseinschränkungen der Untertanen diesen hochgekommenen Parvenüs, Psychopathen und Primitivlingen offensichtlich große Lust bereitete.

Die sadistische Machtausübung von Primitivos ist typisch für die „Banalität des Bösen“.

Herr K aus O

29. März 2022 16:53

Ich erlaube mir eine Empfehlung: Erika Mann, Wenn die Lichter ausgehen. Kleine Miniaturen über den Alltag im Dritten Reich. Betrachtet man die großen Reden im Sportpalast, das Ende des Dritten Reiches, die Verbrechen dann kann man leicht sagen: Na eben, so war es, klarer Verlauf usw. Aber es war viel subtiler, manchmal viel kleiner.

Gracchus

29. März 2022 18:35

Das ganze Buch scheint von unfreiwilliger Komik. Ob Frau Kositza es wirklich von vorne bis hinten durchgelesen hat?

Was ich mitnehme: pläken. Das Verb ist mir unbekannt. 

Wesentlich interessanter scheint das Buch von Monika Black, das Frau Kositza im aktuellen Video bespricht.

Und @imagine hat den Stabreim entdeckt: "Parvenüs, Psychopathen und Primitivlinge". Titel für ein geplantes Buch? Dann besser weniger Silben. Vielleicht bespricht es Frau Kositza dann auch.

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