Fahne: hoch

PDF der Druckfassung aus Sezession 102/ Juni 2021

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ich erlau­be mir, die hier dar­ge­stell­te Tra­gö­die mit einem Bild­de­tail zu begin­nen, das viel­leicht zu erhei­tern ver­mag – damit die Stim­mung nicht gleich in Tris­tesse kippt. Wir sehen ganz rechts im Bil­de einen pflanz­li­chen Altar­raum­schmuck. Es ist ein Gewächs, das der Volks­mund »Zimmer­palme« nennt. Ein unsen­si­bles Immer­grün, das kei­ner beson­de­ren Pfle­ge bedarf. Man kann es gele­gent­lich abstau­ben, muß es aber nicht.

Mich erin­nert die­ses heu­te even­tu­ell modi­sche Farb­tup­ferl an fol­gen­de Anek­do­te aus mei­ner Kind­heit: Im Über­gang von der vier­ten zur fünf­ten Klas­se woll­te ich gern (als ein­zi­ge aus mei­ner Klas­se; die ande­ren woll­ten gern die hes­si­sche »För­der­stu­fe« erle­ben) auf die »Marien­schule der Ursu­li­nen«, eine Mäd­chen­schu­le, wech­seln. Das gestal­te­te sich nicht ein­fach. Es kos­te­te Geld. Und man muß­te neben guten Noten einen gewis­sen »Leu­mund« auf­wei­sen. Ich, fle­hend: »Aber die Chris­ti­ne [Nach­bars­toch­ter] wur­de doch auch ein­fach auf­ge­nom­men!« Mei­ne Mut­ter: »Klar. Da schmü­cken die Eltern die Kir­che auch mit Blu­men aus!« Ich, voll­ends naiv und zugleich meta­phern­af­fin: »Aber – das tun wir doch auch! Wir ver­säu­men kei­nen Sonn­tag! Der Papa trägt zu Fron­leich­nam den Him­mel! Ich gehe zur Ohren­beich­te, als einzige!«

Spät wur­de mir klar, daß die Eltern von Chris­ti­ne wort­wört­lich für den teu­ren sonn­täg­li­chen Blu­men­schmuck sorg­ten. Also für kost­spie­li­ge Rosen- und Lili­en­bou­quets; ein sai­so­na­ler Farb­rausch für den Altar und ein klei­ner, um so hüb­sche­rer für die Mari­en­fi­gur auf der lin­ken Sei­te. Hier im Bild sehen wir nur das ste­ril-gelang­weil­te Pal­men­ge­wächs, ein biß­chen Pseu­do­grün also; bloß kei­nen fal­schen Auf­wand, der dann gleich als papis­ti­scher Pomp und Prunk inter­pre­tiert wer­den könnte!

In der katho­li­schen Amts­kir­che von heu­te geht es zuvör­derst um Nüch­tern­heit – was im Grun­de pro­tes­tan­tisch anmu­tet. Zum zwei­ten geht es aller­dings um das genaue Gegen­teil – näm­lich um das Exzeß­haf­te. Bevor ich end­lich auf das hier Abge­bil­de­te zu spre­chen kom­me, möch­te ich auf ein »viral gehen­des« Video ein­ge­hen, das zu Ostern 2021 in einer katho­li­schen Kir­che in Inzing / Tirol auf­ge­nom­men wur­de. Pfar­rer Josef Schei­ring schwingt hier mund­na­sen­mas­ken­be­wehrt das Tanz­bein, und zwar vor einem Hoch­al­tar, der hier­bei stur das Hin­ter­grund­bild gibt.

Flan­kiert wird P. Schei­ring von wild tan­zen­den Meßdiener*innen. Sie alle bewe­gen sich zu einem süd­afri­ka­ni­schen »Corona­hit« namens »Jeru­s­ale­ma«. Die­ser popu­lä­re Song ist in Zulu-Spra­che ver­faßt – viel Ver­gnü­gen bei Über­set­zungs­ver­su­chen! Nach der Tanz­ein­la­ge ver­läßt die­se unheim­li­che Coro­na fröh­lich klat­schend (die soge­nann­te Gemein­de swingt hör­bar mit) die Kir­che. Ver­gleich­ba­re Sze­nen sehen wir dut­zend­fach auf ent­spre­chen­den Kanä­len. Der beschwing­te »Jeru­s­ale­ma-Tanz« fin­det auf Kran­ken­sta­tio­nen und in Altar­räu­men der hal­ben Welt statt. Ful­da­er Non­nen zei­gen ihn keck. Münch­ner Pries­ter­amt­skan­di­da­ten wackeln eben­falls fröh­lich mit den Hüften.

Dem Ver­neh­men nach geht es den tän­zeln­den Prot­ago­nis­ten dar­um, Hei­ter­keit und »Mut« in düs­te­rer (Coro­na-) Zeit auf­zu­zei­gen. Mit ­Goe­the gespro­chen: »Die Bot­schaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glau­be.« Die Fra­ge stellt sich, war­um bei die­sem Hype weder a) die isla­mi­schen Ver­bän­de, b) die ortho­do­xen Kir­chen, c) die katho­li­schen Gemein­schaf­ten der Tra­di­ti­on (die also das II. Vati­ca­num nicht aner­ken­nen, vul­go die Pius- und die Petrus­bru­der­schaft) mit­wa­ckeln. Was macht das mit einem nor­mal­ka­tho­li­schen Gemüt?

Schwen­ken wir auf einen ande­ren ­aktu­el­len Fall, näm­lich auf das Bild: Am 10. Mai 2021 domi­nier­te der »Hash­tag« #lie­be­ge­winnt. Das bedeu­te­te: An die­sem Tag seg­ne­ten ­katho­li­sche Pfar­rer (meh­re­re hun­dert deutsch­land­weit) homo­sexuelle Part­ner­schaf­ten. Zwei ­Pres­se­fo­tos präg­ten die­ses Ereig­nis. Auf dem einen, das durch die Medi­en ging, ist ein pro­to­ty­pi­sches Homo­paar zu sehen: zwei grau­durch­wirk­te Les­bie­rin­nen in ihren spä­ten fünf­zi­ger Jah­ren (klas­sisch: die eine kurz­haa­rig im »Anzug«, die ande­re mit­tel­haa­rig im Öko­kleid), über die der Pfar­rer mas­ken­be­wehrt sei­ne Arme zum Segens­gruß aus­brei­tet. Der Seg­nungs­be­voll­mäch­tig­te trägt rechts eine graue Schlä­fe im dunk­len Kurz­haar. Das tut er auch im obi­gen Bild mit der Zim­mer­pal­me – womög­lich han­delt es sich um die­sel­be Per­son. Hier liest er offen­sicht­lich vor, die Hän­de, wir erah­nen es bloß, fromm gefal­tet. Wir kön­nen nicht wis­sen, was er liest. Gewiß kei­ne der zahl­rei­chen Bibel­stel­len, die die sexu­el­le Begeg­nung zwei­er Men­schen glei­chen Geschlechts strikt unter­sa­gen und als Tod­sün­de mar­kie­ren. Viel­leicht eine Für­bit­te, deren Inhalt ins Befin­den des Zeit­geis­tes gestellt ist?

Wir erin­nern uns: Für­bit­ten sind erst seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil (1965) wie­der Teil der hei­li­gen Mes­se. Im angel­säch­si­schen Sprach­raum sind die­se Für­bit­ten oft sehr per­sön­lich und teils herz­zer­rei­ßend – im deutsch­spra­chi­gen Gebiet geht es für­bit­tend gern um die aktu­el­le Poli­tik und soge­nann­te Gegen­warts­pro­ble­me. Der Herr soll machen, daß »die Popu­lis­ten« nicht die Macht gewin­nen, er soll machen, daß der Impf­stoff für alle reicht.

Als gesi­chert darf gel­ten, daß das His­sen der soge­nann­ten Regen­bo­gen­fah­ne inner­halb der seit Jahr­hun­der­ten über­kom­me­nen gött­li­chen Lit­ur­gie und selbst in ihrer modi­schen Ver­si­on nicht vor­ge­se­hen ist. Gott hat (Gen 9,13–17) den Regen­bo­gen zu Noahs Zei­ten gestif­tet als Bund zwi­schen Ihm und »allem Fleisch auf Erden«. Daß damit das lüs­ter­ne Fleisch der gleich­ge­schlecht­li­chen Zuge­neigt­heit gemeint sei, wäre eine äußerst freie, ver­mut­lich blas­phe­mi­sche Interpretation.

Nun wird den­noch hier, sie­he oben, mit hei­lig­mä­ßi­ger Anmu­tung die Regen­bo­gen­fah­ne erho­ben. Zwei älte­re Frau­en in offen­kun­dig sakra­len Gewän­dern tun es. Ihr Mut­wil­len und Fleiß sind offen­sicht­lich. Die kurz­haa­ri­ge Weiß­ge­wan­de­te mit dem Fit­neß­arm­band hat eben­so sicht­ba­re Mühe, die bun­te Fah­ne hoch­zu­hal­ten, wie ihr noch klei­ne­res, mas­kier­tes Gegen­über. Viel Eifer liegt in die­sem Bild; Gezer­re und Anstren­gung: Es gilt, die Fah­ne hochzuhalten!

Wie beschei­den, demü­tig, schick­sals­be­foh­len und doch erha­ben wirkt da die Hei­li­ge Got­tes­mut­ter Maria im Hin­ter­grund. Anders als die bei­den Ver­tre­te­rin­nen ihres Geschlechts hält sie den Kopf beschei­den geneigt, wie zur Innen­schau. Sie erscheint als eine Kon­junk­tur aus Demut und Stolz, den Satz ihres Herrn nach­spre­chend: »Vater, ver­gib ihnen, denn sie wis­sen nicht, was sie tun.«

Papst Fran­zis­kus hat die Seg­nung homo­se­xu­el­ler Paa­re unter­sagt. Belieb­tes Gegen­ar­gu­ment: Die Kir­che seg­net Autos, Brau­kes­sel und Tie­re, war­um nicht also homo­se­xu­el­le Bin­dun­gen? Die Ant­wort ist ein­deu­tig und logisch: Einem homo­se­xu­el­len Men­schen darf die Kir­che trotz des­sen Ver­ir­rung einen Segen spen­den, aber nie­mals einer ganz und gar unbi­bli­schen Part­ner­schaft, die im sexu­el­len Voll­zug ein­deu­tig und zwei­fel­los sünd­haft ist.

Es sagt viel über den geis­tig-mora­li­schen Zustand unse­res Lan­des aus, wenn aus­ge­rech­net und vor allem deut­sche Pfar­rer dage­gen (im Wort­sin­ne: grund­los) auf­be­geh­ren. Sie tun es mit seich­ten Wor­ten: »Gott läßt sich über­all dort fin­den, wo Men­schen in Lie­be und Treue mit­ein­an­der ver­bun­den sind und ein­an­der in Respekt begeg­nen«: So reagier­ten meh­re­re Nürn­ber­ger Pfar­rer auf das Ver­bot der Seg­nung homo­se­xu­el­ler Paa­re durch die katho­li­sche Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on in Rom.

Rücken­wind erhiel­ten sie und Dut­zen­de ande­rer Dis­si­den­ter (in Bel­gi­en stand die gesam­te Bischofs­kon­fe­renz für eine Seg­nungs­er­laub­nis ein) durch ein Inter­view, das auf dem Leit­me­di­um katholisch.de ver­öf­fent­licht wur­de. Es sprach dort der jun­ge, schi­cke »Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ex­per­te« Erik Flüg­ge, der »Kam­pa­gnen­stra­te­gie an der Uni­ver­si­tät Bochum im Stu­di­en­gang für cross­me­dia­le Glau­bens­kom­mu­ni­ka­ti­on« unter­rich­tet: Das Seg­nungs­ver­bot wider­spre­che »dem Wis­sens­stand unse­rer Zeit über die Bibel, igno­riert theo­lo­gi­sche For­schung zu die­sem The­ma und human­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se über die Natur des Men­schen und damit über die Natur der Schöpfung«.

Wei­te­rer Rücken­wind kommt nicht zuletzt durch den Papst selbst, der schließ­lich doch nur zu einem »Jein« zu den Seg­nungs­wün­schen fand. Es kommt nicht dar­auf an, woher der Wind weht, son­dern wie man die Segel setzt, wuß­te Sokrates.

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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