Der ängstliche Körper

PDF der Druckfassung aus Sezession 102/ Juni 2021

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

»Das macht mir irgend­wie angst.« »Da krieg ich arge Bauch­schmer­zen.« Darf man sagen, daß dies heu­te popu­lä­re Geständ­nis­se sei­en? Vor drei­ßig, vier­zig Jah­ren wären sol­che Äuße­rung unüb­lich gewe­sen. Damals war das Zeit­al­ter der öffent­li­chen Emo­ti­on noch nicht ange­bro­chen. Daß sich Ängs­te und Sor­gen gern kör­per­me­tapho­risch klei­den, ist kon­se­quent. Bei­des hängt ja tat­säch­lich zusammen.

Offen geäu­ßer­te Angst eig­net genau wie der sich soma­tisch arti­ku­lie­ren­den, hypo­chon­dri­schen Sor­ge etwas Anste­cken­des. Wir ken­nen das aus dem Nah­be­reich: Eine Schü­le­rin äußert, ihr sei »voll schlecht«. Eine wei­te­re folgt, dann setzt der Domi­no­ef­fekt ein: Es fol­gen eine drit­te, gar eine vier­te, fast allen ist plötz­lich spei­übel, Gen­der­ge­fäl­le inklu­si­ve, also eher den Mäd­chen – par­don, aber das ist evi­dent, Eltern von Schul­kin­dern wer­den wis­sen, was ich meine.

Inwie­fern greift die Kon­junk­tur eines im Klas­sen­zim­mer oder – das Sze­na­rio mal im grö­ße­ren Maß­stab ange­nom­men – medi­al ver­viel­fäl­tig­ten Begriffs auf die (gefühl­te) Rea­li­tät über? Der Ter­mi­nus bezie­hungs­wei­se die Gefühls­äu­ße­rung »Angst« sowie mit ihr asso­zi­ier­te Wort­ver­wand­te (Panik, Trau­ma, Trig­ger, Flash­back) sind seit etli­chen Jah­ren auf gewis­se Art so modisch wie magne­tisch gewor­den: Film­sze­nen, in denen einer Frau anzüg­lich hin­ter­her­ge­pfif­fen wird, »trig­gern« emp­find­sa­me Gemü­ter, denen auch mal hin­ter­her­ge­pfif­fen wur­de. Einer, der in sei­ner Umge­bung Augen­zeu­ge eines ana­phy­lak­ti­schen Schocks wur­de, lei­det fort­an schwer unter Bie­nen­pa­nik. Jemand, der die Groß­mutter auf dem Ster­be­bett sah, ist »trau­ma­ti­siert« und kann das Wort »Tod« nicht mehr ertra­gen. Offen­kun­dig haben uns 71 Jah­re ohne Krieg (übri­gens ein Rekord) zu einem zit­tern­den, bib­bern­den, angst­süch­ti­gen Volks­kör­per gemacht.

Es gibt nun also eine »Angst­spi­ra­le«, ana­log zur »Schwei­ge­spi­ra­le«, die die Demo­sko­pin Eli­sa­beth Noel­le-Neu­mann 1965 kon­sta­tier­te (und 1972 aktua­li­sier­te). Opfer der soge­nann­ten Schwei­ge­spi­ra­le hiel­ten und hal­ten den Mund, weil sie lie­ber nicht zu denen gehö­ren woll­ten und wol­len, die abseits der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung ste­hen. Das ist seit­her ein psy­cho­lo­gi­scher, häu­fig erklär­ter Effekt.

Ein erwäh­nens­wer­tes Phä­no­men zwi­schen der Schwei­ge- und der Angst­spi­ra­le ist übri­gens als »Bystan­der-Effekt« oder »Plu­ra­lis­ti­sche Igno­ranz« bekannt­ge­wor­den: Wer Unrecht gesche­hen sieht, wird mit nach­las­sen­der Wahr­schein­lich­keit ein­grei­fen, je mehr eben­falls taten­lo­se »Bystan­der«, also Dane­ben­ste­her, Zuschau­er, Gaf­fer anwe­send sind. Von der kon­kre­ten Lebens­welt ist das rela­tiv pro­blem­los auf die vir­tu­el­le Umge­bung der sozia­len Netz­wer­ke über­trag­bar: All die­se sozio­lo­gisch greif­ba­ren Phä­no­me­ne betref­fen die Grup­pen­dy­na­mik. Im Zeit­al­ter der sozia­len Medi­en ist nichts ohne sol­che Bewe­gungs­rich­tun­gen rele­vant. Schwei­gen, Igno­rie­ren, Angst haben – das ist eine Trias.

Die Angst­spi­ra­le greift noch mehr als die Schwei­ge­spi­ra­le oder der Zuschauer­ef­fekt vom rein see­lisch-mora­li­schen Raum über auf den Leib. Sie gemein­det den Kör­per ein in ihre been­gen­den Mecha­nis­men. Angst pflegt nicht im dif­fus »See­li­schen« ste­cken­zu­blei­ben. Angst spie­gelt sich stets im Kör­per ab. Ech­te Angst löst zwin­gend kör­per­li­che Reak­tio­nen aus: Herz­ra­sen, Schweiß­aus­bruch, Zit­tern, Atemnot.

Daß es »nütz­li­che« Ängs­te – näm­lich bei kon­kret dro­hen­der Gefahr – und damit ein­her­ge­hen­de Kör­per­re­ak­tio­nen gibt, ist bekannt. Ängs­te, die sich nicht in Flucht oder offen­si­vem Wider­stand arti­ku­lie­ren kön­nen, schla­gen auf ent­le­ge­ne­re Sym­pto­me um. Bekannt ist die­se Inter­de­pen­denz zwi­schen Kör­per und See­le seit Jahr­hun­der­ten. Nie­der­schlag in der publi­kums­ori­en­tier­ten Kul­tur fand das Phä­no­men bei­spiel­haft in Rai­ner Wer­ner Fass­bin­ders Gast­ar­bei­ter-Melo­dram Angst essen See­le auf von 1974. Hier erlei­det der (offen­siv als bemit­lei­dens­wert gefram­te) Marok­ka­ner Ali ein sor­gen­be­ding­tes Magen­schwür, »wie so vie­le Gast­ar­bei­ter, die unter schlech­ten Bedin­gun­gen lei­den« (Wiki­pe­dia).

Offi­zi­ell so bezeich­net und kas­sen­ärzt­lich finan­ziert wird der see­lisch-kör­per­li­che Zusam­men­hang, also die »Psy­cho­so­ma­tik«, trotz einer lan­gen For­schungs­vor­ge­schich­te aber erst seit 2003. Zuvor lie­fen Psy­cho­the­ra­pie (für die mil­de­ren Fäl­le, volks­tüm­lich: Neu­ro­sen) und Psych­ia­trie (für die hef­ti­ge­ren Kan­di­da­ten, die Psy­cho­ti­ker) par­al­lel, das heißt: getrennt zur kör­per­sym­ptom­ori­en­tier­ten Schul­me­di­zin. In der inso­fern recht neu­en psy­cho­so­ma­ti­schen Rubrik spielt das The­ma »Angst« eine über­aus gewich­ti­ge Rol­le. Es gibt eine Fül­le psy­cho­so­ma­tisch ori­en­tier­ter Lite­ra­tur zu The­men wie Eß- und Zwangs­stö­run­gen oder Alko­hol­sucht. Bücher zu Ängs­ten und Depres­sio­nen (die ohne­hin oft Hand in Hand gehen) tau­chen in Best­sel­ler­lis­ten auf. Angst­stö­run­gen und Panik­at­ta­cken für immer los­wer­den und Angst kocht auch nur mit Was­ser und Die Angst, der Bud­dha und ich: aktu­el­le Spit­zen­ti­tel, die den Rat­ge­ber­be­darf bedienen.

»Freie Plät­ze« bei ambu­lan­ten Psy­cho­the­ra­peu­ten (man ver­gißt das so leicht, wo stän­dig von vor­geb­lich feh­len­den »Inten­siv­bett­ka­pa­zi­tä­ten« die Rede ist) gibt es der­zeit kaum oder gar nicht mehr. Man staunt und kann es kaum glau­ben, wenn man die Zah­len psych­ia­tri­scher Fach­ver­bän­de liest, wonach zwölf Mil­lio­nen Deut­sche von Angst­stö­run­gen betrof­fen sind. ­Desta­tis, das offi­zi­el­le sta­tis­ti­sche Por­tal des Bun­des, stützt die­se küh­ne Behaup­tung jedoch: 25 Pro­zent der Deut­schen sind und waren in ihrem Leben »angst­ge­stört«. Diver­se »Ängs­te vor Din­gen oder Tie­ren« oder der Fak­tor »extre­me Schüch­tern­heit« (ein viel­sa­gen­des Phä­no­men, das man auf­fä­chern könn­te) machen dort den Haupt­teil aus.

Sämt­li­che offi­zi­el­len Angst­mes­sun­gen fan­den »vor Coro­na« statt. Die Angst in Coro­na-Zei­ten hat noch kei­ne Zif­fern – oder nur andeu­ten­de. Daß die Hälf­te der Bevöl­ke­rung heu­te fin­det, die »Coro­na-Maß­nah­men« sei­en noch nicht streng genug, gibt aber einen Hin­weis. Pfle­ge­kräf­te berich­ten, daß die Angst­sym­pto­ma­tik jener Per­so­nen, die sym­ptom­frei, aber »coro­na­po­si­tiv« ein­ge­lie­fert wer­den, den Arbeits­all­tag bestim­men – und daß die­se eigent­lich unbe­grün­de­te Angst den eigent­li­chen Streß auf »Coro­na-Sta­tio­nen« ver­ur­sa­che (auf dem You­Tube-Kanal Ken Jebs­ens fin­det man hier­zu viel­sa­gen­de Ori­gi­nal­tö­ne einer Intensivschwester).

Es gibt zeit­ge­bun­de­ne Ängs­te. Die Frau, die (in ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten viel­fach illus­triert) panisch auf den Tisch steigt, weil am Fuß­bo­den ein Mäus­lein wuselt – das ist nicht zeit­ge­mäß. Was heu­te – kur­zer Blick auf Dr. Goog­le – zuvör­derst »angst macht«: Mut­ter­schaft, Lock­down, Coro­na-Schutz­imp­fung, Qua­ran­tä­ne. Die Psy­cho­lo­gie unter­schei­det zwi­schen »Trait«- und »State«-Ängsten. Sta­te-Ängs­te sind aktu­el­le, sehr kon­kre­te Ängs­te. Trait-Ängs­te umfas­sen einen grund­le­gen­den Wesens­zug, knapp gesagt: eine wesent­li­che Ängst­lich­keit. Frau­en sind (seit über drei­ßig Jah­ren gel­ten die Umfra­gen des Ver­si­che­rers R+V als maß­geb­lich) dabei übri­gens durch­weg das ängst­li­che­re Geschlecht. In Zei­ten von Coro­na dürf­ten bei­de Angst­for­men eine ungu­te Kon­junk­ti­on eingehen.

Jedoch: Was sagen uns sol­che »reprä­sen­ta­ti­ven« Umfra­gen? Wenig. Ech­te Ängs­te sind wesent­lich Pri­vat­sa­che. Ech­te Ängs­te über­stei­gen das simp­le Besorgt­sein, das sich durch bekann­te (vor allem media­le) Mecha­nis­men zu einem teils töner­nen (also geschwät­zi­gen), teils ernst­haft läh­men­den Angst­trend ver­ste­ti­gen kann. Sie äußern sich auch nicht in einem Ja oder Nein zu kon­kre­ten Fra­gen eines Inter­view­ers. Wir dür­fen gespannt sein, wann sich Ängs­te »rund um Coro­na« in vali­den Umfra­gen nie­der­schla­gen – und ob es sich dabei um kurz­fris­ti­ge Kon­junk­tur­ängs­te oder um einen ech­ten, tief­ge­hen­den »Trig­ger­point« handelt.

Die tief­grei­fen­de Angst liegt nicht äuße­rungs­fer­tig auf der Zun­ge. Sie kriecht sub­ku­tan in die Kör­per. Von dort aus äußert sie sich nicht ver­bal, son­dern nimmt erst mal ohne Namens­schild Platz. Die­se Angst, die viel­leicht spä­ter als »somato­for­me Stö­rung« oder, spe­zi­el­ler, als »gene­ra­li­sier­te Angst­stö­rung« im medi­zi­ni­schen Kri­te­ri­en­ka­ta­log ange­kreuzt wird (falls der behan­deln­de Arzt sen­si­bel genug oder der Pati­ent ent­spre­chend wach­sam ist), nis­tet sich zunächst ein und macht es sich gemüt­lich. Ihr Zep­ter, das Zep­ter der Angst, regiert verborgen.

Ängs­te wer­den sel­ten als see­li­sche Nöte wahr­ge­nom­men. Sie fin­den kör­per­li­che Stell­ver­tre­ter. Zunächst wird dem Angst­in­ha­ber die Mög­lich­keit der Abwehr durch Kon­trol­le sug­ge­riert. Diver­se Fit­neß­tra­cker regeln das, wenigs­tens hal­ten sie uns infor­miert. Sie tei­len uns mit: Im Grun­de könn­ten wir alle heu­te bes­ser atmen, bes­ser essen, bes­ser lau­fen und durch­hal­ten und ja, auch bes­ser Abstand hal­ten. Wir haben es eigent­lich in der Hand, wenn nur die rich­ti­ge Dis­zi­plin und der eiser­ne Wil­le zuhan­den wären.

Gegen die Angst, die­se fie­se Köni­gin, hilft das lei­der nicht. Jeder müh­se­li­ge Ver­such, ihr Ein­halt zu gebie­ten, lie­fert ihr um so mehr Fut­ter. »You can run, but you can’t hide« ist eine viel­ver­ton­te Weis­heit: »Renn ruhig davon, es erwischt dich eh.« Angst wur­zelt wie die meis­ten psy­chi­schen Pro­ble­me im man­geln­den Selbst­ver­trau­en. Es ist nicht zuviel gesagt, daß uns genau dies – die Sou­ve­rä­ni­tät im eige­nen Beritt – seit Jahr­zehn­ten gezielt abtrai­niert wurde.

In Coro­na-Zei­ten kann man leicht zum Täter wer­den oder ein Täter­be­wußt­sein ent­wi­ckeln. Man kann so vie­les falsch machen. Man muß eigent­lich mit Argus­au­gen nicht nur sich selbst, son­dern das gesam­te Umfeld beob­ach­ten. Der poten­ti­el­le Sün­den­ka­ta­log ist gigan­tisch: Infek­ti­ons­angst, Aus­ge­hangst, Todes­angst, Impf­ne­ben­wir­kungs­angst, Regel­über­tre­tungs­angst, Impf­ver­pas­sungs­angst, Enkel­angst, Coronadiskussionsangst.

Die Angst­ma­schi­ne lief schon vor der Coro­na-Zäsur 2020 gut geölt. Es gibt angeb­lich so viel zu befürch­ten: Ras­sis­mus, Spal­tung, Kli­ma, Mob­bing, Dis­kri­mi­nie­rung, Haß­spra­che und so wei­ter. Offi­zi­ös gilt das Unken vom »Unter­gang des Abend­lan­des« als reak­tio­nä­rer Kul­tur­pes­si­mis­mus – allein, die soge­nann­ten Pro­gres­si­ven insze­nie­ren die­ses Dra­ma längst zu ihrem eige­nen Nut­zen. Das ist die Angst-Wen­de der Jetzt­zeit. Im angst­be­setz­ten Kör­per wohnt heu­te eine links­in­dok­tri­nier­te Gesinnung.

In Coro­na-Zei­ten regie­ren Sicher­heits­lo­gi­ken, wie wir sie frü­her nur aus Sci­ence-fic­tion-Roma­nen kann­ten. Fast jeder hät­te noch vor zwei Jah­ren ein Sze­na­ri­um mit rund­um mund­na­sen­schutz­mas­ken­be­wehr­ten Bür­gern für eine alber­ne, gro­tes­ke Dys­to­pie gehal­ten. Völ­lig über­zo­gen, total über­trie­ben! Die seman­ti­sche Ver­schie­bung zwi­schen »krank« und »gesund« unter­liegt einer bis­lang unge­kann­ten Para­noia: Gesund gefühlt kann hoch­in­fek­ti­ös bedeu­ten! Jeder kann Über­trä­ger sein! Über­all droht uns Unheil. Die Kri­te­ri­en für soge­nann­te krank­haf­te Ängs­te (Unan­ge­mes­sen­heit der Angst­re­ak­ti­on gegen­über den Bedro­hungs­quel­len; hohe Angst­in­ten­si­tät und Per­sis­tie­ren der Angst) gera­ten gera­de ins Wan­ken – und wer­den neben­her zum Massenphänomen.

Die soge­nann­te Coro­na­pan­de­mie ver­schafft uns durch indu­zier­te Angst also eine Unmen­ge psy­cho­so­ma­tisch Erkrank­ter. Inner­halb der ICD-10-­No­men­kla­tur, also der inter­na­tio­nal gebräuch­li­chen Klas­si­fi­ka­ti­on sämt­li­cher medi­zi­ni­scher Dia­gno­sen, sind die Chif­fren F40 bis F48 den »neu­ro­ti­schen, Belas­tungs- und somato­for­men Stö­run­gen« vor­be­hal­ten. Beson­ders inter­es­sant, weil nun über­re­prä­sen­tiert, sind die Krank­heits­bil­der F40 »Pho­bi­sche Stö­run­gen«, F41 »Panik­stö­run­gen« sowie F 41.8 »Angst­hys­te­rie«. Wie oben aus­ge­führt, haben Psy­cho­the­ra­peu­ten, Psy­cho­lo­gen und Psych­ia­ter seit etli­chen Mona­ten bun­des­weit kei­ne frei­en Ter­mi­ne mehr, weil der Andrang so groß ist. Zum Psy­chof­ach­mann über­wie­sen wird dabei kei­nes­falls jeder, der mit andau­ern­den Ober­bauch­schmer­zen, Herz­ra­sen, Schlaf­lo­sig­keit (also typi­schen Anzei­chen für eine gene­ra­li­sier­te Angst­stö­rung oder Depres­si­on) in die Haus­arzt­pra­xis kommt.

Viel­leicht – hier die Sicht eines medi­zi­ni­schen Lai­en – ist das rezen­te Angst­ge­sche­hen ver­gleich­bar mit krank­haf­ten, kör­per­li­chen Auto­im­mun­re­ak­tio­nen. In beson­ders hygie­ni­schen, ste­ri­len, städ­ti­schen Umstän­den auf­ge­wach­se­ne Kin­der ent­wi­ckeln bekannt­lich häu­fi­ger als Land­kin­der, die an Schmutz, Staub, Tie­re und Geschwis­ter gewöhnt sind, All­er­gien und ande­re »moder­ne«, soma­ti­sche Krankheitsbilder.

Ana­log reagiert heu­te vor allem der­je­ni­ge mit krank­haf­ten Ängs­ten, der zuvor jeder mut­for­dern­den Her­aus­for­de­rung und jeder Begeg­nung mit dem »ech­ten« Leben (jen­seits der Main­stream­be­kennt­nis­se) ent­wöhnt war. Angst­krank wird, das wäre mei­ne The­se, eher der Norm­ori­en­tier­te. Der, der den Sta­bi­li­täts­an­ker braucht, den das Trei­ben im und mit Haupt­strom bie­tet. Wie lau­ten und lau­te­ten die Devi­sen und erzie­he­ri­schen Mah­nun­gen an die »Arti­gen« der ver­gan­ge­nen deut­schen Jahr­zehn­te? Hüte dich vor die­sen Kei­men! Fall nicht aus der Rol­le! »Das macht man nicht!« Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!

Wer sich stark in den je gän­gi­gen Dis­kurs, in das aktu­ell Sag­ba­re inte­griert, gerät leich­ter ins Wan­ken, sobald Unsi­cher­hei­ten auf­tre­ten. Der Norm­ori­en­tier­te (und eigent­lich ist er ja der »gute Bür­ger«) ist ver­un­si­cher­bar. In sei­nem Jahr­hun­dert­werk The Lonely Crowd (1950; in deut­scher Über­set­zung 1956: Die ein­sa­me Mas­se) hat David Ries­man den ver­mut­lich bis heu­te gül­ti­gen Unter­schied zwi­schen »inner-direc­ted« und »other-direc­ted«, also zwi­schen außen- und innen­ge­lei­te­ten Per­sön­lich­kei­ten herausgearbeitet.

Dem­nach domi­niert heu­te der außen­ge­lenk­te, stark an medi­al ver­mit­tel­ten Nor­men ori­en­tier­te Typus. Abwei­chun­gen vom der­art ver­mit­tel­ten »Nor­ma­len« (wir schrie­ben damals die »harm­lo­sen« fünf­zi­ger Jah­re – und selbst noch in den Sech­zi­gern durf­ten Kon­tra­hen­ten wie Ador­no und Geh­len gepflegt im TV dis­pu­tie­ren!) erzeug­ten dabei ein Gefühl der Schuld. Heu­te, da der Mensch vie­le Stun­den täg­lich »an der Strip­pe« hängt, gilt das in weit stär­ke­rem Aus­maß als damals. Öffent­li­che Akzep­tanz ist heu­te längst zum bestim­men­den Wert­maß geworden.

Der Unter­schied zu frü­he­ren Zei­ten – Abweich­le­rei und Non­kon­for­mi­tät stan­den frag­los sel­ten hoch im Kurs! – ist ein drei­fa­cher: Ers­tens ist »Hal­tung« anders als in freie­ren Zei­ten heu­te ein mono­li­thi­scher Block: Zu unüber­schau­bar vie­len The­men und Fra­gen ist nur mehr eine Hal­tung (sank­ti­ons­frei) akzep­ta­bel. Zwei­tens: Die rich­ti­ge Hal­tung wird von der Wie­ge bis zur Bah­re staats­päd­ago­gisch betreut. Rebel­li­sche Jugend gibt es kaum, es gibt nur Wäch­ter des Kon­sen­ses und sol­che, die Angst haben, ihn zu über­tre­ten. Drit­tens: Das Gebot der Norm hat die Kör­per in stär­ke­rem Maße erfaßt, als das selbst zu kör­per­ver­herr­li­chen­den Zei­ten wie der NS-Ägi­de der Fall war.

Non­kon­for­mis­ten (sie müs­sen mitt­ler­wei­le, sie­he »Quer­den­ker«, nicht mal mehr annä­hernd »rechts« zu ver­or­ten sein; dies wird ihnen qua Dis­si­denz schlicht zuge­schrie­ben, zumal es ein Tot­schlag­ar­gu­ment ist) haben ihren Zoll zu zah­len. Wer heu­te jäh, also unver­se­hens, Unge­mach ver­spürt im Wahr­neh­men der Rea­li­tät bei gleich­zei­ti­gem Abgleich mit der ver­öf­fent­lich­ten »Wahr­heit«, kann ins Strau­cheln gera­ten! Die­se Dis­so­nanz, die das Aus-der-Rei­he-Tan­zen ver­ur­sacht, ist oft geis­tig nicht auf­zu­fan­gen. Sie fin­det aber ihre Wege – und wenn es Wege ins Ver­der­ben, zumin­dest in eine kör­per­li­che Sym­pto­ma­tik sind. Wem x‑fach mit­ge­teilt wird, er sei mit sei­ner Mei­nung, sei­nem Befin­den und sei­ner Gefühls­äu­ße­rung hier und heu­te »fehl am Plat­ze«, der mag wohl öffent­lich auf eben sei­ner Posi­ti­on, sei­ner Über­zeu­gung ver­har­ren. Der Streß, den die­se Beharr­lich­keit im Kör­per ver­ur­sacht, wird sich selbst bei Men­schen mit sta­bi­ler Gesund­heit frü­her oder spä­ter kör­per­lich niederschlagen.

Wäh­rend für die bei­den Coro­na-Jah­re noch kei­ne offi­zi­el­len Suizid­zahlen abruf­bar sind, warnt Ulrich Hegerl, Psych­ia­ter und Vor­sit­zen­der der Stif­tung Deut­sche Depres­si­ons­hil­fe, daß Selbst­tö­tun­gen seit je zu 90 Pro­zent in Ver­bin­dung mit einer nega­tiv ver­zerr­ten Welt­sicht ste­hen – womit wir heu­te ja gera­de­zu phan­tas­ti­sche Vor­aus­set­zun­gen hät­ten. Fest steht immer­hin: Wir wer­den Krüp­pel haben, vie­le. Aber ganz ande­rer Art als damals. Schön anzu­schau­en wird das aber auch nicht sein.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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