Kritik der Woche (21): Klassische Kunstgeschichte

von Wulf Wagner -- Das Werk Streifzüge durch die klassische Kunstgeschichte mit einer Kritik an Picasso von Reinhard Liess ist ein Manifest.

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Es ist ein Mani­fest des Sehens, der Schön­heit, der Kunst. Es ist das (umfang)reichste, durch­kom­po­nier­tes­te und auf einer fas­zi­nie­ren­den Bil­dungs­hö­he auf­bau­en­de Mani­fest frei­er Kunst(geschichte). Der sper­ri­ge Titel täuscht; kei­ne wei­te­re Stu­die zu Picas­so, son­dern ein Meis­ter­werk der Kunst­be­trach­tung, eine Offen­ba­rung des genau­en Sehens, ein von den Fin­ger­spit­zen Dürer­scher Gemäl­de bis zu den gro­ßen Fra­gen der Kunst rei­chen­des Lehr­buch, das aus dem »Ermü­dungs­zu­stand« gegen­wär­ti­ger Kunst­wis­sen­schaf­ten aus­bricht, indem es zu jenem uner­schöpf­li­chen Reich­tum unse­rer euro­päi­schen Kul­tur hin- und in die Höhen deut­schen Nach­den­kens über Schön­heit und Wahr­heit in der Kunst, wie dies seit Winckel­mann unse­rem Land eigen war, hinaufführt.

Rein­hard Liess (*1937 in Schle­si­en) – Schü­ler Hans Sedl­mayrs, Regie­as­sis­tent bei Wolf­gang Wag­ner in Bay­reuth, 1990 bis 2002 Pro­fes­sor in Osna­brück – hat fast zwei Jahr­zehn­te an die­sem Werk gear­bei­tet. Es ist kei­ne chro­no­lo­gi­sche Kunst­ge­schich­te, son­dern Schritt für Schritt bil­det Liess anhand zahl­rei­cher Kunst­wer­ke unser Hin­se­hen und damit unser Ver­ständ­nis für anti­ke Sta­tu­en, Raf­fa­els Madon­nen oder die so fern­ge­rückt erschei­nen­de Welt Michel­an­ge­los, Rubens’, Tizi­ans, Goyas und vie­ler mehr. Wer­ke der Ver­gan­gen­heit ver­bin­det Liess mit den Fra­gen der Moder­ne; Picas­so beglei­tet uns durch alle drei Bän­de. Vor allem erschließt Liess den heu­te in sei­nem Fach so ver­ach­te­ten Begriff der Schön­heit und ihrer Mannigfaltigkeit.

Liess kennt die ideo­lo­gi­schen Phra­sen ver­eng­ter Kunst­dis­kus­sio­nen. Bei­ßend sind sei­ne Kri­ti­ken an der »Sci­en­ti­fic cor­rect­ness«. Aber Liess geht es um mehr, um erhö­hen­de und ver­tief­te Bil­dung. Daher ist von einem blät­tern­den Lesen durch Her­aus­pi­cken etwa aktu­ell klin­gen­der Kapi­tel zu Aus­stel­lun­gen, zum Holo­caust-Mahn­mal, zur Glo­ba­li­sie­rung der Kunst abzu­ra­ten, denn damit wird nicht faß­bar, was in den bis ins kleins­te auf­ein­an­der auf­bau­en­den, sich durch­drin­gen­den und The­men immer wie­der neu durch­den­ken­den Kapi­teln anhand etwa einer Nio­bi­de, der Erschaf­fung Evas, der Bür­ger von Calais, der Madon­na des Hau­ses Pesa­ro und und und erar­bei­tet wor­den ist.

Liess’ Arbeit ist Arbeit für den Leser! Man las­se sich also viel Zeit, Zei­le für Zei­le, kein Kapi­tel über­sprin­gend, denn gera­de dann, wenn man glaubt, vor einer Wie­der­ho­lung zu ste­hen, setzt Liess neu an, folgt eine Über­ra­schung, die Klä­rung eines Begrif­fes, ein wei­te­rer Höhepunkt.

Die Wochen des sorg­fäl­ti­gen Lesens bedeu­ten gera­de für Jün­ge­re, für Kunst­his­to­ri­ker aber auch Künst­ler, einen unglaub­li­chen Bil­dungs­sprung über Jah­re hin­weg. Berei­chernd wird uns die­ses ideen- und gedan­ken­rei­che Werk durchs wei­te­re Leben beglei­ten, wer­den sich unse­re Museums­besuche ändern, denn hier schreibt jemand, der uns nicht nur teil­ha­ben läßt an sei­nen tief in die Bil­der ein­drin­gen­den Betrach­tun­gen, son­dern aus der Fül­le eines wah­ren Gelehr­ten­le­bens wei­te­re Tore auf­stößt, etwa wenn er Gemäl­de mit ver­ges­se­ner Lite­ra­tur des 19. Jahr­hun­derts oder Musik­wer­ken verbindet.

Bei alle­dem ver­liert sich Liess nicht, er wie­der­holt sich nicht, er hält durch­ge­hend sei­ne sprach­lich und gedank­lich kla­re Höhe auf­recht; Flos­keln und modi­sche Fase­lei­en gibt es nicht.

Wer nach 1674 groß­for­ma­ti­gen Sei­ten beim letz­ten Kapi­tel, dem hei­ter-melan­cho­li­schen »Paul Heyse: Der letz­te Zen­taur«, ange­langt ist, den ent­läßt Liess nach einer lan­gen Bil­dungs­rei­se humor­voll und auf eine künf­ti­ge Künst­ler­ge­nera­ti­on hof­fend zum eige­nen Wei­ter­den­ken in die Frei­heit und Höhe unse­rer Kunst.

– – –

Rein­hard Liess: Streif­zü­ge durch die klas­si­sche Kunst­ge­schich­te mit einer Kri­tik an Picas­so, Regens­burg: Ver­lag Schnell & Stei­ner 2021. 3 Bde., 1695 S., 99 € – hier bestel­len.

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Kommentare (52)

Maiordomus

6. April 2022 12:41

Sedlmayr war für mich als Jung-Konservativer mit "Verlust der Mitte", auf welches reaktionäre Buch ich u.a. durch "Jenseits von Angebot und Nachfrage" von Wilhelm Röpke 1966 aufmerksam wurde, eine Orientierungsgrösse, desgleichen das antimoderne Standardwerk "Mord an Apollo" von Alexander von Senger (gegen le Corbusier, ediert im Verlag von James Schwarzenbach), wobei beide Werke bei aller Polemik intellektuellen Ansprüchen genügten. Doch sah ich mir dann den Film von Clouzot an "Picasso an der Arbeit", womit jenseits von Ideologie ein Jahrhundertgenie evident gemacht wurde, so wie lohnenden Besuchen der Ronchamp-Kapelle oder auch nur des Erstlingswerks von le Corbusier in La Chaux de Fonds die Proportionen eines Meisters ein für allemal sichtbar machten. Dabei habe ich rein ideologische Rechtfertigungen des Modernen bis hin zu Beuys stets abgelehnt und andererseits vergleichweise traditionalistische Kunst, wenn sie schlicht gekonnt war, publizistisch zu verteidigen gewusst. Wurde schon mal beschimpft, weil ich Breker als "hochbegabt" anerkannte, von dem Dali, Picasso und sogar der altmodische Adenauer eine hohe Meinung hatten, auch Breker war, auf  "fragwürdige" Weise, "modern". 

Gracchus

6. April 2022 13:42

Das klingt vielversprechend. Wie ich der Publikationsliste entnehme hat Liess auch schon  zu Vermeer und Velazquez - zwei meiner absoluten Heroes - gearbeitet. Auch wenn der Titel irreführend ist, hätte man doch gern etwas über die Kritik an Picasso erfahren. Ebenso warum am Schluss der heute nicht mehr gelesene Paul Heyse als letzter Zentaur ins Spiel kommt.

Niekisch

6. April 2022 14:35

"...auch Breker war, auf  "fragwürdige" Weise, "modern". 

@ Maiordomus 12:41: Darf ich fragen, werter Meister, worin die Fragwürdigkeit liegt? 

Niekisch

6. April 2022 14:39

"etwas über die Kritik an Picasso"

@ Gracchus 13:42: In der Besprechung des antaios- Verlages heißt es, Picasso habe eine Neigung zum Zerstören seiner Vorbilder besessen. Zumindest hinsichtlich der Bronze "Fernande" ist das m.E. ein ungerechtes Urteil.

Maiordomus

6. April 2022 16:22

@Niekisch. Brekers heroisierende Akte sind nun mal kein Neo-Michelangelo, fallen bei aller Könnerschaft hinter Rodin zurück, Publizierte 1984/85 übrigens ein satirisches Gedicht über Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth als Aktmodell bei Arno Breker. Seine ganz grosse Meisterschaft liegt wohl zumal im Porträt. Auch geziemte es 1940 einem Künstler nicht, sich in Uniform zusammen mit dem nachträglich zugereisten Eroberer incl. Speer sich vor dem Eiffelturm zu posieren.. Fragte Leonardo da Vinci gewiss nie nach der Moral seiner Auftraggeber, auf diese Weise hat er sich nie prostituiert. Er war indes analog zur bekannten Filmemacherin ein Meister seiner Epoche. Auch unter den Autoren gab es damals mehr Könner, auch Könnerinnen, als heute eingestanden wird, von Burte bis Miegel, freilich nicht gerade die Totenohl. Trotz kritischer Bemerkungen kriegte ich für mein Bemühen, Brekers Meisterschaft Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als Feuilletonmitarbeiter Ärger, und selbst mit dem satirischen Gedicht, weil es nicht bösartig genug war, kriegte ich Ärger. 

Gracchus

6. April 2022 21:10

Es gibt zwei Topoi, die sich hartnäckig halten, mich aber langweilen. 

Konservativ: Moderne (abstrakte) Kunst ist Krempel. (Dekadenztheorie)

Modern: "Maler xy erweist sich darin als Vorläufer der Moderne", so als sei die - doch sehr plurale - Moderne der Gipfelpunkt (Theorie des linearen Fortschritts), was natürlich Unsinn ist. 

Gracchus

6. April 2022 21:15

@Niekisch: Picassos Kubismus hat durchaus was Zerstückeltes. Er folgte in manchen Phasen dem (ödipalen?) Prinzip "schöpferischer Zerstörung". Was nichts daran ändert, dass  er große Werke geschaffen hat. 

Was Arno Breker angeht, teile ich die Ansicht von @Maiordomus - große Könnerschaft, lässt mich aber kalt. Das Gedicht lässt sich übrigens leicht googeln.

Gracchus

6. April 2022 22:05

Auf Cato gibt es einen Auszug aus dem Picasso-Essay von Liess. Leider funktioniert die Verlinkung nicht. M. E. trifft er einen stichhaltigen Punkt. Bin mir aber noch unschlüssig, ob ich die dahinter stehende Idealisierung klassischer Schönheit teile.

Fonce

7. April 2022 10:30

Könnte man eigentlich sagen, dass Kunst (also z.B. auch das im Buch anscheinend erwähnte Holocaust-Denkmal) das entlebendigt was es darstellt?

Pygmalion jedenfalls hat den umgekehrten Weg beschritten und hat das Kunstwerk zum Leben erweckt und dann war es kein Kunstwerk mehr.  

Maiordomus

7. April 2022 10:31

@Gracchus. Auch wenn Goethes Diktum "Schlecht und modern" Folge eines punktuellen Widerwillens des Klassikers war, bleibt Ihre Einschätzung z.B. betr. die Phrase "Vorläufer der Moderne", was Catull und Cervantes samt Giotto längst waren, treffend. Ich vermerke durchaus, dass diese ästhetischen Grundeinstellungen nicht bloss geschmäcklerisch sind, sondern sogar weit mehr als politische Tageseinschätzungen in die Tiefe der Zeitanalyse gehen; in diesem Sinn fühle ich mich unter dem Gesichtspunkt der Tiefenstrukturen Ihnen verbunden. Die Moderne musste natürlich, z.B. so weit sie sich als naturfeindlich outete, kritisiert werden, aber auch hier galt u. gilt das Pauluswort, alles zu prüfen und das Beste zu behalten. Dies gehört auch zur Substanz eines klug praktizierten Konservatismus; unter diesem Gesichtspunkt wurde ich zum Beispiel interessierter Leser von Engels oder in der Literatur von Peter Handke. 

Niekisch

7. April 2022 11:35

"Seine ganz grosse Meisterschaft liegt wohl zumal im Porträt".

@ Maiordomus 6.4. 16:22: Obwohl mir die Werke Aristide Mailloles am meisten zu Herzen gehen, habe ich anläßlich eines Besuchs in Schloß Nörvenich die beiden Plastiken "verliebtes Mädchen" und "Mädchen mit dem Tuch" sowie in Marmor "Du und ich" sowie mehrere Grafiken aus dem Restbestand seiner Werke erworben. 

Seine soldatische Maskerade beim Paris-Besuch Hitlers hat berühmte französische Künstler aus seinem Freundeskreis offenbar weniger empört als Sie, werter Meister. 

"Er folgte in manchen Phasen dem (ödipalen?) Prinzip "schöpferischer Zerstörung"."

@ Gracchus 6.4. 21:15: Ja, und deswegen bezog sich meine Wertung nur auf ein Anfangswerk.

Niekisch

7. April 2022 11:51

"Könnte man eigentlich sagen, dass Kunst (also z.B. auch das im Buch anscheinend erwähnte Holocaust-Denkmal) das entlebendigt was es darstellt?"

@ Fonce 10:30: Wenn der Künstler Lebendiges verstandbegleitet oder verstandesgestört der für den Betrachter möglichen Erkennbarkeit des Lebendigen entkleidet, dann nimmt er dem Werk schon beim Schaffen das Lebendige. Das "Holocaust-Denkmal" ist ein Sonderfall: non vita, non exitus.

Maiordomus

7. April 2022 12:20

PS. "was Catull und Cervantes samt Giotto längst waren" , nämlich als "Vorläufer der Modenne" zu klischieren, muss natürlich ergänzt werden im Sinne von "aber nie beabsichtigt haben", weil genialisches Abweichen von zeitgemässen und sonstigen Erwartungen natürlich nichts mit "modern" zu tun hat, sondern stets eine Eigenschaft künstlerischer Kreativität war. (Weswegen der Computer Mozart nicht weiterkomponieren kann.) . Siehe ferner das Theater, bei welchem die Frage nach Qualität in keiner Weise damit zu tun hat, ob man mit Brechts angeblich modernen Regeln einverstanden sei oder "aristotelisch" dichte bzw. inszeniere, siehe die besten Stücke von Dürrenmatt oder andererseits Shakespeare, der sich seinerseits Abweichungen von Aristoteles erlaubte, ohne deswegen "Modernität" anzustreben. Der Lyriker Goethe wiederum war etwa mit den frühen freien Rhythmen bei Prometheus usw. ebenso unklassisch wie später mit den meisterhaften Versen des westöstlichen Divan. War und blieb aber immer der Meister, sowohl als Genotyp wie als Phänotyp, um seine eigene ästhetische Nomenklatur anzusprechen. 

Maiordomus

7. April 2022 15:18

@Niekisch betr. Breker. Ich war nicht empört, bloss enttäuscht in Sachen Breker; George z.B. hätte sich nie ähnlich verhalten. Für "empört" braucht es bei mir mehr als bloss eine prestigeorientierte Präsentation. Empören kann ich mich zum Beispiel über Sprachgebrauchszwänge, aber nicht, wenn einer glaubt, so formulieren zu müssen usw. Auch über die Beseitigung von Brauchtum und generell über Kulturvernichtung vermag ich mich allenfalls zu empören.

Niekisch

7. April 2022 17:06

@ Maiordomus 15:18: Lassen wir doch Arno Brecker selber sprechen, der angeblich bei dem Besuch in Paris am 23.6.1940 schon Beklemmungen hatte: "Paris war für mich und meine Frau immer ein Stück Heimat gewesen, entscheidende Jahre meines Lebens hatte ich dort verbracht, hatte gearbeitet, Freunde gewonnen...Um Paris hatten wir gezittert, als der Krieg gegen Frankreich begann, getrauert, als es eingenommen wurde... Aber jetzt dorthin zu fahren, Paris wiederzusehen  an der Seite des Urhebers der Besatzung, in den Augen der Franzosen also als Feind - dies belastete mich seelisch zu stark, als das ich mich auf das Wiedersehen mit der Stadt ( Herbst 1940, Niekisch ) recht hätte freuen können" ( Persönliche Auskunft von Erich Cleff III. v. 8.6.2010 lt. Trimborn, Jürgen, Arno Breker, aufbau 2011, S. 284 ) Nach meinen Gesprächen mit Breker in Nörvenich bezweifele ich das ein wenig. Die soldatische Maskerade spricht auch dagegen. 

Breker traf  übrigens in Paris Ernst Jünger und mehrfach Friedrich Sieburg. 

Stefan George ist angesichts seiner völlig unsoldatischen Art kein wirklich gutes Gegenbeispiel. Bei dessen Beerdigung in der Schweiz verweigerten die Angehörigen übrigens das Niederlegen eines Kranzes von Adolf Hitler, wie ich der Biographie von Thomas Karlauf entnehme.

Gracchus

7. April 2022 20:39

@Maiordomus 12:20: Ihren vorherigen Kommentar hatte ich in dem Sinne aufgefasst. Da bin ich ganz bei Ihnen. Es ist ja so, dass mich beispielsweise Gemälde von Vermeer oder Rembrandt mehr ansprechen als die meiste (oder alle?, soweit ein Vergleich sinnvoll ist) zeitgenössische Kunst, aber doch nicht als Vorläufer von irgendwas oder irgendwem. Neben der Meisterschaft spielt natürlich auch die von Ihnen genannte Individualität eine Rolle. Aber weil es Vermeer gibt, braucht ja niemand mehr so zu malen wie er, und es ist klar, dass Künstler neue Wege beschreiten; daher finde ich spannender, wenn jemand was riskiert und scheitert als wenn jemand epigonal oder konventionell verfährt. 

Gracchus

7. April 2022 20:48

@Fonce: würde ich nicht sagen. Ich würde es eher noch für die Fotografie sagen. Aber wirkt ein Velazquez-Portrait nicht sehr lebendig? (Das Holocaust-Mahnmal ist eine Sache für sich.)

Fonce

7. April 2022 23:52

Es beruhigt mich zwar, @Gracchus wenn ich höre, dass im besprochenen Buch Picasso die Ohren lang gezogen werden.   —  Und natürlich sind z.B. Verdächtiger Rauch von Spitzweg oder Am Feuer von Albert Anker erstaunliche Bilder. 

Aber das genügt nicht. Kunst ist genauso ein Verschleiss von kreativer Energie wie Religion. Wenn man die Intension verloren hat (was seit 2000 Jahren gepusht wird), dann beginnt man sich mit Entlebendigungen wie Religion, Philosophie oder Kunst zu trösten, zu beschwichtigen oder zu betäuben. … (Gemäss Novalis gibt es „Mysterien der höheren Menschheit“, und er sagt auch explizit (!) wo sie sich befinden und wie man sie findet. Vorausgesetzt Novalis hat recht, was soll dann Erhabenes in der Kunst stecken, da sie niemals dorthin reicht?)

Eo

8. April 2022 00:26

 

Die Qualität eines Bildes
bzw. einer Zeichnung hängt nicht zuletzt -- wenn nicht vor allem -- von der Qualität der Striche ab. Denn ein Künstler, der den Strich voll im Blick behält und die Striche sicher und gekonnt zu setzen weiß, muß nicht mogeln und sich billiger Tricks bedienen oder ständig zum Radiergummi greifen ...

PS.
In Sachen Porträts geht,
wie ich finde, keiner über Hans Holbein d. J. Und es gibt natürlich etliche, die sehr nah da rankommen. Das Dürer-Porträt von Eoban Hesse zB. ist ebenfalls erste Sahne.

 

 

RMH

8. April 2022 07:12

I.

1695 Seiten - eine echte Aufgabe! Hatte nach der Fernau-Besprechung dessen kleine Stilkunde "Wie es euch gefällt" gelesen - das war unterhaltend, aber im wahrsten Sinne schon etwas "dünn".  Fürs akademische Proletariat wie mich, wäre ein Buch mit nur 300- 500 Seiten eine Zwischenlösung ... :)

RMH

8. April 2022 07:12

2. Im Übrigen werden die 1695 Seiten sicher nicht nur die berühmten 12 Jahre deutscher Selbstzerstörung beinhalten, auch wenn sich die Debatte hier ein bisschen darauf zu verengen scheint (was wiederum schon ein Stück weit bezeichnend für das ist, was sich heute "Rechte" nennt). Interessant an dem Stil im sog. dritten Reich ist die Unfähigkeit, echt originelles außerhalb des Waffen- und Industriedesigns hervorzubringen. Es ist fast alles epigonal und zu dick, zu schwer, zu dunkel, zu "braun" aufgetragen - genauso, wie die eigene Weltanschauung des NS im Grunde auch im hohen Maße von Plagiaten und neudeutsch "copy&paste" geprägt ist. Kein Wunder, dass das daneben gehen musste. Der Stil des heutigen Russlands ist ebenso nur noch ein im Ergebnis unsicher wirkender Aufguss alter zaristischer Formen - Bände sprach der lange Tisch Putins aus italienischer Produktion, an dem er vor dem Krieg seine Gäste empfangen hat. Marmor, Stuck, Gold, Brokatstoff. Bierbäuchige, ergraute Männer. Dick aufgetragenes Make-Up, zu roter Lippenstift, zu hohe Absätze, zu enge Kleider prägen Russland - wie bei russischen Nutten, die man hierzulande aus dem Bordell kennt. Und wer mit einem Puff-Stil die Welt erobern will, muss scheitern. Die, die es auf russischer Seite überleben, dürfen dann am 9. Mai mit der Brust voller Orden, geschmückt wie Pfingstochsen, sich dann stolz der Welt präsentieren. Und das ist das Sehnsuchtsziel der meisten Rechten. Finis Germania (Sieferle dixit) - Deutschland, Du hast fertig.

Gracchus

8. April 2022 09:06

@Fonce: Da müssen Sie mir auf die Sprünge helfen. Wo finde ich die Stelle von Novalis, auf die Sie sich beziehen? Welche Intension ging vor 2000 Jahren verloren? Was sollte man denn mit kreativer Energie sonst tun als sie zu verschleißen? Woran reicht Kunst nicht heran? 

Niekisch

8. April 2022 11:22

"wäre ein Buch mit nur 300- 500 Seiten eine Zwischenlösung ... :)"

@ RMH 8.4. 7:12: Zum Einstieg empfehle ich Eichler, Richard W., Die Wiederkehr des Schönen, bei Grabert. Wenn Sie das "Allermodernste" - zugleich zum "Transhumanismus" sehen wollen, dann besuchen Sie die Ausstellung  des Hartware Medienkunstvereins "House of mirrors"im Dortmunder U-Turm. Eröffnung morgen. Sie finden die Einzelheiten im Netz. Sie sehen u.a. von Zheng/Mahler den künstlichen Menschen auf sich drehenden Rotoren.

Fonce

8. April 2022 13:08

@Grachus, Sie können sich selber auf die Sprünge helfen mit folgenden Antworten auf ihre Fragen.
{1. Frage / Antwort: Google}
{2. Frage / Antwort: Jede Intension. Es war ein beständiger die ganze Zeit dauernder Prozess, inklusive z.B.  Zerstörung der germanischen Heiligtümer (bei den Eggsternsteinen) usw., nachher Inquisitionsprozess, dann Revolutionstribunal, …}
{3. Frage / Antwort: Man kann die Energie auf etwas Konstruktives lenken.}
{4. Frage ≈ 1. Frage}.
Es ist eine lange Geschichte. Bitte verzeihen Sie, ich wollte nur eine Anregung in den Raum stellen. An diesem Zipfel ziehen müssten sie allenfalls selber.

Laurenz

8. April 2022 13:32

(1)

Interessant, hier die Beiträge zu lesen. Da sind doch einige Kunstkritiker der Öffentlichkeit verloren gegangen. Persönlich sehe ich, hier bildende Kunst, mehr als Konsument & weniger als Kritiker. (Bei Musik ist das anders.)

Von daher nehme ich auch lieber leicht verdaubare Dokus in Anspruch, anstatt Kunstkritik lesend zu verarbeiten. Leider wurde die Sendung "Hundert Meisterwerke" schon lange eingestellt. https://de.wikipedia.org/wiki/1000_Meisterwerke

ARTE bemüht sich darum, die Lücke zu schließen. Es ist wirklich spannend, hier die Beschreibungen, Interpretationen, Informationen, im Gegensatz zu hier, aus der Hand von Profis, Kunsthistoriker & Restauratoren zu erhalten.

Desweiteren werden auch Informationen über manche Investoren gegeben, was den ökonomischen Hintergrund beleuchtet. Hier eine Doku über Rembrandt https://youtu.be/MZLUkS3lH9c, die den Investoren Thomas S. Kaplan beleuchtet,  https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_S._Kaplan, der auch auf anderer Ebene kein unbeschriebenes Blatt ist. Er berichtet zB darüber, als er anfing, in Rembrandt zu investieren, er erstaunt feststellte, daß manche Bilder Rembrandts billiger sind, als die von Andy Warhol.

Laurenz

8. April 2022 13:44

(2)

Auch bei Kunst im Kleinformat finde ich die Sendung des BR, Kunst & Krempel,  https://de.wikipedia.org/wiki/Kunst_und_Krempel, spannender als die Debatte hier, das muß ich leider so schreiben.

Natürlich ist nur die Kunst in der Lage, dazu zählt auch manche Musik, den Sterblichen den Anhauch des Göttlichen fühlen zu lassen, etwas, was kein Gebet leisten kann. Ich, persönlich, empfinde das nur bei manchen Werken alter Meister, bei Leuten, wie Picasso oder Dali, nie. Auch mit Friedrich oder Gaugin kann ich was anfangen. Für die Destruktivität mancher Beiträge, hier, kann ich kein Verständnis aufbringen. Speziell @RMH, möchte ich bemerken, daß die Künstlerproblematik. die ich in der Schule an Goethe & Kafka kennenlernen mußte, schon immer galt. Ob man von den Medici, einem Kurfürsten oder dem Kultusministerium abhängig ist, macht welchen Unterschied? Insofern ist der künstlerische Zeitgeist im kurzen Nationalsozialismus nicht schlechter oder besser als in anderen Epochen.

Gracchus

8. April 2022 17:26

@Fonce

Au weia - an dem Zipfel ziehe ich lieber nicht!

@Laurenz

Au weia - will Sie nicht beim Kunst&Krempel-Kucken stören; aber: anscheinend haben Sie noch nie wirklich gebetet. Und wer singt, bietet doppelt. Ansonsten stimme ich Ihnen zu: Eher als bei Picasso kann man bei Altern Meistern das Göttliche spüren. M. E. liegt das daran, dass moderne Kunst reine Selbstfeier ist.  

Niekisch

8. April 2022 17:48

"...die Sendung des BR, Kunst & Krempel, spannender als die Debatte hier"

@ Laurenz 13:44: Na, das ist ja wohl nicht verwunderlich, alleine deswegen schon, weil Kunstgegenstände nicht zu sehen sind und diskutiert werden.

Zur bösen Zeit habe ich in Langenfeld vor Jahren "Werner Peiner" gesehen, Malerei auf hohem Niveau. Ein Bild aus dem Bestand des Oberstbösen zeigt afrikanische TribalKunst. Er interessierte sich als nicht nur für Mickey Mouse.

Laurenz

8. April 2022 21:38

@Gracchus @L.

Natürlich habe ich schon spirituelle Erlebnisse gehabt, die in menschlichen Maßstäben ganz unterschiedlich sehr bewegend waren & unvergeßlich sind. Aber das ist etwas anderes als göttliche Unendlichkeit zu fühlen. Um Ihnen den Unterschied von Kunst im Sinne des Könnens zu machen, hier das berühmte Moderato aus Tschaikowskis Schwanensee, gespielt vom Israelischen Philharmonie Orchester, welches Sawallisch eher deutsch oder wagnerisch interpretiert & mit Top-Musikern dem Genius des Komponisten gerecht wird https://youtu.be/L23XLW8DvXY oder hier, wenn ein nervöses polnisches Jugendorchester vor sich hin stümpert & die Musik im Orkus versinkt https://youtu.be/-tzvebu6U08 ....

Wenn Sie Sich die Art der Ausbildung unter den Medicis anschauen, egal, ob Michelangelo, Tizian oder Leonardo, dann war diese universal. Heute ist die Ausbildung bis vor kurzem fachspezifisch gewesen, was auch die Kunst verändert hat.  https://youtu.be/JKua2Nxi_7M oder hier https://youtu.be/k9y-ZwMwpgI, der Generalismus... oder hier https://youtu.be/i82BN44Irj4, etwa zur Zeit Luthers.

Fonce

8. April 2022 22:18

@Gracchus (Ich habe gewusst, dass Ihre Fragen nur rhetorisch sind) und @Laurenz und @alle

Die Kunst war ein geeignetes Nebenthema um die geistige Flexibilität in diesem Club hier zu testen. Es geht hier eigentlich mehr um einen Austausch, wo man seine Kenntnisse aus dem Konversationslexikon zum Besten gibt. Sich gegenseitig ein bisschen tätscheln. Einfach ein gemütliches Plaudern, immer im Kreis herum. Ich sehe das Bild von Scholz mit einer Schlafmütze. Ein bisschen über Mickey Mouse reden. Finis Germania in Reinkultur.

Niekisch

9. April 2022 10:36

"Eher als bei Picasso kann man bei Altern Meistern das Göttliche spüren. M. E. liegt das daran, dass moderne Kunst reine Selbstfeier ist".  

@ Gracchus 8.4. 17:26: Reine Selbstfeier? Bei Picasso wohl nicht beim Schaffensakt, sondern eher danach: "Ich..bringe die plötzlichen Erscheinungen ( aus dem Unbewußten oder Vorbewußten?, Niekisch ), die sich mir aufdrängen, auf die Leinwand. Ich weiß nicht im voraus, was ich auf die Leinwand bringen werde, ebensowenig wie ich vorher entscheide, mit welchen Farben ich arbeite...das Bild ist nicht von vorneherein durchdacht und festgelegt; es ist eher so, daß es in seiner Entstehung der Veränderlichkeit der Gedanken folgt" ( Hunt, Morton, Das Universum in uns - Neues Wissen vom menschlichen Denken, Piper, S. 318 ) 

Mir geht es ähnlich, wenn ich meine " readymades" kreiere oder ein kleines Gedicht schreibe: Es drängt heran und während der Arbeit fühle ich mich wie am Seil eines Klettersteigs in den Bergen gesichert und zugleich traumwandlerisch vorangebracht . Es geht sozusagen wie von selbst.

Maiordomus

9. April 2022 10:38

@Fonce. Ihre Bemerkungen betr. Konversationslexikon sind unter aller Kanone. Habe selber über Künstlergeneration von Breker publiziert;  Niekisch scheint persönlichen Kontakt mit ihm gehabt zu haben. Was Sie über Nebenthemen brunzen, ist so geistvoll wie wenn Sie behaupten würden, zur Zeit des Baues des Parthenontempels in Athen seien im Vergleich zur politischen Situation im Umfeld des Themistokles Stilfragen Nebensache gewesen, und der romanische und gotische Stil hätten nichts zum Verständnis der Kreuzzüge beizutragen. Auch für die russische Revolution ist Eisenstein eher substanzieller als Trotzki. In der Schweiz interessierte sich Jacob Burckhardt wenig für die Gründung des Bundesstaates, hat aber trotzdem die Substanz des Kleinstaates besser verstanden als die damaligen Politiker.  Er hielt Vorlesungen über Kunstgeschichte, wobei er der Überzeugung war, auf die Gymnasiasten käme es mehr an als auf die künftigen Zeichenlehrer. Noch interessant:: Burckhardt lehnte Rubens ab, weil er nun mal Leonoardo, Raffael, Dürer und auch die früheren niederländischen Meister für das Mass aller Dinge hielt; man kann es ihm so abnehmen wie bei Goethes Ablehnung von E.T.A. Hoffmann und der Gespensterromantik, die er als "krankhaft" einschätzte, auch Kleists "Pentesilea". 

Niekisch

9. April 2022 10:55

"Einfach ein gemütliches Plaudern, immer im Kreis herum".

@ Fonce8.4. 22:18: Das mag daran liegen, daß der Rezensent die Kritik an Picasso nicht konkret wiedergibt. Wir müssen uns dann schon selber helfen und ein bißchen schwadronieren. Ohne jeden Hintergrund geschieht es nicht. Meine Unbedeutsamkeit z.B. hat Hunderte von Kunstausstellungen besucht, hat Künstler in der Familie, versucht sich selber, besitzt ausreichend Fachliteratur, um nicht nur auf Lexika oder Wikipedia zurückzugreifen. 

"Finis Germania in Reinkultur"....Ich stimme zu, aber nicht für die Kunst. Es handelt sich neben Religion und Weltanschauung um das einzige Gebiet, daß noch Rettungsmöglichkeiten bietet, da die Kunst vor Strafverfolgung schützt und heilende Narrative für unsere kollektiv-psychopathologischen Zustände bietet.

Deshalb: Mehr von solchen Artikel aus SiN, aber mit mehr Mitarbeitsmöglichkeiten der Leser ( Ausstellungshinweise, Bildbetrachtungen usw. )

Fonce

9. April 2022 14:23

Ich möchte mal klarstellen, dass ich intuitiv vorgehe. (Paracelsus hat sich auch nicht um irgendwelche angebliche Gelehrsamkeiten gekümmert. Er hat z.B. erkannt, dass der Magen die Speisen zu Kotz* verarbeitet.)

Das wäre eigentlich das Reservat der Kunst. …  Vor allem Ihnen @Maiordomus (ebenso wie bei @Imagine, der in diesem Strang ausnahmsweise mal nichts schreibt) stelle ich das ständige Geplapper und Aufzählen von Bruchstücken Eurer andressierten angeblichen Gelehrsamkeit (ad nauseam*, um es für Sie gelehrt auszudrücken) fest, auch in den anderen Strängen. Ihr beide spürt eigentlich erst, dass ihr lebt, wenn ihr Eure andressierten Lehrmeinungen ausbreiten könnt. Darin seid ihr völlig erstarrt.
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@Niekisch (Es handelt sich neben Religion und Weltanschauung um das einzige Gebiet, das noch Rettungsmöglichkeiten bietet“)
Drum sollte die Kunst ja zum Leben erweckt werden. Dass die Kunst etwas ist, das nicht lebt, zeigt sich pars pro toto daran, dass sie als Statussymbol aufgekauft und wie Goldbarren spekulativ gehortet wird. Die Kunstwissenschaft die hier z.T. heruntergeplappert wird, ist folglich ein Teilgebiet des Investmentbanking, also der Betriebswirtschaftslehre. Maler sind nur Spekulanten.

Ich zweifle immer mehr an Germania, und ob ihr überhaupt Stammesangehörige seid, es kann ja jeder hier etwas schreiben.

Gracchus

9. April 2022 15:02

@Niekisch 10:55

Wie gesagt: Längere Auszüge von Liess' Picasso-Kritik sind online auf dem Cato-Portal abrufbar. 

Ansonsten bin ich bei Ihnen wie auch auch bei @Maiordomus: Ästhetische Fragen sind grundlegend, Aisthesis = Wahrnehmung. Man muss sich nur vor Augen halten, welche Rolle Bilder (und Geschichten), manipulativ eingesetzt, im politischen Diskurs spielen, um politische Entscheidungen zu forcieren. 

Weshalb eben auch das Umgekehrte gilt, wie Niekisch sagt: Die Macht der Bilder (und Narrative) kann auch eine heilende sein. 

Wo tritt Kunst mit diesem Anspruch aber noch auf? 

 

 

Niekisch

9. April 2022 15:09

Korrektur zu 10:55: "das noch" und "Artikeln".

"Er hielt Vorlesungen über Kunstgeschichte". 

@ Maiordomus 10:38: Von Christoph Steding erfährt Burckhardt beißende Kritik wegen angeblicher Reichsfeindlichkeit. Noch heftiger hinsichtlich der Kunst. Er sei von chronischer Angst  vor Tiefe und Raum, vor der dritten Dimension, ergriffen gewesen. Diese Angst, die die Primitiven auszeichne und sich in Oberflächlichkeit ergehe, erzeuge Unrast, "die ihrerseits wieder eine Fülle kulturgeschichtlicher ...rein impressionistischer Bilder erzeuge, um im Anschauen dieser Bilder vorübergehend Ruhe, "Erlösung" zu finden". Je größer die Angst vor dem Nichts sei, um so intensiver versuche man die Oberfläche mit Inhalt zu erfüllen, immer praller würde sie durch gleichsam "platzende", giftige Farben hervorgekehrt. Ein Beispiel sei Hodler ( Steding, Christoph, Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur, S. 754 )

Werter Meister, nach Ihrem Kommentar kann das ja wohl kaum zutreffend sein. Er schreibt "Jakob". Meint er einen anderen Burckhardt? Es gibt ja mehrere. 

Mit Arno Breker habe ich gesprochen, die Chemie stimmte nicht. Sie stimmte aber bei mehreren Gesprächen mit dem Kustos in Nörvenich, Herrn Bodenstein jun.

 

Niekisch

9. April 2022 15:17

"Dass die Kunst etwas ist, das nicht lebt, zeigt sich pars pro toto daran, dass sie als Statussymbol aufgekauft und wie Goldbarren spekulativ gehortet wird".

@ Fonce 15:09: Das Horten ist kein Beweis gegen die Lebendigkeit. 

"ob ihr überhaupt Stammesangehörige seid, es kann ja jeder hier etwas schreiben".

@ Fonce: Ich heiße mit Vornamen Adolf  und mein "Ariernachweis" reicht bis immerhin 1675 zurück. Genügt Ihnen das auf Ihre unangemessene Bemerkung? 

Gracchus

9. April 2022 15:19

@Niekisch 10:36

Da bin ich bei Ihnen, was den schöpferischen Vorgang betrifft. Mein Kommentar war aber von der Rezipienten-Perspektive geschrieben und zielte auf den modernen selbstreferentiellen Kunstbetrieb, der reinste Selbstbespiegelung ist (hierzu Sloterdijk: Du sollst dein Leben ändern) und vor allem Kunst hervorbringt, der die Kraft zur Selbsttranszendenz - etwas Anderes erscheinen zu lassen - abgeht und deshalb läppisch ist; fast interessanter als die Kunst ist der Kunstmarkt; das schließt nicht aus, dass weiterhin große Kunstwerke entstehen. 

 

Gracchus

9. April 2022 15:49

@Fonce: Was den zeitgenössischen - eben: kapitalistischen - Kunstbetrieb angeht, stimme ich Ihnen partiell zu, s. meinen vorherigen Kommentar. Duchamps Pissoir ist eine Ironisierung dessen. Wenn Sie intuitiv vorgehen, enthebt Sie das nicht davon, Ihre Gedanken klar zu formulieren, und statt zu stänkern, könnten Sie ja selber, "lebendige Kunst" hervorbringen; so wie ich Sie verstanden habe, ist aber schon der Wille zu künstlerischer Tätigkeit verfehlt (oder zumindest seit 2000 Jahren), und diese These finde ich bestenfalls bizarr. Ich gehe auch intuitiv vor: Lebendig ist Kunst für mich, wenn sie mich im Inneren bewegt. Erst dann bin ich bereit, mich damit zu befassen, d. h. in einen reflexiven Prozess einzutreten, dem ja ansonsten das Brennholz fehlt. 

Joseph Beuys war mit Sicherheit kein Spekulant. Gerhard Richter oder Anselm Kiefer sind auch keine. 

Eo

9. April 2022 18:50

 

Niekisch    9. April 2022 10:36

Mir geht es ähnlich, wenn ich meine " readymades" kreiere oder ein kleines Gedicht schreibe: Es drängt heran und während der Arbeit fühle ich mich wie am Seil eines Klettersteigs in den Bergen gesichert und zugleich traumwandlerisch vorangebracht . Es geht sozusagen wie von selbst.

 

.:i:.

Gut erkannt.
Das Wesen des Schöpferischen
besteht zum großen Teil darin, daß es einen mitnimmt, wenn nicht gar mitreißt.
(Und einen solchen Effekt sollte ein Kunstwerk ausstrahlen, wenn es wirklich gut sein soll ...  Denn weshalb Kunst die Menschen mit eim gewissen Anspruch seit jeher anspricht und fasziniert, ist wohl, daß Kunst den Anhauch des Gelungenen, wenn nicht des Vollkommenen einer Sache, einer Gestalt, eim Gesicht, einer Landschaft und was auch immer, die sie abbildet und zur Darstellung bringt, zu verleihen vermag.)

PS.
Und was diese Qualität
anbelangt, hat die Kunst im letzten Jahrhundert doch ziemlich nachgelassen. Von heute ganz zu schweigen.

 

 

KlausD.

9. April 2022 19:10

@Gracchus  6. April 2022 13:42

"warum ... der heute nicht mehr gelesene Paul Heyse ... ins Spiel kommt."

Naja, daß Paul Heyse heute kaum noch gelesen wird, liegt bestimmt nicht an ihm oder seinen Werken, die sich erstaunlich frisch und modern lesen, wenn ich nur an seine Novelle Andrea Delfin zum Thema Terrorismus denke. Und wenn der Name Paul Heyse fällt, kommt unweigerlich das Gespräch auf seinen Lehrmeister, den Dichterfürst Emanuel Geibel mit seinem Gedicht "Deutschlands Beruf", das mit den Zeilen "Und es mag am deutschen Wesen - Einmal noch die Welt genesen" endet (später mißbraucht). Auch der Name Theodor Storm fällt dann, ebenso Arnold Böcklin als führender Maler im deutschsprachigen Raum ab den 1860-er Jahren. Und selbstverständlich ebenso der seines Freundes Theodor Fontane ... nun, reicht das aus, um sich (wieder) mal mit Paul Heyse zu beschäftigen?

https://hor.de/gedichte/emmanuel_geibel/deutschlands_beruf.htm

Laurenz

10. April 2022 01:12

@Fonce

"Ich möchte mal klarstellen, dass ich intuitiv vorgehe"

In meinen Augen haben Sie nicht verstanden, was das hier, die SiN, ist. Schätzungsweise kommentieren hier zu 60% katholische Akademiker. Der Rest setzt sich aus allem möglichen zusammen, ich selbst gehöre zu den kleinbürgerlichen Autodidakten, die mal ein humanistisches Gymnasium von innen gesehen haben. In der Redaktion ist die Konstellation mutmaßlich eher 80/20. Diese immense Anhängerschaft einer nicht-nationalen Religion, die absehbar in 100 Jahren zum Glück tot ist, mag aus Ihrem oder meinem Blickwinkel unangenehm sein & natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt & einiges glänzt auch nicht. Aber es existiert in Deutschland nichts vergleichbares. Das ist auch der Grund, warum die Linke sich darüber beschwert & den VS losgeschickt hat, anstatt einen Mitbewerber aufzubauen, wozu sie auch das Geld hätte. Es gibt auf Telepolis kluge Köpfe, aber die gehen in der Masse unter. Wenn die Redaktion, die vom Verkauf von Büchern & Journalen lebt, ein Thema in den Raum stellt, muß man das nicht schlechtreden. Auf dieser Seite ploppt nachwievor keine Popup-Werbung auf, ein frappanter Luxus für Leser.

Fonce

10. April 2022 01:54

1.  Lebendige Kunst würde z.B. eine Bild herstellen (oder vorbereitende Studien machen um so etwas zu realisieren), das insofern die Leute „im Innern bewegt“ (Zitat von @Gracchus 9. April 15:49), dass z.B. eine Europäerin, die mit dem Gedanken spielt, einen Neger zu heiraten, sofort erkennt (im Kunstmuseum wenn sie das Bild anschaut), dass sie Circe zum Opfer gefallen ist. Oder dasselbe bei Homosexuellen, dass sie durch das Bild im Innersten so bewegt werden, dass es ihnen wie Schuppen von den Augen fällt. Ein solches Bild würde es schaffen in der wirklichen Welt zum Leben erweckt zu werden, indem es die (auf dem Sterbebett liegende) Welt wieder zum Leben erweckt.   

Fonce

10. April 2022 01:58

Fortsetzung:
2.  Das ist das, was @Gracchus (der vorläufig ohne Arier-Nachweis ist), auf den dann der Stammesangehörige Adolf @Niekisch 15:02 Bezug genommen hat, meint, wenn er sagt, dass durch Kunst „politische Entscheidungen forciert werden können“. Er sagt auch: „Die Macht der Bilder (…) kann auch eine heilende sein.“ Dann fragt er: „Wo tritt Kunst mit diesem Anspruch noch auf?
Natürlich wenn jemand so Kunst-Studien macht wie ich es seit ca. 8 Jahren mache, und wie es im Punkt 1 erklärt wurde. Novalis sagt
(in: https://www.projekt-gutenberg.org/novalis/sais/sais5.html / bis zur 4. Seite klicken), dass die Chemie das „Geheimnis der Liebenden“ (bei Google Suchfunktion nach Einstellung der erwähnten Seite eingeben) enthält. Also muss die Kunstwissenschaft oder die Novalis-Gesellschaft herausfinden, wie die „Schamlosigkeit“ der sinnlosen rohen Geister (gemeint sind die Chemiker), die Novalis erwähnt, überwunden werden kann, damit das heilende Geheimnis sichtbar wird. Und das wäre eben Kunst mit einem solchen Anspruch (heilende Macht der Bilder).

Fonce

10. April 2022 01:59

Fortsetzung
3.
  Ich hoffe, dass ich nun Ihrer Forderung (@Gracchus, 9. April 15:49) entsprochen habe, meine „Gedanken klar zur formulieren“. Mir ist natürlich unbegreiflich, wie in einem politischen Umfeld wie dem römischen Reich (und auch schon vorher) oder später im zwangs-christianisierten Europa (also seit mehr als 2000 Jahren) überhaupt eine Kunst, die real auf das Leben hätte zurückwirken können, hätte möglich sein können. — Apropos Joseph Beuys, Gerhard Richter oder Anselm Kiefer, die Sie erwähnen, sind die uninteressant, weil das alles pervertierte Künstler sind, und wieso sind sie pervers? … sie passen sich einfach dem perversen Publikum an, also sind sie doch Spekulanten.

Maiordomus

10. April 2022 08:51

@Niekisch. Was Jacob B.  betrifft, so habe ich versehentlich geschrieben, dass er Rubens abgelehnt habe, es war aber Rembrandt, dessen Düsternis er ein bisschen analog ablehnte wie Goethe die Romantik, wenngleich anders begründet, hängt mit dem Verhältnis zum Licht zusammen; das Beispiel, das mithin auch mit Verkennung zu tun hat, bleibt trotzdem zu respektieren. Es ist wohl nicht angemessen, in Sachen Ästhetik ein "Allesfresser" zu sein, es gibt hier Entscheidungen für Kriterien und Schwerpunkte der Qualität, so wie Ablehner von Picasso und Beuys auf ihre Art ernst genommen werden dürfen, sie sehen das, was ihnen nicht passt, nicht einfach falsch.

Heyse! Für mich nichts Angelerntes, sondern ein Lieblingsautor von mir, als ich 16 Jahre alt war, besonders "L'arrabiata" hatte es mir angetan, gefiel mir besser als Eichendorff. Und vor allem führte mich seine Falkentheorie von der Novelle bleibend zum Meister aller Meister des Erzählens, Boccaccio, dem ich auch meinen Zugang zu Dante verdanke. @Fonce. Ich google nun mal nicht, wie es hier z.T. der Brauch ist, sondern lese einfach seit einem fast halbjährlichen Spitalauftenthalt 1954/55 bis heute jeden Tag in mindestens einem Buch, was ehrlich gesagt für das Schöpferische Vor- und Nachteile hat; quantitativ bin ich sicher beim manchmal ekligen M-R-R, ausser dass ich vor allem auch das gelesen habe, was er zum Teil aus ideologischen Gründen nicht lesenswert fand. Ich zitiere in der Regel nichts, wenn ich das Buch nicht mehr oder weniger vollständig gelesen habe. 

 

Maiordomus

10. April 2022 08:58

@Niekisch. Die Schweizer Politiker bzw. Autoren A. Ogi und A. Muschg, in den einschlägigen Jahren geboren, wurden und werden ständig wegen ihrem Vornamen angegriffen, für den sie sich angeblich entschuldigen müssen; wobei dieser ehrwürdige Name, in der Schweiz oft "Dölf" genannt, wie Hans, Karl, Rudolf,  Fritz, Willi, Konrad, Ueli usw. nun mal zu den alemannisch-christlichen  Familientraditionen gehört, wobei der Name Adolf noch bis in die Fünfzigerjahre sich unbefangen  hielt, weil man damals noch die Proportionen kannte und der sektiererische ignorante "Antifaschismus" erst später aufkam. Adolf Ogi, geb. 1941,  war Sohn eines gleichnamigen Vaters mit weiteren Vorfahren desselben Namens, im Berner Alpenraum war Dölf sehr beliebt, auch ein Schweizer Lauberhornsieger, Adolf Mathis, jetzt Jagdaufseher, war noch in den Sechzigerjahren ohne Probleme mit seinem Vornamen. 

Gracchus

10. April 2022 15:12

@Fonce

Einen derart großen Unsinn habe ich lange nicht gelesen.

Gracchus

10. April 2022 15:18

@Maiordomus

Ihr Landsmann Walter Nigg hat ein schön enthusiastisches Buch über Rembrandt geschrieben, darin Burckhardt höflich, aber entschieden entgegentretend. Als ich noch in Berlin lebte, bin ich oft in die Gemäldegalerie; mit der Zeit hatte ich meine Favoriten, zu denen Rembrandt gehörte. 

Niekisch

10. April 2022 18:15

@ Maiordomus: Besten Dank für Ihre erschöpfenden Ausführungen, zu denen ich hinzufügen möchte, dass der Adolf hier der hessisch-nassauischen Geschichte folgt. In 7. Generation nach Graf Adolf von Nassau-Oranien. Der Braunauer Adolf ist davon unberührt. 

Ermüdet von einem Ausstellungsbesuch auf Schloss Cappenberg in Selm/Westfalen zu Heinrich Graf Luckner Luckner, Heinrich Graf – Kulturstiftung  lege ich jetzt die Beinchen hoch und hoffe, dass Marine Le Pen den ersten Wahlgang gewinnt.

X41X

11. April 2022 08:17

@Maiordomus

Ich war ja schon in meiner Kunstgymnasialzeit kein Fan von Picasso, auch später an der Kunstuniversität nicht, kenne aber eben diesen Fim "Picasso bei der Arbeit" aus der Schulzeit mit samt den (mich nervenden) verherrlichenden Kommentaren meines Lehrers: "Mein Gott...die Strichführung, wie er alles rund um die Lanze aufbaut!" (die Stierkampfszene) Ja - Oh, my Gosh, das Jahrhundergenie!

Schauen Sie sich mal das hier an. Das gleiche Prinzip - Freestyle aus dem Kopf. Kim Jung Gi bei der Arbeit -wahrscheinlich der Beste, jemals existierende Zeichner:

https://www.youtube.com/watch?v=MGbvhyTZXfs

Maiordomus

11. April 2022 09:37

@Niekisch. "Impossible n'est pas français", vermerkte Napoleon. Zusammengezählt mit ihrem rechten Rivalen lag sie ja vor Makron, aber doch erstaunlich wenig vor Chevènement, einem Schweizer Abkömmling namens Schwendimann, auch Schwander, einem Flurnamen für unebenes Gelände, dessen Wähler potentiell gegen Makron wählen, es sei denn, es wird, wie bereits sichtbar, nochmal mit Gigaphonstärke auf die antifaschistische Pauke gehauen. Ohnehin wählen die Franzosen im 2. Wahlgang jeweils das ihnen bewährt Scheinende. Und immerhin wird M. von P. in Moskau von allen westlichen Politikern ausser dem nicht korrekt westlichen Orban noch am ehesten ernst genommen. 

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