Die Angst der Kirchen vor der Sterblichkeit

PDF der Druckfassung aus Sezession 102/ Juni 2021

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Mit­te Mai 2021 wur­de der Slo­gan »Vac­ci­ne Saves« (»Impf­stoff ret­tet«) auf die 30 Meter hohe »Chris­tus, der Erlöser«-Statue in Rio de Janei­ro pro­ji­ziert. Initia­tor war eine »zivil­ge­sell­schaft­li­che Bewe­gung« namens »Uni­dos Pela Vaci­na« (»Ver­eint durch die Imp­fung«). Im Janu­ar waren die bei­den ers­ten Bra­si­lia­ner, eine Kran­ken­schwes­ter und eine acht­zig­jäh­ri­ge Frau, zu Füßen der Monu­men­tal­sta­tue geimpft wor­den. Für die­sen hoch­sym­bo­li­schen Akt muß­ten die Impf­do­sen wie hei­li­ge Ampul­len per Hub­schrau­ber an den Schau­platz geflo­gen werden.

Der Trend der reli­giö­sen Ver­klä­rung der COVID-19-Imp­fung ist nun schon seit gerau­mer Zeit im Gan­ge. Ein Titel­bild des Stern vom Dezem­ber 2020 zeig­te die Hei­li­gen Drei Köni­ge, wie sie dem Chris­tus­kind ein Vakzin­fläsch­chen von Pfi­zer-Bio­n­tech über­rei­chen: »Imp­fen – Ein Akt der Nächs­ten­lie­be«. Evangelisch.de, ein Por­tal der EKD, ver­brei­te­te ein Moti­va­ti­ons­bild­chen, das ein schwar­ze Frau im Kit­tel beim Prä­pa­rie­ren von Impf­do­sen zeigt, Text: »Unser #Gebet für heu­te: Gott, wir hof­fen alle auf einen Impf­stoff gegen Coro­na. Laß uns nicht ego­is­tisch wer­den, wenn er da ist! Amen.« In Büren (Ost­west­fa­len) wur­de ein Auto­mat gesich­tet, der den Innen­raum einer Kir­che auf Knopf­druck in ein blau­es Neon­licht taucht, wäh­rend eine bemüht opti­mis­ti­sche Män­ner­stim­me, unter­malt von »Medi­ta­ti­ons­mu­sik«, ver­kün­det: »End­lich Licht am Ende Tun­nels! Wie eine Erlö­sung wur­de im Dezem­ber 2020 die Nach­richt auf­ge­nom­men, daß ein Impf­stoff gegen COVID-19 ent­wi­ckelt war. Impf­stof­fe stär­ken das Immun­sys­tem unse­res Kör­pers gegen den Ein­fluß schäd­li­cher Viren. Es ist wich­tig, sich gegen COVID-19 imp­fen zu las­sen.« Dem folgt eine zeit­ge­mä­ße Lita­nei: »Imp­fe mich Gott mit dem Serum des Urver­trau­ens […]. Imp­fe mich Gott mit Tap­fer­keit und Cou­ra­ge, damit ich der Aus­rot­tung der Lebens­räu­me widerspreche«.

Loka­le Skur­ri­li­tä­ten wie die­se haben »ganz oben« in der Kir­chen­hier­ar­chie ihre Ent­spre­chun­gen. Eben­falls im Dezem­ber 2020 sprach die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on eine Impf­emp­feh­lung an die Gläu­bi­gen aus. Es gebe dazu zwar »kei­ne mora­li­sche Pflicht«, aber das schlech­te Gewis­sen wur­de natür­lich trotz­dem mobi­li­siert. Papst Fran­zis­kus ermahn­te sei­ne Her­de, kei­ne »selbst­zer­stö­re­ri­sche Ver­wei­ge­rungs­hal­tung« ein­zu­neh­men: »Du spielst mit dei­ner Gesund­heit, du spielst mit dei­nem Leben, aber du spielst auch mit dem Leben ande­rer.« Die­sen Auf­ruf wie­der­hol­te er via Twit­ter am Welt­ge­sund­heits­tag 2021: »Nur gemein­sam kön­nen wir eine gerech­te­re und gesün­de­re Welt auf­bau­en. Wir alle sind auf­ge­ru­fen, die Pan­de­mie zu bekämp­fen. In die­sem Kampf stel­len die Impf­stof­fe ein wesent­li­ches Instru­ment dar.«

Wohin der Hase läuft, zeig­te auch die Inter­na­tio­na­le Vati­kan-Kon­fe­renz vom 6. bis 8. Mai mit dem Titel »Explo­ring the Mind, Body and Soul – Unite to Pre­vent & Unite to Cure«. Die­se soll­te laut Eigen­dar­stel­lung »die welt­weit füh­ren­den Ärz­te, Wis­sen­schaft­ler, reli­giö­sen Wür­den­trä­ger, Ethi­ker, Pati­en­ten­ver­tre­ter, poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger, Phil­an­thro­pen und Influ­en­cer« zusam­men­brin­gen und eine Debat­te »über die neu­es­ten Durch­brü­che in der Medi­zin« sowie »über die anthro­po­lo­gi­schen Fol­gen und kul­tu­rel­len Aus­wir­kun­gen des tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts« ermöglichen.

Bewor­ben wur­de die vir­tu­el­le Kon­fe­renz mit einer Gra­fik, die zwei Arme von Men­schen unter­schied­li­cher Haut­far­be zeigt, deren in Latex­hand­schu­he ein­ge­pack­te Hän­de die Ges­ten Got­tes und Adams aus dem Six­ti­ni­schen Decken­fres­ko von Michel­an­ge­lo nach­ah­men. Gott wird hier durch einen mensch­li­chen Medi­zi­ner oder Bio­tech­ni­ker ersetzt, der Krank­heit, Schmerz und Tod aus der Welt zu schaf­fen ver­spricht. Neben dem Päpst­li­chen Rat für die Kul­tur fir­mier­te die in New York ansäs­si­ge Cura Foun­da­ti­on, die sich vor­ran­gig im Gen‑, Zell- und Immun­the­ra­pie­ge­schäft enga­giert, als Ver­an­stal­ter. An die­sem Eli­ten-Sym­po­si­um nah­men auch füh­ren­de Prot­ago­nis­ten des Pan­de­mie-Regimes wie Pfi­zer-Chef Albert Bour­la und der US-ame­ri­ka­ni­sche »Coro­na-Zar« Antho­ny Fau­ci teil. All dies soll­te die letz­ten Zwei­fel aus­räu­men, daß der Vati­kan, ein Kun­de von Pfi­zer-Bio­n­tech, voll­stän­dig in das Pro­gramm des »Gre­at Reset« ein­ge­bun­den ist.

Inner­halb der Kir­che gibt es nur weni­ge, die die­se Agen­da offen beim Namen nen­nen und ver­wer­fen. Der pro­mi­nen­tes­te unter ihnen ist Erz­bischof Car­lo Maria Viganò, der in der Fol­ge als Ver­brei­ter von »Ver­schwö­rungs­my­then« denun­ziert wur­de. Sei­nen Auf­ruf »Veri­tas libe­ra­bit vos« vom Mai 2020, der vor dem Ver­such warnt, mit Hil­fe der Corona­viruskrise eine »Welt­re­gie­rung« zu schaf­fen, »die sich jeder Kon­trol­le ent­zieht«, haben indes etli­che Kar­di­nä­le, Bischö­fe und Lai­en aus aller Welt unter­zeich­net. »Coro­na« hat auch die Kir­che gespal­ten, und dies auf mul­ti­ple Wei­se. Selbst der hoch­an­ge­se­he­ne Tra­di­tio­na­list Rober­to de Mat­tei arti­ku­lier­te mit Blick auf Viganò sein Miß­fal­len, daß sich »Bischö­fe auf dem Feld der gesund­heit­li­chen Maß­nah­men äußern, die von den Regie­run­gen ergrif­fen wur­den, da dies ihr Fach­ge­biet über­schrei­tet, was ja ein theo­lo­gi­sches oder mora­li­sches ist«. Mat­tei scheint immer noch zu glau­ben, daß die Maß­nah­men irgend etwas mit »Gesund­heit« zu tun haben oder auf medi­zi­ni­scher Auto­ri­tät beruhen.

Mit dem Wis­sen um die glo­ba­lis­ti­sche Kom­pli­zen­schaft des Vati­kans im Hin­ter­kopf könn­te man das sur­rea­le Bild des men­schen­lee­ren Peters­plat­zes, auf dem ein ein­sa­mer Papst Fran­zis­kus am Kar­frei­tag abend 2020 unter einer Beleuch­tungs­brü­cke für das Ende der Epi­de­mie bete­te, als beson­ders effekt­vol­le Insze­nie­rung deu­ten, die sug­ge­rie­ren soll­te, daß hier etwas äußerst Dra­ma­ti­sches gesche­hen sei. Die Stra­ßen Roms und Jeru­sa­lems waren Ostern 2020 gespens­tisch still, wäh­rend die Got­tes­diens­te der Welt vor lee­ren Kir­chen­bän­ken zele­briert und auf Bild­schir­me über­tra­gen wur­den, vor denen die Gläu­bi­gen knie­ten. Man­che argu­men­tier­ten, daß ein Vati­kan-Lock­down nichts Neu­es sei, weil Papst Alex­an­der VII. ähn­li­ches schon im Jahr 1656 ange­wie­sen habe, als in Rom die Pest wütete.

In der Tat kam es in der Geschich­te immer wie­der vor, daß Mes­sen und Pro­zes­sio­nen auf­grund von Seu­chen­ge­fahr unter­sagt und aus­ge­setzt wur­den. Allen Kata­stro­phen­mel­dun­gen zum Trotz war jedoch schon im Früh­jahr 2020 abzu­se­hen, daß COVID-19 nicht annä­hernd mit der Spa­ni­schen Grip­pe oder gar der Pest ver­gleich­bar sei, was Aus­maß und Gefähr­lich­keit der Krank­heit betrifft. Gera­de der his­to­ri­sche Ver­gleich zeigt die kras­se Unan­ge­mes­sen­heit der ergrif­fe­nen Maß­nah­men. Die vor­wie­gend medi­al und poli­tisch erzeug­te Kri­se hat eine unge­heu­re Mani­pu­lier­bar­keit der Gesell­schaft sicht­bar gemacht, die auf einer offen­bar sehr leicht zu akti­vie­ren­den Todes­furcht beruht.

Die Kir­chen hät­ten gera­de hier ein­ha­ken müs­sen, durch mäßi­gen­des Ein­grei­fen in die Angst­ma­ni­pu­la­ti­on und durch die Stär­kung des Gott­ver­trau­ens. Gleich­zei­tig hät­ten sie die Men­schen ermah­nen kön­nen, ihr geis­ti­ges Ver­hält­nis zu ihrer Sterb­lich­keit und zu den letz­ten Din­gen zu über­prü­fen. Aber wahr­schein­lich hät­te man sie dann des Obsku­ran­tis­mus und des Unter­lau­fens lebens­ret­ten­der Maß­nah­men bezich­tigt. »Coro­na war und ist der Ernst­fall für das Ver­hält­nis von Glau­be und Ver­nunft«, schrieb Paul Wut­he (Katho­li­sche Pres­se­agen­tur Öster­reich) und schwärm­te von dem vor­bild­li­chen Ver­hal­ten des Paps­tes: »Der Papst allei­ne betend und seg­nend auf dem Peters­platz, die bewuß­te Zurück­nah­me sei­ner Per­son und der öffent­lich zur Schau gestell­te Ver­zicht auf rea­le Gemein­schaft und Nähe waren eine lebens­ret­ten­de Botschaft.«

Rober­to de Mat­tei hin­ge­gen sah etwas ande­res: »Die Aus­set­zung der reli­giö­sen Zere­mo­nien auf der gan­zen Welt, die vom Coro­na­vi­rus betrof­fen ist, scheint ein sym­bo­li­scher, aber rea­ler Aus­druck einer bei­spiel­lo­sen Situa­ti­on zu sein, in der die Gött­li­che Vor­se­hung den Hir­ten das Volk ent­zieht, das sie im Stich gelas­sen haben. Ein Schlei­er scheint sich gelüf­tet zu haben: Es ist die Stun­de der Lee­re, der Her­de ohne ihre Hirten.«

Es hat sich aber auch eine ande­re Art der kirch­li­chen Lee­re offen­bart, und dies nicht zum ers­ten­mal. Um ihre »Sys­tem­re­le­vanz« zu behaup­ten, über­neh­men die Kir­chen bereit­wil­lig die jeweils ange­sag­ten poli­ti­schen Groß­erzäh­lun­gen, beglei­ten sie mit Glo­cken­läu­ten und schmü­cken sie mit pas­to­ra­ler Rhe­to­rik. Sie fürch­ten stets, die Gunst des Staa­tes oder der Pres­se zu ver­lie­ren. Die Sti­li­sie­rung von Flücht­lin­gen zu Pas­si­ons­fi­gu­ren ent­springt der­sel­ben Men­ta­li­tät wie die Erhö­hung von Impf­stof­fen zu Qua­si-Sakra­men­ten. Hier stellt sich regel­mä­ßig die Fra­ge, wor­an die Kir­chen­ver­tre­ter eigent­lich wirk­lich glauben.

Gleich­zei­tig hat sich in der Gesell­schaft eine Art Hygie­ne­re­li­gi­on mit zwangs­neu­ro­ti­schen Zügen her­aus­ge­bil­det. Regeln wie Mas­ken tra­gen, Hän­de des­in­fi­zie­ren, Abstand hal­ten und so wei­ter gerin­nen zu magi­schen Abwehr­ri­tua­len, hal­ten das Pan­de­mie-Thea­ter am Köcheln und die­nen als Instru­ment sozia­ler und poli­ti­scher Kon­trol­le. Die Impf­stof­fe sol­len den ein­zel­nen von der Sün­de der Virus­in­fek­tio­si­tät erlö­sen und in einen phar­ma­zeu­ti­schen Gna­den­stand erhe­ben, der immer neu auf­ge­frischt wer­den muß. Die Unge­impf­ten erschei­nen als Unrei­ne oder Unge­tauf­te, die Impf­ver­wei­ge­rer als Sün­der, die sich dem Hei­li­gen Geist der Immu­ni­sie­rung ver­wei­gern. Die lit­ur­gi­sche Sym­bo­lik ist jedoch eine emp­find­li­che Sache, deren Sinn schon durch klei­ne Ver­än­de­run­gen ver­zerrt oder gar per­ver­tiert wer­den kann. Wo enden hier Ver­nunft und Vor­sicht, wo begin­nen Ver­fäl­schung und Usurpation?

Mit­te Mai 2021: In Öster­reich sind Gemein­de- und Chor­ge­sang ver­bo­ten, die Gläu­bi­gen müs­sen sowohl in geschlos­se­nen Räu­men als auch im Frei­en FFP2-Mas­ken tra­gen und einen Min­dest­ab­stand von zwei Metern ein­hal­ten. Die Weih­was­ser­be­cken sind leer, wäh­rend an ihrer Stel­le Des­in­fek­ti­ons­spen­der bereit­ste­hen. Ästhe­tisch und theo­lo­gisch beson­ders pro­ble­ma­tisch ist die »Mas­ken­pflicht«, die von man­chen als gera­de­zu sata­nisch emp­fun­den wird. Der »Mund-Nasen-Schutz« erscheint ihnen als äuße­res Zei­chen, daß man sich der Herr­schaft der Lüge unter­wor­fen hat, und sie haben gene­rell den Ein­druck, daß sich mit den Pan­de­mie­re­geln ein blas­phe­mi­scher Kult in die Kir­chen ein­ge­schli­chen hat. Auf die Dau­er ist es theo­lo­gisch gewiß untrag­bar, die Gläu­bi­gen mit ver­hüll­tem Ant­litz vor Gott und die Gemein­de tre­ten zu las­sen. Pro­ble­ma­tisch wäre es auch, dau­er­haft die Mund­kom­mu­ni­on oder den Ortho­do­xen das Küs­sen der Iko­nen zu untersagen.

Ange­sichts die­ser Ein­grif­fe ist es wenig über­ra­schend, daß der ­stärks­te Aber­wil­le gegen die Maß­nah­men von tra­di­tio­na­lis­ti­scher Sei­te kommt. Aber selbst in die­sem Spek­trum gibt es star­ke Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten. Ein­zel­ne all­zu ener­gi­sche Pries­ter, die die Maß­nah­men gänz­lich ver­wei­gern und ihre Gemein­den dazu auf­for­dern, es ihnen gleich­zu­tun, wer­den scharf zurück­ge­pfif­fen. Kir­chen­po­li­ti­sche Erwä­gun­gen spie­len hier eben­so eine Rol­le wie rein prag­ma­ti­sche: Am Ende ist es die vor­dring­li­che Auf­ga­be des Pries­ters, die Sakra­men­te zu spen­den, auch wenn er Ein­schrän­kun­gen, Poli­zei­kon­trol­len und Denun­zi­an­ten erdul­den muß. Er muß auch in Rech­nung stel­len, daß sich vie­le Gemein­de­mit­glie­der tat­säch­lich vor einer Anste­ckung fürch­ten. Obwohl die Pius­bru­der­schaft in man­chen Städ­ten die ein­zi­ge zuver­läs­si­ge Anlauf­stel­le für die­je­ni­gen ist, die eine halb­wegs »nor­ma­le« und wür­di­ge Mes­se fei­ern wol­len, kommt es auch in die­sem Rah­men zu Übererfüllungen.

Berich­tet wird von einem Fall, in dem nicht nur die Hygie­ne­maß­nah­men extra rigo­ros kon­trol­liert und in der Pre­digt Gläu­bi­ge gerügt wur­den, die die COVID-Imp­fung für sünd­haft hal­ten, son­dern es wur­de auch die Ermah­nung aus­ge­spro­chen, die Mer­kel-Regie­rung als gott­ge­woll­te Obrig­keit anzu­er­ken­nen und ihr ent­spre­chend zu gehor­chen. Damit unter­schied sich die­ser Pfar­rer aus der Pius­bru­der­schaft kaum vom Main­stream der Kir­chen­ver­tre­ter, die das Nar­ra­tiv des Staa­tes nach­be­ten und sich häu­fig durch vor­aus­ei­len­den Gehor­sam auszeichnen.

Dabei ist die Angst vor poli­ti­schen Repres­sio­nen ins­ge­samt wohl grö­ßer als die Angst vor dem Virus selbst. Gläu­bi­ge Chris­ten, die den Regie­rungs­maß­nah­men kri­tisch gegen­über­ste­hen, kön­nen hin­ge­gen nicht mit der Rücken­de­ckung der Kir­che rech­nen. Als eine Kund­ge­bung in Wien von den Ver­an­stal­tern als »Wall­fahrt« ange­kün­digt wur­de, um das vom Innen­mi­nis­te­ri­um ver­häng­te Demons­tra­ti­ons­ver­bot zu umge­hen, war das nicht nur eine Fin­te, da gläu­bi­ge Chris­ten unter den Maß­nah­men- und Impf­geg­nern stark ver­tre­ten sind.

Die Erz­diö­ze­se Wien unter Kar­di­nal Schön­born, der eben­falls der Ansicht ist, daß es »kei­nen Weg aus der Pan­de­mie gibt als die mög­lichst brei­te Imp­fung der gan­zen Bevöl­ke­rung«, schlug sich trotz­dem voll­stän­dig auf die Sei­te der Regie­rung und warn­te vor einem »Miß­brauch der Reli­gi­ons­frei­heit«. Mit einer Amts­kir­che, die alle ihre Schäf­chen ver­tritt, statt an der Sei­te von Staat und Medi­en Bür­ger­kriegs­par­tei zu spie­len, darf man wohl nicht mehr rech­nen. Von ver­ein­zel­ten Wort­mel­dun­gen abge­se­hen, gab es auch kaum Kri­tik an den Kol­la­te­ral­schä­den der Lock­downs und ande­rer Anord­nun­gen, obwohl die christ­li­che Nächs­ten­lie­be hier reich­lich Gele­gen­heit gehabt hät­te, ihr Gewis­sen spre­chen zu las­sen. Lie­ber ermahn­te man zum stil­len Dul­den: Zur Jah­res­wen­de 2020 / 21 rie­fen öster­rei­chi­sche Bischö­fe zum Gebet einer »Coro­na-Nove­ne« auf, die fol­gen­den »Medi­ta­ti­ons­text« ent­hielt: »Ange­sichts der Pan­de­mie, die immer noch nicht besiegt ist, wider­sa­gen wir der Ver­su­chung, Schul­di­ge zu benen­nen und uns auf das Ver­sa­gen von Men­schen und Insti­tu­tio­nen zu fixieren.«

Im Zuge der Kri­se haben die Ver­tre­ter der Kir­chen ihren Oppor­tu­nis­mus und ihre poli­ti­sche Abhän­gig­keit ent­blößt. Inner­halb der katho­li­schen Kir­che zögern selbst kri­ti­sche Köp­fe, hier­aus Kon­se­quen­zen zu zie­hen, zum Teil aus einem ein­ge­fleisch­ten Staats‑, Ordnungs‑, Auto­ri­täts- und Gehor­sams­den­ken her­aus, das mit einer klei­nen Hebel­be­we­gung zu anti­ka­tho­li­schen Zwe­cken mobi­li­siert wer­den kann. Der fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge und Theo­lo­ge Jac­ques Ellul kon­sta­tier­te bereits 1988, daß die poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen aus­ge­höhlt sei­en und vor allem »den Inter­es­sen einer poli­ti­schen Klas­se und einem fast unend­li­chen Macht­zu­wachs« dien­ten. Übrig­ge­blie­ben sei ein »Nichts«, das »zuneh­mend aggres­siv, tota­li­tär und all­ge­gen­wär­tig« sei. Wer als Gläu­bi­ger die­ses wach­sen­de Nichts wahr­nimmt und sei­nem Zugriff ent­flie­hen will, fin­det häu­fig auch in den Kir­chen kein Refu­gi­um mehr.

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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