Du wirst, du sollst, du kannst

Die Geschichte von Kain und Abel ist berühmt und rätselhaft.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Sie erzählt vom Urmord, vom Bru­der­mord, sie beschreibt eine ver­gif­te­te Nähe, die in Bru­ta­li­tät, in Ver­nich­tung umschlägt, und sie berich­tet davon, daß Kain, der Mör­der, von Gott mit einem Mal gezeich­net wur­de, das ihn zugleich brand­mark­te und schützte.

Her­mann Hes­se über­trägt in sei­nem Roman Demi­an das Kains­zei­chen auf eine Grup­pe aus­er­wähl­ter, erwach­ter, jeden­falls beson­de­rer Men­schen, die er anders leben, tie­fer emp­fin­den und den je eige­nen Gott suchen läßt. Das Mal ist dort kein Schand­zeichen mehr, und es ist nicht mehr für jeden sicht­bar, son­dern nur für jene, die ein­an­der zu erken­nen vermögen.

Vom Stam­me Kains zu sein bedeu­tet nun, der Mas­se auf­grund von Beson­der­heit, Bega­bung, natür­li­chem Adel suspekt und ver­haßt zu sein. Kain hat in der Deu­tung Hes­ses zu Recht getan, was er tat, denn er ver­moch­te es, es stand ihm zu, und das Gesetz lag in ihm selbst. Außer­dem war er der­je­ni­ge, der übrig­blieb – das schla­gen­de Argu­ment des Täters gegen­über dem Toten.

Nach­dem ihn Gott ­gezeich­net hat­te, ging er fort und begrün­de­te eine Dynas­tie. In der Geschlech­ter­fol­ge nach Kain sei­en, so Hes­se, seit­her immer wie­der sol­che auf­ge­tre­ten, die das Mal ererbt und sich ihm wür­dig erwie­sen hät­ten – die also taten, was sie woll­ten, und sich nicht um das scher­ten, was Gott im Dia­log mit Kain war­nend als gut und böse von­ein­an­der schied. (Es ist mehr als inter­es­sant zu beob­ach­ten, wel­cher Leser die Ver­ein­nah­mung der Kain­s­ge­schich­te durch Hes­se als Befrei­ung begreift und wer sie als Über­spannt­heit ablehnt.)

Jeden­falls: Die war­nen­den Wor­te Got­tes an Kain, inne­zu­hal­ten und der Ver­su­chung durch den Dämon zu wider­ste­hen, ste­hen im ­Zen­trum eines ande­ren Romans. In John Stein­becks ­Jen­seits von Eden bil­det die Geschich­te von Kain und Abel über­haupt das Gerüst der Erzäh­lung. Brü­der­paa­re sto­ßen auf­ein­an­der, der eine Sohn wird vom Vater mehr geliebt als der ande­re – ­war­um, bleibt uner­gründ­lich, so wie es uner­gründ­lich blieb, daß Gott Abels Opfer­lamm mit Wohl­ge­fal­len betrach­te­te, wäh­rend er Kains Gabe kei­nes Bli­ckes würdigte.

Lie­be, Miß­ach­tung, grund­lo­se Zunei­gung, fata­le Hier­ar­chie – alles dies ist zuge­teilt, es ist von Anfang an und von Grund auf nicht gerecht ver­teilt, und Leid und Haß und Mord wach­sen daraus.

In Stein­becks Roman ist es der Chi­ne­se Lee, den die Geschich­te von Kain und Abel so sehr beein­druckt, daß er sie wie­der und wie­der liest und die ver­schie­de­nen Über­set­zun­gen zu ver­glei­chen beginnt. Dabei stößt er an ent­schei­den­der Stel­le auf zwei Ver­sio­nen, deren unter­schied­li­che Bedeu­tung ihn ver­stört. Undenk­bar sei doch, daß in solch einer zen­tra­len, für jeden ein­zel­nen Men­schen grund­le­gen­den Erzäh­lung Deu­tungs­spiel­raum bleibe.

Lee bezieht sich auf die Wor­te Got­tes, der den erzürn­ten Kain lehrt, indem er ihm sei­ne Lage vor­hält. In ­Luthers Über­set­zung lau­tet die­se Stel­le: »Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erhe­ben. Bist du aber nicht fromm, so lau­ert die Sün­de vor der Tür, und nach dir hat sie Ver­lan­gen; du aber herr­sche über sie.« (Gene­sis, 4,7)

Ent­schei­dend ist der letz­te Halb­satz. Es gibt Über­set­zun­gen, die – wie die Luther­bibel – auf die Ver­su­chung durch die Sün­de »Du sollst sie beherr­schen« sagen, also einen ­Befehl, einen Auf­trag ertei­len. Ande­re Über­set­zun­gen spre­chen eine Zuver­sicht aus: »Du wirst sie beherr­schen« (so die Über­tra­gung in der King-James-­Bi­bel), und es mag sein, daß die­se Über­zeu­gung Got­tes, jeder wer­de stark genug sein und der Ver­su­chung wider­ste­hen, die Men­schen dazu ver­lei­tet, eine zu hohe Mei­nung von sich selbst zu haben.

Für Lee ist die­ser Unter­schied so schwer­wie­gend, daß er Hebrä­isch lernt, um den Urtext zu befra­gen. Nach zwei­jäh­ri­ger Mühe stellt er fest, daß das hebräi­sche Wort »tim­schal« weder »Du sollst« noch »Du wirst«, son­dern »Du kannst« bedeutet.

Die Freu­de Lees über die­se Wür­di­gung des Men­schen und sein Lob­lied auf ihn als Geschöpf, dem Gott es anheim­stellt, sich für das Gute oder das Böse zu ent­schei­den, gehö­ren zu den schöns­ten Pas­sa­gen einer Geschich­te, die weit jen­seits von Eden spielt. Viel­leicht soll­te man sagen:

Zu begrei­fen, wel­ches Gott­ver­trau­en hin­ter dem »Du kannst« steckt, mag eine der wich­tigs­ten Leh­ren in einer Zeit sein, in der das »Du sollst« in einen fal­schen Gehor­sam führt und das »Du wirst« in die Hybris.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (40)

Laurenz

18. April 2022 15:39

Die Metapher von Kain & Abel hat weniger mit Kain & Abel zu tun, als mit Gott selbst. Wessen Gott ist es, der am Beginn der Genesis agiert? Es ist der Gott der Abelisten, der Nomaden. Gott lehnt die Nachkommen Kains, die Seßhaften, also uns, ab. Dieser alte Kulturkampf zwischen Nomaden & Seßhaften hat eindeutig die Nachkommen Abels als Aggressoren, da nur Seßhaftigkeit einen Mehrwert erschafft, nur bei Seßhaften etwas zu holen ist, Kultur erzeugt werden kann. Kein politischer Zweck ist groß genug, um Krieg gegen Nomaden finanzieren zu wollen, solch ein Krieg produziert keinen Ertrag. (Das hat sich erst im Zeitalter des Erdöls gewandelt.) Daher müssen sich hier die Nachkommen Kains fragen, warum sie einen Gott verehren, der mit ihnen gar nichts zu tun haben möchte. Diesen Leuten wohnt wohl ein gewisser Masochismus inne.

Dietrichs Bern

18. April 2022 15:44

Ein wahrhaft beeindruckender Text. Doch frage ich mich: Ist denn "Du kannst" rechts oder weißt das nicht vielmehr über den Nationalismus als grundlegende Maxime vieler auf diesen Seiten hinaus?

Niekisch

18. April 2022 16:42

"müssen sich hier die Nachkommen Kains fragen, warum sie einen Gott verehren, der mit ihnen gar nichts zu tun haben möchte".

@ Laurenz 15:39: vielleicht, weil es ein Gott der erpresserischen Verheißung - Mitgliedschaft im Bund, wenn Wohlverhalten, ja Unterwerfung - ist?

"Ist denn "Du kannst" rechts oder weis (ß )t das nicht vielmehr über den Nationalismus als grundlegende Maxime vieler auf diesen Seiten hinaus?"

@ Dietrichs Bern 15:44: So und so: als Ausdruck naturgewachsener, autonomer menschlicher Ganzheit ist es Signum des Nationalismus, also des Willens zur Nation in Gemeinschaft. Über den Nationalismus hinaus und zugleich weg von ihm weist das "Du kannst", wenn es nicht in des Menschen Hand liegt, sondern "von Gott gegeben" ist. Dann bedingt es Selbstbeschränkung durch Brüderlichkeit zu allen anderen Menschen auch jeglicher fremder Art.

Dietrichs Bern

18. April 2022 17:19

@Niekisch: Zunächst einfach mal Anerkennung und Dank, für Ihre Entgegnung, die eindrucksvoll das Niveau des Textes von Kubitschek aufgreift. 

Es ist für mich immer fraglich, ob "Du kannst" - wenn dem ein "Aber wehe nicht" angehangen ist, tatsächlich etwas in Menschenhand lässt, wenngleich ich "Brüderlichkeit" auch gegen Menschen "fremder Art" nicht als eine Selbstbeschränkung nationaler Gesinnung auffassen würde,  solange es nicht um Selbstaufgabe und Selbstauslieferung handelt.

kikl

18. April 2022 17:34

Sehr gut geschrieben Herr Kubitschek. Kompliment!

Eo

18. April 2022 18:09

 

Respekt, Herr Laurenz.
Da haben Sie aber den Nagel voll erwischt und mit eim Schlag bis zum Anschlag versenkt !

Niekisch

18. April 2022 18:43

..solange es nicht um Selbstaufgabe und Selbstauslieferung handelt".

@ Dietrichs Bern 17:19: Wer den Willen zur eigenen Nation, heute eher Wille zum Behaupten der eigenen Ethnie im Meer Zugezogener aus aller Welt, besitzt, der achtet zwar die anderen Menschen, gesteht ihnen aber nicht auf dem Landesboden in brüderlicher Liebe unter allen Umständen zu, was die christlichen Religionen von vorneherein von ihm erwarten und bei Nichterfüllung als Sünde sanktionieren.

Gracchus

18. April 2022 18:44

Das ist ja der Text, der Caroline Sommerfeld eine Nuss zu knacken gegeben hat. Ich weiss nicht, ob es an Kubitscheks suggestiven Formulierungen liegt  - also lediglich ein rhetorischer Effekt ist -, dass er etwas Einleuchtendes hat. 

Mich würde interessieren, wie Kubitschek selbst Hesses Demian einordnet. Ich habe Demian vor fast 30 Jahren gelesen, in einem Rutsch, daher nicht sehr gründlich, aber er muss doch etwas Unbewusstes getriggert haben. Da scheint viel Nietzsche, etwas C. G. Jung und vielleicht Baudelaire miteingeflossen sein, oder etwas Luziferisches; und vielleicht wendet sich Hesse gegen den bürgerlichen Gott als gegen den biblischen. 

Die biblische Geschichte ist abgründiger und rätselhafter, weil letztlich unverständlich. Das "Du sollst", "Du kannst", "Du wirst" kann man auch als Facetten eines verborgenen Ur-Sinns auffassen. 

Monika

18. April 2022 19:47

Wegen solcher Texte lese ich hier noch mit. Sie stehen in seltsamen Kontrast zu den politischen und metapolitischen Texten der Jungspunde . Altersweisheit gegen Aktivismus. Was Herr Kubitschek literarisch erörtert ( sollen/können), wird in der THEOLOGISCHEN ETHIK in Sollensethiken/bzw. Normative Ethiken ( 1O Gebote ( „Du sollst nicht töten“, Kategorischer Imperativ) und Könnensethiken ( d.s. narrative Ethiken, Gleichnisse, Tugendlehren usw.) unterschieden. Die entscheidende Frage lautet: Wie kann  der Mensch überhaupt, was er soll? Für den Russ. Philosophen Nikolai Berdjajew war die „normative Ethik ihrem Wesen nach eine tyrannische Ethik“. Denn, so Berdjajew:“Die Ethik darf nicht nur theoretisch, sie muss zugleich auch praktisch sein; zur sittlichen Umgestaltung des Lebens aufrufen, zur Umwertung der Werte bewegen, nicht nur zu ihrer Erkenntnis.“ ( Die Aufgabe der Ethik/ in: Die Bestimmung des Menschen).

Monika

18. April 2022 19:59

@ Dietrichs Bern 

Ist  das Sollen /Können  einem politischen Lager zuzuordnen? Allgemein hieß es ja, dass eher die Rechten und Konservativen die Vertreter starker Reglementierungen und Verbote  wären, was nach dem autoritären Gehabe etlicher linksgrüner Ökodiktatoren kaum mehr glaubhaft ist. So gelten die Grünen inzwischen als Verbotspartei ( Du sollst nicht so viel duschen, Fleisch essen, Auto fahren usw, ) 

Sparsamkeit kann allerdings im guten konservativen Sinne auch als Tugend , d.h. als kluges Können entfaltet werden. ( Schutz der heimischen Natur, Schonung der Ressourcen, Bewahrung  der Schöpfung usw.) Man lebt selbst die Tugenden vor und zwingt sie anderen nicht auf. 

 

Mitleser2

18. April 2022 20:00

"Kain hat in der Deutung Hesses zu Recht getan, was er tat, denn er vermochte es, es stand ihm zu, und das Gesetz lag in ihm selbst." und "Nachdem ihn Gott gezeichnet hatte, ging er fort und begründete eine Dynastie. In der Geschlechterfolge nach Kain seien, so Hesse, seither immer wieder solche aufgetreten, die das Mal ererbt und sich ihm würdig erwiesen hätten – die also taten, was sie wollten, und sich nicht um das scherten, was Gott im Dialog mit Kain warnend als gut und böse voneinander schied."

Ein toller Text, ich frage mich nur: Ist das Putin?

 
Kositza: Haha, jetzt legen Sie mal keine falschen Fährten!

Leander

18. April 2022 20:03

Eine sehr  interessante Abhandlung, man sucht Brücken.
Mit dem Brudermord hat der Schöpfer das Böse in die Welt gebracht, damit, in Abgrenzung, das Gute sichtbar ist und bleibt. Der Brudermörder ist gezeichnet, als das Böse erkennbar gebrandmarkt und vor der Blutrache geschützt. Denn, würde der Mörder selbst ermordet, würde zwar der Mörder von seiner Buße erlöst, das Böse aber durch den Mörder des Mörders trotzdem nicht aus der Welt gelöscht.

Timschal, "du kannst" die Sünde beherrschen, beseitigt nicht das "du sollst", begründet aber kein "du musst" des falschen Gehorsams. Die darin liegende Wahlmöglichkeit für Gut oder Böse spricht das Böse nicht frei.

Entspricht Hesse's Auslegung nicht der Selbstadelung zum Freibrief in eigener Sache?

Ein Fremder aus Elea

18. April 2022 20:40

"so wie es unergründlich blieb, daß Gott Abels Opferlamm mit Wohlgefallen betrachtete, während er Kains Gabe keines Blickes würdigte"

Unergründlich für jene, welche Erntedankfest feiern? Emotional ist der Unterschied zwischen einem geopferten Lamm und einem geopferten Granatapfel doch klar: Es schmerzt, das Lamm zu opfern, es schmerzt nicht, den Granatapfel zu opfern. Und was für ein Opfer ist es, wenn es nicht schmerzt? Wie ja auch das Salz nur gut ist, so lange es seine Kraft nicht verloren hat. Und das Opfer wird gesalzen, bevor es ins Feuer geht.

Also: Das Salz ist die Sehnsucht, das Feuer ist der Schmerz, das Opfer ist der eigene Gang zum Ersehnten, und wer ein Lamm opfert, akzeptiert seine Rolle.

Nja, und weil Gott Gott ist, macht es sich bezahlt, sie zu akzeptieren, und wer Gott nicht kennt, versteht es nicht, und dann wird er neidisch. Hesse hat natürlich im Glasperlenspiel behauptet, daß es am (speziellen) Menschen liegt, in Gottes Rolle zu schlüpfen, um den Menschen (im allgemeinen) Sehnsüchte zu geben, für welche sie sich im Interesse der Entwicklung der Gesellschaft opfern, und dabei sehen die (speziellen) Menschen dann natürlich auch an Gottes Statt zu, daß es sich für die sich Aufopfernden bezahlt macht.

Fragt sich letzten Endes nur, wer die Herzen der Menschen besser kennt.

Lausitzer

18. April 2022 21:18

@Laurenz

Gott der Abelisten? Die Bibel wäre an der dieser Stelle zu Ende, wenn dem so wäre. Gerade wir Deutschen haben diesem Gott unsere Existenz und Kultur, ja Sprache zu verdanken. Das unser Land, Kultur und Sprache den Bach runter gehen, liegt nicht an diesem Gott, sondern in unserer Abwendung von eben jenem. 

Volksdeutscher

18. April 2022 21:43

@Lausitzer

Wir verdanken nicht diesem Gott unsre Existenz, Sprache und Kultur. Woher nehmen Sie dies? Welchen Gott meinen Sie den überhaupt?

Laurenz

18. April 2022 22:00

@Lausitzer @L.

"Die Bibel wäre an der dieser Stelle zu Ende"

Bis zum Tode Jesu blieb die Bibel weitestgehend das Buch der Abelisten (formal das Apostel-Konzil 48 nach 0). Es gab zwar vor der neu-testamentarischen Zeit auch mehrere Phasen einer Mission unter Heiden, aber doch nur sehr bedingt. Auch die Eroberung Jerusalems zeigt diese dann hebräische Stadt archäologisch im Übergang von Nomadentum zu seßhafter Kultur. Aber schauen Sie Sich die geistige Realität an, die Mehrheit der heutigen Juden will im Diaspora-Dasein verbleiben, was eindeutig ein Hang zum Anywhere-Dasein zeigt. Was unsere Sprache & Kultur angeht, so werden wir nie wissen, wie es gewesen wäre, wenn wir nicht zwangsmissioniert worden wären. 1.000 Jahre monopolisiertes Wissen (in Klöstern) läßt kein schöpferisches Volk zu. Fast 1.000 Jahre konnte kein Schwein die Bibel überhaupt verstehen, ganz toll. Das ursprüngliche Osterfest ist ein Fruchtbarkeitsfest, welches so tief in uns drin steckt, daß es die Kirche nicht schaffte, den Hasen durch das Lamm zu ersetzen & der Osterhase trägt in uns ganz ohne irgendeine Schrift.

Gracchus

18. April 2022 22:05

Hoffentlich meldet sich "unsere" Bibelexegtin No. 1 zu Wort.

@EK, Mitleser 2

Auch wenn ich weiß, dass es so nicht intendiert ist, musste ich auch an Putin denken, und zwar weil einige behaupten, er hätte nicht anders können. 

@Ein Fremder aus Elea 

Wo Hesse das im Glasperlenspiel sagt, ist mir nicht mehr präsent. 

 

Kurativ

18. April 2022 22:13

Die Pathischen Kategorien "wollen dürfen sollen können müssen" nach Viktor von Weizsäcker sind eine bedeutende Entdeckung. Leider hat sich die Psychologie durch die Diffamierung von Viktor von Weizsäcker zu sehr in die Richtung von Freud weiter entwickelt. »Du wirst sie beherrschen« ist glaube ich richtig. Nicht nur für Freud.

Gracchus

18. April 2022 22:21

Wieso führt das "Du sollst" eigentlich in einen falschen Gehorsam? In diesen Zeiten? Welcher Gehorsam ist denn gemeint - der gegenüber Gott oder gegenüber weltlichen Autoritäten? 

@Niekisch, Dietrich Bern

Ich weiss nicht, wie Sie jetzt auf das Nationale kommen.

Man kann die Geschichte auch so lesen, dass nach dem Sündenfall alle Beziehungen den Keim der Feindschaft in sich tragen, weil die Ur-Beziehung zwischen Gott und Mensch gestört ist. 

Wenn also unsere Multikulturalisten sagen, wir sind alle Brüder (=Geschwister), zeigt die Geschichte von Kain-und-Abel, dass damit nicht die Aussicht auf ein friedliches Zusammenleben garantiert ist; eher das Gegenteil. 

Auch ethnische Homogenität garantiert das nicht.

Bei Girard wird das unter mimetische Begehren bzw mimetische Rivalität verhandelt. 

 

Gracchus

18. April 2022 22:44

@Laurenz: "Abelisten" - das Wort höre ich zum ersten Mal. Abel wurde doch getötet und hatte keine Nachkommen. Kain hatte dagegen Nachkommen. Er stand unter dem Schutz Gottes. Für Abel zeugten Adam und Eva dann Set. 

Ich komme immer und immer zu demselben Schluss wie der Lausitzer. 

 

Simplicius Teutsch

18. April 2022 23:10

„Ein Starker hat einen Schwachen totgeschlagen“, sagt Demian, sozusagen als Quintessenz seiner Überlegungen. Ich finde, die Interpretation der Geschichte von Kain und Abel, wie sie Hermann Hesse durch Demian anbietet, ist interessant, aber weit, weit hergeholt und hat mit der Bibel-Version inhaltlich nichts mehr zu tun. 

Der klassische Kain in der Bibel (Genesis, Herder-Einheitsübersetzung) ist alles andere als ein „erwachter, besonderer Mensch“, der „aufgrund von Besonderheit, Begabung, natürlichem Adel“ der „Masse“ konträr gegenübersteht.

Kain, der erstgeborene Mensch (Adam und Eva wurden ja noch von Gott geschaffen), ist ein eifersüchtig brennender Mörder, der seinen Bruder Abel erschlägt, weil Abel Anerkennung vor Gott gefunden hat, - er, Kain, aber nicht. Mir war dieser Kain noch nie irgendwie sympathisch.

- Das Problem aber ist Gott. Warum schafft er Verhältnisse, die Leute wie Kain handeln lässt?

Nordlicht

18. April 2022 23:12

Herzlichen Dank für diesen tiefgründigen Text.

Dass gleich so viele Leser in die Tasten greifen und ihre Meinung dazu kundtun, zeigt das Bedürfnis nach Austausch (- und ein wenig Oberlehrerhaftigkeit).

 

Lausitzer

18. April 2022 23:42

@laurenz

Deutschland, die Deutschen verdanken ihre Existenz dem Christentum d.h. dem Dreieinigen Gott. Aus den germanischen Stämmen entstand unter der einigenden Wirkung des Christentums, Deutschland und die Deutschen. Bei den Germanen war es üblich, dass der Stamm automatisch den Glauben ihres Fürsten übernommen hat. Wenn Sie von Zwangsmissionierung sprechen, meinen Sie sicher nicht diesen germanischen Stammeszwang oder? Die meisten germanischen Völker haben sich durch die Missionstätigkeit der Kleingoten zum Christentum bekehrt. Wenn Sie von Zwangsmissionierung schreiben, meinen Sie vermutlich die Eroberungen Karls des Großen und seine Kämpfe gegen die heidnischen Sachsen. Die Sachsen sind nicht die Germanen, sondern nur ein Stamm. Wenn eine Zwangsmissionierung stattgefunden hat, dann hier. Es war aber die Ausnahme in der Christianisierung der germanischen Stämme, nicht die Regel. Auch wenn man aus christlicher Sicht diese Zwangsmissionierung kritisch sehen muss, war sie politisch die Voraussetzung für die Entstehung des deutschen Staates.

Lausitzer

19. April 2022 00:04

@Laurenz

Schweine können bis heute die Bibel nicht lesen, noch verstehen.

Allerdings gab es vor Luther schon diverse Bibelübersetzungen (Teilübersetzungen) so um 750 in die bayrische Mundart, 830 Heiland eine dichterische Übertragung des Lebens Jesu in die germanische Umwelt etc.

Im 4 Jh. übersetzt Wulfila die Bibel in die gotische Sprache.

Übrigens: Die Westgoten treten geschlossen zum Christentum über ohne Zwangsmissionierung. Einfach weil die Wahrheit des Christentums sie überzeugt. Dasselbe gilt für Ostgoten, Wandalen, Langobarden, und Burgunder.

Lausitzer

19. April 2022 00:15

@Laurenz

Nach dem Zusammenbruch des römischen Westreiches waren es die kirchlichen Strukturen die die Kultur erhielten und neu aufbauten. Insbesondere die Klöster spielten dabei eine tragende Rolle. Die Klöster waren die, die Wissen bewahrten und weitergaben.

Bildung war bis zur Reformation immer nur für die gehobenen Schichten. Erst Buchdruck und Reformation leiteten auch eine Bildungsreform ein, die Bildung (Lesen, Schreiben, Rechnen) auch für das einfache Volk möglich machten.

Lausitzer

19. April 2022 00:25

@Volksdeutscher

Meine Antwort an Sie steckt in einer Antwort an Laurenz, die eigentlich Ihnen galt. Ich bitte um Entschuldigung und hoffe, dass Sie sie finden. 

Ein Fremder aus Elea

19. April 2022 04:56

Gracchus,

was ich beschrieb ist das Glasperlenspiel, also nicht Hesses Allegorie, sondern das Spiel in der Allegorie. Der beste Hinweis darauf, daß es so ist, ist die Stelle, an welcher Hesse sagt, daß Spiel sei an zwei Stellen unabhängig von einander entdeckt worden. Er meint England und Deutschland, seine Deutung der deutsch-englischen Rivalität seit Wilhelm II Zeiten und des Erfolgs der beiden Länder im Vergleich zu den traditioneller geprägten. Und er suggeriert, daß Hitler dies auf's Spiel setzt durch einen zu plumpen Ansatz. Gut, das Glasperlenspiel wird auch "unergründlich" genannt. Aber es war im Dritten Reich nicht gern gesehen, wurde also seinerzeit durchaus verstanden. Letztlich sind das natürlich alles baltisch-deutsche Prätentionen, der Adel als zivilisierender Lichtbringer (Deutscher Orden) und so weiter. Die Auffassung gibt es übrigens auch heute noch hier, nur sind's jetzt halt estnische Prätentionen.

Hax Morkheimer

19. April 2022 09:03

1) Hesses Demian-Deutung des alttestamentarischen Brudermords muß man, glaube ich, vor allem vor dem Hintergrund von Nietzsches 'Genealogie der Moral' lesen: Die Geschichte steht für den Sklavenaufstand der Moral, Kain für die Vornehmen, die vom Ressentiment der Benachteiligten dämonisiert, also gezeichnet und auf diese Weise heimtückisch bekämpft werden.

2) Die Frage, ob das Christentum für die Deutschen wesensbestimmend ist oder nicht, scheint mir heute müßig, denn die Kirchen hierzulande sind nur noch eine leere Hülle. Ob sich aus den freikirchlichen Gemeinschaften und Sekten eine christliche Renaissance erhoffen läßt, darf zumindest skeptisch gesehen werden. Ohne Zweifel gehört das Christentum zur deutschen Geschichte; aber der Wert des Eigenen, für den man einzustehen bereit ist, hängt nicht mehr davon ab, ob man sich zu einer der abrahamitischen Wüstenreligionen bekennt oder nicht.

Arrow

19. April 2022 09:41

Die Frage, wer das wahre, das gottgefällige Opfer darbringt und darum Erwählung findet, steht bis zum heutigen Tage im Zentrum der Geschichte.

Gustav

19. April 2022 09:47

"Ein toller Text, ich frage mich nur: Ist das Putin?"

Im zwischenmenschlichen Ringen gibt es so viele unterschiedliche Waffengattungen, wie es unterschiedliche menschliche Fähigkeiten gibt. Menschen haben mit den Kräften roher Gewalt gegeneinander gekämpft und mit List, mit Waffen des Geldes und der Intrige, mit Waffen der Medien und der Justiz. Im Vorteil ist, wer die Waffen wählen kann. Die verbindliche Entscheidung über die Wahl der erlaubten Waffen und das Verbot über unerlaubte Methoden entscheiden die Auseinandersetzung. Die Macht behält, wer die Regeln regelt.

In einer archaischen Umwelt roher Gewalt herrschten die Stärksten und Brutalsten. Sie wären nie auf eine andere Idee gekommen, als daß der Starke zu Recht herrscht. Zu Zeiten des Odysseus machte ihnen aber schon die Schläue Konkurrenz. Sie konnten ihre Anwendung nicht hindern, und so unterlagen sie. Die Allerschlausten der Schlauen kamen auf die pfiffige Idee, Rohheit und Gewalt für immer aus dem Arsenal der erlaubten Waffen zu verbannen und durch Schläue zu ersetzen. Platon forderte einen durch Philosophen regierten Staat, womit er natürlich sich selbst und seine Zunftbrüder meinte. Er konnte sich allerdings nicht durchsetzen und landete sogar vorübergehend auf dem Sklavenmarkt von Syrakus. Dort mußte er die bedrückende Erfahrung machen, daß seine geistigen Waffen nicht zählten.ff

Gustav

19. April 2022 09:55

Daß gegen die überlegene Gewalt keine Schläue hilft und keine Moral, mußten die Bewohner der mit Sparta verbündeten Insel Melos in der Ägäis im Jahre 415 v.Chr. lernen. Die athenische Flotte landete auf Melos und wollte die Melier zu einem Bündniswechsel im Peloponnesischen Kriege erpressen. Diese zogen die Athener in Verhandlungen. Sie beriefen sich verzweifelt auf die Götter, die Ehre, die Treue, das Recht und die Moral. Ungerührt antworteten die Athener: Daß alles dieses auf Seiten der Melier ist, bestreiten wir überhaupt nicht. Doch wißt ihr ebenso gut wie wir, "daß das Recht im menschlichen Verkehr nur bei gleichem Kräfteverhältnis zur Geltung kommt, die Stärkeren aber alles in ihrer Macht Stehende durchsetzen und die Schwachen sich fügen. [...] Wir glauben nämlich, daß der Gott wahr scheinlich, der Mensch ganz sicher allezeit nach dem Zwang der Natur überall dort, wo er die Macht hat, herrscht. Wir haben dieses Gesetz weder aufgestellt noch als bestehendes zuerst befolgt. Als gegeben haben wir es übernommen und werden es als ewig gültiges hinterlassen." Als sich die Melier trotzdem nicht fügten, wurden nach heftigem Kampf alle Männer getötet und die Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft. ( Thukydides, Der Peloponnesische Krieg)

Diese menschliche Neigung muß eine politische Theorie in Rechnung stellen, die den Anspruch erhebt, sich mit der Realität dieser Welt und dieser Menschen zu befassen und nicht nur mit der Welt, wie wir sie lieber hätten, wie schon Machiavelli süffisant bemerkt hatte.
 

Maiordomus

19. April 2022 10:34

Die Thematik Kain und Abel, im 18. Jahrhundert in der Schweiz vom damals europäisch berühmten Idyllendichter Salomon Gessner behandelt, erarbeitete ich mal publizistisch über ein Bruderverhältnis zwischen einem konformen und politisch nonkonformen Bruder in Genf. Der nonkorme Bruder wurde in absentiam zum Tode verurteilt, in Form einer Puppe geköpft, was den zivilen Tod bedeutete und den Bruder zum Erben des familiären Schlosses machte. Später wurde der Bruder in der Republik Bern Vormund des zu lebenslänglicher Festungshaft verknurrten familiär Unbotmässigen, der aber nicht zu begnadigen war, weil es sonst einen Erbstreit ausgelöst hätte. Wurde damals als eine Kain- und Aber-Geschichte empfunden Zu den "Brudermorden" von heute zähle ich unter Lehrern in der Art von H.B. Berufsverbote wie im gedruckten Heft geschildert. War 1972 selber als Extremist fichiert, was mit etwas Glück, bei einem geistig absolut grossmütigen Rektor, 7 Jahre später doch noch eine Wahl nicht ausschloss, wie HB zuzutrauen, den ich zu den Besten in seinem Land zähle, glaube ich, nunmehr im Rückblick, meiner Schülerschaft vieles geboten zu haben, das kein konformer oder geistlich ängstlicher Lehrer hingekriegt hätte. Das wäre auch HB zu gönnen (gewesen).

X41X

19. April 2022 11:58

@Laurenz

Ihr Kommentar  Nr. 1 -> Volltreffer!

Wobei lt. der Evangelien heisst ja es: "Sehet der Fuchs hat sinen Bau, aber der Menschensohn nicht mal einen Polster, auf dem er seinen Kopf ruhen lassen kann!"

Somit hat Jesus wahrscheinlich durchaus auch eher mit einem Bettelnomadentum sympatisiert, als wie mit dem feigen, wertkonservativen "Sesshaftentum" aller und unserer Zeiten.

 

Franz Bettinger

19. April 2022 12:14

Ein wunderbares Traktat (das man nicht verfranzeln kann). Ich werde es genau so in meinem täglichen Rundbrief an Freunde weitergeben. 

@Eo: Sie haben recht, was unseren @Laurenz betrifft. Lau hat eine schöne Ergänzung zum Kain-Rätsel geliefert und Gott darin gespiegelt. Auch @Simplicius sieht es so: "Das Problem aber ist Gott.“ 

@Herrmann Hesse hat ja bereits im Steppenwolf (seinem mMn schlechtesten Werk, für das er laut Marcel Reich-Ranicki? auch noch den Nobelpreis bekam) das Tierische und Kain-artige im Menschen gefeiert. 

Mboko Lumumbe

19. April 2022 12:22

Ach allzulang ist´s her, das Büchlein gelesen zu haben. Zweimal schon, weil mir danach war. Und doch ist es noch Geheimnis, ob ich jemals Mensch werde oder Frosch, Eidechse, Ameise bleibe. Oder oben Mensch und unten Fisch. Das zu deuten, kann jeder nur für sich selbst.

Der pauschale und undifferenzierte linksgrüne Kampf gegen Rechts steht bildhaft für den Brudermord im eigenen Volk und beschreibt eine vergiftete Nähe, die in Brutalität, in Vernichtung umschlägt, und zeugt davon, dass Kain, der Mörder, vom Staat mit einem Mal gezeichnet wurde, das ihn zugleich brandmarkte und schützte. Das Kainszeichen brandmarkt eine Gruppe scheinbar auserwählter, eingebildet erwachter, jedenfalls besonderer Menschen, die vorgeben anders zu leben, glauben tiefer zu empfinden und den je eigenen Gott suchen. Das Mal ist kein Schandzeichen mehr, sondern garantiert Gesinnungsstaatsschutz und es soll für jeden sichtbar sein und wer es nicht trägt, gilt als schuldverdächtig.

NationalSOZIALISTEN = Sozialisten = Linke

Danke für die Anregung, das Büchlein liegt parat und vielleicht möchte ich später im Garten wieder lesen. Und auf alle Fälle habe ich mir auch den Film "Das Leben des Brian" parat gelegt. Passend als Osternachklang.

wbs47

19. April 2022 12:46

@Gustav

Danke für die  - mit dem Geschichtsbeispiel anschaulich unterlegte - entscheidende Feststellung:

"Diese menschliche Neigung muß eine politische Theorie in Rechnung stellen, die den Anspruch erhebt, sich mit der Realität dieser Welt und dieser Menschen zu befassen und nicht nur mit der Welt, wie wir sie lieber hätten, wie schon Machiavelli süffisant bemerkt hatte."

zeitschnur

19. April 2022 12:50

@ Gracchus

Timschal heißt aber nicht "Du kannst herrschen", sondern wirklich "Du wirst herrschen" (2. Pers. sg. mask., Imperfekt).

Buber überträgt: Du aber walte ihm ob.

Ludwig Philippson übertrug: Du aber könntest herrschen über sie.

Das grammatische Problem ist für uns, dass das hebräische Futur als "Imperfekt" verstanden wird, als "Noch-nicht-vollzogen" und insofern zukünftig. Grammatisch kann man es daher neben einem reinen Futur auch als als "Jussiv" auffassen: Du sollst herrschen. Also: das, was jetzt gerade (noch) nicht ist, kann aber werden. Insofern hat Steinbeck recht. Nun kommt das deutsch als Imperativ an, und so ist es auch nicht gut übertragbar. Wir finden diese Futur-Formen auch im NT auf Griechisch, das muss eine direkte Übertragung des hebr. Imperfektes sein, obwohl es Griechisch ja schon möglich ist, das "Du sollst" iS "Du mögest ..." zu übertragen. Man hat das aber nie so übertragen, sondern immer mit der griechischen Futurform, ebenso übrigens hat es auch Hieronymus gehandhabt: Auch auf Latein immer Futur und kein konjunktivischer Jussiv.

Nun ist aber manches, was im Futur geschrieben ist (also: Imperfekt), wirklich auch auf Hebräisch ein Futur, man muss hier also sehr genau abklopfen, was in einem Text steckt.

ff

zeitschnur

19. April 2022 12:51

ff

Die Ansprache Gottes an Kain hat zunächst im ersten Satz eine Wenn-dann-Struktur: 1. Wenn Du es gut meinst, dann wirst Du frei den Kopf erheben können. Aber der 2. Satz wird komplizierter: Wenn Du es nicht gut meinst, dann liegt es daran, dass der Belagerer dich belagert. Kain wird entlastet von Gott: Nicht Du bist der Böse, sondern der Böse belagert Dich, begehrt dich. Darauf ein lakonisches: Du wirst ihn beherrschen! Dass Kain den Kopf hängen lässt, dass Gott sein Opfer verschmäht hat ohne erkennbaren Grund, das fordert Kain heraus, aber Gott fordert ihn damit heraus, hinauszuwachsen. Ich lese das auch hermeneutisch abgeklopft ganz eindeutig als ein "Du kannst es!"

Kain tut es nicht, er erliegt dem Hadern. Er hätte es gekonnt, wollte aber nicht.

Was heißt das für uns: Wir können, wir können sogar immer und jede Herausforderung, die Gott uns zumutet, bestehen. Wir sind zur Herrschaft über die Dämonen berufen.

Aber es muss errungen werden im Kampf. Es gibt keinen Automatismus. So auch mein Verständnis der Prophetie, das ich dem Gracchus früher einmal antwortete: Das ist kein Determinismus, sondern eine torah im eigentlichen Sinn, eine "Weisung", für die ICH die Verheißung habe, sie zu bestehen. Kain hatte eine Verheißung und hat sie ausgeschlagen.

Mit Hesses Demian habe ich große Probleme, schon damals, als ich es als Jugendliche las, wand ich mich, spürte die Blasphemie: Der, der sich der Verheißung verweigert, soll plötzlich der "Besondere", gar der Erwählte sein?! Das ist eine Art moderner Frankismus ...

Das Kainsmal ist ein ot, ein "Zeichen", schon iS einer Markierung, wie das Tattoo eines Sklaven oder Gefangenen. Kain soll "unerschlagen" bleiben, wenn man ihn fände. Er unterliegt einer Amnestie als Verurteilter und steht damit immer noch unter Gottes Gnade. Ich habe auch Probleme mit diesen Deutungen, die Kain als Satansbraten ansehen. Er steht ja so auch für die Gnaden- und Heilszeit Gottes. Und für den Ausstieg aus der Logik des exponentiellen Wachstums der Verwüstung: Wenn ihn einer erschlägt, werden dafür sieben erschlagen ... (und das soll nicht sein!)

zeitschnur

19. April 2022 13:03

Noch eine Information:

Abel heißt hebräisch Hevel. Und Hevel bedeutet "Hauch, Nichtigkeit, Vergebliches".

Kain aber heißt "Waffe" (Lanze, Speer, Spieß).

Das hat eine tiefe Symbolkraft, die ich immer noch nicht vollständig verstehe im Rahmen der gesamten Erzählung.

Lausitzer

19. April 2022 13:11

@Hax Morkheimer
Entweder gibt es eine Renaissance des Christentums im Abendland, zumindest als Kulturchristentum, oder wir lösen uns in die Alternativen auf. Die Alternativen dazu sind Globohomo inklusive Great Reset oder Anschluss des Abendlandes an das Haus des Islam.

Entweder eignen wir uns unsere kulturellen Wurzeln wieder an oder verschwinden kulturell. 

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