Julia Friedrichs: Working Class.

  Das neue Buch der Berliner Journalistin Julia Friedrichs (*1979, bekannt durch Gestatten: Elite und Ideale) dürfte insbesondere...

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

zwei Leser­grup­pen in sei­nen Bann zie­hen: Zum einen wer­den jene begeis­tert sein, die Geor­ge Packers dich­tes Repor­ta­ge­werk Die Abwick­lung. Eine inne­re Geschich­te des neu­en Ame­ri­ka (Frank­furt a. M. 2014) ver­schlun­gen haben, legt Fried­richs doch ein Pen­dant für die Arbeits- und Lebens­welt der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vor, das in man­cher­lei Hin­sicht (quan­ti­ta­tiv wie qua­li­ta­tiv) »abge­speck­ter« als das US-Ori­gi­nal erschei­nen mag, aber doch vie­le von des­sen Vor­zü­gen in sich birgt. Zum ande­ren drängt sich das Buch all den­je­ni­gen auf, die nach dem »nor­ma­len Leben« in der zeit­ge­nös­si­schen Gesell­schaft Aus­schau hal­ten. Fried­richs zeigt anhand ver­schie­de­ner Per­so­nen­por­träts auf, wie die gesell­schaft­li­che Rea­li­tät aus­sieht und was von der vie­le Jah­re ver­trau­ten »Nor­ma­li­tät« der Bun­des­re­pu­blik ver­mißt wird.

Wie bei Packer wird der Leser lite­ra­risch ein­ge­bun­den; auch als nüch­tern ver­an­lag­ter Mensch fühlt bzw. denkt man nach weni­gen Sei­ten mit den (anony­mi­sier­ten) Cha­rak­te­ren mit. So unter­schied­lich die­se aus­ge­wählt sind, ob stu­dier­te frei­be­ruf­li­che Musik­leh­re­rin oder Rei­ni­gungs­kraft in der Ber­li­ner U‑Bahn: Es eint sie die Tri­as der Abstiegs­angst der kri­sen­rei­chen Gegen­wart: »Es darf bei kei­nem etwas pas­sie­ren«, »Es darf nie­mand krank wer­den«, »Es müs­sen alle funk­tio­nie­ren«. Das schält sich jeden­falls her­aus als die gro­ße Dif­fe­renz zur Zeit des gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Auf­stiegs bis in die 1980er Jah­re hin­ein: Das Berufs­le­ben (und damit auch: die fami­liä­re Pla­nung) war für die arbei­ten­de Mehr­heit rela­tiv bere­chen­bar, die Kar­rie­re ver­lief, wenn man tätig und pflicht­be­wußt sei­ne beruf­li­chen Auf­ga­ben erfüll­te, eini­ger­ma­ßen line­ar: Aus­bil­dung oder Stu­di­um, Fest­an­stel­lung, gege­be­nen­falls diver­se Beför­de­run­gen, Pen­sio­nie­rung, beglei­tet von ange­mes­sen ver­zins­ten Spar- und Fest­geld­kon­ten, Urlau­ben, ein­ge­bet­te­tem Gesell­schafts­le­ben – und das alles im Regel­fall bei einem ein­zi­gen Eltern­teil als Voll­zeit­be­schäf­tig­tem. Doch was für die­se »gol­de­ne Genera­ti­on der Bun­des­re­pu­blik« noch »Nor­ma­li­tät« aus­mach­te, also vor allem für jene Men­schen, die wäh­rend der Nach­kriegs­jah­re gebo­ren wur­den, kann heu­te als Aus­nah­me ver­bucht wer­den. Es gelingt Julia Fried­richs aus­ge­zeich­net, die­sen Wan­del wirt­schafts­po­li­tisch zu beschrei­ben und dar­aus men­ta­li­täts­po­li­ti­sche Fol­ge­run­gen zu zie­hen. Ent­spre­chen­de sach­kun­di­ge Erör­te­run­gen wer­den in ange­mes­se­ner Rela­ti­on zwi­schen gewähr­ten, sehr per­sön­li­chen Ein­bli­cken in den All­tag von Arbei­tern, Ange­stell­ten und Selb­stän­di­gen – d. h.: einer sich wan­deln­den Working Class – der neu­en Bun­des­re­pu­blik eingebaut.

Seit Früh­jahr 2020 ist nun­mehr die Corona­krise fes­ter Bestand­teil des Lebens die­ser neu­en Repu­blik. Die Pas­sa­gen über die Fra­gen, wer pro­fi­tiert, wer ver­liert oder auch wer resi­gniert, zäh­len zu den stärks­ten Refle­xio­nen in der deutsch­spra­chi­gen Coro­na-Lite­ra­tur über­haupt, nicht zuletzt, weil fak­ten­ba­siert gezeigt wird, wie bestimm­te Kon­zer­ne mil­li­ar­den­schwe­re Pro­fi­te ein­fah­ren, die Kri­sen­ge­win­ne folg­lich pri­va­ti­sie­ren, wäh­rend sie den Staat als »Melk­kuh« (Arnold Geh­len) aus­nut­zen und sich Lohn­fort­zah­lun­gen qua Kurz­ar­bei­ter­re­ge­lun­gen vom Hal­se schaf­fen, die Kos­ten hier­für also ver­ge­mein­schaf­ten. Daß sich Julia Fried­richs bis­wei­len zeit­geis­tig ver­hed­dert, etwa wenn es um den ver­meint­lich reak­tio­nä­ren Cha­rak­ter des ver­bli­che­nen Allein­ver­die­n­er­fa­mi­li­en­haus­hal­tes geht, trübt den Ein­druck nur gering­fü­gig. Auch ein Geor­ge Packer war in sei­nem Mei­len­stein davor nicht gefeit – und man las ihn den­noch mit Gewinn.

Julia Fried­richs: Working Class. War­um wir Arbeit brau­chen, von der wir leben kön­nen, Ber­lin / Mün­chen: Ber­lin Ver­lag 2021. 320 S., 22 €

 

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Benedikt Kaiser

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