Szene-Prosa in vier Beispielen – Romane und Kunst (2)

Wenn es zu leicht fällt, einen Roman oder eine Erzählung als "rechts" zu bestimmen, ist das fast ausnahmslos kein gutes Zeichen.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Fast aus­nahms­los bedeu­tet aber: Es gibt Aus­nah­men, es gibt qua­li­ta­tiv emp­feh­lens­wer­te Roma­ne von rechts, die für eine Ver­ein­nah­mung geschrie­ben wur­den und ihre Leser in die­sem Lager fin­den. Sol­che Roma­ne haben the­ma­ti­sche Ein­deu­tig­keit, Sze­ne­an­spie­lun­gen, Welt­an­schau­ungs­aura zu bie­ten, und die Autoren haben ihre Bücher genau so an- und damit fest­ge­legt. Vier Beispiele:

1. Gue­ril­la von Lau­rent Ober­to­ne ist in der Über­set­zung aus dem Fran­zö­si­schen bei Antai­os erschie­nen. Die Auf­la­ge geht zur Nei­ge, in Frank­reich war das Buch ein Best­sel­ler, hier hat es sich ordent­lich ver­kauft. Gue­ril­la ist eine har­te Dys­to­pie aus rech­ter Sicht. Eth­no-sozia­le Unru­hen eska­lie­ren und mün­den buch­stäb­lich in die Über­wäl­ti­gung von Paris. Stadt, Poli­zei, Behör­den, der Fran­zo­se an sich haben der zer­stö­re­ri­schen Erobe­rungs­wut aus den Ban­lieues nichts mehr entgegenzusetzen.

Es ist die klas­si­sche Aus­gangs­po­si­ti­on “Wir und die ande­ren”, es gibt Wider­stands­nes­ter, es wird zu lan­ge gezö­gert und gezau­dert, es fehlt an Männ­lich­keit, Bewaff­nung, Mut zur Här­te. Die Gut­men­schen wer­den trotz aller gut­mensch­li­chen Anbie­de­rungs­be­reit­schaft genau­so als läp­pi­sche Fran­zo­sen bei­sei­te­ge­fegt wie die­je­ni­gen, die sich kei­ne Illu­sio­nen mach­ten. Die Iden­ti­tä­re Bewe­gung sieht sich in allen Pro­gno­sen bestä­tigt, demons­triert betont gewalt­frei in einer Neben­stra­ße und wird den­noch von der Poli­zei als leich­tes­ter aller Stö­ren­frie­de in den Rinn­stein gedroschen.

Der Stil ist rasant, das Per­so­nal­ta­bleau an Ras­pail geschult, das Ergeb­nis der heroi­sche Ein­zel­ne, der ver­lo­re­ne Pos­ten, die schock­ar­ti­ge Des­il­lu­sio­nie­rung. Gue­ril­la – es gibt gemes­sen an die­sem Roman jede Men­ge bil­li­ge Brü­der, geschrie­ben nach Sche­ma F, pro Monat liegt uns ein sol­ches Manu­skript vor. Wir nen­nen sie Kollapspornos.

2. Der Casa-Pound-Roman Wer gegen uns erschien noch bei Antai­os: hart, neo­fa­schis­tisch, ita­lie­ni­sches Skin-Milieu, geschrie­ben über und für ein Sze­ne­pro­jekt, das aus­strahl­te, aber nicht über­trag­bar war: Rom ist eng, die Casa Pound, die­ses besetz­te Haus, war ein Ort, ein Aben­teu­er, die sozia­le Fra­ge in Ita­li­en eine fun­da­men­tal ande­re als bei uns.

Wer gegen uns erzählt vom Druck und von erkämpf­tem Frei­raum. Euro­pa Power Bru­tal aus der Feder John Hoe­wers ist eine der mög­li­chen deut­schen Vari­an­ten. Die­ser Roman ist bei Jun­g­eu­ro­pa erschie­nen und ein lite­ra­ri­scher Erfolg.

Hoe­wers Prot­ago­nis­ten sind nicht karg aus­ge­stat­tet, nicht auf den Kampf um ein Haus, einen Stadt­teil, ein Weni­ges beschränkt, son­dern eher Schau­lus­ti­ge, Wahr­neh­mer – natür­lich irgend­wie ange­grif­fen, unbe­haust, zwi­schen Baum und Bor­ke, aber viel mit Klei­dung, Bier­sor­ten, Rei­sen, Suff beschäftigt.

Das ist Chris­ti­an Kracht von rechts und das ist wirk­lich eine deut­sche Blau­pau­se: pri­vi­le­giert aus­ge­stat­te­te Sinn­su­che zwi­schen Zynis­mus, Ehr­lich­keit gegen sich selbst und einer ver­blüf­fen­den Sorg­lo­sig­keit. Für die rech­te Sze­ne, zumal die im Roman beschrie­be­ne nicht-radi­ka­le, eher bür­ger­lich-sty­li­sche, ist näm­lich von der AfD ein Job­mo­tor ange­wor­fen wor­den, der den äuße­ren Lei­dens­druck pul­ve­ri­siert hat. Selbst beruf­lich kann man mitt­ler­wei­le tin­geln, und zwar in Zusam­men­hän­gen, die mit dem Zwang zum Plus (und dadurch mit einer Dis­zi­pli­nie­rung per se) nichts zu tun haben.

Auch inso­fern ist Euro­pa Power Bru­tal ein sehr ehr­li­ches Buch: Es tut nicht so, als gin­ge es um einen ent­schei­den­den Kampf, um eine aus­sichts­lo­se, aber heroi­sche Hal­tung oder um eine poli­tisch-sub­ver­si­ve Zähig­keit. Es geht näm­lich nur um etwas von dem, was als “wah­res Leben im fal­schen Gan­zen” von jeder an der Ver­zweif­lungs­gren­ze exis­tie­ren­den Grup­pe durch­de­kli­niert wird.

3. Weit von der Ver­zweif­lungs­gren­ze ent­fernt agiert Fami­lie Gott­mann, über deren Fall und Auf­stieg in einem ganz auf Dur gestimm­ten Roman berich­tet wird. Das Milieu ist klas­sisch: Wie­ner Bur­schen­schaf­ter­sze­ne, dar­in der Arzt Gott­mann, poli­tisch, weil Boo­mer, also aneckend. Finan­zi­el­le Eng­päs­se ver­hin­dern eine Fahrt ins Wochen­end­haus, man über­rascht nun in der Stadt­vil­la ein Ein­bre­cher­trio, schießt nie­der, wird nie­der­ge­sto­chen, erkämpft sich einen Frei­spruch undsoweiter.

War­um Antai­os die­sen Roman aus der Viel­zahl an initia­tiv ein­ge­reich­ten, also nicht-ange­for­der­ten Manu­skrip­ten aus­wähl­te? Der Ton ist anders. Scha­ber­nack steckt dar­in, sze­ni­sche Komik, die Figu­ren sind nicht ein­di­men­sio­nal, son­dern modern gebro­chen in aller Sorg­lo­sig­keit einer insti­tu­tio­nel­len Zuge­hö­rig­keit, die es so wohl nur noch in Wien gibt, allen­falls in Ansät­zen in Mün­chen oder Ham­burg – ganz sicher aber nicht in Berlin.

Der Roman hat etwas Lapi­da­res, die Fami­lie ist die “klei­ne Kampf­ge­mein­schaft”, ohne daß dies benannt, über­höht, beschwo­ren oder ein­di­men­sio­nal notiert wäre.

4. Fehlt noch der his­to­ri­sche Roman. Bei Arns­h­au­gk, einem Ver­lag wie ein Fak­to­tum, ist von Kon­stan­tin Fech­ter der Roman Ober Ost erschie­nen. Die Hand­lung ist unmit­tel­bar nach dem Ende des I. Welt­kriegs ange­sie­delt, der – wie wir, also: die Leser von rechts, wis­sen – im Osten ganz und gar nicht vor­bei war.

Ober Ost beschreibt die Suche eines klei­nen Trupps, der einen zwar erfolg­reich agie­ren­den, aber augen­schein­lich ver­rückt gewor­de­nen Oberst auf­spü­ren und ihm das Hand­werk legen soll. His­to­ri­sche Figu­ren tre­ten auf, der Fähn­rich v. Salo­mon bei­spiels­wei­se, und die Geschich­te liest sich span­nend, weil auch das Colo­rit stimmt.

Rudi­men­tä­re lite­ra­ri­sche Bil­dung oder die Kennt­nis eines Film­klas­si­kers ver­fei­nern die Lek­tü­re: Joseph Con­rads Herz der Fins­ter­nis beschrieb die Suche nach einem ver­schol­le­nen Han­dels­ver­tre­ter tief den Kon­go hin­auf, Apo­ca­lyp­se Now über­setz­te den Roman kon­ge­ni­al nach Viet­nam, und nun will also im Bal­ti­kum ein deut­scher Offi­zier wie eine Schne­cke auf der Schnei­de des Mes­sers ent­lang­krie­chen und überleben…

– – –

Gue­ril­la von Lau­rent Ober­to­ne – hier bestel­len;
Wer gegen uns von Dome­ni­co de Tul­lio – hier bestel­len;
Euro­pa Power Bru­tal von John Hoe­wer – hier bestel­len;
Fall und Auf­stieg der Fami­lie Gott­mann von Rudolf Prey­er – hier bestel­len;
Ober Ost von Kon­stan­tin Fech­ter – hier bestel­len.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (13)

Isarpreiss

26. April 2022 19:32

Stilistisch war der Roman über die Familie Gottmann eher mittelmäßig.

RMH

26. April 2022 20:09

"Der Casa-Pound-Roman Wer gegen uns"

Habe ich vor der Corona-Kriese bei Antaios gekauft und damals gelesen. Inhaltlich interessant, aber wenn man bedenkt, dass der mittlerweile nicht mehr brandaktuelle Roman eine gewissen Spannung oder Hoffnung vermittelt, dass sich etwas in Italien in Richtung rechts bald drehen wird und es dann jetzt mit aktuell 2022 abgleicht, dann stellt man fest, gekippt ist an den politischen Verhältnissen in Italien nichts im Sinne von rechts - außer das Draghi ganz etatistisch (rechts?) ein beinhartes Corona-Regime durchgezogen hat. Das Buch kann einen also heute nicht mehr so mitnehmen, wie es das vor ein paar Jahren noch gemacht hat/ hätte. Zudem: Die Übersetzung hatte doch - wie will ich es beschreiben? - viel "Parlare"-Sound, also ein bisschen gewöhnungsbedürftig für den deutschen Leser.

RMH

26. April 2022 20:17

"Joseph Conrads Herz der Finsternis beschrieb die Suche nach einem verschollenen Handelsvertreter tief den Kongo hinauf, Apocalypse Now übersetzte den Roman kongenial nach Vietnam,"

Aber bitte Apocalypse Now in der Redux-Version ansehen. In dieser langen Variante wird deutlich, dass man es bei dem Film wie bei Conrads "Herz der Finsternis" zentral auch mit der These des unvermeidbaren Scheiterns des europäischen Kolonialismus zu tun hat. Ganz grundsätzlich habe Conrad sehr gerne gelesen.

t.gygax

26. April 2022 20:43

..Arnshaugk, einem Verlag wie einem Faktotum ....naja; immerhin hatte Lammla den Mut, das "Manifest der Briganden" zu übersetzen und ins Programm aufzunehmen. Das war aller Ehren wert.

 

"sea changes" / Derek Turner (Jungeuropa-Verlag) hat etwas mehr sprachliche und inhaltliche Qualität als etwa "Guerilla"( der zweite Teil , den ich auf französisch gelesen habe, steigert das ständige Gemetzel noch.....) , und sehr lesenswert, weil aus russischer  und damit östlicher Perspektive geschrieben: "Die Moschee von Notre Dame" von Jelena Tschudinova, Renovamen Verlag.

Raspails "Sire" bleibt natürlich ein  Sonderfall, das ist schon gekonnt gestaltet, und was ist eigentlich mit den antaios Krimis " Systemfehler" I und II ?

brueckenbauer

27. April 2022 06:54

Über die Fomulierung "Verlag wie ein Faktotum" denke ich noch nach. Scheint zu bedeuten, dass Arnshaugk eine besonders breite Palette von Lesebedürfnissen befriedigt, breiter als antaios (das für sinnvoll hält). Ob das positiv oder negativ zu sehen ist, darf vermutlich jeder selbst entscheiden.

Ein Fremder aus Elea

27. April 2022 19:42

Zu "Kollapspornos",

seltsam, daß es dafür keine Schablone wie Epiphanios von Salamis' Panarion gibt. aber als Antischablone empfehle ich Platons Nomoi, weil sie auf das Schönste verdeutlichen, was seit 2500 Jahren einfach nicht kollabieren will.

Wahrheitssucher

27. April 2022 20:52

Warum fällt es so manch einem so schwer, sich in der zur Verfügung stehenden Zeit mit Romanen zu befassen? Eine Antwort könnte lauten: Ein Roman ist und bleibt immer Fiktion. Warum soll ich Fiktionales lesen, wenn die Wirklichkeit doch so unendlich viel Interessantes bereithält?

links ist wo der daumen rechts ist

28. April 2022 09:26

„Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“

 

Zum Thema Dystopie fällt mir immer o.a. Zitat ein.

Zur Herkunft vgl. hier:

https://falschzitate.blogspot.com/2017/04/die-lage-ist-hoffnungslos-aber-nicht.html

Szenarien einer Dystopie haben zwei Funktionen: zum einen stabilisieren sie einen gegenwärtigen Zustand, zum zweiten appellieren sie an das Ausleben von (rechten) Affekten (im Sinne von: endlich geht‘s los, bin bereit zum Endkampf, wo ist mein Baseballschläger usw.); aus letzterem Grund findet sich vieles dazu im deutschsprachigen Raum in Übersetzungen.

Real sind diese Szenarien alle zusammen nicht.

Angstlust belebt halt das Geschäft (Konserven, Funkgeräte, Baseballschläger...).

Wie oft schon lag unsere vertraute Welt in Trümmern. 1648, 1945 usw. (habe eben die „Dresden in den …er Jahren“-Bände erworben).

Oder rutscht das Todernste gleich in die Selbstironie (vgl. „Terminator“ 1 und 2).

Und kursieren nicht auch schon (gute) Ukraine-Witze (man verzeihe den Twitter-Scheiß):

https://twitter.com/BFaast/status/1513224314774073354

Ich darf auch an mein Zitat aus dem Buch von Annie Francé-Harrar erinnern, in dem sie Spengler den Kopf wäscht: Rückkehr in die Naturgeschichte sei kein menschheitsgeschichtliches Drama, sondern ein biologisches Faktum (meinte die Pionierin der Kompostverwertung).

Also, ihr guten Preußen, haltet euch an die Lebensmaxime der Ösis.

Volksdeutscher

28. April 2022 09:52

@Wahrheitssucher - "Warum fällt es so manch einem so schwer, sich in der zur Verfügung stehenden Zeit mit Romanen zu befassen? Eine Antwort könnte lauten: Ein Roman ist und bleibt immer Fiktion. Warum soll ich Fiktionales lesen, wenn die Wirklichkeit doch so unendlich viel Interessantes bereithält?"

Ob Sie damit Ihre eigene Einstellung wiedergeben oder eine Deutung des Phänomens zu geben versuchen, könnte man antworten: Das ist die Frage, die man sich bei jeder ästhetischen Produktion vorlegen kann. Warum soll man sich Bilder der bildenden Kunst, Bühnenstücke und architektonische Meisterwerke anschauen, Bücher lesen, Werke der Musikkunst im Konzert anhören? Vielleicht weil die ästhetische Welt der Kunst etwas enthält, was die Lebenswirklichkeit nicht enthält, nämlich Phantasie, Träume, Utopie, Glück, Erlösung, Erhebung, Katharsis, Erfrischung. Jede ästhetische Produktion ist eine Fiktion.

Es ist jedoch eine unlogische Begründung, daß man Romane deshalb nicht lese, weil sie Fiktionen seien. Die Antwort wäre aus meiner Sicht woanders zu suchen, vielleicht darin, daß bei bestimmten Menschen eine der beiden Gehirnhälften dominanter ist als die andere, was sowohl ihre Berufswahl als auch ihre sonstigen Vorlieben und Interessen beeinflußt / beeinflussen kann.

Imagine

28. April 2022 10:45

Nur 27,27% der Wahlberichtigten wählten Marine Le Pen.

Angesichts eines französischen Präsidenten, der von den meisten Franzosen abgelehnt wird und auf seine 40% nur kam, weil er als „kleines Übel“ gewählt wurde, wird bei objektiver Betrachtung das Ausmaß der Niederlage für eine Partei und Bewegung, die sich als „Nationale Sammlungsbewegung“ versteht; deutlich. Es zeigt, dass Le Pen und die RN in Zukunft chancenlos sein werden. Die Niederlage des RN als gegenwärtig stärkste Rechtspartei in Westeuropa macht zugleich deutlich, dass Parteien, die traditionelle rechte Politik vertreten, in Westeuropa nicht mehrheitsfähig sind. Wobei die FPÖ und die SVP – anders als in dem MM dargestellt – keine „Rechtsparteien“, sondern „Volksparteien“ sind.

Zudem ist die „Sammlungsbewegung RN ist stark von dem Einfluss der Familie Le Pen geprägt – schon unter Jean-Marie Le Pen waren seine drei Töchter (und deren Ehemänner oder Lebensgefährten) zeitweilig in der Partei tätig; in seiner Nachfolge konnte sich kein Nicht-Familienmitglied gegen Marine Le Pen durchsetzen; Kritiker sprechen teilweise von „einem florierenden Familienunternehmen“ oder einer „Dynastie“.“ (https://tinyurl.com/2p8pfdy3)

Rautenklause

28. April 2022 19:56

@Wahrheitssucher

Schon in jungen Jahren stieß ich auf eine damals als (literarisch) sehr schön empfundene, mit wachsendem Alter und gelesener Literatur als tief und wahr erkannte Miniatur Erich Kästners: "Weisheit der Bücher". In ihr geht es vordergründig über einen die Schüler prägenden Lehrer, eigentlich aber über den Wert von Literatur im Leben. Der „Scheich“ erklärt im Unterricht "Lassen Sie sich nichts weismachen! Wir Durchschnittssorte begreifen das Leben nicht per Erfahrung, sondern in Büchern ... Und wenn wir die Erde exakter als unsere Westentasche kennen! Und wenn wir die Leidenschaften täglich und im Akkord beschäftigen - ein einziger Roman eines Dichters ist uns dienlicher als drei Cookfahrten um die Welt und zehn Liebschaften mit annähernd tödlichem Ausgang. - Hiermit will ich Ihre Sehnsucht nach dem Leben nicht verspotten, sondern bloß den Wert der großen Romane ins gehörige Licht gerückt haben.".

 

Rautenklause

28. April 2022 20:01

Die Schüler glauben es ihm (natürlich) nicht – das Anrecht der Jugend, „und einigen blieb nicht viel Zeit zur Romanlektüre“.

Kästner beschreibt lakonisch das junge Sterben im Krieg, im Sport, durch Krankheit und Selbstmord und erkennt dann:

"Wer wagt zu behaupten: er stünde sich selber so fern, dass er sein Leben wie eine Landschaft überschaut? Wer errät den Sinn jener törichten Serie von Zufällen, die seine Existenz ausmachen? Jeder ist Durchgangsstation für hunderttausend Erlebnisse; das Leben vollzieht sich unsichtbar hinter dem Kulissenbau der Tatsachen.“

Und weiter: „Nur wenige Menschen – selten sind sie und früher hießen sie Dichter – nur sie erkennen, was den anderen einfach passiert. In ihren Romanen hat plötzlich Zusammenhang, was sonst ohne Bedeutung; hier hat Sinn, was sinnlos schien. Zufall enthüllt sich als Schicksal; aus dem Wirrwarr löst sich das Gesetz; Besonderes wird zum Symbol.

Rautenklause

28. April 2022 20:02

Wer solch ein Buch liest, spürt, wie ihm eine Binde von den Augen sinkt. Er wird sehend. -Er war nur der Exekutor seiner Taten und Leiden; jetzt wird er ihr sinnender Betrachter. Er lebte als Geschöpf; jetzt erlebt er eine Schöpfung.“

Und er erkennt letztlich die Weisheit des verehrten Lehrers: „Darum riet er uns, was wir nicht glauben wollten: dass das Leben in den Büchern steht; dass andere deuten, was uns widerfuhr … Jetzt glauben wir’s“.

Und mit jahrzehntelanger Lektüre im Kopf, im Herzen und auf den Regalbrettern glaube ich es auch …

https://www.youtube.com/watch?v=aS3DlCtbX1Y