David Goodhart: Kopf, Hand, Herz

von Wiggo Mann -- Der britische Publizist David Goodhart (*1956) ist gemäß eigener Aussage früher Marxist gewesen, heute nennt er sich einen konservativen Sozial­demokraten.

 Gastbeitrag

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Für Furo­re in sei­ner Hei­mat hat­te bereits sein migra­ti­ons­kri­ti­sches, multikulti­skeptisches Buch The Bri­tish Dream (2013) gesorgt. Erst sein nächs­tes Buch, The Road to Some­whe­re (2017), wur­de ins Deut­sche (2020, mit glei­chem Titel, der auf deutsch lei­der gar nicht zün­det) über­setzt. Dar­in hat Good­hart den Gegen­satz ­zwi­schen den mobi­len, »ort­lo­sen« kos­mo­po­li­ti­schen Eli­ten und den »nor­ma­len« Men­schen her­aus­ge­ar­bei­tet, die an einen Ort, an ihr jewei­li­ges Land gebun­den sei­en. In sei­nem neu­en, lesens­wer­ten Buch wid­met sich Good­hart einem wei­te­ren Kern­pro­blem der heu­ti­gen Zeit: der Über­aka­de­mi­sie­rung unse­rer Gesell­schaft. Daß kogni­tiv-ana­ly­ti­sche Fähig­kei­ten heu­te deut­lich über­be­wer­tet wer­den, führt zum einen dazu, daß durch die zwi­schen 1970 und 2010 suk­zes­siv ange­stie­ge­ne Stu­die­ren­den­quo­te das Niveau der Hoch­schu­len beharr­lich sinkt. Zum ande­ren wer­den Berufs­stän­de, die »Hand und Herz« erfor­dern, näm­lich die wei­ten und viel­ge­stal­ti­gen Berei­che der Pfle­ge und des Hand­werks, als unat­trak­tiv ange­se­hen. Das wirft eine Viel­zahl von Pro­blem und Fra­gen auf, die Good­hart in aller Gründ­lich­keit (aller­dings nicht ohne Red­un­dan­zen) auf­blät­tert – übri­gens lie­fert er Zah­len und Ana­ly­sen nicht nur für Groß­bri­tan­ni­en und die USA, son­dern faßt expli­zit Deutsch­land ins Auge: Was bedeu­tet es, wenn es mög­lichst ein »Stu­di­um für alle« (Ber­nie ­San­ders) geben soll? Wie ­ver­nünf­tig und pro­duk­tiv ist es, wenn schon Bank­an­ge­stell­te und Sach­be­ar­bei­ter ein Stu­di­um vor­wei­sen müs­sen? Was hat die nahe­zu voll­stän­di­ge Aka­de­mi­sie­rung der Pfle­ge­be­ru­fe in Groß­bri­tan­ni­en erbracht? Was sagt es aus, und wel­ches Geld wird über­haupt in aka­de­mi­sche Aus­bil­dung ver­senkt, wenn ein Drit­tel der ­Hoch­schul­ab­sol­ven­ten fünf Jah­re spä­ter in einem Beruf arbei­tet, der kein Stu­di­um erfor­dert? Inter­es­san­ter­wei­se, hält Good­hart fest, wer­den die nutz­lo­ses­ten Stu­di­en­gän­ge am stärks­ten bezu­schußt. Näm­lich inso­fern, daß jene, die hin­ter­her kein sehr soli­des Ein­kom­men erwirt­schaf­ten, das zuvor gewähr­te Bafög nicht zurück­zah­len müssen.

In der ers­ten Hälf­te die­ses enorm fak­ten­rei­chen Buches kreist Good­hart um das Pro­blem der Aka­de­mi­ker­schwem­me. In der zwei­ten Hälf­te macht er sich stark für die Beru­fe der Hand und des Her­zens, die in das heu­ti­ge Ide­al und Cre­do vom »unauf­hör­li­chen Ler­nen« so schlecht pas­sen wol­len: Ein Hand­werk ver­lan­ge näm­lich, eine Sache rich­tig gut zu beherr­schen – der Hand­wer­ker ist das Gegen­teil zum heu­te gras­sie­ren­den »role­model« des frei flot­tie­ren­den Unter­neh­mens­be­ra­ters, der sogar damit koket­tiert, »nichts wirk­lich« zu kön­nen. Die west­li­chen Staa­ten inves­tier­ten zu viel in sinn­lo­se Zer­ti­fi­zie­run­gen und zu wenig in her­vor­ra­gen­de Aus­bil­dung. Es ist, schreibt der Autor, als wür­de man ein Atom­waf­fen­ar­se­nal anschaf­fen, wäh­rend die Fuß­sol­da­ten nicht mal ordent­li­che Stie­fel hät­ten. So inter­es­sant wie fun­diert sind Good­harts sozio­lo­gi­sche Betrach­tun­gen: Akri­bisch sor­tiert er zwi­schen Sta­tus, Milieu und Ein­kom­men. Ein her­vor­ra­gen­der Hand­wer­ker (den wir, er belegt dies mit Zah­len, viel wahr­schein­li­cher in Deutsch­land fin­den denn in Eng­land) kann leicht bes­ser ver­die­nen als ein Büro­an­ge­stell­ter mit einem Bachelor­abschluß, nur: Hand­werk wie Pfle­ge haben mit einem gewal­ti­gen Pres­ti­ge­ver­lust zu kämp­fen. Die­se »Aner­ken­nungs­lü­cke« ist ein wei­tes Feld. Sie hat auch damit zu tun, daß sich gera­de Men­schen aus »boden­stän­di­gen« Beru­fen zuneh­mend »fremd im eige­nen Land« und sozi­al mar­gi­na­li­siert zu füh­len. Mehr »Wert­schät­zung« für Hand und Herz, mehr Geld für Pflege­berufe – das wird nicht rei­chen. Bei sei­nen wei­te­ren Vor­schlä­gen zur Lösung des Dilem­mas schweift Good­hart lei­der ab und gerät ins gera­de­zu kon­fu­se Schwa­dro­nie­ren über Medi­ta­ti­on, nütz­li­che Pfle­gero­bo­ter und die Not­wen­dig­keit kos­ten­lo­ser Ehe­be­ra­tun­gen. Das letz­te der zehn Kapi­tel kann man sich getrost sparen.

David Good­hart: Kopf, Hand, Herz. Das neue Rin­gen um Sta­tus. War­um Hand­werks- und Pfle­ge­be­ru­fe mehr Gewicht brau­chen, Mün­chen: Pen­gu­in 2021. 390 S., 22 €

 

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