Sezession
1. Mai 2005

Kulturtheorie und Kulturkonflikt

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession Sonderheft Spengler / Mai 2005

von Peter R. Hubert

Oswald Spengler ist es anders ergangen als seinem großen Vorbild Friedrich Nietzsche, anders auch als etwa Heinrich von Kleist oder Friedrich Hölderlin: Man entdeckte ihn und die Bedeutung seines Denkens nicht erst nach seinem Tode, sondern sein Ruhm als Geschichtsphilosoph setzte schlagartig bei Ende des Ersten Weltkrieges ein. Kurz vorher war der erste Band seines umfangreichen, mit dem Titel bald zum Schlagwort gewordenen Hauptwerkes erschienen, mit dem sein Name bis heute in erster Linie verbunden ist: Der Untergang des Abendlandes. Abgeschlossen hatte er das Manuskript in der ersten Fassung bereits kurz vor Kriegsausbruch, und als das Buch dann endlich nach Überwindung mannigfacher Schwierigkeiten erscheinen konnte, beschloß der Autor – der aus gesundheitlichen Gründen am Krieg nicht hatte teilnehmen können – das Vorwort zur Erstausgabe mit den Worten, er habe nur den einen Wunsch auszusprechen, „daß dies Buch neben den militärischen Leistungen Deutschlands nicht ganz unwürdig dastehen möge“.

Es kam indes alles ganz anders. Mit den militärischen Leistungen des deutschen Heeres war es seit dem November 1918, als der Krieg endgültig verloren war, erst einmal vorbei, und der Ruhm Spenglers stieg paradoxerweise – sozusagen in kontrafaktischer Bewegung – mit dem politischen Niedergang Deutschlands, das im Frühsommer 1919 den als Schande und Demütigung empfundenen Versailler Friedensvertrag akzeptieren mußte, immer weiter an. Die allgemeine Stimmung im Lande des Hauptverlierers des Ersten Weltkrieges verdüsterte sich in einer Weise, daß der Titel von Spenglers großem Werk von den Deutschen der damaligen Zeit gewissermaßen als die Losung der gegenwärtigen Weltstunde empfunden wurde: Der von dem Denker angekündigte Untergang des Abendlandes wurde mit dem Untergang Deutschlands gleichgesetzt.
Viele Assoziationen mögen hierbei mitgespielt haben. Spätestens seit Friedrich Meineckes berühmtem Buch Weltbürgertum und Nationalstaat von 1908 war den Deutschen die Tatsache ins Bewußtsein zurückgerufen worden, daß die deutschen Klassiker und die Vertreter des philosophischen Idealismus um 1800, allen voran Schiller und Fichte, die Deutschen als „Weltvolk“ angesehen hatten, als geistig führendes Volk in der Welt, das freilich – und das war entscheidend – diesen Ruhm nicht für sich allein erstrebte, sondern das seine geistigen Fähigkeiten vollkommen und ausschließlich in den Dienst der Höherentwicklung der gesamten Menschheit stellte. Von den späteren nationalistischen Verengungen war hier noch keine Spur zu finden, doch die Selbstidentifikation der Deutschen mit dem Höhepunkt intellektueller Weltkultur wirkte lange nach. Auch noch später, gerade in der Zeit des Kaiserreichs, gab es nicht wenige Deutsche, von denen Deutschlands Hauptaufgabe in der Welt zuerst und vor allem in den Bereichen der Wissenschaft und der Kunst gesehen wurde. Der politische Niedergang des Landes nach dem Ende des Ersten Weltkrieges konnte aus diesem Grund umso umstandsloser mit dem Niedergang der abendländischen, ja sogar der „weißen“ Welt überhaupt in Parallele gesetzt werden. Dieser Gedanke bot nicht nur die Möglichkeit, dem für die meisten deutschen Zeitgenossen nur schwer faßbaren Untergang des Kaiserreichs eine Art von „Sinn“ abzugewinnen, sondern es war in der Perspektive dieser Deutung nun ebenfalls möglich, die eigene Niederlage gewissermaßen metaphysisch und geschichtsphilosophisch zu überhöhen – eben indem man das Schicksal Deutschlands mit dem Schicksal des Abendlandes selbst identifizierte: Stirbt Deutschland, das Herz des Abendlandes, dann ist auch der Kontinent, der Kulturkreis als ganzer mit Notwendigkeit zum Untergang verurteilt.


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