Sezession
17. August 2009

Zuviel der Ehre

Ellen Kositza

bloodAnscheinend herrscht immer noch Sommerloch-Not in den Redaktionsstuben. Kaum zu glauben – bei uns hat bereits vor zwei Wochen wieder die Schule begonnen. Wie sonst als mit Nachrichtenflaute ist die Aufregung zu erklären, die Ende vergangener Woche durch das sogenannte Blood & Honour-Urteil ausgelöst wurde?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Der Kölner Stadtanzeiger sprach empört vom „Kulturschock der Woche“, und selbst die FAZ füllte an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ihre Kommentarspalten mit dem „Skandal“, der die „globalisierten Nazis“ (sic!) nun dazu verleiten könne, „weiterhin mit der Justiz Katz und Maus zu spielen.“ (Daß der Zentralrat deutscher Sinti und Roma von einem „generellen Freibrief für rassistische Hetze“ spricht -- klar.)

Worum geht’s? (Oder anders: Ist es wieder so weit?)

Der Bundesgerichtshof hat soeben entschieden, daß die Verwendung der unter Skinheads wohl beliebten Parole "Blood and Honour" (als Hemdaufdruck bspw.) nicht strafbar sein, da „eine nationalsozialistische Parole untrennbar mit dem Gebrauch der deutschen Sprache verbunden“ sei. Keine Ahnung, wie Analphabetismen wie Bluht & Ähre oder Verballhornungen (etwa Flut & Meere in Fraktur) gehandhabt würden? Oder ist genau das mit „Katz – und Mausspiel“ gemeint? Immerhin wurden diverse Klamotten des mutmaßlichen Szenezulieferers Thor Steinar allein deshalb verboten, weil sie Ähnlichkeiten zu Runen aufwiesen.

Jedenfalls sind die Kommentatoren aus dem Häuschen. Auch, weil der urteilende Staatsschutz-Senat kleinlaut zugab, daß sich mit dem Urteil eine „Spielwiese für rechtsextremistische Vereinigungen“ eröffne. Also, was blüht uns da, um welche schäbigen Spielwiesen handelt es sich? Was wird da ausgeheckt, wo, von wie vielen ?

Im Ernst: Ähnliche Fragen treiben mich um, seit wir in einer Gegend leben, die gelegentlich unter die sogenannten no-go-areas für Ausländer subsummiert wurde. Wir kennen zahlreiche Schulen im Umkreis, Sportvereine, Freiwillige Feuerwehren. Sogar ein paar Jugendclubs und die inoffiziellen Jugendtreffs (vor Supermärkten und an Tankstellen) für bierflaschenbewehrte Halbwüchsige haben wir in Augenschein nehmen können. Von Neonazis (jedenfalls äußerlich erkennbaren) keine Spur. Keine Unterwanderung, nirgends. Nicht mal per Graffiti tritt hier oder in städtischeren Gefilden (Halle, Leipzig, Naumburg) neonazistisches Gedankengut nennenswert zutage. Die paar Spuckis, die an Laternenmästen kleben, sind von der „antifaschistischen Aktion“ oder ähnlichen Jungmännervereinigungen.

Meine Güte, agieren diese „globalisierten Nazis“ so klandestin, daß sie jede öffentliche Spur verwischen? Ein (sehr bürgerlicher) Bekannter von uns wollte es mal genau wissen und ist zu einem Sommerfest der NPD im Nachbarkreis gefahren. Das sei nicht nur harmlos gewesen, sondern direkt bieder, „wie so'n Kegelverein“. Ein Typ sei dann doch mit einem Hemd aufgekreuzt, dessen Aufdruck die Zahlenkombination „18“ beinhaltete. Der sei höflich, aber bestimmt darauf hingewiesen worden, daß „so was hier nicht erwünscht“ sei. Der sei dann oben ohne weiter flaniert. Zugegeben: manche Leute in diesem Lande haben ein Problem. Andere reden sich Probleme herbei.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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