Gerede um Tellkamp – sieben Gedanken

1. Niemand kann nach nur wenigen Lektüre-Tagen ein durchdachtes und angemessenes Urteil über Uwe Tellkamps neuen Roman abgeben.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Der Schlaf in den Uhren ist ein so dich­tes Gewe­be, ein so weit­ver­zweig­tes Laby­rinth, daß kein Rezen­sent, kein pro­fes­sio­nel­ler Leser die­se 900 Sei­ten schon bewäl­tigt (bewäl­tigt?) haben kann. Es gab aber bereits in den Tagen vor der Sperr­frist, die der Suhr­kamp Ver­lag ver­hängt hat­te und an die man sich natür­lich nicht hielt, einen Wett­lauf der Stel­len­su­cher, der Quer­le­ser, der Vor­aus­ah­ner und der Standrichter.

Marie Schmidt for­mu­lier­te in der Süd­deut­schen Zei­tung am 12. Mai die Blaupause:

Es bleibt jedoch rich­tig, dass Suhr­kamp die­sen Roman ver­öf­fent­licht. Sei­ne Pro­ble­me lie­gen dadurch offen zu Tage, ohne von Can­cel-Debat­ten mythi­siert zu wer­den. Die Fra­ge bleibt: Wie konn­te aus dem Autor des prä­ten­tiö­sen, aber eben auch sinn­li­chen, ver­mit­teln­den Romans „Der Turm“ der Erschaf­fer eines so engen Welt­bil­des werden?

Nen­nen wir Schmidts Fra­ge­stel­lung und das, was bei­spiels­wei­se Richard Käm­mer­lings in der Welt, Julia Encke in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung, Jan Drees im Deutsch­land­funk und ande­re anders­wo sehr rasch äußer­ten, den Schild­wall der Zivilgesellschaft.

In die­sen Rezen­sio­nen geht es um den Ver­such einer Ent­zau­be­rung und Ent­my­thi­sie­rung des­sen, was alle seit Jah­ren ein­schwe­ben sahen und wor­in sie sich und ihre frei­wil­li­ge Ein­pas­sung in die offi­zi­el­le Kul­tur­po­li­tik auf fata­le Wei­se beschrie­ben ver­mu­te­ten. Nun ist es da, umfas­send, schwer, vor­han­den – und muß weg­ge­sto­ßen, für irrele­vant und ent­täu­schend erklärt und abge­tan wer­den, rasch, rasch.

2. Dut­zen­de Bespre­chun­gen, Inter­views und die ter­min­ge­naue Aus­strah­lung einer 3Sat-Doku­men­ta­ti­on über Tell­kamps lite­ra­risch-poli­ti­schen Furor bewei­sen die Rele­vanz des ver­meint­lich Irrele­van­ten. Die Erst­auf­la­ge ist gigan­tisch, sie wird abver­kauft werden.

“Es bleibt jedoch rich­tig, dass Suhr­kamp die­sen Roman ver­öf­fent­licht. Sei­ne Pro­ble­me lie­gen dadurch offen zu Tage”, schreibt Schmidt, sie­he oben. Wem fällt die Arro­ganz auf, die in die­sem Urteil steckt? “Jedoch” meint, man habe es hin und her erwo­gen und zunächst eher abge­ra­ten; “dadurch” schreibt Suhr­kamp die Stra­te­gie zu, man las­se Tell­kamp aus größt­mög­li­cher Höhe ins Mes­ser fal­len – Best­sel­ler­po­li­tik, um einen Autor zu erledigen?

3. Ein Roman kann nicht wider­legt wer­den. Er ist da, er bleibt und ent­fal­tet sei­ne Wir­kung, zeigt sein Gewicht: Der Schlaf in den Uhren wird in Berei­chen und Leser­schaf­ten zum Bestand wer­den, zu denen dem Feuil­le­ton der Zugang fehlt und auf die es kei­nen Zugriff hat.

Der Regie­rungs­be­zirk der Lite­ra­tur­fürs­ten ist enger als frü­her. Sie sind zu sehr unter sich und schrei­ben zu unge­schickt und zu deut­lich von­ein­an­der ab. Das reicht in for­mier­ten Gesell­schaf­ten aus, man kann gut und vor allem bequem davon leben. Die­ses Phä­no­men ist gründ­lich beschrie­ben wor­den: Echo­kam­mern, ver­ba­le Tuch­füh­lung, Schrei­ben, Däm­mern, Fügen – der Anpas­sungs­druck muß immens sein, das Aus­sche­ren aus dem Gespann fast ein Ding der Unmög­lich­keit, der Ein­zel­gän­ger eine sel­te­ne Spe­zi­es mit Nei­gung zur Tar­nung oder ein Hasar­deur – oder eine Persönlichkeit.

Jeden­falls: Wenn das so sim­pel Vor­her­sag­ba­re geschrie­ben und ver­kün­det ist und der publi­zis­ti­sche Geschwin­dig­keits­wahn sich aus­ge­tobt haben wird, wer­den die gründ­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen folgen.

4. Der 3‑Sat-Film, andert­halb Stun­den, geht der Fra­ge nach, wie es so weit kom­men konn­te, im Dop­pel­sinn der For­mu­lie­rung: War­um tat Tell­kamp, was er tat, und was rich­te­te zuvor das kul­tu­rel­le und das poli­ti­sche Deutsch­land an? Der Film ist sehens­wert und wich­tig, er ist nicht unfair.

Uwe Tell­kamps Zorn auf die Zumu­tun­gen der Zeit steht im Mit­tel­punkt der Doku­men­ta­ti­on. Man sieht den Autor auf Gän­gen durch die Elbaue, schma­le, mau­er­ge­faß­te Gas­sen hin­auf ins Vil­len­vier­tel, im Innen­hof bei Susan­ne Dagen, auf Lesun­gen und – Aus­gangs­punkt aller Fra­gen nach einem plötz­lich “so engen Welt­bild” – in der Debat­te mit Durs Grün­bein im Dresd­ner Kul­tur­pa­last, März 2018. Dort äußer­te Tell­kamp sein Unver­ständ­nis dar­über, daß Dis­kus­sio­nen in Mei­nungs­kor­ri­do­ren zu ver­lau­fen hät­ten und daß es zu For­men von Selbst­zen­sur und Risi­ko­ab­wä­gung kom­me, wenn aus ideo­lo­gi­schen Grün­den Gren­zen des Sag­ba­ren gezo­gen wür­den, die nicht gezo­gen wer­den dürften.

Man sieht Tell­kamp schrei­bend, mit der Hand, mit dem Fül­ler, dann an der mecha­ni­schen Schreib­ma­schi­ne und nur ein­mal kurz am Lap­top. Man sieht ihn nach­schla­gen, lesen, spre­chen – nach den gro­ßen Aus­ein­an­der­set­zun­gen vor­tra­gend im emo­tio­na­len Rück­raum, dem Kul­tur­haus Losch­witz. Er schrieb in den Jah­ren seit­her sei­ne dich­te Erzäh­lung Das Ate­lier für die neue Buch­rei­he Dagens, das EXIL, und er been­de­te den Schlaf in den Uhren – eine kaum faß­ba­re Leis­tung in einer Zeit, in der es brö­ckel­te, abriß, sich sor­tier­te, fand und klärte.

5. Tell­kamp wird im Film ein­ge­rahmt von fünf Per­so­nen, die ihn erklä­ren sol­len, aus immer grö­ße­rer Distanz. Zunächst ist da Susan­ne Dagen, die Buch­händ­le­rin und lang­jäh­ri­ge Freun­din, mit ihrem Mann zusam­men eine kul­tu­rel­le Instanz in Dres­den, hell­wach wie Tell­kamp, wenn es um die Ein­engung von Äuße­rungs­mög­lich­kei­ten geht und um Kenn­zei­chen tota­li­tä­rer Demokratie.

Dagen initi­ier­te die “Char­ta 2017”, in der sich Publi­zis­ten, Autoren, Ver­le­ger, Bür­ger gegen die ver­fäl­schen­de Dar­stel­lung der Vor­fäl­le auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se im Okto­ber des namens­ge­ben­den Jah­res wand­ten. Antai­os stand damals im Mit­tel­punkt der Aus­ein­an­der­set­zung um die Fra­ge, was “die Zivil­ge­sell­schaft” an abwei­chen­der, viel­leicht radi­ka­ler Posi­ti­on aus­zu­hal­ten habe in einer Mes­se­hal­le und im öffent­li­chen Raum.

Dagen spricht im Film als die­je­ni­ge, die nicht zor­nig sein kann: ruhig, för­dernd, krea­tiv, mutig – sie mar­kiert rote Lini­en auf eine eben­so undra­ma­ti­sche wie kom­pro­miss­lo­se Art und Wei­se, nament­lich dort, wo man die Schau­fens­ter ihrer Buch­hand­lung ein­warf, um But­ter­säu­re nach­zu­kip­pen und einen Brand­satz zu platzieren.

Dagen kennt die Kul­tur­sze­ne, sie kennt ihre Pap­pen­hei­mer. Einer davon, der Schrift­stel­ler Ingo Schul­ze, ist der Gegen­ent­wurf zu Tell­kamp: kein empö­rungs­fä­hi­ger Künst­ler mit dem gro­ßen Talent und dem not­wen­di­gen Fleiß zum epo­cha­len Roman, son­dern einer der Ver­tre­ter jenes Milieus, das Regie­rungs­han­deln ver­tritt, moral­po­li­tisch pro­fi­tiert und in tei­gi­ger Uner­bitt­lich­keit die woke Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit absichert.

Tell­kamp sagt, was er sagen muß, weil er nach­dach­te, nun nicht mehr anders kann und sich um die Fol­gen nicht schert (immer­hin ris­kier­te er als Autor sei­nen Platz in den Lis­ten des noch immer mit der Aura des Wesent­li­chen umhüll­ten Suhr­kamp Ver­lags); Schul­ze hin­ge­gen denkt und äußert sich nur nach gründ­li­cher Abwä­gung der Fol­gen für sich selbst. Dies ist ihm zur zwei­ten Haut gewor­den, auch phy­sio­gno­misch – das Sat­te, Selbst­zu­frie­de­ne, das Ange­kom­me­ne, der Ges­tus der Groß­zü­gig­keit auf Kos­ten derer, die aus­zu­hal­ten und aus­zu­ba­den haben, was ihnen zuge­mu­tet wird.

Schul­ze: schlaf­wand­le­ri­sche Sicher­heit in der Benut­zung der gera­de gän­gi­gen Voka­beln, der immer noch fei­ne­ren Mar­kie­rung des Stö­ren­den. Ein­pas­sung, Anpas­sung – Auf­trags­er­fül­lung als Tell­kamp-Erklä­rer, als der läs­sig Groß­zü­gi­ge: eine schlap­pe Rolle.

In Abstu­fun­gen wei­te­re Figu­ren: Pegi­da-Grüb­ler Frank Rich­ter, eitel wie je, ihm eilt der Ruf vor­aus, die Gesprächs­waa­ge stets in der Balan­ce hal­ten zu kön­nen. Viel­leicht ist das schon viel in unse­rer Zeit. Und dann: Mar­tin Macho­w­ecz, Jahr­gang 1988, Lei­ter des Res­sorts “Streit” in der Wochen­zei­tung Die Zeit. Auch er ein Ermög­li­cher von Debat­ten, einer, der das, was er tut, für Plu­ra­lis­mus hält.

6. Ermög­li­cher von Debat­ten – das­sel­be lie­ße sich über Frank Rich­ter auch sagen. Aber es könn­te auch etwas ande­res sein: Plu­ra­lis­mus­si­mu­la­ti­on, Herr­schafts­ab­si­che­rung durch Oppo­si­ti­ons­krü­mel­chen. Auch das ist in der Macht- und Medi­en­theo­rie alles längst beschrie­ben und abge­legt: Ein 3Sat-Film könn­te zum Fei­gen­blatt wer­den – seht her, Tell­kamp durf­te zu Wort kom­men, 90 Minu­ten lang, Schul­ze auch, Schul­ze gab sich her dafür, obwohl ein biß­chen ange­ekelt, sehr hono­rig also, und nun, mün­di­ger Bür­ger, wäge ab…

Nein, nein: Es ist schon recht so, der Film schafft den Rah­men, den Klang­raum, in dem Tell­kamps Werk sich bewegt, in dem es tönt. Er hat als Schrift­stel­ler etwas erreicht, wozu die meis­ten sei­ner Kol­le­gen nicht in der Lage sind: Ohne Arro­ganz und ohne Qua­li­täts­ein­bu­ße an die Sei­te des Nor­mal­le­sers zu tre­ten, das exqui­si­te, fin­ger­spit­zi­ge Feuil­le­ton, das grü­ne, woke, main­strea­m­i­ge offi­zi­el­le Deutsch­land links lie­gen­las­send, weil es nicht auf­rich­tig, weil es denen, von denen es lebt, nicht zuge­neigt ist.

Wer wird sich, wenn er den 3Sat-Film sieht, auf wes­sen Sei­te schla­gen? Wer wird die geschleck­te Schul­ze-Woh­nung als einen Ort sehen, an dem red­lich erwo­gen und gedacht wird, wer den enge­ren, höl­zer­nen Raum Tell­kamps oder den Innen­hof der Dagens mit Fugen­kraut und wil­dem Wein und mit dem Ein­gang in die Buchhandlung?

Dort wird nun Der Schlaf in den Uhren sta­pel­wei­se ver­kauft, dort wer­den Lesun­gen statt­fin­den. Dagen am Tele­fon: Sie wis­se nicht genau, ob jeder, der nun die 900 Sei­ten aus ihrem Laden nach Hau­se tra­ge, das Werk wirk­lich lese, lesen kön­ne, durch­hal­te. Aber bei allen wer­de es auch als soli­da­ri­sches Zei­chen im Regal ste­hen. Anders aus­ge­drückt: Die Fah­ne, die Tell­kamp gehißt hat, ist sicht­bar, sein Name hat sich als Chif­fre bereits vom Werk ent­fernt. Die meis­ten Rezen­sio­nen, die so rasch, zu rasch erschie­nen sind, wol­len kei­ne Lese­er­fah­rung schil­dern, son­dern Ver­ur­tei­lungs­an­lei­tun­gen geben. Sie wol­len dem Phä­no­men Tell­kamp Herr wer­den, wol­len es immer noch nicht gel­ten las­sen. Zu spät.

7. Ich bin bei Sei­te 230 ange­langt, Ellen Kositza bei zwei Drit­teln, Dagen ist fast durch, ande­re sind mit­ten­drin oder am Anfang oder begin­nen noch ein­mal von vorn. Das Buch arbei­tet, allein heu­te haben wir 40 Exem­pla­re davon in die Post gege­ben. Wir wer­den das Werk bespre­chen, im Lite­ra­ri­schen Trio, in lan­gen, gründ­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen – aber nicht schon morgen.

– – –

Uwe Tell­kamp: Der Schlaf in den Uhren. Roman, 900 Sei­ten, 32 € – hier bestel­len.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (54)

Nemo Obligatur

24. Mai 2022 11:58

Ohne den Schlaf in den Uhren gelesen zu haben:

Ein Buch, das Diskussionen provoziert. Also Literatur im besten Sinne. Die knappen Inhaltsangaben in den Rezensionen lassen (u.a. wegen der Anklänge an Jules Verne) an Arno Schmidts Gelehrtenrepublik denken. Wenn das Buch nur der Kommentar Tellkamps zur Flüchtlingskrise 2015 wäre, wie mancher Rezensent behauptet, wäre es in der Tat wertlos, schon bei Erscheinen veraltet.

Aber nun genug der müßigen Spekulationen und ran ans Buch! Wir haben hier schließlich auch eine Kulturnation zu bewahren.

 

kikl

24. Mai 2022 12:03

"Die meisten Rezensionen, die so rasch, zu rasch erschienen sind, wollen keine Leseerfahrung schildern, sondern sind Verurteilungsanleitungen. Sie wollen dem Phänomen Tellkamp Herr werden, wollen es immer noch nicht gelten lassen. Zu spät."

Dieses Buch müssen sie noch besprechen. Das nächste Werk von Herrn Tellkamp wird man in den Mantel des Schweigens hüllen, damit es niemand entdeckt... Zuletzt wird der Autor mit samt seinem Werk in den Abgrund des Vergessens geworfen. So geht "Meinungsfreiheit" und "Vielfalt" in Deutschland.

Hoffentlich kann die kleine Gegenöffentlichkeit in Deutschland ihm genügend psychologischen Halt geben, damit er aufrecht und mit Anstand sein Lebenswerk vollenden kann. Ich wünsche Herrn Tellkamp viel Erfolg und Kraft.

Laurenz

24. Mai 2022 12:03

Ein Bezahlt-Artikel, aber die Überschrift des Relotius reicht schon.  https://www.spiegel.de/kultur/literatur/uwe-tellkamp-und-sein-neuer-roman-der-schlaf-in-den-uhren-so-viel-hass-ekel-abrechnung-moral-a-589d2d69-e1ee-46f7-b754-f77c98bde9f4

Als jemand, der unterbelichtet mit Literatur nur bedingt was anfangen kann, sehe ich das eher von der kaufmännischen Seite, welche GK im Artikel nebenbei ansprach. Die Werbung für Tellkamp könnte besser nicht sein (Wie verblödet darf ein Gesinnungswächter sein? Wo sind die Roten Linien der Einheits-Blödheit?). Wer will schon all die Gleichgeschalteten konsumieren, einer, wie der andere? So ein Robin Hood deutscher Gegenwartsliteratur macht wohl viele neugierig, ähnlich Sarrazin, aber gewiß auf einer anderen Ebene.

Freue mich auf die nächste literarische Bildungseinheit, wo mich politische Debatten hier momentan eher enttäuschen.

cubist

24. Mai 2022 12:17

Danke für den Hinweis auf den 3sat-Film. Als jemand, der kein normales Fernsehen, schon gar keinen ÖR, konsumiert, wusste ich nichts von diesem Film. Offenbar gibt es doch ab und an faire Debattenqualität im dt. Fernsehen. Erstaunlich. Wirklich erstaunlich.

H. M. Richter

24. Mai 2022 12:26

Überblickt man –  zumindest in groben Zügen, wenn nicht gar, wie in seltenen Fällen berufsbedingt möglich, in nahezu vollständiger Breite – die wesentlichen Äußerungen der deutschen Literaturkritik vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein, so ist man durchaus, gerade auch was Häme, Spott und Hohn betrifft, so einiges gewohnt.

Was aber Uwe Tellkamp und seinem neuen Roman in den letzten Tagen, von wenigen wohltuenden Ausnahmen abgesehen, in den einschlägigen Medien an unverhohlenem Haß und purem Vernichtungswillen entgegenschlug, läßt einen nahezu ungläubig zurück.

Bei manchen Rezensenten, so etwa bei jenem, der sich einst beim Wachregiment des MFS verdingte, dürfte dabei die Wut über die eigene Feigheit keine geringe Rolle gespielt haben.

Ich selbst bin noch im ersten Drittel des Romans, taste langsam vorwärts, freue mich.

RMH

24. Mai 2022 12:35

"Aber nun genug der müßigen Spekulationen und ran ans Buch! Wir haben hier schließlich auch eine Kulturnation zu bewahren."

Eben! Und deshalb habe ich mein erstes Zögern überwunden und das Buch jetzt in der Mittagspause spontan in der Buchhandlung nebenan gekauft und war erfreut, dass es erhältlich war. Aber ein Buch aus dem Suhrkamp Verlag delistet oder entfernt man aus den Bestsellerregalen dann doch nicht so einfach.

Ca. 900 Seiten - uff ... wie ich im anderen Strang schon geschrieben habe, hatte aus meiner Sicht schon "Der Turm" seine Längen. Aber, wohlan ... freue mich auf die baldige Rezension hier.

PS: Zum 3Sat-Film habe ich bei einem anderen Debattenstrang schon meine Meinung mitgeteilt. 

Nordlicht

24. Mai 2022 13:32

Das Buch ist unterwegs, lt. DHL irgendwo zwischen Hamburg und dem Zielort in Dänemark. Ich warte ab - vor dem urteilen muss es erst gelesen sein.

Und natürlich habe ich geärgert für die frühen Verrisse der Haltungs-Journaille, sie habe ich nicht zu Ende gelesen. Interessant ist dagegen der Artikel im Wochenblatt "Freitag" (- siehe https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-schlaf-in-den-uhren-von-uwe-tellkamp-auf-den-zweiten-blick). Obwohl ich die Salonlinken dort mit dem Obersalonlinken Augstein jr. als Herausgeber und Finanzier nicht mag, gibt es im Freitag oft abgewogene Artikel.

"Die unbestreitbare Leistung des Autors und seines neuen Romans ist, dass er die entscheidenden Themen unserer Zeit angeht: Freiheit und Ordnung und ihr gestörtes Verhältnis zueinander. Er bedarf dazu keiner Verschwörungstheorien und führt sie auch nicht auf."

kikl

24. Mai 2022 18:39

Es wird ernst für Professor Wagener. Ihm wurde nun endgültig der Sicherheitsbescheid entzogen, weil er vermeintlich den falschen Volksbegriff verwendet. Wer an die Existenz des Volks als ethno-kulturelle Gemeinschaft glaubt, der ist laut Verfassungsschutz verfassungsfeindlich. 

Herr Wagener hat treffend bemerkt, dass damit das Grundgesetz verfassungsfeindlich ist, denn laut Art. 116 Abs. ist von der "deutschen Volkszugehörigkeit" die Rede. Das Bundesvertriebengesetz ist natürlich auch verfassungsfeindlich, das hat bislang nur niemand bemerkt.

Herr Tellkamp ist also nicht allein in seinem Leid. Wer das Falsche denkt, der wird bestraft. Dieses Land marschiert mit ruhig festem Schritt in Richtung autoritärer Staat. Der Verfassungsschutz marschiert voran!

https://www.youtube.com/watch?v=dYAIm9HalZ0

HWalter

24. Mai 2022 18:41

OT
Ich habe neulich einen beleidigenden Kommentar veröffentlicht. (...)Entschuldigung (...)

Kositza: Alles klar, längst vergessen. Danke für die längere Erklärung, volles Verständnis.

Mitleser2

24. Mai 2022 19:44

@kikl: Der Angriff rollt voll. Das gilt im Bundestag gegen die AfD, beim Verfassungsgericht, etc.

Wandern ist Nazi, Heimat ist Nazi, Sushi verändern ist Nazi, etc.

Man muss wirklich aufhören, im Gegner irgendeinen lauteren Konkurrenten zu sehen. Kein Diskurs mehr, keine Anbiederung.

 

 

RMH

24. Mai 2022 20:36

@kikl u. Mitleser2,

"der große Austausch" soll ja Verschwörungstheorie sein. Wenn es nur ein Hirngespinst von paranoiden Rassisten wäre, warum muss man dann selbst das Reden von einem Volk gleich präventiv bekämpfen, damit der Drops der bunten Mischgesellschaft auch ja bis zum Ende gelutscht wird?

Ja, ja, ... alles "Verschwörung" - ist aber keine Verschwörung, ist offenkundige Politik.

Maiordomus

24. Mai 2022 21:53

Es ist wohl wahr, dass man im geschilderten Tempo über den Roman von Tellkamp kein differenziertes Urteil fällen kann. Es käme ohnehin nicht auf das Urteil an, sondern eher schon auf die Wirkung auf die Leserschaft. Las dieser Tage Grillparzers Dialog zwischen Voltaire und Friedrich dem Grossen über deutsche und französische Literatur, den diesbezüglich bedeutsamen Lessing inbegriffen, wobei der alte Fritz interessanterweise die Franzosen lesenswerter fand als die unsrigen. Dass Grillparzer Lessings Nathan bei Respektierung geistvoller Partien rein nur als Theaterstück mittelmässig bzw. langweilig empfand, tröstet mich darüber hinweg, dass ich den "Turm" bis heute , trotz Geschenk-Empfehlung einer sonst noch von Zaimoglu begeisterten deutschen Deutschlehrerin, nicht geschafft habe, veranlasst mich, auch beim neuen Roman des Verfassers noch zuzuwarten, es sei denn, das angekündigte SiNz-Literaturgespräch belehre mich eines besseren. Die Formulierung von G.K. betr. statt Bericht über Leseerfahrung "Verurteilungsanleitung" finde ich indes nicht nur gelungen, sondern publizistisch und intellektuell einen Volltreffer. Insofern ist das Buch auf jeden Fall ein Ereignis, zeitgeistig sicher eines der Wichtigsten der letzten Jahre. Dies galt seinerzeit ja auch für die Romane von Gustav Freytag, die ich mir aber deswegen trotzdem nicht antue. 

Laurenz

24. Mai 2022 22:45

@Maiordomus

Das hat mutmaßlich mit der Muttersprache zu tun. Die Muttersprache des deutschen Adels war zur Zeit des Alten Fritzens Französisch....

Und Lessing schrieb meines Wissens nach Deutsch.

zeitschnur

24. Mai 2022 23:07

Ich habe mir die Fernsehreportage angesehen. Da ich kein Fernsehen mehr schaue seit Jahren: danke, hätt ich sonst nicht mitbekommen.

Ja, ist fair und differenziert!

Tellkamps Ärger darüber, dass nur noch über die Form einer Aussage und nicht ihren Inhalt schwadroniert und moralisiert wird, lief mir rein wie Öl: So ist es tatsächlich. Dieser Bursche - wie hieß er doch gleich, der es immer damit hatte, dass Dagen sich in Hybris und Anmaßung befinde und seller oder jener arrogant sei, und dies stets in Ermangelung eines Argumentes: das zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht.

Gracchus

24. Mai 2022 23:49

Früher ("früher") war das Feuilleton mitunter ganz angetan, ja man hat es doch geradezu erwartet, dass ein künstlerisches Werk einen anderen Blick auf die Wirklichkeit bietet. Das scheint vorbei. 

Was Kubitschek anspricht, sehe ich generell als Problem: Wie schaffen es Literaturredakteure, dauernd so dicke und so viele Bücher zu lesen? Und dann zu urteilen? Auch ist dann ein Buch schnell wieder weg, kaum etwas übersteht die Saison. Wenn ein Buch mal zu Diskussionen anregt, hat dies meist andere als ästhetische Gründe, wie jetzt bei Tellkamp zu sehen, wo man aber, scheint's, eine Debatte vermeiden will.  

 

Andreas Walter

25. Mai 2022 01:51

„In einem Interview mit dem Oberpfalznetz charakterisiert Tellkamp sein Schreiben als einen „Versuch, Heimat wiederzugewinnen“, die durch den Ablauf der Zeit verloren gegangen sei.“ Wikipedia, Uwe Tellkamp

Darum von mir (auch) an alle Ostdeutschen:

Auch wenn euer Schicksal, eure besondere Geschichte in dem Buch was ich weiter unten empfehle nicht als explizite Kategorie behandelt wird, hat das beschriebene Phänomen trotzdem auch etwas mit euch zu tun.
In eurem Fall wart es nämlich nicht ihr selbst, die in einen anderen Kulturraum gewechselt seid, oder wechseln musstet, sondern euch wurde der Kulturraum selbst durch die Wende ausgetauscht, ohne dass ihr euch dazu überhaupt hättet bewegen müssen. Diese spezielle Erfahrung geistig zu integrieren, integrieren zu müssen (das gilt vor allem für Kinder und Jugendliche), ist das Besondere, was einen TCK zu dem macht, was er ab dann nämlich ist: Aufgewachsen in mehreren Kulturen. Wie übrigens auch ich oder früher auch sehr viele Juden, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Dem “Ossi“ wurde daher buchstäblich der Boden unter den Füssen weggezogen (die Kultur und Identität ausgetauscht, vieles dadurch in Frage gestellt).

Buch: D. Pollock, R. Van Reken: Third Culture Kids. Growing Up Among Worlds.

Deutscher Titel: Third Culture Kids. Aufwachsen in mehreren Kulturen.

https://en.wikipedia.org/wiki/Third_culture_kid

 

eike

25. Mai 2022 04:15

"Insofern ist das Buch auf jeden Fall ein Ereignis, zeitgeistig sicher eines der Wichtigsten der letzten Jahre."

Nun ja, die Bedeutung zeitgeistiger Blindgänger wurde schon öfter übertrieben, nicht erst in den letzten Jahren.

Das Interessanteste an diesem "wichtigsten Ereignis der letzten Jahre" ist, wie ein Don Nadie wie Tellkamp einen Sturm im Wasserglas verursachen kann, wofür er offenbar 900 Seiten braucht.

 

kikl

25. Mai 2022 06:24

@Mitleser

Richtig, Alexander Wallasch hat zwei pointierte Artikel dazu geschrieben.

"Das Wandern ist des Nazis Lust"

https://www.alexander-wallasch.de/gastbeitraege/das-wandern-ist-des-nazis-lust

"Deutsche: Heimatlos im eigenen Land"

https://www.alexander-wallasch.de/gesellschaft/deutsche-heimatlos-im-eigenen-land

Nachdem das "deutsche Volk" aus dem Grundgesetz entfernt und zur verfassungsfeindlichen Idee erklärt wurde, um den Nationalstaat abzuschaffen, hat sich Innenministerin Faeser als nächstes der Heimat zugewandt. Die Ministerin des Inneren und für Heimat will die Heimat umdefinieren.

"Wir müssen den Begriff #Heimat positiv umdeuten und so definieren, dass er offen und vielfältig ist..."

Demnächst schickt die linksextreme Faeser ihre Sturmtruppen vom Verfassungsschutz los, wenn jemand den falschen Heimatbegriff verwendet. Wetten dass?

Es ist der totalitäre Wunsch, das Denken zu diktieren, indem man mittels staatlicher Gewalt bestimmt, welche Worte und Begriffe verwendet werden dürfen.

Herr K aus O

25. Mai 2022 07:17

Buch kommt demnächst. Der Empfehlung, das doch bitte nicht zu lesen, der Autor sei dies und das: Wer könnte dieser Empfehlung nicht folgen? Es fühlt sich fast so an, als wäre Literatur plötzlich wieder nicht nur gut, wahnsinnig interessant, gut komponiert, gut beobachtet und stilistisch auf höchsten Niveau, sondern: Bildend. Nicht im Sinne von Bildung, sondern “etwas” bilden. 

Umlautkombinat

25. Mai 2022 08:41

> wie ein Don Nadie wie Tellkamp

Das ist natuerlich zu frech, aber gibt doch m.E. Anlass fuer einen noch nicht erwaehnten Punkt. Ich selbst schaetze Tellkamps Schreibstil nicht. Interessanterweise sagt er in der Dokumentation etwas dazu, sinngemaess: "Man kann einen Satz soundso schreiben,und ihn dann genauso in seiner Bedeutung lesen ... aber das ist keine Kunst, die beginnt bei dem Unwaegbaren, Unscharfen, nicht explizit formulierter Bedeutung, dem was unverbalisiert mitschwingt". Das genau ist das, was er oft nicht kann. Drueckt sich z.B. in haeufig endlos langen Saetzen aus, schon im "Turm".

Ich schrieb dazu glaube bei Tichy einen diesbezueglichen Kommentar, erwaehnte explizit, dass ich mit Tellkamps Positionen viel Uebereinstimmung habe, aber ihn fuer keinen herausragenden Schriftsteller halte. Landete sofort tief im Rot der 'dislikes'. Das vertragen viele Leute nicht, nicht nur links-gruen. Eine Trennung von Haltung und Inhalten, meinetwegen der ausgeuebten Profession.

 

Maiordomus

25. Mai 2022 08:41

Ich finde diese Debatte  im Vergleich etwa zu Diskussionen über den jeweiligen Stand der AfD oder die Ukraine betreffend, ohne deren Volkskunde, Literatur- , Geistes- und Kirchengeschichte vieles bloss Biertisch bleibt, interessant und relevant. Auf das wohlvorbereitete Literaturgespräch zu Tellkamp kann man sich freuen. Meine obigen Bemerkungen betr. die beiden Dialoge von Grillparzer "Voltaire und Friedrich d. Grosse" sowie "Lessing u. Friedrich d. Grosse" waren so wenig wie der Hinweis auf Gustav Freytag (letzterer wäre auch ein Literaturgespräch wert, und zwar eher als Literat und Publizist denn via seine Romane) eine Abschweifung. Grillparzer war wie Hofmannsthal von höchster literarkritischer und übrigens auch politischer Intelligenz. Der Vergleich zwischen französischer und deutscher Schule ist grundlegend, prägte ausser Lessing auch Heine und setzt für das Literaturverständnis Massstäbe. Dass Tellkamp mit diesen Grossen wohl kaum mithalten kann, ändert natürlich nichts, dass er ein wesentlicher Autor der Zeit sein könnte, im Gegensatz zu Mosebach, Ott oder Berg. Es bleibt aber dabei, dass zur Justierung stets mal wieder wegweisende Literatur der höchsten Intelligenzen gelesen werden sollte. 

Maiordomus

25. Mai 2022 08:58

@Laurenz. Finde Ihre Bemerkung betr. den "Alten Fritz", in Sachen Bildung wohl jedem Mitglied des Bundestages, Jongen inbegriffen, im Rückblick haushoch überlegen, gar nicht daneben. Nur war natürlich das Französische bei Friedrich so wenig "Muttersprache" wie das Lateinische bei Erasmus von Rotterdam, welch letzterer als Stilist in der heutigen westlichen Welt kaum einen ernsthaften lebenden Konkurrenten bekommen hat. Das Französische war zum Beispiel im Alten Bern nebst dem Lateinischen die eigentliche Bildungssprache, in der allein man sich präzis genug ausdrücken zu können glaubte. So behauptete etwa der grosse Göttinger Gelehrte Albrecht von Haller, als Berner und Schweizer nun mal "nicht richtig" deutsch zu können, wiewohl er immerhin mit seinem Versuch schweizerischer Gedichte die Alpenliteratur eröffnete. Aber wie Friedrich war der Berner Aristokrat mit kolossalem Grundwissen für ein höchstes differenziertes Niveau auf das Französische angewiesen; er schrieb ausserdem noch ein durchaus gepflegtes Latein. Letzteres war noch im 19. Jahrhundert, zum Beispiel bei Gustav Freytag, einem wahren poeta doctus, sowohl die Sprache seiner Dissertation wie auch seiner Habilitationsschrift. In Sachen formaler Bildung könnten die wenigsten heutigen Autoren mit Freytag mithalten, natürlich auch nicht mit Lessing. Grillparzer, Hofmannsthal, Canetti.  

Laurenz

25. Mai 2022 09:06

@Kikl @Mitleser

Nicht exakt so, aber ähnlich hatten wir das schon mal. Es endete schlicht in Gewalt. Wieso sind Linke immer so blöde & lernresistent? Mutmaßlich hat es was mit deren Deutschsein zu tun.

RMH

25. Mai 2022 09:23

"Aber bei allen werde es auch als solidarisches Zeichen im Regal stehen." (Dagen)

Bei den meisten, die sowas kaufen, dann wohl eher als unsichtbares Zeichen, da es zwischen vielen anderen Büchern im Regal steht. Aber ich bestätige, dass ich das Buch bereits jetzt und in gebundener Form gekauft habe und nicht erst später oder als TB, hat maßgeblich mit dem "Solidaritätscharakter" zu tun. Zudem sollen die PC-Suhrkampler und die nicht "einschlägigen" Buchhandlungen mal sehen, wie viel Geld sie mit einem als Rechts gebrandmarkten Autor machen können. Auf den dann nicht mehr so leicht streichbaren Platz in den Bestsellerlisten freue ich mich auch. Zum Lesen werde ich in der Tat wohl nicht so schnell kommen, zumal schon "Der Turm" aus meiner Sicht zwar ein sehr wichtiges Buch ist (gerade für Menschen wie mich, die in den alten Ländern groß geworden sind), aber deutlich zu lang. Daher habe ich auch bislang nichts weiteres von Tellkamp mehr gekauft. Ich vermute, dass neue Werk ist nichts für die "ich lese heute mal ne halbe Stunde" und morgen oder übermorgen wieder - Methode. Da muss man sich darauf einlassen und sich Zeit nehmen (fällt immer schwerer - aber alleine das ist schon eine konservative Exerzitie). 

Maiordomus

25. Mai 2022 09:36

@eike. Wenn Sie meine Bemerkungen genauer gelesen haben, wissen Sie, dass ich Ihre Skepsis gegenüber Stürmen im Wasserglas teile; las vergangenen Winter einige tausend Seiten von und über Stifter, damit Sie mich nicht missverstehen. Bin auch ununterbrochener Fontane-Leser einschliesslich der Wanderungen durch die Mark Brandenburg, mit denen etwa die Historischen Porträts von Gustav Freytag nicht Schritt halten. Aber: die Heimat-Diskussion muss h e u t e geführt werden. Die Frage bleibt, ob Tellkamp diesbezüglich zum Beispiel die einschlägige Trilogie von Arnold Stadler "Einmal auf der Welt. Und dann so" bzw. den "Hinreissenden Schrotthändler" sowie den an Wilhelm Raabe gemahnenden "Ausflug nach Afrika" noch mit einer wesentlichen Aussage zu ergänzen oder gar zu überholen vermag. Wäre durchaus wünschbar.  Warte, wie gesagt, noch das angekündigte Literaturgespräch ab. Als Literaten und Literaturkritiker sind für mich indes Seilschaftsautoren wie Mosebach und Matussek keine genügenden Referenzen. Was sie schreiben, ist bestenfalls brauchbar und schlechtestenfalls Schrott. Sie leben davon, dass die tiefsinnigen Katholen, etwa Kaltenbrunner, nun mal verstorben sind.  

sok

25. Mai 2022 09:38

Leider scheint es Tellkamp nicht gelungen zu sein, ein wirksames Mittel gegen den Wessi an der Käsetheke zu finden, der ihn belehren will.

Meiner Ansicht liegt es daran, dass er dem Problem nicht wissenschaftlich auf den Grund geht. Das  macht der Systemtheoretiker und Psychologe Schmidt-Denter.

Wenig überraschend stellt Schmidt-Denter fest, dass die Deutschen kein Nationalbewusstsein haben. Interessant wird die Interpretation. Der Wessi interpretiert sein nicht vorhandenes Nationalbewusstsein als hoch moralisch. 'Schmidt-Denter interpretiert das nicht vorhandene Nationalbewusstsein als Persönlichkeitsstörung mit negativen Folgen für den  Demokratie.. die Gesellschaft,  die Familie  und die Gesundheit..

Wenn man nur eine der schweren Waffen, die Schmidt-Denter bereitstellt, gegen den Wessi an der Käsetheke einsetzen würde, könnte man ihn in die Flucht schlagen.

Meiner Erfahrung gibt es keine Gutmenschen, die die Gesundheit ihrer Kinder gefährden würden, um ihre Kinder zu Gutmenschen zu erziehen. Ein Interview, in dem Schmidt Denter auf die Gesundheitsschädlichkeit unserer Erziehung  hingewiesen hat, ist deshalb nach wenigen Tagen wieder aus dem Netzverschwunden.

Monika

25. Mai 2022 09:42

Zu Punkt 5 

Zum Verhalten der Mehrheit der DDR-Intellektuellen schrieb der großartige Ulrich Schacht 1990 folgendes : „Sie waren in der Regel aus ideologischen Gründen, die sich durchaus mit pekuniären trafen, Prototypen der Gesinnungslosigkeit und standen-fest wie der allzeit verehrte Meister Brecht-mit einer granitenen Feigheit auf dem Boden der Realität, was zugleich die Garantie dafür war, vor und im Entspannungszeitalter in Ost- und West- Deutschland erfolgreich zu sein. Was sie alle in diesem Streit trifft, ist die schlichte Wahrheit, dass sie ein verlogenes Leben gelebt haben. Die einen mehr. Die anderen weniger. Die einen als domestizierte „Oppositionelle“. Die anderen als Experten und Exekutoren des Apparates der Peitschenbüttel und Zuckersäcke.“ ( Schacht in „Gewissen ist Macht“). Schacht war ein Mitunterzeichner der Charta 2017, über dessen Anklang an die Charta 77 sich Ingo Schulze lustig macht. Aber Ulrich Schacht vertraue ich mehr als den „domestizierten Oppositionellen“. Und kantige Typen sind mir lieber als Schleimer. So warte ich auf die Buchbesprechung, denn 900 Seiten schaffe ich nicht. Ich bin schon IM TURM steckengeblieben 🤫. Danke an die fleißigen Leser und Besprecher ! 

Gracchus

25. Mai 2022 10:09

Ist Frank Richter eitel? Ein eitler Theologe beinahe ein Pleonasmus? Warum hatte Tellkamp bei der Lesung, die im Film gezeigt wird, mit den Tränen zu kämpfen?

Kositza:Männer, die mit dieser Art Schal auftreten, sind immer eitel. Und Richter ganz sicher.

Maiordomus

25. Mai 2022 11:29

PS. Warum ich bei der Debatte um Tellkamp auf Arnold Stadler zurückverwiesen habe: dessen Hauptwerke, wozu man leider das neueste Buch betr. eine Reise an den Kilimandscharo nicht unbedingt zählen kann, setzen sich mit einem ungefähren Dutzend von Titeln mit dem wesentlichen Satz zu unserer Zeit auseinander, dem Stadler-Satz par excellence: "Heimat wird immer weniger". Was und wie Autoren sich mit diesem Befund auseinandersetzen, macht inhaltlich wohl die wesentliche Substanz der gegenwärtigen Epoche aus. Vielfach handelt es sich leider um eine Null-Epoche. Ausserdem helfen die einschlägigen Bücher kaum weiter, wenn sie nicht wenigstens genial geschrieben sind.

Dieser Tage erhielt ich ein Mail von dem wohl bedeutendsten heimatkritischen Schriftsteller meines Landes. Er bedauerte im Rückblick auf sein Werk, nicht schon früher auf den heute für ihn wesentlichen Hamann gestossen zu sein. Er hätte, dank Hamann, wohl noch um Welten wesentlicher schreiben können. 

 

zeitschnur

25. Mai 2022 12:35

@ Maiordomus

Es wird allerdings seit langem bei unseren "Intelligentesten" thematisiert, dass gerade wir Deutschen keine echte "vaterländische" Heimat haben.

Damit meine ich nicht von Arndts einfachen Additions-Gesang, sondern die tiefen Aussagen von Schiller, von Goethe, von Heine u.a.

Wir ringen darum nicht nur aufgrund grüner Anti-Geist-Politik. Es gäbe diesen grünen Zirkus auf deutschem Boden nicht, wenn diese Heimatlosigkeit nicht auch im deutschen Wesen läge. Und auch ein Tellkamp ringt darum nicht nur aufgrund der von ihm genannten Zeitbewegungen. Die grüne Strömung ist nur ein Ausdruck der Hohlgeistigkeit: Diese tönernen Erze können gar nicht anders als übel zu scheppern, aber was sie zum Tönen bringt, entspringt nicht einmal einem ganz verkehrten Grund. Nur weil diese Leute den Innenkönig abgesetzt haben, verstehen sie sich selbst nicht mehr und richten sich selbst zugrunde. Aber auch die meisten Rechten haben jenen abgesetzt.

Erinnert dieses "Heimat-Wiedergewinnen" über Schreiben (oder auch Lesen) nicht an Heines (und von Reich-Ranicki übernommenes) "portatives Vaterland"?

Im Grunde stünde dann Tellkamp für etwas, das wirklich deutsch ist: die Heimat zu transzendieren. Nicht ich stehe auf dem Heimatboden, sondern der Heimatboden manifestiert sich in mir, die das Erbe trägt.

Carl Sand

25. Mai 2022 12:38

Mitleser2 hat es richtig formuliert. Es kann mit diesem System und seinen Systemlingen keinen Frieden geben. 

Das ist der größte Fehler der Konservativen: Zu glauben, man könne noch etwas bewirken.

Man mache sich nichts vor: Der Mensch ist ein Rudeltier, die Systemlinge wollen unsere Vernichtung und die Systemlinge sind in der überragenden Mehrheit.

Was tun, sprach Lenin?

Werden wir endlich zu bösen Pfadfindern. Jeden Tag eine schlechte Tat. Wirklich jeder hat täglich die Chance, sei es am Arbeitsplatz, in der Einkaufsschlange oder in der Familie, einem Systemlinge völlig im Rahmen des Legalen weh zu tun und zu schaden. Also frischauf. 

Laurenz

25. Mai 2022 12:49

@Maiordomus @L.

Habe die Bildung des Alten Fritz nicht in Zweifel gezogen. Aber, mit Verlaub, Maiordomus, der Adel, zumindest der Hochadel, in dieser Ära sprach Französisch.

kikl

25. Mai 2022 13:17

@Laurenz

Mutmaßlich... "Deutschsein"

Deutschsein hört sich so nach "deutsches Volk" an. Vermutlich steht das Wort schon auf dem Index "verfassungsfeindlicher Begriffe"! ;-)

Ich glaube nicht, dass wir androhen müssen, die Kommunikation einzustellen. Vor dem Wort hat der (staatliche) Gewalttäter mehr Angst als vor dem Schwert. Wir müssen nur klar sprechen.

Die Linken schaufeln sich derzeit ihr eigenes Grab, aber sie wissen es noch nicht - bis auf wenige Ausnahmen.

Vor dem Hintergrund der Abwicklung der Justiz durch das habarthsche Verfassungsgericht - siehe Entscheidung zur einrichtungsbezogenen Impfpflicht - postet die Linke Guérot über den Unterschied zwischen "klassischer Diktatur" und "Totalitarismus".

https://twitter.com/ulrikeguerot/status/1529376555662729216

Die Wurzeln sind verfault und der Stamm ist morsch. Der Baum kippt - ganz langsam aber sicher - dabei werden viele Unschuldige unter ihm begraben. Tellkamp ist nur eines der ersten Opfer. Ich habe auch jahrzehntelang nicht erkannt, in welchem Land ich wirklich lebe.

Maiordomus

25. Mai 2022 13:25

@Zeitschnur. Spielen Sie auf den Kosmopolitismus der deutschen Klassik an und auf Heines Ironisierungen des Deutschtums? Schillers Tell wirkte freilich in der Schweiz heimatkonstitutiv, was deutscherseits für "Wallensteins Lager" zutrifft, zu schweigen davon, dass der "Verbrecher aus verlorener Ehre" als Heimatnovelle durchgeht, desgleichen Goethes "St. Rochusfest zu Bingen", zu schweigen von Prosa, Poesie und Dramatik bei Kleist, erst recht Hebel. Das mit  "Heimat transzendieern" und doch wieder zurückkehren gehört z.B zu Stadlers "Heimatliteratur", wobei Germanisten stets betonten, dass es sich nicht um solche handle. Hebelpreis war einst ausgeprägter Heimatliteraturpreis, siehe Burte, Huggenberger, später Bichsel, der Heimat zwar ebenso ironisierte wie repräsentierte, und beim absoluten Aussenseiter.dem repräsentativen Heimatschriftsteller Uris der letzten 50 Jahre, Martin Stadler, der es mit Regionalismus fast etwas übertrieben hat. Um vom "rechten" Heimatimage wegzukommen, wurde indes Sibylle Berg Hebelpreisträgerin, lange vor ihr mit mehr Berechtigung Erika Burkart, kurz vor ihrem Tode noch von Arnold Stadler besucht, dem hochverdienten Hebelpreisträger. Auf Burkart wurde heuer zum 100. Geburtstag aufmerksam gemacht. Tellkamp wäre vor 12 Jahren wohl in Frage gekommen, derzeit sicher ausgeschlossen, weil der Hebelpreis heute keinesfalls im Geruch stehen will, an seine frühen Träger anschliessen zu wollen. 
 

Old Linkerhand

25. Mai 2022 13:46

Wir Ostberliner haben Dresden immer als Tal der Ahnunglosen verspottet, weil es dort kein Westfernsehen gab. Und dann musste ich erfahren, daß es im Tal einen Turm gab, einen mit Hausmusik und Leseabenden, ein Widerstandsnest hochoben am Elbhang. Und nun musste ich erfahren, daß dort jetzt komische Männer mit zu Schlingen geformten Schawls leben. Männer, die einst in ihrer alten Heimat mit MultiKulti Agit Prop eine Menge Glasperlen anhäuften und dann vor MultiKulti in das beschauliche Dresden flohen, um jetzt wieder MultiKulti zu propagieren. Jedesmal wenn die Schawls ihre Sprüche ablassen, versteifen sich ihre Körper und die Motorik scheint eingeschränkt, einer katatonischen Schizophrenie nicht unähnlich. Daß aber nun Anne, Ehefrau, Mutter, Krankenschwester, den ganzen Laden Zusammenhaltende und dem Ehemann alle Eskapaden Verzeihenende, die Kanzlerin von Trevia sein soll, ist selbst für mich zuviel. Und das will schon was heißen. Muss ich mir nun 900 Seiten BRD Affenzirkus aka Kulturbetrieb inklusive Babytintenfischsalat antun, um dann zu meinem Kopfkissen zu sagen: Siehste… ich hab`s doch schon immer gewusst…?

Gracchus

25. Mai 2022 13:53

@Maiordomus

Arnold Stadlers Trilogie ist in der Tat lesenswert. Die weitere Produktion habe ich nicht so verfolgt. Hamann entdeckte ich schon relativ früh - im ersten Semester Komparatistik. Nach Lesen der ersten Seiten von "Schlaf in den Uhren" ist aber klar, dass Tellkamp einen anderen Ansatz als Stadler verfolgt. Bücher wie "Schlaf in den Uhren" - vielleicht wäre der Titel (sorry, das muss jetzt sein) Schlaf in den Huren noch verksufsförderlicher - lese ich, wenn überhaupt, erst wenn die feuilletonistischen Aufgeregtheiten verflogen sind, solche Debatten, so meine Erfahrungen, gehen am Wesentlichen vorbei. 

Gracchus

25. Mai 2022 13:54

@E. Kositza

Der Schal ist mir gar nicht aufgefallen. 

Gracchus

25. Mai 2022 14:05

@zeitschnur, Maiordomus

Wer ist der Innenkönig? Bezog sich Heines Aussage nicht auf die Thora, und Reich-Ranicki hat sie für sich auf die Literatur im Allgemeinen angewandt?

"Fremdlinge sind wir auf Erden ..." 

M. E. sind diese Gefühle von Heimatlosigkeit Folgen der neuzeitlichen Mobil- und Nutzbarmachung. 

Es stimmt aber womöglich schon, dass Heimat ein Ort ist, wo der Himmel widerscheint. Ich denke auch an Bloch, der auf die Kindheit verweist. Verbunden ist Heimat wohl auch mit Geborgenheitsgefühlen. Also handelt es sich - wie bei Volk - um eine innere Gegebenheit. Mit (positivistischer, rein rationaler) Wissenschaft, die ja auf Nutzbarmachung aus- oder besser abgerichtet ist, wird man dessen nicht habhaft. 

Maiordomus

25. Mai 2022 14:37

@Gracchus. Es ist schon wahr, dass Tellkamp zumindest in der Präsentation in der Öffentlichkeit weit politischer und insofern umstrittener durchkommt als Stadler, was aber bei Hintergrund-Analyse keineswegs der wesentliche Befund sein muss, weil Stadler wohl noch stärker auf die letzten Gründe, also das Religiöse abzuzielen scheint, wiewohl gerade er ein ausgesprochener Kulturkatholik ist. Noch empfehlenswert: "Jedes einzelne Leben ist die Welt. Neue Einblicke in Arnold Stadlers Text(t)träume, hrsg. v. A. P. Knittel und S. Kopitzki. In einem grösseren Aufsatz ist hier zum Beispiel von Arnold Stadler als einem erratischen Block in der süddeutsch-alemannischen geistigen Landschaft die Rede. Von ausserordentlichem Rang scheinen mir die Psalmenübertragungen des Theologen Stadler, der als Germanist ausserdem über das Psalmenmotiv bei Brecht und Celan doktoriert hat. Hier wird klar in die Tiefe gebohrt. Es bleibt indes dabei, wie die Debatte hier zeigt, dass Tellkamp unbedingt noch näher und gründlicher untersucht werden muss. Auf die offensichtlich inkompetenten Besprechungen des Feuilletons kann man sich nicht verlassen. 

Martha

25. Mai 2022 15:13

Ich kann Herrn Kubitschek bis auf einen Punkt nicht widersprechen. Was er schreibt, ist grundsolide und ehrlich. Aber: Wir befinden uns in einem Informationskrieg. Da ist es schon wichtig, z.B. bei Amazon, schnell zu reagieren und positive Rezensionen herauszuhauen, sobald man einen groben Überblick über das Werk hat. Bei den Details kann man dann später, nach Veröffentlichung, immer noch feinjustieren. Der Gegner hat in aller Regel seine Verisse - selbstverständlich ohne Lektüre - ab der Stunde versandt, wo es bei Amazon möglich war. Da Amazon die wichtigste Anlaufstelle für neugierige, suchende Leser ist, die sich einen ersten Einblick verschaffen wollen, muß hier gegengehalten werden. In diesem Informationskrieg werden viele Mittel eingesetzt, die vielleicht für einen aufrichtigen und anständigen Menschen, wie Herrn Kubitschek, schwer zu akzeptieren sind. Ich persönlich kenne da keinerlei Skrupel, wenn ich das Verhalten des Gegners sehe. Es fehlen übrigens noch ein paar positive Rezensionen bei Amazon.

Monika

25. Mai 2022 15:17

@ Maiordomus

In Arnold Stadlers Roman  „Ein hinreißender Schrotthändler“ sehnt sich eine Figur nach „einem Menschen, mit dem sie über Gott reden kann, ohne dabei ausgelacht zu werden.“ Kommt „GOTT IN DER MODERNEN LITERATUR“ ( siehe gleichnamiges Buch von Paul Konrad Kurz) überhaupt noch vor ? Sind moderne Schriftsteller noch gläubig im altmodischen Sinne oder halten sie zumindest Gott im Gespäch ? Das tut etwa der Frankfurter Autor Andreas Kaiser ( siehe Frankfurter Poetikvorlesungen) . In einem Interview bezeichnete sich Monika Maron als nichtreligiös. Die Frage nach Gott wird in modernen Romanen auch in nichttheologischer Sprache kaum zum Thema. Ich weiß nicht, wie das bei Uwe Tellkamp ist. Im weitesten Sinne sind es religiöse Grundfragen nach Schuld, Sühne, Liebe, Tod usw. die mich an einem Roman interessieren. So lande ich letztendlich immer wieder bei Dostojewski. In moderner Form finde ich da wenig Tiefe. Im Bereich des Films etwa bei Andrej Tarkowski. 

Aber vielleicht hat da jemand einen Tip. 

 

Imagine

25. Mai 2022 15:22

Zweifellos ist Uwe Tellkampf ein erfolgreicher Schriftsteller, ein Bestseller und mit Preisen überhäuft, allerdings unter Marktbedingungen und als Teil der Unterhaltungsindustrie.

Aber ist er ein großer Schriftsteller im Sinne der bürgerlichen Hochkultur?

Kositza: Unterhaltungsindustrie trifft´s nicht.

Nemo Obligatur

25. Mai 2022 16:01

@ Maiordomus, Gracchus, Monika und evtl. noch andere

So geht das hier: Bin die Diskussion zu Tellkamp durchgegangen, dann beim Namen Stadler hängengeblieben, fand die Anregung in Ihren Beiträgen interessant genug, dem Namen einmal nachzugehen und mir dann von Stadler ein Buch zu bestellen. Wir werden sehen. Vielen Dank!

zeitschnur

25. Mai 2022 16:09

@ Gracchus und @ Maiordomus

"Heimat" in dem Sinn, der hier verhandelt wird, auch bei Ihnen, ist eine Ausdeutung, die nicht dem deutschen Ursprung des Wortes entspringt. Die romantisierend-verklärende Gefühlshaftigkeit, die seit ca. 200 Jahren daran geknüpft wird, dürfte dem Wort ursprünglich nicht eigen gewesen sein.

"Heimat" ist wie Armut, Kleinod oder Monat eine Bildung, die mhd heimuot einfach nur eine Verörtlichung des "heim" bedeutet. Im Sinne von "Wohnsitz", domicilium.

Das Gefühl, auf dieser Erde keine Heimat haben zu können, ergibt sich aus dem Sterbenmüssen. Traditionell befindet wahre Heimat daher nicht da, wo man gerade seinen Wohnsitz hat (s. "himmlische Heimat" als wirkliche Heimat, der man zuwallt).

Ich meinte bei Schiller die Xenien und Votivtafeln, Heine hat sehr wohl an eine eschatologische Aufgabe der Deutschen geglaubt, keineswegs war bei ihm alles nur Ironie. Er ironisierte nur die Deutschtümelei.

Gracchus

25. Mai 2022 16:38

@Monika 

Geht mir oft auch so. Mein Tipp: Jon Fosse.

https://www.zeit.de/2020/01/der-andere-name-heptalogie-1-2-jon-fosse-roman

Imagine

25. Mai 2022 16:46

@Kositza
„Unterhaltungsindustrie trifft´s nicht.“

Wenn nicht „Unterhaltung“ – was trifft es?

 
kositza: Kunst?

Laurenz

25. Mai 2022 16:48

@EK

Habe auch einen ganz leicht cremefarbenen Kaschmirschal, zieh' den aber nie an. Muß mir mal zu Weihnachten einen Seidenschal wünschen, für den Sommer. Etwas mehr Habitus schadet dem deutschen Mann gar nichts.

 

 

Laurenz

25. Mai 2022 16:56

@Monika

Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es bei Tellkamp um uns, Deutschland & nicht die Welt. Gott ist aber die Welt & nicht Deutschland. Gott mit uns kann sich jeder auf die Fahnen schreiben & die meisten taten dies auch. Wo gab es keinen Feldgottesdienst für's Militär? Wer Gott, also die Welt zu sehr liebt, liebt sein Vaterland zuwenig & ist Globalist. Im rechten Lager finden wir Menschen, die, wie meine Wenigkeit, um unser (ehemaliges) geteiltes Schicksal & die Kriegswunden heute noch weinen können & an sich halten müssen, es nicht zu tun. Gott half & hilft da nicht weiter, weil er mit dem Vaterland nichts zu tun hat. Was diesen Vaterlandsleid empfindenden Menschen in meinen Augen passiert, ist eine Art Familien-Aufstellung in Echtzeit, in der man sein Land vertritt. Wer das mal erlebt hat, stellt fest, man kann weit blicken, ist aber so schwer, wie ein ganzes Land, ein Volk. Für Gott hätte ich ich noch nie weinen können & das ist auch gut & richtig so.

Umlautkombinat

25. Mai 2022 17:25

> Im weitesten Sinne sind es religiöse Grundfragen nach Schuld, Sühne, Liebe, Tod usw. die mich an einem Roman interessieren.

Warum sollten diese Fragen spezifisch religioes sein? Als vollatheistischer Agnostiker habe ich durchaus staerkeres Interesse an zumindest Teilen dieser Aufzaehlung.

Gracchus

25. Mai 2022 17:47

@H. M. Richter

Schön, dass Sie Patrick Roth erwähnen. Kann mich der Empfehlung nur wärmstens anschließen. 

Ein Fremder aus Elea

25. Mai 2022 18:09

Maiordomus,

Sie scheinen Heimat als Wissensschatz zu definieren. Aber wenn wir unter Heimat das verstehen, was Menschen an ihre Umwelt bindet, was sie bewahren und nicht verlassen möchten, so steht die Eifrigkeit, mit welcher Menschen Neues aufsaugen, gerade für die Nebensächlichkeit der Heimat. Hitler hat zu Wilhelm II aufgesehen. Viele haben sich von Hitler begeistern lassen, später von den Beatles. Einen Mangel, sich für das Neue zu begeistern, scheint es seit langer Zeit nicht gegeben zu haben. Beethoven begeisterte sich für Napoléon. Ich müßte die Geschichte besser kennen, um die Sache durch die Jahrhunderte zu verfolgen. Aber immerhin ist die Geschichte, das Alte in Europa noch nicht so abgeschafft wie in Amerika. Nur, stößt das die meisten an Amerika ab?

Loge hör! Lausche hierher! Wie zuerst ich dich fand, als feurige Glut, wie einst du mir schwandest, als schweifende Lohe, wie ich dich band, bann ich dich heut!

Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen, fast schäm ich mich, mit ihnen zu schaffen. Zur leckenden Lohe, mich wieder zu wandeln, spür ich lockende Lust, sie aufzuzehren, die einst mich gezähmt, statt mit den Blinden blöd zu vergehn, und wären es göttlichste Götter, nicht dumm dünkte mich das. Bedenken will ich's. Wer weiß, was ich tu.

Gracchus

25. Mai 2022 18:29

@EK, Imagine

In dem Film kommt Tellkamp schon so rüber, dass er sein Schreiben ernsthaft betreibt. Sicher hat er den Ehrgeiz, Hochkultur zu schaffen - das war bereits aus dem Interview zum Bachmann-Preis herauszuhören, das mir deshalb noch in Erinnerung ist. Ausserdem schließt dieser Anspruch Unterhaltsamkeit nicht aus. 

Maiordomus

25. Mai 2022 19:52

@Fremder. Heimat ist kein Wissensschatz; aber stellen Sie sich nur die rätoromanische Chrestomathie vor: rund 10 000 oder mehr Sagen und Geschichten aus Graubünden in der dortigen noch hochpoetischen Originalsprache, wobei aber politisch-kulturell stark auf dem Rückzug, in der Schweiz bevölkerungsmässig weder mit den Portugiesen noch Spaniern noch Deutschen noch Serben noch Kroaten noch Albanern mithaltend, und doch mit der Freiheitstradition des 1424 unter dem Ahorn von Trun beschworenen Grauen Bundes. Die 10 000 Sagen sind so wenig wie die isländischen Mythen das, was Sie bloss mit einem von  Intellektuellen gesammelten "Wissensschatz" verwechseln. Dieses Jahr werden in der Schweiz übrigens noch bis zu 200 000 Personen aus der Ukraine erwartet, von denen jeder einzelne Anspruch auf das Mehrfache eines Durchschnittseinkommens in seiner Heimat erheben darf. Diese Zuwanderung stellt allein schon die Alemanneneinwanderung zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert hochkant in den Schatten, wobei freilich es vor allem die Alemannen waren, welche im Mittelalter die Rätoromanen zu verdrängen begannen.  

Monika

25. Mai 2022 20:19

@ Umlautkombinat.  „spezifische religiöse Fragen“ 

ich weiß nicht, wie Uwe Tellkamp in der DDR sozialisiert wurde. Es gab Unterschiede zu Westdeutschland . Man befand sich ja im offiziell ersten atheistischen Staat auf deutschem Boden. Da fehlt es vielen Bürgern an religiösem, bzw. Christlichem Grundwissen ( heute auch in Westdeutschland). Diese Lücke ist spürbar. Trotzdem gibt es natürlich auch in atheistischen Systemen „religiös begabte Menschen“. In einer Rezension in der NZZ mokiert sich der Autor ( Name entfallen) über Tellkamps „schwülstige Beschreibungen“. Konkret, dort gäbe es ein fast schon transzendentales Geräusch: „Frösche röhrten“. Vielleicht findet jemand die besagte Stelle im Buch. Mir fiel dazu nur ein, dass in den sog. Haikus ( d.s. Japanische Dreizeiler) ganz oft das Geräusch röhrender Frösche Thema wird: „Die Hände stützend/Sein Lied zum besten dort gibt/Der alte Teichfrosch“( Sôkan). die Verbindung zu Meister Eckhart verblüfft: „Wer weiter nichts als die Kreaturen erkennte,, der brauchte an keine Predigt zu denken, denn jegliche Kreatur ist Gottes voll und ist ein Buch.“ Soviel zu den angeblich „schwülstigen Beschreibungen“ Tellkamps.Ein genauer Blick lohnt sich allemal.🤔

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