Netzfundstücke (128) – Eindrücke, Gehlen, Zoo

Akademien hinterlassen Spuren.

Bald zwei Mona­te sind seit der Früh­jahrs­aka­de­mie des Insti­tuts für Staats­po­li­tik ver­gan­gen und sie klingt bei dem ein oder ande­ren Teil­neh­mer immer noch nach.

Bei der You­Tube­rin Char­lot­te Corday zum Bei­spiel hat sie blei­ben­den Ein­druck hin­ter­las­sen. Es war ihr ers­ter Besuch in Schnell­ro­da, bei dem ob der intel­lek­tu­el­len Dich­te der Vor­trä­ge ihre Erwar­tun­gen weit über­trof­fen wurden.

Hän­gen­ge­blie­ben sind Kon­rad Lorenz oder Domi­ni­que Ven­ner, des­sen Todes­tag sich unlängst zum neun­ten Mal jähr­te: »Ver­haus­schwei­nung« und » Leben heißt kämp­fen gegen das, was mich verneint«.

Kei­ne schlech­ten geis­ti­gen Mit­bring­sel aus Schnellroda:


Ein zen­tra­ler Den­ker, auf des­sen Theo­rie von den Insti­tu­tio­nen man auf der von Corday so geprie­se­nen Aka­de­mie immer wie­der zurück­kam – wie könn­te es beim The­ma »Mensch« auch anders sein, war der Phi­lo­soph und Sozio­lo­ge Arnold Gehlen.

Bevor es an einem der Aka­de­mie­aben­de in die Gesel­lig­keit über­ge­hen soll­te, spiel­te IfS-Lei­ter Erik Leh­nert einen Mit­schnitt eines Vor­trags von Geh­len ab. Beein­dru­ckend an Geh­lens Audio­zeug­nis­sen ist die deut­li­che Beto­nung im Spre­chen, die beson­de­re Sau­ber­keit des Vor­trags, der spe­zi­fi­sche Ton.

Schon allein das Lau­schen bewirkt etwas, selbst wenn man dem Inhalt des Gesag­ten nicht folgt. Her­aus­ra­gend in die­sem Zusam­men­hang – natür­lich auch wegen des Inhalts – sind die SWR-Radio­ge­sprä­che zwi­schen Arnold Geh­len und Theo­dor W. Ador­no auf Augen­hö­he. Hier zur Fra­ge, was »Öffent­lich­keit« eigent­lich sei:


Außer­dem inter­es­sant, der Blick auf Geh­len außer­halb unse­res Milieus; Jür­gen Kau­be, einer der vier Her­aus­ge­ber der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, ver­sucht dem Kon­ser­va­tis­mus Geh­lens für das Deut­sche Lite­ra­tur­ar­chiv in Mar­bach auf den Grund zu gehen.

Auch hier tau­chen die Gesprä­che zwi­schen Geh­len und Ador­no wie­der auf, vor allem im Kon­text der kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Gemein­sam­kei­ten der bei­den Anti­po­den und durch Kau­bes Erstau­nen über die Zivi­li­tät und den gegen­sei­ti­gen Respekt, der in den Dis­kus­sio­nen zum Aus­druck kommt – ange­sichts ihrer Bio­gra­phien kei­ne Selbstverständlichkeit.


Von den geis­ti­gen Höhen fal­len wir nun ins post­ko­lo­nia­le Jam­mer­tal, oder mit Geh­len gespro­chen in die Untie­fen der Hyper­mo­ral. In Leip­zig ist eine Affä­re um die Län­der­aben­de des Leip­zi­ger Zoos aus­ge­bro­chen: Afri­ka-Abend, Süd­ame­ri­ka-Abend oder Asia-Abend, Ende des Jah­res sol­len die­se Geschich­te sein.

Erwirkt hat das der Migran­ten­bei­rat mit­hil­fe des will­fäh­ri­gen Stadt­rats: Er beschloß es auf den Antrag des Migran­ten­bei­rats hin. »Haku­na Mata­ta«, »exo­tisch« und »fremd« – all das bedie­ne kolo­nia­le Ste­reo­ty­pe und das »Exo­ti­sie­rungs­be­dürf­nis einer wei­ßen Mehr­heits­be­völ­ke­rung«. Außer­dem sei es eine Unart, nicht-wei­ße Men­schen immer noch als »fremd« zu klassifizieren.

Nun haben meh­re­re Grup­pen das Bünd­nis »Deco­lo­ni­ze Zoo«, dar­un­ter »Leip­zig Post­ko­lo­ni­al«, gegrün­det … kein Scherz. Der­weil sieht eine bra­si­lia­ni­sche Sam­ba­grup­pe die Din­ge ganz anders: Wie das einst­ma­li­ge SED-Organ Neu­es Deutsch­land berich­te­te, »weist die­se den Rats­be­schluß ent­schie­den zurück und spricht von einem ›schwe­ren Ein­griff in die Kunst­frei­heit‹, der einer Zen­sur gleichkomme.«

Hier geht es zum Artikel:

ABSCHIED VOM AFRIKA-ABEND

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Kommentare (14)

Lausitzer

28. Mai 2022 17:47

"Außerdem sei es eine Unart, nicht-weiße Menschen immer noch als »fremd« zu klassifizieren."

Zu diesem Thema möchte ich Antiweiss aus der Kaplakenreihe von Sophie Liebnitz empfehlen. Ich habe es gerade gelesen. Es ist die Fortsetzung von tote weiße männer lieben aus derselben Reihe. Darin äußert Liebnitz erfrischende Gedanken zu Ursache und Lösung dieses Dilemmas. Für mich war es eine Fundgrube und hat mein Verständnis für unsere weiße europäische Art zu denken und zu leben erhöht.

Lausitzer

28. Mai 2022 17:51

Fast vergessen: Mittlerweile gehören die Netzfundstücke mit zu meinen Lieblingsrubriken hier auf dem Blog, die ich immer lese.

Dank an Jonas Schick! 

Umlautkombinat

28. Mai 2022 20:06

> Antiweiss

Klingt interessant. Als aelteres Buch - mit wahrscheinlich anderer Ausrichtung - empfohlen "Die Gelben, die Schwarzen, die Weissen" von Frank Boeckelmann.

Laurenz

28. Mai 2022 23:44

Habe mir erst mal das Video von Frau Corday angesehen, mußte herzlich lachen. Frau Oberlehrer (paßt besser als dramatischer Charakter) mit Nickelbrille, eingedrehten Haaren, frisches Sommerkleid mit Schlitz, betonter Schmollmund & trickreich nach außen gezogener Kajal.

Die moralischen Bedenken Frau Cordays in Schnellroda kann ich als Heide nicht teilen. Die Schminke braucht's in dem Alter tatsächlich nicht, denn das Aussehen wird niemals mehr besser. Und was macht man dann mit 40+? Aber sonst sehr hübsch.

Frau Kositza trägt, trotz Katholizismus ja auch gerne figurbetonte Kleider, ist auch richtig so. Die Wirkung muß man als Europäer schätzen & mir ihr umgehen können.

Als alter neurechter SiN-Leser & Schnellroda-Gucker weiß man natürlich, wie EL die Akademien in etwa organisiert, insofern ergab das Video nichts Neues.

Beim geschilderten geistgeschredderten Antifa-Prekariat spare ich mir es mittlerweile mit der Hand auf die Denkerstirn zu schlagen. 20 tote graue Hirnzellen ist die Antifa nicht wert.

Die anderen Audios/Videos ziehe ich mir jetzt rein.

Aussenseiter

29. Mai 2022 09:12

Adorno wird meiner Ansicht nach, zumindest in Teilen, verkannt. Er war ein zutiefst bürgerlicher Mensch, der populären Massenkultur abgeneigt und konnte auch mit den "68ern" wohl wenig anfangen. Ironie, dass gerade diese Leute ihn als Stichwortgeber ge- bzw missbraucht haben. 

Carl Sand

29. Mai 2022 12:39

Ich finde es auch sehr wichtig, Adorno zu lesen:

"Möchten die Horst Güntherchen in ihrem Blut sich wälzen und die Inges den polnischen Bordellen überwiesen werden, mit Vorzugsscheinen für die Juden", schrieb Theodor W. Adorno kurz vor der Niederlage NS-Deutschlands aus Kalifornien an seine Eltern in New York. Er freute sich, nun endlich sei "alles eingetreten, was man sich jahrelang gewünscht hat, das Land vermüllt, Millionen von Hansjürgens und Utes tot, wahrscheinlich dem Volk das Genick gebrochen, sodass es als Subjekt aus der Geschichte ausscheidet". 

Volksdeutscher

29. Mai 2022 17:50

@Aussenseiter

Ihre Wahrnehmung kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Ein 68-er Professor von mir für Kultur- und Zivilisationstheorie hatte während meines ersten Studiums ebenfalls eine Seminarreihe mit Adornos Ästhetische Theorie gehalten. Zu seiner Verteidigung muß ich aber sagen, daß er ein elitärer Linker war und dementsprechend zog er seine Vorlesungen durch. Seine Seminare wurden erwartungsgemäß nur von ganz wenigen linken Studenten besucht.

t.gygax

29. Mai 2022 20:24

@ carl sand

Sowohl Hanna Arendt wie auch Elisabeth Noelle-Neumann haben vernichtende Urteile über T.Wiesengrund geschrieben. Nicht wegen seiner Theorien, sondern wegen seines Verhaltens und seiner "Persönlichkeit", wenn man das so sagen will. (Ich sehe eine solche Figur  nicht als "Persönlichkeit....)

Die beste Darstellung Adornos literarisch: "Professor Wisent" in Sophie Dannenbergs Roman "Das bleiche Herz der Revolution". Auch nach 20 Jahren immer noch lesenswert.

Kurativ

29. Mai 2022 23:01

"Sogar Profis üben lange, um gute Texte „sprechfähig" zu schreiben. Im schlimmsten Fall wirkt die abgelesene Ansprache hölzern und emotionslos"

(Gefunden im Internet)

Laurenz

30. Mai 2022 00:09

Fand die Radio-Unterhaltung sehr angenehm. Beide Professoren befleißigen Sich einer sehr exakten Aussprache (beneidenswert), versuchen Sich erklärend auch für Normalsterbliche verständlich zu äußern. Beide zögern nie einen Augenblick, im Gegensatz zu Kaube, um einen Gedanken sofort zu formulieren. Gehlen läßt ab & an etwas Dialekt durchschimmern. Adorno formuliert hier einen Hauch präziser als Gehlen. Inhaltlich geben Sich Beide in dieser Debatte nichts. Im Grunde sind Sie Sich einig. Der Begriff Kulturpessimismus ist, zumindest nach meinem Verständnis, arg geschönt. Beide äußern Sich,  indirekt, negativ über das bundesrepublikanische politische System, was eskaliert, als Adorno über das Grundgesetz hinaus (passiver Widerstand), der auch damals schon nur noch technisch informierten Öffentlichkeit das Recht zuspricht, bei Gräueltaten etc. der politischen Kaste tatsächlich einzuschreiten. Das ist herbe & Gehlen widerspricht Ihm nicht. Das ist im Falle Beider eher revolutionär als bürgerlich.

@Links ist, wo der Daumen rechts ist

Ich denke nicht, daß Sir irgendwas verstanden haben, sonst wären Sie nicht so destruktiv.

Laurenz

30. Mai 2022 00:17

Auch Kaube & Richter tragen verständlich vor. Andererseits spürt man bei Herrn Kaube eine gewisse abgehobene Denkwelt. Ein einfaches Beispiel für funktionierenden Konservatismus ist die Definition von Frau & Mann, in Anbetracht dessen, daß die heutige Situation ideologisch sich der Natur der Sache per dialektischem Zwang entfremdet. Daß antike Dänen oder Hellenen mehr oder weniger nichts von einander wußten, ist eine gewagte Behauptung, die einerseits nicht belegbar & andererseits unwahrscheinlich, wie unwahrscheinlich arrogant ist. Interessant ist das Eingeständnis Herrn Kaubes, daß die Welt in den 60ern oder 70ern demokratischer, wie liberaler im Diskurs war, also hatte Gehlen in Teilen Seiner Prognosen Recht. Herr Kaube gesteht, & das als Herausgeber, den gesellschaftlichen Rückschritt zu damals ein, den Er mit zu verantworten hat. Interessant ist noch, daß Kaube & Richter zumindest einen konservativen Lebensweg gewählt haben, verheiratet sind, Kaube hat 3 Kinder & Richter 2.

RMH

30. Mai 2022 07:30

Das Rosinenpicken oder die hochnotpeinliche Untersuchung nach "belastenden" Fragmenten und Äußerungen überlassen wir doch besser den Damen und Herren von der neuen Inquisition, aktuell besser bekannt als cancel culture. "Links ist da etc." schreibt hierzu das Richtige. Und wenn jemand einmal ein klischeedreschendes, komplexbeladenes, sprachlich unterdurchschnittliches Buch. welches nicht wie ein natürlicher Erlebnisbericht rüber kommt sondern eher wie ein zielgruppenorientiertes Konstrukt, lesen will, dem sei das von t.gygax zitierte "bleiche Herz der Revolution" wärmstens empfohlen. Was aber bleibet, stiften die Dichter. Es ist stets besser, Werke zunächst einmal für sich selber stehen zu lassen und das Wagnis des an sich Heranlassens zuzulassen, statt vorher zu "canceln". @Aussenseiter ist zuzustimmen und deswegen muss man noch lange kein ungeteilter Freund der Werke Adornos sein oder gar werden. Intellektuelle Arbeit ist nicht immer das, was einem leicht fällt oder wo man hinter jeden Satz einen "Stimmt"-Haken setzen kann sondern auch das, was man am Ende ganz oder teilweise mit guter, am Werk selbst gebildeter Meinung ablehnen kann. Ich habe es schon oft hier geschrieben, zumindest das vermeintliche Paradebuch der 68er, "Dialektik der Aufklärung", sollte man auch als Rechter/Konservativer/Liberaler einmal gelesen haben.

Carl Sand

30. Mai 2022 08:50

@Linksdaumen: Sie schmeicheln mir ungemein, wenn Sie meinen, mich als 150-Prozenter zu identifizieren. Auch finde ich ja ebenfalls es ungeheuer wichtig, Adorno zu lesen - handelt es sich doch um einen der wichtigsten Stifter einer neuen Weltreligion.

Allerdings bleibt mir mit einer ca. 60 Stunden Woche nur ganz wenig Zeit für die schönen Künste.

Was für ein Prozente Sie also im Gegensatz zu mir auch sein mögen, hoffe ich doch, dass Sie wenigstens 1 Prozent dem Praktischen, wie zum Beispiel dem anhusten von Maskenstrebern in der Kassenschlange widmen mögen. 

Maiordomus

30. Mai 2022 11:40

@Laurenz. Damit Sie obiges Lob von mir betr. genauerer Beobachtung des heutigen Alltagslebens, auch die Frauenwelt betreffend, nicht überbewerten: Ihre Bemerkung "Frau Kositza trägt trotz Katholizismus auch gerne körperbetonte Kleider" zeigt, dass Sie weder die Renaissance-Maler Filippo noch Filippino Lippi noch überhaupt viele der grössten katholischen Künstler kennen, von denen im Spätmittelalter einige sogar die Muttergottes mit blossen Brüsten darstellten, übrigens in ihrem Bestreiben, den Zorn Gottvaters gegen die sündige Menschheit zu dämpfen. Noch weniger kennen Sie den grossen katholischen italienischen Film aus der Zeit der konservativen Päpste, Fellini, Amarcord und im Grunde auch la dolce vita, das ohne den Kontrast eines gewissen Sündenbewusstseins an Intensität und wahrer Süsse einbüsst. Das katholische Weltbild ist nicht so verklemmt wie es zu gewissen Epochen tatsächlich entartete, künstlerisch etwa unweit vom Nazarenerstil, dessen Madonnen aber eher eine schwächliche Muttergottes auf die Leinwand brachten. Bergengruen vermerkte in ähnlichem Zusammenhang, Boccaccio sei der bedeutendste katholische Schriftsteller gewesen; es gab zu allen Zeiten eine auch lebensbejahende katholische Sinnlichkeit, was indes freilich nicht mit den realen Verirrungen des Klerikalismus, die heute erst recht noch einmal Urstände  feiern, zu verwechseln wäre. Übrigens hat Lebensfreude elementar noch mit Mutterschaft zu tun; auf diesem Sektor hielt eine Frau Schwarzer nie mit! 

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