Kritik der Woche (34): Kristin Lavranstochter

In diesem Sommer hat der Kröner-Verlag die Neuauflage von Sigrid Undsets Kristin Lavranstochter vollendet. Das ist ein großes Glück und eine ungeheure Lesefreude.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Es gibt kei­nen Beweis, son­dern nur Indi­zi­en, daß die­ses Epos bis­lang nie aus dem Nor­we­gi­schen ins Deut­sche über­setzt wur­de. Wahr­schein­lich kur­sier­te das Werk bis­lang nur als Über­tra­gung aus dem Dänischen.

Was soll man sagen: Die alten Über­set­zun­gen sind wun­der­voll, die neue ist bravourös.

Die Auf­ma­chung ist es zudem; ein Lob­preis die­ser Buchgestaltung!

Man muß Und­set lesen, will man über einen euro­päi­schen Kanon verfügen.

Und­set war die zwei­te Frau, der (1928) der Lite­ra­tur­no­bel­preis ver­lie­hen wur­de. Vor ihr war es die Schwe­din Sel­ma Lager­löf (1909), nach ihr, erst (1938) die Ame­ri­ka­ne­rin Pearl S. Buck. Die­sen drei Frau­en ist gemein, daß sie kei­ne Femi­nis­tin­nen waren. Kein Wun­der, daß wie Und­set auch Buck und Lager­löf des­halb in den gän­gi­gen Frau­en­power-Kom­pen­di­en fehlen.

Dabei war Und­set in ihren frü­hen Jah­ren durch­aus eine Frau­en­recht­le­rin – spä­ter wand­te sie sie ent­schie­den gegen die Zie­le die­ser Bewe­gung. Und zwar nicht pole­misch, son­dern literarisch.

Sig­rid, gebo­ren 1882 im däni­schen Kalundborg (Pro­vinz See­land, frü­her Kah­len­burg), war die ältes­te von drei Töch­tern. Der Vater war ein renom­mier­ter nor­we­gi­scher Archäo­lo­ge, die Mut­ter, eine Aqua­rell­künst­le­rin, ent­stamm­te einer däni­schen Juristendynastie.

Sig­rid leb­te zunächst im Speck­gür­tels Oslos, muß­te aber durch die Krank­heit des Vaters (Syphil­lis) in eine Miets­ka­ser­ne der Haupt­stadt umzie­hen. Nach­dem der Vater gestor­ben war, brach Sig­rid die Schu­le ab und ver­dien­te eine Deka­de lang ihr Geld als Sekre­tä­rin der nor­we­gi­schen Nie­der­las­sung der deut­schen AEG. Sie emp­fand sich dort als „Büro­skla­vin“, arbei­te­te tags für Lohn und schrieb nachts. Ihr ers­tes Buch (ein Mit­tel­al­ter­stoff) wur­de von den Ver­la­gen abge­lehnt, man riet ihr zu „moder­nen“ Stoffen.

Ihr ers­ter ver­öf­fent­lich­ter Roman, Frau Mar­ta Oulie (1907), begann dann mit den Wor­ten: „Ich habe mei­nen Mann betro­gen“. Die roman­ti­sche Affai­re wird tra­gisch enden. Sämt­li­che Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­ten der – auch spä­te­ren – Und­set enden glück­los. Es beginnt him­mel­hoch­jauch­zend und endet … soll man sagen, rea­lis­tisch? Zumin­dest uner­füllt, gemes­sen an den hoch­tra­ben­den Vorstellungen.

Aber blei­ben wir bei der hier vor­zu­stel­len­den Tri­lo­gie. Bei Kris­tin Lav­rans­toch­ter, der Nobelpreistrilogie.

Ich selbst habe fünf Mona­te benö­tigt, um sie von Alpha bis Ome­ga durch­zu­ar­bei­ten, wobei ich eine alte und die Neu­aus­ga­be par­al­lel gele­sen habe. Was für eine schö­ne Arbeit!

Hier lesend ein­zu­stei­gen glich einem anspruchs­vol­len Neben­job: Man will ja, aber hat man über­haupt die Zeit, sich so völ­lig hin­zu­ge­ben in die­se Sze­ne­rie?  Wenn ja, muß man sich mit­neh­men las­sen. Man muß die Zügel fah­ren las­sen und sich dem Wust an Namen, Orten und Zusam­men­hän­gen hingeben.

Oh, man wird unglaub­lich ent­lohnt. Wir stei­gen hin­ab in das katho­li­sche 14. Jahr­hun­dert Nor­we­gens. Wir wer­den von Anfang an völ­lig mit­ge­ris­sen, weil die (stets ambi­va­len­te, oft irra­tio­na­le) Psy­cho­lo­gie der Cha­rak­te­re so lebens­echt ist und die Hand­lung so plot­reich und ver­blüf­fend. Der Roman Kris­tin Lav­rans­toch­ter glie­dert sich in drei Teile:

In Band 1 („Der Kranz“) ver­liebt sich die blut­jun­ge Kris­tin wäh­rend eines Auf­ent­halts im Klos­ter bei einem Aus­gang in den berüch­tig­ten Hau­de­gen Erlend. Damit wird die fami­liä­re Ord­nung aufs Äußers­te gestört. Eigent­lich hät­te sie den guten und sanf­ten Simon Dar­re hei­ra­ten sol­len. Kris­tin setzt sich durch, gegen alle Wider­stän­de. Sie setzt sich vor allem durch gegen das Votum ihrer Eltern. Ihr Vater ist der gute, star­ke, schö­ne, from­me und von Kris­tin sehr gelieb­te Lav­rans, die Mut­ter die von einem Geheim­nis ver­schat­te­te Ragnhild.

In Band 2 („Die Frau“) sieht sich die Kris­tin mit aller­lei Unge­mach kon­fron­tiert, das auch sie selbst ver­ur­sacht hat. Sie ist eine emi­nent trot­zi­ge Frau! Es gibt zum einen die vor­ehe­li­chen Kin­der Erlends – und sei­ne bezir­zen­de ehe­ma­li­ge “Buh­le”. Erlend selbst kommt nicht zur Ruhe und ver­strickt sich in krie­ge­ri­sche Konflikte.

Simon Dar­re, mitt­ler­wei­le mit Kris­tins jün­ge­rer Schwes­ter ver­hei­ra­tet, hat nie auf­ge­hört, Kris­tin zu ver­eh­ren. Er wird nun ihre wich­tigs­te Stüt­ze. Glas­klar ist übri­gens nichts in die­ser ger­ma­nisch-katho­li­schen Welt. Die Dar­stel­lung der Prot­ago­nis­ten lebt von ihrer Ambiguität.

In Band 3 („Das Kreuz“, eben erst erschie­nen) sehen wir Kris­tin als altern­de Frau. Alt jedoch nur für die mit­tel­al­ter­li­che Welt, in der sie lebt. Sie ist längst noch kei­ne fünf­zig. Als sie, nach der Geburt und Auf­zucht von sie­ben Kin­dern ins Klos­ter ein­tritt, hat sie etli­che ihrer Liebs­ten ster­ben gese­hen. Sie hadert mit Gott, mit der Lie­be und mit ihrer eige­nen Bestim­mung. Die Pest herrscht.

Manch­mal, so auch hier, spielt das eige­ne Ver­hal­ten ein­fach kei­ne Rol­le. Wir nen­nen es Schick­sal. Aber auch im Rah­men des­sen bleibt ein Spiel­raum. Kris­tin füllt ihn aus.

Ich habe die drei Bän­de drei­en mei­ner gro­ßen Kin­der geschenkt, aus eupho­ri­schem Über­schwang nach mei­nem Lese­ma­ra­thon. Sie haben es alle­samt begeis­tert auf­ge­so­gen, aber höchst unter­schied­lich geur­teilt. Es gab unge­heu­er viel Gesprächsstoff.

Genau so sol­len gute Bücher sein!

Sig­rid Und­set: Kris­tin Lav­rans­toch­ter: Der Kranz, 300 S., 22 Euro – hier.

Sig­rid Und­set: Kris­tin Lav­rans­toch­ter. Die Frau, 549 S., 24 Euro – hier.

Sig­rid Und­set: Kris­tin Lav­rans­toch­ter. Das Kreuz,576 S., 27 Euro – hier.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (37)

Adler und Drache

22. Juli 2022 10:52

Herrje - so überschwänglich erlebt man Sie aber selten! 

Spielt das eigene Verhalten im Angesicht des Schicksals nicht sogar die höchste, bedeutendste Rolle? 

Maiordomus

22. Juli 2022 12:51

Kristin Lavrantstochter gehört zu den Lektüren, bei denen ich als zu junger Leser gescheitert bin. Das Buch ging um 1957/58 von der katholischen Schweizerischen Volksbuchgemeinde womöglich als jährliches Pflichtexemplar an die Familie meiner Eltern, wobei ich selber seit 1955 alles zu lesen versuchte, wessen man habhaft werden konnte. So die wöchentlich drei ausleihbaren Bände der Pfarreibibliothek, wo  um 40 Bände Karl May präsent waren, von denen mich etwa Bd. 3, Von Bagdad nach Stambul, mit der, wie ich später realisierte, nach dem Modell von Caesars Gallienbeschreibung orientierten Geographie und Volkskunde Arabiens mich faszinierte. Nicht hingegen Unsets Roman, in dem ich stecken blieb. Nicht mal das bei EK angedeutete Syphilismotiv entdeckte ich zu einer Zeit, da in der Kirche ein Prediger der Volksmission auf diese Krankheit aufmerksam machte mit dem Hinweis, wohin Nietzsche die Gottlosigkeit geführt hätte: "Und am Ende war der arme Teufel geschlechtskrank!" Auf Nietzsche blieb ich darum später neugierig, während der Roman der Konvertitin mir heute rückblickend nur durch dessen Ruhmesgeschichte bekannt blieb. Begnüge mich nunmehr mit der verdienstvollen Neu-Rezeption  durch EK.  

KlausD.

22. Juli 2022 13:22

"eine ungeheure Lesensfreude"

möchte ich meiner Frau bereiten, die sehr oft historischen Stoff beim Wickel hat, und habe ihr sogleich den ersten Band bestellt. Bin gespannt ...

Kurz zu Selma Lagerlöf - sie arbeitete als Volksschullehrerin von 1885 bis 95 in Landskrona und schrieb dort auch ihren ersten Roman. Bei unserem kürzlichen mehrtägigen Aufenthalt in Malmö (sehr zu empfehlen) nahmen wir "Kontakt" zu ihr auf und besuchten ihr ehemaliges Wohnhaus nebst Statue in Landskrona. Wie zu lesen ist, war sie durchaus sozial und politisch engagiert, hatte jedoch Anfang der 20-iger Jahre Kontakt zu Herman Lundborg und vielleicht ist das der Grund, dass sie "in den gängigen Frauenpower-Kompendien fehl(t)" ...

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jonas_H%C3%B6gstrom_Selma_Lagerlof.JPG

der michel

22. Juli 2022 14:10

Uff.

Norwegen im 14. Jahrhundert: Weiter weg vom hier und heute geht's ja kaum -

jedenfalls nicht für einen bekennenden Mitteleuropäer.

Weltflucht? Realitätsflucht?

Ich vertraue auf Ihre Kennerschaft und Ihren Geschmack, sehr verehrte Frau

Kositza, also sicher ein Lesevergnügen.

Mir (alt, weiß, grämlich) war zwar die Nobelpreisträgerin Sigrid Undset bekannt,

ich habe aber bisher keine Zeile von ihr gelesen (Gynophobie?).

Nun also "Kristin Lavranstochter". Hm.

Müsste es nicht "Lavransdottir" heißen?

Kudos.

M. Nötting

 

 

brueckenbauer

22. Juli 2022 14:20

Bei der Liste der Nobelpreisträgerinnen wurde Grazia Deledda (1926) übersehen. Sie schrieb zeitweilig für eine nationalistische Zeitung, und ihre Preisverleihung ist (vielleicht bösgläubig) als Verbeugung vor dem "neuen" Italien Mussolinis interpretiert worden. Nationalismus war allerdings wohl auch die treibende Kraft bei Undsets antideutscher Betätigung im Zweiten Weltkrieg. 

Der_Juergen

22. Juli 2022 14:30

Es freut mich, dass Ellen Kositza die ausgezeichnete Schriftstellerin Sigrid Undset würdigt.

Darf ich ausnahmsweise den Beckmesser spielen? Kositza schreibt:

"Es gibt keinen Beweis, sondern nur Indizien, daß dieses Epos bislang nie aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt wurde. Wahrscheinlich kursierte das Werk bislang nur als Übertragung aus dem Dänischen." Hier ist zu bemerken, dass Norwegisch und Dänisch zwar vollkommen anders klingen, in ihrer geschriebenen Form aber praktisch identisch sind. Man kann ganze Sätze schreiben, die sich in den beiden Sprachen nur durch ein paar Buchstaben unterscheiden.

Dies gilt wohlverstanden nur für die dominierende Version der norwegischen Schriftsprache, das Bokmaal (oder Riksmaal) , das auf dem Dänischen fusst. Im 19. Jahrhundert wurde von nationalistischen Philologen auf der Grundlage norwegischer Dialekte das sogenannte "Landsmaal" (später in"Nynorsk" umgetauft) geschaffen, welches das Riksmaal langfristig als Schriftsprache ersetzen sollte. Das Projekt ist jedoch gescheitert; fast alle bedeutenden norwegischen Autoren schreiben und schrieben Riksmaal, und Nynorsk wird heute immer seltener verwendet, auch wenn man es in Rundfunk und Fernsehen noch ziemlich häufig hört.

Die Frage, ob Undsets Roman nun aus dem Norwegischen oder aus dem Dänischen übersetzt wurde, ist also belanglos.

Maiordomus

22. Juli 2022 16:04

@Der_Juergen. Ihr Fehlen in letzter Zeit auf dieser Seite wurde wohl bemerkt. Wenn es um sprachliche Befunde geht, gewiss nicht nur solche, beziehen Sie sich wie wenige auf konkret erarbeitetes Wissen, Für meine Gesichtspunkte konnte ich mit Ausnahme des Gotischen nie auf konkrete nordische Sprachkenntnisse zurückgreifen. Für die Tell-Forschung, die schon um 1760 zum Ärger Rousseaus von Emanuel von Haller auf ein "dänisches Märchen" zurückgeführt wurde, ist eine lateinische Quelle von Saxo Grammaticus die Grundlage, was nicht selten auch für die nordische Rechtsgeschichte gilt, in welcher der Gedanke der Solidarität ausgeprägt entwickelt ist. In Schweden musste man nicht gerade auf Marx/Engels warten.. @Klaus D. Unter den Nobelpreisträgerinnen jenes Raumes gab ich wie vermutlich Sie gemäss Ihrem Beitrag, als Leser Selma Lagerlöf den Vorzug, fühle mich indes jetzt doch auf eine epische Qualität Unsets aufmerksam gemacht, fast würde ich kalauern: Lieber mal Unset als Unseld. Gracia Deledda ist eine kostbare Begleiterin z.B. für eine Reise nach Sardinien, worüber auch Jünger einiges zu bieten hat.   

Niekisch

22. Juli 2022 16:09

"Nationalismus war allerdings wohl auch die treibende Kraft bei Undsets antideutscher Betätigung im Zweiten Weltkrieg."

@ brueckenbauer 14:20: Meinen Sie nicht eher antinationalsozialistisch wegen ihres Einsatzes für Carl von Ossietzky? ( https://www.researchgate.net/publication/335299105_Sigrid_Undset_1928 )

Nationalistisch doch nicht etwa wegen Sigrid Undsets Einsatz für das republikanisch-bolschewistische Spanien des Bürgerkrieges 1936-1939, als das Deutsche Reich die "Legion Condor zugunsten der Francisten schickte ? ( vgl. Steding, Christoph, Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur, S.736 ) 

Was sollte an beidem nationalistisch sein?
 

Der Gehenkte

22. Juli 2022 17:43

@ Der_Jürgen

Ganz so einfach ist es nun freilich nicht. Auch wenn sich die beiden Sprachen sehr ähneln, gibt es doch gewisse grammatische und lexikalische Unterschiede - andernfalls wären Übersetzungen gar nicht notwendig. Beide Sprachen haben auch verschiedene Rhythmen und entwickeln daher atmosphärische Differenzen.

Da die erste Übersetzung aber von Julius Sandmeier angefertigt wurde - dem geniale Hamsun- oder Bojer-Übersetzungen gelungen sind - ist die Frage vermutlich irrelevant, da es keinen Grund gibt, anzunehmen, Sandmeier habe aus dem Dänischen übersetzt. Das wäre nur bei Nynorsk-Schreibern interessant - etwa Olav Duun (den Sandmeier auch übersetzte) -; da Bokmål geschrieben wurde, sollte das Originalwerk herangezogen worden sein. Allerdings ist Undset in Dänemark geboren worden und die beiden Sprachen wurde in frühen Jahren oft noch nicht unterschieden. So findet man etwa frühe Hamsun-Ausgaben, die unter Dänisch laufen.

Ich habe Original und Übersetzung im Regal stehen, aber das ist gerade ein paar hundert Kilometer entfernt.

Sandmeier hat einen Faible fürs "Mystische" - auch etwa bei Gunnar Gunnarson oder William Heinesen (beide aus dem Dänischen) zu sehen -, weshalb die These von EK noch zu verifizieren bliebe. Eine Neuübersetzung stünde für mich erstmal unter dem Verdacht der Entzauberung. 

Kositza: Unter Entzauberung verstehe ich das, was die allseits hochgerühmte und sicher auch insgesamt bewundernswerte Swetlana Geier mit Dostojewski gemacht hat. das habe ich hier nicht vorgefunden. Mein kleiner Text war auch bloß ein Vorgeschmack auf das größere Undset-Portrait, das ich noch dieses Jahr für die Druck-Sezession vorhabe. Darin werde ich auch Passagen gegenüberstellen. Mit nordischer Philologie kenne ich mich allerdings nicht aus, daher danke Ihnen und auch Jürgen für die Hinweise.

Der_Juergen

22. Juli 2022 23:30

@Der Gehenkte

Kein Widerspruch gegen Ihre Darlegungen, die den meinen nicht zuwiderlaufen. Wie Sie selbstverständlich wissen, hat Stefan George Dänisch studiert, um Ibsen lesen zu können. Ich erinnere mich an einen Literaturkritiker, den Namen habe ich vergessen, der Übersetzungen aus dem Norwegischen (Bokmaal) ins Dänische und umgekehrt angewidert als "Galimathias og vandalisme" bezeichnet hat - was nichts daran ändert, dass sie eben doch angefertigt werden.

Wie ich gelesen habe, werden literarische Werke aus Portugal in Brasilien oft "übersetzt", d. h. redigiert, da sie auf die brasilianischen Leser sonst fremdartig wirken; der Fall ist hier ähnlich gelagert wie bei Dänisch und Norwegisch.

Der_Juergen

22. Juli 2022 23:51

@Maiordomus

Mein Schweigen während de letzten paar Wochen erklärt sich teils durch extreme Arbeitsüberlastung, teils dadurch, dass ich es einfach nicht mehr fertigbringe, mich für gewisse Themen, etwas solche parteipolitischer Art, zu interessieren.

Wer heute noch glaubt, durch seinen Einsatz für die AFD etwas ändern zu können, erinnert mich an einen Menschen, der höhere Pensionsansprüche für die Fiedler auf der Titanic fordert. Wir werden bald Zeugen ungeheuerlicher Umwälzungen werden, auf welche die parteipolitische Konstellation in der BRD Null Einfluss haben wird.

Die letzten Artikel von Sellner und Bosselmann finde ich gut; ich habe sie erst heute gelesen. 

Die besten Analysen zur gegenwärtigen Lage findet man meines Erachtens gegenwärtig in "Compact". Elsässer und seine Mitarbeiter leisten Grossartiges. Ganz hervorragend ist natürlich auch "Zuerst!", an dem ich allerdings bemängele, dass es zwar gegen die Corona-Hysterie anschreibt, das ganze Ausmass des monströsen Betrugs jedoch anscheinend nicht begreift, oder nicht begreifen will, ebenso wenig wie die damit verfolgten Ziele. 

Laurenz

23. Juli 2022 00:04

@Der_Juergen & Der Gehenkte

Wieder einmal vielen Dank für Ihr Sprachtalent & Ihre Sprachkompetenz.

Freue mich immer, wenn ich hier etwas ganz Reales dazulernen kann.

heinrichbrueck

23. Juli 2022 00:12

(Gabriele Haefs): 
Nach dem Tod des jüngeren Ivar Gjesling auf Sundbo im Jahre 1306 fiel sein Grundstück in Sil an seine Tochter Ragnfrid und deren Ehemann Lavrans Bjørgulvssohn. Bisher hatten die beiden auf dem Lavrans gehörenden Hof Skog in Follo in der Nähe von Oslo gelebt, nun aber siedelten sie auf den Gudbrandsdalen gelegenen Jørundhof über.
Lavrans stammte aus der Sippe, die in Norwegen als die Lagmannssöhne bekannt war. Sie waren aus Schweden gekommen, als Laurentius Østgøtalagmann die Schwester des Bjelbojarls, Jungfrau Bengta, aus dem Kloster Veta entführt hatte und mit ihr nach Norwegen geflohen war. Herr Laurentius hatte bei König Haakom dem Alten in Diensten und in hohem Ansehen gestanden; der König hatte ihm den Hof Skog übertragen. Doch Laurentius lebte erst seit acht Jahren in Norwegen, als er an einer Seuche starb, und seine Witwe, die Folkungentochter, wie die Königstochter in Norwegen genannt wurde, kehrte nach Schweden zurück, söhnte sich mit ihrer Familie aus und ging schließlich in einem anderen Land eine reiche Heirat ein. Sie und Herr Laurentius hatten keine Kinder gehabt, und deshalb fiel Skog an Bengtas Schwager Ketil Skog. Der nun war Lavrans Bjørgulfssohns Großvater gewesen.

heinrichbrueck

23. Juli 2022 00:13

(J. Sandmeier und S. Angermann): 
Bei der Teilung der Hinterlassenschaft Ivar Gjeslings des Jüngeren auf Sundbu im Jahre 1306 kamen seine Besitztümer in Sil an die Tochter Ragnfrid und ihren Gatten Lavrans Björgulfssohn. Diese hatten vorher auf Lavrans' Hof Skog in Follo nahe bei Oslo gewohnt, jetzt aber zogen sie auf den Jörundhof oben im Gudbrandstal.
Lavrans entstammt dem Geschlecht, das man hierzulande die Lagmannssöhne nannte. Sie waren mit jemem Laurentius Östgötalagmann von Schweden herübergekommen, der die Schwester des Bjelbo-Jarls, Jungfrau Bengta, aus dem Kloster Vreta entführt hatte und mit ihr nach Norwegen geflüchtet war. Herr Laurentius blieb bei König Haakon dem Alten und wurde von ihm sehr geschätzt; der König gab ihm den Hof Skog. Aber als er acht Jahre hier im Lande gewesen war, starb er im Krankenbett, und die Witwe, die Folkungetochter, die man in Norwegen Königstochter nannte, kehrte heim und söhnte sich mit ihren Verwandten aus. Sie wurde dann in einem anderen Land reich verheiratet. Sie und Herr Laurentius hatten keine Kinder miteinander gehabt, und so erbte Laurentius' Bruder Ketil den Hof Skog. Er war der Großvater des Lavrans Björgulfssohn. 

Maiordomus

23. Juli 2022 07:40

@Kositza. Dass Sie sich bei Dostojewskij auf Swetlana Michailowna Ivanowna Geier berufen, zeichnet Sie aus als Rezipientin auf der Höhe der Besten. Frau Geier, meine ehemalige Verlagskollegin bei Ammann, verfügte, im Gegensatz zu herkömmlichen Übersetzern jeweils über konkrete Kenntnisse sowohl sprachlicher als auch historischer Befunde vor Ort. Sie war übrigens Ukrainerin und beherrschte sowohl das Lateinische wie auch das Altkirchenslawische, änderte zum Teil eingeführte deutsche Buchtitel wie "Schuld und Sühne" in "Verbrechen und Strafe" sowie auch "Die Dämonen" in "Böse Geister" usw. Dies ändert nichts daran, dass sie am Schluss der Übersetzung des letzteren Romans wegen mangelnder Kenntnis der Verhältnisse im Kanton Uri den Schluss von einem der berühmtesten Romane von Dostojewskij dann doch nicht ganz auf dem von ihr angestrebten Niveau übersetzte. Das politische System der Schweiz wird nun mal von Ausländern, übrigens auch von den Bloggern hier, einige wenige ausgenommen, noch schlechter verstanden als das russische. 

Der_Juergen

23. Juli 2022 09:18

@Maiordomus

Ich habe den "Archiepel Gulag" von Solschenizyn - ein Werk, dem ich heute aufgrund der darin postulierten, irrsinnig übertriebenen Opferzahlen trotz seiner hohen literarischen Qualität reserviert gegenüberstehe - seinerzeit in der Übersetzung von Swetlana Michailowna Iwanowa (nicht: "Iwanowna") gelesen; den Familiennamen "Geier" hatte sie von ihrem Mann. Die Übersetzung ist grossartig; die Frau war eine absolute Meisterin ihres Fachs - zumal Deutsch gar nicht ihre Muttersprache war.

Maiordomus

23. Juli 2022 09:18

@Laurenz. "etwas ganz Reales dazulernen". Im Vergleich zu etwa zwei Jahren, da Sie teilweise Gesprächsteilnehmer hier  nachgerade vertrieben zu haben scheinen, haben Sie mutmasslich in der Tat einen Lernprozess durchgestanden. Die noch verbleibenden Hindernisse betreffen Punkte und Themen, wo Sie mutmasslich sich selber im Wege stehen. Dies betrifft aber ehrlicherweise uns alle, wenn auch nicht gerade jeden im gleichen Ausmass. Was Sie selbstironisch vor ein paar Tagen über den "SiN-Pöbel" zum besten gaben, sollen Sie wenn möglich doch nicht auf sich selber beziehen. Habe mich selber noch vor 50 Jahren gegen die Einbürgerung eines Deutschen gewandt, der damals plus-minus ähnlich dachte wie Sie und sonst noch einige von hier. Mein Antikommunismus war freilich noch viel radikaler, bis ich mich etwas näher mit dem Schweizer Kunsthistoriker und Autor Konrad Farner aufgrund von DDR-Akten des Aufbau-Verlages zu beschäftigen begann. 

Der Gehenkte

23. Juli 2022 10:09

@ heinrichbrueck

was zu beweisen war - Dank! Allerdings eine schwierige Stelle. Jetzt bräuchte man noch das Original, um die Genauigkeit prüfen zu können.

Habe gerade ein paar Zeilen im Internet gelesen - das ist vom Dänischen doch recht weit weg und zudem eine antiquierte Lexik. Wäre interessant zu sehen, ob die Haefs das nicht modernisiert hat.

Niekisch

23. Juli 2022 17:00

@ E.K: verehrte, gnädige Frau, da ich die Trilogie nicht gelesen habe und Sie wohl noch einen längeren Text in der Druckausgabe beabsichtigen, übermittele ich Texte von 1935 und kurz zuvor, die stark von Ihrem Bild abweichen. Vielleicht können Sie sie verwerten:

"Auch bei den großen norwegischen Romanen Undsets...wird jeweils der Tod dargestellt. Das Leben in den Sippen erstirbt. Das Glück scheint entwichen zu sein. Nichts Rechtes will mehr gelingen. Die bauenden, organisatorischen Kräfte versagen. Man lebt zwar weiter, Brauchtum und Sitte erhalten sich weiter, aber man kann nicht recht mehr leben und ebenso auch nicht recht sterben. Das Leben wartet auf den Blitz, der es auslöscht..In klassischer Weise wird durch Sigrid Undsets "Lavranstochter" der Geist einer im Abbau befindlichen Welt dargestellt...Der Held..Erlend ist..ein Schwächling. er ist ins Feminine hinein gebrochen, launisch, ziellos, unlinear, charakterlos." ( Steding, Christoph, das Reich und die Krankheit der europ. Kultur, S. 736 )

weiter II. 

 

Niekisch

23. Juli 2022 17:21

II. 

"In Sigrid Undsets "Lavranstochter" ...handelt es sich keineswegs um Menschen des Mittelalters, die.. geschildert werden.Man war damals nicht so "korrumpiert"wie die Helden ihrer Erzählungen. Auch dort, wo das ganz "Ursprüngliche" im Sinne des primitiven Daseins dargestellt wird, tritt der eigentümliche Zug des Unwirklichen deutlich hervor. Denn das gebrochene, unhistorische Dasein ist als zur Wirksamkeit unfähiges auch unwirklich. Die Gebrochenheit paralysiert die Tatkraft ( ebenda, S. 685 f. )..

Norwegen hat mit der Verfasserin der "Lavranstochter" einen klassischen und symbolischen Fall ( von Rekatholisierung, niekisch ) geliefert. Sigrid Undset ist Romantikerin. Die Welt ihres Hauptwerkes ist gekennzeichnet durch absolute Vergangenheit, reines Zurückschauen, durch die Hoffnungslosigkeit, die dort überall ist, wo das Leben im Zeichen des Abbaus steht. Die Geschichte der Lavranstochter ist die Geschichte des Verfalls einer Familie , nicht anders als die Geschichte der "Buddenbrooks" oder der "Coornvelts". Der Übertritt der Undset zum Katholizismus ist mit der Welt ihrer Romane ebenso harmonierend wie ihre Aktion zugunsten Ossietzkys oder wie die Entwicklung Norwegens zum Marxismus hin" ( ebenda S. 710, auf S. 736 wird auf ihren Einsatz für "Rotspanien" verwiesen )

Mangels Beurteilungsfähigkeit enthalte ich mich einer Wertung.

Kositza: Herzlichen Dank! Sehr interessant, allerdings auch unfreiwillig komisch. Indem Steding konstatiert, daß der mittelalterliche Mensch "nicht so korrumpiert" gewesen sei, erweist er sich ja selbst als Romantiker! Als Schwurbelbombast erscheint mir auch diese nebulöse Feststellung: "Denn das gebrochene, unhistorische Dasein ist als zur Wirksamkeit unfähiges auch unwirklich." Was wäre wohl ein "unhistorisches" Dasein?

t.gygax

23. Juli 2022 18:40

Sigrid Undset? 1945 sagte sie über die Kinder ,die  Norwegerinnen von deutschen Soldaten hatten, das seien Hurenkinder, die am besten gleich gestorben wären.(Franz W. Seidler, Die Kollaboration, Herbig Verlag 1995, S. 30)

Soviel zu ihrem Katholizismus.

Kositza: Gehen Sie etwa davon aus, daß Katholiken frei von Sünden seien? Das allerdings hat nie jemand behauptet. Damit wäre ja gleich eines der hl. Sakramente ad absurdum geführt.

brueckenbauer

23. Juli 2022 19:22

Wir werden ja demnächst wohl alles über Undsets politische Vorstellungen bei Kositza nachlesen können. Dass sie als Katholikin (!) im Spanischen Bürgerkrieg so weit gegangen ist, die Republikaner zu unterstützen - wie ich hier lese -, wundert mich aber doch und wirft ein schillerndes Licht auf ihren Katholizismus (selbst scharfe Kritiker Francos unter den Katholiken gingen nicht so weit).

heinrichbrueck

23. Juli 2022 22:37

@ Der Gehenkte

@herbstlicht: http://runeberg.org/kristin/1/0007.html

Laurenz

24. Juli 2022 00:37

@Der_Jürgen @Maiordomus

"Archipel Gulag" von Solschenizyn - ein Werk, dem ich heute aufgrund der darin postulierten, irrsinnig übertriebenen Opferzahlen

Darf ich nachfragen, wieso Sie die Opferzahlen als übertrieben erachten?

@T.Gygax & Niekisch

Das Leben unter Dogmen ist immer im Niedergang begriffen. Rasante (R)Evolution gab es immer nur dann, wenn Familien, Kommunen, Länder & Staaten sich von Dogmen freimachen konnten. Dogmen stellen meist übermenschliche Forderungen an den Menschen, die ein Scheitern automatisch programmieren. In diesem Sinne, T.Gygax, könnten Sie Ihre Kritik überdenken. Denn, es gibt keine Sünden, sondern nur günstiges oder ungünstiges Handeln.

@Maiordomus

SiN-Pöbel

Sehen es es bitte mit Humor, vor allem deswegen, weil der Humor nur über eine gewisse Wahrheit existent wird. Niemand lacht über Lügen. Das Lachen ist der spirituelle Beweis für Wahrheit, auch nach Jahrtausenden. Auch, wenn ich nicht an Ihrer Wahrnehmung meiner Person zweifeln will & es lächerlich wäre, eine altersgerechte Veränderung zu leugnen, so fühlt sich aber mein kommentierendes ich immer noch genauso an, wie ehedem.

herbstlicht

24. Juli 2022 10:33

@Der Gehenkte, 23. Juli 2022 10:09
»Jetzt bräuchte man noch das Original, um die Genauigkeit prüfen zu können.«

Von Projekt Runeberg:

Ved skiftet efter Ivar unge Gjesling paa Sundbu i
aaret 1306 kom hans jordegods i Sil til datteren
Ragnfrid og hendes husbond Lavrans Bjørgulfsøn. De hadde
før bodd paa hans gaard Skog i Follo nær ved Oslo,
men nu flyttet de til Jørundgaard øverst paa Silsvoldene.

Lavrans var av den slegt som her i landet blev kaldt
Lagmandssønnerne. Den kom ind fra Sverige med hin
Laurentius Østgøtelagmand som tok Bjelbojarlens søster
jomfru Bengta ut av Vreta kloster og rømte til Norge
med hende. Herr Laurentius var hos kong Haakon den
gamle og blev meget yndet av ham; kongen gav ham
gaarden Skog. Men da han hadde været her i landet
i otte aar, døde han av sott, og enken, Folkungedatteren,
som folk i Norge kaldte kongsdatter, for hjem
og forlikte sig med sine frænder. Hun blev siden rikt
gift i et andet land. Hun og herr Laurentius hadde ikke
børn sammen, og saa arvet Laurentius' bror Ketil Skog.
Han var farfar til Lavrans Bjørgulfsøn.

 

Der Gehenkte

24. Juli 2022 11:04

@ heinrichbrueck

die beiden Übersetzungen

Es fehlen mir jetzt Zeit und Muse und auch meine alten Wörterbücher, um ins Detail zu gehen. Es wird beim Überfliegen und Vergleich zwischen Original und den beiden Übersetzungen wie immer komplex. Beide haben Vor- und Nachteile. Beide nehmen sich Freiheiten, die man sich m.E. nicht nehmen sollte. So fehlt der Satz "Hun blev siden rikt gift i et andet land." bei Haefs komplett und wird als Information in einen Schachtelsatz eingebaut. Das ist der Versuch, schöner zu sein als das Original. Tatsächlich wird aber die Rhythmik zerstört - hier soll ja Genealogie geleistet werden. Beide Übersetzungen lesen sich komplizierter als Undset. Gerade der Einstieg in ein Buch muß aber sitzen - das hätte man anders lösen können.

Andererseits übersetzt Sandmeier "sott" etwa mit Krankenbett. Dabei ist das ein großartiges Wort für "Seuche" und klingt mit "sot" (Ruß) auch noch dunkel. Kann man im Deutschen noch nachspüren. Vermutlich hatte er "sotteseng" im Kopf, das Siechenbett/Krankenlager (poetisch) oder Krankenbett (prosaisch). Und vieles mehr. Atmosphärisch gefällt mir Sandmeier hier insgesamt besser, aber der Abschnitt macht auch ihn verdächtig.

RMH

24. Juli 2022 11:06

Die von Niekisch eingestellten Teile einer Buchbesprechung sind typischer Nazi-Kitsch. Nordisches Leben hatte damals eben Blut & Boden, kraftvoll, lebens- und schicksalsbejahend und heroisch bis zum im Kindbett beim 12ten Kind sterbenden Mutter zu sein, an deren Stelle dann ohne zu Murren die älteste Tochter tritt etc. Wenn Undset hier selber ihre historischen Fiktionen (und das ist bei allen Historienromanen doch mehr oder weniger so - es ist Fiktion, an historischen Aufhängern festgemacht) setzt, dann ist das Ausdruck ihres literarischen Schaffens und kann nicht mit dem Mikroskop eines Historikers betrachtet werden. Was bleibt ist die Wirkung, wie berührt es den Leser etc. - und hier hat es bei Frau Kositza ja offensichtlich einiges bewirkt. Ich jedenfalls werde die Bücher auch einmal angehen und evtl. in der weiblichen Verwandtschaft verschenken. Was mir aktuell massiv auf den berühmten Keks geht, sind die Historienromane von Autorinnen, in denen eben klischeehaft "starke" Frauen, die sich gegen allerlei Unterdrückung einer repressiv-weißen Welt wehren, als oft x-ter Aufguss unter die Leute gebracht werden. Da kann die Lektüre einer Undset, einer P.S. Buck und der anderen genannten Nobelpreisträgerinnen bis 45 evtl. ein gutes Gegenmittel sein.

t.gygax

24. Juli 2022 11:22

@Kositza

Nein, es ging mir weder um Sünden noch um Sakramente, Begriffe, die mir auch fern stehen. Nur um das: all diese Etiketten (katholischer Glaube oder irgendeine andere Weltanschaung) sind Mäntel, die man sich umhängt, um etwas Wärme zu bekommen. Das ist menschlich, und ich höre in der Abgeschiedenheit meiner sachen-anhaltinischen Hütte ab und an radio horeb/ radio maria, tauche in eine mir völlig fremde Welt ein und  erkenne gleichzeitig, daß es genügend Menschen gibt, die wirklich Halt, Ruhe, Geborgenheit in diesen katholischen Ritualen (Rosenkranz in vielfältiger Form etc.) finden. Aber bei Undset ist dieser Haß   eine Grundform ihres Existenz und keine zu bereuende "Einzeltat", und da finde ich das schon sehr befremdlich und menschlich gesehen verachtenswürdig, denn diesen 9000 Kindern, die damals aus solchen Beziehungen ( vielleicht war es auch Liebe?) , hervorgingen, denen ging es nachher richtig übel. Und den Müttern auch, und das ist ein großes Unrecht gewesen, und das lässt sich nicht mit den vielleicht literarisch interessanten und tiefkatholischen Werken wegwischen.  Obwohl ich Hamsun lieber lese, der ergreift mich...Kristin Lavranstochter -versuchte es vorhin wieder zu lesen, hoffnungslos, es ödet mich an.....ist einfach schwerfällig erzählt. Aber das können andere anders sehen,die Wahrnehmung ist verschieden.

Kositza: "Haß als Grundform ihrer Existenz", versteigen Sie sich da mal nicht. Das ist ja selbst sowas wie "Haßrede" - ein paar Nummer kleiner wäre es wohl auch gegangen?

Der_Juergen

24. Juli 2022 12:48

Teil 1

@Laurenz

Zu Beginn des zweiten Bandes des "Archipel Gulag" zitiert Solschenizyn einen Statistiker, dem zufolge der Kommunismus in der UdSSR 66 Millionen Opfer gefordert hatte. Zwar unterschrieb Solschenizyn diese Ziffer nicht ausdrücklich, aber im Frühlng 1975 fügte er in einem Interview in Spanien noch 44 Millionen hinzu; nun waren dem Kommunismus bereits 110 Millionen zum Opfer gefallen... Wer, bitte, hat dann 1941-1945 eigentlich noch gegen die Deutschen gekämpft?

Seit der Öffnung der Archive ist die Zahl der in den Lagern Umgekommenen ziemlich genau bekannt: Es waren rund 3 Millionen. Die Anzahl der bei der Grossen Säuberung Erschossenen liegt bei etwas unter 700.000. Dazu kamen noch die ca. sechs Millionen Opfer der künstlich hervorgerufenen Hungersnöte anfang der dreissiger Jahre, vor allem, aber nicht nur, in der Ukraine, und die in den Jahren vor der Säuberung und danach Exekutierten.

 

Der_Juergen

24. Juli 2022 12:48

Teil 2

@Laurenz

Die Opfer des Kommunismus unter Lenin sind in dieser Statistik nicht berüchsichtigt.  Sie sind jedenfalls hoch. Statistiken kenne ich nicht.

Ich bin übrigens der Ansicht, dass von den 27 Millionen offiziell während des 2. Weltkriegs Umgekommenen ein Teil zuvor dem Terror zum Opfer gefallen waren und später einfach zu den Kriegstoten hinzugezählt wurden. 1946 sprach Stalin von sieben Millionen Kriegsopfern (eine mit Sicherheit stark untertriebene Ziffer, die das Ziel verfolgte, den Westen zu täuschen und nicht zu einer Unterschätzung der sowjetischen Macht zu veranlassen)), unter Chruschtschow wurden es 20 und nach diesem 27 Millionen. Ich persönlich halte eine Schätzung von etwa 15 Millionen für realistisch.

Niekisch

24. Juli 2022 16:53

"unfreiwillig komisch. Indem Steding konstatiert, daß der mittelalterliche Mensch "nicht so korrumpiert" gewesen sei, erweist er sich ja selbst als Romantiker! Als Schwurbelbombast erscheint mir auch diese nebulöse Feststellung: "Denn das gebrochene, unhistorische Dasein ist als zur Wirksamkeit unfähiges auch unwirklich." Was wäre wohl ein "unhistorisches" Dasein?" 

@ EK Nachsatz zu 23.7.  17:21: Verehrte gnädige Frau, das Umfeld der Zitate hätte die Kommentargröße gesprengt. So kurz wie möglich: Sted. ist ebenso wie Carl Schmitt kein "Romantiker", sondern "zoon politikon historicus", wobei CS primär Jurist ist, St. nicht, sondern über Max Weber promovierter Philosoph, Historiker,  Germanist und Geograph, zudem Völkerkundler und Indologe. Ebenso wie Schmitt sieht er im Politischen das katalysatorische Element von Geschichte und Kultur. In seinem Opus magnum beschreibt er das Verhältnis der europäischen Randstaaten zum Reich durch die Geschichte in Auf- insbesondere Abstieg im Spenglerschen Sinne, wobei für ihn die Verfalls- und Abstiegszeiten korrelieren mit negativer Einschätzung des Reichs bis zur offenen Feindschaft dem herzen Europas gegenüber.

weiter II.

 

Niekisch

24. Juli 2022 17:06

II.

"auch unfreiwillig komisch. Indem Steding konstatiert, daß der mittelalterliche Mensch "nicht so korrumpiert" gewesen sei, erweist er sich ja selbst als Romantiker! Als Schwurbelbombast erscheint mir auch diese nebulöse Feststellung: "Denn das gebrochene, unhistorische Dasein ist als zur Wirksamkeit unfähiges auch unwirklich." Was wäre wohl ein "unhistorisches" Dasein?"

Wie vor ausgeführt, sind St. Aussagen politisch-historisch zu sehen. Wie sich aus dem Vortext zu seinen Zitaten ergibt, geht es um die spezifisch norwegische Lage durch die Zeiten, wobei er unter "korrumpiert" mit dem nachfolgenden Goethe-Zitat meint: 

"Es wenden die Herrscher ( bei St. aber auch die einfachen Menschen, niekisch )

ihr segnendes Auge

von ganzen Geschlechtern

und meiden, im Enkel

die ehemals geliebten

still redenden Züge

des Ahnherrn zu sein."

Politisch- historiographisch gesehen wie bei St. ist das nicht romantisch, sondern im Hinblick auf eine  Politik, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einen versucht, korrumpierend, wobei ein heutiger Ausdruck vielleicht "destruktiv-auflösend wäre.

weiter III.

Niekisch

24. Juli 2022 17:35

III.

"erweist er sich ja selbst als Romantiker!

Selbst, verehrte gnädige Frau, wenn er eine gewisse innerliche Romantik in seiner Selbstflucht als auf dem Lande lebender Bauernsohn in Niedersachsen mit Preußentum und Willen zum Reich bekämpfte, ging sein Wollen immer zum aufbauend Kontruktiven. Konsequent hat er sich noch in den letzten Monaten seines Lebens mit den "Romantikern" auseinandergesetzt, ist der Neigung zeitgenössischer Literaten entgegengetreten, die Geschichte des germanisch-deutschen Reiches bei Herzog Widukind aufzuhalten ( ebenda, XIV ) Auch Paul de Lagarde rechnete er zu ihnen, der "die deutsche Geschichte seit der Hohenstaufenzeit als Satyrdrama begriffen wissen wollte" ( ebenda, XIV ).

"Als Schwurbelbombast erscheint mir auch diese nebulöse Feststellung: "Denn das gebrochene, unhistorische Dasein ist als zur Wirksamkeit unfähiges auch unwirklich." Was wäre wohl ein "unhistorisches" Dasein?"

weiter III.

Niekisch

24. Juli 2022 17:51

III.

"Als Schwurbelbombast erscheint mir auch diese nebulöse Feststellung: "Denn das gebrochene, unhistorische Dasein ist als zur Wirksamkeit unfähiges auch unwirklich." Was wäre wohl ein "unhistorisches" Dasein?"

Da müßte ( ebenda ab S. 683 ) die Entwicklung Norwegens geschildert werden, was den Rahmen sprengte. Jedenfalls führten nach St. der Übergang Norwegens zum Christentum, der Wechsel vom Katholizismus zum Protestantismus, die jahrhundertelange Angliederung an Schweden, die politische Selbständigkeit und eine gewisse Rekatholisierung zu einem politischen Zustand mit Affinität zum Internationalismus, die St. zu der von Ihnen, verehrte gnädige Frau, inkriminierten Aussage führt. Diese genannte Entwicklung  machte die Norweger weitgehend zu "unhistorischen" Personen, also solchen, die nicht mehr in der Lage waren, in Anbindung an frühere, ihrem Wesen entsprechene Geschichtsphasen unter Primat der Politik von der nun gegebenen staatlichen und kulturellen Souveränität Gebrauch zu machen und im Idealfall dem ( deutschen ) Reich auf Augenhöhe stützend seinen Platz in der europäischen Mitte  zu gewähren. Ein "unhistorisches Dasein" also, das sich für St. gerade auch in Sigrid Undset personifiziert, die er dennoch unter die Großen der Poesie einreiht. 

Ist nicht auch das Geschwurbele und Gehampele der uns heute Verwaltenden aus unserer Sicht zu Recht als real, aber "unwirklich" anzusehen?

t.gygax

24. Juli 2022 21:42

@kositza

"Hassrede"-Was soll denn das?

Sind denn die von mir zitierten Äußerungen Frau Undsets etwa getragen von Gefühlen der Güte, der Liebe, der Barmherzigkeit?Das sind doch alles auch katholische Tugenden,.....

Wer auf wehrlosen Leuten so herumtritt-verbal!-dem attestiere ich Hass.Und dabei hat sie noch anderes über Deutsche geschrieben, aber das taten damals ja alle, was es nicht besser macht.

Und wenn man sich tiefenpsychologisch mal  mit S.Undset befasst, dann kann man noch mehr finden.Aber lassen wir das, es führt zu nutzlosen Auseinandersetzungen.

Habe übrigens von Undset auch die "modernen" Ehe und Frauenromane gelesen, kenne mich schon ein bißchen aus.....

 

 

 

 

 

 

Der_Juergen

24. Juli 2022 23:20

@ellen kositza  @t.gygax

Habe eben einen hochinteressanten Text zum Thema "Paul Valery und Goethe" korrekturgelesen, in dem es u. a. um grosse französische Denker ging, die entweder extrem deutschfreundlch (Valery, Flaubert, Madame de Stael, Hugo, Brasillach u. a.) oder rabiat deutschfeindlich waren. Zu letzteren zählte der fromme Katholik Leon Bloy, der 1916 schrieb, wenn Deutschland nach dem Krieg nicht aufs allerhärteste bestraft werde, wäre das ein Argument gegen Gottes Existenz. Unter "allerhärtester Bestrafung" verstand er allerdings nicht die physische Ausrottung, da diese "leider unmöglich" sei...

Solch irrsinnige Äusserungen des Hasses auf eine andere Nation findet man also nicht nur bei Sigrid Unset, sondert auch bei einem inbrünstig frommen französischen Katholiken. Kein Argument gegen den Katholizismus, sondern nur ein Beweis dafür, wie tief auch hochkultivierte Menschen sinken können. - Übrigens verabscheute Bloy auch Dänemark, das Heimatland seiner Frau, wo er einige Zeit verbrachte, aus tiefstem Herzen wegen seines "stupiden" Protestantismus - womit wir immerhin wieder bei einem skandinavischen Thema wären und der Brückenschlag zum Artikel vollzogen ist

RMH

25. Juli 2022 06:42

@t.gygax,

ich würde eher ihre Kritik am Werk weiter entwickeln, als sich an dem Satz über die Besatzerkinder aufzuhängen. Ich bin in einer US- Garnisionsstadt in Bayern groß geworden und was damals bzw. bis vor gar nicht allzu langer Zeit über Frauen mit Beziehungen zur GIs und den daraus entstandenen Kindern alles gesagt wurde, daran will sich heute, wo die Truppen abgezogen sind, selbstredend kein Mensch mehr erinnern - war alles nur Freundschaft. Ich denke eher, dass ist ein natürlicher Impuls, der sich hier breit macht und sehe keine großen Unterschiede außer, dass sich eine Undset öffentlich so äußern konnte und durfte.

Aber alleine, dass man gleich 3 Bücher braucht, um eine Geschichte zu erzählen und das, was hier im Strang an genealogischer Einleitung gebracht wurde, zeigt bereits mir, dass Sie mit ihrem Urteil "öde" durchaus recht haben könnten, wobei ich ehrlicherweise sagen muss, dass ich bei Hamsun auch regelmäßig die berühmten "Einstiegsprobleme" in die Romane hatte. Aber so war das früher in der Literatur durchaus. Man musste sich oft am Anfang ein bisschen "quälen" um dann ins Werk zu finden, was am Ende das Fazit aber meist nicht mehr störte.

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