Sezession
19. August 2009

Unter Deutschen (I): Linksliberale Spießigkeit

Gastbeitrag

Vororte haben die Eigenschaft nicht nur geographisch entrückt des Zentrums, in der Peripherie zu liegen, sondern auch sonst auf eigentümliche weise fern der Realität zu existieren. Es scheint, dass sich dort besonders ein in sich widersprüchlicher Typus Mensch eingerichtet hat.

Es sind keine 68er, die in sich noch viel mehr das Urbane und Unbürgerliche verkörpern, sondern die Generation der Zuspätgekommenen, die in den Fußstapfen des linksliberalen chics wandeln, lange Haare haben konnte ohne übermäßigen Gegenwind zu spüren.

Man ist überdurchschnittlich gebildet, liest Böll und Grass, wohnt im Reihenhaus, wählt Grün, trennt pflichtbewusst den Müll, spült sogar Joghurtbecher aus. Der nicht mehr vorhandene Jägerzaun zwischen den benachbarten Gärten als Trennlinie zum verhassten Mief der Adenauer-Ära, als außerhäusliche Quasi-Kommune der Post-68er. Aber auch als Druckmittel, als subtiler Appell an die Nachlässigkeit mancher Nachbarn: Sieh her, dein Rasen ist schon wieder 5cm höher als meiner.

Man hat sich eingerichtet in einer realitätsfremden Idylle, die weder demographische noch integrative Probleme kennt und erzürnt sich beim Schwätzchen vor dem Haus über die unverbesserlichen Nachkömmlinge in der Nachbarschaft, die partout die Schrittgeschwindigkeit in der Spielstraße nicht einhalten wollen, oder diskutiert, ob die Nachbarn beim Rasenmähen um 12:30 die Mittagsruhe nicht verletzt haben.

Ein Kontrollsystem der gelangweilten Hausfrauen ist errichtet - subtiler Art, wenn man so will. Jeder kleine Fehltritt spricht sich schnell rum: Der Sohn dieser und jener Familie wird wohl das Schuljahr nicht schaffen und – es geht mich ja nichts an – er hat schon wieder eine neue Freundin. Man analysiert, stellt Zusammenhänge her, bis klar ist, wer wann wo falsch Erzogen hat.

Es ist eine krude Mischung aus Harmlosigkeit, Spießertum und selbstauferlegter Langweile, die diesen Typus ausmacht. Es sind Lehrer, Ärzte, Sozialarbeiter, die keinerlei Sorgen kennen außer demokratisierten Bedrohungen wie der Schweinegrippe, man hat sich der Realität entzogen. Gewalt und Armut kennt man nur aus Fernsehen und Zeitung. Schön eigentlich?


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