Inneres Proletariat

PDF der Druckfassung aus Sezession 103/ August 2021

von Simon Kießling

 Gastbeitrag

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Wem dar­an gele­gen ist, die Bewe­gungs­ge­set­ze und ‑prin­zi­pi­en zu ­ver­ste­hen, die dem Auf­stieg und dem Ver­fall der gro­ßen Kul­tu­ren zugrun­de lie­gen, greift in Deutsch­land zu Oswald Speng­lers Unter­gang des Abend­lan­des (zwei Bän­de, 1918 – 22), in Eng­land und Ame­ri­ka zu Arnold J. Toyn­bees Gang der Welt­ge­schich­te (zwölf Bän­de, 1934 – 61).

In vie­len ihrer Urtei­le stim­men die bei­den Uni­ver­sal­ge­schichts­theo­re­ti­ker auf bemer­kens­wer­te Wei­se über­ein: ins­be­son­de­re dar­in, daß die gro­ßen Zivi­li­sa­tio­nen in ihren rei­fen, vor­ge­rück­ten Sta­di­en eine impe­ria­le Groß­staat­lich­keit aus­bil­den, die sich ver­ein­heit­li­chend über den gesam­ten Kul­tur- und Zivilisations­raum legt und alle dar­in leben­den Völ­ker umschlingt.

Aller­dings unter­schei­den sich Toyn­bee und Speng­ler in ihrer Deu­tung der basa­len Trieb­kräf­te, Dyna­mi­ken und Ener­gien, die den Ent­wick­lungs­gang der gro­ßen Kul­tu­ren bestim­men. So geht Speng­ler von ein­zel­nen, schick­sal­haf­ten, essen­ti­ell ana­log ver­lau­fen­den Zyklen in der Welt­ge­schich­te aus: Die hohen Kul­tu­ren sind Orga­nis­men, die – wie Pflan­zen, Tie­re und Men­schen – eine Kind­heit und eine Jugend erle­ben, eine Zeit der Rei­fung und der vol­len Blü­te durch­lau­fen und schließ­lich in einen Alte­rungs­pro­zeß ein­mün­den, an des­sen Ende unab­wend­bar ihr Zer­fall und ihr Unter­gang stehen.

In Toyn­bees Model­lie­rung ist der Pro­zeß der Geschich­te ergeb­nis­of­fe­ner: Der Bestand und die Dau­er einer Kul­tur hän­gen maß­geb­lich davon ab, wie es ihr gelingt, Kri­sen zu bewäl­ti­gen und exis­ten­ti­el­le Her­aus­for­de­run­gen zu meis­tern. Sobald eine Kul­tur einen »Nie­der­bruch« erlei­det und Anzei­chen des Ver­falls erken­nen läßt, ten­diert der Gesell­schafts­kör­per nach Toyn­bee dazu, in drei Frak­tio­nen aus­ein­an­der­zu­fal­len: eine herr­schen­de Min­der­heit, ein inne­res Pro­le­ta­ri­at und ein äuße­res Pro­le­ta­ri­at. Das Über­le­ben und der Bestand der Zivi­li­sa­ti­on hän­gen anschlie­ßend davon ab, wie die­se drei For­ma­tio­nen mit- und gegen­ein­an­der interagieren.

 

1. DIE HERRSCHENDE MINDERHEIT – Die herr­schen­de Min­der­heit sind jene staats- und gesell­schafts­tra­gen­den Beam­ten, Inge­nieu­re, Pries­ter, Leh­rer, Wis­sen­schaft­ler, Kauf­leu­te und Sol­da­ten, deren sprö­de, tro­cke­ne, funk­tio­nal bewah­ren­de Tätig­keit den geord­ne­ten Gang der Staats­ge­schäf­te garan­tiert, die mate­ri­el­le Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung sicher­stellt und die geis­tig-kul­tu­rel­le Sub­stanz des Lan­des erhält. Solan­ge die füh­ren­de Min­der­heit imstan­de ist, ihre schöp­fe­ri­sche Ener­gie zu ver­ste­ti­gen, kann sie die unschöp­fe­ri­sche Mas­se der Men­schen durch ihr Vor­bild an das Staats­gan­ze bin­den und dazu nöti­gen, sich ansatz­wei­se auf das von ihr ver­tre­te­ne, höhe­re Bil­dungs- und Kul­tur­ide­al hinaufzuarbeiten.

Toyn­bee spricht in die­sem Zusam­men­hang von einem »sozia­len Drill, der das Ver­mö­gen der Mime­sis in den See­len der unschöp­fe­ri­schen gro­ßen Men­ge aus­nutzt und dadurch ihnen ermög­licht, ›mecha­nisch‹ eine Ent­wick­lung zu leis­ten, die sie auf Grund ihrer eige­nen Initia­ti­ve nicht hät­ten leis­ten kön­nen.« Es kommt jedoch der Punkt, an dem die schöp­fe­risch-erzie­he­ri­sche (inte­gra­ti­ve) Kraft der füh­ren­den Min­der­heit erlischt und die Wir­kung ihres sozia­len Drills ver­sagt; nun spal­ten sich Tei­le der unschöp­fe­ri­schen Mehr­heit vom Gesell­schafts­kör­per ab und kon­sti­tu­ie­ren sich als inne­res Pro­le­ta­ri­at.

Die Pro­le­ta­ri­sie­rung ist ein wirt­schaft­lich-sozia­les, vor allem aber ein geis­tig-kul­tu­rel­les Gesche­hen, eher ein Gefühls­zu­stand als eine äuße­re Lage: »Der wah­re Echt­heits­stem­pel des Pro­le­ta­ri­ers ist weder Armut noch nied­ri­ge Her­kunft, son­dern das Bewußt­sein – und das Res­sen­ti­ment, das die­ses Bewußt­sein ein­gibt – […] in geis­ti­ger Hin­sicht eines Geburts­rech­tes beraubt wor­den zu sein.« Das inne­re Pro­le­ta­ri­at, das sich aus den spi­ri­tu­ell ent­wur­zel­ten Tei­len des eige­nen Gesell­schafts­kör­pers und zuge­wan­der­ten (oder gewalt­sam ein­ge­schlepp­ten) Frem­den zusam­men­setzt, emp­fin­det sich als der Kul­tur des Gesell­schafts­kör­pers nicht (mehr) zuge­hö­rig und von ihren ele­men­ta­ren Quel­len abge­schnit­ten. Statt ihren bestim­men­den Ein­fluß auf die unschöp­fe­ri­sche Mehr­heit aus­zu­üben, gerät nun die herr­schen­de Min­der­heit ihrer­seits immer sicht­ba­rer unter den Ein­druck des in ihrer Mit­te her­an­wach­sen­den pro­le­ta­ri­schen Ferments.

Toyn­bee beschreibt unter ande­rem, wie aus der ursprüng­lich reli­gi­ös durch­wirk­ten Fest­kul­tur der Römer ein mons­trös-gewalt­tä­ti­ges Mas­sen­spek­ta­kel wur­de; wie die Söh­ne der vor­neh­men, staats­tra­gen­den Fami­li­en sich mit Schau­spie­le­rin­nen oder Tän­ze­rin­nen ver­hei­ra­te­ten; wie die Spröß­lin­ge der Sena­to­ren sich als Varieté­künstler, wie Nero, oder Gla­dia­to­ren, wie Com­mo­dus, in der Are­na prä­sen­tier­ten; wie es unter höher­ge­stell­ten Römern zuletzt in Mode kam, den eige­nen Kin­dern bar­ba­ri­sche Namen zu geben, sich auf bar­ba­ri­sche Art zu klei­den oder künst­li­che Zöp­fe zu tra­gen, die dem blon­den Haar der Ger­ma­nen nach­emp­fun­den waren.

Auch heu­te sind die Zei­chen eines kul­tu­rel­len Zurücksin­kens der ein­hei­mi­schen, staats- und gesell­schafts­tra­gen­den Schich­ten des abend­län­di­schen Zivi­li­sa­ti­ons­raums unver­kenn­bar, die unter pro­gres­si­ven pro­le­ta­ri­sie­ren­den Ein­fluß gera­ten sind. Zu den Sym­pto­men die­ser Pro­le­ta­ri­sie­rung zäh­len unter ande­rem: die mög­lichst groß­flä­chi­ge Täto­wie­rung des mensch­li­chen Kör­pers, wie sie frü­her nur unter Matro­sen, Straf­ge­fan­ge­nen und Pro­sti­tu­ier­ten üblich war; die Trans­for­ma­ti­on des Thea­ters von der bür­ger­li­chen Bil­dungs­stät­te zu einem Ort, an dem sich Erschei­nungs­for­men der psy­cho-sexu­el­len Des­in­te­gra­ti­on als zukunfts­wei­sen­des Lebens­ide­al insze­nie­ren; ein­hei­mi­sche Jugend­li­che und Kin­der, die auf den Schul­hö­fen migran­ti­sche Sozio­lek­te spre­chen und sich in ihrer Frei­zeit von den dump­fen Klän­gen des Gangs­ta-Rap beschal­len las­sen; die unter jun­gen Frau­en auf­ge­kom­me­ne Mode, sich im Afro-Look mit fach­ge­recht ver­filz­ten, osten­ta­tiv zur Schau gestell­ten Dre­ad­locks zu prä­sen­tie­ren, wie die deut­sche See­not­ret­tungs-Kapi­tä­nin Caro­la Racke­te und die schwe­di­sche Demo­kra­tie-Minis­te­rin Aman­da Lind es bei­spiel­ge­bend vor­ma­chen; als Ursze­ne: die Dekon­struk­ti­on des bür­ger­lich-all­tags­kul­tu­rel­len Habi­tus durch die Revo­lu­ti­on der Bür­ger­kin­der von 1968; und schließ­lich in poli­ti­cis der Ein­zug der Grü­nen in den Bun­des­tag 1983, der einen kon­ti­nu­ier­lich fort­schrei­ten­den Form­ver­lust im öffent­lich-par­la­men­ta­ri­schen Raum bewirkt hat, wo das äuße­re Erschei­nungs­bild und die Kunst der Bered­sam­keit sich seit­her suk­zes­si­ve vulgarisieren.

 

2. DAS ÄUSSERE PROLETARIAT – Das äuße­re Pro­le­ta­ri­at bezeich­net die an den Rän­dern des Zivi­li­sa­ti­ons­raums in kul­tu­rell weni­ger ent­wi­ckel­ten Ver­hält­nis­sen leben­den Völ­ker und Stäm­me, die mit dem zivi­li­sier­ten Gesell­schafts­kör­per in Kon­takt getre­ten und mehr oder weni­ger in sei­nen poli­ti­schen, geis­ti­gen und kul­tu­rel­len Ein­fluß­kreis gera­ten sind. Solan­ge die Hoch­kul­tur inne­re Stär­ke demons­triert und sich selbst bejaht, übt sie ihren bestim­men­den, stil­bil­den­den Ein­fluß auf das äuße­re Pro­le­ta­ri­at aus; sie wirkt wie ein Strah­lungs­feld und stellt einen nach­ge­ra­de unwi­der­steh­li­chen Anreiz dar, sich in ihren höher­ent­wi­ckel­ten For­men zu assimilieren.

Die Gren­ze gegen umwoh­nen­de Pri­mi­ti­ve ist in die­sem Sta­di­um unbe­stimmt: »Solan­ge eine Kul­tur noch im Wachs­tum begrif­fen ist, hat sie kei­ne genau­en und fes­ten Gren­zen […]. Das Licht leuch­tet so weit, wie es nach der Natur der Din­ge gelan­gen kann, bis es den Punkt erreicht, an dem es ver­schwin­det. […] Die Macht der Aus­strah­lung wach­sen­der Kul­tu­ren ist so groß, daß die Kul­tu­ren den gan­zen Bereich der über­le­ben­den pri­mi­ti­ven Gesell­schafts­kör­per durchdringen.«

Ver­liert indes die hohe Kul­tur ihre inne­re Über­zeu­gungs­kraft und zeigt sie Anzei­chen der Schwä­che, kehrt sich die Bewe­gungs­rich­tung um: nun geht das äuße­re Pro­le­ta­ri­at in die Offen­si­ve, und die Zivi­li­sa­tio­nen sehen sich gezwun­gen, Schutz­wäl­le und Ver­tei­di­gungs­an­la­gen zu errich­ten. Das äuße­re Pro­le­ta­ri­at geht von dem Wunsch, sich der Zivi­li­sa­ti­on und ihren Ord­nun­gen anzu­pas­sen, zu dem Bestre­ben über, ihr die eige­nen Sit­ten und reli­giö­sen For­men auf­zu­zwin­gen. In der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on fällt die­se Schub­um­kehr in die 1950er Jah­re, als die groß­an­ge­leg­te Besie­de­lung der USA und West­eu­ro­pas durch Gast­ar­bei­ter, His­pa­nics und post­ko­lo­nia­le Immi­gran­ten beginnt.

Wie die gro­ßen Zivi­li­sa­tio­nen der Ver­gan­gen­heit sehen sich heu­te auch die Euro­pä­er und die Ame­ri­ka­ner gezwun­gen, Grenz- und Abwehr­re­gime (von Fron­tex bis zur süd­li­chen Grenz­mau­er in den USA) zu errich­ten, die sie mal mehr, mal weni­ger beherzt ver­tei­di­gen. Die in den Zivi­li­sa­ti­ons­raum ein­drin­gen­den Tei­le des äuße­ren Pro­le­ta­ri­ats über­neh­men nicht mehr wie selbst­ver­ständ­lich die zivi­li­sa­to­risch ent­wi­ckel­te­ren Ord­nun­gen und For­men, son­dern gehen offen­siv-kämp­fe­risch gegen die­se vor: Dazu zäh­len heu­te bei­spiel­haft die Neu­en Deut­schen Medi­en­ma­cher, die eine Bring­schuld der Ein­hei­mi­schen pro­pa­gie­ren, sich ihnen als den neu­en Takt­ge­bern des öffent­li­chen Dis­kur­ses anzu­pas­sen; der ubi­qui­tär erho­be­ne Ras­sis­mus­vor­wurf, der ziel­ge­rich­tet als Waf­fe ein­ge­setzt wird, um die abend­län­di­schen Völ­ker und ihre Tra­di­tio­nen her­ab­zu­set­zen, zu ent­mäch­ti­gen und sozio­kul­tu­rell zurück­zu­drän­gen; der Isla­mo-Gau­chisme und die Migran­ti­fa in Frank­reich, deren Sturm­trup­pen christ­li­che Kir­chen demo­lie­ren, die abend­län­di­sche Male­rei und Musik ver­dam­men und den frei­en wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs an den Uni­ver­si­tä­ten des Lan­des zerstören.

 

3. DAS INNERE PROLETARIAT – Das inne­re Pro­le­ta­ri­at ist nicht so sehr durch mate­ri­el­le Armut als durch einen Zustand spi­ri­tu­el­ler Obdach­lo­sig­keit kon­sti­tu­iert; es ver­liert den Kon­takt zu der umge­ben­den Kul­tur, fühlt sich ihr ent­frem­det und nicht mehr zuge­hö­rig, ist von einem tie­fen Res­sen­ti­ment gegen den herr­schen­den geis­ti­gen Kos­mos getrieben.

Das inne­re Pro­le­ta­ri­at wen­det sich von den poli­ti­schen, sozia­len und mora­li­schen Insti­tu­tio­nen des Lan­des, nament­lich der Fami­lie, ab: Es pre­digt die Gleich­heit der Geschlech­ter und ergibt sich einem Daseins­mo­dus, in dem das Sich­ge­hen­las­sen (ein natur­ge­mä­ßes, neo-pri­mi­tiv regre­dier­tes Leben) und ein extre­mer Aske­tis­mus neben­ein­an­der bestehen.

Toyn­bee notiert dazu, daß die in das Ver­falls­sta­di­um ein­ge­tre­te­nen Zivi­li­sa­tio­nen sich »in ihrer anschei­nen­den Gefühl­lo­sig­keit gegen­über der gäh­nen­den Wei­te der Kluft zwi­schen dem hem­mungs­lo­sen Sexua­lis­mus und dem über­trie­be­nen Aske­tis­mus wie­der dem Ethos des pri­mi­ti­ven Men­schen zuzu­wen­den schei­nen. Im indi­schen Fall gibt es einen Wider­spruch zwi­schen dem Lingam-Kult und dem Yoga, der auf den ers­ten Blick unauf­lös­bar aus­sieht; und wir sind ähn­lich von den ent­spre­chen­den Gegen­sät­zen zwi­schen der Tem­pel­pro­sti­tu­ti­on und der astra­len Phi­lo­so­phie eines zer­fal­len­den baby­lo­ni­schen Gesell­schafts­kör­pers, zwi­schen den Men­schen­op­fern und den süh­nen­den Selbst­kas­tei­un­gen der Maya und zwi­schen den orgi­as­ti­schen und den aske­ti­schen Aspek­ten des heti­ti­schen Kybe­le- und Attis­kul­tes abgestoßen.«

Dem ent­spre­chen in unse­rer Zeit die Dekon­struk­ti­on der zwei­ge­schlecht­li­chen Matrix durch das Gen­der Main­strea­ming und die Auf­lö­sung der klas­si­schen Fami­lie in den bun­ten Rei­gen neu­er, im Zei­chen des Regen­bo­gens ste­hen­der For­men des Zusam­men­le­bens; die mit den Chris­to­pher-Street-Days, den Swin­ger-Clubs oder der Poly­amo­rie ver­bun­de­nen sexu­el­len Exzes­se einer­seits – und der neopu­ri­ta­ni­sche, im Zei­chen von »Metoo« geführ­te Kampf gegen den Sexis­mus ande­rer­seits, noch gestei­gert durch die neu­es­ten femi­nis­ti­schen Strö­mun­gen an den Uni­ver­si­tä­ten der USA, für die der hete­ro­se­xu­el­le, ein­ver­nehm­lich voll­zo­ge­ne Geschlechts­ver­kehr von einer Ver­ge­wal­ti­gung prin­zi­pi­ell nicht zu unter­schei­den ist, inso­fern die ­pene­tra­ti­ve Sexua­li­tät von Natur aus grenz­ver­let­zend sei und der Penis ein Sym­bol des Ter­rors repräsentiere.

So wer­den sexu­el­le Anstands­ver­let­zun­gen und Aus­schwei­fun­gen aller Art eupho­risch gefei­ert und medi­al trans­por­tiert, wäh­rend zugleich, wie Dou­glas Mur­ray berich­tet, bri­ti­sche Mana­ger in einer Inter­view­se­rie gestan­den, daß sie »kei­ne Lust mehr hät­ten, mit ihren Kol­le­gin­nen essen zu gehen oder im Flug­zeug neben ihnen zu sit­zen. Sie bestan­den dar­auf, im Hotel auf einer ande­ren Eta­ge unter­ge­bracht zu wer­den, und ver­mie­den Gesprä­che unter vier Augen mit Frauen.«

Die spät­zi­vi­li­sa­to­ri­sche Koin­zi­denz von Aske­tis­mus und Ent­hem­mung ist das äuße­re Signum einer geis­ti­gen Ver­fas­sung, der die not­wen­di­ge inne­re Spann­kraft abhan­den gekom­men ist, um geord­ne­te Geschlechter‑, Fami­li­en- und Genera­tio­nen­ver­hält­nis­se herzustellen.

Dabei ver­sucht das inne­re Pro­le­ta­ri­at zunächst, sich durch ­Revo­lu­tio­nen, Bür­ger­krie­ge und Skla­ven­auf­stän­de der herr­schen­den Min­der­heit auf­zu­nö­ti­gen und den ihm ent­frem­de­ten Gesell­schafts­kör­per zu sprengen.

Nach­dem sich der Weg der Gewalt als blut­ge­tränk­ter Irr­weg erwie­sen hat, wech­selt das inne­re Pro­le­ta­ri­at den äuße­ren Modus und das inne­re Kal­kül: Es ver­folgt nun eine Stra­te­gie der Sanft­mut, die den Kos­mos der herr­schen­den Min­der­heit nicht mehr fron­tal und gewalt­sam atta­ckiert, son­dern geis­tig-kul­tu­rell zer­setzt: auf die Zer­stö­rungs­krie­ge des minoi­schen Zeit­al­ters fol­gen die Fried­fer­tig­keit, der Vege­ta­ris­mus und das Tötungs­ver­bot der ­Orphik; auf die Skla­ven­auf­stän­de und ver­zwei­fel­ten Gewalt­aus­brü­che der Spar­ta­kus­zeit folgt das früh­christ­li­che Evan­ge­li­um der Lie­be; und auf die blu­ti­gen Mas­sa­ker des indi­schen Auf­stan­des von 1857 folgt die fried­fer­ti­ge Wider­stands­be­we­gung Mahat­ma Gan­dhis, der die bri­ti­sche Kolo­ni­al­herr­schaft bar­fuß und gewalt­frei zum Ein­sturz bringt.

Toyn­bee beschreibt, »wie der Weg der Gewalt sie [die inne­ren Pro­le­ta­ri­er] gelockt hat und wie sie nur Unglück über sich selbst gebracht haben, soweit sie die­ser Ver­su­chung nach­ge­ge­ben haben. Nur wenn das inne­re Pro­le­ta­ri­at einem Pro­phe­ten der Sanft­mut folgt, hat es eine Chan­ce, sei­ne Erobe­rer in den Bann zu schlagen.«

Der­sel­be fun­da­men­ta­le Stra­te­gie­wech­sel ist heu­te auch im west­li­chen Zivi­li­sa­ti­ons­raum unschwer zu erken­nen: In Gestalt des Mar­xis­mus und des Bol­sche­wis­mus ver­sucht das inne­re Pro­le­ta­ri­at zunächst mit Mit­teln des Ter­rors und der maß­lo­sen Gewalt, den abend­län­di­schen Gesell­schafts­kör­per zu erobern und die Axt an ihn zu legen; nach­dem sich die­ser Weg als geschei­tert erwie­sen hat, folgt die erneu­er­te, sire­nen­haft sanft daher­kom­men­de Stra­te­gie des (post­mo­der­nen) Kul­turm­ar­xis­mus: eine wei­che­re und eben des­halb erfolg­rei­che Form der geis­ti­gen Auf­lö­sung und sozia­len Zer­set­zung, die über Huma­ni­täts­ge­bo­te und offe­ne Gren­zen die eth­nisch-sozia­le Sta­bi­li­tät der west­li­chen Natio­nen frag­men­tiert; die durch ihre ubi­qui­tä­re Anprei­sung devi­an­ter For­men der Sexua­li­tät die Fami­lie als die Keim­zel­le der Gesell­schaft erschüt­tert; die mit Hil­fe einer in die Köp­fe geträu­fel­ten Schuld­me­ta­phy­sik den Behaup­tungs- und Ver­tei­di­gungs­wil­len der abend­län­di­schen Völ­ker untergräbt.

Ist das Werk der inne­ren Demon­ta­ge ein­mal getan, haben die inne­ren Pro­le­ta­ria­te die schließ­li­che Erobe­rung und Inbe­sitz­nah­me des eige­nen Gesell­schafts­kör­pers durch frem­de, aus­wär­ti­ge Mäch­te in schö­ner Regel­mä­ßig­keit ent­we­der pas­siv hin­ge­nom­men oder freu­dig begrüßt.

Toyn­bee spricht hier expli­zit von einer Pra­xis und Kul­tur der Bewill­komm­nung: »In sol­chen Fäl­len ist es natür­lich, daß ein inne­res Pro­le­ta­ri­at das Schick­sal, das über sei­ne herr­schen­de Min­der­heit kommt, mit Indif­fe­renz oder auch mit Genug­tu­ung ansieht. Ein Pro­be­fall ist das Ver­hal­ten des inne­ren Pro­le­ta­ri­ats im Anden-Uni­ver­sal­staat, als die spa­ni­schen Kon­quis­ta­do­ren plötz­lich ein­bra­chen. Die ore­jo­nes waren viel­leicht die wohl­wol­lends­te herr­schen­de Min­der­heit, die je ein zer­fal­len­der Gesell­schafts­kör­per her­vor­ge­bracht hat, aber ihr Wohl­wol­len half ihnen nichts am Tage des Gerichts. Ihre sorg­fäl­tig gehü­te­ten Men­schen­her­den nah­men die spa­ni­schen Erobe­rer mit der­sel­ben Füg­sam­keit ohne Ant­wort hin.

Wir kön­nen auch Fäl­le vor­füh­ren, wo ein inne­res Pro­le­ta­ri­at die Erobe­rer sei­ner herr­schen­den Min­der­heit mit posi­ti­vem Enthu­si­as­mus begrüßt hat. Es gibt die Bewill­komm­nung des per­si­schen Erobe­rers des neu­ba­by­lo­ni­schen Rei­ches in den bered­ten Apo­stro­phie­run­gen des ›Deu­te­ro-Jesa­ia‹. Zwei­hun­dert Jah­re spä­ter bewill­komm­ne­ten die Baby­lo­ni­er selbst den hel­le­ni­schen Alex­an­der als ihren Befrei­er«. Dem spä­ten Abend­land die­sel­be Rich­tung wei­send, mach­te eine füh­ren­de schwe­di­sche Zei­tung ihre Leser unlängst dar­auf auf­merk­sam, sich über von Migran­ten ver­üb­te Gewalt­ta­ten zu beschwe­ren sei depla­ziert, da die Schwe­den an sich ein »bar­ba­ri­sches« und »kul­tur­lo­ses« Volk sei­en und das Land in den Hän­den neu­er Men­schen alle­mal bes­ser auf­ge­ho­ben sei als in jenen der stumpf und ras­sis­tisch ver­an­lag­ten indi­ge­nen Bewohner.

Und in Deutsch­land schrieb die Sozi­al­de­mo­kra­tin Sophie Pass­mann, sich auf das Atten­tat am Ber­li­ner Breit­scheid­platz bezie­hend, bei dem ein isla­mi­scher Extre­mist im Dezem­ber 2016 ins­ge­samt zwölf Men­schen getö­tet hat­te, am 19. Dezem­ber 2019 via Twit­ter: »Oder viel­leicht haben Leu­te, die es für weih­nacht­lich hal­ten, in Men­schen­men­gen auf Märk­ten gebrann­te Man­deln zu fres­sen, [es] auch ein­fach ver­dient, von ande­ren Kul­tu­ren ver­drängt zu werden.«

4. AUSBLICK – Toyn­bee schil­dert abschlie­ßend ver­schie­de­ne typi­sche Ver­hal­tens- und Bewäl­ti­gungs­mus­ter, mit denen die kul­tur­be­wah­ren­den Tei­le des Gesell­schafts­kör­pers auf offen­kun­di­ge Ver­falls­pro­zes­se zu reagie­ren pfle­gen, die sich aber letz­ten Endes alle­samt als Sack­gas­sen erwei­sen: a) den Archais­mus als den ver­zwei­fel­ten Wunsch, sozia­le Zustän­de und poli­ti­sche Ord­nun­gen zu revi­ta­li­sie­ren, die durch den Gang der Geschich­te über­holt und unwie­der­bring­lich ver­lo­ren sind; b) den Futu­ris­mus als die Flucht in uto­pi­sche Hoff­nun­gen, wel­che mei­nen, die real vor­han­de­nen Umstän­de vol­un­ta­ris­tisch über­ge­hen und ein neu­es Reich ex nihi­lo errich­ten zu kön­nen, ohne die Ten­den­zen der Zeit und die poli­tisch-geschicht­li­che Lage in Rech­nung stel­len zu müs­sen; c) die Abkehr als den Glau­ben an die inwen­di­ge Frei­heit als eine Sphä­re der Unan­greif­bar­keit und an das pri­va­tis­ti­sche Glück einer gesell­schafts­fer­nen Idyl­le fern­ab des öffent­li­chen Rau­mes, wo die poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen fallen.

Statt die­se Sack­gas­sen zu beschrei­ten, wird es im Sin­ne Toyn­bee­scher Ergeb­nis­of­fen­heit dar­auf ankom­men, ob die abend­län­di­schen Völ­ker noch ein­mal imstan­de sein wer­den, schöp­fe­ri­sche Kräf­te zu mobi­li­sie­ren und gestal­te­ri­sche Ener­gien zu ent­fa­chen; ob es ihnen gelin­gen wird, aus dem immer Gül­ti­gen, dem Urgrund des abend­län­di­schen Welt­ge­fühls einen neu­en Auf­bruch her­vor­zu­trei­ben, will sagen: neue geis­ti­ge Pro­duk­ti­vi­tät, staats­bil­den­de Ord­nung und reli­giö­se Ver­klä­rung abzuleiten.

 

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