notfall-libertär

PDF der Druckfassung aus Sezession 103/ August 2021

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Am 20. März 2020, zwei Tage vor dem ers­ten »Lock­down« der bun­des­deut­schen Regie­rung, zeig­te sich André F. Licht­schlag, Her­aus­ge­ber des liber­tä­ren Maga­zins eigen­tüm­lich frei, auf Twit­ter außer­or­dent­lich gereizt: »Regie­rung ver­nich­tet Mil­lio­nen Exis­ten­zen. AfD for­dert noch mehr Gott­spie­le­rei«, schrieb er. »Vor­den­ker der Neu­rech­ten glau­ben, Staat bewei­se gera­de sei­ne Hei­lig­keit @lichtmesz. Und die Basis @Martin_Sellner ist fas­sungs­los, hält Coro­na-Hys­te­rie zu Recht für poli­ti­sier­ten Schmarrn. #meta­po­li­tik«.

Offen­bar war mit »Vor­den­ker der Neu­rech­ten« mei­ne Wenig­keit gemeint. Aller­dings hat­te ich noch nie in mei­nem Leben behaup­tet, »der Staat« sei in irgend­ei­ner Wei­se »hei­lig«, und daß Mar­tin Sell­ner »fas­sungs­los« über die »Coro­na-Hys­te­rie« sei, hat­te ich auch nir­gends mitbekommen.

Zwei Mona­te zuvor, am 24. Janu­ar, hat­te Sell­ner auf Twit­ter vor dem Virus gewarnt: »Das Wuhan-Virus ver­brei­tet sich rasend schnell. Offe­ne Gren­zen bedeu­ten auch offe­ne Gren­zen für Viren.« Zur sel­ben Zeit for­der­ten auch AfD-Poli­ti­ker wie Ali­ce Wei­del, Rei­mond Hoff­mann und Nico­le Höchst die Regie­rung auf, die Gefahr ernst zu neh­men und »Schutz­maß­nah­men« zu ergrei­fen. Dafür wur­den sie und Sell­ner in einem Arti­kel des links­ra­di­ka­len, mit Medi­en­prei­sen über­häuf­ten Por­tals »Volks­ver­pet­zer« als rech­te Het­zer ver­spot­tet, die »mit Fake News Panik vor dem Virus schü­ren«: »Das Virus ist nicht gefähr­li­cher als SARS oder die ganz nor­ma­le Grip­pe«, schrieb der »Volks­ver­pet­zer«, »Rechts­ex­tre­mis­ten möch­ten dir aber trotz­dem Angst ­davor machen, in der Hoff­nung, daß Men­schen das Ver­trau­en in die Regie­rung verlieren.«

Heu­te stellt das »Anti-Fake-News-Blog« soge­nann­te Pandemie­leugner, die »Coro­na ver­harm­lo­sen« an sei­nen »Faktencheck«-Pranger: »Fake« sind offen­bar immer nur jene Nach­rich­ten, die dazu geeig­net sind, dem von der Regie­rung gewünsch­ten Nar­ra­tiv zu widersprechen.

Die Kehrt­wen­de der Leit­me­di­en erfolg­te Mit­te März par­al­lel zum WHO-kon­for­men Coro­na-Kurs des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums, das nun damit beschäf­tigt war, inter­ne »Panik­pa­pie­re« zu ver­fas­sen, um eine Mas­sen­qua­ran­tä­ne (»Lock­down«) des gesam­ten Lan­des zu recht­fer­ti­gen. Zu die­sem Zeit­punkt hat­te auch das rech­te Spek­trum begon­nen, sei­ne bis­he­ri­ge Posi­tio­nie­rung zu überdenken.

Ich selbst war zu die­sem Zeit­punkt noch der Ansicht, daß es sich hier um einen wasch­ech­ten »pan­de­mi­schen Ernst­fall« han­delt, wie ich auf Twit­ter schrieb, obwohl ich die media­le Hys­te­rie mit wach­sen­der Skep­sis betrach­te­te. Was nun André F. Licht­schlag angeht, so ant­wor­te­te er auf mei­ne ver­dutz­te und nicht weni­ger gereiz­te Nach­fra­ge: »Es ging bei der Dis­kus­si­on dar­um, daß Sie die poli­ti­sche Kriegs­er­klä­rung gegen ein Virus (die Mil­lio­nen Exis­ten­zen ver­nich­ten wird) unter­stützt haben, obwohl Sie selbst nicht sicher sind, ob sie begrün­det ist.« Er unter­stell­te mir blin­de Staats- und Auto­ri­täts­hö­rig­keit – »War­tet da jemand auf Befeh­le vom Ober­kom­man­do?« – und emp­fahl: »Nun, die liber­tä­re Lösung ist, sich selbst und sei­ne Fami­lie jetzt mög­lichst gut zu schüt­zen. Wür­de ich Ihnen auch emp­feh­len, statt auf die neu­en Direk­ti­ven des all­wis­sen­den Zwangs­mo­no­po­lis­ten zu hören.«

Als Dis­si­dent, der den Iden­ti­tä­ren nahe­steht (die wie­der­um vom öster­rei­chi­schen Staat nicht gar so doll geliebt wer­den), fühl­te ich mich hier gelin­de gesagt ein wenig ver­kannt. Es dau­er­te indes nur weni­ge Tage, bis ich ange­sichts der dick auf­ge­tra­ge­nen staat­li­chen Lock­down-Pro­pa­gan­da end­gül­tig ins Lager der »Skep­ti­ker« wech­sel­te, und nach ein­ein­halb Jah­ren Dau­er­aus­nah­me­zu­stand muß ich Licht­schlag im wesent­li­chen recht geben. Daß wir anein­an­der vor­bei­ge­re­det hat­ten, hat­te frei­lich mit einer abs­trak­te­ren Ebe­ne zu tun.

Aus Licht­schlag sprach ein klas­sisch liber­tä­rer Affekt, der im Staat schlecht­hin einen All­round-Male­fiz­kerl sieht, der ins­be­son­de­re der markt­wirt­schaft­li­chen »Frei­heit« tyran­nisch im Wege steht. Ich als Rech­ter hin­ge­gen stam­me aus der Fami­lie der Ver­fech­ter des »kon­kre­ten Ordnungs­denkens« (Carl Schmitt) und der staat­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät. Wir glau­ben nicht, daß es eine ver­nünf­ti­ge und sta­bi­le Gesell­schafts­ord­nung ohne Pflich­ten und Insti­tu­tio­nen, ohne Hier­ar­chie und Erzie­hung geben kann. Das kann ein radi­ka­ler Liber­tä­rer wie Licht­schlag nicht nach­voll­zie­hen. Er hielt ent­ge­gen, daß man den »Zwangs­mo­no­po­lis­ten« nicht mit einem »Wunsch­kon­zert« ver­wech­seln soll­te: Dem­nach wäre banal­er­wei­se der Staat gut, wenn er tut, was mir gefällt, und böse, wenn er tut, was mir nicht gefällt.

Das ist eine Ver­wechs­lung von Staat und Regie­rung: Wie ein indi­vi­du­el­ler schlech­ter Mon­arch nicht das Prin­zip der Mon­ar­chie wider­legt, so wider­legt eine schlech­te Regie­rung oder ein schlecht orga­ni­sier­ter Staat nicht das Prin­zip der Staat­lich­keit an sich.

Als Kon­ser­va­ti­ver denkt man vom Ernst­fall, vom Aus­nah­me­zu­stand aus: »In moder­nen Gesell­schaf­ten gibt es gigan­ti­sche Appa­ra­te, die – von der sozi­al­staat­li­chen Ver­sor­gung bis zur Haus­halts­tech­nik – kei­nem ande­ren Zweck die­nen, als den Ernst­fall zu ver­hin­dern« (Staats­po­li­ti­sches Hand­buch, Bd. 1, Leit­be­grif­fe, Stich­wort »Ernst­fall«). Aus die­ser Sicht wir­ken Lin­ke destruk­tiv, Libe­ra­le fahr­läs­sig, Liber­tä­re oft gar kin­disch und undank­bar. Sie alle leben von Vor­aus­set­zun­gen, die sie selbst nicht garan­tie­ren kön­nen und die ihnen häu­fig gar nicht bewußt sind. Auch die soge­nann­ten Grund­rech­te exis­tie­ren nicht in einem vor­aus­set­zungs­lo­sen und unbe­ding­ten Raum.

All dies stand im Hin­ter­grund mei­nes Nach­den­kens über das Ver­hal­ten der Regie­run­gen im März 2020. Liegt tat­säch­lich der Ernst­fall im emi­nen­ten Sin­ne vor, etwa eine »epi­de­mi­sche Lage natio­na­ler Trag­wei­te«, dann müs­sen ent­spre­chen­de Maß­nah­men ergrif­fen wer­den. Auch ein libe­ra­ler Staat wäre dann gezwun­gen, die Inter­es­sen des Kol­lek­tivs für die Dau­er des Aus­nah­me­zu­stands über jene des Indi­vi­du­ums zu stellen.

Wie wir von Carl Schmitt wis­sen, zeigt sich in sol­chen Lagen, wer der eigent­li­che Sou­ve­rän ist: »Er ent­schei­det sowohl dar­über, ob der extre­me Not­fall vor­liegt, als auch dar­über, was gesche­hen soll, um ihn zu besei­ti­gen.« (Poli­ti­sche Theo­lo­gie) Das heißt, daß auch dann eine Ent­schei­dung getrof­fen wer­den muß, wenn es kei­ne hun­dert­pro­zen­ti­ge Gewiß­heit gibt, daß man die Lage rich­tig ein­ge­schätzt habe.

Bis heu­te hört man von man­chen Lock­down-Befür­wor­tern das Argu­ment, daß das Risi­ko einer Über­re­ak­ti­on dem Risi­ko einer Unter­schät­zung der Lage vor­zu­zie­hen sei. Die­ser Gedan­ke ist für Libe­ra­le und Liber­tä­re, die jeg­li­che Beschrän­kung der indi­vi­du­el­len Frei­heit für eine Zumu­tung hal­ten, schwer zu ver­dau­en, wenn nicht völ­lig inakzeptabel.

Nun ist es kei­nes­wegs so, daß das rech­te Spek­trum eine grund­sätz­li­che Sehn­sucht nach einer durch und durch anti­li­be­ra­len, auto­ri­tär geführ­ten Gesell­schaft hät­te. Es wird auch kein Rech­ter das Auto­ri­tä­re unge­ach­tet sei­ner Ziel­set­zun­gen anbe­ten, denn auch kom­mu­nis­ti­sche Staa­ten wer­den auto­ri­tär regiert. Auf der prag­ma­ti­schen Ebe­ne stellt sich eher die Fra­ge, an wel­chen Stel­len einer wünscht, daß der Staat libe­ra­ler oder restrik­ti­ver agie­ren sollte.

Jede Gesell­schaft hat die Auf­ga­be, Frei­heit und Sicher­heit, Rech­te und Pflich­ten gegen­ein­an­der abzu­wä­gen. Man kann sich eine groß­zü­gi­ge­re Mei­nungs­frei­heit wün­schen und eine stren­ge­re Ein­wan­de­rungs­po­li­tik, man kann für mehr oder für weni­ger Regu­la­ti­on der Wirt­schaft ein­tre­ten, und man kann sich auch wün­schen, daß der Staat gegen kri­mi­nel­le Asyl­be­wer­ber und ara­bi­sche Clans schär­fer vor­ge­hen möge als etwa gegen Mas­ken­ver­wei­ge­rer, Qua­ran­tä­ne­sün­der und Gedan­ken­ver­bre­cher. Man den­ke auch an den alten Witz, daß ein Kon­ser­va­ti­ver ein Libe­ra­ler ist, der über­fal­len wurde.

Bestimm­te Not- und Extrem­la­gen erzeu­gen Abwehraf­fek­te, die nicht prin­zi­pi­el­ler Natur sind und nur so lan­ge andau­ern, bis die Gefahr gebannt ist. Die Flücht­lings­kri­se 2015 hat einen deut­li­chen Rechts­ruck in wei­ten Tei­len der Gesell­schaft her­vor­ge­ru­fen, der sich noch Jah­re spä­ter bemerk­bar mach­te. Vie­le, die nicht grund­sätz­lich rechts den­ken, wur­den zu »Not­fall­rech­ten«, die einen Defen­siv­na­tio­na­lis­mus und ‑ras­sis­mus entwickelten.

Ana­log kann man heu­te beob­ach­ten, daß vie­le Rech­te ange­sichts der staat­li­chen Über­grif­fe und Erpres­sun­gen unter dem Ban­ner von »Coro­na« gleich­sam zu »Not­fall-Liber­tä­ren« gewor­den sind. Das führt zu der skur­ri­len Lage, daß man sich als Rech­ter plötz­lich in nahe­zu völ­li­ger Über­ein­stim­mung mit einer Ulri­ke Gué­rot sieht, die zu den firms­ten Ver­tei­di­gern der Grund- und Men­schen­rech­te vor dem wach­sen­den Druck des Pan­de­mie­re­gimes zählt.

Auf der ande­ren Sei­te begeg­nen wir der Unver­schämt­heit eines Richard ­David Precht, der in sei­nem Buch Von der Pflicht (Mün­chen 2021) mit »kon­ser­va­ti­ven« Argu­men­ten und Appel­len an das staats­bür­ger­li­che »Pflicht­ge­fühl« Gehor­sam gegen­über den Zumu­tun­gen des Coro­na-Maß­nah­men­staa­tes einfordert.

Wäh­rend Poli­tik und Medi­en ver­su­chen, den Wider­stand gegen die Pan­de­mie­po­li­tik in ein »rechts­ex­tre­mes« Framing zu packen, hat sich eine lager­über­grei­fen­de Gegen-Alli­anz auf der Basis libe­ra­ler Wer­te und Argu­men­te gebil­det, wozu auch die alte, idea­lis­ti­sche Vor­stel­lung zählt, daß die Ver­nunft herr­schen und jede poli­ti­sche Ent­schei­dung aus ratio­na­len und frei­en Debat­ten her­vor­ge­hen sol­le. Zu den Wort­füh­rern zäh­len unter ande­rem von rechts »Ach­se des ­Guten«, von links »Rubi­kon«, von liber­tä­rer Sei­te Köp­fe wie Gun­nar Kai­ser. Was vom Estab­lish­ment unter dem Eti­kett »Quer­den­ker« rechts ein­ge­tü­tet wird, ist also in der Tat eine ech­te »Quer­front«.

Es trifft zu, daß man­che Rech­te im Früh­sta­di­um der Coro­na­vi­rus-Kri­se auf eher anti­li­be­ra­le und antiglo­ba­lis­ti­sche Kon­se­quen­zen gehofft haben. Das Sze­na­rio schien uns von der Flücht­lings­kri­se her ver­traut: Von außen rollt eine Gefahr auf unser Land zu, und der schwa­che, ernst­fall­blin­de Staat ist nicht imstan­de, es davor zu schüt­zen, etwa durch Ein­rei­se­stopps oder Grenzschließungen.

Heu­te erken­nen wir deut­lich, daß wir es mit einem medi­al indu­zier­ten Kol­lek­tiv­wahn zu tun haben, der eine bei­spiel­lo­se glo­ba­lis­ti­sche Macht­er­wei­te­rung ermög­licht hat. In die­sem Manö­ver spie­len die Natio­nal­staa­ten die Statt­hal­ter einer Welt­re­gie­rung in spe, indem sie die ihnen auf­ge­tra­ge­nen repres­si­ven Maß­nah­men vor Ort durch­set­zen und recht­fer­ti­gen. Sämt­li­che Insti­tu­tio­nen wur­den nach tota­li­tä­rer Manier in den Dienst des Regimes gestellt: das Gesund­heits­sys­tem, die Schu­len, die Kir­chen, die Poli­zei. Lang­fris­ti­ges Ziel scheint eine Art Mensch­heits­for­ma­tie­rung durch gen­the­ra­peu­ti­sche Mas­sen­imp­fun­gen zu sein.

Die Ant­wort auf den Spott von Lin­ken und Libe­ra­len, war­um wir Rech­ten als Fans der sou­ve­rä­nen staat­li­chen Durch­set­zungs­kraft und als Kri­ti­ker des Indi­vi­dua­lis­mus uns nun bekla­gen, ist also recht ein­fach: Die Behaup­tung, daß es eine »epi­de­mi­sche Lage von natio­na­ler Trag­wei­te« gäbe, trifft schlicht­weg nicht zu. Damit ent­beh­ren die staat­li­chen Maß­nah­men, inklu­si­ve der Ein­schrän­kung der Grund­rech­te auf unbe­stimm­te Zeit, jeg­li­cher Legi­ti­mi­tät und Ver­hält­nis­mä­ßig­keit. Man ist kei­nem Staat Gehor­sam schul­dig, der sein Volk vor­sätz­lich in Panik ver­setzt, belügt und in die Irre führt.

An die­ser Stel­le haben wir Rech­ten einen Erkennt­nis­vor­sprung gegen­über jenen, die erst letz­tes Jahr »auf­ge­wacht« sind. Als Oppo­si­tio­nel­le, die seit Jahr­zehn­ten von einem vor­geb­lich »demo­kra­ti­schen« Staat sys­te­ma­tisch bekämpft wer­den, sind uns sei­ne Heu­che­lei, Ver­lo­gen­heit, Will­kür und nicht zuletzt Volks­feind­lich­keit schon seit lan­gem bekannt. Das hat man­che zu einer zyni­schen Hal­tung gegen­über der basis­de­mo­kra­tisch-libe­ra­len Rhe­to­rik geführt, die heu­te das maß­nah­men­kri­ti­sche Spek­trum domi­niert, wäh­rend ande­re durch die Kri­se den ursprüng­li­chen Sinn und den Wert des demo­kra­ti­schen und libe­ra­len Impul­ses wie­der­ent­deckt haben.

In man­chen Appel­len an den Staat scheint die Hoff­nung durch, daß er sich eines Bes­se­ren besin­nen und zu den Grund­prin­zi­pi­en zurück­keh­ren möge, zu denen sich sei­ne Reprä­sen­tan­ten unun­ter­bro­chen beken­nen. Das ist frei­lich eine nai­ve Vor­stel­lung. Wer genau­er hin­ge­se­hen hat, weiß nicht erst seit »Coro­na«, daß die libe­ra­le Demo­kra­tie in ihren letz­ten Zügen liegt und zuneh­mend von Herr­schafts­sys­te­men abge­löst wird, die eine nie zuvor dage­we­se­ne Kon­trol­le der Köp­fe und der Kör­per der Bür­ger ermöglichen.

Übrig­ge­blie­ben ist eine Fas­sa­de, ange­pin­selt mit Regen­bo­gen­far­ben, hin­ter der Men­schen regie­ren, die sich selbst als »libe­ra­le Demo­kra­ten« und ihre Geg­ner als »Demo­kra­tie-« oder »Ver­fas­sungs­fein­de« bezeich­nen. Wir stel­len außer­dem fest, daß nur ein wenig Angst­ma­che, ver­bun­den mit gruppen­moralischem Druck, genügt hat, um Mil­lio­nen von schein­bar »eman­zi­pier­ten«, frei flot­tie­ren­den und frei kon­su­mie­ren­den Indi­vi­du­en gewalt­los zur kol­lek­ti­ven Ver­hal­tens­än­de­rung und Unter­wer­fung zu bewe­gen: »Es ist atem­be­rau­bend, wie rasch und wie gründ­lich sich eine Gesell­schaft for­mie­ren läßt, die doch gera­de noch aus lau­ter kaum zu bän­di­gen­den Ich-­Sa­gern bestand.« (Götz Kubit­schek) Das Ver­hält­nis die­ser Indi­vi­du­en gegen­über dem Staat gleicht inzwi­schen einer Art von Stock­holm-Syn­drom. Sie dan­ken ihm für jede Locke­rung der Coro­na-Schi­ka­nen, die er ihnen hin und wie­der gewährt, wenn auch nur solan­ge, bis »die Zah­len« wie­der stei­gen und die nächs­te »Infek­ti­ons­wel­le« aus­ge­ru­fen wird.

Dank der üppi­gen staat­li­chen Ali­men­tie­rung aus mys­te­riö­ser­wei­se uner­schöpf­li­chen Mit­teln kam es bis­lang trotz aller maß­nah­men­be­ding­ten wirt­schaft­li­chen Ein­bu­ßen noch zu kei­nen grö­ße­ren sozio­öko­no­mi­schen Span­nun­gen, die aus­rei­chend Zünd­stoff für eine Revol­te gegen das Pan­de­mie­re­gime gelie­fert hät­ten. Der Staat bie­tet den Bür­gern finan­zi­el­le Kom­pen­sa­tio­nen für eine Not­la­ge an, die er sel­ber bewußt und ohne zwin­gen­de Grün­de ver­ur­sacht hat und die er durch fort­lau­fen­de Pro­pa­gan­da und Maß­nah­men­ak­ti­vis­mus aufrechterhält.

Das ist natür­lich höchst ver­däch­tig und mag auf der Linie der gro­ßen glo­ba­lis­ti­schen Agen­den lie­gen: Der Bür­ger wird zuerst wirt­schaft­lich rui­niert und bekommt dann ein Ange­bot zur Grund­ver­sor­gung, was ihn in eine tief­grei­fen­de Abhän­gig­keit vom Staat treibt, in der es kei­nen Platz mehr für Wider­spruch oder Wider­stand gibt. So wird die Bevöl­ke­rung (von einem »Volk« kann schon kei­ne Rede mehr sein) all­mäh­lich an ein Sys­tem gewöhnt, in dem pater­na­lis­ti­sche »Exper­ten« und Funk­tio­nä­re bestim­men, wel­che Medi­ka­men­te und Infor­ma­tio­nen ihr ver­ab­reicht wer­den sollen.

»Ach­se des Guten«-Autor Gun­ter Frank zeigt sich in sei­nem Buch Der Staats­vi­rus (Ber­lin 2021) irri­tiert über das unde­mo­kra­ti­sche »auto­ri­tä­re Men­schen­bild«, das sich in den gele­ak­ten »Panik­pa­pie­ren« des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums offen­bart: Sie sol­len »Men­schen durch Angst gefü­gig machen«.

Man kann in der Tat sagen, daß sich die Preis­de­mo­kra­ten die­ser Welt, ob in Davos, Ber­lin oder Washing­ton, durch ihre Wor­te, Taten und Pro­pa­gan­da-Offen­si­ven demas­kiert haben: Ihr Bild vom Men­schen unter­schei­det sich mit aller Wahr­schein­lich­keit kaum von jenem Gust­ave Le Bons, ins­be­son­de­re was die emo­tio­na­le Beein­fluß­bar­keit der Mas­sen angeht. Das Pro­blem ist frei­lich, daß Le Bons Ana­ly­sen zutref­fend waren.

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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