Netzfundstücke (133) – Storch, Mut, Kositza

Der Urlaub ist vorbei und die Sommerlektüre gelesen.

Wie hier in den letz­ten Fund­stü­cken geschrie­ben, bestand der bel­le­tris­ti­sche Teil mei­ner Lek­tü­re im vor der sen­gen­den Son­ne schüt­zen­den Baum­schat­ten aus einem Roman, der bereits im zurück­lie­gen­den Jahr erschie­nen ist: Chris­toph Rans­mayrs Der Fall­meis­ter.

Folgt man dem Urteil von Sezes­si­on-Lite­ra­tur­re­dak­teu­rin Ellen Kositza beim Live-Lite­ra­tur­ge­spräch von »Aufgeblättert.Zugeschlagen« auf dem Som­mer­fest des Ver­lags Antai­os in Schnell­ro­da, war der Rück­griff auf »älte­re« Lite­ra­tur kein Feh­ler gewe­sen, da es in die­sem Som­mer wohl an ordent­li­chem zeit­ge­nös­si­schem Lese­stoff mangele.

Im Gegen­satz zu mir, der ich nur ein Jahr zurück­ge­sprun­gen bin, griff Kositza mit Ilse Mol­zahns Der Schwar­ze Storch, das vom Wall­stein Ver­lag in die­sem Jahr neu auf­ge­legt wur­de, gleich 86 Jah­re in die Ver­gan­gen­heit zurück und ist gepackt: Auf­nah­me in ihre »Top Twenty«.

War­um es das Buch in ihre per­sön­li­che Bes­ten­lis­te geschafft hat, erklärt sie in der Run­de mit Ver­le­ger und Über­set­zer Kon­rad Weiß sowie der Dres­de­ner Buch­händ­le­rin Susan­ne Dagen, die mit Der Schnee­leo­pard und Hau­sers Aus­flug ihre eige­ne Som­mer­lek­tü­re vor­stel­len, ausführlich:

Den Schwar­zen Storch erhal­ten Sie wie immer direkt hier, bei Antaios.

Den Schnee­leo­par­den und Hau­sers Aus­flug hier natür­lich auch.


Betrüb­li­cher­wei­se kam auch das Som­mer­fest nicht ohne lei­di­ge Anti­fa-Pho­to­gra­phen aus. War die­se Spe­zi­es schon vor Coro­na anhand Kör­per­hal­tung, Habi­tus und kilo­schwe­rem Kame­ra­ge­hän­ge ohne gro­ßen Auf­wand aus­zu­ma­chen gewe­sen, ist die Iden­ti­fi­ka­ti­on auf die Ent­fer­nung seit Coro­na noch ein­fa­cher gewor­den: denn ohne fest­ge­zurr­te FFP2-Mas­ke scheint sich kei­ner die­ser noto­ri­schen Stal­ker mehr vor die Tür zu trauen.

Selbst wenn im 100-Meter-Umkreis kei­ne Men­schen­see­le steht, atmet man wei­ter­hin tap­fer durch die Aero­sol­brem­se. Mit dem Umge­hen des Ver­mum­mungs­ver­bots ist die­ses Ver­hal­ten nur begrenzt zu erklä­ren, schließ­lich ist man land­auf, land­ab bekannt und hat­te auch vor der Heim­su­chung durch das Virus kein Pro­blem damit, »Gesicht zu zei­gen«; also wohl doch eher Aus­druck von fes­ter Regie­rungs­treue und BRD-Kon­for­mi­tät – par­don, Soli­da­ri­tät! – als Wah­rung der eige­nen Anonymität.

Den­noch ist einem der Kame­ra­fo­kus unan­ge­nehm. Dreht sich das Macht­ge­fäl­le um und man selbst wird anstatt der Rech­ten, die man eif­rig »doku­men­tiert«, öffent­lich­keits­wirk­sam ins Ram­pen­licht gezerrt, ohne daß man dar­um gebe­ten hät­te, so reagiert man aus­ge­spro­chen allergisch.

Der bekann­ten Anti­fa-Pho­to­gra­phin Ste­pha­nie Hei­de (sie­he hier die Recher­che des Bür­ger­netz­werks Ein Pro­zent zu ihren Umtrie­ben) – erstaun­li­cher­wei­se übri­gens ohne Mas­ke unter­wegs – wur­de es näm­lich sicht­lich unwohl zumu­te, als Ellen Kositza beim Som­mer­fest den Spieß ener­gisch umdreh­te und Hei­de beglei­tet von einem Kame­ra­team zur Rede stellte:


Der­weil im deut­schen Lite­ra­tur­be­trieb 2022 der Som­mer vor sich hin­schip­pert, gestal­tet man ihn in der rech­ten Publi­zis­tik Fran­zö­sisch: Fran­çois Bous­quet, Jean-Yves Le Gal­l­ou und Alain de Benoist: Mut oder Wie man einen Kul­tur­kampf insze­niert, Die Dämo­ni­sie­rung durch­bre­chen und Nach dem Wachs­tum – ein­mal Antai­os, ein­mal Jun­g­eu­ro­pa, ein­mal Oikos.

Die bei­den ers­ten Schrif­ten haben durch­aus einen the­ma­ti­schen Bezug zu den Anti­fa-Pho­to­gra­phen, die beim Som­mer­fest die Dorf­stra­ße bela­ger­ten. Denn die heroi­sche Auf­ga­be der Antifa-»Rechercheteams« besteht dar­in, die Dämo­ni­sie­rung, die kul­tu­rel­le Herr­schaft des Main­streams – wie sie Gal­l­ou bezeich­net – zu unter­füt­tern, indem sie den »Dämo­nen« Gesich­ter geben.

Um die­ses Herr­schafts­in­stru­ment stumpf wer­den zu las­sen, braucht es wie­der­um den Mut, den uns Bous­quet anrät. Dazu gehört unter ande­rem die Kon­fron­ta­ti­on, die Kositza mit Hei­de such­te: den Feind selbst­be­wußt stel­len. Und zen­tral: Wer sich auf die von ihm gesteck­ten Kor­ri­do­re ein­läßt, hat schon verloren.

Mut oder Wie man einen Kul­tur­kampf insze­niert erhal­ten Sie direkt hier bei Antai­os; genau­so hier Die Dämo­ni­sie­rung durch­bre­chen aus dem Hau­se Jun­g­eu­ro­pa und hier Nach dem Wachs­tum (Oikos).


Einer, des­sen Leben von die­sem Mut bestimmt war und der sich zeit­le­bens nie auf die Kor­ri­do­re des Main­streams ein­ge­las­sen hat, war Domi­ni­que Ven­ner, Le coeur rebelle.

»Das Bekennt­nis und den Stolz, die Ver­schla­gen­heit des Gue­ril­le­ros und den Humor des ver­lo­re­nen Pos­tens, sprü­hen­de Krea­ti­vi­tät und situa­ti­ve Intel­li­genz, wenn es um die Aus­wei­tung der Kampf­zo­ne geht«, all die­se von Bous­quet her­vor­ge­ho­be­nen Eigen­schaf­ten besaß Ven­ner. Er mach­te ernst mit dem Kulturkampf.

Gal­l­ou hat­te die Gele­gen­heit, ihn nicht lan­ge vor sei­nem Frei­tod in Not­re-Dame zur poli­ti­schen Lage Frank­reichs und Euro­pas Anfang des 21. Jahr­hun­derts zu interviewen:

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Kommentare (13)

Allnichts

7. August 2022 15:22

1/2

Ungefragt ergänze ich um einige eigene Fundstücke:

Diese Dokumentation fiel mir positiv auf, weil sie Ernst Nolte sehr ausführlich zu Wort kommen lässt und ihn allgemein neutral behandelt. Sie stammt aus dem Jahre 2005, so etwas wäre heutzutage im ÖRR wohl nicht mehr möglich. Gerade 17 Jahre her und doch wie aus einer anderen Zeit.

Von demselben Filmemacher stammt die Dokumentationsreihe "Was war links?", welche früher sehr oft auf Phoenix und 3sat lief, sozusagen in Dauerschleife. Sie ist an sich als Rückschau auf die 68er interessant, atmosphärisch sehr dicht, sie ist aber besonders auch für die heutige Rechte interessant, was bestimmte Themen und Fragestellungen, was Mittel und Wege, was Erfolg und Scheitern angeht.

Teil 1 "Protest und Theorie", Teil 2 "Dutschke und Konsorten", Teil 3 "Lärm und Gewalt", Teil 4 "Kunst und Klassenkampf".

Allnichts

7. August 2022 15:34

2/2

Daran anschliessend ein Text von Gretchen Dutschke, Antwort auf die Kanonische Erklärung (98/99) von Mahler, Oberlercher und Maschke, welche die 68er bzw. grosse Teile davon als nationalrevolutionäre Bewegung deutet. Diese Deutung dürfte kaum haltbar sein, doch ist vieles an den Ausführungen von G. Dutschke, die stark mit Zitaten von Rudi Dutschke argumentiert, bemerkenswert.

Im Übrigen finde ich die aktuelle Ausgabe der Sezession sehr gelungen.

Abschliessend und etwas unterhaltsamer: Harald Schmidt sagt vor etwa 20 Jahren "Neger". Harald Schmidt diskutiert, was heute noch gesagt werden darf (2021, u.a. auch mit Judith Sevinç Basad, die vor einiger Zeit bei der Bild ausstieg, weil dort ihrer Ansicht nach nicht kritisch über die "woke Bewegung" berichtet werden darf).

kikl

7. August 2022 15:37

"Früher wurden die Häretiker verbrannt, heute werden sie totgeschwiegen..."

"Erst wenn die Gesellschaft unerträglich wird, ist der Tag erreicht, an dem man die Häretiker hören wird."

Da stellt sich die Frage. Was sind die Menschen noch bereit zu ertragen? Der Lockdown war nicht genug, jetzt kommt das Frieren und Hungern im Blackout? Gut, danach spricht er vom Untergang des Abendlandes... Mir ist das zu depressiv. Ich werde derzeit mit so vielen Weltuntergangsszenarien von Links konfrontiert, dass ich mir den rechten Weltuntergang nicht auch noch ausmahlen möchte.

Wahrheitssucher

7. August 2022 17:08

Liebe Frau Kositza,
mit diesem Ihrem Auftreten haben Sie die gesamte Bande samt ihrer Anführerin desavouiert.
„Das Äußere ist die Äußerung des Inneren…“

Gracchus

7. August 2022 19:18

Wie Herrn Schick der Ransmayr-Roman gefallen hat, verrät er nicht. Ich habe ihn nicht gelesen - einmal aufgrund der Rezensionen, dann, weil mich auch der vorige nicht überzeugt hat (auch wenn er sprachlichen Genuss bereitet hat, aber auch nicht ganz ungetrübt). 

Von den besprochenen Büchern würde mich Buch 1, mehr noch aber Buch 2 interessieren. Der Autor war bis dahin unbekannt. Ich fürchte, wäre er Deutscher, würde er - ohne Mimikry - keinen Verlag finden. 

Meine Entdeckung des Sommers ist Andre Dhotel: Bernhard, der Faulpelz. Dhotel ist auch schon tot; bisher ist kaum etwas ins Deutsche übersetzt. Finde ich erfrischend. Das ist, was mir an zeitgenössischem Erzählen meist fehlt. Das Unerwartete. So etwas wie ein "Schneeleopard". Bezeichnend, dass Tesson, um Abenteuer zu erleben, reisen muss. 

Gracchus

7. August 2022 19:38

Zu Frau Heide muss man wohl nicht viel sagen. Man fragt sich, ob sie nichts Sinnvolleres zu tun hat. Die psychischen Beweggründe, die EK zu erfragen versucht, sind ihr wohl selber dunkel; sie wirkt nicht so, als stünde sie - wie es im Psycho-Organ  heißt - sehr gut mit sich in Kontakt. Die sehr dunkel unterlaufenen Augen deuten auf Erschöpfung und Depression hin. Depression bedeutet Weltarmut. Mit den mechanischen Geräten, die sie bei sich trägt - eins davon enorm phallisch - versucht sie sich einen Weltzugang zu verschaffen. Fragt sich nur, warum sie damit einhergehend mit ihrem künstlichen Phallus Schnellroda penetrieren will? Denkt sie, Schnellroda nehme ihren rechtmäßigen Platz weg? Oder ist es Neid - weil ihr die gewisse Harmonie, die Schnellroda ausstrahlt, abgeht und sie diese anderen Menschen nicht gönnt? Ihre Anhänglichkeit deutet jedenfalls auf verborgene Begehrlichkeiten hin - vielleicht ist sie in EK verliebt?

Gracchus

7. August 2022 20:46

Natürlich erscheint das phallische Photogerät symbolisch in erster Linie als Tötungsinstrument. Schließlich schießt man damit wie mit einem Gewehr, nur eben ein Photo, aber mit demselben Ziel, denn mit Veröffentlichung der Photos ist ja die Absicht verbunden, den Geschossenen sozial zu isolieren (= sozial zu töten). Dass die Polizei hierbei Geleitschutz gewährt ... Nebenbei bemerkt ist natürlich auffallend, wie sehr symbolische Gewalt insgesamt zugenommen hat. Was eine jenseits des Realitätsprinzips agierende Linke einseitig Rechten anlasten will.

Vermutlich wird jemand wie Frau Heide von einem Todestrieb geleitet. Ihre Autoaggressivität muss sie umleiten, um davon nicht zerstört zu werden. Hierfür bietet sich die Rechte als geeignetes Objekt.

Das Problem des Antifaschismus liegt darin, dass er das Leben auf diesem Planeten selbst als von Natur aus als faschistisch (= sozialdarwinistisch; das Recht des Stärkeren) begreift. Er betrachtet das Leben nicht anders als Faschismus, verneint nur, was der andere bejaht.

 

Gracchus

7. August 2022 21:01

@kikl

Ihrem letzten Satz stimme ich zu. Diese Lust am Untergang ist eine Angstlust und deutet verdächtig auf einen sozial wirksamen Todestrieb hin. Dazu passen auch die autoaggressiven Tendenzen. Um solche Aggressionen umzuleiten, führt man normalerweise Krieg. Corona war schon der Versuch - man denke nur an die bellizistische Rhetorik - Krieg zu führen, ohne Krieg zu führen - also gegen ein Virus statt gegen ein anderes Volk -, und dies setzt sich mit dem symbolischen Wirtschaftskrieg gegen Russland fort. 

Gracchus

7. August 2022 21:36

Das Problem der Linken ist wohl tatsächlich eine untergründige Gnosis, die ihnen, da sie religiös unmusikalisch sind, unbewusst bleibt, und zwar diejenige Gnosis, die Schöpfer- und Erlösergott voneinander trennt. Die Natur ist, wie es in dem Film "Antichrist" des depressiven Regisseurs Lars von Trier einmal heißt (der mit dem darauf folgenden Film "Melancholia" ein Untergangsszenario dargestellt hat, unter Verwendung von Motiven von Wagners Tristan und Isolde, also einem Stück, wo Eros sich in Thanatos vollendet) "Kirche Satans" oder das Werk eines bösen Demiurgen. Der Erlöser-Gott der Linken ist aber kein Gott im herkömmlichen Sinne, sondern kalte Sozialtechnologie, mit Hilfe derer die von einem bösen Demiurgen geschaffene Natur umgemodelt werden muss, und daher auch der Run auf die Impfung und die transhumanistische Kooptierung. 

anatol broder

7. August 2022 21:45

@ gracchus 19:38

danke für den lacher. nicht vergessen: manchmal ist ein photogerät nur ein photogerät.

Franz Bettinger

8. August 2022 10:24

@Gracchus: Auch ich genoss ihre Kommentare zu Frau Heide, ihrer mutmaßlichen, auf die schöne Ellen Kositza gerichteten amour fou und den religiös unmusikalischen, aber glaubenssüchtigen Linken. Köstlich.

Kurativ

8. August 2022 21:59

Hier besteht die Gefahr, dass man sich mit fremden Federn schmückt und nicht selber wirklich etwas eigenständiges/neues der Öffentlichkeit hinzufügt. Das ist sicher sehr schwer und und riskant. "Habe Mut" würde Kant sagen.

Nath

8. August 2022 22:31

@Gracchus. Zur Frage: Ist die Linke "religiös unmusikalisch"? Was die nach-hegelianische Linke anbetrifft, trifft dies sicherlich zu. Sie ist aber auch "anti-gnostisch", insofern sie das Pleroma, die Fülle, verdiesseitigt und nicht in einer postmortal zugänglichen Geistsphäre verortet. Andererseits übernimmt man aber wiederum den Seinsentwurf Hegels, wonach das Universum keine Kraft habe, dem Erkennen irgendwelche Schranken entgegenzusetzen. Hier kann nichts, um Ihren Ausdruck zu benutzen,  Untergründiges oder Okkultes Fuß fassen - das Seiende im Ganzen ist absolut w i s s b a r, nur eben nicht "pneumatisch", sondern natural, mithin eine Art transzendenzloser Gnosis. Das Eidos oder die Form ist der Materie zwar als Moment inhärent, aber durch sie bestimmt, letztere ist das ontologische Prius. Innerhalb ihrer Prozessualität finden alle Verwirklichungen statt. Von daher ist auch die positive Fassung der Sinnlichkeit und der Bedürfnisbefriedigung zu verstehen, ebenso wie umgekehrt das Sich-Abfinden mit der individuellen Sterblichkeit - keine Vorfreude mehr auf ein ewiges Himmelreich, aber auch keine Furcht mehr vor einer ewigen Hölle. Das galt für Gudrun Ensslin nicht weniger als für Mao Dse Dong.