“Das Verteufelte kehrt wieder” – ein Briefwechsel (1)

Schnellroda, 6. Juli 2022 -- Lieber Ivor, war ein gutes Gespräch. Dank nochmal für Speis und Trank und Bettstatt.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Am Ende sind wir bei­de zynisch gewor­den, das ist legi­tim und ange­mes­sen, letzt­lich aber bloß ein Flucht­im­puls. Also set­ze ich noch ein­mal an: Wir dür­fen den­je­ni­gen, die geschmei­di­ger sind als ein Schluck Was­ser zumin­dest als Beob­ach­ter nichts durch­ge­hen las­sen. Ich mei­ne damit: Fas­sungs­los wahr­neh­mend müs­sen wir immer wie­der von der Abwen­dung zu einem Stand­punkt zurück­fin­den, von dem aus wir kon­struk­tiv sein kön­nen und “das Öffent­li­che” nicht aus dem Blick verlieren.

Wir sind ja nicht die ein­zi­gen, die begrei­fen, daß unser Land zugrun­de gerich­tet wird. Unser Wider­stand dage­gen soll­te (abge­se­hen von der Ord­nung, die man um sich her­um schaf­fen kann) dar­in bestehen, daß wir die Sache auf den Punkt zu brin­gen ver­su­chen. Noch will ich poli­tisch sein in dem Sin­ne, daß ich nicht für mich nach Wegen suche, son­dern für unser Land.

Ein Bei­spiel: Sind Wehr­haf­tig­keit und Opfer­be­reit­schaft Tugen­den, die nur für Ukrai­ner oder Rus­sen gel­ten, wäh­rend wir Deut­sche sie uns seit Jahr­zehn­ten und wei­ter­hin aberzie­hen? Wie ist das mit der natio­na­lis­ti­schen Auf­la­dung eines Ver­tei­di­gungs­kamp­fes? Ist so etwas situa­tiv gestat­tet? Kennt jemand die For­men und die Ritua­le einer sol­chen Auf­la­dung in der Ukrai­ne, und wie ist das, wenn »der Wes­ten« die­se Män­ner roman­ti­siert und allen Erns­tes behaup­tet, hier kämpf­ten Leu­te für die Wer­te eben­die­ses Westens?

Ich will also nach dem fra­gen, was zu uns – gera­de zu uns Rech­ten – an Fra­ge­stel­lun­gen aus die­sem Kon­flikt und Krieg zurückkommt.

Gruß!

Götz

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Burg Schre­cken­stein, 7. Juli 2022

Lie­ber Götz,

Du stellst rhe­to­ri­sche Fra­gen – doch auch dabei kommt es auf den Stand­punkt, die Per­spek­ti­ve an: Aus der Sicht des hie­si­gen Par­tei­en­kar­tells und sei­ner PsyOps-Medi­en sind die meis­ten Dei­ner Fra­gen mit einem Ja zu beant­wor­ten – ande­re dür­fen und sol­len, was den Deut­schen selbst­ver­ständ­lich ver­wehrt zu blei­ben hat, das ist ein alter Hut.

Für uns Dis­si­den­ten bil­den die Kämp­fe in der Ukrai­ne in meh­rer­lei Hin­sicht ein Pro­blem, auch über die kon­kre­ten mate­ri­el­len Fol­gen des EU-Wirt­schafts­krie­ges gegen Ruß­land hin­aus. Über die rea­le Lage in der Ukrai­ne wis­sen wir nicht genug, inso­fern ist die Fra­ge nach der dor­ti­gen Wehr- und Opfer­be­reit­schaft, der natio­na­lis­ti­schen Auf­la­dung jen­seits schie­rer Pro­pa­gan­da nicht seri­ös zu beantworten.

Was wir jedoch zwei­fels­oh­ne erken­nen, das ist ein höchst rea­ler Krieg, der mit jenen Schar­müt­zeln der »west­li­chen Wer­te­ge­mein­schaft« in Afgha­ni­stan, sogar den dyna­mi­schen Sezes­si­ons­krie­gen im vor­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en Anfang der 1990er Jah­re wenig Gemein­sam­kei­ten hat. Die »Spe­zi­al­ope­ra­ti­on« der Rus­sen hat sich längst zu einem klas­si­schen Abnut­zungs­krieg aus­ge­wei­tet, der einen lan­gen Atem und Durch­hal­te­fä­hig­keit auf allen Ebe­nen erfordert.

Wir Deut­schen sind dazu kaum mehr in der Lage: Die Moral der akti­ven Trup­pe wur­de und wird aus bekann­ten Grün­den zer­setzt, deren Kern bei allen Arme­en der Welt stets in der eige­nen Tra­di­ti­on lag und liegt. Über den Ausrüstungs‑, Muni­ti­ons- und Per­so­nal­stand ist kein Wort mehr zu verlieren.

Mit der Abschaf­fung der Wehr­pflicht hat man sich nicht nur einer natio­nal­er­zie­he­ri­schen Insti­tu­ti­on beraubt, son­dern auch der Sol­da­ten, die in einem Kriegs­fall schnell reak­ti­viert wer­den könn­ten, um über­haupt auf die nöti­ge Mann­stär­ke zu kom­men und Ver­lus­te an der Front zu erset­zen. Und mit einer édu­ca­ti­on com­mu­ne in unse­ren Schu­len, Uni­ver­si­tä­ten und Medi­en, die ganz auf ein nega­ti­ves Selbst­bild aus­ge­rich­tet ist, läßt sich kei­ne Wehr­be­reit­schaft in der »Bevöl­ke­rung« her­vor­ru­fen, von »Volk« gar nicht zu sprechen.

Für Ener­gie­wen­de und fran­zö­si­schen Atom­strom, freie Geschlechts­wahl und isla­mi­sche Reli­gi­ons­aus­übung, für Abtrei­bungs­wer­bung und Ren­ten­si­che­rung, Oben-ohne-Schwim­men und Frau­en­be­schnei­dung wird hier­zu­lan­de kei­ner das eige­ne Leben einsetzen.

Daß den­noch auch in vie­len Deut­schen die Sehn­sucht nach einem posi­ti­ven Selbst­bild glimmt, ist unbe­strit­ten. Wir wer­den die­se Sehn­sucht drin­gend brau­chen, wol­len wir uns wie­der aus Rui­nen erhe­ben, noch ist sie leicht anzu­fa­chen. Aller­dings glau­be ich nicht, daß wir Dis­si­den­ten gro­ßen Ein­fluß dar­auf haben.

Viel­mehr wird es für die herr­schen­de Klas­se und ihre Deri­va­te in Par­tei­en und Medi­en recht bald zum Schwur kom­men, und ich bin mir sicher, daß sie dann die »natio­na­le« Kar­te zu zie­hen ver­su­chen, wie man es schon ein­mal unter unse­rem Kriegs­kanz­ler Schrö­der und sei­nem grü­nen Vize Jockel Fischer 2005 aus dem regie­rungs­na­hen Ber­tels­mann-Impe­ri­um her­aus anging.

Wir wer­den sehen, ob dies das nächs­te Mal gelingt. Gelän­ge es, dann gerie­ten wir, das Ande­re Deutsch­land, in eine miß­li­che Lage – was tun, wenn Gangs­ter den deut­schen Fun­ken für ihre Zwe­cke mißbrauchen?

À bien­tôt!

Ivor

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Schnell­ro­da, 10. Juli

Lie­ber Ivor,

Du kennst mei­nen Impuls, immer dann, wenn man merkt, daß man als Macht­lo­ser über Macht­fra­gen zu spre­chen beginnt, damit lie­ber nicht zu begin­nen, son­dern zu Hand­hab­ba­rem zu grei­fen: im Gar­ten zur Har­ke, am Schreib­tisch zum Schrif­ten­fä­cher für die Form des nächs­ten Buches und zum Manuskript.

Ich schrieb das ja neu­lich in einem Bei­trag über eine Vor­trags­rei­se nach Bel­grad. Als mir dort jun­ge Zuhö­rer die Fra­ge nach Euro­pa stell­ten, ant­wor­te­te ich:

Wenn jemand davon erzählt, wie er Euro­pa von rechts gestal­ten wol­le, dann kommt es mir vor, als sprä­che er über die Mensch­heit oder über das Leben, das Uni­ver­sum und den gan­zen Rest (um Dou­glas Adams zu zitie­ren) – über eine Bezugs­grö­ße jeden­falls, die noch weni­ger in unse­rer Reich­wei­te liegt als bereits unse­re Natio­nen. Euro­päi­sche Poli­tik ist ange­sichts des Zustands unse­rer je eige­nen Län­der (und vor allem Deutsch­lands) auf einer Lei­ter die obers­te Spros­se, nach der man nicht grei­fen kann und an der man sich folg­lich nicht bewei­sen muß.

Die­ser Umstand spielt seit jeher allen Bau­meis­tern von Nicht-Orten in die Kar­ten: Man muß bloß etwas behaup­ten, muß bloß Bescheid wis­sen, muß nicht ein­mal wirk­lich wol­len, und vor allem muß man nie kon­kret werden.

Groß­raum­ge­sprä­che sind für die Macht­lo­sen in Vasal­len­staa­ten, also für uns, ein Glas­per­len­spiel. Den­noch müs­sen wir die Fra­ge stel­len und beant­wor­ten, wie es soweit hat kom­men kön­nen. Wie lan­ge ist die­ser Kon­flikt geschürt wor­den, wem nützt er, was wird durch die ver­meint­lich ein­deu­ti­gen Front­ver­läu­fe fest­ge­zurrt? Wel­chem über­ge­ord­ne­ten Inter­es­se folgt das Ver­hal­ten der »Macht­ha­ber« in unse­rem Land? Kön­nen, müs­sen wir uns auf eine Sei­te schlagen?

Ant­wor­ten dar­auf sind für die inne­re Hygie­ne von Wich­tig­keit, und sie sind das klei­ne Fähn­chen, das sicht­bar auf­ge­zo­gen wird, wenn über der Repu­blik, der »west­li­chen Welt« das gro­ße Ban­ner der Alter­na­tiv­lo­sig­keit weht. Ich schau­te gebannt auf die Ver­tei­di­ger des Asow-Stahl­werks in Mariu­pol und hal­te zugleich und nach wie vor den rus­si­schen Angriff für die legi­ti­me Reak­ti­on auf eine jahr­zehn­te­lan­ge Ein­krei­sung und näher­rü­cken­de Bedro­hung, von der ich, um den Bogen zu span­nen, im Fal­le der US-ame­ri­ka­ni­schen Angrif­fe auf den Irak und Afgha­ni­stan nichts bemerkt hat­te, nichts also, was die­se Über­fäl­le gerecht­fer­tigt hätte.

Aber die­se Hal­tung beant­wor­tet nicht die Fra­ge, die wir vor allem stel­len soll­ten: Gibt es aus deut­scher Sicht Freund und Feind in die­sem Krieg oder nicht, und wenn ja: Ist es nicht legi­tim oder sogar not­wen­dig, die­se Posi­tio­nie­rung als Alter­na­ti­ve zur Alter­na­tiv­lo­sig­keit zu for­mu­lie­ren und zu ver­tre­ten – auch dann, wenn wir wis­sen, daß es bloß Rhe­to­rik ist?

Gruß in die Nacht!

Götz

– – –

(Teil 1 des Brief­wech­sels mit Ivor Clai­re, der aus Loth­rin­gen stammt und in Deutsch­land an einem Pri­vat­gym­na­si­um Sport und Deutsch unter­rich­tet. Ver­öf­fent­licht in der 109. Sezes­si­onhier ein­se­hen und bestel­len.)

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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