Harald Lesch, Klaus Kamphausen: Denkt mit!

Die Dominanz establishmentzugehöriger Geistes­wissenschaftler in Medien, Gesellschaft und Politik soll offenbar gebrochen werden:

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Establish­mentzugehörige Natur­wis­sen­schaft­ler füh­len sich nach­ran­gig behan­delt. Die­se Con­clu­sio drängt sich auf, wenn man die neue Streit­schrift Denkt mit! des im ZDF prä­sen­ten Astro­phy­si­kers Harald Lesch liest, die er gemein­sam mit dem Publi­zis­ten Klaus Kam­p­hau­sen vor­ge­legt hat.

Dabei ist die Aus­gangs­the­se des Büch­leins durch­aus viel­ver­spre­chend: Wäh­rend in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten das deli­be­ra­ti­ve, dis­kur­si­ve Moment domi­niert, sei eine Grund­er­kennt­nis der Natur­wis­sen­schaf­ten, daß wir mit der Natur weder ver­han­deln noch kom­mu­ni­zie­ren kön­nen: »Hier gibt es kei­ne demo­kra­ti­schen Abstim­mun­gen, kei­ne Dis­kus­sio­nen oder Debatten.«

Auch des­halb bedür­fe es einer Neu­ge­wich­tung der Natur­wis­sen­schaf­ten, in denen Theo­rien und Hypo­the­sen per­ma­nent geprüft und oft­mals wie­der ver­wor­fen wer­den – Irr­tum als Metho­de. So weit, so richtig.

Doch unter­schla­gen die Autoren in die­sem Kon­text die Dif­fe­renz, die dar­in besteht, daß ein Irr­tum bei – bei­spiels­wei­se – Expe­ri­men­ten mit Was­ser­mo­le­kü­len etwas ande­res ist als beim Expe­ri­ment am leben­den Objekt namens Mensch in der Coro­na­-Kri­se: Hier per­ma­nent zu fal­si­fi­zie­ren und am Ende womög­lich zu sagen, man sei eben einem Irr­tum nach dem ande­ren unter­le­gen, gibt mög­li­chen Fol­ge­schä­den, ins­be­son­de­re bei Kin­dern, zu viel Entfaltungsraum.

Über die­sen Wider­spruch hät­te man ger­ne aus paten­ter Feder etwas erfah­ren – tut es aber nicht. Statt des­sen erge­hen sich die Autoren in einer recht unori­gi­nel­len Affir­ma­ti­on der Klima­ideologie und der Abkan­ze­lung ihrer Kri­ti­ker, die »nicht wis­sen, wovon sie spre­chen«, und doch (unter­tä­nig?) nach­fra­gen soll­ten bei den Erleuch­te­ten: »War­um äußern Kri­ti­ker so etwas [Zwei­fel am ent­schei­den­den Ein­fluß des Men­schen auf den Kli­ma­wan­del]? Sie hät­ten doch ein­fach einen Kli­ma­for­scher anru­fen und ihn fra­gen kön­nen: ›Kön­nen Sie mir das noch mal erklären?‹«

Bei der­art zur Schau gestell­ter Über­heb­lich­keit gehen die kor­rek­ten Teil­aspek­te der Schrift unter, zumal auch sie kaum neue Erkennt­nis­se bereit­hal­ten, son­dern viel­mehr an All­ge­mein­plät­ze erin­nern (Res­sour­cen des Pla­ne­ten sind begrenzt; unge­hemm­tes Wachs­tum bleibt daher kri­tisch zu sehen u. ä.).

Das Buch ist folg­lich nicht, wie Lesch und Kam­p­hau­sen pos­tu­lie­ren, »ein Auf­ruf zum Gespräch«, son­dern eine Absa­ge an mög­li­che Ant­ago­nis­ten und eine Auf­for­de­rung an alle, der spe­zi­fi­schen Les­art der Autoren zu fol­gen. Als Ziel­punkt geben sie unter ande­rem an, daß, gestützt durch Natur­wis­sen­schaft­ler, »eine Debat­te über die Wer­te, nach denen wir leben wol­len und die für uns nicht ver­han­del­bar sind«, ange­sto­ßen wird.

Bei soviel Selbst­über­zeu­gung und sowe­nig Selbst­zwei­feln läßt sich zumin­dest erah­nen, wie Wider­sa­chern ihrer »nicht ver­han­del­ba­ren« Wer­te begeg­net wer­den soll. Auch damit erwei­sen sich Lesch und Kam­p­hau­sen als cha­rak­te­ris­ti­sche Ver­tre­ter des zeit­ge­nös­si­schen Estab­lish­ments und wür­di­ge Neben­buh­ler ihrer geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Kollegen.

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Harald Lesch, Klaus Kam­p­hau­sen: Denkt mit! Wie uns Wis­sen­schaft in Kri­sen­zei­ten hel­fen kann, Mün­chen: Pen­gu­in Ver­lag 2021. 128 S., 14 €

 

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Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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