Hamed Abdel-Samad: Schlacht der Identitäten

von Felix Dirsch -

Globalisierung, Migration und verstärkte Versuche der politischen Linken,...

 Gastbeitrag

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Grup­pen­iden­ti­tä­ten zu instru­men­ta­li­sie­ren, sind der Hin­ter­grund für den Boom, den das The­ma in letz­ter Zeit erlebt. In der Viel­falt der Ant­wor­ten, die auf die Fra­ge »Wer bin ich?« mög­lich ist, steckt erheb­li­ches poli­ti­sches Mißbrauchspotential.

Die Fül­le an Aspek­ten und Wider­sprü­chen von der (teil­wei­se gewähl­ten) Ich-Iden­ti­tät über Grup­pen-Bin­dun­gen (Reli­gi­on, Fami­lie, sexu­el­le Ori­en­tie­rung und so fort) bis hin zu natio­na­len Prä­ge­kräf­ten spie­gelt sich im spe­zi­el­len in den Kon­flik­ten um Ras­se und Rassismus.

Wie wenig kon­sis­tent die Argu­men­ta­ti­on vie­ler Lin­ken ist, zeigt die Tat­sa­che, daß von die­ser Sei­te die Exis­tenz von Ras­sen einer­seits ger­ne geleug­net und als blo­ße Fremd­zu­schrei­bung ohne eigent­li­ches Fun­da­ment betrach­tet wird; ande­rer­seits steigt indes­sen die Men­ge her­bei­phan­ta­sier­ter Ras­sis­ten von Jahr zu Jahr kon­ti­nu­ier­lich, ohne die die gan­ze Bla­se der Links­iden­ti­tä­ren beson­ders an den kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tä­ten der Uni­ver­si­tä­ten arbeits­los wäre.

Die neu­es­te von dem aus Ägyp­ten stam­men­den Publi­zis­ten und Best­sel­ler­au­tor Hamed ­Abdel-Samad ver­faß­te Schrift hebt sich von vie­len Dar­stel­lun­gen dadurch ab, daß sie eine ande­re als die hyper­mo­ra­lisch-emo­tio­na­le Her­an­ge­hens­wei­se pflegt. Sie geht sach­lich-reflek­tiert vor. Auch eige­ne Erfah­run­gen kom­men zur Sprache.

Der Autor kam bereits als Sohn eines Imams mit anti­christ­li­chen Affek­ten in Berüh­rung. Spä­ter wur­de er von Mus­li­men als zu wenig isla­misch gebrand­markt, im Wes­ten wie­der­um manch­mal als Frem­der aus­ge­grenzt. Er weiß, daß er selbst nicht ganz frei von sol­chen dis­kri­mi­nie­ren­den Nei­gun­gen ist. In 20 The­sen ver­sucht er eine mul­ti­fak­to­ri­el­le Ana­ly­se, deren Aus­ge­wo­gen­heit hervorsticht.

Der Zugang des Autors zeigt sich nicht zuletzt in der Ein­ord­nung ent­spre­chen­der Phä­no­me­ne im Sin­ne einer anthro­po­lo­gi­schen Kon­stan­ten. In der Evo­lu­ti­ons­ge­schich­te war die Abgren­zung von Ange­hö­ri­gen ande­rer Grup­pen oft über­le­bens­wich­tig. Angst und Demü­ti­gun­gen waren und sind nicht zu unter­schät­zen­de Trieb­fe­dern des Ver­hal­tens. Die­ses Fak­tum ist aber kein Grund, Vor­stel­lun­gen grund­sätz­li­cher Über­le­gen­heit auf­grund der Zuge­hö­rig­keit zu bestimm­ten Kom­mu­ni­tä­ten nicht kri­tisch zu beäugen.

Erfreu­lich ist, daß ein poli­tisch unkor­rek­ter Beob­ach­ter wie Abdel-Samad auch die osten­ta­ti­ven lin­ken Ras­sis­mus-Ver­äch­ter unter die Lupe nimmt und ihnen den Spie­gel vor­hält. Die inhä­ren­te Dia­lek­tik von deren Argu­men­ta­ti­on ist offen­kun­dig: Die­je­ni­gen, die sich ver­meint­lich beson­ders um Migran­ten und Far­bi­ge sor­gen und am liebs­ten die gan­ze Spra­che neu schaf­fen wür­den, um Dis­kri­mi­nie­run­gen zu ver­mei­den, sind beson­de­re Feind­bild­pro­du­zen­ten: Die bereits sprich­wört­li­chen alten wie ein­hei­mi­schen wei­ßen Män­ner sind nur ein Objekt ihrer mit­un­ter hef­ti­gen Atta­cken. Der frü­he­re Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Thier­se gehört zu denen, die ein Lied davon sin­gen können.

Natür­lich kann Abdel-Samad nicht jedes Zuge­ständ­nis an die Wäch­ter des Ras­sis­mus-Dis­kur­ses ver­mei­den. So hat sich der ehe­ma­li­ge US-Prä­si­dent Donald Trump, anders als Abdel-Samad schreibt, mit­nich­ten über alle Mexi­ka­ner nega­tiv geäu­ßert, son­dern in ers­ter Linie Mit­glie­der der Gang MS-13 ange­grif­fen, die für vie­le Straf­ta­ten in sei­nem Land ver­ant­wort­lich sind.

Abdel-Samad ver­sucht, einen Aus­weg aus den ver­fah­re­nen Debat­ten auf­zu­zei­gen. Dabei schließt er an Vor­stel­lun­gen ande­rer libe­ra­ler Intel­lek­tu­el­ler wie des NZZ-Chef­re­dak­teurs Eric Gujer und des US-Poli­to­lo­gen Fran­cis Fuku­ya­ma an: Der öffent­lich hef­tig Ange­fein­de­te for­dert einen auf­ge­klär­ten Indi­vi­dua­lis­mus, der die Frei­heit, Zuge­hö­rig­kei­ten zu wäh­len und sub­jek­tiv zu hier­ar­chi­sie­ren, in den Mit­tel­punkt rückt; wei­ter macht er sich für eine empa­thi­sche Gesell­schaft stark, die er jen­seits uto­pi­scher Vor­stel­lun­gen ansiedelt.

Eine dif­fe­ren­zier­te Lek­tü­re, die unbe­dingt zu emp­feh­len ist!

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Hamed Abdel-Samad: Schlacht der Iden­ti­tä­ten. 20 The­sen zum Ras­sis­mus – und wie wir ihm die Macht neh­men, Mün­chen: dtv 2021. 141 S., 14 €

 

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