Hannes Hofbauer, Stefan Kraft (Hrsg.): Herrschaft der Angst

In der 92. Sezession (Oktober 2019) wurde eine »kluge Linke« porträtiert, die sich um Verlage wie...

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Pro­me­dia in Wien und das Peri­odi­kum ­Lunapark21. zeit­schrift zur kri­tik der glo­ba­len poli­ti­schen öko­no­mie (LP21) grup­piert. Doch selbst die­se mino­ri­tä­re Ver­nunft­lin­ke zeigt sich nun ange­sichts der mög­li­chen Ant­wor­ten auf die Coro­na-Kri­se argu­men­ta­tiv uneins: Im Edi­to­ri­al der 53. LP21 (Früh­jahr 2021) wird das deutlich.

Chef­re­dak­teur Win­fried Wolf räumt ein, daß die Redak­ti­on gespal­ten sei: Ein Mit­glied, Han­nes Hof­bau­er, ver­tre­te abwei­chen­de Stand­punk­te, wäh­rend Wolf und eine »deut­li­che Mehr­heit« der Redak­teu­re bei der Initia­ti­ve Zero­Co­vid mit­wir­ken. Das ist kei­ne Peti­tes­se, zumal das Aus­sche­ren Hof­bau­ers aus jener lin­ken Stoß­rich­tung, die sich durch die For­de­rung nach einem voll­stän­di­gen Shut­down (anstel­le tem­po­rä­rer Lock­downs) Gehör ver­schafft hat, sich nicht auf LP21-Mei­nungs­bei­trä­ge beschrän­ken läßt.

Hof­bau­er, über das eige­ne Milieu hin­aus bekannt­ge­wor­den als Pro­me­dia-Ver­le­ger und zuletzt durch sein Buch Kri­tik der Migra­ti­on (vgl. Sezes­si­on 90), ver­sam­melt das lin­ke Who’s who der Skep­ti­ker der offi­ziö­sen Coro­na-Poli­tik in einem Sam­mel­band mit dem spre­chen­den Titel Herr­schaft der Angst. Es wir­ken Autoren wie Mos­he Zucker­mann und Joa­chim Hirsch, Wolf Wet­zel und Nor­man Paech mit, die inner­halb der Lin­ken durch­aus ein gewis­ses Renom­mee besit­zen. Das könn­te sich mit vor­lie­gen­der Text­samm­lung ändern.

Denn bereits im Vor­wort der Her­aus­ge­ber Hof­bau­er und Ste­fan Kraft (einem Rosa-Luxem­burg-Exper­ten) wird die poten­ti­el­le Gefahr des Virus nüch­tern beschrie­ben und die Lock­down-Poli­tik als ver­hee­rend ver­wor­fen. Die ver­ei­nig­te Lin­ke, die ent­we­der die Regie­rungs­po­li­tik stützt oder gar noch här­te­re Maß­nah­men ein­for­dert (Zero­Co­vid und der­glei­chen), wird offen adres­siert: Eine Lin­ke, die so hand­le, habe »ihren Anspruch auf Oppo­si­ti­on verwirkt«.

Ver­ständ­lich wird die­se Aus­gangs­the­se anhand eini­ger mar­kan­ter Bei­trä­ge. Her­vor­zu­he­ben ist zunächst Zucker­manns Bei­trag über »Geschich­te, Angst und Ideo­lo­gie«, in dem die Ver­bin­dung aus Angst und Poli­tik scharf­sich­tig ein­ge­ord­net wird. Hirschs Essay über »Angst und Herr­schaft« knüpft hier an und zeigt, wie die Pan­de­mie herr­schafts­tech­nisch benutzt wird, »nicht nur zur Auf­he­bung zen­tra­ler Grund- und Frei­heits­rech­te, son­dern auch zum wei­te­ren Aus­bau des Kon­troll- und ­Über­wa­chungs­staa­tes«, was spä­tes­tens mit der erfolg­rei­chen Durch­set­zung des Staats­tro­ja­ners für alle 19 Geheim­diens­te der BRD mar­kant wur­de, die dem Gesetz­ge­ber im Schat­ten der Fuß­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft und der som­mer­li­chen Coro­na-Locke­run­gen gelang.

Wolf Wet­zel schil­dert her­nach die »end­lo­se Geschich­te der Aus­nah­me­zu­stän­de (in Deutsch­land)«, wobei ins­be­son­de­re die Aus­füh­run­gen zur Repres­si­ons­wel­le gegen die dama­li­ge Lin­ke 1977 ff. lesens­wert erschei­nen: Hier ist zu befürch­ten, daß kom­men­de Neu­auf­la­gen bereits durch­ex­er­zier­ter Ritua­le (von Berufs­ver­bo­ten bis Kon­takt­be­schrän­kun­gen) die poli­ti­sche Rech­te von heu­te ungleich här­ter tref­fen dürften.

Den Grund kann man Wet­zels zwei­tem Bei­trag (»Den Stier an den Hör­nern packen«) ent­neh­men: Die zeit­ge­nös­si­sche Lin­ke ist macht­hö­rig, kon­for­mis­tisch-rebel­lisch, zeigt sich zu oft als »Begleit­schutz der Gro­ßen Koali­ti­on«, kei­nes­wegs als Her­aus­for­de­rer. Das lie­ge auch dar­an, wie man bei Karl Reit­ter (»Die Lin­ke und die Angst vor Coro­na«) spü­ren kann, daß sie eine Initia­ti­ve unter­stüt­ze, die als »kata­stro­phal« zu bezeich­nen sei – gemeint ist Zero­Co­vid, also jenes Pro­jekt, das auch die LP21-Lin­ke min­des­tens argu­men­ta­tiv entzweit.

Die Tat­sa­che, daß das Gros der Auf­sät­ze nicht nur für Inter­es­sier­te an lin­ken Dis­kur­sen, son­dern für alle poli­tisch akti­ven Men­schen in der anhal­ten­den Coro­na-Kri­se lehr­reich ist, wird unwe­sent­lich geschmä­lert durch eini­ge Bei­trä­ge, die vom Niveau abfal­len; ein typi­sches Sam­mel­band-Phä­no­men. Ob Die­ter Dehm (»Angst essen Zel­le auf«), der sich oft als Pol­ter­po­pu­list aus dem Bun­des­tag Gehör ver­schafft, wirk­lich hät­te sei­nen Bei­trag bei­steu­ern müs­sen, scheint frag­lich, und war­um das Faß der »Isla­mo­pho­bie« geöff­net wer­den muß­te, das den Blick vom eigent­lich zu bear­bei­ten­den The­ma der Autoren weg­lenkt, wis­sen nur die Herausgeber.

Die­ser Ein­wän­de ein­ge­denk, ist Herr­schaft der Angst eines der weni­gen Bücher mit expli­zi­tem Coro­na-Schwer­punkt, das man wirk­lich gele­sen haben soll­te. Ein­mal mehr dürf­ten zeit­ge­nös­si­sche Nicht­lin­ke mehr poli­ti­sche Essenz ent­neh­men kön­nen als die zeit­geis­ti­ge Lin­ke, die der Hof­bau­er-Kraft-Autoren­schaft längst nur mehr eine mar­gi­na­le Nische über­las­sen hat.

Schon allein des­halb bleibt auch das Fazit aus dem Okto­ber 2019 aktu­ell, wonach »Erkennt­nis­ge­winn links der Mit­te zwar mög­lich ist, daß prak­ti­sche Schluß­fol­ge­run­gen aber nur (neu)rechts wirk­sam wer­den könnten«.

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Han­nes Hof­bau­er, Ste­fan Kraft (Hrsg.): Herr­schaft der Angst. Von der Bedro­hung zum Aus­nah­me­zu­stand, Wien: Pro­me­dia Ver­lag 2021. 320 S., 22 €

 

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Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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