Autorenporträt Wilhelm Röpke

von Bernard Udau

PDF der Druckfassung aus Sezession 104/ Oktober 2021

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Ein The­ma zieht sich durch das gesam­te Werk des Natio­nal­öko­no­men Wil­helm Röp­ke: die tie­fe Abscheu vor den furcht­ba­ren Ereig­nis­sen der bei­den Welt­krie­ge und vor der Schre­ckens­herr­schaft des Natio­nal­so­zia­lis­mus und des Sowjetkommunismus.

1899 in Schwarm­s­tedt bei Han­no­ver gebo­ren, war er dazu ver­dammt, all das haut­nah mit­zu­er­le­ben, und sein Schaf­fen als Wis­sen­schaft­ler läßt sich zusam­men­fas­sen als den Ver­such, eine Gesell­schafts­ord­nung zu fin­den, die ein erneu­tes Abglei­ten der Völ­ker in die Bar­ba­rei ver­hin­dern würde.

Schon rein äußer­lich war sein Lebens­weg mit den Kata­stro­phen sei­ner Zeit ver­wo­ben. Nach­dem sein Bru­der 1917 gefal­len war, nahm er 1918 als 18jähriger Fah­nen­jun­ker im Füsi­lier-Regi­ment Nr. 73 am Unter­neh­men »Micha­el« an der West­front teil. Dort dien­te auch Ernst Jün­ger, aber des­sen Kriegs­be­geis­te­rung teil­te Röp­ke kei­nes­wegs, im Gegen­teil, er führ­te sie spä­ter viel­mehr ger­ne als Beweis für die Deka­denz der deut­schen Intel­li­genz an.

Nach­dem er mit 24 Jah­ren Deutsch­lands jüngs­ter Pro­fes­sor gewor­den war, enga­gier­te er sich min­des­tens seit 1930 gegen den auf­kom­men­den Natio­nal­so­zia­lis­mus, ver­teil­te Flug­blät­ter und warn­te in Vor­trä­gen vor einer rück­sichts­lo­sen Dik­ta­tur durch die Nazis. Sein Enga­ge­ment führ­te am 25. April 1933 zu sei­ner Ent­fer­nung aus dem Lehr­amt an der Uni­ver­si­tät Mar­burg. Noch im sel­ben Jahr floh er aus Deutschland.

Nach einer Zwi­schen­sta­ti­on an der Uni­ver­si­tät Istan­bul lehr­te er ab 1937 als Pro­fes­sor für Wirt­schafts­fra­gen am Gen­fer Hoch­schul­in­sti­tut für inter­na­tio­na­le Stu­di­en, wo er bis zu sei­nem Tod im Jah­re 1966 blieb. Dort ent­stand die wich­ti­ge Tri­lo­gie aus den Büchern Gesell­schafts­k­ri­sis der Gegen­wart (1942), ­Civi­tas huma­na (1944) und Inter­na­tio­na­le Ord­nung (1945), in denen er sich mit dem Ver­fall der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on und der sich dar­aus erge­ben­den Gefahr des Kol­lek­ti­vis­mus auseinandersetzte.

Röp­ke war ein Neo­li­be­ra­ler im ursprüng­li­chen Sin­ne des Wor­tes – ehe der Neo­li­be­ra­lis­mus zu einem Mode­schimpfwort wur­de. Den Lais­ser-fai­re-Kapi­ta­lis­mus des 19. Jahr­hun­derts lehn­te Röp­ke dem­entspre­chend ab. Stets war er auf der Suche nach einem »Drit­ten Weg«, nach einer Gesell­schafts­ord­nung, die weder eine rei­ne Markt- noch eine rei­ne Plan­wirt­schaft sein dür­fe, da nur so ein Abglei­ten in den Kol­lek­ti­vis­mus ver­hin­dert wer­den könne.

In Deutsch­land kann man die Ordo­li­be­ra­len um Wal­ter Eucken zum Neo­li­be­ra­lis­mus zäh­len. Es ist nicht üblich, Wil­helm Röp­ke direkt dem Ordo­li­be­ra­lis­mus zuzu­rech­nen. Gemein­sam ist Röp­ke und den Ordo­li­be­ra­len das Bewußt­sein für die Not­wen­dig­keit einer Ord­nung, in die die Markt­wirt­schaft ein­ge­bet­tet wer­den müs­se, damit sie nicht per­ver­tiert und zu Ver­mach­tun­gen und Ungleich­heit führt. Da Röp­ke sich, anders als ­Eucken, vor allem mit den zwi­schen­mensch­li­chen Bin­dungs­kräf­ten befaß­te, die eine freie Gesell­schafts­ord­nung benö­tigt, ord­net man ihn in der Regel mit Alex­an­der Rüs­tow dem »sozio­lo­gi­schen Neo­li­be­ra­lis­mus« zu. Mit ­Rüs­tow hat­te Röp­ke in Istan­bul meh­re­re sei­ner Wer­ke gedank­lich vorbereitet.

Röp­ke gilt als einer der geis­ti­gen Väter der Sozia­len Markt­wirt­schaft. Es ist bekannt, daß Lud­wig Erhard noch wäh­rend des Krie­ges Röp­kes Tri­lo­gie las und davon begeis­tert war. Spä­ter ent­wi­ckel­te sich auch eine Kor­re­spon­denz zwi­schen den bei­den, aber Röp­kes direk­ter Ein­fluß auf Erhard ist eher gering ein­zu­schät­zen, da die­ser sei­ne Ideen im wesent­li­chen schon zuvor ent­wi­ckelt hat­te. Als Erhard Röp­ke ein (ein­zi­ges) Mal um eine Regie­rungs­be­ra­tung bat, lehn­te die­ser aus Zeit­grün­den ab.

Röp­ke scheint aber inso­fern direk­ten Ein­fluß auf die deut­sche Wirt­schafts­po­li­tik genom­men zu haben, als Ade­nau­er durch die Lek­tü­re eini­ger von Röp­kes Schrif­ten dar­in bestärkt wur­de, Erhard im Wirt­schafts­rat des Ver­ei­nig­ten Wirt­schafts­ge­bie­tes und spä­ter im ers­ten Kabi­nett zu unter­stüt­zen. Außer­dem schrieb Röp­ke 1950 auf Bit­ten Ade­nau­ers ein Gut­ach­ten über Erhards Wirt­schafts­po­li­tik. Das Gut­ach­ten war sehr posi­tiv, was die Posi­ti­on Erhards beim schwan­ken­den Ade­nau­er offen­bar wie­der stärkte.

Was Röp­ke von ande­ren Neo­li­be­ra­len unter­schei­det, ist sei­ne strik­te Ableh­nung alles Kolos­sa­len in Wirt­schaft und Gesell­schaft. Gemein­schafts­le­ben und mensch­li­ches Maß waren Trieb­fe­dern sei­ner Arbeit. Gleich­zei­tig war der Kampf gegen alles Erha­be­ne nach dem Zusam­men­bruch 1945 für ihn nur schwer erträglich.

Der bekann­te Satz Le Cor­bu­si­ers, daß der Kern unse­rer alten Städ­te mit ihren Domen und Müns­tern zer­schla­gen und durch Wol­ken­krat­zer ersetzt wer­den müs­se, drück­te für Röp­ke poin­tiert aus, wor­auf die Denk­wei­se sei­ner moder­nen Zeit­ge­nos­sen hin­aus­lief. Sie wür­den »jener abscheu­li­chen Men­ta­li­tät des ›Avant­gar­dis­mus um jeden Preis‹ näher­ste­hen, als sie ahnen« (Maß und Mit­te, S. 161).

Cha­rak­te­ris­tisch für Röp­ke ist fol­gen­de Pas­sa­ge: »Eine gesun­de und fest in sich selbst ruhen­de Gesell­schaft besitzt eine ech­te ›Struk­tur‹ mit vie­len Zwi­schen­stu­fen; sie weist einen not­wen­di­gen ›hier­ar­chi­schen‹ (d. h. nach den gesell­schafts­wich­ti­gen Funk­tio­nen, Leis­tun­gen und Füh­rer­qua­li­tä­ten geglie­der­ten) Auf­bau auf, in dem der ein­zel­ne das Glück hat, zu wis­sen, wo er steht.

Wäh­rend eine sol­che Gesell­schaft sich auf die grup­pie­ren­de Funk­ti­on ech­ter, mit mensch­li­cher Wär­me erfüll­ter Gemein­schaf­ten (der Nach­bar­schaft, der Fami­lie, der Gemein­de, der Kir­che, des Beru­fes) stützt, hat sich die Gesell­schaft in den letz­ten hun­dert Jah­ren von einem sol­chen Ide­al immer wei­ter ent­fernt und sich in Hau­fen von abs­trak­ten Indi­vi­du­en auf­ge­löst, die als Men­schen eben­so ein­sam und iso­liert wie als blo­ße sozia­le Funk­ti­ons­trä­ger ter­mi­ten­ar­tig zusam­men­ge­preßt sind.« (Gesell­schafts­k­ri­sis, S. 23)

Der Kapi­ta­lis­mus, wie er im 19. und begin­nen­den 20. Jahr­hun­dert ver­wirk­licht war, trägt für Röp­ke einen gro­ßen Teil der Schuld an der Ver­mas­sung der Mensch­heit und damit auch – das ist beson­ders wich­tig – an der Ent­ste­hung des Kollektivismus.

Die klas­si­schen Libe­ra­len hät­ten ver­ges­sen, daß eine Gesell­schaft ohne ver­ti­ka­le und hori­zon­ta­le Glie­de­rung nicht bestehen kön­ne und daß ein Gesell­schafts­sys­tem, »des­sen Ord­nungs­ele­ment allein die Frei­heit ist, der Auf­lö­sung und dann dem Des­po­tis­mus anheim­fällt« (Gesell­schafts­k­ri­sis, S. 71). Frei­heit ohne Bin­dung wer­de irgend­wann zur ärgs­ten Unfrei­heit. Der Markt allei­ne erzeu­ge kei­ne ech­te Gemein­schaft, viel­mehr fin­de durch ihn ledig­lich »Pseu­do­in­te­gra­ti­on« statt. Er sor­ge für die »Zer­mah­lung der Gesell­schaft in den Sand­hau­fen der Indi­vi­du­en« und in der Fol­ge, unter­stützt durch die sozi­al­staat­lich orga­ni­sier­te Mas­sen­ver­sor­gung, für deren »Zusam­men­bal­lung und Ver­klum­pung in unge­glie­der­ten […] Mas­sen­ge­bil­den« (Gesell­schafts­k­ri­sis, S. 24).

Man soll­te aus die­sen Aus­sa­gen nicht fol­gern, daß Röp­ke ein grund­sätz­li­cher Geg­ner der Markt­wirt­schaft gewe­sen wäre. Wer sich vom Gegen­teil über­zeu­gen will, lese sei­ne heu­te noch emp­feh­lens­wer­te Ein­füh­rung in die Natio­nal­öko­no­mie mit dem Titel Die Leh­re von der Wirt­schaft (1937). Röp­kes Kri­tik rich­tet sich nicht gegen den Markt an sich, son­dern ein­zig gegen sei­ne Ver­ab­so­lu­tie­rung. Denn dar­aus folg­ten zugleich die Ver­ein­ze­lung und die Ver­mas­sung der Men­schen, und dies wie­der­um sei der Nähr­bo­den für Sozia­lis­mus und Faschismus.

Den Markt kann und soll man nach Mei­nung Röp­kes nicht abso­lut set­zen, weil er nicht auto­nom ist. Damit er funk­tio­niert, müs­sen außer­wirt­schaft­li­che Bedin­gun­gen erfüllt sein. Die unsicht­ba­re Hand des Mark­tes sei näm­lich kei­nes­wegs ein »Natur­ge­wächs«, wie vie­le klas­si­sche Libe­ra­le annäh­men, son­dern »in Wahr­heit ein höchst gebrech­li­ches Kunst­pro­dukt der Zivi­li­sa­ti­on« (Gesell­schafts­k­ri­sis, S. 85).

Im fol­gen­den Aus­spruch, der an das Böcken­för­de-Dik­tum erin­nert, wird Röp­kes Posi­ti­on beson­ders deut­lich: »Wäh­rend wir heu­te wis­sen (was man immer hät­te wis­sen kön­nen), daß die Kon­kur­renz­wirt­schaft ein Moral­zeh­rer ist und daher Moral­re­ser­ven außer­halb der Markt­wirt­schaft vor­aus­setzt, war man ver­blen­det genug, sie für einen Moral­an­rei­che­rer zu hal­ten.« (Gesell­schafts­k­ri­sis, S. 86)

Es war laut Röp­ke der ent­schei­den­de Feh­ler des »his­to­ri­schen Libe­ra­lis­mus«, das über­se­hen zu haben. Indem die­ser die Markt­wirt­schaft sich sel­ber über­las­sen habe, sei er mit­ver­ant­wort­lich für die »Per­ver­tie­rung der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung«, für die »mons­trö­sen Indus­trie­re­vie­re und Groß­städ­te«, für »Mono­po­le, Mam­mut­in­dus­trien, Akti­en­ge­sell­schaf­ten, Hol­ding­ge­sell­schaf­ten, Mas­sen­fa­bri­ka­ti­on, Pro­le­ta­ri­at usw.« (Gesell­schafts­k­ri­sis, S. 87 u. 178), kurz, für den »Kult des Kolos­sa­len«, der dem Kol­lek­ti­vis­mus den Weg bereite.

Vie­le Libe­ra­le könn­ten sich den Kapi­ta­lis­mus gar nicht mehr anders als unter die­sen Bedin­gun­gen vor­stel­len und klam­mer­ten sich ent­spre­chend dar­an. Aber genau das sei das bes­te Fut­ter für Sozia­lis­ten und Kol­lek­ti­vis­ten. Denn indem Libe­ra­le das bestehen­de Sys­tem ver­tei­dig­ten, mach­ten sie sich zu Apo­lo­ge­ten einer per­ver­tier­ten Markt­wirt­schaft, die durch­setzt sei von Ungleich­hei­ten und wirt­schaft­li­chen Macht­po­si­tio­nen, die nicht auf wirt­schaft­li­chen Leis­tun­gen, son­dern auf öko­no­misch nicht legi­ti­mier­ten Pri­vi­le­gi­en beruhten.

Wenn also der Staat kei­ne ver­nünf­ti­ge Rechts­ord­nung bereit­stel­le, wel­che alle Pri­vi­le­gi­en besei­ti­ge und Ver­mach­tun­gen im Markt­pro­zeß ver­hin­de­re, kön­ne die Markt­wirt­schaft dau­er­haft nicht funk­tio­nie­ren: Sie per­ver­tie­re. Man müs­se sich an den Gedan­ken gewöh­nen, daß ein gesun­des Wirt­schafts­le­ben auch ohne Hol­ding­ge­sell­schaf­ten, recht­lich geschütz­te Paten­te und Mono­po­le, ja sogar ohne Akti­en­ge­sell­schaf­ten und GmbHs vor­stell­bar sei.

Ins­be­son­de­re staat­lich gewähr­te Haf­tungs­be­schrän­kun­gen führ­ten zu Kapi­tal­zu­sam­men­bal­lun­gen und Betriebs­kon­zen­tra­tio­nen und för­der­ten die wirt­schaft­li­che Ver­mach­tung. Auch Eucken wies übri­gens an zen­tra­ler Stel­le auf die gefähr­li­chen Fol­gen von Haf­tungs­be­schrän­kun­gen und ähn­li­chen Pri­vi­le­gi­en hin. Gesetz­lich berück­sich­tigt wur­den die­se War­nun­gen jedoch nie.

Es ist mit Nach­druck zu beto­nen, daß Röp­ke im moder­nen Sozi­al­staat kei­nes­wegs die Lösung für die Ver­mas­sung und die Pro­le­ta­ri­sie­rung der Gesell­schaft erblick­te. Im Gegen­teil: Die übli­che »fort­schritt­li­che Sozi­al­po­li­tik« steue­re einen wesent­li­chen Teil zur Ver­schlim­me­rung des Pro­blems bei: »Blind dage­gen, daß die Wur­zel des Übels nicht im Mate­ri­el­len, son­dern in der Pro­le­ta­ri­sie­rung zu suchen, die Arbei­ter­fra­ge also in ers­ter Linie eine Per­sön­lich­keits­fra­ge ist, hat jene Sozi­al­po­li­tik nur zu oft die Lösung dar­in gesucht, durch eine immer umfas­sen­de­re und eine wach­sen­de Sozi­al­bü­ro­kra­tie ins Leben rufen­de Sozi­al­ge­setz­ge­bung, […] durch eine unge­hemm­te Poli­tik der Lohn­er­hö­hung und Arbeits­zeit­ver­min­de­rung […] an den Symp­tomen her­um­zu­ku­rie­ren, ohne die Hei­lung des Grund­übels auch nur ins Auge zu fas­sen.« (Gesell­schafts­k­ri­sis, S. 351)

Sozi­al­re­for­mer wie klas­si­sche Libe­ra­le über­sä­hen die kul­tu­rel­len und mora­li­schen Vor­aus­set­zun­gen eines gesun­den Wirt­schafts­le­bens. Ihr fort­wäh­ren­der Streit dre­he sich um »Fra­gen des öko­no­mi­schen Geld­kal­küls« und gehe daher völ­lig am Kern des Pro­blems vor­bei. Eigent­li­ches Ziel müs­se der Abbau des Pro­le­ta­ri­ats, die Wie­der­erlan­gung der wirt­schaft­li­chen Unab­hän­gig­keit der ein­zel­nen sein.

Wie sah nun aber Röp­kes Rezept gegen den Kult des Kolos­sa­len aus? In sei­nem Buch Jen­seits von Ange­bot und Nach­fra­ge (1958, 41966) emp­fiehlt er die ver­zwei­fel­te »The­ra­pie der Dezen­tra­li­sa­ti­on, der ›Wie­der­ver­wur­ze­lung‹, der ›Ent­mas­sung‹ und der ›Ent­pro­le­ta­ri­sie­rung‹« (S. 24). Die Ret­tung hän­ge davon ab, daß sich immer mehr fän­den, die inmit­ten der »geis­tig-reli­giö­sen Kri­se« den Mut hät­ten, mit sich inner­lich zu Rate zu gehen und sich auf das »alte Wah­re« zu besin­nen (S. 25).

Inter­es­sant ist, daß die Nati­on in Röp­kes posi­ti­ven Über­le­gun­gen eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spielt. Es ist für ihn sogar ein Teil der Lösung, den Ein­fluß des natio­na­len Den­kens ein­zu­däm­men. In sei­ner Auto­bio­gra­phie Tor­hei­ten der Zeit (1966) erwähnt er zustim­mend zwei Ver­se aus Goe­thes Zah­men Xeni­en: »Ich bin Welt­be­woh­ner, / Bin Wei­ma­ra­ner.« Goe­the hat­te mit die­sem Sprung von der Regi­on zur Welt die Ebe­ne der Nati­on und den Bezug zu Deutsch­land aus­ge­las­sen. Mit dem distan­zier­ten Ver­hält­nis ­Goe­thes zu sei­ner Nati­on iden­ti­fi­zier­te sich Röp­ke zeit sei­nes Lebens. Sei­ne mora­li­schen Vor­stel­lun­gen beweg­ten sich zwi­schen den Polen loka­ler und dörf­li­cher Bin­dung einer­seits und uni­ver­sel­len christ­li­chen Wer­ten ande­rer­seits. Was sich dazwi­schen befin­det, die Nati­on und den Natio­nal­staat, betrach­te­te Röp­ke grund­sätz­lich mit Argwohn.

In Inter­na­tio­na­le Ord­nung schreibt er, daß ihn die Erfah­run­gen auf den Schlacht­fel­dern Frank­reichs zu einem glü­hen­den Has­ser des Krie­ges und des dum­men Natio­nal­stol­zes gemacht hät­ten. Sein Anti­na­tio­na­lis­mus habe ihn unwi­der­ruf­lich in das Lager der Frei­händ­ler geführt, und sein Haß auf den Krieg lief schließ­lich auf einen Pro­test gegen eine uner­träg­li­che Über­macht des Staa­tes hinaus.

Aus Röp­kes Sicht steht die Nati­on näm­lich der Ver­wirk­li­chung einer funk­ti­ons­fä­hi­gen Gesell­schafts­ord­nung in zwei­er­lei Wei­se im Wege. Nach unten hemmt oder blo­ckiert sie die Bil­dung funk­tio­nie­ren­der loka­ler Struk­tu­ren und Gemein­schaf­ten, die für die Ver­wur­ze­lung des Men­schen so wich­tig sind, und zwar tut sie das durch den Hang zur Zen­tra­li­sie­rung aller Ver­wal­tung und Ent­schei­dungs­ge­walt im moder­nen Natio­nal­staat. Nach oben ver­hin­dern der Ego­is­mus und der Natio­na­lis­mus der (oder eini­ger) Natio­nen die Schaf­fung eines fried­lich-frei­heit­li­chen Rah­mens für inter­na­tio­na­len Han­del und welt­wei­te Koope­ra­ti­on in glo­ba­len Angelegenheiten.

Was Röp­ke daher im Auge hat, ist »kei­ne natio­na­le Ord­nung, die sich Selbst­zweck ist und im Kon­flikts­fall die inter­na­tio­na­le opfert, son­dern eine sol­che, die an der inter­na­tio­na­len ori­en­tiert ist und sie von den unters­ten Stu­fen des Gesell­schafts­auf­baus her vor­be­rei­tet und stützt« (Inter­na­tio­na­le Ord­nung, S. 34). Wich­tig dabei ist, daß Röp­ke unter Inter­na­tio­na­li­sie­rung nicht die gedan­ken­lo­se Aus­la­ge­rung natio­na­ler Poli­tik in inter­na­tio­na­le Gre­mi­en und Orga­ni­sa­tio­nen verstand.

Der Idee einer euro­päi­schen Uni­on stand er bei­spiels­wei­se äußerst kri­tisch gegen­über, da er einen »Euro­päis­mus« vor­aus­sah, der die Unsit­te der Zen­tra­li­sie­rung von der Nati­on auf die euro­päi­sche Ebe­ne heben wür­de. Es ging ihm um eine Inter­na­tio­na­li­sie­rung unter dem Vor­zei­chen einer »Dezen­tra­li­sa­ti­on der Macht«, es ging ihm um die Schaf­fung einer »föde­ra­ti­ven Struk­tur«, bei der die poli­ti­sche Macht nur dann an die nächst­hö­he­re Ebe­ne über­tra­gen wer­de, wenn die jewei­li­ge Auf­ga­be auf unte­rer Ebe­ne nicht zu lösen sei.

Röp­ke war sehr an inter­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen und Regeln inter­es­siert, wel­che die Hand­lungs­frei­heit der Natio­nal­staa­ten ein­schrän­ken und bin­den wür­den, ohne dabei über­ge­ord­ne­te Tum­mel­plät­ze für Poli­ti­ker zu schaf­fen. Die Staa­ten soll­ten sich »so ver­hal­ten, als ob es einen Welt­staat gäbe«, ohne daß es tat­säch­lich einen gibt (Inter­na­tio­na­le Ord­nung, S. 42). Als gutes Bei­spiel für das, was er mein­te, läßt sich die Gold­wäh­rung anfüh­ren. Die­se funk­tio­nie­re näm­lich nach eige­nen, nur schwer mani­pu­lier­ba­ren Regeln und ent­fer­ne daher die inter­na­tio­na­le Geld­ord­nung aus dem Bereich der Poli­tik und damit der Willkür.

Röp­kes Schrif­ten kön­nen ein Aus­gangs­punkt für jeden sein, der eine frei­heit­li­che Gesell­schafts­ord­nung anstrebt, sei­ne kon­ser­va­ti­ven Wer­te dafür aber nicht opfern möch­te. Trotz­dem darf der Hin­weis nicht feh­len, daß auch er das Dilem­ma nicht lösen konn­te, in dem der Ordo­li­be­ra­lis­mus steckt.

Einer­seits sehn­te sich Röp­ke nach einer struk­tu­rier­ten Gesell­schaft, nach Gemein­schaf­ten und natür­li­chen Hier­ar­chien. Ande­rer­seits kann eine frei­heit­li­che Gesell­schafts­ord­nung sei­ner eige­nen Mei­nung nach nur funk­tio­nie­ren, wenn alle Pri­vi­le­gi­en und Macht­po­si­tio­nen besei­tigt wer­den. Hier lau­ert ein Widerspruch.

Man kann das Dilem­ma auch dar­an erken­nen, daß Röp­ke viel Kraft dar­auf ver­wen­de­te, die Feh­ler des im 19. Jahr­hun­dert ver­wirk­lich­ten Kapi­ta­lis­mus auf­zu­zei­gen, dann aber bei sei­nen Lösungs­vor­schlä­gen auf die libe­ra­len Insti­tu­tio­nen eben­die­ses Jahr­hun­derts – wie zum Bei­spiel die Gold­wäh­rung – verwies.

Es ist bis heu­te eine gro­ße Her­aus­for­de­rung für kon­ser­va­ti­ve Öko­no­men, an die­ser Stel­le über Röp­ke hinauszukommen.

 

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