Medialer Strategiewechsel für die AfD – ein Vorschlag

von Dirk Alt

PDF der Druckfassung aus Sezession 104/ Oktober 2021

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Wer sich der Mühe unter­zog, das am 18. Juli 2021 aus­ge­strahl­te »Sommer­interview« des ZDF mit dem AfD-Par­tei­vor­sit­zen­den Jörg Meu­then zu sich­ten, wur­de Zeu­ge eines exem­pla­ri­schen pro­pa­gan­dis­ti­schen Deba­kels, das nicht nur auf die all­ge­mei­ne Mise­re der Par­tei, son­dern min­des­tens eben­so­sehr auf deren grund­sätz­lich irri­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Medi­enst­ra­te­gie zurück­zu­füh­ren ist.

Es liegt wohl auf der Hand, daß David im Kampf unter­lie­gen muß, wenn er sich von Goli­ath die Regeln dik­tie­ren läßt, wenn er dem Rie­sen die Wahl des Schau­plat­zes und der Waf­fen über­läßt. Das allein ist schon schlimm genug.

Noch schlim­mer aber ist es, wenn der Kampf über­haupt nur wider­wil­lig geführt wird oder wenn bei­de Sei­ten gar eine still­schwei­gen­de Kom­pli­zen­schaft ein­ge­hen, um die­je­ni­gen zu dis­kre­di­tie­ren, die wirk­lich kämp­fen. Dies war beim »Som­mer­inter­view« der Fall, da sich das pri­mä­re Ziel der Macher, per­so­nel­le Ver­stri­ckun­gen der AfD mit dem soge­nann­ten Rechts­ex­tre­mis­mus mög­lichst effekt­voll ins Bewußt­sein zu rücken, mit dem Bedürf­nis des Inter­view­ten traf, sich als Bau­meis­ter einer »Brand­mau­er gegen rechts« zu gerie­ren. (Die­se Kon­stel­la­ti­on ist im übri­gen häu­fig gewor­den und kehrt regel­mä­ßig in der media­len Bericht­erstat­tung über zer­bro­che­ne Land­tags­frak­tio­nen, Par­tei­aus­trit­te und Milieu-Aus­stei­ger wieder.)

Ängst­lich auf eine bie­der-recht­schaf­fe­ne Außen­wir­kung bedacht, unter­warf sich Meu­then der hoch­not­pein­li­chen Befra­gung, die ihm das durch Shak­un­ta­la Baner­jee ver­kör­per­te Tri­bu­nal ange­dei­hen ließ, und teil­te dem Zuschau­er nur einen ein­zi­gen Moment der Erkennt­nis mit – als er näm­lich, nach­dem er sich zunächst noch ver­wun­dert gezeigt hat­te, »daß Sie mit die­sen alten Geschich­ten da kom­men«, kopf­schüt­telnd bemerk­te, es sei »das immer glei­che Mus­ter die­ser Inter­views«, dem er sich hier gegen­über sah.

Das trifft zu: Man kennt das Mus­ter, den Spiel­ver­lauf, die feind­li­chen Manö­ver und Figu­ren – und springt wider bes­se­res Wis­sen doch jedes Mal über die Stöck­chen, die einem hin­ge­hal­ten wer­den. Über wen muß man da den Kopf schüt­teln: über den, der die ihn selbst begüns­ti­gen­den Regeln auf­stellt, oder aber über den, der sie akzep­tiert und sich, nach­dem er Prü­gel bezo­gen hat, dar­über beklagt?

Obgleich sich die Sys­temm­edi­en in der Ver­gan­gen­heit ledig­lich bereit gefun­den haben, eine tak­ti­sche Hel­fer­rol­le im Kampf der Rech­ten gegen die Noch-Rech­te­ren zu spie­len, geben par­tei­in­ter­ne und par­tei­na­he Medi­en­schu­lun­gen unver­än­dert die Losung aus, man müs­se Jour­na­lis­ten nur maß­voll, offen und seri­ös genug ent­ge­gen­tre­ten, dann wer­de man mit­tel- bis lang­fris­tig auch in den Genuß einer eini­ger­ma­ßen respekt­vol­len, eini­ger­ma­ßen neu­tra­len Bericht­erstat­tung kom­men. Daß die­se Erwar­tungs­hal­tung auf Wunsch­den­ken beruht, müß­te indes jedem klar wer­den, der Ver­glei­che mit dem Zustand von vor vier oder fünf Jah­ren anstellt.

Im Hin­blick auf den media­len Kom­plex bewahr­hei­tet sich viel­mehr der Grund­satz, daß etwas, das Teil des Pro­blems ist, nicht Teil der Lösung sein kann. Man den­ke nur dar­an, daß eben­die­ser Kom­plex sich über Jahr­zehn­te beflei­ßig­te, Urteils­fä­hig­keit, Ansprü­che und Wer­te­emp­fin­den brei­ter Schich­ten her­ab­zu­züch­ten; der Volks­mund spricht von Ver­blö­dung. Man hal­te sich wei­ter vor Augen, mit wel­cher Lust eben­die­ser Kom­plex die Selbst­gleich­schal­tung voll­zog, wie er sich der Ver­fol­gung von Ket­zern und Rene­ga­ten ver­schrieb, wie er die fata­len poli­ti­schen Wei­chen­stel­lun­gen der Mer­kel-­Ära akkla­mier­te und wie er durch inzwi­schen völ­lig unver­hüll­te Pro­pa­gan­da- und Zer­set­zungs­tä­tig­keit die Vor­bür­ger­kriegs­stim­mung unse­rer Tage schürt. Nein, unter gar kei­nen Umstän­den kann der media­le Kom­plex ein Part­ner sein – er ist ein Feind, und viel­leicht, noch, der mäch­tigs­te von allen. Die­se Macht muß gebro­chen werden.

Es ist davon aus­zu­ge­hen, daß die­je­ni­gen, die sich die­ser Not­wen­dig­keit ver­schlie­ßen, mit nost­al­gi­scher Anhäng­lich­keit einer Welt ver­haf­tet sind, die, obgleich längst unter­ge­gan­gen, in dem umfas­sen­den Zer­streu­ungs- und Ver­drän­gungs­an­ge­bot des media­len Kom­ple­xes bis heu­te ein die Weck­ru­fe dämp­fen­des Nach­le­ben führt. Die­se Nost­al­gi­ker kön­nen nicht von dem Glau­ben las­sen, daß die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Medi­en vor nicht lan­ger Zeit noch einem offe­nen und frei­en Wett­streit der Mei­nun­gen die Büh­ne boten, daß sie Waf­fen­gleich­heit garan­tier­ten und auch dem Unbe­que­men eine Stim­me gaben, und daß eine Rück­kehr zu die­sem Zustand mög­lich ist.

Ihnen sei gesagt, was sie im Grun­de bereits wis­sen müß­ten: Eine Rück­kehr zu etwas, das es nicht gab, kann es nicht geben, und des­halb ist eine Kehrt­wen­de der Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Medi­enst­ra­te­gie der Par­tei unum­gäng­lich. Im fol­gen­den sei­en daher fünf Maß­nah­men vor­ge­schla­gen, mit denen eine sol­che Kehrt­wen­de erreicht wer­den könnte.

 

1. GEGENÖFFENTLICHKEIT STÄRKEN. Ein Gemein­platz, zwei­fel­los, aber einer, der so lan­ge vor­ge­bracht wer­den muß, bis an die Stel­le der fort­ge­setz­ten Anbie­de­rung bei den Sys­temm­edi­en end­lich eine geziel­te För­de­rung der Alter­na­ti­ven tritt. Ob Tichys Ein­blick, die Ach­se des Guten, die Jun­ge Frei­heit, Ein­Pro­zent oder die Sezes­si­on – zahl­rei­che der Gegen­öf­fent­lich­keit zuzu­ord­nen­den Platt­for­men haben, über die all­seits belieb­ten Video-Kom­men­ta­re (Vlogs) hin­aus, Anstren­gun­gen unter­nom­men, in die Domä­ne der audio­vi­su­el­len Bericht­erstat­tung ein­zu­bre­chen; unter tech­nisch-hand­werk­li­chen Gesichts­punk­ten müs­sen sie den Ver­gleich mit den Sys­temm­edi­en nicht scheuen.

Bei gleich­zei­ti­ger Bei­be­hal­tung und Wei­ter­ent­wick­lung der Selbst­dar­stel­lung dürf­te par­tei­sei­tig nichts dage­gen­spre­chen, auf jenen Weg ein­zu­schwen­ken, der bereits auf der ers­ten »Kon­fe­renz der frei­en Medi­en« in Ber­lin 2019 vor­ge­schla­gen und erör­tert wur­de, und die exter­ne Bericht­erstat­tung exklu­siv in die Hän­de aus­ge­wähl­ter Ver­tre­ter der Gegen­öf­fent­lich­keit zu legen. Kri­ti­sche Distanz zur Par­tei oder zu Tei­len der­sel­ben soll­te selbst­re­dend kein Hin­de­rungs­grund, son­dern – im Inter­es­se einer Viel­falt der Mei­nungs­bil­der – sogar erwünscht sein, solan­ge jed­we­der Schul­ter­schluß der alter­na­ti­ven mit den Sys­temm­edi­en unterbleibt.

Indem man die letz­te­ren gleich­zei­tig kon­se­quent von sämt­li­chen Par­tei­ver­an­stal­tun­gen aus­sperrt (sie­he 2.), schafft man zudem eine poten­ti­el­le Ein­nah­me­quel­le, und zwar in dem Moment, in dem die Staats­na­hen ande­re Bil­der als die aus der Ent­fer­nung, die über den Zaun hin­weg auf­ge­nom­me­nen, benö­ti­gen und ihren Bedarf nicht mit­tels des Zitat­rech­tes stil­len kön­nen. Dann näm­lich sind sie auf Mate­ri­al ange­wie­sen, das die Alter­na­ti­ven vor Ort auf­ge­nom­men haben und das man ihnen gegen ange­mes­se­ne Lizenz­zah­lun­gen zur Ver­fü­gung stel­len kann.

Prak­tisch könn­te dies fol­gen­der­ma­ßen aus­se­hen: Exter­ne Bericht­erstat­ter der Gegen­öf­fent­lich­keit erhal­ten exklu­si­ven Zugang zu Par­tei­ta­gen, Pres­se­kon­fe­ren­zen etc. und berich­ten nach eige­nem Ermes­sen. Das poten­ti­ell lizen­zier­ba­re Mate­ri­al, das sie im Zuge ihrer Arbeit oder im doku­men­ta­ri­schen Auf­trag gesam­melt haben, wird zunächst intern in gemein­schaft­li­cher Sich­tung mit von der Par­tei benann­ten Prü­fern aus­ge­wer­tet – eine zweck­mä­ßi­ge Vor­zen­sur, um der Ver­brei­tung des Unvor­teil­haf­ten und des Uner­wünsch­ten vor­zu­beu­gen, um aber auch Par­tei­mit­glie­der, Gäs­te und Akti­vis­ten zu schüt­zen, die ihr Gesicht nicht der media­len Öffent­lich­keit preis­ge­ben wollen.

Das frei­ge­ge­be­ne Mate­ri­al kann anschlie­ßend kom­mer­zia­li­siert, die Ein­nah­men kön­nen hälf­tig geteilt wer­den. In jedem Fall muß gel­ten: Wenn die Sys­temm­edi­en hoch­wer­ti­ge Töne, Bil­der und Bewegt­bil­der von Par­tei­ver­an­stal­tun­gen wol­len, sol­len sie gefäl­ligst dafür zahlen.

 

 

2. SYSTEMMEDIEN BOYKOTTIEREN UND BEKÄMPFEN. Der fort­ge­setz­te Miß­brauch ihrer Vor­macht­stel­lung ist ein hin­läng­li­cher Grund, jed­we­de Zusam­men­ar­beit mit den Sys­temm­edi­en zu unter­las­sen. Über­haupt: Was sie »berich­ten« und ver­laut­ba­ren, darf für nie­man­den in der Par­tei von Belang sein. Ihre »Ana­ly­sen«, Recher­chen und Ver­dik­te sind bekannt­lich unin­ter­es­sant, und über die Ereig­nis­se, die für uns tat­säch­lich rele­vant sind, wer­den wir durch die bestehen­den Netz­wer­ke, etwa durch das Tei­len von Smart­pho­ne-Doku­men­ta­tio­nen aus Demons­tra­tio­nen her­aus gründ­li­cher und wirk­lich­keits­nä­her informiert.

Mit einem Wort: Der ers­te Schritt, die Sys­temm­edi­en über­flüs­sig zu machen, ist der Beschluß, daß sie es für uns bereits sind. Das heißt nicht, daß man sie voll­stän­dig igno­rie­ren soll­te; im Gegen­teil soll­te man da, wo ein pro­pa­gan­dis­ti­scher Ertrag zu erwar­ten ist, die Aus­ein­an­der­set­zung suchen. Eine Ein­la­dung zum »Som­mer­inter­view« oder ähn­li­chen For­ma­ten ist zwei­fel­los eine Chan­ce und soll­te, wie jede Chan­ce, offen­siv genutzt wer­den – ers­tes Ziel: die Demas­kie­rung des Fein­des. Grund­sätz­lich muß es dar­um gehen, die Rol­le des Ange­klag­ten mit der des Anklä­gers zu vertauschen.

Wenn es also der Ehr­geiz der Sys­temm­edi­en ist, die Par­tei zu ent­lar­ven, so muß es der Ehr­geiz der Par­tei sein, den Spieß umzu­dre­hen und der Jour­nail­le ihre eige­ne Beschränkt­heit zu schme­cken zu geben; gelingt dies gut, so wird sich ein dank­ba­res Publi­kum dar­an wei­den. Jede dar­über hin­aus errun­ge­ne Minu­te Sen­de­zeit hat nur einem ein­zi­gen Zweck zu die­nen, näm­lich der Ver­brei­tung der zen­tra­len Bot­schaf­ten, die wie Pfäh­le in den Boden gerammt wer­den müs­sen; jede Minu­te Sen­de­zeit, in der – mit­tels Zah­len, Daten und kal­ter Wut – Aus­län­der­kri­mi­na­li­tät, demo­gra­phi­sche Ver­drän­gung, Ver­rat und Ver­fall ange­pran­gert wer­den, ist eine für uns gewon­ne­ne Minute.

Damit die­se Stra­te­gie aller­dings zum Erfolg füh­ren kann, ist es not­wen­dig, ent­we­der auf Live-Gesprä­chen zu bestehen, die kei­ne Mani­pu­la­tio­nen zulas­sen, oder jed­we­des Inter­view durch eige­ne Auf­nah­me­stä­be beglei­ten zu las­sen, um der rou­ti­ne­mä­ßi­gen Ent­kon­tex­tua­li­sie­rung und Ent­stel­lung von Aus­sa­gen jeder­zeit beweis­kräf­ti­ges eige­nes Mate­ri­al ent­ge­gen­stel­len zu können.

Auch wenn die Zeit der »sorg­fäl­tig geplan­ten Pro­vo­ka­tio­nen«, die das viel­zi­tier­te Stra­te­gie­pa­pier für das Wahl­jahr 2017 emp­fahl, vor­über sein mag, spricht doch im übri­gen nichts dage­gen, mit dem Feind zu spie­len, ihn etwa durch geziel­te Zulei­tung von Fehl­in­for­ma­tio­nen zu täu­schen, auf fal­sche Fähr­ten zu len­ken und in Fal­len tap­pen zu las­sen – man den­ke bei­spiel­haft an den Antai­os-Coup zur Buch­mes­se 2018. Vor allem darf man kei­ne Skru­pel ken­nen: Es herrscht der Info­krieg, und die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik der Par­tei muß sich die­sem Zustand end­lich anpassen.

 

3. TWITTERIA EINDÄMMEN. Der eben­so regel­los wie eigen­mäch­tig erschei­nen­de Gebrauch der soge­nann­ten sozia­len Medi­en durch Par­tei­funk­tio­nä­re sämt­li­cher Ebe­nen hat in der Ver­gan­gen­heit nicht nur zu einer kaum über­schau­ba­ren Anzahl von Kol­la­te­ral­schä­den geführt, son­dern auch der Gra­tis-­Mu­ni­tio­nie­rung des Fein­des gedient. Damit hat sich die trans­pa­ren­te Kom­mu­ni­ka­ti­on als kon­tra­pro­duk­tiv erwie­sen, denn, und das ent­spricht der Erfah­rung medi­al befeh­de­ter Fir­men bei­spiels­wei­se der Rüstungs‑, der Che­mie- und der Kern­ener­gie­bran­che: Je trans­pa­ren­ter man sich macht, des­to angreif­ba­rer wird man. Es wird daher höchs­te Zeit, einer­seits die regu­la­to­ri­sche Kon­trol­le über bestehen­de Kanä­le zu ver­schär­fen, ande­rer­seits eine stren­ge­re Aus­wahl des­sen zu tref­fen, was über­haupt preis­ge­ge­ben wer­den soll. Es ist nicht ein­zu­se­hen, daß, wie bis­her, alles von jedem kom­men­tiert wird; eine ein­zi­ge abge­wo­ge­ne Ver­laut­ba­rung mag aus­rei­chen. Die inhalt­li­che Red­un­danz, aber auch die beschei­de­ne Reich­wei­te vie­ler Kanä­le ste­hen fer­ner in kei­nem Ver­hält­nis zu dem Auf­wand, der in sie inves­tiert wird, und den Kräf­ten, die sie folg­lich bin­den – zumal sie in vie­len Fäl­len ledig­lich indi­vi­du­el­len Pro­fi­lie­rungs­be­dürf­nis­sen die­nen. Statt jedem Funk­ti­ons­trä­ger, Abge­ord­ne­ten und Kan­di­da­ten die Ein­rich­tung eige­ner Kanä­le zuzu­ge­ste­hen, soll­ten, wo noch nicht gesche­hen, pro­fes­sio­nel­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lun­gen ein­ge­rich­tet und For­ma­te bereit­ge­stellt wer­den, die die Vor­stel­lung von Per­so­nal und pro­gram­ma­ti­schen Schwer­punk­ten erlau­ben. Das Pri­vi­leg davon unab­hän­gi­ger Kom­mu­ni­ka­ti­on soll­te hin­ge­gen einer Grup­pe vor­be­hal­ten sein, die ich als »ers­te Gei­gen« bezeich­nen möch­te: Sie umfaßt die­je­ni­gen, die kraft her­aus­ra­gen­der Exper­ti­se, kraft ihres Cha­ris­mas und ihrer Sen­dung wir­ken und zu ihrer Ent­fal­tung zu Recht einen grö­ße­ren Frei­raum bean­spru­chen dür­fen. Daß auch sie die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­richt­li­ni­en zu berück­sich­ti­gen haben, ver­steht sich von selbst. Schlech­ter­dings nicht hin­nehm­bar ist es, wenn etwa die Co-Vor­sit­zen­de der Bun­des­tags­frak­ti­on miß­lie­bi­gen Par­tei­freun­den via Twit­ter mit dem Aus­schluß droht.

Ange­merkt sei noch, daß man nicht so weit gehen muß, allen, die nicht zu den »ers­ten Gei­gen« zäh­len, den Betrieb eige­ner Kanä­le zu unter­sa­gen. Selbst­ver­ständ­lich soll­te es jedem frei­ste­hen, sol­che rein pri­vat mit rein pri­va­ten Inhal­ten zu betrei­ben oder als Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Par­ti­san aus der Anony­mi­tät her­aus zu wir­ken – dann aber auf eige­ne Rech­nung und eige­nes Risiko.

 

 

4. FINDUNGSDEBATTEN UNTER AUSSCHLUSS DER ÖFFENTLICHKEIT FÜHREN. Das öffent­li­che Aus­tra­gen von Personal‑, Rich­tungs- und Gra­ben­kämp­fen bie­tet nicht nur ein Ein­falls­tor für feind­li­che Spal­tungs­ver­su­che. Auch ver­mit­telt die Lust an inner­par­tei­li­chen Schuld­zu­wei­sun­gen und gegen­sei­ti­ger Demon­ta­ge ein wür­de­lo­ses und die Anhän­ger demo­ra­li­sie­ren­des Bild. Eben­so wie die Par­tei selbst von dis­pa­ra­ten, aus­ein­an­der­stre­ben­den Kräf­ten geprägt wird, befeh­den sich ein­zel­ne Orga­ne der Gegen­öf­fent­lich­keit ent­lang welt­an­schau­li­cher Bruch­li­ni­en, arbei­ten sich auch die ver­schie­de­nen Tei­le des Vor­fel­des anein­an­der ab.

Aus die­ser unpro­duk­ti­ven Lage führt einst­wei­len kein Weg her­aus. Um so wich­ti­ger wären nun Anstren­gun­gen dahin­ge­hend, von dem, was die Tat­kraft der Unter­stüt­zer hemmt, und dem, was der Feind für sei­ne Zwe­cke gebrau­chen kann, sowe­nig wie mög­lich nach außen drin­gen zu las­sen; nicht das Tren­nen­de, son­dern das Einen­de ist zu betonen.

Dies gilt ins­be­son­de­re dann, wenn, wie etwa bei der kürz­lich in Schnell­ro­da geführ­ten, auf der Sach­ebe­ne durch­aus begrü­ßens­wer­ten Debat­te zwi­schen Maxi­mi­li­an Krah und Ste­fan Scheil, Posi­tio­nen dia­me­tral auf­ein­an­der­pral­len und kei­ne Mög­lich­keit eines Brü­cken­schla­ges besteht.

Wer gemein­sam kämp­fen will, muß gemein­sa­me Zie­le ver­fol­gen; die­se gemein­sa­men Zie­le müs­sen immer wie­der kennt­lich gemacht, uner­müd­lich beschwo­ren wer­den – nicht nur nach außen, son­dern auch in der inter­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on, die im übri­gen so zu füh­ren ist, daß die Wei­ter­ga­be der­sel­ben kei­ne grö­ße­ren Schä­den ver­ur­sa­chen wür­de. Grund­sätz­lich ist ange­ra­ten, sowohl unter Funk­ti­ons­trä­gern als auch unter Mit­glie­dern ein Bewußt­sein für die Not­wen­dig­keit von Dis­kre­ti­on und Geheim­hal­tung zu wecken, wenigs­tens aber der in klei­ne­ren Krei­sen oft ent­fal­te­ten wasch­weib­ar­ti­gen Klatsch- und Tratsch­sucht den Kampf anzusagen.

 

 

5. KOMMUNIKATIONSZIELE IM AUGE BEHALTEN. Die gegen­wär­ti­gen media­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­pflo­gen­hei­ten, das Dau­er­feu­er der Nach­rich­ten und Nicht-Nach­rich­ten und die von allen Sei­ten anbran­den­de Geschwät­zig­keit stel­len an jeden Sen­der, der etwas Wesent­li­ches zu sagen hat, beson­de­re Anfor­de­run­gen. Auf kei­nen Fall soll­te er Kom­mu­ni­ka­ti­on um ihrer selbst wil­len betreiben.

Statt auf jede Sau auf­zu­sat­teln, die gera­de durchs Dorf getrie­ben wird, soll­te er schwei­gen, wo es gebo­ten ist, und sich auch dann, wenn der rich­ti­ge Zeit­punkt ver­paßt zu wer­den droht, nicht zu vor­ei­li­gen Stel­lung­nah­men hin­rei­ßen las­sen. Vor allem darf er sei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zie­le nicht aus den Augen ver­lie­ren, die für die Par­tei lau­ten müs­sen: auf­klä­ren und mobi­li­sie­ren. Bei­des ist von­ein­an­der zu trennen.

Die Auf­klä­rung hat mit­tels Dar­stel­lung der jewei­li­gen Sach­la­ge zu erfol­gen, sie muß nüch­tern sein, distan­ziert, frei von Pole­mik, jedoch erhel­lend in der Ver­or­tung des klei­nen im gro­ßen, des Ein­zel­er­eig­nis­ses vor dem natio­na­len oder dem glo­ba­len Hin­ter­grund. Die Auf­klä­rung will das Wis­sens­be­dürf­nis stil­len, sie bringt den Kämp­fer in Position.

Die Mobi­li­sie­rung, die über die Gefühls­ebe­ne erfolgt, setzt ihn in Bewe­gung. Natür­lich trifft es zu, daß auf loka­ler Ebe­ne der neue Bebau­ungs­plan, die Baum­schutz­sat­zung, der öffent­li­che Nah­ver­kehr oder die sozia­le Infra­struk­tur zeit­wei­se von leb­haf­te­rem Inter­es­se sind als die Schick­sals­fra­gen, die uns bewe­gen. Doch muß es Auf­ga­be der Kom­mu­ni­ka­ti­on sein, eben­die­se Schick­sals­fra­gen auf allen Ebe­nen gegen­wär­tig zu halten.

Ins­be­son­de­re muß sie dem Bestre­ben des poli­tisch-media­len Kom­ple­xes ent­ge­gen­wir­ken, jene Momen­te der Wahr­heit mög­lichst rasch hin­ter sich zu las­sen, in denen die kata­stro­pha­len Fol­gen der herr­schen­den Poli­tik für brei­te­re Volks­schich­ten greif­bar wer­den. Die­se Momen­te müs­sen aus­ge­dehnt und im Bewußt­sein ver­an­kert, Schre­cken und Erkennt­nis müs­sen wach­ge­hal­ten wer­den. Dazu könn­te bei­spiels­wei­se die Aus­prä­gung einer eige­nen, auf Migra­ti­ons­op­fer fokus­sier­ten Erin­ne­rungs­kul­tur beitragen.

 

Wenn die­se Maß­nah­men schwer umsetz­bar erschei­nen, so vor allem des­we­gen, weil sie in den Tei­len, die nach Regle­men­tie­rung ver­lan­gen, sowohl den basis­de­mo­kra­ti­schen Grund­sät­zen wie auch dem indi­vi­dua­lis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis vie­ler Par­tei­gän­ger zuwi­der­lau­fen. Bekannt­lich wird der durch kei­ner­lei Auto­ri­tät gezü­gel­te Wunsch der Basis, sich nichts vor­schrei­ben zu las­sen, durch die unver­söhn­ten Gegen­sät­ze inner­halb der Par­tei wei­ter befeuert.

Solan­ge die nach außen gerich­te­te Kom­mu­ni­ka­ti­on oft auch dem inne­ren Wider­sa­cher, also dem jeweils ent­ge­gen­ge­setz­ten Lager gilt, kann kei­ne Bes­se­rung ein­tre­ten. Stei­gen­der Repres­si­ons­druck und fort­ge­setz­ter Aus­schluß von der poli­ti­schen Mit­ge­stal­tung las­sen jedoch eine (Rück-)Entwicklung der AfD von der Par­la­ments- zur Bewe­gungs­par­tei erwar­ten, was auch eine Kehrt­wen­de in der Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Medi­enst­ra­te­gie per­spek­ti­visch begünstigt.

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