Das Erbgut im Rampenlicht

von August Nagel

PDF der Druckfassung aus Sezession 104/ Oktober 2021

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Am 21. Mai die­ses Jah­res fei­er­te das Thea­ter­stück Die Labo­ran­tin der eng­li­schen Büh­nen­schrift­stel­le­rin Ella Road sei­ne deutsch­spra­chi­ge Erst­auf­füh­rung im Staats­schau­spiel Dresden.

Der Pro­gramm­hin­weis ver­sprach den Zuschau­ern, die acht­sam vom hei­mi­schen Sofa aus die Auf­füh­rung digi­tal mit­ver­folg­ten, schwie­ri­gen Stoff: »In einem opti­mier­ten Gesell­schafts­sys­tem funk­tio­niert Gesund­heit ganz ein­fach – sie wird gesteuert.

Blut­tests geben Aus­kunft über erb­li­che Belas­tun­gen, Herz­in­farkt­ri­si­ken und gene­ti­sche Poten­tia­le. Wer einen nied­ri­gen Wert hat, darf nicht stu­die­ren, kei­ne ange­se­he­ne Arbeit anneh­men und wird im Not­fall nicht reani­miert. Damit gesun­de Eltern gesun­de Kin­der bekom­men, wer­den Part­ner­schaf­ten auf der Grund­la­ge von Blut­wer­ten vorgeschlagen.«

Das Stück han­delt also von einer Zukunfts­ge­sell­schaft, in der alle Fra­gen des per­sön­li­chen Lebens vom über­mäch­ti­gen Staat auf Basis gesund­heit­li­cher Daten ent­schie­den wer­den. Die­se Daten ent­stam­men dem Genom und wer­den aus der DNS einer Blut­pro­be abge­le­sen. »Was wäre, wenn wir in unse­rem Blut mit abso­lu­ter Sicher­heit ›lesen‹ könn­ten, wel­che Krank­hei­ten wir erlei­den und wie lan­ge wir noch leben wer­den? Wel­che kom­mer­zi­el­len Begehr­lich­kei­ten wür­de so ein Wis­sen wecken?«

Es ist die Dra­ma­tur­gin Kers­tin Beh­rens, die im Gespräch mit Adri­an Figuer­oa, dem Regis­seur der deutsch­spra­chi­gen Erst­auf­füh­rung, für die Web­site des Staats­schau­spiels Dres­den sol­che Fra­gen stellt. Die For­mu­lie­rung im Kon­junk­tiv – »wenn wir in unse­rem Blut mit abso­lu­ter Sicher­heit ›lesen‹ könn­ten« – rückt die Geschich­te in den Raum phan­tas­ti­scher Dystopien.

Im Ver­lauf des Inter­views wird indes klar, daß die Inspi­ra­ti­on für das Thea­ter­stück die real­po­li­ti­sche Ankün­di­gung war, im eng­li­schen Gesund­heits­we­sen in Zukunft auf Erkennt­nis­se der Gen­tech­nik zurück­zu­grei­fen. 2017 hat­te die obers­te Beam­tin des natio­na­len, zen­tral orga­ni­sier­ten Gesund­heits­ser­vice (NHS) dafür plä­diert, DNS-Tests eben­so rou­ti­niert ein­zu­set­zen wie Blut- und Urin­tests, um Erkran­kun­gen effek­tiv vor­beu­gen zu kön­nen. Allein die unwis­sen­schaft­li­che Aus­sa­ge, Vor­aus­sa­gen »mit abso­lu­ter Sicher­heit« machen zu kön­nen, ist eine Über­trei­bung und ein typi­scher Strohmann.

War­um aber unser Erb­gut gera­de jetzt auf deut­schen Büh­nen the­ma­ti­siert wird, läßt sich erah­nen: Coro­na läßt Fra­gen zu, die zuvor nicht gestellt wur­den, und der medi­zi­ni­sche Kampf gegen die­se ver­meint­lich töd­li­che Gefahr hat dem tech­no­kra­ti­schen Trei­ben in der Medi­zin Tür und Tor geöff­net. Das The­ma Gene­tik ist uns also plötz­lich auf den Leib gerückt. Figuer­oa wirft wich­ti­ge Fra­gen auf – gera­de im Hin­blick auf die jüngs­ten gen­tech­nisch-medi­zi­ni­schen Anwendungen.

Er tut das mög­li­cher­wei­se, ohne sich des Aus­ma­ßes selbst bewußt zu sein: Die soge­nann­te Covid-­Imp­fung, die eigent­lich eine neu­ar­ti­ge Gen­the­ra­pie dar­stellt, beschrei­tet bereits Pfa­de, wel­che in Deutsch­land bis­her gemein­hin kri­tisch gese­hen und mit »Gott spie­len« asso­zi­iert wur­den. Fach­be­grif­fe wie geno­me edi­t­ing und CRISPR (clus­te­red regu­lar inter­spa­ced short palin­dro­mic repeat) beschrei­ben Pro­ze­du­ren, die weit über das Aus­le­sen des Erb­gu­tes hin­aus­ge­hen. Es sind Ver­fah­ren, mit­tels derer DNS in Kör­per­zel­len und sogar Keim­zel­len mani­pu­liert wer­den kann.

Davor, daß es als­bald um mehr gehen könn­te als um die Mög­lich­kei­ten kon­kre­ter medi­zi­ni­scher Ein­grif­fe, warnt die Dra­ma­tur­gin Kers­tin ­Beh­rens, die im sel­ben Inter­view fol­gen­des sagt: »In der Labo­ran­tin gibt es die Grund­an­nah­me: Ich unter­su­che dein Blut und sage dir genau vor­aus, wann du wor­an erkran­ken wirst. Die DNA als Schick­sals­macht zwingt dich in ein Rating, das dann wie­der­um dar­über ent­schei­det, wel­chen Job du bekommst, wel­che Part­ner dich wäh­len, ob du arm oder reich sein wirst. Damit ist nicht nur die Zukunft schick­sals­schwer, son­dern auch die Gegen­wart chan­cen­los. Ent­kom­men? Fast unmög­lich!« Damit sind wir nicht mehr nur im Bereich der Medi­zi­nethik, son­dern spre­chen über Kern­fra­gen unse­rer Exis­tenz: Wie stark bestimmt unser Erb­gut unser Leben als ein­zel­ner und das unse­rer Gesell­schaft, und wie gehen wir damit um?

Die Labo­ran­tin ist nicht der ers­te fik­ti­ve Stoff, der sol­che Fra­gen behan­delt. Ein ver­wand­tes Sze­na­rio zeich­ne­te bereits der 1997 erschie­ne­ne Film Gat­ta­ca: In einer nahen Zukunft wer­den Men­schen fast nur noch künst­lich erzeugt und direkt nach Geburt hin­sicht­lich ihrer gene­tisch ver­an­lag­ten Stär­ken bewer­tet. Nun führt in Gat­ta­ca das Prä­im­plan­ta­ti­ons­scree­ning zur Selek­ti­on und Gen­tech­nik direkt zur Diskriminierung.

Der Prot­ago­nist der Geschich­te, Vin­cent, wird wie folgt bewer­tet: neu­ro­lo­gi­scher Zustand: 60 Pro­zent; Wahr­schein­lich­keit einer mani­schen Depres­si­on: 42 Pro­zent; Wahr­schein­lich­keit einer Herz­er­kran­kung: 99 Pro­zent; Lebens­er­war­tung: 30,2 Jah­re. In die­ser schö­nen neu­en Welt wird Vin­cent als »inva­lid« bezeich­net, als ein Mensch zwei­ter Klas­se. Er hät­te eigent­lich gar nicht gebo­ren wer­den dür­fen. Jede Chan­ce, sei­ne Träu­me zu erfül­len, wird ihm (künst­lich) verwehrt.

Doch unser Held wider­setzt sich: »Schließ­lich gibt es kein Gen für das Schick­sal«, sagt er und behält im Film recht damit – aller­dings auf Grund­la­ge einer fal­schen Prä­mis­se. Vin­cent, der sich als Jero­me aus­gibt, hat einen Com­pu­ter­code feh­ler­frei pro­gram­miert: »nicht einen Feh­ler in einer Mil­li­on Tas­ten­an­schlä­ge«. Trotz sei­ner unter­durch­schnitt­li­chen Wer­te für Intel­li­genz schafft er mit blo­ßem Wil­len den Auf­stieg zum genia­len Wis­sen­schaft­ler und Astro­nau­ten. Vin­cent kann sich im Lau­fe der Film­hand­lung als Jero­me aus­ge­ben, der den Intel­li­genz­quo­ti­en­ten eines Genies hat.

Daß so etwas mög­lich sein soll, ist rei­nes Wunsch­den­ken. In Gat­ta­ca wird damit der Ein­druck erweckt, als wären all­ge­mei­ne kogni­ti­ve Fähig­kei­ten nicht im gerings­ten von Gene­tik beein­flußt. Die Bewer­tung des Genoms wäre ein nicht ernst­zu­neh­men­der Spuk. Die Mes­sa­ge von Gat­ta­ca ist klar: Nicht unse­re Gene bestim­men unser Leben. Am Ende des Tages kann jeder alles schaffen.

Die Labo­ran­tin zeich­net ein kom­ple­xe­res Sze­na­rio als Gat­ta­ca: Die Haupt­fi­gur Bea ist Teil einer Gesell­schaft, wel­che uns auf unse­re Gene redu­zie­ren will. Im Ange­sicht ihres neu­ge­bo­re­nen Kin­des hält Bea einen Augen­blick inne und ver­wehrt sich dem Sys­tem aus Lie­be zu ihrem Kind. Es bleibt offen, ob sie dies nur für einen Moment tut oder ob die Rea­li­tät sie wie­der ein­ho­len wird. Die Bot­schaft lau­tet: Wir ste­hen an einem Schei­de­weg. Nicht allein Gene bestim­men das Schick­sal, son­dern auch wir selbst. Die Wirk­mäch­tig­keit der Gene steht außer Fra­ge, aber die Käl­te und die Grau­sam­keit einer bor­nier­ten Gesell­schaft, wel­che Men­schen mate­ria­lis­tisch auf Zah­len, Pro­gno­sen und Wahr­schein­lich­kei­ten redu­ziert, wer­den aufgezeigt.

Die Prot­ago­nis­tin kennt die Rele­vanz der Gene und ihre Bedeu­tung für eine Gesell­schaft, der sie ange­hö­ren will. Ist Aus­stei­gen eine Opti­on? Das Stück endet mit dem Weg­se­hen, also damit, der Kon­fron­ta­ti­on mit der Rea­li­tät aus­zu­wei­chen, sich zu ent­zie­hen, mög­li­cher­wei­se nur kurzzeitig.

1997 hoff­te man­cher wohl noch, die Gen­for­schung wür­de eines Tages bestä­ti­gen, daß der IQ nicht gene­tisch bedingt sei. Man täusch­te sich gewal­tig. Heu­te weiß man: Intel­li­genz ist eines der am stärks­ten erb­li­chen psy­cho­lo­gi­schen Merk­ma­le über­haupt. Das Genom wie ein »Buch des Lebens« lesen zu wol­len (wie es die bri­ti­sche Chief Medi­cal Offi­cer Sal­ly ­Davies 2017 vor­schlug) setzt die Bedeu­tung der DNS für die Aus­prä­gung mensch­li­cher Eigen­schaf­ten vor­aus. Was kann man also rea­lis­ti­scher­wei­se aus dem Genom herauslesen?

Die Erb­lich­keit von Eigen­schaf­ten ist quan­ti­fi­zier­bar. Alle bekann­ten Merk­ma­le sind stark abhän­gig von Genen. Im Durch­schnitt sind etwa 50 Pro­zent der Vari­anz, also der Unter­schie­de bezüg­lich eines Merk­mals (in ver­gleich­ba­rer west­li­cher Umwelt), gene­tisch bedingt. Soge­nann­te geno­me-wide asso­cia­ti­on stu­dies (GWAS) unter­su­chen, wel­che Gene­tik einem bestimm­ten Merk­mal zugrun­de liegt.

Kom­ple­xe Merk­ma­le wer­den in der Regel addi­tiv von vie­len Genen mit jeweils klei­nem ein­zel­nen Effekt beein­flußt. Mehr als 1000 Gene wir­ken bei­spiels­wei­se bei kogni­ti­ven Fähig­kei­ten zusam­men. Mit­tels GWAS wird nun iden­ti­fi­ziert, wel­che Vari­an­ten im Genom mit wel­chen Aus­prä­gun­gen asso­zi­iert sind. Die Stu­di­en erlau­ben schließ­lich quan­ti­fi­zie­ren­de Pro­gno­sen (poly­ge­ne indi­ces) dar­über, wel­che Krank­hei­ten einen Men­schen wahr­schein­lich heim­su­chen wer­den und wel­che Eigen­schaf­ten er ver­mut­lich haben wird.

2001 kos­te­te die Voll­se­quen­zie­rung eines gesam­ten mensch­li­chen Genoms noch 100 Mil­lio­nen Dol­lar. Heu­te (Stand: Febru­ar 2021) bezif­fert Chi­na die Kos­ten mit etwa 100 Dol­lar. In Chi­na wer­den der­zeit angeb­lich 70 Mil­lio­nen Chi­ne­sen voll sequen­ziert. Durch die ste­ti­ge Kos­ten­sen­kung einer DNS-Sequen­zie­rung gewin­nen GWAS in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend an sta­tis­ti­schem Gewicht und Voraussagekraft.

Die Mög­lich­keit und die Genau­ig­keit, allein anhand der DNS einem Men­schen Eigen­schaf­ten zuschrei­ben zu kön­nen, hän­gen direkt mit der Daten­men­ge bereits sequen­zier­ter, aus­ge­le­se­ner und aus­ge­wer­te­ter indi­vi­du­el­ler DNS und der Zuor­den­bar­keit von Merk­ma­len und Eigen­schaf­ten eines Indi­vi­du­ums zusammen.

Das bedeu­tet: Wer (wie Goog­le) auf Mil­lio­nen Benut­zer­pro­fi­le zurück­grei­fen und die dazu­ge­hö­ren­de DNS ana­ly­sie­ren könn­te, wäre opti­mal aus­ge­rüs­tet, die DNS eines Indi­vi­du­ums »lesen« zu ler­nen. Schon heu­te kann man allein auf Grund­la­ge des Genoms Merk­ma­le einer Per­son abschät­zen. Die­ses »Abschät­zen« muß, wie es wis­sen­schaft­li­cher Stan­dard ist, als Wahr­schein­lich­keit aus­ge­drückt und ver­stan­den werden.

Die immer grö­ße­re Zahl vor­han­de­ner Daten­sät­ze, die für GWAS genutzt wer­den kön­nen, erlaubt mitt­ler­wei­le auch Pro­gno­sen kom­ple­xer Eigen­schaf­ten. Neben der Mög­lich­keit, indi­vi­du­el­le gene­ti­sche Dis­po­si­tio­nen oder Prä­dis­po­si­tio­nen für Krank­hei­ten zu benen­nen, gewinnt also auch die Bestim­mung kom­ple­xer Cha­rak­te­ris­ti­ka wie Kör­per­grö­ße, Tem­pe­ra­ment und Intel­li­genz zuneh­mend an Bedeu­tung. Seit der Voll­se­quen­zie­rung des mensch­li­chen Genoms vor 20 Jah­ren wur­den der­ar­tig revo­lu­tio­nä­re Fort­schrit­te gemacht, daß es tat­säch­lich mög­lich ist, aus den Genen z. B. Her­kunft, Krank­hei­ten, Merk­ma­le und kom­ple­xe Eigen­schaf­ten in gewis­sem Rah­men vor­aus­zu­sa­gen – ganz ähn­lich wie in Gat­ta­ca dargestellt.

Wer weiß in Euro­pa von sol­chen Ent­wick­lun­gen? War­um wer­den in den Medi­en die Zusam­men­hän­ge nicht dis­ku­tiert? Aktu­el­le For­schungs­er­geb­nis­se wider­spre­chen gleich zwei gro­ßen ideo­lo­gi­schen Lügen der Gegen­wart: dem »Jeder kann alles schaf­fen« der Libe­ra­len und dem »Alle sind gleich« der Lin­ken. Die links-libe­ra­len Dog­men ent­hül­len Wunsch­den­ken, da in Wirk­lich­keit die ange­bo­re­ne Gene­tik unse­re Mög­lich­kei­ten beschränkt.

Die uto­pi­schen Idea­le wer­den aber vom Main­stream wie ein Man­tra wie­der­holt: Sie schei­nen mora­lisch alter­na­tiv­los zu sein und ­einen gesell­schaft­li­chen Kon­sens abzu­bil­den. Unter die­sem Licht betrach­tet, ist Die Labo­ran­tin Teil der Pro­pa­gan­da des links-libe­ra­len Main­streams: Wer die Wirk­mäch­tig­keit der Gene akzep­tie­re, gera­te in einen mate­ria­lis­tisch- tech­ni­schen Sog und unter­lie­ge unaus­weich­lich der Ver­su­chung, die­ses Wis­sen kom­mer­zi­ell auszuschlachten.

Mit­tels Über­trei­bung und der Illus­tra­ti­on eines schein­bar alter­na­tiv­lo­sen Schre­ckens­sze­na­ri­ums wer­den rela­tiv stim­mi­ge Aus­sa­gen mit abge­räumt. Dabei ist es eigent­lich ganz nahe­liegend, daß Intel­li­genz auch oder sogar vor allem ver­erbt wird (und nichts ande­res bedeu­tet es, zu sagen, Intel­li­genz ist »gene­tisch ver­an­lagt«). Gro­ße Eltern krie­gen im Schnitt grö­ße­re Kin­der als klei­ne Eltern; blon­de Eltern krie­gen regel­mä­ßig blon­de Kin­der. Das­sel­be gilt für Per­sön­lich­keits­merk­ma­le und eben auch für die Intel­li­genz. Ein gro­ßer Teil unse­res Genoms ist für unser Gehirn ver­ant­wort­lich, und die Eigen­schaf­ten unse­res Gehirns wer­den genau­so ver­erbt wie die rest­li­chen Eigen­schaf­ten unse­res Kör­pers auch.

Wann und war­um ging unser intui­ti­ves und unauf­ge­reg­tes Ver­ständ­nis für sol­che Zusam­men­hän­ge ver­lo­ren, wann unse­re Fähig­keit, mit sol­chen Ungleich­hei­ten leben zu kön­nen? Was ist so uner­träg­lich an den wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen, daß sie ver­leug­net wer­den müssen?

Nicht allein Links-Libe­ra­le sind abge­sto­ßen, weil sie ihre poli­ti­sche Agen­da in Fra­ge gestellt sehen. Die in Gat­ta­ca dar­ge­stell­te Gesell­schaft ist ja in der Tat grau­sam, ste­ril und behan­delt Gene als deter­mi­na­tiv. Kaum ein ernst­zu­neh­men­der Wis­sen­schaft­ler wür­de aber so weit gehen, die bio­lo­gi­schen Ent­wick­lungs­pro­zes­se nach gene­ti­schem Bau­plan als deter­mi­nis­tisch zu beschreiben.

Ein­ei­ige Zwil­lin­ge tei­len ja die­sel­be DNS, sind jedoch nicht iden­tisch. Win­zi­ge zufäl­li­ge Stö­run­gen (wel­che Inge­nieu­re noi­se nen­nen) beein­flus­sen den Auf­bau eines Orga­nis­mus, auch wenn es sonst streng nach gene­ti­schem Bau­plan zugeht. Eini­ge Wis­sen­schaft­ler ver­wen­den das Wort »pro­ba­bi­lis­tisch«, um die Aus­wir­kung unse­res Genoms auf unser Schick­sal zu beschrei­ben, und kon­tras­tie­ren dies bewußt mit »deter­mi­nis­tisch«. Die meis­ten For­scher machen schlicht kei­ne Aus­sa­ge zum Spiel­raum für Eigen­wil­len oder das Wir­ken Got­tes, weil es die Wis­sen­schaft­lich­keit überschreitet.

Die Labo­ran­tin jeden­falls unter­stützt die Poli­tik des Weg­se­hens und repro­du­ziert impli­zit das Man­tra des Main­streams. Die Unmög­lich­keit, dem The­ma »Bedeu­tung der Gene« wei­ter aus­zu­wei­chen, wird immer sicht­ba­rer, weil diver­se Anwen­dun­gen gen­tech­ni­scher For­schung zuneh­mend in unser Leben hin­ein­wir­ken. Spä­tes­tens seit »Coro­na« kennt jeder die Bedeu­tung der mRNA (Boten-RNS) zur Bil­dung von (Spike-) Pro­te­inen, seit dem Unter­neh­men 23andMe kennt man die Bedeu­tung der DNS für die indi­vi­du­el­le Abstammung.

Einen gro­ßen Erfolg fei­er­te die gene­ti­sche Foren­sik bei der Ergrei­fung des »Gol­den Sta­te Kil­lers«. Die­ser hat­te in den 1970er Jah­ren zahl­rei­che Frau­en ver­ge­wal­tigt und ermor­det. Über DNS-Spu­ren ist es heu­te qua­si mög­lich, ein digi­ta­les Phan­tom­bild zu erstel­len. Alter, Geschlecht, Grö­ße, Haar- und Augen­far­be sowie die bio­geo­gra­phi­sche Her­kunft las­sen sich anhand der DNS ein­gren­zen. (Schließ­lich ließ sich ein ent­fern­ter Cou­sin des Mör­ders in einer Daten­bank aufspüren.)

Mit Gen­tech­nik kann man heu­te den Grü­nen Star hei­len. Ein durch CRISPR/Cas ver­än­der­tes Pro­te­in setzt den Augen­in­nen­druck her­ab. Im Zuge von In-vitro-Fer­ti­li­sa­ti­on wird unter ver­schie­de­nen Embryo­nen das jeweils »bes­te« aus­ge­wählt und implan­tiert. Soll das Kind gesun­der, grö­ßer, klü­ger sein? Die moder­ne Tech­nik ist auf dem bes­ten Wege, vie­les mög­lich zu machen – medi­zi­ni­sche und tech­ni­sche Anwen­dun­gen nut­zen die Wirk­mäch­tig­keit der Gene und schaf­fen Fakten.

Ein Bei­spiel dafür, was mach­bar ist, stellt die Emp­feh­lung der Bera­ter Boris John­sons dar: Andrew Sabis­ky (muß­te 2020 zurück­tre­ten) und ­Domi­nic Cum­mings (schied im Novem­ber 2020 aus) schlu­gen unter ande­rem vor, die Kos­ten für Embryo­nen­se­lek­ti­on von der staat­li­chen Kran­ken­kas­se NHS (Natio­nal Health Ser­vice) über­neh­men zu las­sen. Die Welt­eli­ten wür­den die­se tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten ohne­hin bereits nut­zen, und ohne Unter­stüt­zung durch den NHS könn­te die Mensch­heit irrever­si­bel in eine Zwei­klas­sen­ge­sell­schaft abdrif­ten, so die Berater.

Ange­sichts der Fak­ten­la­ge kann auch die Dra­ma­tur­gin in Dres­den nicht anders, als ange­bo­re­ne gene­ti­sche Unter­schie­de und neue tech­ni­sche Mög­lich­kei­ten anzu­er­ken­nen. Ist sie damit Vor­rei­ter? Sind wir jetzt, ohne je eine kri­ti­sche öffent­li­che Debat­te geführt zu haben über die Bedeu­tung der Gene, die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten, sie zu mani­pu­lie­ren, und die Ent­schei­dung, wie wir eigent­lich leben wol­len, in eine Zeit der gen­tech­ni­schen Anwen­dun­gen gerutscht? Haben die­je­ni­gen, die damit arbei­ten und wirt­schaf­ten, die Bedeu­tung der Gene nicht schon längst ver­stan­den und damit begon­nen, ihr Wis­sen ein­zu­set­zen? Wie wird es sich auf unse­re Gesell­schaft aus­wir­ken, wenn Eltern zukünf­tig bas­teln dürfen?

Die Spit­ze der Hybris sind die Bestre­bun­gen eines Klaus Schwab. Anschei­nend glau­ben Ver­tre­ter die­ser glo­ba­len Eli­ten, die Welt bes­ser machen zu kön­nen als die Evo­lu­ti­on oder Gott. Wenn der von Klaus Schwab vor­ge­se­he­ne »Gre­at Reset« kommt, ste­hen wir in sei­nen Wor­ten vor dem Aus­bau »digi­ta­ler Pro­duk­ti­ons­tech­no­lo­gien zur auto­ma­ti­sier­ten Inter­ak­ti­on mit der bio­lo­gi­schen Welt: Inge­nieu­re expe­ri­men­tie­ren mit syn­the­ti­scher Bio­lo­gie, um eine Sym­bio­se zwi­schen Mikro­or­ga­nis­men, unse­ren Kör­pern, den Pro­duk­ten, die wir kon­su­mie­ren, und selbst den Gebäu­den, in denen wir woh­nen, zu erzielen.«

Und so hilft letzt­end­lich die lin­ke und grü­ne Poli­tik der Igno­ranz den glo­ba­len Eli­ten, ihr eigent­li­ches Ziel der Umver­tei­lung zu errei­chen. Das welt­wei­te Eigen­tum soll sich in den Hän­den eini­ger weni­ger Kon­zer­ne kon­zen­trie­ren. Eine deut­sche Mit­tel­schicht, Anti­po­de und Ärger­nis die­ser Glo­ba­lis­ten, wird es dann nicht mehr geben. Stö­ren­de Natio­nal­staa­ten, die die­se bür­ger­li­che Mit­tel­schicht zu schüt­zen wuß­ten, wer­den nur noch auf dem Papier bestehen. Desta­bi­li­sie­ren­de Migra­ti­on wird beför­dert. So ent­steht auf lan­ge Sicht der leicht zu beherr­schen­de Einheitsmensch.

Das immer­hin bringt die Thea­ter­leu­te in Dres­den ins Grü­beln: »Grund­sätz­lich ist zu fra­gen, was pas­siert, wenn sich der Staat immer mehr zurück­zieht und nur noch pri­va­te Unter­neh­men gegen­ein­an­der kon­kur­rie­ren und damit unser Leben bestim­men, weil es kei­ne ande­re Kon­trol­le gibt.« Selbst sie kom­men also zum Schluß, daß man einen star­ken Staat gegen die glo­ba­len Eli­ten in Stel­lung brin­gen müßte.

Dies kenn­zeich­net auch die Posi­ti­on der poli­ti­schen Rech­ten: die For­de­rung nach einem star­ken, wehr­haf­ten Natio­nal­staat zum Schutz vor der sanft anmu­ten­den, tat­säch­lich aber knall­har­ten und aus­weg­lo­sen Über­grif­fig­keit der gro­ßen (Gott-)Spieler. Daß sich die­ser Staat heu­te mit Vehe­menz genau gegen sei­ne Befür­wor­ter wen­det, ist rei­ne Iro­nie und deu­tet auf die Achil­les­fer­se macht­vol­ler Struk­tu­ren hin, die ein Eigen­le­ben ent­wi­ckeln, wenn es an regel­mä­ßi­ger Ein­däm­mung man­gelt. Aus bio­lo­gi­scher Sicht wür­de eine sub­si­di­är orga­ni­sier­te Gesell­schafts­struk­tur sinn­voll erschei­nen – zur Ein­he­gung tota­li­tä­rer Entwicklungen.

Die Labo­ran­tin han­delt also nicht von der Zukunft. Das Stück ist viel­mehr ein Hin­weis. Wor­auf? Weil es die Zuschau­er über­rascht und ­scho­ckiert, ver­weist es dar­auf, wie gründ­lich die Wis­sen­schaft und ihre fol­gen­schwe­re Ent­wick­lung aus der all­ge­mei­nen Wahr­neh­mung her­aus­ge­hal­ten wer­den kön­nen. Ein glo­ba­ler medi­zi­nisch-indus­tri­el­ler Kom­plex bug­siert uns auch in höchst­per­sön­li­chen Fra­gen des Lebens auf gewünsch­te Pfa­de. Er ist über­mäch­tig und hat die Staa­ten längst im Griff. Die Basis die­ser unge­heu­ren Macht sind per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten (wie sie Goog­le und Ama­zon zur Ver­fü­gung ste­hen) und eben­je­ne Daten, die aus der DNS einer Blut­pro­be abge­le­sen wer­den können.

Was tun? Wie immer sind wir zugleich beschei­den, vol­ler Skru­pel und hilf­los. Grund­la­ge eines jeden Gegen­ent­wurfs wäre näm­lich die Akzep­tanz der Natur und der Bio­lo­gie des Men­schen. Dar­aus ergä­ben sich ganz ande­re, uralte Möglichkeiten.

Sobald neben Selbst­be­haup­tung eines Indi­vi­du­ums auch sei­ne Zuge­hö­rig­keit zu einer Gemein­schaft Bedeu­tung erhält, löst sich die bru­ta­le ein­di­men­sio­na­le Bewer­tung eines Men­schen näm­lich auf. Die Chan­ce ist groß, daß ein Mensch geschätzt und glück­lich ist, an sei­nem Platz, in sei­ner Posi­ti­on in sei­ner Gemein­schaft, sofern er denn sei­ne Stel­lung akzep­tiert und dadurch sich selbst annimmt.

Wie ein Baß sich nicht mit dem Solo­te­nor ver­glei­chen will und kann, muß nicht jeder der wirk­mäch­tigs­te Unter­neh­mer wer­den. Kei­ner kann alles sein. Dies liegt nicht am Man­gel an Fleiß oder gutem Wil­len, son­dern zu einem erheb­li­chen Teil an der Natur, an den Genen, die einen Men­schen ver­or­ten. Der ein­zel­ne ist damit Teil eines grö­ße­ren Gan­zen, und eben nicht unab­hän­gig von sei­ner Gemein­schaft, Kul­tur, Spra­che und Heimat.

Wo wird das Indi­vi­du­um durch sein Genom ver­or­tet? Idea­ler­wei­se in einer Gesell­schaft, die ver­steht, akzep­tiert und trägt, was man ist – in einer Hei­mat, die den gege­be­nen Eigen­schaf­ten und Talen­ten ent­ge­gen­kommt. Jene soli­da­ri­sche Gemein­schaft ver­zeiht, wenn man alters- oder krank­heits­be­dingt nicht mehr viel leis­ten kann – oder dies nie konnte.

Die­se Barm­her­zig­keit ist aber nicht selbst­ver­ständ­lich, son­dern nur in weni­gen Kul­tu­ren so rea­li­siert. Denn selbst­ver­ständ­lich macht uns unse­re DNS nicht mehr oder weni­ger wert – Wert­zu­schrei­bun­gen sind gesell­schaft­lich, und sie sind eine Fra­ge der Ethik. Die tra­di­tio­nel­le christ­li­che Ethik etwa macht den Wert eines Indi­vi­du­ums nicht davon abhän­gig, ob es beson­ders stark oder intel­li­gent ist, son­dern davon, ob es sei­nen rech­ten Platz in der sozia­len Ord­nung hat. Der kör­per­lich Star­ke hat eine ande­re Auf­ga­be als der intel­li­gen­te Den­ker oder die für­sorg­li­che Mut­ter, doch jeder von ihnen ist gleich wich­tig, und jeder von ihnen besitzt einen intrinsi­schen Wert.

Wer sich als Teil eines grö­ße­ren Gan­zen ver­steht, kann auch aus Erfol­gen der Gemein­schaft Bestä­ti­gung erfah­ren. Auf Grund­la­ge der Aner­ken­nung unse­rer Natur, des soli­da­ri­schen Umgangs mit unse­ren indi­vi­du­el­len Unter­schie­den und eines posi­ti­ven Gefühls für Her­kunft, Hei­mat und Zuge­hö­rig­keit kön­nen wir eine gute und lebens­wer­te Gesell­schaft werden.

Ein­grif­fe in den gene­ti­schen Code Unge­bo­re­ner aber, nach pri­va­ten oder staat­li­chen Prä­fe­ren­zen, ber­gen nicht nur die Gefahr, bewähr­te, jahr­hun­der­te­al­te Gleich­ge­wich­te zu zer­stö­ren, son­dern auch, sich wie Gott zu fühlen.

Bloß: Wen hät­te die­ser Vor­be­halt je gestört?

 

 Gastbeitrag

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