Erbe und Propaganda in Chinas Futurologie

von Raimund Th. Kolb

PDF der Druckfassung aus Sezession 104/ Oktober 2021

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Vor­be­mer­kung

Die macht­po­li­ti­schen Ansprü­che Chi­nas sind mit der fünf­ten KPCh-Füh­rungs­ge­nera­ti­on unter Xi Jin­ping als inthro­ni­sier­tem Gene­ral­se­kre­tär (2012) und Staats­prä­si­den­ten (2013; seit 2018 auf Lebens­zeit) unver­hoh­len auf Expansionskurs.

Xi pro­pa­gier­te gleich nach Macht­an­tritt eine ­»Gran­dio­se Wie­der­erwe­ckung der chi­ne­si­schen Nati­on«, wor­un­ter ein öko­no­misch und mili­tä­risch star­kes Chi­na mit Hege­mo­ni­al­an­spruch in einer pos­t­ame­ri­ka­ni­schen Welt­ord­nung zu ver­ste­hen ist. Soll­te in Kür­ze tat­säch­lich die Her­aus­ga­be Xis poli­ti­scher Ver­laut­ba­run­gen unter dem Titel Xi Jin­ping sixiang (Xi Jin­pings Ideen, Xi-ismus) erfol­gen, wie gerüch­te­wei­se ver­lau­tet, wäre er nach Mao der zwei­te chi­ne­si­sche Par­tei­füh­rer mit einem kano­ni­schen Werk der höchs­ten poli­ti­schen Bedeutungsklasse.

Deng Xiao­pings stra­te­gi­sches Mot­to »Ver­ber­ge dei­ne Kapa­zi­tä­ten und war­te auf den Kai­ros« (taoguang yang­hui) wur­de bereits von der vier­ten Genera­ti­on (Jiang Zemin, Hu Jin­tao) schritt­wei­se ent­kräf­tet. Vor dem Hin­ter­grund eines in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten phä­no­me­na­len wirt­schaft­li­chen Auf­stiegs in Beglei­tung mili­tä­ri­scher Erstar­kung weckt Chi­na mit sei­nem inter­na­tio­nal zuneh­mend domi­nan­te­ren Auf­tre­ten vor allem bei den unmit­tel­ba­ren asia­ti­schen Nach­barn his­to­risch begrün­de­te Beden­ken und »Chi­na threat«-Reaktionen.

Des­halb wird welt­weit enor­mer außen­pro­pa­gan­dis­ti­scher Auf­wand betrie­ben, sich wört­lich als fried­lie­ben­de auf­stei­gen­de Groß­macht und Mit­er­schaf­fer einer künf­ti­gen »inklu­si­ven, sau­be­ren und schö­nen Welt« zu präsentieren.

Im Fokus steht dabei die Mei­nungs­ma­ni­pu­la­ti­on der gegen­wär­ti­gen und künf­ti­gen west­li­chen Eli­ten. Die ein­schlä­gi­gen Tech­ni­ken dürf­ten bekannt sein: Streu­ung von Des­in­for­ma­tio­nen (teils kam­pa­gnen­ar­tig) über gekauf­te und geneigt gehal­te­ne Mas­sen­me­di­en, getarn­te Inter­net­por­ta­le und Social-media-Kanä­le, Pro­pa­gan­da­ver­an­stal­tun­gen in eige­nen Kul­tur­fo­ren und ‑zen­tren, Brain­wa­shing in Kon­fu­zi­us-Insti­tu­ten und Kon­fu­zi­us-Klas­sen sowie Erzwin­gung von Selbst­zen­sur durch Andro­hung von Repres­sa­li­en bei Indi­vi­du­en und Kör­per­schaf­ten (Visa-Ver­wei­ge­rung, Boy­kott usw.).

In die gro­ße »Ver­ei­nig­te Front« sind auch die Dia­spo­ra-Chi­ne­sen, vor allem die Aka­de­mi­ker unter ihnen, ein­ge­bun­den. Xi Jin­pings For­de­rung, »Chi­nas Geschich­te lobend zu erzäh­len«, prägt im Wes­ten längst den Chi­na-Dis­kurs. Kein Wun­der also, daß sich nicht weni­ge west­li­che Intel­lek­tu­el­le, nicht nur die sino­phi­len unter ihnen, unab­hän­gig ihrer sons­ti­gen poli­ti­schen Posi­tio­nie­rung vom »Chi­na-Modell« eine Alter­na­ti­ve zur gegen­wär­ti­gen US-Hege­mo­nie und der glo­bal vor­herr­schen­den Wirt­schafts­ord­nung ver­spre­chen oder mit ihm zumin­dest sympathisieren.

Dies offen­bart sich auch auf rech­ter Sei­te, z. B. in der Ver­si­on 2.64 des »Arbeits­ent­wurfs einer Chi­na­stra­te­gie« der AfD, der, his­to­ri­sche Fak­ten per­ver­tie­rend, die Macht­über­nah­me der KPCh 1949 als »Befrei­ung von der Fremd­herr­schaft« und als »Been­di­gung der Feu­dal­herr­schaft« bewun­dert. Als plum­pe Anbie­de­rung kann man Maxi­mi­li­an Krahs (MdEP AfD) Glück­wunsch­adres­se vom 22. Mai 2021 an die Auto­no­me Regi­on Tibet zu ihrem 70. Jah­res­tag verstehen.

Der KPCh ist seit Beginn der Reform­ära 1980 sehr dar­an gele­gen, aka­de­mi­sche Zir­kel im Inland für sich ein­zu­neh­men, was bis­her nicht immer zufrie­den­stel­lend gelang. Im Janu­ar 2015 beschlos­sen ZK und Staats­rat, »Think-Tanks mit chi­ne­si­schen Cha­rak­te­ris­ti­ka« ins Leben zu rufen, um damit Chi­nas Intel­lek­tu­el­le noch bes­ser kon­trol­lie­ren und in Stel­lung gegen Kri­ti­ker brin­gen zu können.

Die Vor­ga­be der Par­tei for­dert von den Wis­sen­schaft­lern bipo­la­re Bega­bung ein, näm­lich »For­schung ohne ver­bo­te­ne Zonen und [zugleich] dis­zi­pli­nier­te Pro­pa­gan­da zu betrei­ben«. Die think tanks sol­len einer­seits die Zen­tral­re­gie­rung mit Infor­ma­tio­nen über Miß­stän­de und Wider­sprü­che infor­mie­ren und ande­rer­seits kul­tu­rel­le soft power gene­rie­ren, um im Aus­land dem Renom­mee des Lan­des zu dienen.

In der Innen- wie der Außen­po­li­tik bedient sich die KPCh stra­te­gi­scher Nar­ra­ti­ve, die es als poli­ti­sche Mythen zu erken­nen gilt. Für ein Ver­ständ­nis poli­ti­schen Han­delns in der VR Chi­na soll­te man sich ihrer tat­säch­li­chen wie kon­stru­ier­ten His­to­ri­zi­tät bewußt sein. Alle poli­ti­schen Leit­my­then sind zugleich his­to­ri­sche Mythen, die fest im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis der tra­di­tio­nell geschichts­be­wuß­ten Bevöl­ke­rung ver­an­kert sind und pro­pa­gan­dis­tisch jeder­zeit dienst­bar gemacht wer­den kön­nen. Ziel chi­ne­si­scher Außen­pro­pa­gan­da ist es, die­se poli­tisch kon­di­tio­nier­te Erin­ne­rungs­kul­tur zu globalisieren.

 

Vor­ga­ben und Grenzen

Die Debat­te über Chi­nas künf­ti­ge Rol­le in der Welt, im inter­na­tio­na­len Bezie­hungs­ge­fü­ge, wur­de seit den 1950er Jah­ren zunächst von mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Vor­ga­ben und, begin­nend mit der Reform­pe­ri­ode, mehr oder weni­ger von west­li­chen, haupt­säch­lich US-Theo­rien beherrscht. Bemer­kens­wer­te eigen­stän­di­ge Ideen sucht man dar­in vergebens.

Es war dann Huan Xiang, ehe­ma­li­ger Polit­be­ra­ter von Zhou Enlai, der anläß­lich der ers­ten Theo­rie-Kon­fe­renz zu Inter­na­tio­nal Rela­ti­ons (IR) in Shang­hai 1987 dazu auf­for­der­te, eine eigen­stän­di­ge Theo­rie, pas­send zu Deng Xiao­pings Mot­to vom »Sozia­lis­mus mit chi­ne­si­schen Cha­rak­te­ris­ti­ka«, zu ent­wi­ckeln. Weni­ge Jah­re spä­ter wur­de mit der Umset­zung begon­nen, ohne daß sich bis heu­te eine offi­zi­ell erwünsch­te »Chi­ne­si­sche IR-Schu­le« pro­fi­lie­ren konnte.

Die Dis­kus­sio­nen folg­ten jeweils in etwa den auf Par­tei­kon­gres­sen pro­pa­gier­ten Leit­li­ni­en. Die inno­va­ti­ve Pha­se der IR-Debat­te setz­te erst 2007 mit Hu Jin­ta­os Äuße­rung auf dem 17. Par­tei­kon­greß der KPCh ein, hin­fort gel­te als Ziel die Schaf­fung einer »har­mo­ni­schen Gesell­schaft« und einer »har­mo­ni­schen Welt« auf dem Weg einer »fried­li­chen Ent­wick­lung«. Die IR-Vor­den­ker nah­men sich prompt The­men wie soft power, Mul­ti­la­te­ra­lis­mus, und fried­li­chen Wan­del vor.

Unter Xi Jin­ping, ab 2013 also, ver­än­der­te sich dann die Schwer­punkt­la­ge deut­lich. Neben reno­vier­ten sino­mar­xis­ti­schen Ansät­zen (Cui Zhi­yu­an, Pan Wei) sind im In- und Aus­land der­zeit vor allem jene Kon­zep­te beson­ders popu­lär, die sich indi­ge­ner Text­quel­len für ihre Argu­men­ta­ti­on bedie­nen. Dabei wer­den in ers­ter Linie Tex­te aus Chi­nas Ach­sen­zeit (722 – 221 v. Chr.), vor allem der »Peri­ode der Kämp­fen­den Staa­ten« (464 – 221 v. Chr.) mit ihren »hun­dert mit­ein­an­der wett­ei­fern­den Schu­len«, heu­ris­tisch gele­sen und als Stein­brü­che für die Kon­struk­ti­on von Zukunfts­sze­na­ri­en herangezogen.

Mit zwei Aus­nah­men (Xu Jilin, Ge Zhao­guang) ist kei­ner der bekann­te­ren Vor­den­ker His­to­ri­ker, geschwei­ge denn Alt­his­to­ri­ker. Unter den Futu­ro­lo­gen domi­nie­ren Poli­to­lo­gen, Sozi­al­wis­sen­schaft­ler, Öko­no­men und Phi­lo­so­phen. Ent­spre­chend unphi­lo­lo­gisch fällt der Umgang mit den Tex­ten aus. Der Stand der Quel­len­kri­tik wird igno­riert. Ana­chro­nis­men sind an der Tagesordnung.

Vom Poli­to­lo­gen und Direk­tor des Insti­tuts für inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen an der Tsinghua-Uni­ver­si­tät (Peking) Yan Xue­tong, stammt der ent­spre­chen­de aka­de­mi­sche Frei­fahrt­schein: Futu­ro­lo­gen hät­ten sich nicht um die Authen­ti­zi­tät ihrer alten Quel­len und die His­to­ri­zi­tät ihrer Inhal­te zu küm­mern, sie müß­ten die Geschich­te nicht ken­nen, um Erkennt­nis­se aus ihren Quel­len zu gewinnen.

Futu­ro­lo­gen eint auch der Anspruch auf die Ein­zig­ar­tig­keit der chi­ne­si­schen Geschich­te und Kul­tur (Exzep­tio­na­lis­mus) und kon­se­quen­ter­wei­se die Hin­wen­dung zum Post-Posi­ti­vis­mus in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, der gleich­be­deu­tend mit einer Abkehr von empi­risch test­ba­ren Regel­mä­ßig­kei­ten und von Geset­zen gepräg­ten Inter­pre­ta­men­ten ist.

Die fol­gen­den sechs angeb­lich bedeu­tends­ten kul­tu­rel­len Allein­stel­lungs­merk­ma­le, von denen die ers­ten drei dem Alter­tum ent­stam­men, geben in etwa das offi­zi­el­le poli­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis wie­der: (1) »Die Ein­heit von Him­mel / Natur und Mensch« zei­tigt eine Gesell­schaft, die sich vor allem um die Per­form­anz (Leis­tungs­bi­lanz) der Regie­rung, ihrer Über­ein­stim­mung mit dem »Weg des Him­mels« (tian­dao) küm­mert, und nicht allein den legi­ti­mie­ren­den Ord­nungs­fak­tor in Betracht zieht. (2) »Der Weg von Mit­te und Maß« ist der einer gro­ßen dau­er­haf­ten Par­tei, die den Bedürf­nis­sen der Gesamt­be­völ­ke­rung und nicht ein­zel­nen Inter­es­sen­grup­pen und sozia­len Klas­sen dient. (3) »Die Welt gehört allen« gibt die Über­zeu­gung wie­der, daß die höchs­te Stu­fe der mensch­li­chen Selbst­ver­wirk­li­chung in einer allen gehö­ren­den »Welt der Gro­ßen Ein­heit« erreicht wird. (4) »Eli­tis­mus« hebt die für die Staats­len­kung über­ra­gen­de Bedeu­tung mora­lisch Bei­spiel set­zen­der, gro­ße Taten voll­brin­gen­der und wei­se Ideen ver­brei­ten­der Per­so­nen her­vor. (5) »Volks­ori­en­tier­te Phi­lo­so­phie« steht letzt­lich für eine pater­na­lis­ti­sche Regie­rung. (6) »Chi­na-Bewußt­sein« gibt die Über­zeu­gung wie­der, das vor­treff­lichs­te Volk mit der bedeu­tends­ten Zivi­li­sa­ti­on auf der Erde zu sein.

Gera­de die­se Selbst­über­schät­zung ist es, so der pro­mi­nen­te Vor­den­ker Kang Xiao­guang, der sich als Sozi­al­wis­sen­schaft­ler für die Imple­men­tie­rung einer »kon­fu­zia­ni­schen Reli­gi­on« ein­setzt, die »Chi­nas Essenz« vor der »Kühn­heit und den fes­ten Über­zeu­gun­gen west­li­cher Kul­tur« schützt. Man geht fer­ner davon aus, daß die für jeden Chi­ne­sen ein­sich­ti­gen »Natio­na­le Kon­di­tio­nen« (guo­qing) im Wes­ten ohne­hin nicht ver­stan­den wer­den können.

Um das ver­meint­li­che Gewicht der eige­nen Zivi­li­sa­ti­on noch wei­ter zu beför­dern, stell­te jüngst eine aka­de­mi­sche Mono­gra­phie mit beacht­li­chem Medi­en­echo die Authen­ti­zi­tät der euro­päi­schen Anti­ke in Fra­ge und behaup­te­te, aus­ge­wan­der­te Chi­ne­sen sei­en für ihren Glanz ver­ant­wort­lich gewe­sen. Eine ande­re, nicht min­der wir­re Stu­die will glau­ben machen, daß die west­li­che Moder­ne (Tech­no­lo­gie, Öko­no­mie, Demo­kra­tie, Phi­lo­so­phie etc.) ihren Ursprung in Chi­na habe, über Han­dels­we­ge in den Wes­ten gelangt sei und erst Chi­na das pri­mi­ti­ve Euro­pa auf Zivi­li­sa­ti­ons­ni­veau gebracht habe – bis hin zu der Behaup­tung, der Ursprung mensch­li­cher Zivi­li­sa­ti­on lie­ge sowie­so in Südwest-China.

Auf dem 18. Natio­na­len Par­tei­kon­greß im Novem­ber 2012 präg­te Xi Jin­ping auch den Ban­ner­be­griff vom »Chi­ne­si­schen Traum« (Zhong­guo meng), der Chi­na »Pro­spe­ri­tät und Stär­ke« und der Gesell­schaft »Demo­kra­tie«, »Zivi­li­tät« und »Har­mo­nie« besche­ren soll. Seit­her träu­men Chi­nas Vor­den­ker mit offi­zi­el­lem Segen noch publi­ka­ti­ons­stär­ker von der Zukunft ihres Landes.

Nicht uner­wähnt soll­te der Umstand blei­ben, daß alle futu­ro­lo­gi­schen Sze­na­ri­en zu Chi­nas Bin­nen­ent­wick­lung wie zu sei­ner glo­ba­len stra­te­gi­schen Zukunfts­rol­le völ­lig abge­ho­ben von der rea­len Situa­ti­on des Lan­des und sei­nen inne­ren kri­sen­haf­ten Pro­ble­men erfol­gen (müs­sen): u. a. dem alles beherr­schen­den cro­ny capi­ta­lism (Kol­lu­si­on von Par­tei, Wirt­schaft und orga­ni­sier­tem Ver­bre­chen in kor­rup­ten Netz­wer­ken), einem sich anbah­nen­den Umwelt­kol­laps in vie­len Lan­des­tei­len, einer hohen Einkommens­ungleichheit (Gini-Koef­fi­zi­ent 2018: 0,51) und ano­mi­schen Ten­den­zen in der Gesell­schaft, einer gigan­ti­schen Staats­ver­schul­dung, einer andau­ern­den Inno­va­ti­ons­schwä­che, der man durch Spio­na­ge und Erwerb inno­va­ti­ver Betrie­be im Wes­ten zu begeg­nen sucht, und bei alle­dem einer dro­hen­den »midd­le inco­me trap«. Impo­san­te Zukunfts­vi­sio­nen in Agit­prop-Manier und ihre Dis­kus­si­on sol­len offen­sicht­lich die Bevöl­ke­rung, in der es nicht an Unzu­frie­den­heit und Unru­he man­gelt, mit Erlö­sungs­ver­spre­chen einlullen.

Der frag­li­che Zukunfts­dis­kurs mani­fes­tiert sich in einer Legi­on von Publi­ka­tio­nen, die wie alle ande­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen fort­wäh­rend aktua­li­sier­ten Zen­sur­be­stim­mun­gen aus­ge­lie­fert sind. Seit 2013 ist das Inter­net inten­sivs­ter Über­wa­chung und Kon­trol­le unter­wor­fen; von Intel­lek­tu­el­len genutz­te Platt­for­men wer­den bei Miß­fal­len unter Hin­weis auf »Ver­brei­tung fal­scher Ideen« kur­zer­hand geschlos­sen (z. B. 21com.net). Ein Satz der Kri­tik in Rich­tung Par­tei oder Zen­tral­re­gie­rung kann das eige­ne Leben und das der Fami­lie dau­er­haft verändern.

Die gesell­schaft­lich all­um­fas­sen­de Füh­rungs­rol­le der KPCh wur­de erst­mals im Okto­ber 2017 in die Par­tei-Char­ta auf­ge­nom­men. Alle öffent­li­chen Äuße­run­gen haben sich seit­her im Ein­klang mit den »Xi-Jin­ping-Gedan­ken zum Sozia­lis­mus mit chi­ne­si­schen Cha­rak­te­ris­ti­ka für eine neue Ära« zu befin­den. Chi­na ist, wie Zhu Anping schon 1957 wäh­rend der für kri­ti­sche Intel­lek­tu­el­le fata­len »Hun­dert Blüten«-Kampagne kon­sta­tier­te, noch immer ein »Alles unter dem Him­mel der Par­tei« (dang­tianxia). Wer hier im Wes­ten zwi­schen­zeit­lich sei­ne Hoff­nung auf Ver­än­de­rung setz­te, dach­te ahis­to­risch und okzi­den­tal voreingenommen.

 

Futu­ro­lo­gisch fina­li­sier­tes Altertum

Die Hin­wen­dung zum Alter­tum bei der Suche nach Ideen und Lösun­gen für die Gestal­tung der Zukunft ist in Chi­na kei­nes­wegs neu, sie fin­det sich in der Tra­di­ti­on uto­pi­scher Ent­wür­fe und hat in der frü­hen Moder­ne bedeu­ten­den Intel­lek­tu­el­len der Repu­blik­zeit (1911 – 1949) wie Zhang Tai­y­an (1869 – 1936), Deng Shi (1877 – 1945?) oder Liu Ship­ei (1884 – 1935) die Idee beschert, es lie­ßen sich in den alten Tex­ten alle wesent­li­chen west­li­chen Ideen und Insti­tu­tio­nen ent­de­cken. Sie behaup­te­ten die Ver­gleich­bar­keit der chi­ne­si­schen Ach­sen­zeit mit der grie­chisch-römi­schen Antike.

Da letz­te­re in der Renais­sance eine Wie­der­ge­burt erfah­ren hat­te, die zur Moder­ne führ­te, schlos­sen sie dar­aus, dies auch vom chi­ne­si­schen Alter­tum erwar­ten zu kön­nen. Von des­sen Wie­der­be­le­bung (fugu) ver­spra­chen sie sich letzt­lich eine eigen­stän­di­ge natio­na­le Ent­wick­lung. Anstoß dazu gab den Natio­na­lis­ten ver­mut­lich die Erkennt­nis, daß Chi­na bis dahin der Vor­stoß in die Moder­ne nur auf den Schul­tern der west­li­chen Mäch­te mög­lich gewe­sen war.

Zu den her­aus­ra­gen­den Vor­den­kern, die sich gegen­wär­tig dem Alter­tum als Inspi­ra­ti­ons­quel­le zuwen­den, zählt Zhao Tin­gyang. Zhao arbei­tet als Phi­lo­soph an der Aka­de­mie für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten in Peking und damit dem ältes­ten und größ­ten think tank der KPCh-Par­tei­spit­ze. Sein »Alles unter dem Himmel«-Modell ist das im In- und Aus­land meist­dis­ku­tier­te aus die­ser Gruppe.

Der »Klas­si­ker« Das Zeit­ge­nös­si­sche des tianxia[-Modells] – Vor­stel­lung von der Rea­li­sie­rung einer Welt­ord­nung wur­de von Micha­el Kahn-Acker­mann über­setzt (in Anbe­tracht der stre­cken­wei­se opa­ken Argu­men­ta­ti­on eine her­ku­li­sche Leis­tung), der unter ande­rem als Senior­be­ra­ter für die Haupt­quar­tie­re der Kon­fu­zi­us-Insti­tu­te fun­giert, die zu den wich­tigs­ten Ein­rich­tun­gen chi­ne­si­scher Außen­pro­pa­gan­da zäh­len. Zhao formt dar­in das Alter­tum nach den Bedürf­nis­sen sei­nes Zukunfts­mo­dells – los­ge­löst vom Forschungsstand.

Grund­sätz­lich teilt sich die Grup­pe der alter­tü­meln­den Vor­den­ker in zwei Lager. Die ers­te und bei wei­tem größ­te Grup­pe, zu der auch Zhao gehört, ver­sucht mit umfäng­li­chen Text­zi­ta­ten ein tianxia-Modell zu kon­stru­ie­ren, von dem sie über­zeugt ist, es kön­ne die domi­nie­ren­de west­lich-libe­ra­le Vor­stel­lung einer Welt­ord­nung durch eine fried­li­che­re und ega­li­tä­re­re, chi­ne­sisch gepräg­te ersetzen.

Für Zhao bedeu­tet tianxia die gan­ze phy­sisch-geo­gra­phi­sche Welt, sodann die Welt als eine Völ­ker­fa­mi­lie und schließ­lich eine poli­ti­sche Welt­ord­nung, als »Onto­lo­gie der Koexis­tenz« gedacht. Das Kon­zept sie­delt er selbst »zwi­schen Idea­lis­mus und Rea­lis­mus« an und nennt es im Gegen­satz zu Uto­pia »con­co­pia«, defi­niert als »rea­li­sier­ba­re gemein­sam geteil­te und genos­se­ne Welt«.

Metho­do­lo­gisch bedeu­te tianxia, so Zhao wei­ter, eine »Inter­na­li­sie­rung«, eine »inklu­si­ve Welt«, inso­fern stellt die heu­ti­ge Welt für ihn eine »Nicht-Welt« dar. Der Begriff tianxia, so Zhao, mein­te tra­di­tio­nell das chi­ne­si­sche Reich und die gan­ze Welt und nicht den Natio­nal­staat, er inklu­dier­te die Inter­es­sen ande­rer Län­der. Mit der »Ver­nunft des Bezie­hungs­net­zes« (rela­tio­na­ler Ratio­na­li­tät) wird der indi­vi­du­el­len Ver­nunft, die nur nach Maxi­mie­rung von Eigen­in­ter­es­sen strebt, eine Absa­ge erteilt. Von höchs­tem Inter­es­se müs­sen gemein­sa­me Sicher­heit und Inter­es­sen sein, die Mini­mie­rung gegen­sei­ti­ger Feind­schaft. Exis­tenz setzt Koexis­tenz voraus.

Als drit­tes Ele­ment wird eine kon­fu­zia­ni­sche Melio­ri­sie­rung der Mensch­heit gefor­dert, die sich einer Pare­to-Ver­bes­se­rung, die Indi­vi­du­en bzw. Grup­pen Vor­tei­le ohne Nach­tei­le für ande­re beschert, inso­fern über­le­gen zeigt, als sie jedem ein­zel­nen Vor­tei­le bringt. Als letz­tes Ele­ment nennt er den »ver­ein­bar­li­chen Uni­ver­sa­lis­mus«, des­sen Vor­aus­set­zung sym­me­tri­sche Bezie­hun­gen sind, die auf von allen geteil­ten, also uni­ver­sa­len Wer­ten beru­hen. Jeder davon abwei­chen­de Wert steht für eine per­sön­li­che Prä­fe­renz oder die von bestimm­ten Gruppen.

Zhao beteu­ert, daß die­ses Kon­zept nichts mit Erobe­rung oder Hege­mo­nie zu tun habe, da es ein frei­wil­li­ges, geteil­tes und hos­pi­ta­bles Sys­tem dar­stel­le. Wahr­schein­lich, so Zhao in Abän­de­rung frü­he­rer Posi­tio­nen, bedarf es kei­ner Zen­tral­re­gie­rung, da die Staa­ten sich selbst regie­ren, son­dern eines von allen getra­ge­nen »Ent­schei­dungs­gre­mi­ums«, das über Ver­fas­sung, Finanz­we­sen, Wis­sen­schaft, Tech­nik und vie­les mehr bestimmt. Andern­orts ist dafür ein »Königs­land« vor­ge­se­hen, das auf­grund sei­ner Grö­ße und mili­tä­ri­schen Potenz (in fes­ter Ratio 6 : 3, 6 : 2, 6 : 1 zu der von gro­ßen, mitt­le­ren und klei­nen Staa­ten) in der Lage ist, das Sys­tem sta­bil zu hal­ten, ohne es zu übervorteilen.

Der Poli­to­lo­ge Liu Qing setz­te Zha­os Kon­zept bei einer Dis­kus­si­on in Bezie­hung zu Japans »Pan-Asia­nis­mus« vor 1945. Es kön­ne sich poten­ti­ell dar­aus ein impe­ria­lis­ti­scher Dis­kurs ent­wi­ckeln. Xu Jilin hält dem argu­men­ta­tiv sei­nen »Neu­en-Tianxia-ismus« ent­ge­gen, der letzt­lich eine gemein­sa­me Welt­zi­vi­li­sa­ti­on und ‑admi­nis­tra­ti­on beinhaltet.

Es han­delt sich dabei um eine eigen­wil­li­ge Ver­schmel­zung von Par­ti­ku­la­ris­mus und Uni­ver­sa­lis­mus. Das tra­di­tio­nel­le »Alles unter dem Him­mel« mit Chi­na im Kern drei­er kon­zen­tri­scher Krei­se (Chi­nas Öku­me­ne, Nach­bar­län­der, Tri­but­staa­ten) wird zukunfts­fä­hig in einem »nicht­hier­ar­chi­schen und dezen­tra­li­sier­ten neu­en Uni­ver­sa­lis­mus«, einer »geteil­ten Universalität«.

Nicht nur Kon­fu­zi­us und sei­ne Anhän­ger, alle spä­te­ren Kon­fu­zia­ner und mit­hin auch Zhao Tin­gyang sehen in der spi­ri­tu­el­len »Welt­ord­nung« der West-Zhou-Dynas­tie (1027 – 772 v. Chr.) den Pro­to­typ des tianxia-­Modells rea­li­siert. Eine zwei­te, sehr klei­ne Grup­pe an Vor­den­kern mit Ge Zhao­guang als pro­mi­nen­tes­tem Ver­tre­ter weist sach­kun­dig dar­auf hin, daß tianxia eigent­lich eine Ima­gi­na­ti­on dar­stellt, die vom kon­kre­ten Geschichts­ver­lauf zu kei­ner Zeit ein­ge­löst wur­de. Zha­os »Inklu­si­ve Welt«-Denken war in Tat und Wahr­heit ein Den­ken und Han­deln in den Kate­go­rien »Innen« (Zivi­li­sa­ti­on, Chi­ne­sen) und »Außen« (unzi­vi­li­sier­te Barbaren).

Die poli­ti­sche Tra­di­ti­on Chi­nas kann­te kei­ne Gleich­heit zwi­schen Kul­tu­ren unter­schied­li­cher Län­der, beruh­te viel­mehr auf einer zivi­li­sa­ti­ons­hier­ar­chi­schen Ord­nung der bekann­ten Welt mit Chi­na in der Mit­te als Zen­trum und Höhe­punkt zivi­li­sa­to­ri­scher Ent­wick­lung, umge­ben von »gekoch­ten« (= zivi­li­sier­ten, akkul­turier­ten) und jen­seits »rohen« (unzi­vi­li­sier­ten) Bar­ba­ren. Die Geschich­te der Bezie­hun­gen der Han-Chi­ne­sen zu ihren Nach­barn ist von wech­sel­sei­ti­ger kul­tu­rel­ler Beein­flus­sung und einem Neben­ein­an­der von fried­li­chen wie krie­ge­ri­schen Aspek­ten, jeweils abhän­gig von der eige­nen mili­tä­ri­schen Stär­ke und der des Geg­ners, geprägt.

Zhao spricht vom heu­ti­gen Chi­na als Viel­völ­ker­staat mit tianxia-Prä­gung. Bei einer eth­ni­schen Struk­tur, in der die Han-Chi­ne­sen mit über 91 Pro­zent die Bevöl­ke­rungs­mehr­heit unter 56 aner­kann­ten und 19 nicht­a­n­er­kann­ten Eth­ni­en auf­wei­sen, ist dies zumin­dest ein frag­wür­di­ger Begriff, bes­ser soll­te von eth­ni­schen Mino­ri­tä­ten denn von »Völ­kern« die Rede sein.

Gänz­lich unzu­tref­fend wird das tianxia-Attri­but, wenn man Chi­nas Poli­tik gegen­über die­sen Mino­ri­tä­ten, vor allem den grö­ße­ren und nicht­bot­mä­ßi­gen unter die Lupe nimmt. Tibet und Xin­jiang sind seit gerau­mer Zeit einer poli­tisch gelenk­ten, sys­te­ma­ti­schen demo­gra­phi­schen Über­wäl­ti­gung durch Han-Chi­ne­sen ausgesetzt.

Ein Blick auf die Ver­än­de­run­gen der his­to­ri­schen Gren­zen und die Mili­tär­ge­schich­te Chi­nas belegt zwei­fels­frei einen kolo­ni­sa­to­ri­schen Expan­sio­nis­mus mit zivi­li­sa­to­ri­schem Anspruch, eine zivi­li­sa­to­ri­sche Erlö­sung von Nicht-Han-Kul­tu­ren durch die Han-Zivi­li­sa­ti­on, die Essenz aus einer Viel­zahl von Lokal­kul­tu­ren der chi­ne­si­schen Öku­me­ne. Zha­os »Whirlpool«-Formel (Kahn-Acker­mann: »Mahl­strom«) von einer zivi­li­sa­to­ri­schen Zen­tri­pe­tal­kraft, die, aus­ge­hend von der »Zen­tral­ebe­ne mit ihrer spi­ri­tu­el­len Welt«, letzt­lich zu Wachs­tum ohne expan­sio­nis­ti­sche Atti­tü­de geführt habe, kann schon mili­tär­his­to­risch nicht über­zeu­gen, was ein Blick aufs Alter­tum zeigt.

Für die modell­haf­te tianxia-Ära (West-Zhou-Zeit) wird von den ein­zi­gen authen­ti­schen Schrift­quel­len, den Bron­ze­in­schrif­ten, reges krie­ge­ri­sches Trei­ben über­lie­fert. Es gab zahl­rei­che Ein­fäl­le von »Bar­ba­ren« aus allen Him­mels­rich­tun­gen sowie prä­emp­ti­ve und reak­ti­ve Feld­zü­ge mit Ver­nich­tungs- und / oder Kolo­ni­sie­rungs­ab­sich­ten gegen sie. Mit ins­ge­samt 14 ste­hen­den Hee­res­ver­bän­den als mili­tä­ri­schem Rück­grat gebär­de­ten sich die Zhou als mar­tia­li­sche Erobe­rer, aber auch als Beschüt­zer ihrer Lehens­staa­ten, die bei Ver­let­zung der Lehens­pflich­ten mili­tä­risch gezüch­tigt wurden.

In der nach­fol­gen­den »Frühling-Herbst«-Periode (722 – 464 v. Chr.) fan­den dann in 258 Jah­ren 1211,5 grö­ße­re Mili­tär­er­eig­nis­se statt (sol­che mit »Bar­ba­ren« wur­den mit 0,5 gezählt), die dazu führ­ten, daß von 110 nur 22 Staa­ten über­leb­ten. In der anschlie­ßen­den »Zeit der Kämp­fen­den Staa­ten« (464 – 221 v. Chr.) fan­den in 243 Jah­ren 488,5 Krie­ge bedeu­tend grö­ße­ren Umfangs und Dau­er, Levée en mas­se, mehr­jäh­ri­ge Stadt­be­la­ge­run­gen und län­ge­re Kam­pa­gnen mit bis zu 13 Schlach­ten statt.

Eine wie immer gear­te­te spi­ri­tu­el­le Mäßi­gung des Ver­hal­tens von Kon­flikt­par­tei­en, wie Zhao sie dem tianxia-Modell zuschreibt, ist his­to­risch-kri­tisch gese­hen auch für den wei­te­ren Geschichts­ver­lauf nicht zu bele­gen. Der Blick auf den Zeit­raum zwi­schen 960 und 1911 in Chi­nas größ­ter Mili­tär­chro­no­lo­gie weist 1761 bedeu­ten­de­re Ereig­nis­se dies- und jen­seits der Gren­zen aus, also sta­tis­tisch 1,8 Ereig­nis­se pro Jahr. Nicht berück­sich­tigt sind hier mili­tä­ri­sche Ein­sät­ze aus Gar­ni­so­nen gegen das all­täg­li­che ende­mi­sche Ban­di­ten­tum, die Nie­der­schla­gung loka­ler Auf­stän­de, Hun­ger- und Steuerrevolten.

Zu den popu­lärs­ten his­to­ri­schen Mythen im In- und Aus­land zäh­len die angeb­lich außer­ge­wöhn­li­che Aggres­si­ons­ar­mut und die Fried­fer­tig­keit der chi­ne­si­schen Gesell­schaft. Dies wird auch von allen VRCh-Futu­ro­lo­gen bedient. Nach zwan­zig Jah­ren Quel­len­stu­di­um zu Kri­mi­na­li­tät und All­tags­ge­walt in Chi­nas Geschich­te und Gegen­wart sowie ein­schlä­gi­gen eige­nen Erfah­run­gen im Land mutet die­ser Mythos schlicht­weg bizarr an. Er fußt auf einer kol­lek­ti­ven Amne­sie als Fol­ge­er­schei­nung einer jahr­hun­der­te­wäh­ren­den kon­fu­zia­ni­schen Elitenpropaganda.

Doch eben­die­se Eli­ten zeig­ten sich bei genaue­rer Inspek­ti­on hori­zon­tal gegen ihres­glei­chen und ver­ti­kal gegen Ange­hö­ri­ge unter­ge­ord­ne­ter sozia­ler Stra­ta kei­nes­wegs gewalt­ab­ge­wandt. Die Vor­stel­lung einer kon­fu­zia­nisch-ethisch beherrsch­ten vor­mo­der­nen Gesell­schaft wird selbst von ihrem Kern, den Fami­li­en und Linea­gen, nicht über­zeu­gend ein­ge­löst. Daß auch nam­haf­te His­to­ri­ker die­sem Mythos ver­fal­len sind, zeigt bei­spiels­wei­se He Fang­chu­an, der sei­nen Lands­leu­ten den Besitz eines »Frie­dens­gens« zuschreibt.

Die KPCh bekämpf­te Kon­fu­zi­us und den Kon­fu­zia­nis­mus kam­pa­gnen­ar­tig von 1966 bis 1967 (hei­ße Pha­se der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on) und von 1973 bis 1975 (in Ein­tracht mit dem gestürz­ten Lin Biao). Ein Wust an pseu­do­wis­sen­schaft­li­chen Auf­sät­zen, an Pam­phle­ten und Car­toons – die am wei­tes­ten ver­brei­te­te Serie trug in ver­schie­de­nen Auf­ma­chun­gen den Titel Das ver­bre­che­ri­sche Leben des Kong Alte Zwei [= Tes­ti­kel­paar] – ergoß sich in Mil­lio­nen­auf­la­ge und ver­schie­de­nen Ver­sio­nen über die Bevölkerung.

Mit Beginn der Reform­pe­ri­ode 1980, ins­be­son­de­re seit sich die Gesell­schaft mas­siv sozi­al des­in­te­griert, wird die mora­li­sche Kraft des Kon­fu­zia­nis­mus beschwo­ren, er soll exis­ten­ti­el­le Unsi­cher­hei­ten lin­dern hel­fen und das kul­tu­rel­le Selbst­be­wußt­sein för­dern. Zu sei­nen eher­nen Wer­ten gehö­ren Eli­tis­mus, Meri­to­kra­tis­mus und die Herr­schaft von Wei­sen und Tugend­haf­ten als erzie­he­ri­sches Vor­bild für das Volk.

Wenn Futu­ro­lo­gen ihre aus dem Alter­tum geschöpf­ten und der Gegen­wart anver­wan­del­ten Model­le unter die Kautel einer Erfül­lung die­ser For­de­run­gen stel­len und wie Jiang Qing, der pro­mi­nen­tes­te gegen­wär­ti­ge Kon­fu­zia­ner in Chi­na, den »Weg huma­ner Auto­ri­tät« (wang­dao) und die Ver­tre­tung »hei­li­ger Wer­te« sowie »freie Rede« ein­for­dern, dann kommt dies einem Affront gegen­über der KPCh-Nomen­kla­tu­ra gleich. Jiang stellt gar sei­ne kon­fu­zia­ni­sche Staats­form dem Sozia­lis­mus der Par­tei ent­ge­gen. Man darf gespannt sein, wie lan­ge ihm dies unter dem Man­tel des Exzep­tio­na­lis­mus noch gestat­tet sein wird.

Die KPCh agiert strikt anti­kon­fu­zia­nisch. Der vor­herr­schen­de cro­ny capi­ta­lism führ­te zu atem­be­rau­ben­den Berei­che­run­gen inner­halb der zen­tra­len und loka­len Par­tei-Nomen­kla­tu­ra. David Bar­b­o­za gelang 2012 der Nach­weis, daß die Fami­lie von Wen Jia­bao, Pre­mier des Staats­ra­tes (2003 – 2013), ein Ver­mö­gen von ca. 2,7 Mil­li­ar­den US-Dol­lar kon­trol­liert. Eine Nich­te von Xi Jin­ping erwarb 2009 eine Vil­la an der Repul­se Bay in Hong­kong für 19,3 Mil­lio­nen US-Dol­lar und wei­te­re fünf Appar­te­ments. Qi Qiao­qiao, die Schwes­ter, ist geschäft­lich ver­knüpft mit dem Immobilien­tycoon Wang Jian­lin, dem mit einem Ver­mö­gen von ca. 22,7 Mil­li­ar­den US-Dol­lar reichs­ten Mann Chinas.

Zutiefst anti­kon­fu­zia­nisch sind bei­spiels­wei­se auch die Anstren­gun­gen des Par­tei­staa­tes zur elek­tro­ni­schen Total­über­wa­chung der Bevöl­ke­rung und das rigi­de »Sozi­al­kre­dit­sys­tem«; letz­te­res erin­nert an die in der spä­ten Kai­ser­zeit (1369 – 1911) popu­lä­ren »Richt­li­ni­en für Ver­diens­te und Mis­se­ta­ten« (gong­guo­ge) mit ihren im Pan­the­on geführ­ten Punk­te­sys­te­men, die über himm­li­sche Beloh­nung und Bestra­fung im Dies­seits und im Jen­seits ent­schie­den. Ihnen jedoch unter­warf man sich frei­wil­lig aus eige­ner Überzeugung.

Die Lek­tü­re der ver­schie­de­nen Zukunfts­ent­wür­fe zu Chi­nas Rol­le in der Welt soll­te vor dem Hin­ter­grund des sich tat­säch­lich voll­zie­hen­den poli­ti­schen Gesche­hens erfol­gen. Um einer wei­te­ren Glau­bens­kri­se wie der in den 1980er Jah­ren vor­zu­beu­gen (Ver­lust des Glau­bens an Sozia­lis­mus, Mar­xis­mus und Par­tei), setz­te 1991 eine »patrio­ti­sche Erzie­hungs­kam­pa­gne« ein, die den Mythos der »Hun­dert­jäh­ri­gen Ernied­ri­gung« (1839 – 1949) und des Exzep­tio­na­lis­mus bedient, die emi­nen­te Rol­le der Par­tei auf dem Weg zu Chi­nas erneu­ter Grö­ße beschwört und die his­to­ri­sche Erin­ne­rung ganz in den Dienst des Natio­na­lis­mus stellt.

Chi­nas Natio­na­lis­mus ist heu­te ein strik­ter Han-Natio­na­lis­mus, ganz und gar kein inklu­si­ver. Er führ­te u. a. zu Neo-Tra­di­tio­na­lis­men wie der seit 2001 akti­ven »Han-Klei­der-Bewe­gung« (han­fu yun­dong), die sich dem Mot­to »Han-Klei­dung auf dem Leib bedeu­tet eine fried­li­che Lebens­span­ne« (han­fu zai shen pin­gan yi sheng) ver­schrie­ben hat, gemein­sa­me kul­tu­rel­le Akti­vi­tä­ten durch­führt und sich eine ­eth­nisch homo­ge­ne, per­fekt geord­ne­te und siche­re Gesell­schaft wünscht. Die­ser Euto­pie näher zu kom­men wür­de zunächst eine kon­fu­zia­ni­sier­te Par­tei, strik­ten Meri­to­kra­tis­mus und ein funk­tio­nie­ren­des Rechts­sys­tem vor­aus­set­zen. Die Chan­cen dafür könn­ten nicht schlech­ter stehen.

Aber sie ste­hen auch schlecht für die gan­ze Welt, denn »wenn das tianxia-Sys­tem nicht ange­nom­men wer­den soll­te, um die glo­ba­len Risi­ken unter Kon­trol­le zu brin­gen«, so Zhao Tin­gyang, dann »ver­lie­ren die mensch­li­chen Wesen sehr wahr­schein­lich ihre Welt«. Trü­be Aus­sich­ten insgesamt!

 

 Gastbeitrag

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