Das Gastmahl des Leviathan

von Josef Schüßlburner

PDF der Druckfassung aus Sezession 104/ Oktober 2021

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Die maß­geb­li­chen poli­ti­schen Kräf­te wol­len den Natio­nal­staat durch Euro­päi­sie­rung, »Gewalt­mo­no­pol der UNO«, Dul­dung ille­ga­ler Mas­sen­ein­wan­de­rung und der­glei­chen abschaf­fen. Sie bekämp­fen damit eine euro­päi­sche Beson­der­heit, als die sich welt­ge­schicht­lich neben der anti­ken Polis der Natio­nal­staat dar­stellt und dabei die kul­tu­rel­le Über­le­gen­heit Euro­pas erklärt.

Wie wird dann die Situa­ti­on nach einem mög­li­chen Ende der Staat­lich­keit sein, von dem sogar ein Carl Schmitt aus­ge­gan­gen ist? Die­se Fra­ge läßt einen zum gera­de erschie­ne­nen Werk des poli­ti­schen Schrift­stel­lers Hans-Diet­rich San­der (1928 – 2017) grei­fen, näm­lich zum Gast­mahl des Levia­than (448 S., 42 Euro, hrsg. von Hei­ko Luge, Neu­stadt an der Orla: Arns­h­au­gk Ver­lag 2021).

Die­ses Buch soll­te sein Haupt­werk wer­den, liegt aber auf­grund wid­ri­ger Umstän­de nur als Tor­so vor. Auch wenn im ver­öf­fent­lich­ten Werk die vom Ver­fas­ser ange­streb­te neue ­Grund­le­gung der Staats­leh­re nicht zu Ende geführt ist, so stel­len die detail­lier­te Ana­ly­se der geschicht­li­chen und ideen­mä­ßi­gen Vor­aus­set­zung der Staats­ent­ste­hung, ihrer Durch­füh­rung und vor allem die Aus­ein­an­der­set­zung mit den zahl­rei­chen Staats­geg­nern und deren Argu­men­ta­ti­ons­mus­tern eine hin­rei­chen­de Emp­feh­lung für ein gründ­li­ches Stu­di­um des Wer­kes dar.

Der Levia­than, seit dem im Buch aus­führ­lich behan­del­ten Tho­mas ­Hob­bes ein mythi­sches Bild für den Staat, wird seit sei­nem Beginn in der Renais­sance gejagt, aus­ge­schlach­tet und ver­zehrt. Letz­te­res erklärt den Titel des Buches.

Der Staat, der zunächst als abso­lu­te Mon­ar­chie in die Welt getre­ten ist, wird als wesent­li­che Erfül­lung der Renais­sance ange­se­hen. Die Staats­wer­dung stellt eine Ant­wort auf die Kri­se des mit­tel­al­ter­li­chen Uni­ver­sa­lis­mus dar, die schließ­lich zu den reli­giö­sen Bür­ger­krie­gen der Nach­re­for­ma­ti­ons­zeit führte.

Die­se wie­der­um beschäf­tig­ten ins­be­son­de­re Hob­bes, nach dem es galt, den Krieg aller gegen alle zu besei­ti­gen, da der Mensch, wenn es die Umstän­de erlau­ben, des ande­ren Men­schen Wolf sei. Dies könn­ten Reli­gi­on und »Wer­te« allein nicht ändern, eher im Gegenteil.

Die Kri­se die­ses kirch­lich domi­nier­ten Uni­ver­sa­lis­mus mach­te deut­lich, daß eine Lösung aus der säku­la­ren Sta­gna­ti­on nur par­ti­ku­lär gefun­den wer­den konn­te, den Bedürf­nis­sen der unter­schied­li­chen Völ­ker und deren unter­schied­li­chen geo­gra­phi­schen, men­ta­len und sons­ti­gen Beson­der­hei­ten angepaßt.

Dem­entspre­chend ist das Werk von Nic­colò Machia­vel­li durch die Absicht moti­viert, das in zahl­rei­che Herr­schaf­ten – Fürs­ten­tü­mer, Stadt­re­pu­bli­ken, direk­te Kir­chen­herr­schaft – gespal­te­ne Volk der Ita­lie­ner durch Staats­wer­dung zur Nati­on zu erhe­ben. Dazu bedurf­te es einer neu­en Orga­ni­sa­ti­ons­form der poli­ti­schen Herr­schaft, die vor allem auf die Gesetz­ge­bung aus­ge­rich­tet war und sich dabei nicht den vor­han­de­nen Rechts­vor­schrif­ten mit reli­giö­ser Sank­tio­nie­rung ver­pflich­tet sah, also nicht an die­ses Recht gebun­den und somit »abso­lut« war.

Die poli­ti­sche Macht erhielt dadurch einen unmit­tel­ba­ren Zugriff auf das Indi­vi­du­um, wes­halb der Indi­vi­dua­lis­mus der Renais­sance und der Abso­lu­tis­mus der Staats­kon­struk­ti­on nicht im Wider­spruch ste­hen, son­dern sich bedin­gen. Um die reli­giö­se Sank­tio­nie­rung des zu ändern­den Rechts zum Zwe­cke einer sach­ge­rech­ten Gesetz­ge­bung zu besei­ti­gen, die wesent­lich auf das ech­te Pri­vat­ei­gen­tum aus­zu­rich­ten war, bedurf­te es einer Tren­nung von Staat und Reli­gi­on, wozu nach San­der in einer mit dem Chris­ten­tum kon­for­men Wei­se Niko­laus von Kues vor­ge­ar­bei­tet hat, und zwar mit dem deus abs­con­di­tus in einer Wei­se, die es zu behaup­ten gestat­tet, die Renais­sance sei trotz der unver­kenn­ba­ren Ver­diens­te der Ita­lie­ner eine deut­sche Idee gewe­sen. Die dabei her­bei­ge­führ­te Tren­nung von Reli­gi­on und Wis­sen hat der Ent­fal­tung der Pro­duk­tiv­kräf­te vor­ge­ar­bei­tet, so daß der abso­lu­te Staat zum ­sta­tus civi­lis der Indus­trie­ge­sell­schaft gewor­den ist. Wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung und Natio­nal­staat bedin­gen sich.

Nach San­der ist die Staats­wer­dung am bes­ten in Deutsch­land gelun­gen, wobei Fried­rich der Gro­ße von Preu­ßen eine zen­tra­le Rol­le spiel­te. Beim »Abriß der Staats­bil­dun­gen« legt San­der im ein­zel­nen dar, wes­halb er die Staats­bil­dung etwa in Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en trotz ihrer maß­geb­li­chen Staats­theo­re­ti­ker aus unter­schied­li­chen Grün­den als weni­ger erfolg­reich ansieht, wobei fest­zu­hal­ten ist, daß sich Machia­vel­li in sei­nem Geburts­land erst im 19. Jahr­hun­dert eini­ger­ma­ßen durch­ge­setzt hat.

Man könn­te San­der durch Hin­weis auf Latein­ame­ri­ka, Afri­ka und die isla­mi­sche Welt ergän­zen, die für jeden erkenn­bar auf­zei­gen, was man­geln­de Staat­lich­keit bedeu­tet, näm­lich säku­la­re Unter­ent­wick­lung. Jedoch: Die der­zeit erkenn­ba­re Gefahr eines Aus­ein­an­der­bre­chens von Groß­bri­tan­ni­en und die unter­schwel­lig in Frank­reich vor­han­de­ne Befürch­tung von Staats­streich und Revo­lu­ti­on deu­ten die Plau­si­bi­li­tät der dies­be­züg­li­chen Ana­ly­se San­ders an. Wie die­se Staa­ten in der Ver­gan­gen­heit, so kön­nen sich auch die USA vor den Fol­gen einer nicht voll aus­ge­bil­de­ten Staat­lich­keit nur durch Flucht in eine Impe­ri­al­po­li­tik retten.

Dies deu­tet schon an, wohin die Staats­geg­ner die Mensch­heit wirk­lich füh­ren. Deren von San­der aus­führ­lich dar­ge­stell­te Argu­men­ta­ti­on läuft, begin­nend mit der schon längst als zir­ku­lär erkann­ten Natur­recht­s­ar­gu­men­ta­ti­on, auf ein Auf­grei­fen mit­tel­al­ter­li­cher Ele­men­te, ins­be­son­de­re des Uni­ver­sa­lis­mus hin­aus. Auch wenn sich die »Euro­pä­er« und die UN-Glo­ba­lis­ten als fort­schritt­lich ver­ste­hen, so sind näm­lich sie die eigent­li­chen Reaktionäre.

Als der­ar­ti­ge Staats­geg­ner führt San­der der Rei­he nach auf: Kon­ser­va­ti­vis­mus, Libe­ra­lis­mus, Tech­no­kra­tie, Sozia­lis­mus und Anar­chis­mus. Die­se wol­len auf unter­schied­li­che Wei­se die Staats­kon­struk­ti­on bis zur Abschaf­fung des Staa­tes, also mit der Rück­kehr zum sta­tus natu­ra­lis, dele­gi­ti­mie­ren. Hin­ge­wie­sen sei auf die Rich­tung der Phy­sio­kra­ten, die ja begriff­lich die Natur zur Herr­schaft ver­hel­fen woll­ten und damit – was San­der nicht zum Aus­druck gebracht hat – als die Vor­läu­fer der reak­tio­nä­ren »Grü­nen« aus­ge­macht wer­den können.

Man stört sich dabei am arti­fi­zi­el­len Cha­rak­ter der Staats­kon­struk­ti­on, der in der Tat besteht, weil alle mensch­li­chen Errun­gen­schaf­ten, ins­be­son­de­re die Tech­nik, eine der­ar­ti­ge Eigen­schaft auf­wei­sen. Beson­ders ver­nich­tend ist San­ders Kri­tik an der sozia­lis­ti­schen Rich­tung. Hier soll es sein Bewen­den mit dem Hin­weis haben, daß auch nach San­der die Kri­tik des libe­ra­len Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten »und Reichs­kri­ti­kus« Eugen Rich­ter von 1891 schon alle Erschei­nun­gen des 20. Jahr­hun­derts bis ins Detail vor­aus­ge­se­hen hat.

Bei Dar­le­gung der kon­ser­va­ti­ven Staats­geg­ner behan­delt San­der berech­tig­ter­wei­se ein­ge­hend den Schwei­zer Staats­recht­ler Karl Lud­wig von Hal­ler, der mit sei­nem Werk der nach­na­po­leo­ni­schen Zeit die Bezeich­nung »Restau­ra­ti­on« ver­schafft hat und einen letz­ten Ver­such mar­kiert, poli­ti­sche Herr­schaft auf das Eigen­tum zurück­zu­füh­ren. Wie sei­nem von San­der nicht erwähn­ten Nach­fol­ger, dem Liber­tä­ren Hans-Her­mann Hop­pe, muß Hal­ler ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, daß die­ses Eigen­tum dann nicht das kapi­ta­lis­ti­sche Eigen­tum wäre, son­dern ein der pri­vat­wirt­schaft­li­chen Ver­wer­tung weit­ge­hend ent­zo­ge­nes Feudaleigentum.

Anders als eine Beschäf­ti­gung mit der sozia­lis­ti­schen Strö­mung, lohnt jedoch eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der bei San­der als sol­che nicht genann­ten liber­tä­ren Rich­tung, weil dabei auch dem Anlie­gen San­ders Rech­nung getra­gen wer­den kann, bei einer Ana­ly­se des Staa­tes, also sei­ner Berech­ti­gung und sei­ner Not­wen­dig­keit, zur Erkennt­nis­fin­dung zumin­dest zunächst vom Staats­recht abzusehen.

Dies war nicht ein­mal Carl Schmitt gelun­gen, der eine Staats­leh­re begrün­den woll­te, dann aber eine blo­ße Ver­fas­sungs­leh­re vor­ge­legt hat. Die­se redu­ziert sich dann in der BRD wei­ter auf einen grund­ge­setz­li­chen Verfassungsgerichtspositivismus.

Die­sem und den aus ihm her­vor­ge­zau­ber­ten »Wer­ten«, in deren Zen­trum – zuneh­mend der Logik des Uni­ver­sa­lis­mus ent­spre­chend – das Men­schen­recht von Men­schen zur Nie­der­las­sung im »Bun­des­ge­biet« rückt, könn­te man ­San­der, des­sen Zeit­schrift Staats­brie­fe frei­heit­lich »vom Ver­fas­sungs­schutz beob­ach­tet« wur­de, sicher­lich ent­ge­gen­hal­ten, wäre sei­ne Posi­ti­on der »abso­lu­ten Repu­blik« im vor­lie­gend bespro­che­nen Werk aus­for­mu­liert und nicht nur mit Hin­weis etwa auf Machia­vel­li angedeutet.

Die­sem schweb­te als Repu­bli­ka­ner der­ar­ti­ges schon vor – wenn­gleich die rea­lis­tisch ein­ge­schätz­ten Ver­hält­nis­se ihn zum Fürs­ten genö­tigt haben. Mit dem »Fürs­ten« ist dabei wohl auf den Papst­sohn Cesa­re Bor­gia angespielt.

Stellt man sich, dem poli­ti­schen Rea­lis­mus von Machia­vel­li ent­spre­chend, den bun­des­deut­schen Ver­hält­nis­sen, die von der von Toc­que­vil­le fest­ge­stell­ten Poli­ti­sie­rung des christ­li­chen Gleich­heits­ge­dan­kens geprägt sind, was sich zuneh­mend ins Sozia­lis­ti­sche gehend bis zur Staats­ab­schaf­fung fana­ti­siert, dann bleibt wohl nur eine natio­nal-libe­ra­le Posi­ti­on, um dem Anlie­gen San­ders von Staats­er­halt oder Rück­ge­win­nung des Staats­ethos weit­ge­hend Rech­nung zu tra­gen, mag dies für ihn auch nicht weit genug gehen.

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