Frank Böckelmann: Die Säumigen

von Erik Lommatzsch

Hier schreibt sich einer die Frustration vom Leib.

 Gastbeitrag

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Auf lang­jäh­ri­ge Erfah­run­gen als »Anre­ger und Ver­fas­ser« kann Frank Böckel­mann zurück­bli­cken. Mit die­sen Wor­ten umreißt er in einem der Tex­te, die im Band Die Säu­mi­gen ver­sam­melt sind, das Tätig­keits­feld sei­ner Figur Gabor Schmidt, sei­nes »Alter ego«. Das Sah­ne­häub­chen des Buches ser­viert Böckel­mann gleich im Vorwort.

Das Pro­jekt war einst als Gemein­schafts­werk geplant, ein Anthro­po­lo­ge woll­te ergän­zen­de Tex­te bei­steu­ern. Nach zwei­jäh­ri­ger »Säu­mig­keit« sei die­ser dann durch poli­ti­sche Dif­fe­ren­zen mit dem Autor von sei­nen Ver­pflich­tun­gen »erlöst« wor­den. Böckel­mann bewegt, aus­ge­hend von sei­nem Bereich, die Fra­ge, war­um auch gute, vor allem lang­fris­ti­ge Kon­zep­tio­nen schei­tern, war­um die Din­ge trotz aus­rei­chen­der Kapa­zi­tä­ten immer wie­der hin­aus­ge­zö­gert werden.

Man weiß, was zu tun ist, man kann es tun. Aber es fin­det nicht statt. Zu beob­ach­ten sind Pas­si­vi­tät, Selbst­qual und Ver­mei­dungs­auf­wand, der wie­der­um kon­tra­pro­duk­tiv Kraft­re­ser­ven bin­det. Die Betei­lig­ten fügen sich, wis­send und sehend, selbst Scha­den zu. Böckel­manns gro­ßes Stich­wort ist »Säu­mig­keit«, der mit dem ihn inter­es­sie­ren­den Phä­no­men eng ver­bun­de­ne Begriff der Pro­kras­ti­na­ti­on kommt bei ihm jedoch nicht vor.

Auch wenn in den ver­schie­de­nen, nur durch das Titel­the­ma ver­bun­de­nen Abschnit­ten eine Rei­he von fik­ti­ven Per­so­nen auf­tritt, so han­delt es sich nicht in ers­ter Linie um lite­ra­ri­sche Erzäh­lun­gen. Es sind eher exem­pla­ri­sche, zu nicht gerin­gen Tei­len offen­bar auf eige­nen Erfah­run­gen oder zumin­dest rea­len Berich­ten beru­hen­de Schil­de­run­gen – mit ankla­gen­dem oder bereits resi­gnie­ren­dem Cha­rak­ter. Beschrei­bun­gen sind es, kei­ne Lösungsrezepte.

Ins­be­son­de­re den­je­ni­gen, die mit dem Feld der Publi­zis­tik ver­traut sind, wird vie­les bekannt vor­kom­men, was der geplag­te Gabor Schmidt (oder eben Frank Böckel­mann) über die »Säu­mig­keit der Ande­ren« zu sagen hat. Etwa, daß sich um jeden Zuver­läs­si­gen »Lebens­zeit­ver­schwen­der« sam­meln. Der als Pro­jekt­lei­ter fun­gie­ren­de Schmidt muß bezüg­lich gege­be­ner Zusa­gen immer wie­der »Not­plä­ne und Auf­schü­be beglau­bi­gen«. Im Sin­ne des erhoff­ten Abschlus­ses sei er »ein Mons­ter der Rück­sicht­nah­me« gewor­den. Früh habe er gelernt, »daß jeder Auf­schub sei­ne Eigen­dy­na­mik« gewinnt. Im Auf­schub glau­ben die »Säu­mi­gen« dann, über sich hin­aus­wach­sen zu kön­nen – in der Regel ein Irrtum.

Nach dem Schei­tern ste­hen die Recht­fer­ti­gun­gen der­je­ni­gen, die nicht gelie­fert haben, etwa, daß die Auf­ga­be von vorn­her­ein unlös­bar gewe­sen sei. Typo­lo­gi­sie­run­gen von »Säu­mi­gen« wer­den ange­schlos­sen. So gebe es den »Lücken­las­ser«, der »kein Buch und kei­nen Bericht jemals been­det«, oder den »Gesprächs­blen­der«, der so gut erzäh­len kann, »daß er zwan­zig Jah­re lang um die Schrift­lich­keit her­um­ge­kom­men« sei. Anfäl­lig für »Säu­mig­keit« ist Schmidt übri­gens selbst.

Dann wird der Blick gewei­tet. Ein Schü­ler ist nicht nur durch Unkon­zen­triert­heit »säu­mig«, er ist auch »zu säu­mig«, um den Plan zum Aus­bruch aus dem zu eng emp­fun­de­nen Leben umzu­set­zen. Der »säu­mi­ge Stu­dent« geht »auf tak­ti­sche und iro­ni­sche Distanz« zur Uni­ver­si­tät, lernt wenig und lie­fert, obwohl er das Gan­ze als »gewitz­ter Selbst­über­bie­ter« angeht, in sei­ner Abschluß­arbeit nur den Bruch­teil des ursprüng­li­chen Vor­ha­bens, über das es hieß, weil er »ernst­lich nichts zu sagen hat­te, woll­te er alles auf ein­mal sagen.«

Eine »säu­mi­ge Kar­rie­ris­tin« fin­det sich bei Böckel­mann eben­so wie »säu­mi­ge Lieb­ha­ber«, die sich nach der Kon­takt­an­bah­nung über eine Agen­tur nie­mals tref­fen oder die den kon­se­quen­ten Schritt zum dau­er­haf­ten Zusam­men­sein »ver­säu­men«. Und es gibt »säu­mi­ge Autoren«, wie den­je­ni­gen, der sein »Mut­ma­cher-Buch« nie wirk­lich beginnt. Ange­fügt sind den »Säu­mi­gen« zwei älte­re Tex­te Böckel­manns, wobei sich der Zusam­men­hang zu den vor­her­ge­hen­den Aus­füh­run­gen nur schwer erschließt.

Dem Band Die Außer­ir­di­schen sind da ist die kur­ze Geschich­te »Das Unding« ent­nom­men, mit Dia­lo­gen wie: »Ich brau­che zehn, zwölf Jah­re.« – »Das ist eine Men­ge Zeit.« – »Neh­men wir fünf Jah­re von frü­her«. In einem Auf­satz über »Dis­kre­tes Dasein im Netz­zeit­al­ter« führt er, neben ande­rem, Über­le­gun­gen zu »Gel­tungs­märk­ten« im mas­sen­me­dia­len Zeit­al­ter aus und ver­weist dar­auf, daß es nicht mehr um die Din­ge an sich gehe, son­dern um deren »orga­ni­sier­te Beachtung«.

Mit Die Säu­mi­gen liegt ein Buch vor, das in manch poin­tier­ter For­mu­lie­rung zeigt, daß der Mensch noch einen wei­ten Weg vor sich hat, soll­te er den Zustand der Per­fek­ti­on anstre­ben. Neu­es gibt es weni­ger, dafür Unter­halt­sa­mes. Und nicht nur Ange­neh­mes – in der einen oder ande­ren Figur spie­geln sich eige­ne Schwächen.

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Frank Böckel­mann: Die Säu­mi­gen. Pro­sa, Lüding­hau­sen / Neu­rup­pin: Manu­scrip­tum Ver­lags­buch­hand­lung 2021. 186 S., 19 €

 

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