Kritik der Woche (36): Der Rote Diamant

Ich habe Thomas Hürlimanns Der Rote Diamant gelesen. Ab sofort ist mir endlich klar, daß „gute Literatur“ eine völlig subjektive Wertung ist.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Das schmerzt mich, weil ich lan­ge dar­auf beharr­te, daß es natür­lich objek­ti­ve Bewer­tungs­kri­te­ri­en gäbe. Logisch sah ich den Main­stream des Kul­tur­feuil­le­tons oft von mei­nem per­sön­li­chen Urteil abweichen.

Aber – pfff, man kennt ja die­se Typen. Sie prei­sen irgend­was als heiß, weil die Autorin eine Fesche ist oder weil Autor X mit Z ver­ban­delt ist, und Z ist zufäl­lig Nich­te von Q, dem Ver­le­ger, bei dem man gern selbst irgend­wann mal unter­kom­men mag.

Vor zwei Jah­ren hat­te Rowohlt einen viel­be­ach­te­ten Bel­le­tris­tik­che­cker her­aus­ge­bracht, Die Schlan­ge im Wolfs­pelz. Das Geheim­nis Gro­ßer Lite­ra­tur von Micha­el Maar. (Ja, das ist der Sohn von Paul Maar, Das Sams).

Mir brach­te die­ses groß­ar­ti­ge Kom­pen­di­um Erleich­te­rung, weil Maar ganz dezi­diert zwi­schen Stil­göt­tern und Murk­lern unter­schied – und ich bei sei­nen Kri­te­ri­en weit­hin „mit­ge­hen“ konnte.

„Was ist Stil?“ – Maar brach­te es auf den Punkt bzw. die Punk­te. Ein Dik­tum aus sei­ner Feder:

Wenn man den Jar­gon mei­det, ist man sti­lis­tisch schon auf dem rich­ti­gen Weg.

Nun haben wir in unse­ren Rei­hen (Kom­men­ta­ri­at!) einen gewis­sen maior­domus. Jeder, der auch nur gele­gent­lich unse­re Inter­net­run­de besucht, kann wis­sen, daß wir es hier mit einem mehr­fach exzel­len­ten Fach­mann (der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten) zu tun haben. Bele­sen, x‑fach publi­ziert, elo­quent, ver­traut und zu beacht­li­chen Tei­len per­sön­lich bekannt mit Geis­tes­grö­ßen deut­scher Zun­ge. Ein Kenner.

Mir ist seit Jah­ren auf­ge­fal­len, daß unser maior­domus den Schrift­stel­ler Mar­tin Mose­bach nicht schätzt. Für mich hin­ge­gen ist Mose­bach frag­los einer der Aller­größ­ten sei­ner Zunft. Ich kann ver­si­chern, daß er es auch dann wäre, wenn ihm nicht das Eti­kett des „Reak­tio­nä­ren“ etc. anhef­te­te. Sei­ne Roma­ne sind ja unpo­li­tisch. Aber er kann es ein­fach! Es gibt kei­nen leben­den bes­se­ren Men­schen­schil­de­rer, es gibt kei­nen ele­gan­te­ren Sti­lis­ten, punkt.

Gut -, maior­domus, gebil­det wie mei­nungs­freu­dig, lehnt ihn ab. Er lehnt ihn so sehr ab, daß er das in min­des­tens zehn Mei­nungs­bei­trä­gen in die­sem Forum kund­ge­tan hat. Überdeutlich!

Mag er viel­leicht grund­sätz­lich kei­ne zeit­ge­nös­si­schen Autoren? Nein, er hat wie­der­holt Tho­mas Hür­li­mann erwähnt und geprie­sen. Zuletzt hat­te es maior­domus gewurmt, daß Hür­li­manns Roter Dia­mant nicht auf der Lon­g­list zum Deut­schen Buch­preis auf­ge­taucht sei.

Jetzt wur­de ich neu­gie­rig. Hür­li­mann ist einer von ca. tau­send „renom­mier­ten“ zeit­ge­nös­si­schen Autoren, die ich nie gele­sen habe. Zuletzt erschien Der Rote Dia­mant sogar auf der SWR-Bes­ten­lis­te. In der eben ver­gan­ge­nen Woche dann lie­fer­te der Staats­funk eine wah­re Elo­ge auf die­sen Roman

Ich habe mir das Werk also gekauft. Hür­li­mann ist 1950 in Zug/Schweiz gebo­ren. Offen­kun­dig schreibt er – viel­fach preis­ge­krönt, vor allem als Dra­ma­ti­ker – gern ent­lang auto­bio­gra­phi­schen Mus­tern. Zwi­schen 1963 und 1971 besuch­te er das Gym­na­si­um im Klos­ter Ein­sie­deln. Unge­fähr dort spielt der hier zu bespre­chen­de Roman. Nur heißt das Schul­klos­ter hier „Maria zum  Schnee“.

Ich habe die Lek­tü­re nicht bereut. Ich wur­de eini­ger­ma­ßen gut unter­hal­ten. Aber sie war mir über Stre­cken pein­lich. Wie kann ein erfah­re­ner Autor immer wie­der der­art abglei­ten? Schmerz­haft dane­ben­lie­gen? So glit­schig wer­den? So abge­schmackt formulieren?

Wor­um geht es also?

Es ist ein „Arthur Goldau“, der hier in ers­ter Per­son den schmerz­vol­len Abschied von „Mimi“, sei­ner „Frau Maman“ exer­ziert. Sie fährt ihren Jun­gen (per PKW, etwa anno 1961) zum katho­li­schen Inter­nat, in dem er in den nächs­ten acht Jah­ren gebil­det und erzo­gen wer­den soll. Mimi ist ent­schie­den, forsch, bestim­mend, auf fast bra­chia­le Art. Als sie den Herrn Soh­ne­mann zum Inter­nat bringt, rutscht sie in einer Steil­kur­ve in den Gra­ben. Was tut sie zunächst? Sie packt ihr Beau­ty­ca­se aus, zieht sich die Lip­pen nach, tupft Puder auf die Wan­gen etc. Hür­li­mann ver­kauft uns das als stau­nens­wer­te Cool­ness und stei­len Stil.

Ein Mose­bach hät­te einen beob­ach­ten­den, skep­ti­schen, wenn nicht iro­ni­schen Abstand ein­ge­zo­gen zu die­ser domi­nan­ten Mut­ter­fi­gur. Hür­li­mann schafft das nicht; sei­ne „Maman“/“Mimi“ und die Abdrü­cke, die ihre har­ten Stö­ckel­schu­he im Lin­ole­um des Klos­ters hin­ter­las­sen, gera­ten hagio­gra­phisch. Sie nennt ihren Sohn „Arthi-Dar­ling“ und wird das auch noch fünf­zig Jah­re spä­ter tun. Ist das nicht über­zo­gen? Ja. Hier ist jemand wahn­sin­nig stolz auf sei­ne cra­zy Mut­ter avant la lettre.

Es geht wei­ter mit dem Klos­ter-Pfört­ner, der die Dele­ga­ti­on Arthi-Dar­ling und Mimi emp­fängt. Der Pfört­ner näm­lich reagiert auf die arg ver­spä­te­te Ankunft mit rei­nem „Vogel­zwit­schern“. Arthi-Dar­ling muß die Spra­che des „pfei­fen­den Vogel­manns“ für sei­ne stur­selbst­be­wuß­te „Maman“ übersetzen.

Kann man sich solch über­zeich­ne­tes, kari­kier­tes Per­so­nal vor­stel­len? Wird es in der Vor­stel­lung leben­dig? Nein und nein. Es gibt kei­ne Men­schen, die rein zwit­schern und kei­ne, die Gezwit­scher über­set­zen. Es sind ein­fach fal­sche, über­trie­be­ne Bilder.

Hür­li­mann pflegt die Spra­che einer Dra­ma­queen. Was wohl real “kraß” war an den Zurich­tun­gen in einer sol­chen Schu­le, an den Idio­syn­kra­si­en der geist­li­chen Brü­der, wird hier als min­des­tens “super­me­ga­kraß” aus­ge­walzt. Alles wird auf zwei‑, drei‑, viel­fa­che Stär­ke ver­grö­ßert. Hier, auf Sei­te 20, beginnt der Slap­stick, und er wird bis Sei­te 317 – „FINIS“ – nicht enden.

Hür­li­mann zeich­net viel­fach die Qua­len eines katho­li­schen Inter­nats­le­bens nach. Die Brü­der, auch die leh­ren­den, wer­den gering­fü­gig unter­schie­den: Einer spinnt, einer stinkt wie ein Bock, ein ande­rer nach „feuch­tem Hund“, einer ist dement bis zur Blöd­heit, einer hat einen Sexu­al­fe­tisch. Nein, den haben natür­lich meh­re­re! Alle haben einen über­deut­li­chen Knall. Sie “wim­mern”, “krei­schen”, “kräch­zen”, “krä­hen”, “gei­fern”, “säu­seln”, “win­seln”. Was für bil­li­ge Accessoires!

Einer der Mön­che voll­zieht lau­fend und meist unan­ge­bracht Lie­ge­stüt­ze zwecks Trieb­ab­fuhr – hier fin­den wir uns auf dem Niveau von RTL II wie­der. Sol­ches Niveau bedient Hür­li­mann gern. Da er nicht durch blo­ße, genaue Beschrei­bung zur Kennt­lich­keit ent­stel­len kann, muß er per­ma­nent über­trei­ben. Wie dürftig!

Einer der Brü­der gilt ihm als „Ave-Maria-Appa­rat“, weil der unent­wegt betet. Wie unschön:

Über sei­ne aus­ge­stülp­te, rot­flei­schi­ge, schne­cken­ar­ti­ge Unter­lip­pe roll­te ein Ave-Maria nach dem ande­ren, immer­zu, unauf­hör­lich. Wohl bis zu sei­nem Able­ben und dar­über hin­aus (sofern ein Ave-Maria über­haupt able­ben konnte)

Aar­gh, das ist so „wit­zig“, daß man sich fragt, wel­ches Trau­ma der Autor wohl erlit­ten hat. Weiter:

Dem Arthur kommt das Gerücht vom „Roten Dia­man­ten“ und des­sen mys­te­riö­sen Ver­bleib recht bald zu Ohren. Der unend­lich kost­ba­re Edel­stein soll einst zwi­schen den Brüs­ten der Kleo­pa­tra gele­gen haben, dann aus Kai­ser Rudolfs Kro­ne her­aus ver­track­te Wege zurück­ge­legt haben: Vom Brust­kreuz diver­ser Päps­te über die Wie­ner Hof­burg, über einen Lohen­grin-Dar­stel­ler und einen Puff hin zum Klos­ter Maria zum Schnee.

Arthur Goldau (des­sen jüdi­sche Abkunft hier ein biß­chen absichts­voll her­ein­ge­mo­gelt erscheint – wer weiß schon, wofür das gut ist!) und sei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den fahn­den nun jah­re­lang nach dem Dia­man­ten. Nein, jahrzehntelang!

Wie das geht, ist das eine. Wie sich der All­tag im klös­ter­li­chen Gym­na­si­um gestal­tet, ist das andere.

Ein alter Mönch mit „ent­fleisch­tem“ Gesicht (die­se Wen­dung kommt hier x- mal vor) lädt Arthur ein in sein Zim­mer „voll­ge­stopft mit Foli­an­ten Glo­ben Sand­uh­ren Bro­schü­ren Akten Per­ga­men­ten See­kar­ten.“ Logisch hat er einen Tip. Um es vor­weg­zu­neh­men: Jede Drei-Fra­ge­zei­chen-Geschich­te ist spannender.

Die expres­sio­nis­tisch-atem­lo­se Wort­rei­hung wird bei Hür­li­mann zum Tick. X‑mal kommt sie in fol­gen­der Zuckung vor:

Wir träum­ten (von Tit­ten Schnit­zeln Hin­tern Fritten).

Ah, man stand unter Strom, wie fas­zi­nie­rend. Hür­li­mann beschreibt auch genüß­lich die Samen­er­güs­se des puber­tä­ren Arthur, drun­ter geht´s nicht. Es soll ja moder­ne Lite­ra­tur sein!

Dem letz­ten Dep­pen ist längst klar: Hier soll geschil­dert wer­den, wie extrem eine katho­li­sche Sexu­al­mo­ral das Begeh­ren nur anheiz­te. Es kommt letzt­lich sogar zum blu­ti­gen Geschlechts­ver­kehr zwi­schen Arthur und einem Mäd­chen aus dem Dorf. Männerphantasien!

Durch´s Buch zieht sich eine Melo­die: Bob Dylan´s  „The Times They Are a‑Changing“. Das ist der bas­so con­ti­nuo, der hier eine pene­tran­te Mar­ke hin­ter­läßt. Hür­li­manns Mot­to: „Leu­te, ihr merkt schon, daß ich damals Teil­neh­mer einer Umbruchs­zeit war?!“ Mei­ne Güte, was für ein altes, lang­wei­li­ges Lied. Ja, die alte Zucht & Ord­nung ist dahin, und wer will, mag sich freu­en darüber.

Naja, man kann das hier bestel­len und lesen und sich ein Urteil bil­den – ernst­haft lang­wei­lig ist es bloß sel­ten. Am Ende (vier­tes und letz­tes Kapi­tel, Arthur kehrt als alter Mann zurück zum Klos­ter und erwischt end­lich den Roten Dia­man­ten; es wird extrem hol­ly­woo­desk, das heißt sen­sa­tio­nell, auf­ge­bläht und unglaub­wür­dig) wird Hür­li­mann red­un­dant und faßt „alles noch­mal zusammen“.

Man kann ande­rer­seits auch den neu­en Mose­bach vor­be­stel­len: Tau­be und Wild­ente wird Mit­te Okto­ber erschei­nen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (75)

Der Gehenkte

19. September 2022 12:23

Es gibt beides: Geschmack und Vorlieben = subjektive Urteile und objektive Kriterien für die Güte und Bedeutsamkeit von Literatur. Letztere sind freilich schwer zu benennen. Ich würde sie im Begriff des "Wesentlichen" suchen. Wird dies, wird Bleibendes, Ewiges, Gültiges etc. angesprochen? Das kann auch in der Marginalie sein, kann von der Peripherie kommen. Und es muß mit dem literarischen Vermögen korrelieren, d.h. der Autor muß schreiben können, sein Text muß eine sinnvolle Konstruktion offenbaren - auch hier sind die künstlerischen Mittel denkbar verschieden. Ein zweiseitiger Satz kann ebenso Kunst oder Schund sein wie ein Wortgruppen-Stakkato. Ein gutes Kriterium ist stets, ob die Handlungen an Fäden hängen, ob also das, was passiert eine gewisse innere Notwendigkeit hat - was den Zufall nicht ausschließt, nur sollte dieser nicht regieren. Schlechte Literatur sind fast immer Und-dann-Geschichten. Schlechtes Deutsch sind überlange Adverbial- und Konjunktionsketten.

Franz Bettinger

19. September 2022 12:38

Prof. Günter Scholdt, mit dem ich die Ehre und große Freude habe befreundet zu sein, kommentierte anlässlich meines bei keinem Verlag angenommenen, 3000 Seiten dicken, stark autobiographischen, siebenbändigen, genre-überschreitenden Romans, von dem er einen Band (ich glaube den 4., der im Irrenhaus spielt) zu lesen bekam: „Du hast eine verwilderte Begabung.“ Hm, ich glaub, er wollte mich trösten. Doch bleibe ich von mir überzeugt. Warum ich das hier schreibe? Keine Ahnung. Vielleicht will ich sagen: Geschmacksache.

Nemo Obligatur

19. September 2022 13:23

Ein vorzüglicher Verriss! Vielen Dank! Da bleibe ich auch lieber bei Mosebach.

Sein Roman "Krass" hatte hier und da Längen in der Handlung, war aber nie peinlich und stets gut formuliert. Dass es heute an keiner Stelle mehr ohne expliziten "Schweinkram" abgeht, spricht auch nicht unbedingt für die Gegenwartsautoren. Meine Güte, wer es unbedingt wissen will, schaut halt auf Youporn nach. Von Schriftstellern der Gegenwart erwarte ich tragende innere Monologe und rasante Dialoge, die Beweggründe der Figuren und hier und da eine überraschende Wendung. Und für die Kulisse bitte Schilderungen von Natur&Stadt, sodass ich denke, ich bin mittendrin. Z.B. einen schönen Regentag - was alles passiert! Postkarten kann ich mir auch selbst anschauen, dazu brauche ich keinen Roman!

PS: Ich würde gerne mal eine entschiedene Verteidigung des Katholizismus lesen, in Romanform, auf hohem Niveau und möglichst ohne Kitsch. Gerne auch vorkonziliar. Irgendwelche Vorschläge?

Gracchus

19. September 2022 13:23

Das klingt ja nach Trash und Operette, was durchaus Vergnügen bereiten könnte. Ich bin nunmehr in der Bredouille, ob ich MD oder EK folgen soll.

Maars "Stilberater" habe ich auch gelesen und teile grundsätzlich dessen Stilideal. Möglichst keine Maniersmen, kein Jargon.

Mit Puschkin: "Genauigkeit und Kürze", mit Musil: "Genauigkeit und Seele". Was zum Beispiel Isaak Babel, den ich derzeit lese, absolut erfüllt; seine Erzählungen sind eine Wucht. 

Mosebach ist mir manchmal zu aus- und abschweifend. Grundsätzlich aber teile ich Kositzas Hochschätzung für ihn. Seine Sprache ist leicht rhythmisiert, seine Beschreibungen von hoher Plastizität. Er hat insoweit ein "Alleinstellungsmerkmal", meine ich, als er Gesellschaftsromane schreibt. Daher sind Vergleiche mit anderen lebenden deutschsprachigen Autoren, wie Handke oder Strauss, schwierig. Wen Michael Maar auch noch nennt, den ich sehr schätze: Walter Kappacher.

 

Maiordomus

19. September 2022 14:08

Diese Rezension hätte sich vor der Konkurrenz im Mainstream nicht zu verstecken; glaube sogar, dass MRR selig sowas in der FAZ, statt EK unter Pseudonym, gedruckt hätte. Zumal was Sie über "Jüdisches" schreiben, da war er so allergisch wie Sie. Meine Besprechung, ob Kurz- oder Langfassung, wird nun aber im von mir bestgeschätzten Kloster-Feuilleton nicht gedruckt; wiewohl ich Lobhudel-Prädikate ä la FAZ mied. Sie, EK, treffen, was ich bei diesem Roman die "Dekonstruktion" nennen würde: für mich die realbeschriebene Bankrotterklärung des Bankrotten. Aber die quasi als Palimpsest getarnte fellineske "Rekonstruktion", wie Kaltenbrunner es genannt hätte, was von der in die Luft gesprengten Muttergottes unbedingt zu retten ist, auch den Protest gegen alles "Mittige" und am Ende eine supergymnasiale Lektion in der Stiftsschule, welche den auf vielen Seiten unverleugneten Törless-Schrott dialektisch-didaktisch aufhebt - dies alles haben Rezensenten, sogar Sie, so übersehen wie einst die Sowjet-Zensur das metachristliche Glaubensevangelium im "Stalker". Als Leser der Hürlimann-Texte ab 1981, mit Recherche der realen Pointe beim Roten Diamanten (in Wirklichkeit Schwarze Perle), sehe ich mich bei Lob u. Tadel ausser Konkurrenz. 

Dieter Rose

19. September 2022 14:09

@Nemo Obligatur

Was Kulisse u.a. angeht:

Horst Lange >Schwarze Weide<

war ein Lesegenuss für mich! Wollte ich schon lange mal irgendwo loswerden!

RMH

19. September 2022 14:16

Ich würde gerne mal eine entschiedene Verteidigung des Katholizismus lesen, in Romanform, auf hohem Niveau und möglichst ohne Kitsch. Gerne auch vorkonziliar. Irgendwelche Vorschläge?

@Nemo Obligatur,

Ist zwar auch schon deutlich über 100 Jahre alt, aber erstaunlich aktuell und liest sich m.M.n. alles ziemlich gut:

Alles beginnend ab "Là-bas" von Huysmans bis hin zum Reportage-Roman über Lourdes. Leider gibt es von manchem keine Ausgaben auf deutsch mehr in neu und nachdem Houellebecq für eine gewisse Huysmans Renaissance weltweit gesorgt hat, ist es antiquarisch auch recht mau, manche Sachen zu bekommen.

t.gygax

19. September 2022 14:16

Schweizer Erzähler im 21. Jahrhundert?Ich kann den hier leider völlig ignorieren Oskar Freysinger aus dem Wallis empfehlen.Sein Roman "Bergfried" ist eine verstörende Geschichte über ein Bergdorf,aber viel besser als Dürrenmatts letzter Roman "Durcheinandertal",an dem man erkennen,dass Dürrenmatt wirklich etwas durcheinander war in seinem Spätwerk....Freysinger hat vor 3 Jahren mit "Rote Asche" einen Roman über die Opfer des Kommunismus geschrieben,den ich ohne Pause gefesselt und beeindruckt durchgelesen habe.Das lohnt sich zu lesen.

Laurenz

19. September 2022 14:29

@Nemo Obligatur

Ich würde gerne mal eine entschiedene Verteidigung des Katholizismus lesen, in Romanform, auf hohem Niveau und möglichst ohne Kitsch. Gerne auch vorkonziliar. Irgendwelche Vorschläge?

Hm, seit https://sezession.de/66461/in-eigener-sache-der-phonophor überlege ich, über was ich schreiben könnte. Das ist deswegen schwierig, weil aus meinem Charakter selbst wenig kommt. Ich nutze meist das, was aus anderen trieft. Und wenn, braucht es ein Thema, eine Idee, ein Szenario von dem ich wirklich Plan habe, sonst würde es in meinem Leseverständnis nicht authentisch wirken. Ist immer mißlich, wenn jemand Ahnungsloses schreibt.

Bei Ihrem Lesewunsch kam mir die Idee, einen Angriff auf den Katholizismus zu schreiben. Immerhin war ich 21 Jahre Katholik. Aber dieser Angriff, egal, wie gut vorgetragen, würde hier nicht publiziert werden. Außerdem hat Eco schon ein erfolgreiches, mehr oder weniger anti-katholisches Büchlein geschrieben.

Ein Fremder aus Elea

19. September 2022 15:34

Maiordomus,

also daß bei Tarkowskis Filmen irgendetwas übersehen wurde, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Daß da weggesehen wurde, dürfte es besser treffen, seine Eltern gehörten zur Sowjetaristokratie.

Kositza,

hmm, ja, also... "Jede Drei-Fragezeichen-Geschichte ist spannender." Kennen Sie Folge 90 (Buch), bzw. 92 (Hörspiel) Todesflug? Weil... das kann ich nicht glauben, daß jemand in der Lage ist, das in puncto hollywoodesker Blödsinn zu toppen. Das ist so... so!

Maiordomus

19. September 2022 15:53

@Nemo obligatur. Der Roman ist, betr. Ästhetik und Liturgie, was Sie suchen. Sie könnten aber den Text schnell weglegen, wenn Sie ihn lesen wie EK. Durch Unbehagliches sich durchpflügen, um Preziosen zu finden.. Preisgabe der Liturgie gehört bei Hürlimann zu den Befunden des kirchlichen Bankrotts. Für die Stiftsschule verteidigt er die Lektüre Platons im Original und zumal Plutarch, "Der Untergang der Orakel". Einschlägige Stelle liest sich als überraschendes Plädoyer fürs humanistische Gymnasium. Literaturlehrer werden stauen, wenn sie lesen, dass in der repressiven Klosterschule Camus heimlich auf der Toilette gelesen wurde. So funktionierte  Leseförderung!

2  Autoren protestierten via Leserbrief in der NZZ gegen Auftritt Hürlimanns in Zürichs Grossmünster. Unkritisch habe er über das Kreuz gesprochen. Man verwahrte sich dagegen, dass er Verbrechen der Kreuzzüge und weiteren Missbrauch nicht angeprangert habe; vgl. den Kardinal, für den das Kreuz heute in Jerusalem wie zur Zeit Jesu ein Zeichen der Schande zu sein scheint. Es stimmt aber: H. ist weder Mosebach noch Matussek, wohl näher bei Arnold Stadler. Der kann's ähnlich.

Maiordomus

19. September 2022 16:18

@t.gygax. Auch ich halte "Bergfried" für den gelungensten, am genauesten beobachtenden Roman v. Freysinger, hätte ihn gerne besprochen. Gleichzeitig erschienen aber seine Memoiren betr. Abwahl als Regierungsmitglied. Das war publizistisch fatal, entsprechend blieb "Bergfried" unbeachtet, vom Feuilleton sowieso, weswegen er ja dann serbisch und englisch publizierte. Ihr Vergleich mit Dürrenmatts Spätwerk geht trotzdem ins Peinliche. Lesen Sie mal "Der Versuch", die Ausgrabung Berns im Jahre 10 000 auf der Basis des Ist-Zustandes ca. 1980 mit den Vermutungen der zukünftigen Archäologen. Ein Eros-Center wird als Indiz für die Blüte des Fruchtbarkeitskultes mit Bevölkerungszunahme Ende 20. Jhd. gesehen; das Bundeshaus als Tempel identifiziert, in dem zu dessen Zeit ein strenges Arbeitsverbot geherrscht habe. Das Verschwinden der Weissen Rasse setzt Dürrenmatt um 2600 an. Gott wird durch einen Computer ersetzt. Freysinger, normalerweise ansprechender Durchschnitt, Hugo Loetscher verteidigte ihn vergeblich bei der Aufnahme in den CH Verein der Autoren, hat die Berufung des Schriftstellers meines Erachtens nicht angemessen erfasst. Er war im Wallis Klassenkamerad eines späteren Abtes von Einsiedeln, der sich auch als Autor versuchte.

Gracchus

19. September 2022 17:05

@FB: 3000 Seiten sind tatsächlich etwas viel. Kürzen? Anhand der Kenntnis Ihre Kommentare würde ich einen Roman von Ihnen lesen; stelle ich mir vergnüglich und lebendig vor.

@Laurenz: Von Ihnen auch.

Hm, @Maiordomus - also weil Sie alles von Hürlimann seit 1981 gelesen und zum roten Diamanten (schwarze Perle) geforscht haben, können Sie Hürlimanns Prosa am besten beurteilen?!?

"Törless-Schrott"?!? Halten Sie Musils Törless für Schrott oder Hürlimanns Anleihen? 

Die beste mir bekannte Internats-Geschichte stammt von einem Schweizer, nämlich Robert Walser, und zwar Jakob von Gunten. Danach folgt aber schon der Törless. 

Maiordomus

19. September 2022 18:14

PS. Dass hier, von @RMH, auf Huysmans verwiesen wird, auf Babel bei @Gracchus, "eine Wucht", spricht für geistiges Exil, in dem sich viele hier wohl mit Recht sehen. Man wäre als Autor glücklich, hätte man, unterwegs zu Restbeständen des Religiösen, ein Buch halb so gut geschafft wie Huysmans "Lourdes - Mystik und Massen": man beachte Untertitel.  

Trotzdem: uns der Gegenwart stellen. Warum ich EK nicht stärker widersprochen habe? Weil ich vor 41 Jahren auf H's "Tessinerin" fast gleich reagierte wie sie auf "Der Rote Diamant". Schrieb für mich gegen H. einen Aufsatz über "Die Anwendung des 4. Gebotes Gottes auf autobiographische Texte". Hs Prosa ist gekonnt, aber gewöhnungsbedürftig; ausser man habe zur Einführung die "Satellitenstadt" gelesen mit dem Drogentext "Flug" und dem wundervollen "Vestiaribruder", einen Schlüssel zu "Der Rote Diamant". Dabei kam mir "Der Gesandte" als das ehrlichste und, spannendste Schweizer politische Drama zum NS (jenseits von herkömmlichem "Antifaschismus") vor. EK ging es bei Rezension wie denjenigen, die, was @Nemo obligatur bei gutem Roman ja erwartet, die "überraschende Wende", den Falken nach Heyse/Boccaccio, übersehen haben. Sowieso lobten Lobhudler fast nur, was man heute lobt; sie verfehlten das Werk z.T. stärker als die Kritikerin.

anatol broder

19. September 2022 18:26

ich teile kositzas meinung nicht, maiordomus sei eloquent. das erinnert mich an eine gymnasiale deutschlehrerin, die angela merkel so bezeichnete. während die bundeskanzlerin wie zwischen den stühlen stammelte, schlägt der mitforist schlau zu schaum. oft bekommt er nicht einen einfachen satz hin. beispielsweise richtete er vor einer woche eine frage an mich:

«wer schliesst denn aus, dass diese frau nicht doch aus einer früheren verbindung kinder haben könnte?»

hinreichend genau wäre diese aussage so gesetzt:

wer schliesst denn aus, dass diese frau nicht doch kinder hat?

(antwort: ich.)

auch seine heutige meldung um 14:08 ist sprachlich mehr geschlickt als geschickt. das letztere entspricht übrigens der bedeutung von eloquent nach dem deutschen wörterbuch von jacob grimm und wilhelm grimm:

«fertigkeit besitzend, sich in einer sprache schnell, leicht und bestimmt auszudrücken.»

Gracchus

19. September 2022 19:46

Ich habe mal reingelesen. Seitdem suche ich im Durcheinander meines Regals den Grünen Heinrich; der beginnt auch mit einer Abschiedsszene von Mutter und Sohn (auch Kellers Stil wird von Maar gepriesen). 

Es liest sich nicht schlecht, einiges ist gelungen, vieles unstimmig, wie von EK moniert (auch die Schilderung des Heiligen) und redundant (Abschied = Tod; Mimis Geflöte).

Ich hätte zum Beispiel gedacht, dass Arthi-Darling, als seine Mutter ihn wieder mitnehmen will, zumindest zögert und in einen Konflikt gerät - das wird nur sehr kurz abgehandelt.

Ein Fremder aus Elea

19. September 2022 20:37

Maiordomus,

es gibt viele Wege der Leseförderung, Stromausfall, Krankenhaus, Nummer ziehen und beim Amt ansitzen, eigentlich jede Situation, in welcher die eigene Ungeduld zu einer gegen einen selbst gerichteten Waffe wird.

Gracchus

19. September 2022 20:52

Ich denke, dass Sie, @MD, anders als EK an die Sache herangehen. EK vermisst keinen Falken, sie sieht handwerklichen Pfusch am Werk. Und nach 20 Seiten Lektüre kann ich - wie beschrieben - diesen Eindruck EKs bestätigen, die sind nur passagenweise gekonnt. Sie, @MD, beziehen sich auf Inhaltliches oder die religiöse Meta-Ebene. Es sagt aber nichts über die Qualität eines Textes aus, wenn der Autor den Verlust der Liturgie betrauert oder Platon-Lektüre im Original für gut befindet. 

Maiordomus

19. September 2022 21:30

anatol. Sie haben wohl recht mit mehr "geschlickt als geschickt" Ich muss den Text einer Einheit oft, so heute, um mindestens ein Drittel zurückkürzen, was Stakkato ergibt, kann es wegen Augenproblemen nicht qualifiziert genug lesen. Schnell, leicht u. bestimmt klappt eher, gebrauche pro Einsatz nur wenig mehr als beim Sprechen, was als Schreibstil aber garantiert suboptimal wirkt

Wahr ist, dass aus historisch-kritischer Konsultation von Gesamtwerken Nachteile entstehen gegenüber denen, die alles aus Rezensionen oder durchaus gut schulmässig oder zuverlässig aus dem Netz kennen. Die verstehen sich untereinander besser. Auch mit umständlicher Quellenkenntnis aus Archiven kommuniziere ich bei Kürzungsvorgaben schlechter als diejenigen, die mit Schulbuch-Wissen Erwartungen erfüllen ä la Marie Antoinette u. Kuchen, steht bei Schwanitz. Redaktorin von NZZ-Folio korrigierte mich über Vampirglauben im Alpenraum nach Wikipedia. Was ich über stärkere  Forschungsgebiete mit bis 50 Jahren Aufwand mitteile, wird von überforderten Redaktionen ans Lexikonwissen angepasst, oft umgeschrieben, erst wieder passiert. Schrieb Schulgeschichte v. 350 Seiten v. Mittelalter bis in Verhältnisse wie bei Hürlimann im 20. Jahrhundert. Damit sehe ich vieles komplizierter als die meisten hier, die ich dann und wann befremde. "Schrott", @Gracchus ist Abfall, kaum das Original. 

 

RMH

19. September 2022 21:54

"Es sagt aber nichts über die Qualität eines Textes aus, wenn der Autor den Verlust der Liturgie betrauert oder Platon-Lektüre im Original für gut befindet."

Das ist das ewige Kreuz mit der sog. "Belletristik". Wer auf den Inhalt und die Aussagen schaut, der erkennt bei den beiden oben genannten Fällen den heutzutage klar reaktionären Gehalt (alle Achtung!), wer auf "schöne Literatur" aus ist, der stolpert ggf. über Konstruktion, Manierismus, schlichtes Geschwafel oder was sonst noch möglich ist. Das Inhalt und Formulierungskunst glücklich zusammenfällt, ist nach wie vor der Ausnahmefall. Habe in den Hürlimann natürlich noch nicht reingelesen, daher kann ich hier nur allgemein mitdiskutieren. Ganz grundsätzlich hat aus meiner Sicht nach 45 deutschsprachige Literatur von herausragender Qualität überproportional in Österreich und der Schweiz stattgefunden, wenn man berücksichtigt, dass Deutschland mehr deutschsprachige Einwohner hat, als die beiden südlichen Nachbarn zusammen.

PS: Im Hinblick auf der Erklärung des Begriffs "Stil" darf jeder, der Fernaus "Wie es Euch gefällt" im Regal hat, einmal das dortige Kapitel "Wir" aufschlagen und schmunzeln.

Maiordomus

19. September 2022 22:04

@Gracchus. Einer der kritischsten Autoren der Schweiz, Dr. phil., urteilte über erste 20 Seiten wie Sie, legte Buch weg, las es dann aber doch und revidierte sein Urteil. Es ist jedoch angebracht, sich vom lesenswerten Buch von K.H. Deschner was sagen zu lassen, den ich oben nannte, ich glaube gegenüber @Laurenz, der für Phonophor ein katholizismuskritisches Büchlein schreiben will, mit dem Titel "Talente, Dichter, Dilettanten", bei denen Deschner über Hesse, Frisch, Bergengruen, Jünger vernichtend in der Art v. Anatol u. Kositza, teils zurecht, mit Beispielen urteilte. Es stimmt wohl nicht, dass Sie in den Stil Hürlimanns eingelesen sind. F. Denk, einer der pingeligsten Deutschlehrer unserer Zeit, gab 150 Lesehefte von gutsortierten Gegenwartsautoren heraus. Er zählte nicht zufällig Hürlimann zu den guten. Lesen Sie zur Einführung in dessen Stil mal die genannte "Satellitenstadt". "Die Tessinerin", inhaltlich ein Vorgängerwerk zu "Der Rote Diamant", war für mich vor 41 Jahren nicht aus sprachlichen Gründen, sondern aus ethischen Erwägungen problematisch. In Einsiedeln fand man neuerdings, H. hätte über Qualitäten der Schule objektiver und differenzierter urteilen müssen; eine Sicht, die ich als Bildungshistoriker zwar nur teilweise nachvollziehen kann. 

Carsten Lucke

19. September 2022 22:31

@ Laurenz

Also - am Thema kann es bei Ihnen doch nicht liegen.

Schreiben Sie über einen manischen Kommentator im Netz - da geht sicher was.

Ich würd's lesen.

quarz

19. September 2022 22:33

@nemo obligatur

"Ich würde gerne mal eine entschiedene Verteidigung des Katholizismus lesen, in Romanform, auf hohem Niveau und möglichst ohne Kitsch"

Explizit: Chesterton, Beloc

Implizit: Waugh, Bernanos, Mauriac

 

 

Laurenz

19. September 2022 22:48

@Gracchus & Anatol Broder

Für mich ist Maiordomus ein wandelndes Lexikon, was für uns mal günstig & mal ungünstig ist. Er verliert Sich zu gerne im Detail, am besten sind die kürzeren Beiträge, jeder hat eine unterschiedliche Tagesform. Wäre schon glücklich, wenn ich halb so gut verkürzen könnte, wie GK.

@Gracchus @Franz Bettinger

Hab mal in ein Werk Franzens reingelesen. Wenn die Roman-Zielgruppe Wildwasserfahrer groß genug wäre, könnte Franz Bettinger wohl reich werden. Für mein Gefühl war die Umgebung, sind die Umstände für Leute, die nicht den Wildwasser-Tod sterben, zu detailliert.

@Gracchus @L.

Danke für Ihr gute Meinung. Schreibe hier schon genug über Politik. Politik kommt aus mir selbst, genauso die Lust am verbalen Streit, mit Teilnehmern, die satisfaktionsfähig sind. Leichte Siege, das merke ich öfters, sind gerne zu egomanisierend (Schöne Wortkreation?). Außerhalb des politisch historischen Ambientes bin ich auf andere angewiesen. Mir bereitet es Freude, gemeinsam mit Freunden Musik zu produzieren, aber nicht alleine. Ich verspüre nicht den Sturm & Drang meine Seele auf Papier zu erleichtern, etwas, was ich sonst Autoren unterstelle. Und eine neue heilige Schrift entwerfen, liegt mir auch fern. Ich müßte ja von einem auf den anderen Tag permanent lügen.

Nath

19. September 2022 22:49

@anatol broder in Bezug of den Satz von @Maiordomus

"«wer schliesst denn aus, dass diese frau nicht doch aus einer früheren verbindung kinder haben könnte?»

hinreichend genau wäre diese aussage so gesetzt:

wer schliesst denn aus, dass diese frau nicht doch kinder hat?""

Es kommt darauf an. Zwischen beiden Aussagen besteht sehr wohl ein Unterschied.

Im Satz von Maiordomus wird nicht etwa nur (1) das tatsächliche Nichthaben von Kindern seitens der Frau (ein negatives assertorisches Urteil) sondern (2) die U n m ö g l i c h k e i t des Kinderhabens (ein  negatives apodiktisches Urteil) in Frage gestellt. Der erste Fall wäre dann gegeben, wenn die Frau z.B. wahrheitsgemäß von sich sagte, sie habe keine Kinder (sie könnte aber durchaus welche haben). Der zweite Fall würde dann zutreffen, wenn sie beispielsweise.immer unfruchtbar gewesen wäre. Letztere Unmöglichkeit (2) stellt Maiordomus` Satz in Frage; nur, wenn er diese Aussage, aus welchen Gründen auch immer, beabsichtigte, macht er Sinn. Andernfalls, wenn er nur die faktische Abwesenheit von Kindern in Frage stellen wollte, hätten Sie Recht: die Hinzufügung "...aus einer früheren Verbindung haben könnte..." wäre redundant. Die Infragestellung der nicht gegebenen Mutterschaft ("..keine Kinder hat.") reichte völlig aus

Franz Bettinger

20. September 2022 00:50

@Gracchus und @wen’s interessiert: Treten Sie mit mir in Kontakt. Ha, die 3000 Seiten sind bereits die gekürzte Fassung. Aber jede einzelne Anekdote steht für sich und bleibt auch ohne den Restzusammenhang aufrecht stehen. Herr Dirk Alt vom Phonophor kann's bestätigen. Er hat Einiges aus 'Eine Frau mit Eigenschaften' gelesen (und fand's gut). Militärisches, Medizinisches, Sexistisches, Touristisches, Religion, Politik, Abenteuer... man kann sich’s aussuchen. Das Konvolut ist der Versuch, meine selbst erlebten Geschichten miteinander als Roman zu verbinden. - Sorry für die Schleichwerbung, aber Sie kennen ja die Verzweiflung ungelesener Autoren ;-)  

Maiordomus

20. September 2022 00:59

@Gracchus.Mit Hinweis, EK vermisse keinen Falken, zeigen Sie indirekt, warum die Besprechung gestrandet ist und die Debatte suboptimal verläuft. Es geht nicht darum, dass sie ihn nicht vermisst, sondern dass sie ihn nicht mal andeutet;  und dies als Katholikin, der ein Buch über die Muttergottes in der Literatur zuzutrauen wäre; bis hin zu Böll und H., dessen "Falke" auf eine dramatischste Muttergottesgeschichte hinfliegt. Wegen ignoranter Lobhudelbesprechungen ist EK auf den für sich selber wenig ergiebigen Törless-Schrott hereingefallen. Sie hat nicht mal die Geschichte zu Ende erzählt. Die Mittel eines Romans sind, wie der Germanist weiss, über das novellistische Moment zu interpretieren. Sie, @Gracchus, blamieren sich mit Gottfried Keller betr. Schilderung des Romanbeginns, was nicht der heute als originale Version erfassten Erst-Ausgabe entspricht, sondern der zensurierten abgemilderten Schulfassung. Ohne Urfassung kennen Sie Kellers Roman schlicht nicht! Und bei 20 Seiten, Promille von Hürlimanns Werk, wäre Ihr Urteil nicht satisfaktionsfähig. EK wird noch sehen, dass für die Interpretation dieser von ihr kaum halb vorgestellten Geschichte wohl "Zurück auf Feld 1" gilt. Auch Deschners Kritiken, wie die v. EK an TH mit oft treffenden Beispielen, wurden der Erzählkunst.v. Frisch, Hesse und Jünger nicht gerecht.  

ede

20. September 2022 01:36

Ja, den FB und den Laurenz tät ich auch kaufen. Ob dann auch lesen weiß ich nicht.

Reini Vonderwahl

20. September 2022 09:12

In einem Gespräch mit der NZZ sagte Hürlimann, die Kultur, wie er sie als Kind und Jugendlicher in Zug kennengelernt habe, sei nicht mehr da. Was er damit meint, ist eine spätbarocke verspielt-strenge katholische Volkskultur, die zwischen rigidem Moralismus, satirischer Weltverachtung, liebevollem Gemeinschaftssinn (mit bitterem Neid gespickt), hohlen Sitten, Humor und einem Hauch von echter Tradition pendelt. Hürlimann ist da zu einem Teil noch drin, zu einem anderen Teil beschreibt er ähnlich wie Thomas Bernhard oder Ödon von Horvath ihre bizarren Ausläufer, die sich bisweilen entwickelt haben. Vielleicht kann dies nur verstehen, wer in Österreich, der katholischen Schweiz, Bayern oder im Rheinland aufgewachsen ist oder dort Familie besitzt.

RMH

20. September 2022 09:26

@nemo obligatur und @quarz,

natürlich sind die "Klassiker" der Katholizismus-Christentum-Verteidigung auch nie zu übersehen, wie bspw. Chateaubriand (Der Geist des Christentums). 

Ich vermute, nemo ging es aber durchaus auch im aktuelle Verteidiger - und da fällt mir leider nicht viel ein, da ich nicht so sehr viel von neuer Literatur lese und wenn, dann habe ich bei neuer Literatur bspw. nichts gegen Sex-oder Gore-Szenen oder ähnliches, wenn es in die Handlung passt oder einen klar erkennbaren Zweck erfüllt. Mosebach ist für mich ein Autor, bei dem ich nie durch ein ganzes Buch gekommen bin und daher auch nichts mehr von ihm kaufe. Jeder Autor, jeder eigenständige Verlag sucht heute seine Marktnische, in/von der er auskömmlich leben kann. Die Nischenausrichtung birgt immer die Gefahren, ein Publikum bedienen, statt überraschen zu wollen, der freiwilligen Einengung, Verzwergung bis hin zu Einbußen an Authentizität und dem Geruch von Verklemmtheit (dabei ist meiner Meinung nach das heutige Sex & Horror muss man irgendwo immer einbauen- Mantra in der Unterhaltungs- und Frauenliteratur durchaus ja auch schon wieder Ausdruck einer Verklemmung).

Reini Vonderwahl

20. September 2022 09:31

@nemo obligatur

"Ich würde gerne mal eine entschiedene Verteidigung des Katholizismus lesen

 

Der Schönste schwul-katholische Internatsroman stammt von Roger Peyrefitte, Les Amitiés Particulières. Eine Verteidigung stellt er nicht dar, er endet sogar im Selbstmord des Internatsschülers Alexandre Motier. Nichtsdestotrotz ist das katholische Milieu hier schon beschrieben, und Peyrefitte blieb sein Leben lang Katholik. Der klassische Verteidiger und Romancier des «bürgerlichen Katholizismus» ist natürlich Mauriacc. 

Maiordomus

20. September 2022 09:40

Hürlimann::

1. Es liegt, wie dem Text direkt zu entnehmen, moderner Artusroman vor. Mutter - Sohn - Verhältnis von dort her deuten, incl. "du ensult nit gefragen". @Gracchus. Eintritt ins Internat wurde bei H. in "Die Tessinerin" 1981 schon beschrieben. Abschiedsworte der Mutter: "Ran an die Wildsau!", dann ging Türe zu..

2. Wie Tellkamp deutsche Gesellschaftskritik beschreibt, bringt H. radikale Abrechnung mit Katholizismus seiner Zeit bis heute. Die Stalker-Aspekte, vgl. "Uhrenbruder", Fortschrittskritk, entging den Rezensenten, die fast nur herkömmliche Törless-Geschichte interessierte. Eco-Vergleich in Besprechungen: eher daneben.

3, Für qualifizierte Auseinandersetzung mit H. ist der Band "Text + Kritik" Hürlimann (2021) mit 10 brauchbaren Aufsätzen, u.a. zum Mutterproblem usw. u. vor allem 10 Seiten Hürlimannbibliografie hilfreich. Man weiss nicht einfach alles besser!.

4. Zur grotesken Charakteristik v. Mönchen/Lehrern. Die positiven kommen etwas zu kurz. Nach 8 Jahren Internat, bei mir 4 Jahre, kennt H. diese Typen nun mal, bei aller satirischen Verfremdung, um Welten besser als EK.

5, Wie Böll, "Frauen vor Flusslandschaft", wirken Katholen z.T. zum Kotzen. Diese Welt ist vorbei. Was bleibt, ist die Muttergottes. Eine Art fellineskes Welttheater, letzteres klare Stärke des Dramatikers H. wie sonst nur noch Hofmannsthal.Dem Abt passte es nicht.

Kositza: Zu 4.: Immerhin habe ich 8 Jahre eine von Ordensschwestern (Ursulinen) geleitete Schule besucht... Bei vielen Mitschülerinnen waren die auch unbeliebt. Weil streng, weil eigenwillig und auf unmoderne Art gerecht.
Wenn diese (Mitschülerinnen) nun einen Roman schreiben würden, wer weiß. Ich liebte sie fast alle. (Was natürlich nun kein literarisches Argument ist.)

Gracchus

20. September 2022 09:57

@MD: Was den Grünen Heinrich angeht, könnten Sie richtig liegen - da ich mich nicht als Kenner aufspiele - oder auch nicht. Ich bezog mich auf die Erstfassung. Hier:

https://www.gottfriedkeller.ch/GH/GH_Parallel.htm

Da beginnt die Erstfassung mit Heinrichs Abschied.

Keine Ahnung auf welche Fassung Sie sich noch beziehen. Also bitte Belege!

Maiordomus

20. September 2022 10:05

@RMH. Hürlimann, zu Ende gelesen, bringt die in der einschlägigen Literatur wohl nur ganz selten geschaffte Überraschung, bewältigt es letztlich, bei kritischen Einwänden, u.a. v. EK,  bei aller legitimen "Gewöhnungsbedürftigkeit", wohl auch künstlerisch. Er ist als Zeitkritiker radikaler als Tellkamp, freilich mit dem Katholizismus als Beispiel wie A. Stadler weniger auf die Gesamtgesellschaft ausgerichtet, was Böll mit "Frauen vor Flusslandschaft" besser schaffte. Dabei bleiben Böll Hürlimann Stadler oft getarnte hartgesottene Katholiken, so wie Solschenizyn russischer orthodoxer Christ war, natürlich ganz andere Liga.

Hinweise auf franz. Literatur, @Mauriac, Bernanos usw. die man nicht mit "Verteidigung" verwechseln sollte, sind wertvoll. Der kluge rechte Publizist James Schwarzenbach schrieb lesenswertes Buch über Mauriac. Unter franz. Filmern bleibt Bresson Meister, da würde Sicht von ML interessieren. Im 21. Jahrhundert ist mir bisher kein Roman aufgefallen, der mit den Grossen mithält. Zumal Tellkamp, der politisch sicher relevanteste, aber erst recht der von mir kritisierte Zauberberg-Verschnitt, habe ihn fertiggelesen, konnte mit den Meistern nicht Schritt halten.

Gracchus

20. September 2022 10:12

@MD ad Hürlimann Stil: 

Nach 20 Seiten Lektüre würde ich kein Buch oder keinen Autor in die Tonne kloppen.

Wenn aber sämtliche Personen auf diesen 20 Seiten als mehr oder weniger Knallchargen eingeführt werden, werden Sie verstehen, dass der Ansporn, weiterzulesen, gering ausfällt. (Das schließt nicht aus, dass ich mich noch mit Hürlimann beschäftigen werde.)

Da helfen auch keine Autoritätsargumente (Friedrich Denk). Ich frage mich auch, was Deschners Kritik an Hesse oder Jünger hiermit zu tun hat. 

EK hat Szenen konkret benannt, z. B. die mit dem "Vogelmann", die einfach missraten ist. (Erstaunlich, dass das Lektorat nicht eingegriffen hat.)

 

 

quarz

20. September 2022 10:40

@RMH

"Ich vermute, nemo ging es aber durchaus auch im aktuelle Verteidiger"

Dann vielleicht Peter Kreeft. Ist zwar kein Literat, sondern ein Philosoph, aber er widmet sich in mehreren Büchern zeitgenössischer katholischer Apologetik (mit deutlich antimodernistischer Schlagseite). Ein Beispiel: "Forty Reasons I Am a Catholic", sehr systematisch, unkompliziert und ohne einschlägige Vorbildung verdaubar.

Apropos ... es gibt eine sehr gute Debatte zwischen ihm und Robert Spencer über die angemessene Einstellung gegenüber dem Islam: stellt er eher die größte Bedrohung unserer Kultur dar (Spencer) oder ist er ein brauchbarer Verbündeter gegen die Dekadenzerscheinungen des Westens (Kreeft). Eine Frage, die ja auch in der Sezession kontrovers diskutiert wurde.

https://www.youtube.com/watch?v=UMtqCapeVRA

Gracchus

20. September 2022 10:53

Grundsätzliches: @MD, RMH

Meine (überspitzte) These: Die Philologie ist der Tod der Literatur. 

Man kann (akademisch) lesen und einen Text dazu benutzen, seine Lieblingstheorien daran auszuprobieren. 

Man kann aber auch so wie EK lesen und sich fragen: Treten die Figuren lebendig in meine Vorstellungswelt?

M. E. hat der deutschen Literatur nach 45 geschadet, dass sie quasi dauernd von einem philosophisch-moralischen Diskurs überwölbt wurde und, um als ernst durchzugehen, germanistische Weihen erlangen musste. Vor allem ging es darum, irgendeine allgemeine Wahrheit darin gespiegelt zu sehen. Das konkret Geschilderte bleibt außen vor - bis heute erfahre ich aus Rezensionen kaum etwas Konkretes über ein Werk (was natürlich mit der Schnellebigkeit des Betriebs etc. zusammenhängt). 

Hiergegen hat zum Beispiel der von Dir @RMH, geschätzte Jörg Fauser rebelliert. 

 

Gracchus

20. September 2022 11:03

@MD: "Isaak Babel": Wieso sollte, wer Babel liest, sich im Exil befinden? Babel hat in der Kurzgeschichte Maßstäbe gesetzt. Die meisten Autoren, die Kurzgeschichten schreiben, berufen sich auf ihn oder kennen ihn jedenfalls. Meine Ausgabe ist von 2014. Gerade ist bei Hanser ein weiterer Babel-Band erschienen. 

Mir ist im Übrigen schleierhaft, warum der Deutsche keine Kurzgeschichten mag. Dafür dicke Romane. Ein Debutant braucht einem Verleger mit Kurzgeschichten gar nicht erst zu kommen.

Maiordomus

20. September 2022 11:23

@Nemo obligatur. Was den Ihnen nahegehenden "Schweinkram" betrifft, würde dies bedeuten, dass Sie wesentliche Literatur über die Römische Kirche und insbesondere das in dieser Sache wohl kompetenteste Werk von Arnold Stader nicht zur Kenntnis nehmen dürften, wobei die entsprechenden "Stellen" bei Hürlimann sich auch im Vergleich zu Fellini in Grenzen halten. Vgl. noch Conrad F. Meyer, Huttens letzte Tage, aus  Sicht des Ritters Ulrich von Hutten.

"Ich kam nach Roma, und was ich sah?

Ich sag's mit einem Wort: Cloaca Maxima."

Stadler kannte als Theologiestudent Verhältnisse in Rom zur Zeit von Papst Paul VI. intimst, auch Homosexuellenszene. Siehe noch D. Berger.

Die Beschreibungen bei Deschner der bordellartigen Verhältnisse in Rom zur Zeit von Sixtus IV. und Alexander VI. können jedoch, aus reiner Tendenzliteratur entnommen, was man z.B. bei den Protokollen der Weisen von Zion auch nicht durchgehen lässt, usw. nicht zum Nennwert genommen werden. Selber hatte ich Zugang zu einigen 1000 Seiten Akten aus dem Pontifikat von Papst Sixtus IV. Dabei fiel mir kaum Bordelleskes auf, sehr wohl aber die faktische Nichterwähnung des bedeutendsten Gelehrten unter den Kardinälen des 15. Jahrhunderts, Nicolaus v. Cues. Dies  liess mich über den geistigen Niedergang der Kirche bei bedeutenden kulturellen Leistungen, also im Gesamtniveau höher als heute, tief blicken. 

 

 

 

Maiordomus

20. September 2022 11:55

PS. Zur Deutung Hürlimann

Für eine seriöse Proseminararbeit über "Der Rote Diamant" wäre der von Fleiss strotzende Aufsatz des Germanisten u.Theologen Michael Braun, Spezialist zu "Der religiöse Trend in der Gegenwartsliteratur" (Buch 2018) von vorbereitendem Interesse mit dem Titel: "Der eiserne Vater und die lachende Mutter. Familiendesaster in Thomas Hürlimanns Schweizer Trilogie". In: Text und Kritik 229, S.59 - 68, Herbst 2021, erschienen mit einleitendem Probekapitel zu Der Rote Diamant v. Hürlimann mit Titel "Coco Chanel im Kloster", wo von der Problematik, @Gracchus, den Knaben in eine solche Schule zu stecken, explizit die Rede ist. Von Nicolas de Passavant gibt's in Text+Kritik eine Studie zu "Grundzüge von Thomas Hürlimanns Prosa." Als seinerzeit Herbert Eisenreich, ein von mir seit 1967 geschätzter Stifter-Spezialist, die Romane von Thomas Bernhard verriss, ging er  nicht von textimmanenten Analysen aus, sondern von Kriterien, mit denen er z.B. Werfel und den nicht zu unterschätzenden, von mir einst verehrten Alexander Lernet-Holenia, besprochen hatte, welch letzterer sich als Alt-Expressionist für besser als Böll hielt.  Dabei ist eine Rezension, auch die von EK, keine Proseminararbeit. "Text+Kritik" war vermutlich als Vorbereitung auf das Erscheinen von "Der Rote Diamant" gedacht. Nur eilte es den Rezensenten zu sehr, dies zuerst zu studieren. Der Leser tut's auch nicht.

 

zeitschnur

20. September 2022 12:29

Hürlimann habe ich nicht gelesen, würde aber nach der Besprechung oben sofort dem Urteil des Maiordomus mehr vertrauen ... Mosebach habe ich immer wieder gelesen, wenn mal wieder eines seiner Bücher gehyped wurde und man als Katholik glaubte, das lesen zu müssen: Ich wurde regelmäßig ergriffen von gähnender Langeweile. Was interessiert geschliffener Stil, wenn der Autor ein novellistischer Rohrkrepierer ist und offen bleibt, was er eigentlich zu sagen hat? Auch sein eher populärphilosophisches Werk "Die Häresie der Formlosigkeit" fand ich oberflächlich und argumentativ extrem schwach. Er schwamm auf der Benedikt-Welle, fast hätte man glauben können, es kehrt wieder so etwas wie katholischer Schick in die Kirche zurück, samt der "Alten Messe" (Motu proprio Summorum pontificum). Und, was ist davon heute geblieben? Wer wird das Zeugs noch lesen? Sternschnuppen-Autoren fürs Feuilleton und Zeugnisse der stilsicheren Sprachlosigkeit.

Kommentare wie Schlechte Literatur sind fast immer Und-dann-Geschichten. Schlechtes Deutsch sind überlange Adverbial- und Konjunktionsketten sind aus mS die Dokumentation einer bornierten Oberlehrerattitüde. Das kann schlechter Stil sein, muss es aber nicht. Es kommt immer auf den Zusammenhang an.

Auf jeden Fall, @MD, sind Ihre Argumente erheblich profunder,

Laurenz

20. September 2022 12:38

@Reini Vonderwahl @Nemo Obligatur

Freue mich fast immer, wenn sich hier Literatur-Liebhaber kurz & bündig äußern. Schaue mir grundsätzlich EK-Buchbesprechungen, alleine oder in der Gruppe, an. Das Format ist zeitlich perfekt gestaltet & es erlaubt Bürgern, wie mir, in das Fenster einer fast fremden Welt zu schauen. Was mir bei Ihrem informativen & gut geschriebenen Beitrag zum Katholizismus auffiel, ist der -ismus. Franz Bettinger setzte sich schon vor mir desöfteren mit dem Baum der Erkenntnis & seiner Bedeutung auseinander, ohne es hier debattieren zu können. Genau da liegt der Hund begraben. Jeglicher Anhänger eines Ismus, muß sich das Naschen der Früchte vom Baum der Erkenntnis irgendwann versagen.

@Maiordomus @Gracchus

Mein erster Beitrag ging wohl nicht durch, weil er mutmaßlich zu rücksichtslos geschrieben war. Ihre Bewertung von Literaten bezieht sich, soweit ich es verstehe, auf fachliche, einst konstruierte Aspekte der Germanistik. Ich, hingegen, beurteile auch literarische Werke mehr oder weniger nach ihrer Massentauglichkeit, nach ihrem kommerziellen Erfolg, auch wenn mir das Lesen von Arztromanen oder Perry Rhodan, aufgrund persönlicher Langeweile, versagt bleibt.

Monika

20. September 2022 12:51

Gesucht werden Romane, die den Katholizismus, bzw. das Christentum verteidigen ? Diese Romane werden kommen, aber nicht aus Europa, bzw. nicht von Europäern. Von Martin Mosebach habe ich nur das Buch DIE 21 gelesen. Ein Buch über die 21 koptischen Märtyrer, die 2015 von IS-Terroristen am Strand von Libyen enthauptet wurden. Mosebach hat deren Familien in Ägypten besucht und zeigt sich beeindruckt von der Frömmigkeit der koptischen Kirche, die den Glauben und die Liturgie der frühen Christenheit bewahrt  hat. Aus diesem beeindruckenden Buch las Herr Mosebach in einer noblen Villa im Frankfurter Westend nach einem Drei-Gänge-Menue. ( Hüstel !!!) Deshalb vermute ich, dass auch eine christliche Elite ( siehe Strang über kath. Elite) nicht mehr in Europa entstehen wird. Die Heilige Dreifaltigkeit ( besser: die theologische Reflexion über die Trinitätslehre) wird für den Moslem weitaus interessanter sein als für die westliche, elitäre Schickeria. Allah ist ein unnahbarer Gott, zu dem man keine persönliche Beziehung haben kann. Allah ist kein Vatergott. Es gibt keine Heilsgewissheit.  Die Sehnsucht nach einem Liebenden Gott ist für viele Muslime eine existenzielle Frage. Eine ernsthafte theologische Diskussion über den „Gott Jesu Christi“ ( Walter Kasper)  wird aus dieser Ecke kommen. 

Monika

20. September 2022 13:23

Nein, Frau Kositza! Gute Kunst ( Literatur, Malerei, Musik, Film) ist keine völlig subjektive Wertung, es gibt objektive Bewertungskriterien. Der russische Filmemacher Andrej Tarkowski spricht von der „Kunst als Sehnsucht nach dem Idealen“ ( in: Die versiegelte Zeit).   Verkürzt gesagt, geht es darum,  das „Unendliche erfahrbar zu machen“. Der Künstler ist deshalb ein Diener, der von sich absehen sollte. Das alles klingt etwas verstaubt in unseren Ohren. Nach Tarkowski sollte das „schöpferische Tun nicht zu einer seltsamen Beschäftigung exzentrischer Personen werden, die nur die Rechtfertigung des einmaligen Wertes ihres ichbezogenen Handelns suchen. Die Individualität bestätigt sich in der Kunst gerade nicht, sondern dient einer anderen, allgemeinen und höheren Idee.“ Nach diesen Kriterien könnte man doch auch die Romane von Mosebach und Hürlimann unterscheiden oder gerade auch nicht unterscheiden 🤔.

Maiordomus

20. September 2022 13:43

@gygax. "Bergfried", schlicht gelungenes als Porträt verbliebener "einfacher" Menschen. Lebensbewältigung in Bergtal, zu Bedingungen einer sich längst veränderten Welt. Es wäre als ein Juwel einer für mich achtbaren "Heimatliteratur" vorstellbar geworden.  "Kleine Literatur" gelingt heute eher als "grosse". Dem Anspruch der Autoren T., H. und M., bei vorhandener auch tagesliterarischer Relevanz, können diese Werke bei unterschiedlichem Grad des Gelingens wohl nur teilweise gerecht werden. Dabei vermute ich, dass Tellkamp und Hürlimann am ehesten in die Lage gesetzt sind, in Verbindung von Form und Gehalt die wesentlichsten deutschsprachigen Romane dieses Buchjahres veröffentlicht zu haben. Geistesgeschichtliche Relevanz, die mit der Zeit an Kontur noch gewinnen dürfte; so wie einst Böll mit "Frauen vor Flusslandschaft" so etwas wie den gültigen unangenehmen Roman der "Kohl"-Jahre vor 1989 geschrieben hat. Das von mir damals besprochene Buch machte ein Vakuum sichtbar, das dann von Merkel mit Blick für die Gelegenheit gefüllt wurde, ob uns das passte oder nicht: weil diese Politikerin als Persönlichkeit weniger angefault schien als der Durchschnitt der von ihr übernommenen Partei. 

dojon86

20. September 2022 14:32

Also für jeden ist echter Katholizismus was anderes. Meine Großmutter wuchs in einem bekannten österreichischen Wahlfahrtsorte auf und erzählte immer gerne, dass nach dem Tod des Pfarrers die stadtbekannte Freundin in schwarz ging und niemand (außer die üblichen Querulanten wahrscheinlich) was dabei fand. Für mich bedeutete eigentlich Katholizismus immer, die Sündhaftigkeit des Menschen zu kennen und und zu vergeben. Der Furore heutiger Kirchenkritiker erklärt sich aus der völligen Gefahrlosigkeit dieser Art von Kritik. So gut wie kein Intellektueller, der an der katholischen Kirche seinen Schnabel setzt, würde es wagen, das bei Leuten wie Bill Gates, Soros, etc. oder beim Islam zu tun. Warum ? Weil man sich halt gerne als großer Nachfahre von Voltaire (und andren) fühlt, aber keineswegs deren Mut hat.

Maiordomus

20. September 2022 15:17

@Gracchus. Ich verstehe "Exil", wie viele, weil Sie etwa Babel besser finden als was wir heute bei uns haben. Fühle mich in Erinnerung an die Besten längst im Exil; kenne Mitbürger, die sich bei Gotthelf, Keller, Walser ins geistige Exil begaben. [email protected] Der Grüne Heinrich, 1. Fassung, Suhrkamp, beginnt mit Landschaftsbeschreibung, immerhin wird bald mit Hilfe der Mutter Koffer gepackt. Kapitelschluss über Mutterliebe und Jugendliebe. Sehe Sie nach heutiger Wiederlektüre dieses Kapitels nach 12 Jahren nicht mehr so daneben wie ich schrieb. Staatsschreiber K. zensurierte Szene mit  nackter Judith, verschlechterte Erstfassung.

Denk: kein Autortätsbeweis. Hat 150 Lesehefte herausgegeben und lektoriert, da wird man wohl noch sagen dürfen, man könnte bei ihm lernen, so ich. Der Kämpfer gegen die O-Reform schrieb auch über Autoren, die bei Kubitschek/Lehnert per Video besprochen werden, warnte vor "Zensur der Nachgeborenen" gegen Autoren vor 1945.

Deschner machte es so wie anatol bruder mir gegenüber, aber auch z.T. EK gegen Hürlimann: Er suchte und fand bei Autoren zu beanstandende Stellen, fast jeder hat sich mal blamiert, wobei aber im Einzelfall auf Stil-Kontext zu achten ist.

Maiordomus

20. September 2022 16:10

@Laurenz. Das mit der Massentauglichkeit versuchte Goethes Schwager Vulpius schon dem Alten aus Weimar beizubringen, zwar eher vergeblich. Dennoch schön, dass Sie sich dann und wann was sagen lassen, ist schon vice versa Ihnen gegenüber passiert.

Sie können aber betr. Religionsgeschichte Romane (gilt natürlich auch für Hürlimann) wohl nicht als Quellen nehmen, auch nicht solche mit Millionenauflage. Und was Sie kürzlich hier über die Schlacht an der Milvischen Brücke absonderten, stammt wohl aus Ihren 21 Jahren Katholizismus. Ihre Version liegt dem Erstkommunionunterricht von 1956 noch zu nahe, zwar nicht gerade schlecht, bei einer Seminararbeit über Sol invictus und Mithras als Konkurrenten des Christentums Sie doch etwas weitergekommen; nicht zu vergleichen Studien bei Walter Burkert, der die spätantike Mythologie auf Welt-Spitzenniveau erforschte, durfte Nachruf auf diesen Lehrer schreiben. Prof. Alexander Demandt liefert im Handbuch der Altertumswissenschaft III,6 ,2.  Auflage, München 2007 ein Minimum , was auf der Basis von Kenntnissen eigene Einschätzungen nicht verbietet.

Niekisch

20. September 2022 16:18

"Nein, Frau Kositza! Gute Kunst ( Literatur, Malerei, Musik, Film) ist keine völlig subjektive Wertung, es gibt objektive Bewertungskriterien".

@ Monika 20.9. 13:23: ...wobei m.E. mit Romano Guardini ( "Über das Wesen des Kunstwerks" ) zum Finden objektiver Bewertungskriterien die Frage zu stellen ist: "...Frage nämlich, was dieses seltsame Ding sei, das so unwirklich ist und doch so wirksam; so herausgenommen aus dem gewöhnlichen Dasein und doch so tief das Innerste berührend; so überflüssig vor allen praktischen Maßstäben und doch so unentbehrlich jedem, in dessen Leben es einmal eingegangen ist" ( Vortrag in der Stuttgarter Akademie der Künste im August 1947, Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen 1948, S. 9 )

Maiordomus

20. September 2022 16:42

Betr. 13.43. Damit es nicht heisst, ich könne nicht mal einen Satz bilden: "Bergfried" ist ein schlicht gelungenes Porträt von noch heute in ihrem Bergtal verbliebenen "einfachen" Menschen. (Wobei Auswanderung ein für die Erzählung, wenn ich mich richtig erinnere, ebenfalls wichtiges Thema wurde.)

Der Roman wurde von Oskar Freysinger verfasst, dem umstrittenen, vielfach sprachbegabten und gewiss originellen ehemaligen SVP-Politiker aus dem Wallis. Dass Herr @Gygax verdienstvoll und mit authentischem Bekenntnis auf ihn aufmerksam machte, verführte mich zu einem kleinen Plädoyer für "Heimatliteratur". Der Anspruch, "grosse Literatur" machen zu wollen, konnte von den auf dieser Seite gegensätzlich erörterten  weit bekannteren Gegenwartsautoren nur bedingt oder gar nicht eingelöst werden.  Insofern erweist sich der Rekurs auf "kleine" Literatur als wohl lohnend. Auf diesem Gebiet, wie selbstverständlich auch auf dem anderen, hat EK immer wieder anregende Rezensionen geschrieben. Meinungsverschiedenheiten sind normal, @Monika hat aber recht, es gibt Kriterien, nur muss man diesen arbeiten, sie auch begründen. Ein paar skurril klingende Sätze genügen indes für einen Verriss nicht. Findet man auch bei Rilke. Ein Kritiker fand es lächerlich, einen Sommer "sehr gross" zu finden. 

 

Maiordomus

20. September 2022 17:24

@EK. Die Ursulinen. 8 Jahre! Da muss ich mich Ihnen gegenüber aber gewaltig "löffeln". Selber beschrieb ich in meiner Schulgeschichte eine hochgescheite Ursulinen-Nonne, die dann an meinem Schulort vor 200 Jahren eine Textilakademie für Mädchen gründete, ihnen Geometrie, Kunst, Kunstgeschichte, auch Französisch beibrachte und faktisch, immerhin als Schwester eines Propstes, auf eigene Faust eine Lehrerausbildungsstätte für "weibliche Arbeiten", wie man damals sagte, betrieb. Ihre Nachfolgerin erhielt von der Regierung das Recht, Diplome auszustellen. Eine Pionierin von hoher und feiner Bildung. Die modischen Impulse ihrer Schule trugen dazu bei, dass Bauerntöchter begannen, statt mehrschichtige warme Röcke selbst genähte Mäntel zu tragen. Dies zu der Zeit, als sich in einem von Aristokraten beherrschten Kanton bei den Männern auf dem Lande die Demokratie durchzusetzen begann. Mit dem Mantel in die Kirche zu gehen, war für die Mädchen und Frauen ein nicht kleiner Emanzipationsschritt. Bei Gottfried Keller, "Kleider machen Leute", ist der Mantel sowohl beim vermeintlichen polnischen Grafen als auch bei der Hauptfigur Nettchen ein enormer Faktor des Selbstwert-Gefühls.

brueckenbauer

20. September 2022 18:33

Mein Eindruck ist der, dass hier ein bisschen zuviel Gewicht auf sog. "große Literatur" gelegt wird - was dann oft in der Suche nach einem "Großroman" endet. Wäre ich Verleger, würde ich eher das Genre der guten oder vertretbaren Unterhaltungsliteratur fördern: Romane und Kurzgeschichten mit einem begrenztem Umfang, Humor oder Ironie und einer straff erzählten Handlungslinie, die gerne auch in einer Schlusspointe enden darf.

Diese Literatur findet ihre Leser beinahe von selbst und hat m.E. auch einen erheblichen Einfluss auf die Meinungen der Leser. Die Qualitätskriterien sind hier viel klarer und decken sich in erheblichem Umfang mit den Erfolgskriterien. Dann mag ein Autor immer noch darüber hinausgreifen und  ein Gebiet anstreben, in dem Qualitätskriterien unklarer und der Erfolg noch ungewisser ist.

 

Nemo Obligatur

20. September 2022 19:49

Erst einmal allseits vielen Dank für die vielen Literaturhinweise. Manches hatte ich schon selbst ins Visier, anderes nicht.

Mir geht es dabei vor allem darum, dass das Thema mal so richtig gegen den Mainstream gebürstet wird. Angriffe auf die katholische Kirche sind derzeit wohlfeil und allenthalben zu finden. Das "Geheimnis des Glaubens" fällt dabei freilich unter den Tisch. Was aber wäre der Mensch letzten Endes ohne die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode?

@Maiordomus: Ihnen gebührt ein besonderer Dank für die vielen Hinweise. Ein Werk von Stadler liegt aufgrund einer früheren Empfehlung von Ihnen ohnehin auf meinem Lesestapel.

Zum Thema "Schweinkram": Es ist mir ziemlich egal, was die Herren in ihren Schlafzimmern anstellen. Ich will davon nur nicht dauernd in Büchern lesen.

 

Gracchus

20. September 2022 20:40

@Katholizismus (fragmentarisch): 

1. Hürlimann zitiert in einem Interview einen Internatslehrer, der gesagt hat: Katholiken schreiben keine Romane. Katholische Romane mit apologetischer Absicht finde ich auch fragwürdig. Mosebach hat dem Thema einen klugen Essay gewidmet.

2. Je nach Definition kann man z Prousts "Recherche" dazu zu zählen; es ist nach Prousts Absicht wie eine Kathedrale angelegt.

3. Dante, den Großen, nicht vergessen. Das Dante'sche Schema – Hölle, Fegefeuer, Himmel -, sollte, finde ich, (implizit, metaphorisch) jedem Roman, jeder Erzählung zugrunde liegen. (Apropos Maria: Kaum Schöneres als die der Himmelskönigin gewidmeten Verse!)

4. Daraus die Folgerung: Gute christliche Literatur umspannt und verbindet das Niederste und Höchste. Das Wort ist fleischgeworden, und das Fleisch wird Wort. 

5. @Monikas Hinweis auf Tarkovski ist sehr wertvoll. Die Sehnsucht nach Idealen (dem Himmel) - das fehlt den meisten zeitgenössischen Kunst- und Literaturwerken. Ich würde so weit gehen, dass mich Kunstwerke ohne diesen Bezug kaltlassen.

 

Laurenz

20. September 2022 21:26

@Maiordomus @L.

Trug ein katholischer Laurenz entscheidend zur Schlacht an der Milvischen Brücke bei?

Diesmal, werter Maiordomus, liegen Sie falsch.

Meine Aussage bezog sich inhaltlich auf eine ARTE-Doku, Die Apokalypse: Herrschaft über das Römische Reich aus 2008, die ich etwa vor gut einem Jahr gesehen hatte.

https://youtu.be/KapYozAIN14?list=PLlQWnS27jXh96VaW7tw01IIMbxDcRwrBi

Hier kommen ab Beginn der Sendung einige intellektuelle & wissenschaftliche Hochkaräter zu Wort, die Sich vom Renommee sicherlich durchaus mit Ihnen messen lassen können. Auch, was die Quellenlage angeht, Laktan & Eusebius, spielte Ihnen Ihr Gedächtnis wohl einen Streich.

Yves Modéran, Robin Lane-Fox, Paul Veyne, Claudio Moreschini, Timothy David Barnes, Dominique Hollard, Christoph Markschies, Moshe David Herr & weitere....

Die wurden seinerzeit alle von ARTE eingeladen, zu dem Thema zu sprechen, Sie (& ich) nicht.

Maiordomus

20. September 2022 22:02

Roman und Mythos

@Laurenz. 16.10.Erste sog. "Informationen" über die Schlacht bei der Milvischen Brücke gehörten nicht bei Ihnen, aber bei mir 1956 zum Erstkommunionsunterricht. Die Meinung, es sei wirklich so gewesen, hätte kindlichen Auffassungen über St. Nikolaus entsprochen. 1969 schrieb ich bei Uni-Seminar  Arbeit "Über die Theorie des Romans" im Zusammenhang mit dem spätantiken Roman über spätantike Mythen, die in damalige erste Romane eingingen, u.a. mit Mithras und Sol invictus zusammenhängend, was beim Himmelszeichen bei der Milvischen Brücke ursprünglich im Vordergrund gestanden haben soll. Der Roman ersetzte in neuerer Literatur mehr und mehr den Mythos, vgl. den hl. Gral; bei Hürlimanns "Der Rote Diamant" geht es um Muttergottes-Mythos, der mit der je konkreten Mutter und nicht zuletzt der Monarchin (Kaiserin Zita) zu tun hat, letzteres scheint, wie wir wieder bemerken, bis zum Kult der Queen  weitergewirkt zu haben. Würde warnen, den von EK nun mal nicht ausreichend gewürdigten Roman, unser Thema hier, zu unterschätzen. Eigentlich will jeder von uns mal einen Roman schreiben. Zu denjenigen, die es mir ausreden wollten, gehörte vor Jahren bei Tischgespräch unter Autoren ausgerechnet Th. Hürlimann. Dabei sind ihm längst nicht alle Projekte gelungen. Er war noch und noch unterwegs nach seinem "ultimativen" Roman.

Franz Bettinger

21. September 2022 00:49

@Brüeckenbauer hat recht. Große Literatur? Ist großteils große Propaganda. Reich-Ranicki hat im Literarischen Quartett angewidert abgewunken und das Hypen „großer Literatur“ enttarnt. Und er hat gefragt, und die Frage geht nun an die Foristen, grade auch an @MD: Hat irgendwer auch nur 50% des kleingedruckten Musil-Schinkens „Der Mann ohne Eigenschaften“ gelesen? Aber ach, alle stehen voller Bewunderung. Das ist verlogen, und das tut weh.  

Kositza: Das ist doch Quatsch. Niemand äußert doch Bewunderung über ein Werk, das er nicht gelesen hat. Eine solche Situation ist mir noch nie untergekommen. (Eher schon mal Abscheu, siehe Merkel/Sarrazin.) Bildungshuberei gibt´s, aber doch nicht so.
(Habe von RM nur den Törleß gelesen und den "Mann ohne E" auch rasch abgebrochen.)
Ich denke, auch das Wirken von Reich-Ranicki schätzen sie falsch ein. Er hat halt das gehypet, was er mochte.

Monika

21. September 2022 09:37

Beide Romane springen mich nicht an. Nochmals Tarkowski ( „Die Kunst als Sehnsucht nach dem Idealen“) : „Der Durchschnittsmensch ist heute von all dem endgültig abgeschnitten, was mit einer Reflexion des Schönen und Ewigen zusammenhängt...Das Ziel der Kunst besteht vielmehr darin, den Menschen auf seinen Tod vorzubereiten. Ihn in seinem tiefsten Inneren betroffen zu machen.“ Gelingt das bei Mosebach und Hürlimann, den Dichtern „katholischer Seelenlandschaften“ ? Hürlimann zog nach seiner Krebserkrankung zurück in die Schweiz in ein Bootshaus in Walchwil, wo ihn seine Endlichkeit „heiter stimmt und frei macht“. Er schaut zurück auf die vergangene magische Welt, wo Nonnen noch Zigarren rauchten. ( NZZ 30.7.22 „Ich bin in Berlin zum Patrioten geworden“). Tod u. Sterben werden in ästhetischer Umgebung fast lustvoll inszeniert. Wer möchte nicht schmerzfrei u. friedlich mit Seeblick in der Schweiz dahingehen ? Das ist mir alles zu glatt. Das Schöne u. Ewige ist zum Lifestyle geworden mit etwas kath. Brimborium. 🤔Der Tod des Ivan Illich von Tolstoi macht dagegen wirklich im Innersten betroffen.

AndreasausE

21. September 2022 10:18

"Sie packt ihr Beautycase aus, zieht sich die Lippen nach, tupft Puder auf die Wangen etc."

 

Äh, ich kenne eine mitteljunge Dame, ebenso stinkreich wie stockkatholisch, welche ein solches Verhalten für selbstverständlichste Sache der Welt hielte.

Natürlich würde nach einem Ausrutscher auf eisglatter Fahrbahn zunächst die Frisur gerichtet und dann erst überprüft, ob Beine noch dran sind und das Auto noch halbwegs fahrbereit ist.

Die Dame ist übrigens eine der nettesten Menschen, die ich kenne, "von und zu", aber ohne jede Arroganz, hat nur gewisse Eigenheiten, wie sie in ihren Kreisen wohl nicht ganz ungewöhnlich sind.

Kositza: Na klar, fraglos. Die Kunst wäre, es so zu beschreiben, daß es nicht wie ein Abklatsch wirkt, sondern originell.

Maiordomus

21. September 2022 11:06

@ "Der Mann ohne Eigenschaften" - Text, den man eher "kennt", über Interpretationen, als fertiggelesen. Ging mir wie EK. Aber ich las ergiebige psycholog. Interpretation v. Bodamer: "Der Mann ohne Eigenschaften besteht aus Eigenschaften ohne Mann." Vielleicht lese ich Musils Roman noch fertig, habe mir ja Mosebach zugemutet. Dem "Mann ohne Eigenschaften" erging es oft wie den 3 Kritiken von Kant. Mehrheit der Philosophiestudenten hat sie nur via Lehr-Zusammenfassungen u. Auszüge zur Kenntnis genommen, was nichts ändert, dass man sie zitiert.

@Laurenz. Ja, zu Arte eingeladen werden! Da war aber Burkert schon tot, dem keiner Ihrer Genannten das Wasser reicht. Selber wurde ich vom CH Fernsehen zu hist. Erklärungen zur Geschichte des Frauenstimmrechts 3 Stunden interviewt, um Details der Verzögerung zu erklären u. Haltung der Skeptiker. 1 Stunde vor Ausstrahlung (in Auszügen) mailte mir oberster Boss, man könne und wolle dies nicht senden. Ich wäre für Arte auch nicht kompatibel gewesen. Die 2 gelehrtesten lebenden Frauen meines Landes habe ich notabene nie im Fernsehen gesehen. 

 

Laurenz

21. September 2022 11:13

@Maiordomus @L.

Als ich noch Katholik war, besuchte ich ein humanistisches Gymnasium & machte mehr schlecht als recht mein Großes Latinum. Natürlich war Konstantin ein Thema im Geschichtsunterricht, aber viel mehr noch in Kunstgeschichte, wenn auch der Niedergang der Kultur in der Konstantinischen Ära & danach, von meiner Kunstlehrerin arg beschönigt wurde. In der ARTE-Doku werden die politischen, wie militärischen Aktionen Konstantins völlig nüchtern betrachtet. Es geht hier also nicht um die Motivation Konstantins, sondern um die von Ihm beabsichtigte politische Wirkung. Konstantin war es theologisch völlig egal, welche der vielen Strömungen der Christen sich durchsetzte. Er bestimmte. Entscheidend war für ihn die Gewinnung von Autorität des Kaisers, wie die Reichseinigung. Da bringt es auch nichts, wenn Sie Hinz & Kunz zitieren oder uns vom einstigen Ruhm verkünden. Was bringt es heute noch, daß die Preußen bei Königgrätz gewannen? Das, Maiordomus, sind keine Argumente.

Maiordomus

21. September 2022 11:16

@Monika. Wenn Sie einem heutigen mit dem Sterben ringenden Autor Tolstois "Tod des Ivan Illich" vor die Nase halten (der Protagonist bei Hürlimanns Roman heisst  im Vulgo "Nase"), dann müssten Sie es bei den Komponisten mit Mozart und Bach, nach Popper bis heute unerreichte Kulturleistungen,  auch so handhaben. Es würde dann der Vers von Stefan George übrig bleiben: 

seht was mit trostgebärde der mond euch rät

tretet weg vom herde, es ist worden spät

 

Wollte  schon gestern Schluss mit einschlägigen Kommentaren zu Hürlimann machen. Jetzt reicht es aber für mich meines Erachtens. Liess mich nun mal durch den Text von EK etwas provozieren! Meine Achtung für sie bleibt unverändert. 

FraAimerich

21. September 2022 12:00

Eher eine Kritik des Katholizismus, aber keine vom Standpunkt des Materialismus aus, lieferte der von keinem geringeren als Karl Kraus zu einem der sprachmächtigsten Autoren seiner Zeit gezählte österreichische Schriftsteller Ferdinand Kürnberger (1821-1879) in "Das Schloß der Frevel" (EA 1903). Aufgrund der üblichen "exoterischen" Beigaben und häretischen "Abgründe" - Jünglingserwachen, Jesuitentreiben und Gnosis - hielt man eine ungekürzte Ausgabe erst 1920 für statthaft. - Lesepröbchen (Pater Cölestin wendet sich an seinen Beichtling):

"Die Schlinge, die sie euch legen, ist der alte heidnische Dualismus. Das Christentum sollte ihn überwinden, aber es wurde von ihm überwunden. (…) innerhalb des Dualismus ist die Erlösung nicht möglich. Erlöst und versöhnt aber bist du außerhalb desselben, in der Trias. (…) Stoffloser Geist, geistloser Stoff und die erfüllte Einheit beider im Dritten, in der Seelenerscheinung. (…) Und Rom lehrt zwar die Emanation von unten hinauf, verschweigt Dir aber mit List und Betrug die Emanation von oben herab. Als ob die Materie nur zum Geiste strebte und der Geist nicht auch zur Materie! (…) Aber sei guten Mutes, mein junger Freund. Wir werden das Evangelium Marcion miteinander lesen. Ich werde dich Griechisch lehren. (…) Denn die Erlösung erzwingt und erstreitet sich nicht, man hat sie. Christus, der Psychiker, hatte sie und zeigte sie. Wie man aus Pneuma und Hyle Psyche macht, zeigte er am vollkommensten, und das war seine Mission."

Monika

21. September 2022 12:46

Jetzt will ich es wissen. Am Samstag, 24.9.  liest Martin Mosebach in Kloster Johannesburg im Rheingau aus seinem neuen Buch „Taube & Wildente“. Da es um Ehe, Liebe und Verlust geht, habe ich mal Karten besorgt. Bin gespannt. Jetzt bin ich über Sezession noch zu einem Geburtstagsgeschenk für meinen Mann gekommen. 😀

zeitschnur

21. September 2022 14:13

@ Monika

Nochmals Tarkowski ( „Die Kunst als Sehnsucht nach dem Idealen“) : „Der Durchschnittsmensch ist heute von all dem endgültig abgeschnitten, was mit einer Reflexion des Schönen und Ewigen zusammenhängt...Das Ziel der Kunst besteht vielmehr darin, den Menschen auf seinen Tod vorzubereiten. Ihn in seinem tiefsten Inneren betroffen zu machen.“ Gelingt das bei Mosebach und Hürlimann, den Dichtern „katholischer Seelenlandschaften“? -
________

Das spricht mir aus der Seele! Auch der restliche Kommentar.

Hürlimann habe ich mir bestellt und werde es lesen, Mosebach gelingt es nicht. Wir leben wahrscheinlich in einer Phase des Epigonalen, wo die einen alles dekonstruieren wollen, was noch so eben hält, die anderen dagegen wollen instaurieren wie Pius X., glauben, durch Ästhetisierung eines Verlorenen oder Verloren-Geglaubten, stilistische Finessen und so eine Art literarische "falsche (dritte) Zähne" Substanz simulieren zu können, was zu einem superstitionellen Simulakrum führt, das nicht mal mehr zauber ausübt.

Wir müssen wohl warten, bis diese Zeit des Manierierten überstanden ist. Und vom Ewigen zehren, den Urtraditionen und den alten Kunden, ohne marktfähig zu sein.

anatol broder

21. September 2022 16:07

@ maiordomus 15:17

Deschner machte es so wie anatol bruder mir gegenüber, aber auch z.T. EK gegen Hürlimann: Er suchte und fand bei Autoren zu beanstandende Stellen, fast jeder hat sich mal blamiert, wobei aber im Einzelfall auf Stil-Kontext zu achten ist.

bei dieser vorlage könnte ich kräftig nachtreten, doch die hauptdiskussion ist gerade zu schön.

quarz

21. September 2022 19:43

@zeitschnur

"glauben, durch Ästhetisierung eines Verlorenen oder Verloren-Geglaubten, stilistische Finessen und so eine Art literarische "falsche (dritte) Zähne" Substanz simulieren zu können, was zu einem superstitionellen Simulakrum führt, das nicht mal mehr zauber ausübt."

Verachtet mir die Simulierer nicht und ehrt mir ihre Kunst! Es ist ein alter, auf Aristoteles zurückgehender und meiner Ansicht nach richtiger Gedanke, dass sich echte Tugend zwar nicht ausschließlich durch, aber jedenfalls nicht ohne nachahmendes Üben etabliert. Bloße Einsicht oder Ergriffenheit stiftet keinen authentischen Charakter.

links ist wo der daumen rechts ist

21. September 2022 19:53

Wozu überhaupt Rezensionen oder „Buchneubesprechungen“?

Warum keine „Buchaltbesprechungen“? Gibt es ja schon als Format eines Kubitschek und Lehnert?

Das Gute setzt sich auch so durch. Und eine Buchhändlerinnen-Pädagogik in Ehren… 

MRR war an Unterhaltungswert mit seinen beiden apportierenden Puddinggesichtern ohnehin nicht zu toppen.      

Ich habe selber ein paar Jährchen für eine sog. „Qualitätszeitung“ in Ö (eigentlich ein Widerspruch in sich; „Qualität“ heißt hier, daß man ein Drittel des Zeilenhonorars vergleichbarer Zeitungen in D oder CH zahlt) rezensiert. Der Frust ist vorprogrammiert. Oft bekommt man Lückenbüßer, wenn man lobt, erreicht man nicht die erwartete Resonanz, wenn man verreißt, hat man Feinde fürs Leben.

Kositza: Tja, wieso Kommentare schreiben? Kann man machen, kann man auch lassen!

links ist wo der daumen rechts ist

21. September 2022 19:54

Stichwort „katholische Literatur“:

Wie wäre es mit einer „Großoffensive“ in Sachen „Renouveau catholique“?

Ich bin sicher, daß jeder der hier Kommentierenden (von den Vielschreibern und Nichtlesern abgesehen) so seinen Lieblingsautor hat. Für mich zählt übrigens auch Eric Rohmer dazu.

Und noch ein Wort zu Musils MoE. Schinken?

So können wirklich nur ironiefremde „Arnheims“ urteilen. Der MoE ist eines der witzigsten Werke der Weltliteratur (und zudem lesetechnisch durch die kurzen Kapitel ein Genuß).

Ich sehe Musil übrigens (wie auch die anderen drei meiner „Fabulous Four“ Kraus, Canetti und Broch) als verhinderten Dramatiker. Aber das wäre ein anderes Thema…

Doderer hingegen war ein Epiker durch und durch.

Martha

21. September 2022 21:15

Nach der Lektüre von Franz Graf Zedtwitz "Feldmünster - Roman aus einem Jesuiteninternat" ist das Thema für mich literarisch abgeschlossen.

Laurenz

21. September 2022 22:25

@Links ist, wo der Daumen rechts ist

Stichwort „katholische Literatur“:

Wie wäre es mit einer „Großoffensive“ in Sachen „Renouveau catholique“?

Keine gute Idee. Wieso? Weil man damit den Konservativen keinen populären Gefallen tut. Diese Erde ist verbrannt. Natürlich können Sie in das Feuer des Niedergangs noch Öl gießen. Lesen Sie doch einfach nochmal den EK-Artikel vom 14.09.22

https://sezession.de/66454/deutsche-katholikenelite-am-abgrund

Gracchus

21. September 2022 22:42

@links ...

Was meinen Sie denn mit "Großoffensive" in Sachen "Renoveau catholique"? 

Rohmer kann man dazu zählen, auch Bresson, der ja einiges von Bernanos verfilmt hat, von dem ich trotz Empfehlungen aber noch nichts gelesen habe (warum eigentlich?). 

MoE ist in der Tat komisch; auch lohnt es sich mit Musils tagheller Mystik auseinanderzusetzen; zufällig machte ich damals, als ich Teil 1 las einen Kurztrip nach Klagenfurt; ich besuchte auch Mahlers Komponierhäuschen; Julien Greens Grab. 

Extra für @MD eine gute Einführung zu Julien Green von Arnold Stadler: 

https://www.google.com/amp/s/m.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-das-verlangen-kam-nicht-mehr-die-treppen-hoch-11299406.amp.html

 

Gracchus

21. September 2022 22:58

Jetzt, wo ich selber wieder Stadlers schöne Würdigung gelesen habe, würde ich den Interessierten Julien Green empfehlen. Und zwar Leviathan, Moira und Jeder Mensch in seiner Nacht; letzterer, so Wolfgang Matz, reicht an Dostojewski ran. Matz sinniert in seinem Green-Essay (erschienen in der Reihe Text + Kritik) darüber, wie weit Green erzählerisch ins Mystisch-Religiöse vordringen konnte oder durfte, und kommt zu dem Ergebnis, es gäbe eine Grenze des Darstellbaren, die Green mit Der Andere erreicht hatte. 

Gracchus

21. September 2022 23:13

Wer sucht, der findet. Zum Beispiel in der Lyrik. Ich würde die These vertreten, dass moderne Lyrik (eine bestimmte Form) und mystisches Sprechen konvergieren. Etwas Ähnliches vertreten Luhmann/Fuchs in "Reden und Schweigen". Man denke nur an die unausschöpflichen Four Quartets von T. S. Eliot. 

Les Murray: Poetry And Religion

Religions are poems. They concert
our daylight and dreaming mind, our
emotions, instinct, breath and native gesture

into the only whole thinking: poetry.Nothing’s said till it’s dreamed out in words    and nothing’s true that figures in words only.

...

https://www.lyrikline.org/en/poems/poetry-and-religion-333

RMH

22. September 2022 07:54

Mist, ich war in keinem katholischen Internat - mir haben in der staatlichen Grundschule noch die Lehrerinnen und Lehrer von der alten Lehrerbildungsanstalt (aka Nazis) die Ohren lang gezogen (leider tatsächlich und nicht nur im übertragenen Sinne), danach gings ab in die Fabrik zur Reihenfertigung akademischer Proletarier, beschönigend "Gymnasium" genannt. Das Uni-Abschlusszeugnis wurde per einfacher Post in den Briefkasten geworfen, ohne Abschlussfeier, "Alumni"-und sonstigen US-Abklatsch wie Talare und Pseudo-Doktorhüte in die Luft werfen. Dann hieß es, proletarische Massen, balgt Euch um einen schlechtbezahlten job und sorgt dafür, dass ihr mit euren Steuern dem Staat das seine gebt. Tja, so prosaisch, da kommt bei allen Internatsgeschichten doch der Hanni und Nanni Effekt schnell auf und man wünscht sich in so eine vom Abenteuer geprägte Schule zurück (im Original war "St. Clare" aber ein - Schock! - anglikanisches Internat). Wie viel schöner wird es doch gleich, wenn der oder diejenige, der/die einem die Ohren lang gezogen hat, Habit an hatte - da wird man dann als Erwachsener evtl. auch zu einem "runden Tisch" gebeten und bekommt dreieurofuffzich Ablassgeld zugesteckt. Hart verdient.

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