Thor v. Waldstein: Der Zauber des Eigenen

Mit Thor v. Waldstein hat sich eine der wichtigen Federn der deutschen Rechten einem verminten Schlüsselthema angenommen: dem Volksbegriff.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Die Vor­stel­lung eth­no­kul­tu­rell rück­ge­bun­de­ner Völ­ker als orga­nisch gewach­se­ner Gemein­schaf­ten, wel­che die eigent­li­chen Sub­jek­te der mensch­li­chen Geschich­te dar­stel­len, ist jenes Fun­da­ment, das zu dekon­stru­ie­ren und zu über­win­den sich nicht schickt; es ist sowohl Aus­gangs­punkt als auch Mini­mal­kon­sens einer authen­ti­schen Rechten.

Zugleich ist die­ser Volks­be­griff jene Kluft, die das volks­ver­bun­de­ne Lager von allen ande­ren poli­ti­schen Strö­mun­gen in der BRD trennt. Gewiß kann es Annä­he­run­gen und sogar offe­ne Über­ein­stim­mun­gen mit kon­kur­rie­ren­den welt­an­schau­li­chen Zusam­men­hän­gen geben und dadurch zu tem­po­rä­ren Block­bil­dun­gen kom­men; fehlt indes ein posi­ti­ves Grund­ver­ständ­nis vom Volk als erhal­tens­wer­ter Enti­tät, das weit bedeu­ten­der ist als öko­no­mis­ti­sche Kenn­zah­len und ande­re mate­ria­lis­ti­sche Para­me­ter, ist eine tat­säch­li­che – par­ti­el­les und situa­ti­ons­kon­kre­tes Zusam­men­ge­hen über­schrei­ten­de – Koope­ra­ti­on undenkbar.

Das erschwert die Lage ins­be­son­de­re des­halb, weil sich die Vor­stel­lung von Völ­kern durch libe­ra­le Denk­wel­ten – in West­eu­ro­pa im all­ge­mei­nen und in Deutsch­land im beson­de­ren – geäch­tet und bis­wei­len offen kri­mi­na­li­siert sieht. Um die­se gewal­ti­ge Hür­de für rech­tes Enga­ge­ment zu umge­hen, blei­ben zwei Haupt­we­ge: Auf­ga­be des eth­no­kul­tu­rell grun­dier­ten Volks­be­griffs, und dies betrei­ben ins­be­son­de­re soge­nann­te gemä­ßig­te Kräf­te, oder eine »deut­sche Renais­sance aus euro­päi­schem Geist«, und dies ist v. Wald­steins Fernziel.

Sein neu­es Buch, Der Zau­ber des Eige­nen, kann hier­für einen von vie­len Bau­stei­nen dar­stel­len. Der Autor leis­tet dabei Her­aus­ra­gen­des und Unver­zicht­ba­res zugleich, denn auch dem The­ma prin­zi­pi­ell auf­ge­schlos­se­nen Rech­ten fehlt bis­wei­len der Wis­sens- und Kennt­nis­schatz zur Gene­se des eige­nen Volks­be­griffs sowie zur Ent­ste­hung der eige­nen Vor­stel­lungs­wel­ten von Natio­nen als den poli­ti­schen Rah­men­struk­tu­ren der Völ­ker. Thor v. Wald­steins Ansatz ist dies­be­züg­lich polit­päd­ago­gisch, ohne beleh­rend zu sein, und his­to­risch-wis­sens­ver­mit­telnd, ohne mit dem tri­um­pha­lis­ti­schen Ges­tus eines Uni­ver­sal­ge­lehr­ten den Leser zu verunsichern.

Mit­te des 18. Jahr­hun­derts beginnt mit Johann Gott­fried Her­der, Fried­rich Schil­ler, Ernst Moritz Arndt, Fried­rich Lud­wig Jahn und wei­te­ren por­trä­tier­ten Köp­fen deut­scher Geis­tes­ge­schich­te die ers­te »Blü­te­zeit« des Volks­ge­dan­kens. Auf die­se her­aus­ra­gen­den Gelehr­ten und Dich­ter des Idea­lis­mus folg­ten im »Inter­re­gnum« der Kai­ser­reich­zeit 1871 bis 1918 unter­schied­li­che Akteu­re wie Paul de Lagar­de, Juli­us Lang­behn, Wer­ner Som­bart und Max ­Weber, fer­ner, in einer »zwei­ten Blü­te­zeit« des Volks­be­griffs von 1918 bis 1932, die Köp­fe der »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on« um Oswald Speng­ler, Carl Schmitt und Hans Frey­er, von dem v. Wald­stein das »Struk­tur­ge­setz der Gemein­schaft« über­neh­men kann.

Unter eben­je­nem ver­stand der Leip­zi­ger Sozio­lo­ge die For­mel, wonach ein jedes Volk »als ein eig­nes Wesen im eig­nen Schick­sals­rau­me lebt, sich bestän­dig erneu­ert, aber sich als die­sel­be [Gemein­schaft] erhält«. Die­ses Urprin­zip der Rech­ten des 19. und 20. Jahr­hun­derts kann als Keim­zel­le jenes Kon­zepts ver­stan­den wer­den, das im 21. Jahr­hun­dert als »Ethno­pluralismus« eben­so leiden­schaftliche Anhän­ger wie Anklä­ger fin­det und dabei das Pri­mat des Volks­er­halts akzen­tu­iert, ohne Völ­ker als star­re, unver­än­der­li­che Gemein­schaf­ten miß­zu­ver­ste­hen (weil sich ein Volk »bestän­dig erneuert«).

Ein wenig (zu) kurz fällt v. Wald­steins Beschäf­ti­gung mit dem Volks­be­griff der Jah­re 1933 bis 1945 aus. Das mag dar­an lie­gen, daß der Autor die bio­lo­gis­tisch-mate­ria­lis­ti­sche Volks­kon­zep­ti­on des hit­le­ris­ti­schen Mehr­heits­flü­gels der Natio­nal­so­zia­lis­ten im Kern als »undeutsch« wahr­nimmt und ins­be­son­de­re fran­zö­si­sche sowie eng­li­sche Rasse­vorstellungen sozi­al­dar­wi­nis­ti­scher Köp­fe am Wir­ken sah, wes­halb der Ter­mi­nus »Volk« für die Zeit des Hit­ler­wir­kens »ras­s­e­theo­re­tisch ent­kernt« wor­den sei und sei­nen ers­ten »Ver­fall« erlebt habe.

Sei­nen zwei­ten, anhal­ten­den, erleb­te die­ser dann ab 1945, wobei v. Wald­stein die DDR-spe­zi­fi­sche von der BRD-spe­zi­fi­schen Volks­aver­si­on schei­det. Ohne die Ent­wick­lung im neu­en Ost­deutsch­land der Nach­kriegs­jah­re zu ver­herr­li­chen oder die SED-Herr­schaft zu affir­mie­ren, wird bei die­ser kon­zi­sen Gegen­über­stel­lung für den Leser deut­lich, wes­halb die poli­ti­sche Rech­te seit 1990 im Osten bes­se­re Arbeits­vor­aus­set­zun­gen im Hin­blick auf Volk und volks­be­zo­ge­ne Poli­tik fin­den kann als im wohl­stands­ver­wahr­los­ten und weit­ge­hend seins­ver­ges­se­nen Wes­ten: In der DDR, vor allem ab Erich Hon­eckers Macht­über­nah­me 1971 bis zu ihrem Unter­gang, erschien das Volk als pro­pa­gan­dis­ti­sche »Leer­for­mel«, das in sei­nen Bestän­den aber unan­ge­tas­tet blieb; in der BRD hin­ge­gen wird die »ver­blie­be­ne Volks­sub­stanz libe­ral­indi­vi­dua­lis­tisch und mul­ti­kul­tu­rell aufgelöst«.

Auch Thor v. Wald­stein hat für Gegen­maß­nah­men kei­ne poli­ti­schen Hand­lungs­an­lei­tun­gen parat. Aber das Ansin­nen der Arbeit ist es zual­ler­erst, dem eige­nen Milieu die Lust am Volk anhand der deut­schen Geis­tes­ge­schich­te zu ver­mit­teln. Da dies vor­treff­lich gelingt, ist das biblio­phil gestal­te­te Buch Der Zau­ber des ­Eige­nen fort­an als Stan­dard­werk und »Pflicht­lek­tü­re« anzusehen.

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Thor v. Wald­stein: Der Zau­ber des Eige­nen. Volk und Nati­on in der deut­schen Geis­tes­ge­schich­te, Lüding­hau­sen / Neuruppin:
Landt­ver­lag 2021. 366 S., 36 €

 

Die­ses Buch kön­nen Sie auf antaios.de bestellen.

 

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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